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Prosaskizzen

Peter Altenberg: Prosaskizzen - Kapitel 154
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authorPeter Altenberg
titleProsaskizzen
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Ronacher, Variétébesprechung

(in "Bilderbögen des kleinen Lebens", Berlin 1909)

Das Programm enthält einige Nummern allerersten Ranges, die jede für sich schon den Besuch der Vorstellung reichlichst lohnen würde. So die komischen Akrobaten Pichel und Scali, mit einem Soloringkampf von allerherrlichster Beobachtungskraft, und Persiflage feinster Art. Ferner die komische Gymnastikakt des Willuhn-Trios und die absolut unübertrefflichen Spissel Brothers and Mack, amerikanische Exzentriks. Von solchen nüchtern-trockenen, stets reserviert komischen, ungeheuer taktvollen und psychologisch feinfühligsten amerikanischen Exzentriks könnten nicht nur Schauspieler, sondern auch alle Künstler überhaupt und eigentlich sogar alle Menschen riesig viel lernen für ihr eigenes Leben. Nämlich »von selbst« zu wirken, aus innerer Kraft und selbstverständlicher Begabung, nicht mit diesem schrecklich angestrengten und traurig machenden »energischen Willen«. Der Wille sei doch eine fast von selbst befreiende Aktion eines Organismus, in bezug auf seine strotzenden, kaum mehr zu bändigenden Lebensenergien; wie wenn eine Frau nach neun Monaten endlich a tout prix ihrem zärtlichst ausgetragenen Kindchen endlich das lebendige Leben zu verschaffen sich unbedingt genötigt sähe! So sei ein jeder Künstler. Er gehe schwanger mit kaum mehr zu bändigenden innerlichen Kräften, und dann endlich erlöse er sich von seinem lebendigsten Überschusse. Aber diese vielen vielen anderen, die immer nur, bleich und verdrießlich, wollen und wollen, aber deren »Erlösungen« in Kunstdarbietung wir nicht »freudig« mitmachen können, weil sie eben auch nicht freudig, das heißt nicht aus überschüssigen Lebensenergien heraus, den Spender selbst vor allem erlösend, geboten wurden! Jeder erhält im Leben nur das zurück als Liebesgabe, was er opferfreudig-naturgemäß gespendet hat. So ist die Weltordnung. Man unterschätze ja nicht den amerikanischen Knockabout auf der Variétébühne. Er leistet freudig und fast spielend das Äußerste. Deshalb gewinnt man ihn lieb und wird selbst freudig erregt. Weshalb rührt, erfrischt, belebt uns die Natur so tief?!? Weil sie einfach alle ihre Erzeugnisse wirklich vollendet leistet. Jeder Baum, jede Blume sind ein natürliches Akrobatenkunststück! Da wirken alle Kräfte von selbst mit, da ist der lähmende schlechtrassige »Wille« ausgeschaltet! Man kann zum Beispiel als Knockabout nicht wie ein »Schimpanse« wirken wollen; man muß es sein können, so daß man wirklich in Borneo in Lianenwäldern sich fast heimisch fühlte. Man darf nicht sagen: Ich will auf der Bühne einen »Schimpansen« kopieren; man muß bereits tausend heimliche Beziehungen zu diesem edlen, sanftmütigen Menschentiere besitzen. Das alles bei Gelegenheit der Darbietungen von Spissel Brothers and Mack, amerikanische Exzentriks im Etablissement Ronacher. Wiedererstandenes Griechentum an Kraft und Anmut stellt der Wunderathlet Paul Conchas dar. Dabei hat er einen komischen Partner, den man einfach direkt liebgewinnt, einen Partner voll Freundschaft und liebenswürdigster Gutmütigkeit und von zartestem Humor. Ausgezeichnet, verblüffend ist Clement de Lion, Billardballmanipulator. Anne Dancrey hat eine sympathische Stimme und sehr schöne Armbewegungen. Überhaupt eine noble, echt französische Erscheinung, ihre Walzer und ihre Art zu tanzen. Die Franzosen bleiben ewig ein »historisches Volk«. Sogar ihre Variététänzerinnen haben nur »Tradition« aus vergangenen heldenhaften Zeiten, nie einen Ansatz zu vollkommen neuer Entwicklung. Ihr »Jupon« ist der Comble ihrer menschlichen Grazie. Sie haben eine »geniale Historie«, sie haben es nicht nötig, sich zu entwickeln, mit allem mitzugehen, was noch nicht erprobt ist auf seine absolute Solidität! So etwas können unaristokratische Organisationen wagen, die nichts zu verlieren, nur zu gewinnen haben, im Trubel der Welt! Aber der Franzose hat seine »heilige Geschichte« hinter sich; für sich; er läßt sich nicht ein auf Neuerungen, die noch nicht von opfermütigen Helden beglaubigt, signiert sind! Die Französin verläßt sich noch immer gläubig auf die Wirkung ihrer Jupons! Nun zum Schlusse muß ich noch die wunderbare Kinematograph-Aufnahme erwähnen des Einzuges des Königs von England in Berlin. Ein Schaustück sondergleichen. Wie der Hochzeitstag im »Lohengrin« oder der Aufzug der Gäste im »Tannhäuser«. Eine kolossale »Regie«-Leistung des Lebens selbst auf der Weltenbühne. Man macht das große Pathos mit, das die Menschheit braucht; Begeisterung ist das »Ozon« der Seele. Es ist wie amerikanische Kriegsmärsche; man bekommt plötzlich den Mut und den Willen, für irgendeine Sache in den Tod zu wollen!

 


 

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