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Prosaskizzen

Peter Altenberg: Prosaskizzen - Kapitel 121
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typesketch
authorPeter Altenberg
titleProsaskizzen
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Moulin Rouge, »Venedig in Wien«

(in "Fechsung", Berlin 1915)

Lieber Baron!

Ich verdanke Ihnen eine reizende friedvolle »Drahnacht« mit zwei ausgezeichneten vornehmen, überaus menschlich feinen Amerikanerinnen, Tänzerinnen. Sie haben mir in selbstlosester Art die ganze »Regie des Abends« überlassen, und ich hoffe, daß es Sie nicht mehr gekostet hat, als das Vergnügen Ihnen wert war. Besonders die Fahrt des Morgens in den Donauauen war märchenhaft! Die Damen waren unbedingt zufrieden in unserer Gesellschaft, und nirgends befand sich ein »trüber Beigeschmack«, der doch überall leicht durch ein »Nichts von einem Nichts« sonst entstehen könnte!? Es gibt so viele Taktlosigkeiten, unbewußte, zwischen fremden Charakteren! Niemand ahnt es eigentlich, wie häufig er verletzt!

Ich habe in dieser schönen Nacht das Wort geprägt: »Die ›Regie der Liebe‹ ist wichtiger als die Liebe selbst!« Freilich kostete es Ihr Geld und nicht das meine! Da kann ich leicht Aphorismen von mir geben – – –. Es gibt keine »Sympathien« auf der »Bühne des Lebens«, wenn man sie nicht als »geschicktester Regisseur seines eigenen Herzens« richtig, künstlerisch, taktvoll in Szene setzt!!! Eine jede Frau erwartet »geschickteste Mise en scène!« Wer seinem eigenen Empfinden allein folgt, vergißt, daß der andere dadurch vielleicht nur in große Verlegenheit, in eigentümliche Mißstimmung gebracht wird – – –. Selbst eine »dargebrachte Rose« will ihre »zarteste Regie« haben, um zu wirken! Die Art, der Moment der Übergabe, hundert Dinge sind dabei zu berücksichtigen! Ein »Regisseur seiner selbst« sein ist alles! Eine »dargebrachte Rose« kann das echteste Zeugnis eines tief impressionierten Herzens sein! Aber, schlecht und ungeschickt gemanaged, wird sie zu einer banalen, billigen und konventionellen Liebenswürdigkeit! Diese Abend, diese Nacht also, dieser Morgen in den Donauauen, mit der blutroten Sonne, der breiten stillen Donau, dem Morgendunst über den gelben Grasbüscheln, den rosenroten Gesträuchen, den grauen, gelben, roten, braunen Kieselfeldern von abgerundeten, gleichsam von ewigem Wasser abgeschliffenen Kieseln – – – alles das war wundervoll! Nur das eine störte, daß im Laufe der so schönen friedvollen Stunden ich mich immer intensiver für Ihre Dame, Sie sich immer intensiver für meine Dame zu interessieren begannen – – –. Als wir jedoch beide Damen bei ihrer Wohnung abgesetzt hatten und nun allein der Stadt zufuhren, fühlten wir es: Wäre deine Dame meine Dame und meine Dame deine Dame gewesen, so würden dieselben Empfindungen sich entwickelt haben! Also war die Regie ja doch vorzüglich, denn immer fliegt einer auf die Dame des anderen! Sonst wär's ja gar zu fad!

 


 

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