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Prosaskizzen

Peter Altenberg: Prosaskizzen - Kapitel 125
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typesketch
authorPeter Altenberg
titleProsaskizzen
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Nach dem Balle

(in "Bilderbögen des kleinen Lebens", Berlin 1909)

(Eine Mama an dem Bette ihres vom ersten Balle ermüdet eingeschlafenen Töchterchens. Die Balltoilette liegt herum ungeordnet.)

»Ihr erster Ball. Auch ich hatte einst einen solchen. Damals liebte ich fanatisch meine französische Gouvernante, Mademoiselle Riclée, meinen Kanarienvogel (Tappage), und den ernsten Hofmeister meiner Herren Brüder, namens Königshofer. Ich lebte in einer Traumwelt. Es war einfach im Leben die Fortsetzung der Lektüre meiner Kinderbücher. Aber als ich auf meinen ersten Ball kam, brach das ernste poesielose Leben über mich herein und begrub mich unter seiner realen Last. Momentan. Mein Ballkleid bereits machte mich eitel, und ich begann zum ersten Male zu glauben, daß ich liebenswert sei. Bis dahin hatte ich es geglaubt, daß ich zum »Lieben« geschaffen sei; nun aber kam ich sogleich zu der falschen und irrtümlichen Auffassung, daß ich zum »Geliebtwerden« geeignet sei! Damit begann eigentlich alles Unglück. Wir können es nicht erklären, aber es ist so! So lange wir den Wald und seine Bäume lieben, ist alles in Ordnung. Sobald wir aber erwarten, daß er und seine Bäume uns liebhaben, wird alles traurig und gefälscht. Denn er hat uns jedesfalls nie so annähernd lieb als wir ihn! Auf meinem ersten Balle entstanden Eifersucht, Neid und Sinnlichkeit. Es lag das Gift in der Luft. Man atmete es ein wie ein Betäubungsmittel, um nicht mehr wahrhaftig und träumerisch zu bleiben wie bisher!

Ein junger Herr drückte mich beim Tanzen an sich; ein anderer gab mir alle seine Kotillonbouquets; einer nippte aus meinem Glase, aus dem ich getrunken hatte; einer blickte mich an in zehrender Melancholie; einer preßte meine Hand rasch und flüchtig; einer brachte mir Limonade; einer sagte nichts und tat gar nichts, sondern stand die ganze Nacht in meiner Nähe; einer stellte sich übertrieben lustig; und einer half mir in die Schneeschuhe hinein wie ein demütiger Sklave. Diese eine Nacht hat mich ruiniert und aufgeklärt. Ich hielt mich für wertvoll! Ich geriet in den Schwindel und in die Verlogenheit der Welt! Ich verlor meine edle Kindheit auf Nimmerwiedersehen, in dieser einen ersten Ballnacht!« (Lange Pause.) – – –

«Geliebtestes Geschöpf, mein vergöttertes Töchterchen, wenn ich dich jetzt, nach deinem ersten Balle erwürgte, leistete ich dir vielleicht den allerbesten Dienst!«

(Sie richtet sich auf, beugt sich über die Schlafende.)

(Das Mädchen erwacht, richtet sich auf dem Kopfpolster auf, sagt schlaftrunken): »Herr Baron, wenn Sie so mit mir tanzen, verliere ich ja die Besinnung, und das darf ich doch nicht; haben Sie Erbarmen.« – – –

Die Mutter steht entsetzt da – – –.

Dann setzt sie sich in einen Fauteuil, verbirgt den Kopf in die Hände, weint bitterlich – – –.

Der Vorhang fällt.

 


 

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