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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 8
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VII.

Die Schwierigkeiten der Arbeit. Nach Colombo. Pferdezucht. Rothe Zähne. Die ersten Elephanten. Ein Buddhatempel. Das Neger-Portrait.

Meine regelmäßigen Malerstudien haben mir in Point de Galle schon einen Namen gemacht. Man betrachtet mich, wie die Japanesen in Berlin, als einen Gegenstand der Unterhaltung für die müssige Bevölkerung. Sobald das Wetter in den Morgenstunden sich aufzuheitern verspricht, besetzt der Janhagel der Stadt den Platz unter meinem Balcon und stiert unablässig zu meinen Fenstern oder vielmehr Gittern empor, denn Glasscheiben gehören hier zu den größten Seltenheiten. Mache ich mich auf den Weg, folgt mir der ganze Haufen und stellt sich hinter meinem Malerstuhl, Sonnen- oder Regenschirm auf. Nichtsdestoweniger zweifle ich an dem Kunstsinn meiner Zuschauer; ich habe sie vielmehr im Verdacht, nur durch meinen soliden europäischen Parapluie gefesselt zu werden. Bei dem ununterbrochenen Regenwetter der Insel Ceylon ist ein dauerhafter Regenschirm auf ihr dieselbe Nothwendigkeit, wie in gewissen Thälern unserer europäischen Hochgebirge. Nun sind aber die in China angefertigten papiernen Schutzdächer, 87 die man überall für einen Sixpence feilbietet, so gebrechlich und unzuverlässig, daß mein Parapluie sehr wohl den Neid der Eingeborenen erregen kann. Ueber die Zudringlichkeit der Singhalesen darf ich aber nicht klagen; sie sind im Ganzen ein bescheidener und gesitteter Menschenschlag. Jeder sieht sich vor, mich in meinen Arbeiten zu stören.

Bei der außerordentlichen Reichhaltigkeit des malerischen Stoffes würde ich weit mehr schaffen, wenn das Regenwetter mich nicht fortwährend hinderte. Die unbeschreibliche Feuchtigkeit des Dunstkreises dieser Insel, über welche der Ocean zuerst seine grauen Wolken wälzt, ehe sie sich über die Küsten Asiens zerstreuen, ist nicht nur die Urheberin dieser, auf Erden einzig dastehenden üppigen Vegetation und wunderbaren Farbengebung, sondern auch einer Menge von Hindernissen, mit denen gerade der eifrige Landschafter zu kämpfen hat. Ich weiß mich mancher Tage zu erinnern, wo, ungeachtet der äußersten Sorgfalt, das Papier unter meinen Händen auseinandergegangen, die Farben in einander verwaschen sind, und nichts andres übrig blieb, als wieder unter Dach und Fach zu flüchten. An dergleichen Unglückstagen war ich nicht selten nur auf die Gesellschaft der Mäuse und Fledermäuse in meinem Zimmer angewiesen, wenn ich meine Mußestunden nicht mit Betelkauen ausfüllen wollte. Selbst heute noch, im Schoße der Civilisation, glaube ich die Spuren der Nässe in den verwischten Bleistiftzügen meines Tagebuchs wiederzuerkennen. Ein derartiges Klima wirkt natürlich auf die Billigkeit der edelsten Südfrüchte sehr vortheilhaft ein. Für zwei frisch vom Baume gepflückte Kokosnüsse, deren erfrischende Milch ich Morgens genieße, bezahle ich im Hotel nur den heimischen 88 Normalpreis für alle Kleinigkeiten, 2½ Sgr. Auf dem Markte kosten sie kaum die Hälfte, und der Verkäufer giebt noch einige Bananen oder eine Ananas zu. Der Anblick eines mit diesen Kostbarkeiten des Pflanzenreiches geschmückten Frühstückstisches ist höchst malerisch, und ich bedauerte oft, so manchen meiner begabten Berufsgenossen nicht an meiner Seite zu haben. So reich aber die künstlerische Ausbeute in der Umgegend von Point de Galle war, glaubte ich doch, meine Abreise längs der Westküste bis nach Colombo und in das Innere Ceylons nach Candy nicht länger aufschieben zu dürfen. Ich begab mich daher auf das Postamt, bezahlte das Billet für eine nur elfstündige Postfahrt mit 2 Pfd. Sterl. 5 Shill. und packte meine Koffer.

