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Prosaskizzen

Peter Altenberg: Prosaskizzen - Kapitel 128
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authorPeter Altenberg
titleProsaskizzen
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Die Natur

(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)

Er trug auf dem Spaziergang ihre Jacke. Diese war außen hellbraun, innen aus lila Seide. Der Duft der Seide berauschte ihn, wiegte ihn ein – – –.

Er atmete diesen Duft ein, der von ihrem süßen warmen ambrafarbigen Leib in die weiche Seide geflossen war, extrait fleure d'Anita – – –.

»Warum haben Sie die Jacke getragen?!« fragte Frau v. E., »macht Ihnen das Vergnügen?! Wozu – –?!«

»Aus Höflichkeit – –«, sagte er, »es ist eine Jacke wie eine andere, man muß das tun – – –.«

Bei dem kleinen Gasthofe am See-Ufer, auf der Wiese mit den Birnbäumen war eine Schaukel.

»Schaukeln Sie mich – – –«, sagte das Fräulein.

Wenn sie an ihn heranschwebte, hatte er die Empfindung einer ungeheuren Nähe, manchmal berührte er ihr Kleid, einmal sogar – – –.

»Warum haben Sie das Fräulein geschaukelt – –?!« fragte Frau v. E., »es ist kindisch, so etwas gibt es in den Bilderbüchern, ich habe es von Erwachsenen nie gesehen – – –.«

Er schwieg.

»Er ist ein Gymnasiast – –«, dachte Frau E.

Als er oben am Hügel mit dem jungen Mädchen auf dem kurzen warmen trockenen Grase lag, in der Abendsonne, berührte er leise ihre Hand. Der Wind wehte lau. Ein Vogel machte »hi hi hi hi hia – – –.« Dann versank die Sonne. Der Wind wehte kalt.

»Wie war es – – –?!« fragte Frau E. den Herrn.

»O schön – – –. Erst ist es warm und trocken, dann sinkt das Thermometer, die Abendsonne funkelt herüber, der See hat kupferrote und flaschengrüne Streifen, plötzlich wird er bleigrau, das Thermometer sinkt und die Wiesen beginnen zu duften und feucht zu werden – – –.«

»Poet – – –«, sagte Frau E.

Am nächsten Abende ruderte Frau E. allein in einem kleinen Boote – – –.

Sie fuhr langsam das Ufer entlang – – –.

Da kam die dunkelgrüne dicke Linie der Kastanienbäume an den grauen zyklopischen Kaimauern, dann eine kleine hölzerne Villa, in der ein sterbender Dichter lag, dann eine große aus Stein mit schmiedeeisernen Kandelabern, in der eine sterbende Ehe lag und zwei blühende Kinder, dann kam der Garten der Herzogin, die einen Sohn verloren hatte, den sie nie besessen hatte. Da hingen schwarze Haselstauden ins Wasser. Dann kamen Wiesen mit feinen Sumpfgräsern und goldenem Löwenzahn, dann kam Schilf mit hellbraunen Federbüschen, das raschelte. Der Märchendichter würde sagen: »Und es raunte sich Geschichten zu, Geschichten – – –!«

Dann kamen Wiesen, die ganz still dalagen – – –.

Frau v. E. saß, ein bißchen gebückt, in ihrem kleinen Boote und genoß den Abendfrieden – – –.

 


 

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