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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 71
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XXII.

Auf der Höhe von Cayenne. Südliches Kreuz und Polarstern. Die Grog-Bell. Tinktur gegen Pockennarben. Nächtliche Redner und Zänker. Das Hazardspiel Monte. Im Quartier latin. Tauschhandel in Texas. Sechszig Schildkröten als Deckpassagiere. Die Wiederkehr des Zwielichts. Unter Seejungfern. Immer zugeknöpft. Ein falscher Leck. Abschied von den fliegenden Fischen.

Unsere Ankunft auf der Höhe von Cayenne ist nicht geeignet, in der Seele eines Reisenden, dem noch nicht alle Zeitungserinnerungen abhanden gekommen sind, zumal an Bord eines Dampfers, der den Namen »Seine« führt, angenehme Gedanken zu erwecken. Mit den Vorstellungen des Landes, »wo der Pfeffer wächst«, wird er stets die Bilder verunglückter Politiker, seien sie nun Deputirte der Opposition oder Publicisten, Gelehrte oder Arbeiter, Republikaner oder Socialisten, verknüpfen und an jene Epoche der französischen Geschichte denken, wo die Grundsteinlegung des imperialistischen Gebäudes mit der Versendung mehrerer tausend Staatsangehörigen in diese ungesunde Sommerfrische begann. Heute sind wir bei der Krönung desselben angelangt, aber wer wollte die Möglichkeit eines eben so starken Nachschubs zu bestreiten wagen?

302 Wir steuern consequent in nordöstlicher Richtung, allgemach neigt sich das herrliche Sternbild des südlichen Kreuzes gegen den Horizont, und jener mattleuchtende Punkt, an den Philosophen und Dichter aller Jahrhunderte so viele ihrer tiefen Gedanken und erhebenden Gleichnisse geknüpft, der Polarstern, erhebt sich höher und höher über die nachtdunkle Meeresfläche. Das hehre Symbol der Heimath und nordischen Gesittung, wenn es Abends in der Ferne blinkt, rührt selbst die Herzen Derer, welche für ihre sentimentalen Aeußerungen sonst anderweitige Ausgangspunkte zu wählen pflegen. Sobald nach vollendeter Tagesmüh', um mit meinem Freunde Meyer, dem Eingeborenen aus Posen, zu reden, da er sich stets befleißigt, alle technischen Schiffsausdrücke »in sein geliebtes Deutsch zu übertragen«, die »grog bell gerungen«, d. h. »die Grogglocke geläutet« wird, und sich die lechzenden Gentlemen in der Kajüte versammeln, um Gläser und Extragläser der mit jedem Grade nördlicher Breite heißer und steifer werdenden Mischung »to sweat hearts and wifes in old England« (den Geliebten und Frauen in Alt-England) zu weihen, erscheinen regelmäßig Einzelne auf Deck und stellen astronomische Beobachtungen an.