Am 8. December, dem Tage vor meiner Abfahrt, wurde ich noch durch ein großes indisches Fest überrascht, das um 10 Uhr Abends begann und die ganze Nacht hindurch dauerte. Die Bevölkerung von Point de Galle feierte das Gedächtniß eines buddhaistischen Heiligen und führte zu seiner Verherrlichung drei große, mit Teppichen und brennenden Lampen verzierte, auf Rädern befestigte Schiffe in der Stadt umher. Das fromme Volk machte mit betäubender Musik und Geschrei einen rasenden Lärm, doch kam auch vieles sonst Merkwürdige zum Vorschein. Als eine Sehenswürdigkeit wurde mir u. a. eine zehnjährige Mutter gezeigt, die ein dreimonatliches Kind am Busen trug. Dergleichen Beispiele der Frühreife sind selbst in diesen fruchtbaren Gegenden selten. Unter den Zuschauerinnen des indischen Festes erregte ferner auf dem Balkon unseres Hotels eine schöne Touristin Aufsehen, die zu jenen genialen Wittwen gehörte, welche sich in den großen Städten Indiens und Chinas, oder an Bord 89 der Postdampfer aufhalten und bald diesem, bald jenem reichen Gentleman Gesellschaft leisten. Die Hitze des Klimas hatte dem herrlichen Teint der emancipirten Schönen, einer Engländerin, keinen Schaden gethan, nur eine zarte Milchstraße von Sommersprossen hob ihre strahlenden blauen Augen noch mehr hervor. Ein Goliath von englischem Capitän stand eben im Begriff, astronomische Beobachtungen zu beginnen. Im Hotel konnte ich nur so viel erfahren, daß die von Kopf bis zu Fuß schwarzgekleidete Dame die Wittwe eines Offiziers sei, der in einem der letzten Treffen gefallen.

