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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 73
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XXIV.

Von Southampton nach London. Radley's Hotel. Garibaldi-Cultus. Im polytechnischen Institut. Nach Dover. Ein verstockter Greis. Bei Nacht über den Canal. Im Taschen-Dampfer. Die Mauthbeamten in Ostende. Nach Köln. Der erste Gensd'arm und das erste Viergroschenstück. Nach Berlin.

Am 13. Juni begab ich mich so frühe, als nach englischem Brauch statthaft ist, auf das Postamt, fand es geöffnet und nahm die Briefe der Meinigen aus Stettin in Empfang. Ich ließ mir, in das Hotel zurückgekehrt, nur so viel Zeit, sie kurz zu beantworten, meine Ankunft zu melden und die nöthigen Anordnungen zu meinem häuslichen Empfange in Berlin zu treffen, dann bestellte ich rasch ein Frühstück und begab mich nach dem Bahnhofe. Die Woche fing gut an, Jack und Bill von der »Seine« mußten über das vaterländisch graue Aussehen des heutigen Montagshimmels vor Entzücken außer sich gerathen, während so mancher ihrer Landsleute vielleicht auf den Gedanken gerieth, sich aufzuhängen oder den Hals abzuschneiden. Der Personenzug nach London sollte um 11 Uhr abgehen; ich hatte keine Zeit mit Reflectionen zu verlieren. Bald war das Billet gelöst, es kam nur darauf an, einen 326 guten Platz zu erobern. In Gedanken an die Heimath verloren, fühlte ich das dringende Bedürfniß, allein zu bleiben. Ein Shilling that seine gute Wirkung, die Thür des leeren Coupés, in dem ich mich niedergelassen, wurde von dem Conducteur verschlossen; ich wollte mich indeß sicher stellen. Wer auf dem Perron oder im Coupé raucht, hat den amtlichen Anschlägen zufolge – ich glaube mich nicht zu irren – eine Geldstrafe von zehn Pfund Sterl. zu erlegen oder eine entsprechende Gefängnißstrafe abzusitzen; mithin zog ich zuversichtlich meine Cigarrentasche und steckte eine meiner unvergleichlichen Manila's in Brand. Ich hatte meine Leute vollkommen richtig beurtheilt. Der Conducteur, als Tabaksschnüffler erster Größe, schob sogleich den Kopf durch das Wagenfenster. Mein Zweck war erreicht, ich drückte einen zweiten Shilling in seine empfängliche Rechte – »all right Sir« – ich war und blieb allein, aber nur bis zur nächsten Station. Fern sei es von mir, die Dankbarkeit meines neugewonnenen Freundes zu verdächtigen; der Andrang der Stationspassagiere und die unzureichende Zahl der Wagen mögen ihn gezwungen haben, meine Wünsche fortan unbeachtet zu lassen. Das Coupé wurde bis auf den letzten Platz mit steifen, einander stumm anglotzenden Englishmen vollgepropft, deren Personen fast auf jeder Station wechselten, und durch Regenschauer und Tunnels, Windstöße und Grobheiten, fast noch maigrüne Fluren und Heerden von Wiederkäuern, die nicht minder geistvoll um sich blickten, als meine Herren Reisegefährten, kamen wir um drei Uhr in London an. Nachdem ich ein behagliches Unterkommen in Radley's Hotel gefunden, ließ ich mich durch den in Strömen herabgießenden Regen 327 nicht von einer Promenade durch die nächsten Straßen abhalten. Zunächst fühlte ich mich durch die scharfkritischen Blicke der Flaneure veranlaßt; meine zwischen St. Thomas und Southampton hart mitgenommene Cravatte, so wie meine Handschuhe in dem ersten besten Laden zu erneuern, dann begann ich, als Gentleman leidlich sicher gestellt, meine gewöhnliche Umschau. Seit Jahren wohlbewandert in London, fiel mir nichts Neues auf, als der Cultus, der augenblicklich mit dem Namen »Garibaldi« getrieben wurde. Porträts des italiänischen Nationalhelden waren an den Schaufenstern der Läden zahlreicher vorhanden, als Standbilder Buddha's in allen Tempeln von Canton. Ein mit der Landesreligion und englischen Rechtgläubigkeit unbekannter Ostasiate hätte auf den Gedanken gerathen können, den Götzen der Einwohner des großbritanischen Königreichs, oder doch einen seiner verehrtesten Heiligen vor sich zu sehen. Wer nicht Porträts ausgehängt hatte, pries wenigstens Garibaldihemden, Garibaldischinken u. a. m. zum Verkauf an. Es wäre unrecht gewesen, die Tagesmode nicht mitzumachen; ich erstand zur Erinnerung ein Garibaldihemde. Der nur schwer zu durchwatende Straßenkoth trieb mich gar bald in mein Hotel zurück. Eine rührende Erinnerung an die Gasthäuser in Point de Galle auf Ceylon und anderen asiatischen Städten, steckt auch in der Thür meines Zimmers kein Schlüssel, doch sichert ein, inwendig vorzuschiebender, Riegel mich vor nächtlichen Eindringlingen. Die Commode des Gemachs ist gleichfalls mit keinem Schlüssel versehen; das Herz des Hotelwirthes scheint von Vertrauen in die Menschheit überzufließen. Alle drei Schiebläden der Commode stehen offen und sind mit 328 der feinen Tisch- und Bettwäsche des Hotels vollgepackt. Auffallender Weise fehlt aber auf dem Nachttisch die sonst in jedem englischen Gastzimmer gebräuchliche Bibel. In einer an der Thür hängenden Anzeige erbot sich ein Londoner Hiltl zur vollständigen Ausstaffirung von Zimmern. Als Maler interessirte mich besonders die Verheißung des geschmackvollen Industriellen, nach Auswahl der Zimmertapeten, auch die mit ihrer Grundfarbe übereinstimmenden Oelbilder in beliebiger Anzahl liefern zu können. So lebhaft meine Sehnsucht nach der Heimath war: einen Tag, den 14. Juni, mußte ich an die Weltstadt verwenden. Er wurde zu Ankäufen und kleinen Excursionen benutzt.