Der am 30. Mai veröffentlichte Rapport ergab, daß wir in vier und zwanzig Stunden 232 Meilen zurückgelegt hatten. Das Wetter ist unvergleichlich schön, und ein Ost-Passat, gegen den wir steuern, lindert die Schwüle der Atmosphäre und die körperlichen Leiden aller jener Passagiere, die sich nur nach Europa begeben, um berühmte Aerzte zu consultiren. Außer allen möglichen Spielarten des Fiebers sind die heterogensten Krankheiten an Bord der »Seine« 303 vertreten; was könnte ein wißbegieriger junger Doctorand unter sachkundiger Leitung bei uns lernen! Hier wäre das Terrain zur Gründung einer Klinik, in der mindestens die spätere eigentliche Cur angebahnt werden könnte. Sogar mein Laienauge setzt die Mannigfaltigkeit der Krankenphysiognomien in Erstaunen, aber noch mehr bin ich über die Gleichgiltigkeit des jungen, erst fünfundzwanzigjährigen englischen Schiffsarztes außer mir, der allen diesen »interessanten« Kranken nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkt. Allerdings muß ich zu seiner Entschuldigung berichten, daß Niemand ihn durch Consultationen in Versuchung führt und in seinen chemischen Studien stört. Das Zutrauen der Menschen kommt mir entgegen, und der junge Hippokrates hat mir schüchtern und mit verschämten Wangen eingestanden, daß er an der Herstellung einer Tinktur arbeite, deren Verkauf ihm die Reichthümer des Krösus verschaffen müsse. Der wundersame Saft soll nach seinen vertraulichen Mittheilungen nicht zur Verlängerung des menschlichen Lebens, oder zur Umwandlung unedler Metalle in edle, sondern nur zur radicalen Vertilgung der Pockennarben dienen. Die Wirkung des Arkanums hängt angeblich von dem richtigen Mischungsverhältniß der einzelnen Bestandtheile ab. Im Stillen scheint der Wunderthäter seiner Sache nicht ganz gewiß zu sein, denn er hofft gleichzeitig auf eine gefahrvolle, aber glückliche Entbindung an Bord, die ihn nach seiner Behauptung zu einem »gemachten Manne« machen werde. So weit ich indessen durch meine bisherigen Wahrnehmungen unterrichtet bin, ist keine Aussicht zur Förderung der Carriere unseres ärztlichen Helfershelfers, als »Accoucheur« vorhanden. Ich für meinen Theil würde ihm nicht einmal Bart 304 und Elsteraugen, geschweige denn Weib und Kind anvertrauen. Ein schwerer Uebelstand, der mit dem traurigen Befinden vieler Mitreisenden zusammenhängt, ist die Verschlechterung des moralischen Dunstkreises. Die Klätschereien und Zänkereien wollen kein Ende nehmen, und, wie ich zu meiner Beschämung zugeben muß, sind es gerade die Männer, welche immer an der Tête der kriegführenden Parteien voranschreiten. Ungleich friedfertiger und zur Versöhnung geneigter ist die Gesinnung der Damen, ein Umstand, der sich aus der Heirathslust der Mehrheit erklärt. Unter den touristischen Creolen, Mulatten, Mestizen und Quadronen ist es vollkommen unmöglich, den Frieden zu erhalten. In den meisten Fällen kommen die Zwistigkeiten in der Nacht zum Ausbruch. Einmal erwacht die Redelust der farbigen Menschen grade um die Zeit, wenn der Weiße sich aufs Ohr legt, nächstdem verleiden die körperlichen Unbequemlichkeiten der meisten Passagiere aus den Tropenländern ihnen ein ruhiges Beisammensein. Der weise Salomon, unser majestätischer Capitän, hat den Tag über alle Hände voll zu thun, die Streitigkeiten dieser Meerkatzen zu schlichten und die Verfeindeten durch Ausquartierung von einander zu trennen und unschädlich zu machen. Die bisher nicht belegte dritte Schlafcommode in unserer kleinen Koje, ein Raum, nicht viel länger und breiter, wie die Schieblade in einem Puppenmöbel, hat demzufolge als Insassen einen winzigen Franzosen erhalten, der lieber seine frühere bequeme Bettstatt aufgiebt, um nur nicht mit drei bräunlichen Unholden von den Antillen zusammenzubleiben. Der flüchtige Zwerg ist genöthigt, sich in dem niedrigen Schlafkästchen förmlich in einen Knäuel zusammenzuballen, 305 doch thut diese unbequeme Lage seiner angeborenen Redseligkeit keinen Eintrag. Mein Kojencamerad, der Meergreis mit dem Schwimmgürtel, ist vor Entzücken über die Ankunft des gesprächigen Landsmannes außer sich und vergißt während der lebhaften Unterhaltung selbst die gewöhnlichen Blaseübungen. Die beiden Schwätzer bringen mich um die ersprießlichsten Stunden der Nachtruhe. Zwischen dem 30. und 31. Mai wurde von zwölf bis drei Uhr die fragliche Ablassung eines Waarenpostens im Werthe von 18,000 Dollars so laut und gründlich abgehandelt, daß ich einen leichten Anfall von Seekrankheit verspürte.

