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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 69
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XX

Steamer Solent. Meerkatzenbraten. Die Reisesaison in den Antillen. Chilenische Damen. Der Hotelwirth aus Panama als Tourist. Rothbart und Rothkopf. Barmherzige Schwestern. Die Nimrods. Schauspieler und Stierfechter. Eine Matadorin. Auf der Höhe von Jamaica. Stadt Kingston. Der Odeur der Neger. Vergnügtsein der Matrosen. Noch vierzig mehr. Das Seescheusal. Vor Hayti. Nach St. Thomas.

Aspinwall ist ein kleines, von Cocospalmen umgebenes Städtchen, das als Durchgangspunkt der Reise über die Landenge eine große Zukunft hat. Vorläufig haben sich hier aber nur die schlimmsten Seiten der europäischen Civilisation entwickelt. Schon dem eiligen Passanten fällt die Menge der liederlichen Häuser auf. Fast immer das dritte öffentliche Local pflegt eine Schenke zu sein, deren Wirth prostituirten Frauenzimmern ein Unterkommen gewährt. Im tiefsten Grunde der Seele dieser Gräuel überdrüssig, die mich durch zwei Welttheile unablässig verfolgt, begrüßte ich den aus dem Schlott des Steamers Solent aufsteigenden Rauch wie ein Glück verheißendes Signal. Da eine Ueberfüllung des verhältnißmäßig kleinen Schiffes mit Bestimmtheit vorauszusetzen war, hielt ich mich mit der Besichtigung 276 Aspinwall's nicht länger auf, sondern eilte, an Bord zu kommen und sofort eine Stelle mit Beschlag zu belegen, von der mich Niemand zu vertreiben vermochte. Nur ein abscheulicher Anblick fesselte mich kurz vor der Ueberfahrt einige Augenblicke am Strande. Unter den kastanienbraunen Indianern, die mit den schon erwähnten Verkaufsgegenständen auf die Reisenden lauerten, bemerkte ich mehrere bejahrtere Individuen, welche das Mittagsessen für ihre Compagnons zuzubereiten schienen. In sich versunken hockten sie an kleinen Kohlenfeuern und drehten sorglich hölzerne Bratspieße, an denen kleine Kinder steckten. Ein Schrei des Entsetzens blieb mir in der Kehle stecken, erst das Gelächter meiner Begleiter, der französischen Offiziere, überzeugte mich von meinem Irrthum. Die kleinen Kinder waren abgebalgte Meerkatzen, angeblich ein schmackhaftes Wildpret, das die Indianer nie verschmähen sollen. Mir hatte die Aehnlichkeit des Bratens mit menschlichen Umrissen und Formen für den Rest des Tages den Appetit verleidet. Die Abfahrt verzögerte sich bis sieben Uhr Abends; zwei Stunden lang hatte uns ein tropischer Platzregen in der Kajüte festgehalten. Die Sonne ging blutroth unter, das Rauschen der Räder beginnt und jede ihrer Umkehrungen bringt mich der Heimath näher. In dieser frohen Hoffnung kümmere ich mich nicht um das nächtliche Gewitter, nicht um das Jammergeheul seekranker Frauen und Kinder, nicht um die Ueberschwemmung aller Kojen, denn die drückende Hitze zwingt uns, die Lucken offen zu lassen; nur flüchte ich um Sonnenaufgang auf das Verdeck, um dieses seltenen Schauspiels, das ich nur noch kurze Zeit genießen werde, nicht aus Bequemlichkeit verlustig zu gehen. Das Unwetter hat sich verzogen, 277 an Gluth der Farbe macht die See dem Ultramarin den Rang streitig und eine leichte südliche Brise begünstigt unsere Fahrt, wie die kurzen Luftreisen der fliegenden Fische. Die Jahreszeit gilt für die beste der Antillen und alle Touristen machen sich in den Monaten Mai und Juni auf den Weg nach Europa. Das stärkste Contingent hat Chile gestellt. Die Elite desselben sind einige Damen aus Valparaiso und Lima, unter denen wieder eine beinahe