Von Neuem überzeugte ich mich, daß London für den kleinen Mann, der mit allen Hilfsmitteln und Quellen des Consums Bescheid weiß, zu den billigsten Orten des Erdballs gehört. Am Strand forderte man mir in einem altfränkischen, aber tadellos saubern kleinen Wirthshause für ein schmackhaftes zweites Frühstück, Sandwiches und ein Glas Stout, nicht mehr ab, als vier Pence; eine Kleinigkeit, für die man in Berlin nicht einmal in dem geringsten Keller Hunger und Durst zu stillen vermag. Meine Vorliebe für heitere Scenen aus dem Volksleben trieb mich Abends nach dem polytechnischen Institut, das freilich mit der gleichnamigen Berliner Verbindung von Technikern und Industriellen Nichts als den wohlklingenden Titel gemein hat. Die Gäste des volksthümlichen Vergnügungs-Locals wurden durch die harmlosesten Scherze unterhalten. Bauchredner wechselten mit Bauchsängern, ein kleiner beleibter Herr, dessen Gesichtsfarbe nur wenig lichter als Porter war, zugleich aber einen Stich in den Tyrischen Purpur 329 zeigte, erregte allgemeine Bewunderung, als er mit seinen beiden bemalten Händen die Gesichter zweier zahnlosen alten Weiber copirte und ihre mündliche Unterhaltung mittelst der Bauchstimme hinzufügte. Das Stück war schön, aber gewiß sehr angreifend, denn der kleine Herr war genöthigt, sich in jeder kurzen Pause durch einen tiefen Zug aus der hinter ihm stehenden Bierkanne Stärkung und Labung zu holen. Ein etwas abgeschabt aussehender Weltweiser hielt einen Vortrag über den von ihm erfundenen Glas- und Porzellankitt und schloß mit der Betheuerung: eher ginge der Erdball in Stücken, als ein mit seinem Kitt ausgebessertes Geschirr. Dann wurden Geister beschworen und in einer Theaterscene die Operationen mit der Taucherglocke auf dem Meeresgrunde dargestellt; Hornpipe, der beliebte Matrosentanz, fehlte ebenfalls nicht auf dem reichhaltigen Programm. Der Straßenlärm störte mich in dieser Nacht weniger, als in der vorigen; um 10 Uhr fuhr ich nach der neuen Dower-Eisenbahn, und um halb 11 Uhr rollte der Expreßzug mit uns in schwindelnder Eile davon. Der anhaltende Landregen beschränkte die Aussicht; ich versuchte, mit dem mir gegenüber sitzenden alten Herrn eine Unterhaltung anzuknüpfen. Anscheinend wohlwollend, lauschte er einige Secunden lang meinen höflichen Worten, dann schnitt er mir mit einem gedehnten: »Oh yes!