Im Salon ist nicht viel Trost zu holen; die Herrengesellschaft unterhält sich bis Nachts elf Uhr zumeist mit Hazardspiel. Zwei spanische Banquiers, Spieler von Profession, ziehen den Engländern und Nordamerikanern mit eben so viel Kaltblütigkeit wie Kunst: das Glück zu corrigiren, ihr Geld aus der Tasche. Das Spiel wird »Monte« genannt, aber der gänzliche Mangel eines Spielorgans hat mich am Verständniß aller seiner Chancen verhindert und verbietet mir eine nähere Beschreibung; ich weiß nur, daß große Summen verloren wurden, und daß es täglich zu heftigem Wortwechsel kam, vor dem ich aus Furcht, es könne schließlich zum Dolch oder Revolver gegriffen und den Anwesenden später die Zeugenschaft vor englischen Gerichten auferlegt werden, immer die Flucht auf Deck ergriff. An Seitentischen sind »Meine Tante, Deine Tante« und »Landsknecht« an der Tagesordnung, auch herrscht hier etwas mehr Gelassenheit unter den Pointeurs. Kann ich unbemerkt entwischen, so suche ich Erholung auf einem Ausfluge in das Quartier latin der »Seine«, d. h. den 306 Aufenthaltsort der Passagiere zweiter Klasse. Ein Theil derselben besteht aus kleinen Landbesitzern, die unter erschwerenden Umständen des Ackerbaues selbst mit Hand angelegt und vielseitige Erfahrungen gemacht haben. Meiner Gespräche mit einem Deutschen, der fünfzehn Jahre in Texas zugebracht und in derb humoristischer Manier von seinen Erlebnissen zu erzählen wußte, erinnere ich mich noch heute mit Vergnügen und wünschte wohl, der wackere Mann griffe zur Feder und veröffentlichte seine Denkwürdigkeiten zur Belehrung zahlloser irregeleiteter Auswanderer, welche gerade einer solchen urwüchsigen Darstellungsweise mehr Glauben zu schenken pflegen, als gutgemeinten, aber vornehmer zugeschnittenen Zeitungsartikeln und Brochuren. Gar ergötzlich war seine Beschreibung des Tauschhandels, dessen Tarif sich früher jeder neue Ansiedler nothgedrungen bequemen mußte. Erwartete z. B. einer der Leute die Geburt eines Kindes und brauchte eine Wiege, so trat er eine Reise zur nächsten Tischlerwerkstatt an. Mit baarem Gelde konnte er sich nicht versehen, denn Niemand verfügte darüber, aber er band einen Ochsen hinten an den Karren. Der Wiederkäuer war gut für zehn Dollars. Erreichte der Preis der Wiege nicht diesen runden Betrag, so gab der Meister heraus: ein Kalb oder einen Hammel. Bei Ankaufen kleinerer hölzerner Geräthschaften, wo es nicht selten auf eine Berechnung der Preise in Scheidemünze ankam, half man sich mit Lämmerschwänzen und Hasenfüßen, deren jeder auf einen halben Silber- oder Neugroschen abgeschätzt wurde. Einmal, da eben weder Kalb noch Hammel zum Ausgleich vorhanden war, bot der Tischlermeister meinem Gewährsmanne, noch ehe das Kleine die Wände beschrieen hatte, einen 307 Kindersarg, gleichsam als Reserve an, die in keinem gut eingerichteten Haushalt fehlen dürfe. Unter Fußbänken, Schaukeln und Stiefelknechten, die mit kleiner Silbermünze gleichbedeutend waren, konnten die Käufer oder Täuscher immer eine beliebige Auswahl treffen.

