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Professor Hardtmut

Cäsar Flaischlen: Professor Hardtmut - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorCäsar Flaischlen
booktitleNeuland
titleProfessor Hardtmut
publisherAlfred Schall, Königliche Hofbuchhandlung
printrunZweite Auflage
editorCäsar Flaischlen
year1895
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090416
projectid2c435421
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Cäsar Flaischlen

Professor Hardtmut

Charakterstudie

»Daß es auch andere Pflichten gäbe,
Außer Arbeit und Mühe,
Hat mir niemand gesagt.«

Tagebuchblätter eines Sonderlings.

 

»Man hatte ihm seine Gewohnheit genommen
und das brach ihn. –«

Nur in der Ferne schwankte ein letzter Garbenwagen hochgetürmt die Fahrstraße hinab.

Die Ernte war vorüber. Die Leute hatten heimgebracht, womit ihnen das Jahr ihre Sorge und Mühe gelohnt. Die einen mehr, die anderen weniger. Und die Felder standen in Stoppeln; wie immer, wenn eine Ernte vorüber, weithin leer und einsam. Sie verliefen sich in langen Linien ins Land. Ein paar vergessene Vogelscheuchen hielten noch auf ihrem Posten und reckten die Arme hinaus, zwecklos, denn sie hatten ihre Schuldigkeit gethan, und ab und zu stieg der Rauch eines verglostenden Krautfeuers empor. Fast senkrecht gerade.

Über dem Höhenzug der Ferne stand die Sonne und überflutete mit breiten, warmen Lichtwellen den schönen Abend.

Wie heimlicher Glockenklang hing es in der Luft. Eine stille, heitere Freudigkeit atmete über der Landschaft; die Freudigkeit der Ernte, die Freudigkeit erfüllter Pflicht und gethaner Arbeit. Und ganz leise nur, fein und träumerisch, wie fernes Grillenzirpen, zitterte dann und wann ein Hauch von Wehmut durch die frohe Ruhe.

Es war nicht Herbst. Noch nicht. Noch hauchte es wie wogende Ähren über die Stoppeln, aber mit dem Sommer war's doch auch zu Ende. Das Laub färbte sich am Walde, die Vogelbeeren glühten in vollen, roten Trauben, – noch aber schrillte der Schrei der Schwalben durch die klare Luft und die Welt leuchtete voll Sonnenschein; nur das rauschende Lied des Korns war verstummt.

Erntezeit. Und Feierabendfriede. –

Langsam tauchte ein Mann über die Felder auf und kam querwegein über die Stoppeln.

Eine große, hagere Gestalt. Den Schlapphut auf dem Kopf, den Mantel über'm Arm und in der Hand einen Stock. Er ging mit gebogenen Knieen, den Oberkörper etwas vorgebeugt und mit hochgezogenen Schultern, als trüge er eine Last auf dem Rücken. Steinträger, Arbeiter haben diesen Gang; Leute, die viel schleppen müssen. Doch trat er fest und ruhig auf, als ob er gewohnt wäre, über Stoppelfelder zu gehen.

Er blieb dann und wann einen Augenblick stehen und blickte nach der Stadt, zu seiner Rechten, deren Arbeitstreiben wie das murmelnde Verbranden einschlafenden Meeres aus der Thalsenkung herüberkam. Die Abendsonne überwob sie mit rotschimmerndem Lichtstaub. Der Rauch der Schornsteine und Kamine schleierte ein glitzerndes Goldnetz über die Dächer und um die Kirchkuppeln, und die Hausfenster flammten gleich brennenden Spiegeln.

Alltag und Pflicht im Widerglanz scheidenden Lebens.

Er schritt weiter, den gleichen, vorgebeugten, schiebenden Gang; mit dem Stock stapfend.

Vor ihm, auf der Höhe der Felder, doch schon thalab der Stadt zu, lag St. Marie und blitzte mit seinen vergoldeten Kreuzen in die Runde. Ein alter, prächtiger Kirchhof. Große Rotbuchen, Eschen und Trauerweiden ragten darin empor und senkten neben hohem Flieder- und Rosengestrüpp ihre Zweige über das niedrige, epheu- und wildgrasbewachsene Umfassungsgemäuer. Zwischen dem Baumlaub leuchteten granitne Grabobelisken und weiße Marmorengel auf.

Er lenkte, quer über die Stoppeläcker, auf einen schmalen Fußpfad ein, der durch ein Stück Wiese nach der südseitigen Gitterpforte von St. Marie führte.

Das war sein Ziel und sein täglicher Weg, ob die Sonne schien oder ob es regnete, ob die Rosen blühten oder ob Schnee lag: von der Stadt, am Weiher vorbei, über die Felder nach dem Kirchhof und durch diesen zur Stadt zurück.

Der Pförtner im Kapellhaus vorn, am anderen Ende, nach der Chaussee, wußte genau, daß es mit dem Schlag sechs klingeln würde. Er war sicher, daß dann Professor Hardtmut draußen stünde, und zog ohne aufzusehen am Draht, seit ... fünfzehn oder ... zwanzig Jahren schon.

Und Hardtmut selbst – es hätte sonst was geschehen müssen, ehe er von seiner Gewohnheit ließ. Sogar an den Hochzeitstagen seiner beiden Mädel wurde er ihr nicht untreu.

»Ja, ja, Mertens! Euer Kirchhof ist der schönste Fleck der ganzen Gegend!«

»Bloß äußerlich, Herr Professor!« lachte Mertens darauf zurück, ihn mit der eigenen, stadtbekannt gewordenen Redensart schlagend, »bloß äußerlich!«

Aber es war doch so. St. Marie war doch der schönste Fleck, der schönste Punkt der Stadt. Nicht, weil seine Frau da lag, er ging höchst selten zu ihrem Grab, auch nicht, weil er in St. Marie selbst schon Grundbesitzer war, sondern weil nirgends ... so schöner Flieder wuchs, als hier, weil nirgends ... ja! er wußte es eigentlich selber nicht; es war so seine Gewohnheit geworden mit der Zeit, wie er überhaupt ... weil er nirgends so allein war, weil er nirgends so sehr das Gefühl des Feierabends hatte, das Gefühl, mit seinem Tagewerk fertig zu sein und ein Viertelstündchen ausruhen zu dürfen und dies verdient zu haben. In der Stadt?! ... Etwas hetzte immer weiter! mit einem Gedanken, mit einer Sorge haftete man immer bei seiner Arbeit. Schon das Getriebe der Andern, schon das Wagenfähren auf den Straßen! Und hörte man auch nichts davon, da war es, und gleich vor der Thüre draußen. Hier ... kämpfte nichts, hier war es nur still, hier blühte es nur. Und dann war es immer schon seine Freude gewesen, sich auf Kirchhöfen herumzutreiben. Schon in seinen Kinderjahren.

Er hatte auch hier seinen gewohnten Weg und ging nie anders. Vom Gitter aus links bis zur Mauerecke, dann den äußersten Querweg hin zur jenseitigen Mauer, den zweiten von da zurück zur diesseitigen, den dritten wieder hin, den vierten wieder zurück, und so weiter, bis er den ganzen Kirchhof durch war und an das vordere große Thor kam, durch das er die Fahrstraße entlang zur Stadt zurückkehrte.

»Er stürbe wahrscheinlich, wenn er aus Versehen einmal andersherum gehe!« setzte Mertens lachend dazu, wenn er jemand von dem alten Sonderling erzählte.

Außerhalb des Thores, ein Stückchen weiter an der Straße, saß ein Steinklopfer; ein Invalid von Siebzig, mit einem Holzbein. Seit Jahren, ob die Sonne schien oder ob es regnete.

»Gu'n Abend, Herr Professor! ... Gut Steinklopfen ist auch ein Verdienst!«

Er sagte das jedesmal.

Hardtmut machte einen Augenblick Halt und reichte ihm eine Cigarre. Er that das auch jedesmal. Dann schritt er weiter, stadtwärts. Er hätte »andersherum« nach jeder Seite hin näher gehabt, aber er blieb auf dem gewohnten Weg, Es hatte ihm vor einigen Jahren volle vierzehn Tage seinen ganzen Spaziergang verdorben, als er eines Abends die Straße wegen Neupflasterung gesperrt fand, und doch hatte er durch einen Artikel im Tageblatt selbst die Veranlassung dazu gegeben.

Mit dem Schlag halb sieben stand er an der Ecke des Königsplatzes vor einem dreistöckigen, alten Giebelhaus. Es erschien ziemlich einfach, fast dürftig zwischen all den modernen Bauten seiner Umgebung, obwohl es viel freundlicher und traulicher, als diese, über den Platz hinblickte. Blühende Levkoyen, Geranien und Kapuziner nickten von den breiten Gesimsen der Seitenwand und die in der Straßenflucht liegende Hauptfront überrankte bis über den halben Dachstuhl hinauf ein mächtiger Weinbaum, dessen üppiges, schon wieder rot werdendes Laub kaum die Fenster frei ließ.

Zwischen dem Erdgeschoß und dem ersten Stock, auf der Seite nach dem Platz zu, lief ein langes Schild hin mit großen, goldenen Buchstaben, die mit der Zeit freilich ganz schwarz geworden: Konditorei von Herman Lutz. An der Glasthüre des Eingangs unten stand dasselbe.

Hardtmut trat ein.