sechs Schuh hohe und entsprechend breite, leider etwas passirte Schöne den Vorrang behauptet. Durch ihre, aus siebenzehn Koffern und zwölf Stück Handgepäck bestehenden Effecten hat sie sich sogleich ein geachtetes Renommée erworben; ich bewundere sie nur als die großartigste Niederlage von Diamanten, die mir bis dahin zu Gesicht gekommen. Alle ihre Finger sind mit Brillanten bedeckt. In den Haaren trägt sie ein Diadem, mehrzöllige Gehänge als Ohrringe, am Busen eine Broche vom Umfange eines Zweithalerstücks und am Gürtel ein ungeheuerliches Schloß, groß genug, um ein Festungsthor zu versperren, aber der Glanz aller dieser Steine wird von dem ihrer schwarzen funkelnden Augen übertroffen. Das Frauenzimmer flößt mir etwas von jenem Respect ein, den ich zeitlebens vor bengalischen Tigern empfunden habe. Sogar die herablassende Freundlichkeit der großartigen Dame hat etwas Unheimliches. Einen gefälligeren Eindruck machen ihre jugendlichen Landsmänninnen; doch behandeln Alle die sie begleitenden Cavaliere mit gleicher Lieblosigkeit. Ein junger blonder Spanier, mein Tischnachbar, scheint durch üble Erfahrung gewitzigt zu sein; seine Reisebegleiterin ist eine junge und schöne Engländerin. Sie ist eine jener Abenteurerinnen, deren ich schon 278 wiederholt gedacht, und leistet ihrem zeitweiligen Gönner die Dienste eines Sprachlehrers und Lexikons. Nach dem Brillantschmuck der jungen Philologin übertrifft das ihr gezahlte Honorar bei Weitem das unseren Sprachmeistern bewilligte. Der spanische Gesandte befindet sich gleichfalls an Bord. Zwar hatten seine Verfolger Miene gemacht, ihm selbst noch auf dem Dampfer zu Leibe zu gehen, doch waren von Seiten des englischen Capitäns die nachdrücklichsten Vorkehrungen getroffen worden, das Völkerrecht zu schirmen. Begreiflicher Weise hat der Humor des versprengten Diplomaten durch die letzte Hetzjagd etwas gelitten, böse Zungen sprechen sogar von gelegentlichen Geistesstörungen. Er ist ein junger Mann von einigen dreißig Jahren, aber hart mitgenommen von klimatischen Leiden und jeder Unterhaltung mit Reisegefährten abgeneigt. Unter diesen befindet sich ferner der Hotelwirth aus Panama mit seiner Familie. Bis zu einer höheren Töchterschule hat es der jugendliche Ort noch nicht gebracht, und die zärtlichen Aeltern sind genöthigt, das älteste zehnjährige Töchterchen in einer Pariser Pension unterzubringen. Dem Aufenthalt in der Kaiserstadt soll eine längere Sommerfrische in Baden-Baden folgen. Ueber der Vergangenheit des würdigen Mannes walten, wie über den Antecedentien so vieler seiner diesseitigen Collegen, leise Zweifel ob; so viel ich ermitteln konnte, hat er die Charge eines französischen Corporals mit der eines Kellners vertauscht und dann eine Putzmacherin geheirathet, mit deren Hilfe es ihm gelungen war, sich bis zu dem Range eines Hotelwirthes emporzuschwingen. Das Geschäft mußte sich trefflich rentiren, denn die ganze Familie trieb einen unerhörten Luxus, der 279 mir die Höhe meiner in Panama bezahlten Rechnung sattsam erklärte. Der schon etwas bejahrte Parvenü befand sich in der schlechtesten Stimmung von der Welt; eine Kiste mit seinen Rothweinen und Cognac, die er zu seinem persönlichen Nießbrauch während der Reise bestimmt, war ihm nämlich während der Einschiffung gestohlen worden, und seine verwöhnte Zunge mußte sich mit dem Mittelgut des Schiffskellers begnügen. »Solch' eine Sorte zu verlieren!« brummte der freche Wicht, »noch nie hatte ein Gast meines Hotels einen Tropfen davon über die Lippen gebracht!«