Ist ein Schluß auf dem Gesundheitszustande der Passagiere zweiter Klasse und der Atmosphäre ihrer Wohnräume gestattet, so werden sie an Bord der »Seine« nicht schlecht behandelt. Zwei große Windschläuche, die neben zwei kleinen Treppen hinab unter das Vorderdeck führen, verbreiten unten sogar eine erfrischendere Luft, als wir sie oben in den Salons und Kojen genießen; zudem befleißigen sich Passagiere und Mannschaften, da Jeder vorkommenden Falles, ohne auf den guten Willen der Dienerschaft zu warten, gleich selber zu Besen und Bürste greift, der äußersten Reinlichkeit. Nur mit Widerstreben trenne ich mich von den guten Menschen und kehre unter die Sippschaft von Spielern zurück, wo ich niemals davor sicher bin, daß nicht mein Nachbar ein Terzerol aus der Tasche zieht und sich eine Kugel durch den Schädel jagt. Einigen, wie den saubern Böhmaken, welche von der Mosquitoküste zurückkehren, wird von ihren Reisegefährten nicht viel Gutes nachgesagt. Der präcisen Unterscheidung von Dein und Mein sollen sie nach einem vieljährigen Aufenthalt in Landstrichen, wo Jeder gleich mit bewaffneter Faust zu seinem Rechte zu kommen weiß, nicht befähigt sein.

Spät in der Nacht vom 1. zum 2. Juni erblickte ich zum letzten Male das südliche Kreuz. Nach 1 Uhr verschwand es in den Dünsten des Horizonts: wir waren unter dem 27. Breitengrade und 54. östlicher Länge 308 eingetroffen. Bei tiefer Windstille umwölkte sich am 2. Juni der Himmel, und es begann, wenn man sich auf hoher See des Ausdrucks bedienen darf, ein anhaltender Landregen, dessen sich besonders die fliegenden Fische erfreuen, da sie durch die dauernde Anfeuchtung ihrer Schwungflossen in den Stand gesetzt werden, ihren Flug ein wenig weiter auszudehnen. Die »Seine« durchschneidet den Tag über ein unermeßliches Gefilde von graubraunem Seetang. Um 1 Uhr Mittags kamen wir mit einem, uns begegnenden englischen Dreimaster in so nahe Berührung, daß von Bord zu Bord einige Worte gewechselt und höfliche Wünsche in Bezug auf eine glückliche Reise ausgetauscht werden konnten. Mit einem soliden Regenschirm bewaffnet, lasse ich mich durch den starken Regen nicht von meiner gewohnten Promenade abhalten und lustwandle auf dem vorderen landwirthschaftlichen Gebiete unseres Dampfers. Den für den Verzehr bestimmten Ochsen leisten ungefähr sechzig Schildkröten Gesellschaft. Nachdem sie selber in London zur Anfertigung von Turtle-Suppe gedient, soll das kostbare Schildpatt an die Fabriken verkauft werden. Meine Bedenken, was Mitglieder von Thierschutz-Vereinen zu der Behandlung der armen Thiere sagen würden, will ich zu Nutz und Frommen des Schildkrötengeschlechts nicht unterdrücken. Die armen Geschöpfe liegen sämmtlich auf dem Rücken, und müssen während der ganzen Reise auf Leibesnahrung verzichten. Nur zweimal in jeder Woche werden sie in eine Wanne gelegt und mehrere Minuten lang mit Seewasser begossen. Diese kümmerliche Erfrischung scheint wirklich zu genügen, an vereinzelten Exemplaren glaube ich sogar Spuren von Frohsinn, insofern sich 309 derselbe mit den unzulänglichen Organen dieser phlegmatischen Thiergattung ausdrücken läßt, wahrgenommen zu haben. Einer unserer englischen Reisegefährten hat diese belebende Operation der Nachahmung für werth gehalten, nur beschränkt er sich nicht auf zweimalige Uebergießungen in der Woche, sondern hat mit Einwilligung des Capitäns zwei Matrosen gegen eine Baarentschädigung engagirt, die täglich mehrmals für das nöthige Material zu Sturzbädern sorgen. Der eifrige Wasserfreund hat den beiden Grieswärteln die strengsten Instructionen ertheilt und sie autorisirt, ihm im Falle seiner momentanen Weigerung die Uebergießungen sogar unter Anwendung von Gewalt angedeihen zu lassen. Aus den Armen der Liebe oder vom Altar, wie es in Schillers Räubern heißt, können sie nun freilich das verwitterte Original nicht fortreißen, allein ich war doch Augenzeuge, wie sie ihn, der Ordre gehorsam, ohne sich an seine Proteste zu kehren, mitten in einem Robber ergriffen und vom Whisttisch nach dem auf dem Vorderdecke stehenden Badezuber schleppten.