»Guten Abend Herr Professor!« begrüßte ihn Lieschen Lutz mit heller Stimme lustig über die stolzen Kuchen-, Torten- und Backwerkhaufen ihres Ladentisches herüber.

Die Konditorei war vielleicht die älteste und eine der besten und gutgehendsten der Stadt und Vater Lutz war längst ein reicher Mann und gehörte zu den angesehensten Leuten in seinem Kreise. Treubleiben und abwarten! es wird schon werden! sagte er.

So schlicht und altväterisch, wie das Haus von außen, war es auch im Innern. Die ganzen Räumlichkeiten bestanden ursprünglich aus drei Zimmern, alle eher klein als groß und ziemlich niedrig. Um etwas Luft zu schaffen hatte der alte Lutz vor dreißig oder vierzig Jahren, als sein Vater starb und er das Geschäft übernahm, die Zwischenwände herausbrechen und durch Pfeiler ersetzen lassen, wodurch die Konditorei mit einem Schlag zum beliebtesten Kaffeehaus der ganzen Stadt wurde. Das erste diente als Laden, die beiden anderen bildeten mit den üblichen kleinen Marmortischchen die Gastzimmer. Das hintere, durch eine Balustrade von dem Vorderraum getrennt, lag zwei Stufen höher und gab den unentbehrlichen »Rauchsalon« ab. Die Ausstattung war eine höchst einfache und bescheidene. An den Seitenwänden hingen ein paar alte Stiche mit Szenen aus den Napoleonskriegen, darunter: die Schlacht bei Gravelotte, die Übergabe von Sedan, die Kaiserproklamation zu Versailles, und zwischen zwei Fenstern die stolzeste Erinnerung des kleinen Hauses, sorgfältig unter Glas und Rahmen: die Urschrift eines Freiligrathschen Freiheitsliedes. Ja, Vater Lutz konnte viel erzählen, wenn er einmal anfing. Und neben seiner Kuchen-Kunst war Politik und dergleichen immer sein Steckenpferd gewesen. »Sein Beruf allein macht niemand glücklich!« antwortete er mit lachender Selbstironie, wenn man ihm hiervon sprach, »der Mensch muß sich immer auch mit etwas beschäftigen, wovon er nichts versteht; ... das erst ist seine Freude!«

Weit ins Auge fallender aber war eine große, prächtige Marmorbüste Bismarcks, die auf einem Postament in der Ecke stand und die Vater Lutz dem alten Hardtmut zu Ehren vor Jahr und Tag an dessen fünfzigstem Geburtstag hatte aufstellen lassen. Der Professor hatte beinahe geweint vor Freude. Er war nach allerlei Wandlungen mit der Zeit ein begeisterter Bismarckschwärmer geworden. »Gott und Bismarck könnt ihr ruhig machen lassen,« sagte er zu seinen Schülern, »und wenn ihr auch euer Lebtag nie kapiert, warum sie dies und das gerade so gewollt und nicht, wie ihr euch gedacht!« Ein freisinniger Herr Papa hatte sich einmal darüber beklagt, aber er hatte ihm ruhig darauf geantwortet:

›Er könne seinen Jungen ja zu einem andern Professor thun, wenn ihm das nicht passe. Er sei nicht dazu da, den Leuten bloß lateinische Regeln einzupauken, – sondern auch Menschen aus ihnen zu machen, so weit ... das möglich wäre.‹ –

Er stellte seinen Stock in den Ständer, hängte Mantel und Hut an den Haken, wie immer, stieg die zwei Stufen zum Rauchzimmer hinauf und setzte sich an einen kleinen Tisch in der rechten Ecke.

Das war sein Stammplatz. Seit achtundzwanzig Jahren, wie er einmal ausgerechnet hatte.

Abend für Abend hatte er hier gesessen, und Abend für Abend saß er hier. Es mochte vorkommen, was wollte, Punkt halb sechs – seit den letzten zehn Jahren wenigstens, seit er ein wenig freier war – klappte er seine Arbeit zusammen, machte seinen Spaziergang über die Felder nach St. Marie und durch St. Marie zurück zu seinem Stammtischchen hier am Fenster der kleinen Konditorei. Früher, als es sich noch darum handelte, eine ordentliche Aussteuer für seine beiden Mädel zusammenzukriegen, kam er erst später, oft erst um acht oder gar um neun, aber hier-gewesen-sein mußte er, sonst hätte der Tag in seinem Leben nicht gezählt.

Der Platz war ein Platz wie jeder und hatte nichts besonderes. Die Konditorei war ebenso wie jede andere, der Kaffee allerdings schmeckte ihm nicht einmal zu Haus so gut, als hier. Das sei aber bloß Gewohnheit, behauptete seine Haushälterin. Er that hier nichts weiter; er saß da, war still, las die Zeitungen, die an der Balustrade hingen, eine nach der andern, rauchte eine Cigarre dazu und sann dann und wann einmal durchs Fenster auf den Platz hinaus, auf die Straßen, auf das Menschen-Hin-und-Her, auf das Wagengetriebe, oder er träumte alte Gedanken und Erinnerungen auf.

Der richtige Philister!

Und doch war dieses stille Sitzen und Zeitungslesen hier – ja, es war Gewohnheit, im ödesten Sinn des Wortes, aber es war ihm mehr geworden im Lauf der Jahre, es war mit der Zeit sein Leben geworden. Man hatte ihn darüber ausgelacht früher, man hatte versucht, ihn davon abzubringen, mit allen Mitteln, mit Freundlichkeit und Zwang. Es hatte nichts geholfen. Man hatte die Uhren verstellt, hatte ihn in Gesellschaft geladen; umsonst; er hatte die Uhr in den Füßen. Um sieben brach er auf und nahm seinen Hut. Er mochte sein, wo er wollte. – So hatte man ihn gehen lassen, und da er allein sein wollte, so war er es auch rasch genug.

Das Stündchen hier am Fenster der kleinen Konditorei aber gewann immer größere Macht über ihn. Es war nicht bloß seine Erholung nach des Tages freudlosem Schuldienst. Es wurde nach der Last mühseligen Broterwerbs und trostloser Werktagssorge sein Sonntag, seine heimliche Heimat, der feste Punkt seiner rinnenden Jahre, die Feierabendfreude nach der Steinklopferei seines Lebens.

Tagaus, tagein vom frühen Morgen an im Joch der Pflicht für – andere, atmete er hier auf, vergaß er das hier, lebte er hier sich – wenn auch nur ein Stündchen. Es genügte ihm, er wollte nicht mehr, er hatte nie mehr gehabt. Er war bescheiden und das Leben hatte ihn nie verwöhnt. Es hatte ihm nur das Eine gegeben auf seine alten Tage, als ganzen Erntelohn für all seine Mühe und Sorge. Es hatte ihm nur diese Gewohnheit erfüllt: ein Stündchen im Café zu sitzen, von sieben bis acht, hier am Fenster und Zeitungen zu lesen, eine Cigarre dazu zu rauchen und Ruhe und Stille zu haben und seinen Gedanken zu leben, und das zu sein vielleicht, was er hatte sein wollen, wozu er aber nie gekommen war – vor lauter Alltagsdreckeleien und Augenblickspflichten.

Ja –: sein Leben bestand aus Augenblicken, und vor lauter Augenblicken war er nicht zum Leben gekommen. Er nannte es seine Schuld, rücksichtslos wie immer gegen sich und rücksichtsvoll gegen andere, bis zur – Dummheit. Er wäre umgekehrt besser gefahren. Er sah das ein, schon lang. Aber er konnte nicht. Es fehlte ihm an Brutalität, wie er selbst sagte. Er war zu wenig hart dazu, und zu gewissenhaft. Zu gewissenhaft und zu treu und pflichtbewußt. Seine Pflicht hatte ihn, anstatt er sie. Er war ihr Sklave, anstatt ihr Herr. Zuerst wenigstens, und später – war es dann zu spät ...

Lieschen brachte ihm den Kaffee, und hinter ihr kam Vater Lutz wie immer: Guten-Abend zu sagen, den weißen Konditorschurz um seine behäbige Dicklichkeit und ein grünseidenes, gesticktes Hausmützchen mit silberner Troddel auf dem grauen Kopf.

Wie es gehe? und ob die Sache klar wäre?!

Sie sei's! Jawohl! Er werde sich doch den prächtigen Baum nicht umhauen lassen und ein dummes fünfstockiges Mietshaus vor die Nase bauen!

Der alte Lutz nickte.

»Zwölfhundert Mark«, meinte er dann, an seiner Mütze rückend, »ist für den kleinen Garten freilich ein bischen viel ...«

»Allerdings! Doch ... wenn ich die alte knorrige Linde einmal nicht mehr sähe, – ich weiß nicht ...« antwortete Hardtmut.

»Mit Ihrer Rom-Reise wird's nun natürlich nichts!«

»Na, Gott! Ich hab' mich jetzt so lang darauf gefreut, daß ich's am Ende ruhig bleiben lassen kann! ... Zwölfhundert Mark reißt ein Loch ins Vermögen!«

»Nun ja! Und schließlich giebt's noch mehr Menschen, die nicht nach Rom gekommen sind!« versetzte Vater Lutz wieder mit bedächtiger Stimme.