Die Abfahrt nach Colombo war auf 4 Uhr Morgens festgesetzt, allein es wurde sechs Uhr, ehe alles in Ordnung war. Der Postwagen bestand in einer Art nach allen Windrichtungen hin offenen Omnibuskutsche, zudem war ich der einzige Reisende. Die Post steht zwar in dem englischen Kronlande Ceylon unter dem Gouvernement, doch läßt die Aehnlichkeit mit den postalischen Einrichtungen Großbritanniens viel zu wünschen übrig. Der Weg zwischen Point de Galle und Colombo ist nur 72 englische Meilen lang, die Pferde werden etwa zehnmal gewechselt, man könnte mithin rasch genug weiter kommen, wenn nicht die Widerspenstigkeit der Pferde oder die Ungeschicklichkeit der Singhalesen in ihrer Behandlung gar zu vielen Aufenthalt verursachte. Die Pferde gedeihen auf Ceylon sehr schlecht, und die zum Postdienst erforderlichen Exemplare müssen vom indischen Festlande importirt werden, aber eben so mangelhaft scheinen die Singhalesen von Natur als Pferdewärter, Kutscher und Reiter organisirt zu sein. Sie überbieten in dieser Hinsicht noch die Franzosen und Italiener. 90 Schon die Art, wie die Pferde aus den Ställen und Pferchen vor den Wagen geführt werden, widerspricht dem gesunden Menschenverstande. Als ob sie reißende Thiere wären, sind sie am Maule geknebelt; nicht nur mit Peitschen und Stöcken, sondern auch mit Kneifzangen und scharfen Klammern werden sie vorwärts getrieben. Den Prozeß des Anschirrens lassen sich die Pferde gefallen, sowie das Gespann aber anziehen soll, wird den Zumuthungen der beiden Kutscher das äußerste Widerstreben entgegengesetzt. Der Rosselenker auf dem Bock hat nämlich noch einen Substituten, einen Courier, der an der Seite des Wagens hängt und fortwährend den Zustand des Weges und – die Ohren der Pferde scharf ins Auge faßt. Gelegentlich springt er vom Wagen, eilt dem Gespanne voraus und entfernt jedes Hinderniß, das nachtheilig auf den Humor der Gäule einwirken könnte. Wir sind indessen noch nicht unterweges; die Hauptschwierigkeit auf jeder Station besteht darin, die Pferde überhaupt in Gang zu bringen. Sie werden von den beiden Rossebändigern an den Mähnen und den Ohren gerissen, man schlingt Stricke um ihre Vorderbeine und zerrt sie daran vorwärts, schlägt mit Prügeln aus den härtesten Hölzern auf sie los; erst die ultima ratio des lebendigen Feuers pflegt auf sie überzeugend einzuwirken. Unter dem Bauche der beiden Deichselpferde wird ein kleines Strohfeuer angemacht, und sogleich setzt sich die Cavalcade in Bewegung, das abschreckende Beispiel beunruhigt auch die übrigen Klepper, und wenn sich nicht unvorhergesehene Fälle ereignen, wird der Omnibus mit seinem menschlichen Inhalt in ununterbrochenem scharfen Trab und kurzem Galopp bis 91 zur nächsten Station geschafft, wo mit dem neuen Vorspann auch die abscheuliche Thierquälerei von vorn beginnt.

Der leidlich im Stande gehaltene Weg ist von entzückender Schönheit. Er führt, hart am Gestade des Oceans, durch die malerischen Ausläufer eines Waldes von Kokos-, Fächer- und Arekapalmen, Brotbäumen, Banianen und Bananen, Ananas und Mango; die Straße ist auf beiden Seiten mit Häusern und Hütten bebaut und sehr belebt. Auch der Strand wimmelt von Fischerböten, nur Frauen sieht der Reisende selten. Sie werden von ihren eifersüchtigen Männern unter Schloß und Riegel gehalten, ich durfte es daher für ein Glück verheißendes Zeichen erachten, als eine junge Schöne mich holdselig anlächelte und mir ihre weißen – nein, rothen Zähne zeigte. Mann und Weib, Alt und Jung kauen Betel, ein Gemisch von Kalk und Arekanuß, nebst etwas Gewürz, und das Innere des Mundes, Zähne und Speichel, werden durch den fortwährenden Gebrauch dieses seltsamen Anregungsmittels allmälig blutroth. So viele alte und kranke Leute am Wege auch zum Vorschein kommen, von Bettlern werde ich den ganzen Tag über nicht belästigt. Das Elend und die Jahre des Lebens mögen auch den Singhalesen zu Boden drücken, für seinen Lebensunterhalt zu sorgen, erspart ihm die verschwenderische Natur dieser Zone. Ein Bissen gekochter Reis findet sich überall für ihn, und mehr bedarf er bei seiner Mäßigkeit nicht. Mit einem halben Acker Landes ist der Singhalese nach heimischen Begriffen ein reicher Mann.