« den Faden vor dem Munde ab, zog zwei große Zeitungsbogen aus der Busentasche, reichte mir einen derselben und verbarg, scheinbar in die Lektüre vertieft, sein wohlrasirtes Antlitz hinter dem andern. Die Demonstration war nicht mißzuverstehen. Der Greis wollte mit mir Nichts zu schaffen haben; ich verstummte. Umgänglicher erwies sich meine jugendliche Nachbarin 330 zur Linken, eine blühend schöne Miß. Die Wahrheit zu gestehen, hatte ich den Griesgram für ihren Vater gehalten und nur gehofft, durch seine Vermittelung mit ihr in nähere Berührung zu kommen. Das renitente Wesen des Unbekannten bewog das junge Mädchen, mich aus freien Stücken durch liebenswürdige Zuvorkommenheit zu entschädigen. Das holde Kind begann mit dem Angebot einer prachtvollen Erdbeere, deren sie eine Anzahl in einem gestickten Handkörbchen aufbewahrte; dann mischte sich auch ihr jüngerer Bruder in das Gespräch. Die Geschwister hatten sich, um die deutsche Sprache zu erlernen, längere Zeit in Bonn aufgehalten und später die Rheinlande bereist. Sie waren des Lobes unserer Landsleute voll und bedauerten, mir nicht auf das Festland folgen zu können. Die nächste Station trennte uns zu früh. Eine glänzende Equipage und ein alter Diener warteten auf die jungen Leute; der Landsitz ihrer Eltern mochte in der Nähe liegen. Die Schienenstraße nach Dover führt an Sydenham und Chatham vorbei, meistens durch Hopfenpflanzungen und eine Reihe von Tunnels, in denen eine drückend heiße Atmosphäre herrscht. An die Stelle der Palmen, zwischen denen die Locomotive auf der Landenge von Panama hinflog, sind ehrliche Pappeln getreten; meine Lieblingsbäume werde ich fortan nur in Treibhäusern aufzusuchen haben. Um meine Trübsal zu erhöhen, werden durch Inschriften an den neuen Stationsgebäuden alle Attentäter, die sich des Rauchens erkühnen, mit sofortiger Exmission aus den Coupés bedroht. Ich vertröste mich auf die Toleranz der Eisenbahnbeamten des Continents und füge mich in Resignation dem strengen Verbot. Um halb ein Uhr hatten wir Dover erreicht. Für die flüchtigen 331 Stunden meiner Anwesenheit wählte ich mit gutem Vorbedacht Castle-Hotel. Hier hatte ich im Jahre 1847 mit meinem, jetzt in Rom an der Pyramide des Cestius ruhenden Bruder gewohnt; der Anblick der bekannten Räume gewährte mir eine wehmüthige Erinnerung. Nach 5 Uhr klärte sich das Wetter auf, ein Dampfer kam von Ostende, ein zweiter von Calais; beide entledigten sich ihrer Ladung von seekranken Passagieren. Das Aussehen der armen Menschen war gottesjämmerlich und Nichts weniger als ermuthigend; aber der Becher mußte rasch bis auf die Hefe gelehrt werden. Die Rechnung in Castle Hotel wurde an die Frau Wirthin bezahlt, ein kleines Vermögen in Trinkgeldern an Kellner und Träger verausgabt, und unter wilden Flüchen aller Reisegefährten über das abscheuliche Canalwetter ging ich, zur Nachtfahrt entschlossen, um neun Uhr an Bord des kleinen belgischen Dampfers für Ostende.