»Ich hätte ja nichts dagegen gehabt, wenn die Kerle einen schönen Platz hätten anlegen wollen, als Centrum für ein neues Stadtviertel – es kommt ja doch so weit – die Linde in der Mitte! Aber bloß, um ... Alles zuzubauen! Ich danke! Wenn sie's in Rom so machten und all' die alten Triumphbogen und dergleichen abtrügen, kein Mensch ginge mehr hin!«

»Sag' ich ja immer! Nichts ist mehr recht und gut und großartig genug. Alles muß abgerissen werden und ›der neuen Zeit aus dem Wege gehen‹. Man braucht bloß an Berlin zu denken. Bismarck, Schloßfreiheit! und jetzt der Dom wieder! ... Hat ihnen freilich schwere Mühe gemacht, mit dem alten Kerl fertig zu werden. Stand fest! ... Wenn nur alles so fest stände, was unsere Jungen heut zusammenbauen!

»Gepurzelt ist er aber doch!« rief der junge Arnold plötzlich lachend vom Kassenpult herüber, »Weg mit dem ollen Gerümpel! Versperrt bloß den Platz!«

»Natürlich, ihr Krafthuber! Euch ist alles im Weg, was nicht eurer Weisheit Stempel trägt!« lachte Hardtmut.

Der alte Lutz aber brummte, gleichmütig seine Daumen umeinander drehend: »Mich soll nur wundern, wo ihr Halt macht und was ihr einmal zu Stand kriegt! Einreißen ist leicht. Ob ihr aber auch was bauen könnt, muß erst noch bewiesen werden! Hab' ich recht, Professor?«

»Oho Vater!« rief jetzt Arnold wieder, kampflustig werdend, »bei Papa Hardtmut kommst du damit an den Unrechten! Der ... der risse am liebsten selber mit ab! – Bloß olle hohle Linden läßt er nicht abhauen!«

»Halt, Arnold! ein bischen langsam! das Alte hat auch noch sein Recht zu leben; nicht nur die Jugend!« legte sich nun Hardtmut ins Mittel.

»Gewiß. So lang es stand hält. Die Jugend aber hat das Recht: zu stürzen!« rief Arnold wieder, lachend mit der Faust auswerfend, als freue er sich der Kraft seiner Muskeln. Er war ein junger Mensch von fünf- oder sechsundzwanzig Jahren, der fast »unanständig gesund« aussah, wie der Professor sagte, und erst vor ein Paar Wochen aus London, Brüssel und Berlin zurückgekommen war, wohin ihn Vater Lutz und Hardtmut geschickt hatten, damit er was lerne.

»Nun ja! die ganze Weltgeschichte ist ja nichts anderes als ein fortwährender Kampf des Jungen gegen das Alte, ein steter Krieg des Werdenden mit dem Gewordenen. Die Jugend hat dabei natürlich leichtes Spiel mit ihrer Kraft und mit ihrer trotzigen Rücksichtslosigkeit, – aber bedenk: eure Arme werden auch einmal müde werden ...«

»So lange sie es aber nicht sind –« unterbrach ihn Arnold, »gilt eben ihr Gesetz! und das heißt: Weg damit, wo was im Weg steht! Oder wissen Sie nicht mehr, was Sie uns für eine Pauke hielten, als wir von der Schule abgingen?! Man habe Schritt zuhalten mit der Zeit und vorwärts zu gehen. Man müsse in die Zukunft denken. Die Zukunft allein habe Recht. Und man dürfe vor allem keine Gewohnheit Herr werden lassen. Gewohnheit sei Gedankenlosigkeit und Stehenbleiben und Einfrieren. Und alles Stehenbleiben sei Rückschritt. Das bezöge sich nicht bloß auf den Einzelnen, das bezöge sich auch auf das ganze Volk. Ein Volk aber bestehe nur aus Einzelnen, und deshalb habe jeder zunächst aus sich einen ordentlichen Kerl und einen brauchbaren Menschen zu machen, und nichts Altes, keine Gewohnheit über sich Macht bekommen lassen. Und das übe man am besten schon in ganz alltäglich kleinen Gleichgültigkeiten. Nur wer sich selbst gegenüber frei sei, nur wer sich selbst in der Zucht habe, habe ein Recht, als ›Ich‹ zu gelten. Und das eben sei das Schöne an aller Jugend, daß sie sich nicht an die Dinge hänge, sondern vorwärtstreibe. ... Ich weiß es noch ganz genau!« schloß er, sich die Hände reibend. »Der kleine Müller war dran schuld! Ja, ja! ... Und dann: wie Sie dem alten Lutz die Hölle heiß machten: ein junger Mensch könne doch nicht immer seiner Mutter am Rockzipfel hängen und ... Ich müsse hinaus, in die Welt, und was sehen, wenn ich's zu was bringen solle. Ich müsse Dummheiten machen, um draus zu lernen, keine mehr zu machen; ich müsse Prügel kriegen, um –« Er lachte hell auf. »Ich dank es Ihnen mein Lebtag. In dem Heft hier wäre ich längst – – Gott weiß was! Doch wenn ich mich jetzt freue, daß allorts mit all dem alten Gerümpel aufgeräumt wird, und daß sie hier endlich auch anfangen, ein bischen mehr in Zug zu kommen, so sind das nur ›die Früchte Ihrer Saat‹!«

»Ja, ja!« nickte Hardtmut, der immer seine Freude an dem frischen Gesellen gehabt hatte, mit vergnügtem Lächeln zu Vater Lutz: »So wächst das einem über den Kopf und schlägt einen mit den eigenen Waffen!« und zu Arnold: »Und wenn ich dran denke, wie ich dich als vier Wochen altes Kind auf dem Arm hatte ... ja, ja! die Zeit vergeht!«

Eine Pause trat ein. Hardtmut schnitt sich sorgfältig eine frische Cigarre ab und wollte eben nach einer Zeitung greifen, als Arnold hinter seinem Kassenpult hervor und zu den beiden an den Tisch kam.

»Wirklich, Papa Hardtmut! Wenn Sie nicht gewesen damals – so wäre ich heute eben ... na! was man so wäre! Bäckergeselle! Konditor!« begann er in herzlichem Tone und legte dem Professor die Hand auf die Schulter. »Deswegen aber müssen Sie mir jetzt noch einmal weiter helfen!«

»Ich? wie so? ... So ein Weg-damit kommt also doch nicht allein durch?! Wo hapert's denn?«

»Ja,« meinte Arnold nun ein wenig kleinlaut, aber scherzend, »der alte Knorren steht doch fester, als ... ist doch eigensinniger, als ich gedacht habe!«

»Also doch!« lachte Hardtmut. »Na ja, ein alter Baum hat tiefe Wurzeln und rennt sich nicht so gleich über den Haufen.«

»Braucht's gar nicht! braucht's gar nicht! nur Vernunft, nicht bloß Eigensinn; zum Donnerwetter! ... Es ist doch barer Unsinn, sich auf seinen Stuhl zu setzen und ...« er lachte lustig auf, »und die Daumen umeinander zu drehen, anstatt – loszulegen und übers Jahr Millionär zu sein!«

»Jawohl, Arnold!« schalt Vater Lutz mit gutmütiger Ruhe, »man millionärt dir was ...

»Ich werd's schon machen! Sag man bloß ja!«

»Nee, nee, mein Jung! So lang ich Konditor bin, bleibt's, wie's ist in dem Haus und wird nichts umgestürzt!«

Hardtmut wurde aufmerksam. Eine unbehagliche Ahnung überkam ihn.

»Wer? wie so? was? wer will wieder was umstürzen?«

»Ach was, der Arnold will umbauen,« brummte Vater Lutz mit einem Anflug von Ärger. »Und ... eine große Geschichte dahersetzen, mit Spiegelzimmern und Billardsälen! ... Immer oben hinaus, natürlich! ... Nee, nee! was mir recht war, mein Junge, kann dir auch recht sein. Ich mag eure moderne Großartigkeit nicht; ist ja doch bloß Schwindel! die ganze Gemütlichkeit geht zum Teufel! ... Nee, nee! so lang ich Konditor bin, bleibt's, wie's ist!«

»Was? – du willst ... du willst hier ... abreißen?« frug nun Hardtmut langsam, jedes Wort betonend.