In den Abendstunden gedenke ich jetzt oftmals eines mir befreundeten, jetzt verstorbenen Offiziers, der in Diensten der holländischen Regierung auf Java, von Sehnsucht nach dem Wechsel der Jahreszeiten in dem europäischen Klima verzehrt wurde und sich nicht eher beruhigen konnte, als bis er seine Lust an dem nordischen Winter und Frühling durch erhebliche Opfer gebüßt und eine Spritzfahrt in die Heimath unternommen hatte. Dem Dämmerungsfalter gleich fühlt sich das deutsche Gemüth in dem schwindenden Lichte des Tages heimisch und vermag sich niemals mit dem crassen Wechsel von hellem 310 Sonnenschein und tiefer Nacht zu befreunden. Wir befinden uns in den Breiten von Madeira und die Finsterniß bricht nicht mehr so plötzlich herein, als bliese man die einzige, in einem großen Saale mit geschlossenen Fensterläden brennende Kerze aus. Ich genieße, wenn auch nur kurze Zeit, das gemüthliche Zwielicht; von jener traulichen Unterhaltung unter Freunden, auf die wir in der deutschen Heimath um diese Stunde so viel Werth legen, daß wir oft absichtlich das Anzünden der Lampen verzögern, kann hier nicht die Rede sein. Die poetischen englischen und nordamerikanischen Schönen zittern in den kühleren und feuchten Abendstunden für ihren Teint und werden so spät nicht mehr auf dem Verdeck sichtbar. Ihr Glanzmoment ist der Vormittag, wenn sie kurz vor Vollendung ihrer Toilette an sonnigen Stellen Platz nehmen und das nach dem Bade feuchte, aufgelöste Haar im Winde trocknen lassen. Ich muß meinen ganzen moralischen Einfluß aufbieten, um das Entzücken meines Freundes Meyer in erlaubten Schranken zu halten. Wenig bewandert in der Literatur, also arm an Citaten, wählt er seine Bilder meistens aus jenen, in früher Jugend auswendig gelernten neuen Liedern, die das Volk der Buchdruckerei von Trowitzsch verdankt. Am 4. Juni, als die Grazien gleich den Feenjungfrauen in dem Schwanenmährchen von Musäus wieder beisammen saßen, mußte er seinem gepreßten Herzen nolens volens Erleichterung verschaffen. Mit Stentorstimme, daß alle Damen aus ihren Taschenbüchern und Albums erschrocken aufblickten, schrie Meyer im höchsten Falsett: »Die puren Seejungfern – die puren Seejungfern – nur der Fischschwanz fehlt!« Ich 311 ergriff ihn am Arm und schleppte ihn zu den Schildkröten.