Um 4 Uhr Nachmittags erreichten wir Colombo und stiegen im Hotel Royal ab, nachdem wir an einem ungeheuren Banianenbaume, dem göttliche Verehrung bewiesen 92 wird, vorüber gekommen waren. Auf der letzten Wegstrecke war ein Unwetter losgebrochen, und es stürmte entsetzlich. Die Schiffe auf der Rhede schwebten in großer Gefahr. Da der Regen und Sturmwind sich bald legte, ließen sich die Capitäne jedoch nicht abhalten, am Lande zu bleiben und dem Sherry und Champagner zuzusprechen. Ich selbst machte vor Einbruch der Dunkelheit noch einen Rundgang um die Stadt, eine alte portugiesische Festung. Die Stadt der Singhalesen mit ihren schmutzigen Bazaren liegt, wie überall im Orient, außerhalb der Befestigungen, unter den Kanonen derselben. Bettler, die mich den Tag über verschont, fand ich bei meiner Rückkehr von der Promenade in genügender Anzahl vor dem Hotel. Der Aufenthalt in meinen vier Pfählen verspricht wenig Annehmlichkeiten. Das Bette und der Tisch stehen mit ihren Füßen in Wassernäpfen, eine neue Vorsichtsmaßregel gegen die Ameisen, die mir denn auch in Geschwadern entgegen kommen. Es bleibt mir nichts Anderes übrig, als auf meinem Bette Platz zu nehmen und meine Beinkleider gegen den ersten Angriff unten mit Bindfaden fest zu umwickeln. Der Empfang glich dem zu Point de Galle. Alle jene Bestien, welche bei meinem Eintritt die Honneurs gemacht, haben sich zwar schleunig zurückgezogen, aber aus allen Fugen und Ecken lugen unheimliche Schwänze hervor und Glieder, aus denen ein armer Laie in den Naturwissenschaften nicht klug werden kann. Unten im Gastzimmer ist der Aufenthalt nicht anlockender. Die stark angetrunkenen Schiffscapitäne schicken an meinen Tisch ihre indischen Boys mit gefüllten Champagnergläsern, und ich vermag mich nach allerlei Ausflüchten dieser Zudringlichkeit erst zu erwehren, als ich eine Dysenterie 93 vorschütze. Inzwischen entwickelte sich ein Streit, und einer der Capitäne fordert einen anwesenden englischen Offizier auf Pistolen – Morgen frühe – 15 Schritt Barriere! Dennoch hatte ich keine Ursache, mich darüber zu beunruhigen, denn schon am nächsten Morgen, als ich nach einer Excursion vor die Thore von Colombo, wo ich eine Ansicht des Ortes aufnahm, in das Hotel zurückkehrte, fand ich die beiden Kampfhähne wieder friedlich hinter einer Batterie von Porterflaschen beisammen.

Meine Hoffnung, die ersten Elephanten auf Ceylon zu sehen, ist bis jetzt getäuscht worden. In der Umgegend von Colombo sind gezähmte Elephanten zwar vorhanden und man bedient sich ihrer zu landwirthschaftlichem Dienste, allein die Thiere müssen ihre Arbeiten zur Nachtzeit verrichten. Als Grund wird die Scheu der Pferde vor den Elephanten angegeben, auch von ihrer Seite soll die Antipathie eine nicht geringe sein. Auf meine Bitten wurde mir versprochen, an einem der nächsten Tage mir vier Elephanten, das Eigenthum eines wohlhabenden Grundbesitzers in der Nachbarschaft, vorzustellen.