»Ja! und ein großes, schönes Café ... Es wär ja Sünde, wenn man's nicht thäte! Und jetzt! jetzt! eh' andere was machen. – Es ist mir ja gar nicht des Geschäfts wegen, obgleich ... Donnerwetter! in einem Jahr wär' die ganze Bauerei 'reingebracht, Baumeister Kauffer hat mir die Geschichte berechnet. Fünfzig Tausend Mark, alles in allem. Ist ja viel Geld, aber ... wir haben's ja! Und kommen thut's doch! Und wenn wir's nicht machen, machts ein anderer! und wir können dann zusammenpacken. Von einem Reinfall kann gar keine Rede sein! – – Und Sie, Herr Professor, ... sehen Sie, Sie sind der älteste und treueste Freund des Hauses, und wenn Sie Papa zureden! ... Sie wissen, wie viel er auf Sie hält ... daß er das einsieht! ... In zwei Jahren, das heißt: es ist mir ja gar nicht drum zu thun, Geld zu machen, ich will nur der erste hier sein, der ...«

»Pleite geht,« ergänzte Vater Lutz mit trockenem Humor. »Ja, ja!«

Hardtmut hatte den Kopf in die Hand gestützt und blickte vor sich hin. Man sah ihm nichts weiter an. Aber es hatte ihn wie ein Donnerschlag getroffen in seine Stille. Er hörte kaum auf die Begeisterung, mit der Arnold seinen Plan entwickelte. Er dachte zunächst nur an sich. Wie alte Leute immer; nicht aus Egoismus ... aus Mißtrauen gegen die Jugend um sie her, aus Schmerz: keine Macht über sie zu haben. Und welche Folgen das für ihn mit sich bringe. Sein Café! – sein ... Nein! Vor wenig Stunden erst hatte er sich ... zwölfhundert Mark von der Seele gerungen! und nun –?! Was sollte er, so lange abgerissen und gebaut wurde?! Freute er sich doch den ganzen Tag auf das stille Stündchen hier! Und ... wenn er wiederkäme eines Abends sollten die Zimmer leer sein und Maurer und Handwerker sollten ... Nein! Unmöglich! – Wo sollte er denn hin!? in eine Konditorei, ... wo man ihn nicht kannte, wo er warten mußte, bis der Nächste-beste die Güte hatte, das Zeitungsblatt, das er wollte, ausgelesen zu haben, wo lauter dumme, fremde Gesichter um ihn herum, wo lauter ...! Hier, hier hatte jedes Bild an der Wand, jeder Stuhl, jeder Aschbecher seine Erinnerung, seine heimliche Geschichte! Nein ... es wäre ein Stück seines Lebens, das er verlöre! mehr! mehr! es wäre ...

In wenig Sekunden blitzte das alles an ihm vorüber. Er war sich noch nie so klar geworden, was dieser kleine Fensterplatz für ihn bedeute, als in diesen paar Augenblicken, Und doch! – er kam erst jetzt darauf – und doch: ja! es war ein Gedanke, ein guter Gedanke sogar! Er hatte kaum zugehört, womit Arnold ihn begründete; er fand es ganz von selber. Er fand sofort ganz von selber: daß die Lage der Konditorei in der That zu einem Kaffeehaus großen Stils geeignet sei, wie keine zweite in der Stadt, daß es Thorheit wäre, dies zu leugnen, und daß es eines Tages doch kommen würde, kommen müsse, ganz zweifellos, daß ... daß ... daß er hier Lebwohl sagen und ... auswandern müsse.

Ein leises Zittern überfröstelte ihn, aber er zwang sich zu äußerer Gleichmütigkeit.

»Na, Gott!« begann er endlich stockend. »Verdenken kann man's deinem Vater eigentlich nicht, daß er auf seine alten Tage zu einer solchen Umordnung der Dinge nicht ohne weiteres Amen sagt. Du nimmst ihm damit seine ganze Vergangenheit. Sein Haus hier ist doch mehr, als ein bloßes Haus, es ist doch sein Leben!«

»Aber liebster Professor,« wandte Arnold ein mit halbem Lachen, »Sie müssen doch zugeben, daß man mit so was nicht rechnen darf, wenn –«

»Das kommt darauf an!« rief Hardtmut unwillkürlich erregt werdend. »Du hast ja Recht! – in gewissem Sinn! aber, dein Vater hat auch Recht! Und etwas Geltung muß man auch dem Alter lassen!«

»Laß ich auch! Ich möchte ja nur, daß er einsieht, daß ... auch was gegen seine Gewohnheit ist, vernünftig sein kann. Er würde dann von selber ja sagen; ich kenn' ihn doch! ... Sie sehen es doch auch ein! ... Und wenn wir im Frühjahr dran gingen, säßen wir über's Jahr gerade so gemütlich wieder hier, wie heute!«

»Nee, Jungchen!« beteiligte sich jetzt Vater Lutz mit energischem Kopfschütteln wieder am Gespräch. »Nee, Jungchen: Hardtmut ist auf meiner Seite! den bringst du hier auch nicht heraus! Nee, nee! Und der Umzug vorher, und nachher! und die ganze Rumpelei! Ich will Ruhe haben auf meine alten Tage! Und ... was sollte ... mit unserem Weinbaum draußen werden?! Abhacken! Nee, niemals! Der treibt seit der Völkerschlacht bei Leipzig, seit –«

»Setzt man einfach um, so lang! Ist alles zu machen!« brummte Arnold etwas verdrossen dazwischen.

»Wird kaum gehen!« warf Hardtmut ein. »So alte Bäume lassen sich nicht mehr versetzen!«

Gäste traten ins Lokal. Arnold ging sie zu bedienen. Auch Vater Lutz stand auf, nach seinen Gesellen zu sehen.

Und Hardtmut? Er nahm eine Zeitung vor, eine zweite, eine dritte; aber – die Leitartikel schienen ihm furchtbar langweilig diesmal; und was ging ihn eigentlich der ganze Kohl an, der da zusammengedruckt wurde! Er stand auf. Sein Stündchen war ohnedem fast vorüber.

»Überleg's dir noch einmal!« sagte er im Gehen leise zu Arnold, und noch leiser zu sich:

»Ich glaube freilich, es kommt doch so!«

*

Das war ein verdrießlicher Abend. Hardtmut war heimgegangen, wie immer; aufrecht, den Havelock über, die Kniee vorgeschoben, die Schultern hochgezogen, mit dem Stock stapfend. Und zu Haus war es auch, wie immer. Christine hatte den Tisch gedeckt. Aber es wollte ihm nicht schmecken, zum Verdruß seiner Wirtschafterin, einer alten, ehrlichen Haut. Seine Frau hatte sie einst ins Haus genommen; sie hatte nach dem Tode derselben die beiden Mädchen erzogen und hatte so die ganzen letzten dreißig Jahre des Professors mit gelebt. So krumm, wie heute aber, hatte sie ihn seit Ewigkeit nicht gesehen. Was nur los war?!

»Wissen Sie, Herr Professor, morgen geh ich 'rüber in den Garten, und fange an, ein bischen Ordnung zu schaffen. Ein neuer Zaun wäre auch angebracht, der alte hält keinem Fußtritt mehr Stand. Und im Frühjahr kommt die Laube 'ran und wird Grünzeug gepflanzt. Und zum sechzigsten Geburtstag, ... Herrgott, wenn das unsere Frau noch erlebt hätte!«

»Ja, ja,« nickte Hardtmut zerstreut.

»Mein Gustav sagte übrigens, das wäre ein famoser Kauf von Ihnen; in ein paar Jahren könnten Sie das Dreifache dafür kriegen. Weiß der Himmel! ich wollt, ich war noch zwanzig Jahre jünger, das sollt was geben! Aber es thut nicht mehr, wie's sollte!«

»Ja, ja!« nickte Hardtmut wieder, und nach einer Pause: »Jung sein wollen und nicht mehr können!« Es klang wie ein Seufzer.

Was nur wieder los war?!

Er ließ sich die Lampe in sein Schreibzimmer stellen. Christine deckte ab und ging; es war heute doch nichts mit ihm. –

Ja, ja! Jung sein wollen und nicht mehr können! Der Jugend Recht geben müssen; die eigenen Gedanken wahr werden sehen und von ihnen ... überstürmt werden, weil ... weil man nicht die Kraft mehr hat, die brutal-physische Kraft: mit ihnen zu gehen, voran, an ihrer Spitze und mit ihnen zu siegen! ...

*

Invalide zu sein!

Ein Gefühl nie gekannter Bitterkeit gällte in ihm auf.

Ja, ja! Arnold wäre nie so geworden, wenn er nicht gewesen! Seine Lehre! Der Alte hätte ihn sicher nicht fortgelassen; wenn er ihn nicht dazu bestimmt: er müsse selbständig werden, auf eigenen Füßen stehen lernen! Überall sich das Beste zu nutze machen und vorwärtsgehen mit der Zeit! Das Alte habe nur ein Recht, so weit es sich zu behaupten vermöge. Und was sich nicht behaupten könne, das falle und mache Platz!

Er hatte so gesprochen damals, vor sechs, sieben Jahren; ... als er noch ... jung war! Und heute! er dachte auch heute noch so, er würde auch heute noch so sprechen; – und doch ... kam er sich mit einem Mal sonderbar alt vor! Die Gartengeschichte drüben vorher und jetzt ... Arnold! Das alles brachte ihn plötzlich zum Nachsinnen über sich. Erkannte seine Gewohnheitsliebe, gewiß! und gab sie zu. Er war auch beinahe sechzig Jahre, – aber: plötzlich stand die eigene Gedankenwelt gegen ihn aus und ... er fühlte: es überstürme ihn; er fühlte, er war ... Invalid.

Er hatte sich an seinen Schreibtisch gesetzt und nach einem Buch gegriffen. Doch er las nicht. Er stützte den grauen Kopf in die magere Hand und sann vor sich hin. Das Fenster stand offen. Es war eine herrliche Nacht. Warm und sternklar. Das Bellen eines Hundes klang zuweilen aus der Ferne oder das Rollen eines Wagens.

Er dachte zurück, an sein Leben.

Es war ein Leben der Pflicht, harter mitleidloser, unbarmherziger Pflicht; von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr.

Er dachte an seine Jugend. Ja: er hatte alles gewollt, was Jugend will. Ein glühender Ehrgeiz flammte in seiner Brust und trieb ihn vorwärts, ruhelos; so schüchtern er nach außen hin war. Kein Flug schien ihm zu hoch. Kein Ziel war ihm zu stolz. Ein Kolumbus wollte er werden, in der Welt der Gedanken. Ein Wegfinder zu neuen Idealen. Ein Bahnbrecher, ein Luther neuer Wahrheiten. Voranleuchten wollte er in die Zukunft.