Am Nachmittage des 22. Mai begegneten wir dem von Jamaica kommendem für Aspinwall bestimmten Dampfer, das Wetter war schön, doch bald stieg eine so dichte schwarze Wolkenwand vor uns auf, als wollte sie uns die Straße verlegen. Es kam nicht zu einer elektrischen Explosion, unser Dampfer arbeitete sich mit dem Vollmond um die Wette durch den Wetterwust, nach Mitternacht sprang eine frische Brise auf, und von ihr leicht beschwingt, schoß die »Solent« durch das sich allgemach lichtende Dunkel vorwärts. Ich war bis dahin auf Deck geblieben; der Aufenthalt in der Stickluft der Kojen hatte nichts Verlockendes. Am Morgen des 23. Mai ging die See ungemein hoch, und am Frühstückstisch hatte sich nur eine klägliche Minorität von Passagieren eingefunden. Mir wurde folglich ausreichende Gelegenheit, unseren Capitän, das Prachtexemplar eines alten englischen Seemanns, zu studiren. Die schwere Verantwortlichkeit seiner Stellung, der gefährliche Golf von Mexiko und siebenzig Jahre, haben seine Haupthaare, aber nicht seinen Bart gebleicht. Dieser prangt noch immer in einer so unverwüstlichen Röthe, daß sein 280 Farbenton, ließe er sich auf der Palette verwenden, jedem Tropenabende Ehre machen würde. Der Inhaber dieses Ausnahmebartes scheint jedoch, so stolz er in seinem hohen Alter auf die Stichhaltigkeit der Farbe sein mag, auf eine Milderung des etwas zu krassen Effects bedacht zu sein. Bei Tisch und wo er sich sonst in der Mitte der Passagiere bewegt, muß ihn ein Leibdiener oder Page umgaukeln, den er sich eigends als Dämpfer ausersehen und engagirt hat. Dieser »Adolescentulus« hat so brandroth flammende Haare, daß der Vollbart des Capitäns daneben zu einer blonden Dämmerung verblaßt, und ich zum Schutze meiner erhitzten Augen nächstens eine blaue Brille anlegen werde. Zu den löblichen Eigenschaften des Veterans gehört ferner seine sich immer gleichbleibende Zuvorkommenheit gegen die Damen. Die schönen üppigen Creolinnen behandelt er eben so ritterlich galant, wie drei barmherzige Schwestern, die von ihrem Klostervorstande in Valparaiso beurlaubt, ihre in Paris lebenden Verwandten besuchen wollen.

An der heutigen kleinen Tafelrunde erkenne ich drei alte Bekannte, die mir bisher in dem Getümmel der Passagiere entgangen waren. Ich bin mit den Herren von Suez nach Bombay gefahren und später mit ihnen in Agra zusammengetroffen; wir kommen auf unserer Rundfahrt um die Erde schon zum dritten Male mit einander in Berührung. Sie sind von Indien nach Australien, von da nach Südamerika gegangen und kehren jetzt nach England zurück. Wissenschaftliche oder künstlerische Interessen haben das Triumvirat nicht zum Reisen veranlaßt, sondern nur die Liebe zur Jagd und unaufhörlichen Ortsveränderung. Das Exterieur der jungen Dandys hat durch die große 281 Tour nicht gewonnen, sie sehen verwildert wie Grasteufel aus und wollen sichtlich der Erneuerung unserer Bekanntschaft ausweichen. Hoffentlich gerathe ich durch mein Aussehen und Betragen bei ihnen nicht in einen ähnlichen Verdacht.

