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Prosaskizzen

Peter Altenberg: Prosaskizzen - Kapitel 129
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authorPeter Altenberg
titleProsaskizzen
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Die Post-Novize

(in "Was der Tag mit zuträgt", Berlin 1906)

Es ist ein etwas frostiger Beruf – –« sagte die alte Postbeamtin zu der blutjungen Novize und zeigte ihr, wie man die Gummirolle, System »L. u. C. Hardtmuth«, behandeln müsse. »Nein, romantisch ist es nicht bei uns, Gott sei Dank. Weit entfernt von Waldesdüften – –.«

Und alle lachten oder lächelten wenigstens und markierten es ziemlich.

»Wenn man denkt«, sagte die blutjunge Novize, »daß man in früheren Jahren alle diese Rekommandier-Coupons selbst feucht machen mußte!? Gibt es denn überhaupt soviel Speichel?!«

Das ganze Bureau lachte. Jawohl, eine Zeit des Fortschrittes!

»Nun«, dachte die Novize, »ein frostiger Beruf! Alle sind so liebenswürdig mit mir. Wie wenn ich ein Rekonvalescentin wäre. Niemand möchte mich verletzen. Aber bin ich denn aus Zucker?! Hier sind alle so fein mit mir. Wie wenn man sagte: »Auch du mußt in das Joch?!« Wie wenn ich sie alle betröge, komme ich mir vor. Dieses andere Leben aus Langweile und Liebeleien!? Nein, ich weiß nun, wofür ich wenigstens vorhanden bin. Eine geordnete geregelte Lebensweise! Keine ungesunden Träume mehr. Romantisch, war es bei der Frau Tante vielleicht romantisch?! Freilich der Herr Onkel. Nein, da ziehe ich den »Ernst des Lebens« vor. Ich danke.«

Stunden und Stunden und Stunden lang schrieb sie wie im Galopp Rezepisse, gummierte gelbe Streifen, stempelte, tum tum tum tum-pum! Bankverein: an – in Triest, an – in Konstantinopel, an – in Belgrad, an – in, an – in, an – in, tum tum tum tum-pum! Um 5 Uhr kam ein Brief an sie vom Herrn Onkel. Sie wurde ganz rot und zerriß ihn gleich. Eine Unverschämtheit!

Sie galoppierte weiter über die Rezepisse, hop hop hop hop höööh – – aufhalten: »Liebes Fräulein, sehen Sie, wenn Sie sich es so einrichten, geht es viel bequemer.« »Danke sehr.«

Viele Rezepisseempfänger versuchten es, ihre Fingerspitzen zu berühren. Manche berührten wie streichelnd ihre feine weiße Hand. Nur die Bankdiener blieben steinern. Protzen!

Endlich wurde sie müde, ging in einen leichten Trab über, begann ihre Unterschrift zu kalligraphieren.

Um sieben abends, vor Schluß, gab ein Herr in einem weiten Mantel einen Brief ab zum rekommandieren.

«Oh – –« sagte die Blutjunge, »Sie haben viel zu viele Marken aufgeklebt. Westafrika befindet sich noch im Weltpostverbande.«

Ganz rosig wurde sie über dieses prachtvolle Wort »Weltpostverband«. Wie wenn sie in gewisser Beziehung ein Angehöriger wäre dieser Weltenfamilie.

»Das macht nichts«, erwiderte der Herr, »desto sicherer kommt der Brief an.«

»Unpraktischer – –« dachte die Novize.

»Wie heißt die Dame?!« sagte sie, da sie das Rezepisse ausfertigen wollte.

»Miss Nâh-Badûh.«

»In zwei Worten geschrieben?!«

»Natürlich.«

»Eine Negerin wahrscheinlich?!«

»Ja, Fräulein.«

»Und in Westafrika, Christiansborg?!«

»Ja.«

Sie gab das Rezepisse mit ihrer kalligraphischen Unterschrift.

Der Herr blickte sie an, blickte auf ihre feinen weißen Hände herab, und ging. Sie fühlte: »Ein frostiger Beruf?! Keineswegs. Wie ein Ritt ins romantische Land – – –.«

Aber die alte Postbeamtin sagte: »Was brauchen Sie so einen gottverfluchten Narren aufmerksam zu machen, daß er zuviel Marken geklebt hat?! Wenn der Staat an solchen nichts verdiente?! Wozu nützen sie ihm sonst?!«

 


 

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