Und seine Stirne brannte, sein Herz loderte und Jubel und Jauchzen stürmte durch seine Seele.

Aber der Alltag trat ihm entgegen. Mit tausend nichtigen Nebensächlichkeiten, mit tausend kleinlichen Lumpereien und Erbärmlichkeiten, mit tausend elenden Forderungen des Augenblicks und Pflichten und Pflichtchen. Und als er diesen Genüge gethan und aufatmen wollte, um an die große Pflicht zu gehen, an die Pflicht gegen seine – Jugend, da war seine Kraft zersplittert und sein Mut gebrochen.

Das alte Lied. Die alte Märe von jenem Ritter, der da ausgezogen, die Welt von Riesen, Drachen und Lindwürmern zu befreien, und den sie am Wege fanden, das tapfere Schwert verschartet vom Kampf mit Dornen und Gestrüpp, mit blutenden Füßen, und totgequält von den Stacheln schwärmender Fliegen, Bremsen und Wespen ... ihn, der ausgezogen war gegen Riesen und Drachen! –

Ein Paar Glockenrufe kamen über die Gärten, halbverträumt, und dann und wann gaukelte der verklingende Akkord eines fernen Liebesliedes ins Zimmer, wie ein sommertrunkener Falter. Sonst war alles still. Nur die Stutzuhr auf der Kommode tickte ihren Takt, wie das heimliche Getrippel kommender und gehender Gedanken, mit ganz leiser, feiner zirpender Stimme. Sie war ja auch nicht mehr jung. Sie hatte wohl ein ganz Jahrhundert Erinnerungen hinter sich, und lebte ... nur noch aus Gewohnheit. Jedes Dran-rühren hätte sie still stehen machen, Sie blickte herüber zu ihm mit lieben freundlichen Augen, wie ein altes Großmütterchen in weißer Haube, wie sein Großmütterchen damals, und er sah, wie sie ihm zunickte und wie sie zu ihm sprach, mit ganz leiser seiner zirpender Stimme: Sei brav und mach deinen Eltern Freude. Man kann nicht immer thun, was man möchte. Ich durfte es auch nicht:

»Dein Lebensglück, o Menschenkind,
O glaube doch mit nichten,
Daß es erfüllte Wünsche sind,
Es sind erfüllte Pflichten.«

Das war es, ja!

Die Uhr klang es noch heute:

›Thu' deine Pflicht!
thu' deine Pflicht! thu' deine Pflicht!‹

Und er?! – Er dachte an seine Kindheit:

Ein Mensch ohne Pflichtbewußtsein ist ein Lump! sagte sein Vater, ein kleiner Beamter in einem Landstädtchen, mit kleinem Gehalt und großen Sorgen.

Pflicht ist Alles! sagten seine Lehrer.

Die Pflicht ist das Gewissen der Menschheit!

»Versäume keine Pflicht, und übernimm
Nicht eine neue, bis du allen alten
Genug gethan! Was sich mit diesen nicht
Vertragt, das weise von dir!« stand in seinen Büchern

Und als sie seinen Vater begruben, da sprach der Pfarrer von dessen unbestechlicher, beispielloser Pflichttreue und von der Gewissenhaftigkeit, mit der er sich durchs Leben gekämpft, worin er Groß und Klein zum Vorbild dienen könne!

Pflicht! Pflicht! ... Das, was der Mensch muß!

Ja, ja! Er hatte kaum die Universität bezogen, und schon trat sie an ihn heran, die Pflicht: für seine Mutter und seine kleinen Geschwister zu sorgen. Er quälte mit mühsamem Stundengeben das Notdürftigste zusammen; und anstatt zur Sonne fliegen zu dürfen, wie er geträumt, anstatt sich Schiffe schaffen zu können, das Wunderland seiner neuen Welt zu entdecken, saß er da bei Lehrbuch und Grammatik, korrigierte Hefte, hörte Vokabeln ab und vergeudete sich an die Faulheit und Dummheit dummer Jungen.

Das war der Anfang und das blieb so und wurde sein ... Beruf.

Dann und wann hatte es ihn gepackt, auch Mensch zu sein, nicht bloß Holzhacker, auch jung zu sein, auch ...! Ein wilder Durst loderte in ihm auf, ein gieriger Heißhunger überfiel ihn: nach all dem Schönen, das die anderen um ihn herum haben durften, nur er nicht, nach all dem lachenden Jugendleichtsinn, mit dem sie genossen – sorglos, glücklich, und sich lebten, während er ...! o ja! er hatte immer für jemand besorgt sein müssen, er hatte immer nur andere zu leben.

Und dann wühlte ihn die Sehnsucht seines Ehrgeizes wieder auf: den Gott in sich zu retten; etwas zu schaffen, das Wert habe, was andere nicht könnten, nicht bloß wie all die Millionen ... Null zu sein. Er fühlte das Zeug dazu in sich. Er fühlte, er könne es, wenn er nur erst den Alltag überwunden hätte und frei wäre, frei! Und er riß und rüttelte gegen seine Ketten. Doch vergebens. Seine Gewissenhaftigkeit beugte ihm das Haupt.

Wenn er den Alltag überwunden hätte – wenn er hätte frei sein können, ja! – doch er überwand ihn nicht. Er war zu wenig hart dazu, zu wenig rücksichtslos; er war es immer nur gegen sich, statt ...

Er trat ins Amt.

Zwei seiner Geschwister starben, kurz nach einander.

Er weinte; aber –: wenn es schon sein mußte, in Gottes Namen! Doch warum dann nicht ein paar Jahre früher?!

Aber seine Mutter war inzwischen auch älter geworden. Und sie sollte nicht mehr arbeiten jetzt. Sie sollte endlich Ruhe haben; sie hatte genug gethan, weiß der Himmel.

Und so trieb er's weiter, wie er's bisher getrieben, Woche um Woche, Jahr um Jahr, und saß nach des Tages Schuldienst und gab Nachhilfestunden und korrigierte Hefte und hörte Vokabeln ab und paukte dummen Jungen in den Kopf, was sie brauchten, ihre Prüfungen zu bestehen und vorwärts zu kommen in der Welt – anstatt ... anstatt ...

Es ließ sich ja nachholen, tröstete er sich, später; wenn ... noch zitterte es ja in seiner Seele, noch war der Funke nicht erloschen, so viel sich Asche darüber geschüttet, noch suhlte er, daß er zur Sonne komme, wenn er aufflöge. Aber es war seltener so stark, daß er gegen seine Ketten riß. Später, wenn er den Alltag überwunden, wenn er frei geworden! Und er würde ihn überwinden! er würde frei werden! Nur wer gehorchen gelernt, wird befehlen können! Und er hatte gehorchen gelernt! Nur wer sich selbst bezwingen gelernt, bezwingt auch die Welt! Er hatte sich bezwingen gelernt. Er hatte sich auch nicht das Geringste durchgehen lassen.

Ja: sein Wille war stark geworden allmählich im Joch des Alltags, hart und unerbittlich. Er empfand eine heimliche Freude, ihn zu versuchen. Und sein Wille siegte.

Er war im Kampf gegen seine Pflicht stark geworden, nun wollte er in ihr, mit ihr stark sein.

Er war nicht mehr nur Knecht, er war mit den Jahren auch Herr geworden. Ein leiser Stolz wachte in ihm auf. Er hatte auf so viel verzichten müssen, nun freute es ihn, freiwillig zu verzichten. Er sah sich leiden darunter, aber er hatte seine Pflicht gethan, stets und jeden Augenblick, und niemand konnte ihm auch nur mit einem Worte einen Vorwurf machen, ein Versäumnis vorhalten.

Das war der Stolz des Sklaven.

Er sah sich leiden: der Alltag hatte ihm so viel gebrochen, aber sein Bestes, das, was Kern war in ihm, gegen das hatte er trotz alledem nichts vermocht.

Das war der Stolz des Herrn.

Er hatte ein Sümmchen gespart. Eine Reise damit zu machen – nach Rom!

Der Gedanke daran versöhnte ihn und stimmte ihn froher. Er atmete auf. Er konnte es sich etwas leichter machen und dann und wann einmal was gönnen. Freilich brauchte er es auch. Er war herunter, körperlich und geistig, von seinem ewigen Steinklopfer-Einerlei. Der alte Jugendmut kam über ihn, neue Kraft. Er begann wieder Mensch zu werden, und schaltete eine Stunde Erholung in seinen Tagesplan ein. Am Königsplatz lag eine kleine Konditorei; Hermann Lutz, er hatte es oft genug gelesen, mit allerlei Blättern und Zeitungen. Schriftsteller und berühmte Leute verkehrten daselbst. Er ging einmal hin und ging öfters hin und setzte sich oben ans Fenster, von wo aus er den Platz übersah. Das machte ihm Freude. So ganz still den Menschen draußen zuzusehen. Und obendrein wurde es Frühling.

Und dann; – wie dergleichen kommt:

Sie hatte womöglich noch weniger. Sie war Gouvernante, in einem Haus, in dem er dem Herrn Sohn ein ganz Jahr lang in Güte und Geduld beizubringen sich abgeplagt hatte, was der Herr Kommerzienrat mit einer ordentlichen Tracht Prügel ihm von heute auf morgen beigebracht hätte.