Den armen Thieren sollte heute eine unvorhergesehene Freude bereitet werden. Der Koch hatte sich zur Verherrlichung des schönen Frühlingstages bei der Anfertigung des Tiffin ungewöhnliche Mühe gegeben, und seine Leistungen verdienten wirklich, in Erwägung, daß wir uns an Bord eines englischen Dampfers befinden, warme Anerkennung, der Mr. Abraham durch Bestellung einer Flasche Champagner zu vier Dollars Ausdruck verliehen hatte, als wir noch mit dem letzten Bissen im Munde durch Feuerlärm von dem Tische aufgeschreckt wurden. Die Passagiere in ihrer gegenwärtigen Zusammensetzung sind indessen gegen derartige Scherze abgehärtet. Sie hatten sich nicht sobald von der bloßen Fiction des Unglücks überzeugt, als die Tafel abgeräumt wurde und die Herren mit vollkommener Gemüthsruhe zu den Karten griffen. Mir kam es auf einige Sturzbäder nicht an, ich drang durch das Getümmel der Mannschaft bis auf das Vorderdeck vor und sympathisirte hier mit den Schildkröten, die ihre Freude über die Berieselung des Dampfers durch anmuthige Bewegungen mit den Köpfen und Füßen darthaten.

Der spanische Gesandte, der seit vier Tagen krank darnieder lag und in seiner Kabine geblieben war, hat über diese Aufregung seiner Nerven, wie der Schiffsklatsch berichtet, bittere Klage geführt. Zu unserem Besten befindet er sich glücklicherweise nicht in der Lage, mit Repressalien drohen zu können. Die Verstimmung hat ihn nur zugeknöpfter gemacht. Se. Excellenz würdigen jetzt Niemanden 312 mehr eines Wortes, ihr einziger Umgang ist ein diplomatischer Herr von der Insel Curaçao. Beide lustwandeln, mit weißen Cravatten und Handschuhen geschmückt, um die Promenadestunde auf dem Verdeck, und tauschen lispelnd ihre Ansichten über die in ihren Händen ruhenden Geschicke der Völker aus. Zuweilen wandelt mich die Lust an, den Herren Gesandten an den solennen Empfang in Panama und seine Draisinenfahrt über die Landenge nach Aspinwall zu erinnern.

Der falsche Feuerlärm hat wenigstens das Gute gehabt, die klägliche Beschaffenheit unserer zehn Rettungsböte (life boats) ans Licht zu bringen. Drei derselben bedürfen einer gründlichen Ausbesserung, die denn auch am 5. Juni vorgenommen wird. Zum Ueberfluß befiehlt der Capitän, wahrscheinlich nur um die aus 125 Köpfen bestehende Mannschaft nicht müßig gehen zu lassen, die übrigen sieben Böte gründlich zu reinigen und mit Masten, Segeln, Rudern und Steuer auszustaffiren. Diese kleine Marine auf Deck sieht nach ihrer Vollendung im Verhältniß zu den riesigen Dimensionen des Dampfers wie Kinderspielzeug aus. Große Manöver sind nun einmal Mode geworden, und am 6. Juni Vormittags hieß es wieder, die »Seine« habe einen gefährlichen Leck. Fünf Minuten darauf war die Mannschaft an allen Pumpwerken in Thätigkeit und das Ende des Tages verlief unter ferneren Reparaturen an allen Ecken und Enden. Die Herren Abraham und Meyer, die neuerdings Geschmack an einander gefunden, und ein Schutz- und Trutzbündniß geschlossen haben, machten die treffende Bemerkung: der Capitän hätte passender alle diese Versuche vor Beginn der Reise 313 angestellt, wenn ihm soviel daran lag, sich von der Zuverlässigkeit und Dressur der Matrosen, der Beschaffenheit des Materials und der Apparate zu überzeugen. Von den tropischen Naturgebilden verschwindet eins nach dem andern, die mit der Hautkrankheit »der rothe Hund« Behafteten genesen unbegreiflich geschwind, und meine Freunde, die fliegenden Fische, haben mich für immer verlassen. 314

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