Die zunehmende Verschlechterung des Wetters zwingt die Stewards, die Sturmleitern auf den Tisch zu legen, und die Gesellschaft schmilzt täglich mehr zusammen. Von meinen drei Nimrods ist der kleinste unsichtbar geworden. Eine Schauspielertruppe, die sich gleichfalls geflüchtet hat und nach der Havannah geht, leistet dem Unwetter tapferen Widerstand. Die Hauptactrice, von ihren Collegen »die Königin des Dramas« genannt, schlägt eine tapfere Klinge und könnte den Neid jedes Individuums erregen, das zur Seekrankheit hinneigt. Einige Stierfechter theilen das Schicksal der durch die kriegerischen Wirren aus Peru vertriebenen Mimen. Zwei der Herren sind »Matadore«, denselben gefährlichen Posten in der Arena bekleidet auch ein Frauenzimmer, dessen Natur man wohl zutraut, mit einem Stier auch ohne »Espada« fertig zu werden. In socialer Hinsicht ist die kleine Gesellschaft vollkommen ungenießbar; man überzeugt sich sehr bald, daß alle ihre Mitglieder nur Gewicht auf die Ausbildung der Körperkräfte gelegt haben und durch jahrelangen Umgang mit trotzigen Wiederkäuern etwas einseitig geworden sind.

Gegen Sonnenuntergang legte sich der Wind, wir befinden uns in der Nähe der Insel Jamaica, sind aber bei der Trübung der Atmosphäre nicht im Stande, die Küste zu unterscheiden, und fahren mit halber Dampfkraft weiter. Um neun Uhr steigerte sich der Wind von Neuem zu einem 282 förmlichen Sturm, und in dem zwei Treppen tief gelegenen, nur halb erhellten Speisesaal ging Alles drunter und drüber. Nicht Willens, noch einmal seekrank zu werden, suche ich bei dem Nerven erschütternden Anblick der armen Patienten, die plötzlich zusammenbrechen und röchelnd dem Meeresgott ihren Tribut zahlen, das Weite, krieche in die Koje und verhülle mein Haupt. Nach einer gut genug zugebrachten Nacht erwache ich am 24. Mai auf der Höhe von Jamaica; man hatte sich erst bei Tagesanbruch der Insel zu nähern gewagt. Sturm und Regen schreckten mich nicht ab, im Freien zu bleiben und, da an Zeichnen oder Malen nicht zu denken war, die Umrisse des Landes wenigstens meiner Erinnerung einzuprägen. Zwischen zwei kleinen Inseln durch fahren wir in eine prächtige Bai, die nur des Sonnenscheins und blauen Himmels entbehrte, um ein ergreifendes See- und Landschaftsbild zu liefern; durch Festungswerke sind jene beiden Inseln wehrhaft gemacht, und die Aufmerksamkeit der englischen Rothröcke bewies, daß die Besatzung auf ihrer Hut war. Sobald wir uns der Küste näherten, zog ich mein Fernrohr und musterte die ungefähr eine deutsche Meile landein, zwischen Cocospalmen gelegene Stadt Kingston, einen berüchtigt ungesunden Ort.