Er begegnete ihr ab und zu, da oder dort, ganz zufällig, mit der Zeit dann weniger zufällig und zuletzt, wie es so geht. In allen Ehren.

›Eine Person, die mit dem ersten besten, dummen Schulmeister, der ihr in den Weg laufe, ein Verhältnis anfange, könne er nicht länger in seinem Hause haben, das sei er seiner Ehre schuldig!‹ erklärte ihr der Kommerzienrat eines schönen Tages und entließ sie, Knall und Fall.

Sie lachte ihm ins Gesicht: Er sei ein Lump! und ging. –

Er erwartete sie vergeblich an diesem Tag, auch am nächsten. Eine Woche darauf kam ein Brief: er sei der einzige, den sie zu bitten wage. Sie habe ihre Stellung aufgegeben und möchte in ihre Heimat.

Er nahm, was er hatte. Auf dem Bahnhof sah sie ihm in die Augen, und küßte ihn. Es war der erste Kuß. Er hätte es nicht gewagt.

Dann hatte er die Wahrheit gehört. Und in den Sommerferien fuhr er in Marien's Heimat. Sie dauerte ihn. Er war es ihr doch eigentlich auch schuldig; denn sie hatte seinetwegen doch ... Und er wollte auch einmal leichtsinnig sein.

Ein paar Wochen später waren sie verheiratet. Eine schöne Zeit begann. Er wollte auch einmal nur genießen, endlich! Auch einmal nur glücklich sein! Und er war es.

Wie ein rauschender Frühling stieg es um ihn auf. Der ganze Ehrgeiz seiner Sonnenträume verblühte sich in duftenden Rosen; die ganze Sehnsucht seiner Seele verklang in süßem Liebeslied. Er jubelte. Er fühlte, wie das Eis in ihm brach, wie es elastisch wurde, und aufkeimte. Endlich, endlich! Es sang und lachte in ihm. Ja, nun würde es doch noch werden!

Schon aber begann der Alltag wieder seinen Sommer zu verfärben, und schon rauschte es wieder mit Sicheln durch das wogende Korn seines Glücks. Leise, leise; mitten im Sonnenschein.

Kinder kamen; zwei Mädchen. Neue Freuden, neue Wonne, aber auch neue Sorgen, neue Pflichten, – die alten Ketten von einst. Nur übergoldet von dem Sonnenschein seines Siegglaubens.

Da brach der Krieg aus. In lodernden Flammen schlug seine Begeisterung empor. Der alte Ehrgeiz überkam ihn, seine Schwingen zu versuchen, und in seinem Glück fiel ihm der Abschied weniger schwer, als er selbst gedacht! Es ging ja – seiner Jugend entgegen.

Sechs Wochen später lag er mit durchschossener Brust im Lazaret. Und der ganze Ruhm war zum Teufel! In einem elenden Vorpostengeplänkel hatte es ihn über den Haufen genommen.

Natürlich! Wie immer. Wie sein ganzes Leben lang bisher.

Während er geträumt ...: was sie ohne ihn dann bei Spichern und Gravelotte wahr machten. Und als er aus dem Lazaret kam, standen seine Kameraden längst vor Paris.

Zu Haus aber war seine Frau krank geworden; und indessen er genas und sich auf seine Heimkunft freute ... war sie gestorben.

Man hatte es ihm verschwiegen, so lang es zu verschweigen war. Man wollte ihn erst gesund werden lassen. Bis er es plötzlich eines Tages wußte, ganz von selbst, und aufsprang und schrie: Warum man ihn anlöge!? er sei Mann's genug ...

Aber er war doch noch nicht Mann's genug. Es warf ihn aufs neue ein paar Wochen. Und nur ganz langsam wachte er wieder auf, und nur ganz langsam fand er sich zurück. Wie ein dumpfer, betäubender Traum lag es hinter ihm. Nicht bloß die letzten Monate, alles, die ganzen dreißig, fünfunddreißig Jahre seines Lebens. Wie eine lange drückende Nebelnacht, sternlos, trüb und einsam. Um ihn jedoch leuchtete es auf wie plötzliches Tag-werden-wollen. Er stand vor einer Wende. Er fühlte es. Vor einer Entscheidung. Und je mehr ihm die Kräfte zurückkamen, um so herrischer und trotziger bäumte es sich in ihm auf, ... endlich das Joch, unter das er sich gebeugt, abzuschütteln, seine Sklavenketten zu zerbrechen, sich frei zu machen, den Riß, den es in sein Leben gethan, bis zum Grund zu reißen und endlich auch Er zu sein und sich gelten zu lassen.

Wie bisher konnte es nicht weiter gehen. Er hatte seine Pflicht gethan, stets und jeden Augenblick. Er hatte dem Alltag sein Recht gegeben. Er hatte es willig gethan, es mußte eben sein, aber er hatte es doch immer als Pflicht empfunden. Es war nie Freude für ihn geworden. Etwas hatte immer dagegen gegrollt, wenn auch nur ganz leise. Er hatte für seine Geschwister gelebt, für seine Mutter, für seine Frau, er war in den Krieg gezogen, für sein Vaterland, jetzt ... jetzt wollte er einmal sich selber leben, sich und dem, was ... er noch immer träumte.

Und immer mächtiger wuchs es in ihm auf, immer drängender und stürmischer, wenn er einsam über die Stoppelfelder ging und das Thal vor ihm lag mit lockenden blauen Weiten oder wenn er zu Haus am Fenster stand und die Sonne aufgehen sah und Wanderburschen am Haus vorüberziehen, leicht und lustig, all ihr Hab und Gut im Ranzen auf dem Rücken, lachend und singend – immer siegender überrauschte ihn seine Sehnsucht: mitzugehen, leicht und lustig, einen Abschnitt zu machen in seinem Leben und allem den Rücken zu kehren, was ihn zurückzerren wollte in das verhaßte Joch elenden Alltagsplunders und auszuziehen ... dem Traum seiner Jugend entgegen. Da aber standen seine Kinder vor ihm und reckten die Händchen zu ihm und weinten, daß er bei ihnen bleibe.

Und so blieb er. Was konnten sie denn dafür? Und am Ende war es doch auch seine Pflicht, für die armen Würmerchen zu sorgen. Auch hatte er schließlich immer noch Zeit, später, wenn sie größer geworden. Und wie früher fing er eben wieder an, Nachhilfestunden zu geben, Hefte zu korrigieren und Vokabeln abzuhören und dummen Jungen in den Kopf zu pauken, was sie brauchten, um im Leben einmal vorwärts zu kommen. Und abends, wenn er vom Kaffee heimkam, setzte er sich hin und schrieb; kleine Arbeiten für Blätter, fünf und zehn Pfennig die Zeile.

Aber doch anders als früher.

Er empfand es immer weniger als Last. Es machte ihm eine gewisse Freude. Er wollte es ja. Und mit dem Anderen?!

Es war doch nur Illusion und Schwärmerei! redete er sich vor allmählich. In seinem Herzen freilich glaubte er es selber nicht. Aber er that es, er zwang sich dazu, um besser davon loszukommen. Denn davon loskommen mußte er. Und wenn es auch keine Täuschung gewesen, belog er sich weiter, er hätte doch nicht die Kraft gehabt, zu erreichen, was er gewollt hätte. Er wäre doch gescheitert, er wäre doch nie ans Ziel gekommen. Und es wäre vernünftiger gewesen, zufrieden zu sein, in dem, was er gekonnt, als sich an Unerreichbares zu verbluten. Ja, er hätte können glücklich sein, wenn er das, wozu er es gebracht, nicht immer verglichen hätte mit dem, wozu er es bringen gewollt, wenn nicht ... wenn nicht ... wenn die Sehnsucht in seiner Brust nicht gewesen: zur Sonne zu fliegen. Wenn er sich damit begnügt hätte, womit sich Tausende begnügen, womit sich Millionen begnügen müssen – und womit er sich schließlich doch auch begnügen mußte. Warum hatte er diese Sehnsucht nicht erstickt und quälte sich ewig mit ihr herum?! ... So log er sie weg. Und log es tot, wenn es in ihm auftauchte: er könne was Besseres, als Schulmeister sein. Er log es tot und lachte. Er wollte einmal versuchen, so glücklich zu sein, in seinem Joch. Und er brachte es so weit. Er glaubte nach und nach selbst, was er sich so vorredete, und anstatt des Alltags warf er seine – Jugend hinter sich.

Seine Pflicht hatte gesiegt. Ein Gefühl der Genugthuung überkam ihn, und eine gewisse Schadenfreude ... sich, dem Leben gegenüber, wenn die kleinen Summen in den Sparkassenbüchern seiner beiden Mädel immer größer wurden von Jahr zu Jahr: er hatte es doch gezwungen, die Zukunft seiner Kinder war für's erste gesichert, er hatte gesiegt! Um welchen Preis freilich, das gestand er sich selbst nur in schlaflosen Stunden einsamer Nächte, wenn die Reue zu ihm ans Bett trat als heimliche Rächerin der Sehnsucht, die er in sich totgelogen, und von verfehltem Leben sprach. Und sie – log er nicht weg.

Seine Mädel hatten sich verheiratet und er hatte ihnen eine Aussteuer mitgeben können, wie kein zweiter seinen Kindern. Sie war einfach, aber jedes Stück davon, jeder Stuhl, jeder Tisch hatte seine Geschichte.

