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Prosaskizzen

Peter Altenberg: Prosaskizzen - Kapitel 108
Quellenangabe
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authorPeter Altenberg
titleProsaskizzen
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La Zarina

(in "Was der Tag mir zuträgt", 2. Aufl. Berlin 1902)

A. L. und P. A. sahen sie zum ersten Male in dem Auslagekasten für Photographien am Kohlmarkt. Sie starrten schweigend das Vollkommene an, begannen sogleich alle Frauen zu hassen, die bisher in ihren Lebensweg getreten waren, und verachteten sich selbst, daß sie es hatten so billig geben können. La Zarina!

Ganz befreit von dem bisherigen entsetzlichen Lügedasein schritten sie nun dahin. Sie hatten das Vollkommene erblickt, wußten nun endlich, woran sie waren.

Eines Nachts saßen sie im Café R. und starrten La Zarina an, die mit drei Adeligen Champagner trank und unbeschreiblich liebenswürdig sich gebärdete, direkt edelste Menschenfreundlichkeit überallhin ausstrahlte. Als sie wegging, blieben sie wie berauscht zurück, hinweggetragen über das Alltägliche, also in einer anderen Sphäre!

Dann sahen sie sie nicht mehr wieder und lasen nur in den Zeitungen die Klischees von Reklamenotizen, da sie bei Ronacher Poses plastiques stellte. Sie gingen niemals hin. Sie fühlten: »In Kleidern, Süße, sahen wir dich bereits nackt, Vollkommene! Konzessionierte, zensurierte Nacktheit jedoch von drapfarbiger Seide Gnaden?!? Kleider sind Phantasie der Wahrheit. Doch seidenes Trikot ist Wahrheitsfälschung!«

Dann sah P. A. sie einmal noch weiß in weiß in einer Proszeniumsloge in einem Theater. Dies meldete er seinem Freunde. Dieser war ganz ergriffen und bewegt. Da saßen sie denn, tief bekümmert, beim Souper, erfüllt von Träumen und Begeisterung. Sie gaben infolge aller dieser Ereignisse ihren treuen süßen Freundinnen den Laufpaß, schrieben kurzweg ab, infam, brutal: »Das Unzulängliche mordet uns . . .«, schrieben sie, »adieu . . .!«

Dann kauften sie ein großes Glücksschwein aus grünem Ton mit einer Spalte, warfen ein jeder eine Krone hinein, vorläufig.

Wenn La Zarina einst verarmen sollte und verkommen . . .!

Aber La Zarina verarmte und verkam nicht.

Immer jedoch sammelten die Freunde noch getrost. Drei grüne Glücksschweine aus Ton waren bereits angefüllt mit silbernen Kronenstücken. Es war der heilige Schatz für die sicher einst verlassene, enttäuschte und zerpflückte süße La Zarina. Es waren 70 Kronen vorhanden für Schicksals unberechenbare Wege!

Aber La Zarina erhielt einen Millionär, wurde nicht zerpflückt, stieg höher, höher, wurde sogar geheiratet.

Da feierten denn endlich eines Nachts die beiden Freunde ganz in der Stille ein Fest zu Ehren der Dame, die ihrer niemals bedurft hatte. Den ganzen silbernen Inhalt der drei Glücksschweine vertranken sie in Veuve Clicquot. Bei jeder Flasche sagten sie nur sanft und leise: »La Zarina!« und erhoben sich von ihren Sitzen.

Schließlich waren sie ganz betrunken und hielten es für einen ganz passenden Abschluß dieses Liebesabenteuers, ja sogar in jeder Beziehung für den passendsten. Zum Schlusse schrieben sie natürlich eine Ansichtskarte an La Zarina, mit einem Texte, den sie bereits für die Chantant-Kaiserinnen Othérô, Cléo, Billie Burke, Elise de Vère, Minnie Ashley und Mage Lorrison-Osborne verwendet hatten.

Der Text dieser Karte lautete: »Es ist nicht wahr, daß Gott die Menschen nach seinem Ebenbilde schuf! In dieser Weise schuf er einen einzigen Menschen . . . La Zarina!«

Da sie die Adresse nicht kannten, schrieben sie in idealer Zuversicht:

»An 
La Zarina
  in 
Europa.«

»La Zarina in Europa . . .«, sangen sie laut durch die stillen Straßen auf dem Heimwege. Die Passanten blieben stehen und sagten: »Halt's Maul!«

 


 

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