Der Dampfer legte an einem Bollwerk an, doch war uns die Zeit nur knapp zugemessen. In vierundzwanzig Stunden hoffte der Capitän den Kohlenvorrath erneuert zu haben und die Reise fortsetzen zu können. Kaum waren einige Bretter vom Verdeck auf die hölzerne Brüstung geschoben, als die freien Schwarzen beiderlei Geschlechts, wie Schmeißfliegen über eine Zuckerschale, auf den Dampfer 283 losstürzten und Passagieren und Matrosen, Männern und Frauen, ohne Unterschied der Person, Rum und Cigarren zum Kauf anboten. Ueber die anderweitigen Anerbietungen der zum Theil hübschen, immer wohlgestalteten schwarzen Grazien enthalte ich mich aller ferneren Bemerkungen. Die Schiffsmannschaft hatte sie nur zu wohl verstanden. Eine halbe Stunde später war auf dem Vorderdeck eine Ballfestlichkeit improvisirt, jeder Matrose schwang in der Rechten eine Rumflasche, in der Linken eine freie Negerin; ich ging rasch an's Land, um die Stadt zu besichtigen und nicht Zeuge der Scenen zu sein, die unfehlbar bevorstanden. Der Kohlentransport hatte unmittelbar nach unserer Ankunft begonnen, und die Procession der schwarzen Korbträgerinnen, eine verbesserte Auflage der Berliner Torfweiber, steigerte obenein die Verwirrung. Das Klima schreibt der Bauart Gesetze vor, und die wohlhabenden Stadtgegenden von Kingston, Calcutta, Singapore und Hongkong sehen einander sprechend ähnlich. In den Straßen wachsen herrliche Exemplare von Palmen und Mangobäumen; über die Dächer und durch die Zwischenräume der Straßenfronten blickt ein steiler Bergzug drein. Die schwarze Bevölkerung war durch eine Menge halbnackter Bummler stark vertreten, und zum ersten Male fiel mir die natürliche Ausdünstung der Neger, über welche sich die Nordamerikaner so bitterlich beklagen, unangenehm selbst unter freiem Himmel auf. »Kein Komet ohne Schweif, kein Licht ohne Schatten, keine Rose ohne Dorn und kein Neger ohne Gestank,« sagt auch ein liberaler Yankee, und man kann ihn wohl nicht der Uebertreibung beschuldigen. Ich bedauerte, meine Cigarren auf dem Dampfer gelassen zu haben, denn unüberwindlicher Ekel 284 verhinderte mich, zu den von Negern feilgebotenen Glimmstengeln meine Zuflucht zu nehmen. Unter aufrichtigem Bedauern, auf malerische Ausbeute der schönen Insel verzichten zu müssen, kehrte ich bald an Bord zurück. Es war die höchste Zeit gewesen. Eine Viertelstunde später brach das Unwetter von Neuem los und raste die Nacht über durch Masten und Takelwerk, daß der ganze Steamer bis auf die Grundvesten des Kiels erbebte.

Die französischen Offiziere, deren Gesundheitszustand mir ernstliche Besorgnisse einflößt, hatten mich aus Furcht vor der entsetzlichen Hitze und den in dichten Wolken umherschwärmenden Insecten auf meinem Ausfluge nicht begleitet. Sie waren unerschöpflich in ihren Beschreibungen der von den Mannschaften des Dampfers begangenen Unschicklichkeiten. Als eine der Kohlenträgerinnen, die, wie das gesammte schwarze Gelichter, stark angetrunken war, mit dem allzu vollgeladenen Korbe auf dem Kopfe das Gleichgewicht verlor und von der Planke in das Meer stürzte, aber, gewandt wie ein Frosch, lachend an Land schwamm, griffen die Matrosen zu und warfen, um das Vergnügen zu wiederholen, einige zwanzig der Weiber in's Meer, bis der Capitän und die Offiziere unter Androhung der härtesten Strafen dem nichtsnutzigen Treiben Einhalt geboten. Der Oppositionsgeist war aber einmal erweckt, und auf irgend eine Weise mußte ihm Luft gemacht werden. Die erhitzten Matrosen, gezwungen, die Negerinnen nicht bei der Arbeit zu stören, wandten sich an die Mannschaft eines nicht weit von der »Solent« am Bollwerk liegenden französischen Schiffes und suchten sie durch Schimpfreden zu reizen. Nur zu bald sollte ihr Zweck erreicht werden, die Franzosen 285 stiegen auf das Bollwerk, die Engländer kamen ihnen entgegen, und eine umfassende Prügelei war rasch im Gange. Die Offiziere gestanden offen, daß ihre Landsleute den Boxerstreichen der Engländer gegen Magen und Unterleib so lange erlegen seien, bis sie von ihren Füßen Gebrauch gemacht und diese zur Offensive benutzt hätten. Erst als die Capitäne beider Schiffe einschritten, wurde das Gefecht als unentschieden abgebrochen. Ein Theil der Streiter war in's Wasser geworfen und nur mit Mühe herausgefischt worden.