Und dann war es eben weiter gegangen. Er war allmählich alt geworden, seine Stirne faltig, sein Haar grau. Er war geworden, was er jetzt war. Er hatte sich abgefunden mit seiner Steinklopferei. Das heißt: ›bloß äußerlich‹. Das, was er hatte werden wollen – vergessen hatte er es trotzdem nicht, trotz allem nicht. Es war im Geheimen immer noch der heilige Grundquell seines Lebens, aus dem er seine Kraft schöpfte, wenn auch längst verschüttet und übermoost; es rann noch immer in der Tiefe seiner Brust, wenn auch ganz leise nur und wenn auch nur ihm allein noch erkennbar.

Und das war das stille Geheimnis des Abendstündchens am Fenster der kleinen Konditorei.

Da lauschte er ihm, scheu und heimlich, und träumte sich zurück in die Wunderwelt seines Jugendglaubens, wie ein Kind im Ofenwinkel über einem Buche kauert oder den Märchen nachsinnt, die Großmutter ihm erzählt, mit klopfendem Herzen und glühenden Wangen, verlegen aufspringend, wenn es dabei ertappt wird.

Zu dem, was er einst gewollt, war er zu müde geworden, nach und nach. Er hätte ein Leben dazu vor sich haben müssen – und er hatte das seine eigentlich ... hinter sich. Es war zu spät und er hätte auch nicht die Kraft mehr dazu gehabt. Jetzt – in Wahrheit nicht mehr! Mit fünfzig Jahren ... ... siegt man nicht mehr! Mit fünfzig Jahren ist man froh, zu Haus bleiben zu können und zu halten, was man hat!

Und nun –? Nun wollten sie ihm auch dies noch nehmen, das Letzte, das seinem Leben einen Inhalt gab. Das stille Stündchen am Fenster der kleinen Konditorei, ... seinen Sonntag, seine heimliche Heimat, den festen Punkt seiner rinnenden Jahre, die Feierabendfreude nach der Steinklopferei seines Lebens ... Nein! nein! nein! ... Und doch mußte er selber Arnold recht geben! –

Ein kühler Windstoß fuhr durchs Fenster. Er fröstelte zusammen, und wie ein erstickter Seufzer murmelte es über seine Lippen:

Aber ich weiß, es kommt doch so!

*

Und es kam auch so.

Sie hatten noch oft darüber gestritten und Arnolds Projekt nach allen Seiten hin erwogen und überlegt. Hardtmut hatte alle möglichen Dinge dagegen herausgefunden, Arnold davon abzubringen. Aber umsonst. Im Grund stand er ja doch auf der Seite seines Gegners und mußte Arnold zustimmen, wenn dieser alle Verhandlungen immer und immer wieder damit schloß: daß es barer Unsinn wäre, wenn man den alten Rumpelkasten stehen ließe. Er wisse nichts mit ihm anzufangen. Aber man hätte ihn auch nicht nach London und Berlin zu schicken brauchen, wenn er hier bloß Zuckerbrezeln backen solle! Und zuletzt nahm er denn auch offen für ihn Partei.

Ebenso zäh als der junge, hielt jedoch auch der alte Lutz an seiner Meinung fest. So lang er Konditor wäre, bleibe es, wie es sei. Bis Arnold endlich erklärte: dann gehe er und fange anderswo was an. Und wenn der Alte ihm kein Geld gäbe, so pumpe er sich's.

Das entschied. –

Man mietete ein paar Häuser weiter in der Straße ein geeignetes Lokal für die Dauer des Umbaues, und im Februar sollte der Auszug beginnen.

Vater Lutz hatte sich mit Humor und Würde in das Unvermeidliche gefunden und auch Hardtmut hatte sich nach und nach mit dem Gedanken an die kommende Neuordnung der Dinge ausgesöhnt. Er sagte sich selber: daß es doch nur eine Frage der Zeit sein würde; und dann: lieber gleich! Ja, er war plötzlich fast mit Begeisterung dabei und Arnold mußte ihm sogar eine Kopie der Pläne des Neubaues anfertigen lassen.

Und trotzdem war es nicht mehr wie früher. Äußerlich merkte ihm niemand etwas an. Im tiefsten Grund seiner Seele aber war es dann und wann, als wolle etwas aufweinen, leis und sacht, wie ein Kind im Schlafe aufweint. Ein wehmütiges Gefühl überklang ihn, immer häufiger, immer schmerzlicher. Eine heimliche Unruhe überfiel ihn, immer öfter, immer stärker. Er vergaß sie, so lange er arbeitete; aber abends – es war längst Winter geworden – wenn er über die Felder ging, trippelte sie mit leisen Kinderschritten im Schnee neben ihm her, auf dem Kirchhof flüsterte sie: ob er es noch erlebe und ihn wieder grün sähe? – und je näher er zur Stadt und zu seiner Konditorei kam, um so quälender wurde sie.

Aber er bezwang sich. Er werde doch mit einer Gewohnheit fertig werden!

Und dann war es auch noch volle vier Wochen! Bald aber es war nur noch drei Wochen, nur noch vierzehn Tage und zuletzt nur noch acht Tage, und endlich wurde es sogar: übermorgen, und morgen.

Vater Lutz hatte ein paar Flaschen Champagner anfahren lassen. Sie wollten Abschied feiern, und es sollte einen lustigen Abschied geben. Aber es schmeckte weder Hardtmut, noch ihm selber recht. Nur Arnold leerte ein Glas nach dem anderen. Das eine auf das Wohl des alten Kastens, der endlich abgebrochen würde, das andere auf den neuen Prachtbau, der übers Jahr dastünde, das dritte auf Papa Hardtmut, das vierte auf Vater Lutz, das fünfte auf Baumeister Kauffer, das sechste auf sich selber – unter immer neuen Reden und mit immer wachsender Begeisterung; während die beiden Alten still und immer stiller auf ihren Stühlen saßen.

Als dann Arnold noch ein Hoch auf das kommende Jahrhundert ausgebracht hatte, meinte Hardtmut, indem er Vater Lutz die Hand drückte: »Na, wir wollen nicht so sein! Er hat ja recht. Wir wollen ihm lieber auch weiterhin den Weg ebnen, anstatt ... Es ist am End' auch unsere Pflicht. Wer es zu was bringen will, kann nicht auf alles Rücksicht nehmen, wenn er auch möchte. Und wir, – je nun! warum sind wir alt! Warum hängen wir unser Herz an dumme Gewohnheiten. Wir wollen lieber mitmachen, so lang's noch thut! Prosit! ... Und wenn's einmal nicht mehr thut,« fügte er mit leiserer Stimme dazu, »na! dann ... dann ... na, dann haben wir doch Arnold zu etwas verholfen.«

»Prosit! Prosit! Ein Hoch auf die – Jugend, Arnold!«

Beiden aber stand es wie eine Thräne im Auge. –

Am anderen Tag war alles wie sonst. Hardtmut machte seinen Spaziergang wie sonst, nach St. Marie. Der Steinklopfer am Thor begrüßte ihn wie immer: »Gut Steinklopfen ist auch ein Verdienst!« Hardtmut gab ihm seine Cigarre wie immer, und stand ein halb Stündchen später, wie immer, an der Ecke des Königsplatzes. Aber die Thüre war geschlossen. Auf einem Zettel daran hieß es: Während des Umbaues befinde sich die Konditorei ein paar Häuser weiter, in Nr. 8. Er wußte das lang, aber: hier war alles in wüstem Durcheinander. So ging er weiter suchen, wo er seine Tasse Kaffee trinken könne. Er hatte in der Woche vorher schon einmal eine kleine Rundreise gemacht. Es hatte ihm aber nirgends gefallen. In dem einen Lokal hatte man erst extra Licht machen müssen, in dem anderen hatte man ihm Milch mit Haut gebracht; in einem dritten kam ein Kellner mit Frack und Wischtuch und in einem vierten hatte sich sogar ein fremder Mensch zu ihm an den Tisch gesetzt. Das war furchtbar; er hatte alles stehen und liegen lassen und war davon gegangen.

Ein paar Tage später hatte Vater Lutz seinen Umzug überstanden und war wieder in Ordnung. Man hatte dem Professor ein besonderes Eckchen eingerichtet, genau, wie das alte. Aber es war doch nicht, wie drüben. Nichts war so. Die Bilder an den Wänden hingen anders. Das Zimmer war unbehaglich groß. Er sah auf eine schmale Straße, statt auf den schönen, weiten Königsplatz. Und auf dem Damm draußen prügelten sich gleich ein paar Straßenjungen, so lange er da saß.

Er ging früher heim, als sonst und hätte sich am anderen Tag am liebsten wieder in einem neuen Lokal versucht, wenn er nicht gefürchtet hätte, Vater Lutz nehme es ihm am Ende übel; und so wollte er sich mit Gewalt in die neue Ordnung gewöhnen. Doch es gelang ihm nicht. –

Es war März geworden. Der Schnee war geschmolzen. Ein brausender Tausturm wetterte tagelang über die Stadt. Das machte ihm Freude. Er vergaß sich dabei, und lachte, wie der Sturm alles zusammentrümmerte, was alt und morsch war und keine Frühlingskraft mehr in sich hatte. In seinem Innern freilich sah es trotzdem aus wie auf den Feldern und in St. Marie. Der weiße Schnee war weg und alles starrte trüb und grau und schwarz in die sonnenlose Luft.