Am 11. Dezember unternahm ich einen Ausflug nach dem etwa acht englische Meilen von Colombo entfernten Buddhatempel. Der Weg war beispiellos schlecht, und der Wagen versank alle zehn Minuten bis an die Achse in den Sumpf, der, genauer betrachtet, den Grund und Boden des Kokoswaldes bildete. Mein Auge wurde während dieser mißlichen Expedition durch die ideale Schönheit der Gruppen von Kokospalmen und die zu Millionen auf den Wasserspiegeln schwimmenden Lotosblumen getröstet. In dem Buddhatempel selber fand ich einen 94 ganz leidlich englisch sprechenden Aufseher, der mir das große liegende Abbild des Buddha und die sonstigen Einrichtungen seines Cultus erläuterte. Ungeachtet die Insel Ceylon in den Augen der Bekenner des Buddhaismus eine Heiligkeit genießt, wie etwa Palästina und Jerusalem mit ihren Stätten in den Augen gläubiger Christen, wurde ich doch von den Tempelaufsehern, den Priestern und Andächtigen mit großer Toleranz behandelt. Von einer Unterbrechung des Gottesdienstes durch meine Erscheinung konnte eigentlich auch nicht die Rede sein. Die Anbetung des großen Religionsstifters, der unser Leben nicht als ein Gut, sondern als das größte Uebel bezeichnete, dem ein Nichtsein für alle Zeiten vorzuziehen sei, bestand einfach in Spenden frischer Blumen und brennender Lampen. Da den heiligen Ochsen der Zutritt in den Tempel nicht verwehrt wird, machen sie sich gleich nach jedem Opfer ans Werk und fressen die geweihten Blumen auf. In Bombay sah ich sie sogar auf den Märkten von ihren kirchlichen Vorrechten Gebrauch machen und die Vorräthe der Gemüsehändler angreifen, diese wußten ihnen jedoch durch energische Rippenstöße, unbemerkt von den Fanatikern, den Appetit zu vertreiben.

Da es fortwährend regnete, versuchte ich unter meinem Schirm eine Skizze des Tempels zu entwerfen und erregte dadurch die äußerste Theilnahme der Umstehenden, deren Zahl nach und nach wohl bis auf tausend gestiegen sein mochte. Die Nächsten ließen mir nicht eher Ruhe, als bis ich einen heiligen Banianenbaum, der hinter mir stand, in meine Aquarelle aufnahm, wofür ich durch ein gleichfalls heiliges Concert belohnt wurde, das zwei kleine 95 schwarze Bengel, vielleicht die Virtuosen des Tempels, auf einer Trommel und Pauke anstimmten. Gewiß bildete der Klang der Münzen, die ich als Trinkgeld zahlen mußte, den einzigen Wohllaut des ganzen Concertes. Nachdem ich auf dem Rückwege eine berühmte Schiffbrücke zum zweiten Male passirt und dafür 15 Sgr. Zoll erlegt, fuhr mich mein Kutscher auf einem wenn möglich noch schlechteren Wege nach Colombo zurück. Da in der Umgebung des Tempels keine »Ausspannung« zu treffen gewesen war, ich mich daher mit einfachen Erfrischungen versehen, wollte ich diese mit meinem Kutscher theilen. Der Mensch lehnte jedoch mein freundliches Anerbieten mit Geberden des Abscheues ab. Eine Rupie dagegen nahm er ohne Weiteres an, um sich selber etwas Eßbares zu kaufen. Und bei diesen starren Kastenvorurtheilen glauben die Missionäre, die Indier für die Lehrsätze des christlichen Glaubens, Liebe und Brüderlichkeit gewinnen zu können. Als ich in Point de Galle mit meinem bewunderten Regenschirm nur an das Blechgefäß eines Wasserträgers streifte, schüttete der Fanatiker den Inhalt, ohne sich zu besinnen, aus, und begann die Oberfläche des Messingkruges eifrig zu poliren. Doch suchte mein strenggläubiger Kutscher sich später bei der Ankunft in Colombo für die empfangene Rupie erkenntlich zu erweisen. Er führte mich in eine etwas abgelegene Stadtgegend und suchte meine Bekanntschaft mit einigen Damen zu vermitteln, die dort auf die Ankunft wohlhabender Europäer zu warten schienen. Unter ihnen fiel mir eine Schöne auf, die durch ihre Nase, d. h. die Mittelwand und die beiden Seitenflügel, nicht weniger als drei goldene, mit 96 Edelsteinen besetzte Ringe gezogen hatte. Auch die nackten, schön geformten Arme und Beine waren mit schweren goldenen Kleinodien überhäuft. Gern hätte ich die prächtige Gruppe flüchtig zu Papier gebracht, aber unter meinem ganzen Vorrath befand sich nicht mehr ein trockenes Blatt! Gleich darauf begegnete ich einem portugiesischen Hochzeitszuge. Die Portugiesen, die ehemaligen Herren der Insel, sind im Laufe von drei Jahrhunderten fast der dunkelhäutigen Bevölkerung gleich geworden und von dieser schwer zu unterscheiden, berufen sich aber noch immer stolz auf ihre europäische Abstammung. Unter jeder Bedingung ist die Familienähnlichkeit mit Selika stärker, als mit Vasco de Gama. Als ich im Hotel anlangte, fand ich die gesammte Dienerschaft im höchstem Unwillen gegen mich vor. In meiner Stubenthür hatte nämlich ein wirklich schließender Stubenschlüssel gesteckt, und ich vor meiner Spazierfahrt von demselben Gebrauch gemacht; dadurch war die tugendsame Dienerschaft schwer gekränkt worden. »Hier stiehlt Niemand, hier ist noch niemals gestohlen worden!« mußte ich von allen Seiten in kaum verständlichem Englisch hören. Erst durch ein kleines Gastgeschenk gelang es mir, die ehrlichen Leute zu besänftigen.