Am Morgen des 25. Mai sank die Quecksilbersäule des Barometers bis auf »Erdbeben«; noch vor der Abfahrt mußte Alles »dicht gemacht« werden, ja der Sicherheit wegen wurden Lucken und Fenster vernagelt. Unser Capitän flucht und schimpft, muß also nach der Theorie der Seeleute rosenfarbener Laune sein; ich erlaube mir jedoch im Stillen einige Zweifel an der Richtigkeit dieses alten Satzes, wenn ich sein besorgtes Gesicht betrachte. Innerhalb der Bai ließ sich das Unwetter noch ertragen, aber als die Inselforts hinter uns lagen, wurde der Sturm so heftig, daß er nicht nur das auf dem Hinterdeck ausgespannte Sonnen- oder Regensegel (Dach), sondern auch die schöne englische Flagge, den Stolz des Capitäns, in Fetzen riß. Unter Donner, Blitz, Sturm und Regen kauern wir uns in Kajüten und Kojen zusammen; die Luft in diesen engen Räumen ist bis zum Ersticken verdorben. Von Jamaica aus hat sich die Zahl der Passagiere um vierzig vermehrt, ungerechnet das Schlachtvieh und Raubzeug. Außer Ochsen, Schweinen und Hühnern haben wir sechs lebendige, vier bis fünf Fuß lange Schildkröten, zwei Jaguare, eine Menge 286 Meerkatzen und Papageien an Bord genommen. Letztere sind sämmtlich für eine Menagerie bestimmt. Unter den Reisenden herrscht große Niedergeschlagenheit, am meisten leiden unter dem ununterbrochenen Donnerwetter die Nerven der Peruaner. In ihren glücklichen Landstrichen ist das Gewitter eine unbekannte Naturerscheinung. Mich, als abgehärteten und erfahrenen Touristen, beunruhigt mehr, als das Toben der Elemente, der desolate Zustand der »Solent« und ihrer Kessel. Nach vertraulichen Mittheilungen des ersten Steuermanns, eines Deutschen, der unter vier Augen den Capitän schlechtweg das »Seescheusal« nennt, ist der Dampfer ein alter Kasten und soll nach Beendigung dieser Fahrt gründlich renovirt werden. In den am 26. Mai an den großen Rettungsböten vorgenommenen Manipulationen kann Niemand etwas Tröstliches finden. Die gewaltigen eisernen Träger sind so arg verbogen, daß sie für den schlimmsten Fall durch hinzugefügte Balken unterstützt werden müssen.

Die Nähe der Insel Hayti zwang zu allen erdenklichen Vorsichtsmaßregeln, und der Capitän nebst sämmtlichen Schiffsoffizieren waren die Nacht hindurch über auf Deck geblieben. Jetzt kam Alles darauf an, uns dem kleinen, nur von Negern bewohnten Flecken Jacmel, am Eingange der Bai, so weit zu nähern, um Briefe und Depeschen abzuliefern und andere dafür einzutauschen; die Anstrengungen der Mannschaft wurden indeß durch den furchtbaren Seegang vereitelt. Ich benutzte klüglich einige Momente, in denen ein flüchtiger Sonnenstrahl das Gewölk durchbrach und die Umrisse Hayti's enthüllte, diese auf den Rand meines Tagebuches zu zeichnen. Ihre Unsicherheit erinnert 287 mich noch heute an die Fährnisse des Moments. Nach vielen vergeblichen Bemühungen, uns dem Lande mit einiger Aussicht auf Erfolg zu nähern, gab der Capitän den Versuch auf und befahl, südlich auf die Insel St. Thomas zu steuern. Die Behörden und Comtoirs von Hayti werden demnach ihre Briefe acht Tage später empfangen. Die imposanten Formen der Insel verschwinden binnen einer Stunde hinter den schneeigen Kämmen der Wellenhäupter, und unter dem kläglichen Brüllen der geängstigten Ochsen stechen wir zum höchsten Leidwesen der für Hayti bestimmten Passagiere, die später den Dampfer von St. Thomas benutzen müssen, wieder in die hohe See. 288

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