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Prosaskizzen

Peter Altenberg: Prosaskizzen - Kapitel 134
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typesketch
authorPeter Altenberg
titleProsaskizzen
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Ostermontag auf dem Semmering

(in "Semmering 1912", Berlin 1913)

Die Lärchenbäume haben sich jedenfalls noch nicht verändert. Sie sind gelb-grau geblieben wie im Winter. Sie lassen keine Hoffnung zu. Bis alles geschehen sein wird, der geordnete sichere Frühling, dann erst werden sie ernstlich »ergrünen«. Sie sind »voraussichtige Genies« unter den Gewächsen, so Bismarcks, Moltkes der Pflanzenwelt. Andere sind allzu hoffnungsvoll, stecken den Kopf heraus, glauben, es wird sich schon machen, zum Teufel!, und, hast du nicht gesehen, sie verwelken! Aber die Lärchenbäume sagen: »Wenn wir einmal anfangen, grün zu werden, dann, dann gibt es kein Zurück mehr, verstanden?! Und dann bis in den Spätherbst hinein, hurra!« Der rote Vogelbeerbaum macht etwas Ähnliches, erhält sich sogar mit weißen Schneehütchen seine grellroten Vogelbeeren, die letzte Nahrungsstätte der gedrungenen farbigen Gimpel!

Ostermontag. Ein Arbeiter spielt auf der Harmonika, und eine Frau ruft: »Zum Essen!« Irgend etwas Besonderes gibt es heute, etwas, was die »gewöhnlichen Ausgaben« übersteigt! Romantik des Feiertagsessens! So hatten wir in unserer Kindheit Sonntags stets »Juliennesuppe«, Poulard mit Erdäpfelsalat, und Karamelpudding mit Himbeersaft. Der Himbeersaft war nie gewässert, verdünnt, wie stets in anderen Bürgerhäusern; denn meine Mama hatte die Absicht, eine jede Hausfrau zu demütigen, zu blamieren, indem sie erklärte, in ihrem Hause werde der Himbeersaft, direkt aus der Originalflasche, unverdünnt serviert! Viele Damen hielten sie infolgedessen für verschwenderisch, ja sogar in gewisser Hinsicht für exzentrisch. Andere aber bewunderten sie als eine Art von zwar unverständlichem, aber dennoch höherem Wesen; Himbeersaft direkt aus der Originalflasche!?

Vor meinem Fenster ist ein Reh in einem Holzverschlage. Es ist so ein Plakat für »Wildreichtum der umliegenden Waldungen«! Es schnuppert wie eine Ziege, es denkt: »Die Freiheit habe ich eingebüßt, da will ich wenigstens kulinarisch genießen!«

Im »Kino« schießt ein kleiner Knabe alles aus einer von einem Onkel geschenkten Büchse zusammen. Zuletzt schießt er den schweren Lüster vom Plafond herunter. Da sagte ein dreijähriges Mäderl neben mir: »Ist der Lüster jetzt gestorben?!« »Nein,« erwiderte ich, »er hat sich nur ein bißchen weh getan!«

Es ist Ostermontag. Ein jeder glaubt es zu spüren direkt, weil er es nach dem Kalender weiß! Morgen, 9. April, ist ihr zwölfjähriger Geburtstag. Aber ich darf ihr nicht gratulieren; erstens, weil die Herren Eltern es nicht erlauben, zweitens, weil ich weder ihren Namen noch ihre Adresse weiß! Aber ich habe sie gehen gesehen, das genügt für meinen Turmfalkenblick! Ich würde ihr schreiben: »Dante Alighieris Beatrice, 1912«! Aber wozu?! Bin ich Dante?! Nach 500 Jahren soll man sie mit mir in Beziehung bringen! Siehe, meine Seele hat Zeit, über ihren eigenen Tod hinaus zu warten! –

 


 

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