In einer Nacht erwachte Hardtmut plötzlich an einem donnernden Gekrach. Er sprang empor und riß ein Fenster auf; es war draußen irgendwo –: da lag seine Linde drüben am Boden, vom Sturm abgebrochen, wie ein Rohr. Er stand und stand und stand; minutenlang. Dann raffte er sich auf, wie er war, im Nachthemd, lief über den Korridor nach dem Zimmer Christines und pochte: »Christine, die Linde! ... die Linde! ... die Linde!« bis sie wach wurde. »Die Linde! Die Linde!« ... Ein kalter Schauer brachte ihn zur Besinnung. Er kehrte zurück, zog sich an und ging dann mit Christine hinüber zu der gestürzten Riesin. Der ganze Zaun war mit zersplittert und ein paar junge Bäumchen geknickt. Sie war fast ganz hohl innen und Christine wunderte sich, wie so der Baum trotzdem noch so schön habe grünen können, vorigen Sommer. Er erklärte es ihr, der Wurzelsaft quölle da nur noch durch die Rinde in die Äste; das sei so! Das Kernholz verwittere und verbröckle mit dem Alter. Solche Bäume hielten es aber trotzdem noch lang aus, wenn ... Sonst sagte er nichts.

Zu Lutz dagegen meinte er am anderen Tag: Sie habe eben keine Frühlingskraft mehr gehabt. Und doch war es ihm tiefer gegangen, als er sich merken ließ; hatte er doch Rom für sie geopfert.

Seine Unruhe wurde immer größer. Als ein paar Gassenjungen an die Fensterscheiben klopften und ihm Gesichter schnitten, aus bloßem Übermut, geriet er eines Abends derart in Aufregung, daß er aufstand und weglief, und eine Stunde planlos in der Stadt herumirrte.

Zu Haus riß er die Fächer seines Schreibtisches auf. Er wollte arbeiten. Er hatte ja Zeit dazu und Muße. Er war ja frei, endlich! Mit einem Mal hatte es ihn wieder gepackt, mit einem Mal war es ihm wieder in die Seele gefahren, wild und frühlingsdrängend, wie der Sturm draußen über die Gärten donnerte. Ja, er wollte die Sehnsucht seiner Jugend erfüllen, er wollte. ... Jetzt! er brauchte endlich ja für niemand mehr zu sorgen. Er konnte treiben, was ihm Freude machte. Mit einmal war es wieder vor ihn getreten, lodernd und flammend, und schlug ihm in die Brust und stob die Asche weg und blies den letzten Funken auf, der da noch glomm –: Er hatte ja die ganzen Nachmittage. Die paar Nachstunden, die er noch so gab, konnte er absagen. Er brauchte nicht einmal mehr ins Café zu gehen. Er ging doch nur noch ungern hin, nur des alten Lutz wegen. Er hatte doch nichts mehr dort. Er würde Christine hinschicken morgen, er könne diesmal nicht kommen. Ein stürmischer Jubel zitterte durch das alte Herz: er war ja frei, frei! man hatte ihm nicht einmal seine letzte Gewohnheit mehr gelassen, jetzt ... Er riß seine Manuskripte aus den Fächern. Allerlei wissenschaftliche und literarische Arbeiten, die er im Lauf der Jahre zusammengeschrieben, und ob denen er einst geträumt, das zu werden, wozu er sich berufen geglaubt.

Ja, noch war es Zeit! noch war nicht alles verloren! noch ließ es sich am Ende einholen, etwas wenigstens, denn noch ... noch fühlte er, daß er zur Sonne komme, wenn er aufflöge! noch ... noch ...

Und da lagen sie, die großen Pläne und Entwürfe; mit verblaßter Tinte auf fleckig gewordenem Papier. Er blätterte und blätterte. Alles mögliche. Ganz gute Gedanken dann und wann, neben dem konfusesten Zeug. Wissenschaftliche Sachen und Notizen und Auszüge, und dazwischen wieder Gedichte, Skizzen, Fragmente. Sein ganzes Leben tauchte vor ihm auf aus diesem Blätterhaufen.

Er erinnerte sich noch ganz genau des Einzelnen, wann und wo und wie es zu Stand kam. Durch alles aber klang es wie ein Sehnsuchtsruf, wie ein Aufschrei, nach Luft und Licht und Sonne, nach Erlösung aus dem Kerker des Alltags, nach Freiheit von den Ketten tausenderlei Pflichten und Pflichtchen und Sorgen und Nörgeleien.

Er starrte wie verloren in diese Testamente seiner Lebensknechtschaft – »Gut Steinklopfen ist auch ein Verdienst« sagte zwar der Holzbein-Sepp in St. Marie; ja! aber ... es lähmt und nimmt die Kraft! ... und wenn man fünfzig Jahre einmal ... Steinklopfer war ... Und der ganze Jugendaufsturm von vorher zerbröckelte vor dem plötzlichen Gedanken – des Invalid-seins.

Fast mechanisch blätterte er weiter: Die barocksten Einfälle und bizarrsten Dinge. Ein Fragment: Aus dem Tode eines Lebendig-Begrabenen. Er las. Die äußeren Vorgänge fehlten. Er hatte nur ausgemalt, wie dem Mann zu Mut gewesen sein mochte, als der Pfarrer die Grabrede auf ihn sprach, wie man den Sarg dann in die Grube senkte, wie die ersten Schollen auf ihn niederkollerten, und wie er dann da lag, in blauer Finsternis: Wie aus endlosen Weiten nur schlugen noch die Glocken an sein Ohr, wie aus entlegenen Fernen drang das Schluchzen der Seinigen noch zu ihm, das ganze Leben klang nur wie ein murmelnder Traum über sein Grab – und er lag drunten hilflos, eingekerkert, und das Herz voll glühender Sehnsucht nach all dem Schönen draußen, das er nicht mehr haben sollte, nach Weib und Kind, nach Lieb und Freude, nach Schmerz und Qual, o! lieber, zehnmal lieber als ... und er riß und rüttelte gegen die Wände und schrie und betete und schrie nach Luft und Licht und Sonne, nach Erlösung und Freiheit – –

Mit gellem Lachen sprang er empor, schleuderte das Manuskript zu Boden, daß es in seine Blätter zerflog, schlug sich die Hände vor das Gesicht; und weinte ... ...

›Aus dem Tode eines Lebendig-Begrabenen! ... ... und ... durch eigene Schuld!‹ – – – Am anderen Morgen mußte Christine wirklich zur Konditorei. Er habe sich erkältet; – natürlich, neulich, als er so stundenlang auf den Feldern herumgelaufen sei.

Am Tag darauf war Hardtmut trotzdem wieder bei Vater Lutz. Aber einsilbiger und unruhiger als je. Wie eine Spinne saß es ihm am Herz. Er wußte nicht eigentlich, was?! Alles! Sein ganzes verfehltes Leben ... und daß man ihm seine Gewohnheit genommen, daß ... Als Arnold vom Neubau sprach, ergriff er ihn bei der Hand und sagte mit unsicherer Stimme:

»Ich glaub, Arnold, es thut's nicht mehr so lang, bei mir! Mit sechzig Jahren hat man schließlich auch keine rechte Geduld mehr, noch lang auf etwas zu warten. Aber, weißt du ... es freut mich doch, daß ... Ich hätt' in meiner Jugend auch so sein müssen!«

Es war das letzte Mal. – Er wurde immer müder und abgespannter, immer älter und gebrechlicher und gab zuletzt sogar seine Spaziergänge auf. Er blieb zu Haus, in seinem Lehnstuhl, Bücher und Manuskripte vor sich. Zum Arbeiten freilich war er auch zu müd.

Der alte Lutz kam, was los sei?! Christine stand im Haus herum, ratlos, als ob es jeden Augenblick zu Ende gehe. So elend hatte sie ihren Herrn noch nie erlebt. Hardtmut aber lachte sie aus: sie solle es nur erst wieder Frühling werden lassen.

Und es wurde, ja es war schon Frühling. Immer heller leuchtete die Sonne, immer treibender quoll der Saft in die Bäume, immer lauter lärmten die Spatzen in den Gärten und Busch und Strauch schossen in immer grünere Keime. Die Luft troff von würzigem Knospenduft. In langen Zügen trank er ihn in die Brust, als ob er krank gewesen und in ihm gesunden wolle.

Dann und wann freilich kam ihm doch auch selber: ob er noch erlebe, daß es Ostern würde? denn je lauter alles um ihn herum dem Frühling zujubelte, um so wehmütiger und einsamer wurde ihm. – –

Er erlebte es nicht mehr.

Man hatte ihm seine Gewohnheit genommen und das brach ihn.

An einem Samstag Nachmittag trugen sie ihn hinaus nach St. Marie; von seinem Haus aus am Weiher vorbei, über die Felder, den Weg, den er immer gegangen war.

Es war ein langer Zug. Schüler und Freunde; die halbe Stadt, Er hätte sich gewundert, so viel Freunde zu haben! ...

Nachdem der Pfarrer ihm ein Gebet gewidmet, sprach sein Rektor noch einige Worte und rühmte: wie der Verewigte mit Herz und Seele an seinem Beruf gehangen, wie er in treuer Pflichterfüllung sein Lebensglück gefunden, und wie er dieses seines unbeugsamen Pflichtstolzes wegen Alt und Jung als leuchtendes Vorbild dienen könne!

Dann schüttete man das Grab zu.