Die für mich in Southampton aufbewahrten Briefe geboten mir, auf dem kürzesten Wege nach Hause zurückzukehren. Mein ursprünglicher Plan, den hohen Gönnern und werthen Freunden, deren Empfehlungsschreiben ich in der Ferne so viele Annehmlichkeiten zu verdanken hatte, meinen Dank in eigener Person mündlich abzustatten, war nicht mehr ausführbar. Es bleibt mir Nichts übrig, als Sr. kgl. Hoheit, dem Prinzen Adalbert von Preußen, Lord John Russel, dem Geh. Commerzienrath Herrn Alexander Mendessohn und Herrn Herrmann Hoffbauer in Berlin, Herrn Zschille zu Großenhain in Sachsen, den Herren Hauptmann von Brandt und Commerzienrath C. F. Brumm in Stettin, und den Herren Siemsen 332 und Rossvidal in Hamburg, schriftlich und öffentlich zu danken.

Der kleine Postdampfer, seiner Zeichens ein »Steamer in der Westentasche« stach um 11 Uhr Nachts in See, und hatten wir uns nach Umständen so gut als möglich einzurichten. »Jeder sehe, wo er bleibe«; an Bord dieser Dampf-Infusorien werden keine Betten geliefert. Um die Passagiere, deren gewöhnlich mehr als Plätze vorhanden zu sein pflegen, kümmert sich Niemand. Wir waren gezwungen, uns auf Bänken und Sopha's auszustrecken. Zwei Angehörige der beiden großen Nationen, welche der Canal trennt, geriethen sehr bald über das Jedem zustehende Schlafterrain in Streit. Der Franzose wollte eine nach dem Vordersteven hinausreichende Sophaecke früher belegt haben, John Bull streckte gemächlich seine riesigen Gliedmaaßen aus und gab keine Antwort. Der Franzmann wurde grob; der Sohn Albions entwickelte langsam, aber majestätisch eine Boxerstellung. Diesen Moment benutzte gewandt sein schwächerer Gegner und bemächtigte sich des leeren Sitzes, darauf pochend, daß er das Rückwärtsfahren nicht zu vertragen im Stande sei. »Je suis Français! Monsieur, moi!« schrie er mehr als zehnmal hintereinander. Für den Fall, daß der Engländer Genugthuung haben wolle, fügte er hinzu: »Je demeure rue St. Honoré 339.« Den Wohnort Paris sprach er, als selbstverständlich für einen duelllustigen Franzosen, gar nicht einmal aus. Zu seinem Heil war der Engländer ein friedliebender Mensch, er begütigte in tiefen Baßtönen den Kleinen, der sich wirklich in seinem Rechte befinden mochte, und schließlich theilten Beide das kleine Canapé als 333 Nachtlager, oder vielmehr Nachtsitz, und entschliefen sanft, während draußen die wilde See ihr tobendes Nocturno anstimmte. Mir war es nicht beschieden, ein Auge zu schließen; ich durchwachte die Stunden der Ueberfahrt in einem winzigen Lehnsessel; ein Vogel auf der Stange des Käfigs saß bequemer. Die Gesichter der Mauthbeamten in Ostende, als wir um vier Uhr Morgens dort anlegten, waren nicht heiterer als der Himmel, der sich von seinem triefenden Regenmantel nicht trennen zu können schien. Hinter uns drein schnaubt der Nordwest grimmig über den Canal; es war weise, die Nacht zur Reise benutzt zu haben; der 16. Juni droht noch rauher zu werden. Nachdem wir und unsere Koffer den Händen der spähenden Zöllner entgangen waren, und diese sich wieder zu Bett gelegt hatten, löste ich für zwölf Thaler ein Eisenbahnbillet bis Köln und saß um sechs Uhr geborgen, ohne Furcht vor Anfechtungen unerbittlicher Policemen in einem Rauchcoupé und bewunderte, heiter gestimmt durch die dampfende Cigarre, die belgischen Stationsembleme: »Zum bunten Ochsen«, »Zum goldenen Affen« und »Zur goldenen Freiheit.« Um drei Uhr Nachmittags erschien am Horizont unseres Zuges in Herbesthal nach fast zweijähriger Abwesenheit der erste preußische Gensd'arm, um halb fünf Uhr kam ich in Köln wieder in den Besitz des ersten preußischen Viergroschenstückes, das ich bei dem Portier des neuen Hotel's Ernst einwechselte. Mit zwei dieser gemüthlichen Münzen, deren Werth so vielen kleinen Dienstleistungen unserer Landsleute entspricht, belohnte ich die Bemühungen eines Friseurs, dem ich mein verwildertes Haupthaar anvertraute, um bei meinem bevorstehenden 334 Besuch des Domes nicht die Gemüther der Kirchendiener und Chorknaben in Schrecken zu versetzen. Anderweitige kosmetische Operationen versparte ich für Berlin. Die Haut meiner Hände ist in den Tropen rauh wie ein Reibeisen geworden. Wie wohl war mir Abends im Speisesaale unter den kneiplustigen aufgeweckten Rheinländern, mit welcher wonniglichen Genugthuung vernahm ich wieder die Laute der theuren Muttersprache von Aller Lippen, wie exotisch erschien mir der einzige Holländer in der Gesellschaft, dem es nur mit Mühe gelang, dem Kellner begreiflich zu machen, daß seine Flasche Rothwein in einem Napf heißen Wassers kredenzt werden solle.