Am andern Morgen machte ich den Versuch, einen der Miethsgäule als Reitpferd zu benutzen, doch zeigte sich die Bestie nicht bereitwilliger gegen mich, als ihre Gefährten. Wenn mir der als Treiber fungirende sanfte Hindu mit der Ebenholzkeule, deren er sich als Reitgerte bediente, nicht alle Knochen im Leibe zerschlug, habe ich mich bei der gütigen Vorsehung besonders zu 97 bedanken. Es war mein erster und letzter Ritt auf Ceylon. Ich kam auf demselben nicht zum Ziele, erst am 12. December gelang es mir, einige in Freiheit dressirte Elephanten eine Viertelmeile von Colombo zu sehen. Doch verhielten sich die Kolosse, die eben ihr Nachtwerk vollendet hatten, so unruhig, daß ich auf die flüchtigste Skizze verzichten mußte. Nur an das Dunkel gewöhnt, flößte ihnen jede fremdartige Gestalt Entsetzen ein.

Unter den Eingeborenen mache ich manche interessante Bekanntschaft, zuerst muß ich ihnen aber, wie man wohl denken kann, ihre Lust ausreden, sich von mir malen zu lassen. Von unserem preußischen Vaterlande ihnen einen Begriff zu verschaffen, ist durchaus unmöglich. Der Klügste der Herren fragte, ob die Engländer uns Preußen auch so hohe Steuern auferlegten, wie den Singhalesen? Das originellste Motiv, gemalt zu werden, führte mein Dolmetscher an, es glich dem unserer Bettler: »er habe eine Frau und acht Kinder!« Wenn mich aber auch nicht meine beschränkte Zeit daran gehindert hätte, zuweilen ein flüchtiges Conterfei eines dunkelhäutigen Individuums anzufertigen: ich hatte schon in Brasilien durch meine unbesonnene Bereitwilligkeit, zu porträtiren, sehr üble Erfahrungen gemacht. Auf vieles Bitten hatte ich einen komischen Schwarzen gemalt, und zwar mit so dunkelen Tinten, wie ihn die Natur decorirt, aber was geschah? Der tolle Kerl, der einen Hut und Stiefel trug, zählte sich deshalb zu den Weißen und glaubte steif und fest, daß er auch in meinen Augen weiß erschiene, ich ihm aber durch das schwarze Porträt eine tödtliche Beleidigung habe anthun 98 wollen. Es blieb mir damals nichts übrig, als vor dem ergrimmten Landsmann Othello's Reißaus zu nehmen. Jetzt war ich hinlänglich gewitzigt, um nicht wieder in eine ähnliche Falle zu gehen, und hielt mir alle kunstliebenden Gönner mit schwarzem Fell weit vom Leibe. 99

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