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Prosaskizzen

Peter Altenberg: Prosaskizzen - Kapitel 145
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authorPeter Altenberg
titleProsaskizzen
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Quartett-Soireé

(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)

Der Saal ist viereckig, schneeweiß, überhaupt wie eine riesige Pappendeckelschachtel. Die durchscheinenden Kugeln aus dickem welligem Glas machen aus dem Bogenlicht im Inneren goldgrüne und weißgrüne Flecken, die wie glänzendes Wasser schimmern oder Öl, wie Milch im Mondschein.

Rechts neben ihm saß sein goldblondes Schwesterchen, in Samt maron pürée und einer Bluse aus gleichfarbiger Seide. Sie hatte zu Hause gebadet, sich getummelt, häusliche Unannehmlichkeiten gehabt, suchte nun etwas, das entlastete, entfernte, blickte in die riesige Pappendeckelschachtel mit den goldgrünen glänzenden Flecken – – –.

»Man bleibt also der, der man ist, überall – –?!« fühlte sie.

Die Instrumente sagten: »Husch aus dem Bade –!« »Marie, bitte, o Marie.« »Aber Fräulein, machen die Brause zu – –. Wie schön Fräulein sind – –.« »Wo ist mein Seidentuch?! Bitte um Geld für die Garderobe – –.« »So geh schon – –.« »Gibt es einen Frühling Was ist eigentlich Musik – –?!«

Links neben ihm saßen zwei Schwestern, junge Frauen, Bekannte. Die eine hatte eine Pongis-Bluse mit Rubinschmuck und schwarze Augen, Augen wie Mitternacht. Diese Augen sagten: »Ich will brennen! Macht ein Feuer an! Ich will brennen – – –!«

Die andere dachte: »Das Leben hat schöne Einzelheiten wie das Quartett. Aber was ist es?! Man zählt und zählt – – –. Anita ist müde, Zählen macht müde, nicht?! Und wenn ich Zehntausend habe?! Dann lege ich es in ein goldenes Kästchen und werfe das Schlüsselchen ins Meer – – –.«

Die Violinen sangen.

Sie träumte: »Helgoland – – – o meine Sommertage – – – ins Meer – – –.«

Das Fräulein in maron pürée dachte: »Die vier Herren da oben sind schwarz und zusammengeduckt, sie müssen sehr unbequem sitzen, und die Fräcke verdrücken sich. Es ist Kammermusik, der edelste Kunstgenuß, ja wirklich. Die Oper hat mehr Farben – –.«

»Die Oper hat mehr Farben – – –«, dachte sie jetzt endgültig, und ihre gebadete Haut begann zu dunsten in der Konzert-Luft.

»Habe ich das Eau de Cologne zugestöpselt, habe ich das frische Nachthemd hergerichtet, habe ich Reis herausgegeben – – –?!« dachte sie.

Die Dame sagte zu dem Herren: »Sie müssen Helgoland sehen – –. Ich habe den Tanz getanzt mit den Matrosen – –.«

Es hieß: »Jawohl, ob du es glaubst oder nicht, so eine bin ich – – – manchesmal.«

»Pst...«, sagte man.

Süße Töne füllten die weiße Pappendeckelschachtel wie mit Bonbons.

Da stieg das Cello in ihr Herz – – –.

»Was siehst du mich an, Herr?! Höre lieber zu – – –.«

Pause.

»Helgoland – – – ich tanzte mit Matrosen!«

»Zartes feines Geschöpf – –«, denkt der Herr, »haben sie dich nicht zerdrückt?!«

»Woher bin ich – –?!« fühlt sie plötzlich, »wohin gehe ich?! Ich wohne Ebendorferstraße 17, 1. Stock, Tür 5. Im Vorzimmer ist ein roter Teppich und Spiegelglas. Wie ein kleiner Kerker ist es – –.

Helgoland, ich tanzte mit Matrosen – – –!«

Das Fräulein in maron pürée denkt: »ich habe niemand – – –.«

Andante.

»Wie Schatten – – –«, sagt die junge Frau.

»Du bist affektiert – –«, denkt das Fräulein; »wie Schatten – – –?!«

Die junge Frau wird rot, weil man es gehört hat. Sie senkt den Kopf, horcht auf die »huschenden Schatten« – – –.

Die Violinen machten »ti – ti – tiiiii – – –«, worauf das Cello noch ein bißchen das alte Thema in Erinnerung brachte, aber nur so, husch – – –.

Wie Schatten – – –.

Alle sagten »bravo«. Wie wenn man sagt. »Bravo, ein Kind ist gestorben.«

Eigentlich hätte man schluchzen hören sollen.

Die junge Frau zieht an ihrem Opernguckersäckchen aus Seide, zu, auf, zu, auf, zu – – –.

Das Fräulein denkt: »War es fad oder bloß traurig?!«

In der ersten Reihe sitzt Frau P. Sie bekommt alles im Leben aus erster Hand. Sogar die Jacke ist Modellstück, hellgrüne Seide mit opalisierenden Glasperlen. Sie denkt: »Wie angenehm ist das Leben und so einfach, und wie schön diese Herren spielen! Wird Herr Max zum Souper mitkommen?!«

Die ganze erste Reihe hält sich für König Ludwig, dem man extra vorspielt. Wirklich, die Töne fahren sonst in der Pappendeckelschachtel herum wie feine Schmetterlinge, zerstoßen sich an den goldgrünen Flecken der Lampen – – –. Aber in der ersten Reihe schweben sie über den Cercle-Sitzen wie über Blumen.

Der Musikkritiker sitzt ganz rückwärts. Er hat das Ohr mit seinen Labyrinthen. Ein Ariadnefaden führt zum Welt-Geist!

Alle sagen: »Bravo – – –.«

Er fühlt: »Ein Kind ist gestorben – – –.«

»Sie müssen Helgoland sehen – – –«, sagt die junge Frau zu dem Herren, »das wünsche ich Ihnen – –.«

»Sie sind wie eine Meermuschel«, sagt er, »in der das Meer noch singt, wenn längst – – –.«

Da begann ein neues Musikstück.

Das Klavier sagte: »wenn längst, wenn längst – – –«, und tanzte einen Matrosentanz. Das Cello griff ins Herz hinein, eigentlich drückte es das Herz zusammen und ließ es wieder los. Da wurde es weit, oder es schien so – – –.

»Es ist ein Meerbad – –«, fühlte die Dame, »kurz, wie Helgoland und wie der Sommer und wie eine Herde gelber Schafe, die durch ein sonniges Dorf getrieben wird, und wie der Duft von Kartoffelfeldern am Abend, wie Hühner-Bouillon, wenn man krank war, wie ›bittersüß‹ und wie ›da bist du endlich‹ – – –.«

Das Fräulein träumte: »Habe ich jemand – –?!«

Der Herr blickt die Helgoländerin an: »Bitte, numeriere diesen Blick nicht – –.«

»Nein – –«, antwortete sie sanft mit ihren Augen, »ich lege ein eigenes Konto an – – –.«

»Und wirf das Schlüsselchen nicht ins Meer – –!«

»Und werfe das Schlüsselchen nicht ins Meer – –.«

Klavier, Violino primo, Violino secondo, Cello, Viola, sangen: »Wirf es ins Meer, ins Meer, ins Meer – – –.«

Aber es war nur das Klavierquintett von G., zweiter Satz, Andante.

Das Fräulein in maron pürée dachte: »Diese Stelle klingt wirklich wie: ›Ich habe niemand, niemand, niemand‹ – – –!«

 


 

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