Nur noch durch eine Tagfahrt von der Heimath und meiner Wohnung getrennt, unterzog ich mich nach Beendigung des kleinen Zechgelages in nächtlicher Stille einer Schlußmusterung meiner sämmtlichen Gepäckstücke. Es ist mir gelungen, die künstlerischen Errungenschaften meiner Reise um die Erde trotz aller Wechselfälle, deren ich ihrer Zeit Erwähnung gethan, unversehrt und ohne Verlust innerhalb der Grenzen unseres hochcivilisirten Vaterlandes in Sicherheit zu bringen. Ich fühle mich außer Stande, das Gefühl der Dankbarkeit gegen den Lenker menschlicher Schicksale zu beschreiben, als ich in dem tiefen Frieden der ehrwürdigen rheinischen Hauptstadt, unter dem Schirm der Gesetze, Sitten und Bildung, im Schooße des Comforts in meinem Gemach noch einmal die mit Wachstuch umhüllten, in starke Lederfutterale geschnallten Blechkästen eröffnete, in denen ich meine fertigen Aquarellen, fast dreihundert an der Zahl, meine Skizzenbücher und Zeichnungen nebst den Tagebüchern geborgen hatte, und Alles unbeschädigt 335 fand. Die Herren Psychologen in ihrer Weisheit mögen erklären, wie es zuging, daß ich ungeachtet meiner Herzensfreude die ganze Nacht hindurch nur von Kannibalen, Tigern, Felsriffen, Seeräubern, Orkanen und heißhungrigem Ungeziefer träumte und erst gegen Morgen in einen todtenähnlichen Schlaf versank, aus dem mich um halb sechs Uhr der Hausknecht, ein Herold des zwischen sieben und acht Uhr nach Berlin abgehenden Eilzuges, aufscheuchte.

Im Coupé wehen mich altpreußische Lüfte an, die Reisegesellschaft besteht aus einem höheren Militär, einem Regierungsbeamten, und einem sehr loyalen Particulier; nur ein russischer Courier und ein Abkömmling des Psalmensängers, der nach einem zweijährigen Aufenthalt in Paris an die Ufer der Spree zurückkehrt und mit der Veröffentlichung seiner Memoiren mündlich beginnt, bringen ein fremdartiges, sprödes Element in unseren Kreis. Wir fliegen den Tag über an Kegelbahnen mit jungen Lieutenants, gegenwärtig annectirten Residenzen, preußischen Festungen, Leinwandfabriken und Pfefferkuchenhändlern vorbei; kein Sahib, kein Mandarin oder Kuli, kein Papagei, keine Pagode mehr! In der Stadt Friedrichs des Großen steigen sogar zwei Potsdamer ein und bringen den Jüngling aus Paris vollständig zum Schweigen; hinter Zehlendorf wagt er den ersten, vor Schöneberg den zweiten Seufzer auszustoßen. Die Reisegefährten kümmern sich nicht mehr um einander, die Schnelligkeit der Locomotive nimmt ab, wir rollen langsam über die Drehbrücke des Schifffahrts-Canals, hinter dem Schlagbaum der Chaussee 336 stehen Equipagen, Droschken und Spaziergänger, der Zug rollt in den Potsdamer Bahnhof, noch ein gellender Pfiff, die Thüren werden aufgerissen – ich liege in den Armen meines Bruders.

 

Ende.

 

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