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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 68
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XIX.

Rundschau in Panama. Für die Schüler Darwins. Azteken an Ort und Stelle. Dächer von Austernschaalen. Das Panamafieber. Der kleine Rothschild. Meine Taucher. Dörfer im Urwalde. Leuchtkäfer als Haarschmuck. Halb Skelett. Klempner Fischer. Der spanische Gesandte. Seine Flucht auf einer Draisine. Ueber die Landenge nach Aspinwall.

Nach einer, auf der Mosquito-Folter durchwachten Nacht erhob ich mich um sechs Uhr von dem Schmerzenslager und begann meine übliche Wanderung durch die Stadt. Die Bevölkerung von Panama zieht sich allabendlich gegen zehn Uhr in ihre Häuser zurück, steht dafür aber am Morgen auch gleichzeitig mit den Hühnern auf. Die Einwohnerzahl übersteigt nicht achttausend; der Ort enthält, es sei denn, man wollte einige alte, verfallene Kirchen dahin rechnen, weiter keine Merkwürdigkeiten, und doch übt er, wie alle Städte, in denen der spanische Volksstamm vorwaltet, auf mich eine seltsame Anziehungskraft aus. Der feine Spanier ist in seiner Tournüre ein Gentleman erster Klasse, und an den schönen und tiefen Augen der Frauen vermochte ich mich niemals satt zu sehen. Man weiß sich gemüthlich einzurichten, die Häuser sind durchgängig zwei 262 Stock hoch, von Veranden umgeben, und reich mit Blumen und tropischen Zierpflanzen geschmückt, in herabhängenden vergoldeten Ringen schaukeln sich buntfarbige Papageien und mischen ihr Geschrei in den Klang der Mandolinen, die den Gesang ihrer schönen Gebieterinnen begleiten; dieser stolze Menschenschlag giebt etwas auf poetische Gestaltung des Lebens. Ein dahin gehöriger Zug äußerte sich auch in den Erklärungen eines schwärzlichen alten Kirchendieners, den ich in den malerischen Ruinen eines Gotteshauses fand, wo er sein Leben mit den Trinkgeldern der Touristen zu fristen schien. Der gute Greis hatte eine phantastische Geschichte des verfallenen Bauwerks componirt und demselben ein Alter von dreitausend Jahren beigelegt, da es doch deren höchstens hundert und fünfzig zählen konnte; in seinen Fundamenten sollten große Schätze vermauert sein, und allnächtlich Geister zu ihrer Bewachung umgehen. Mehr als diese unzugänglichen Reichthümer und ihre unheimlichen Wächter fesselte mich die Ruine selber und der hohe Baumwuchs auf ihren geborstenen Mauern. Mit flüchtigen Strichen entwarf ich eine Zeichnung in meinem Skizzenbuch. Auf den Plätzen und in den schmalen schattigen Straßen Panama's herrscht reges Leben, Menschen jeglicher Farbe und jedes Gesichtsschnittes tummeln sich umher und überbieten durch ihren Heidenlärm das Geschrei der vor allen Fenstern und Thüren hängenden Papageien. Den Bekennern der Lehre Darwins kann ich mit gutem Gewissen Panama zu gründlichen Studien über die Kreuzung der Racen und die Veredlung des indianischen Stammes durch europäisches Blut anempfehlen. Gleich am ersten Vormittage begegnete ich einem etwa 263 zehnjährigen Jungen von der Farbe eines angeräucherten Kupferkessels, die ganz absonderlich mit dem norddeutschen blonden Krauskopf contrastirte. Auch vereinzelte Exemplare der bei uns angestaunten vogelköpfigen Azteken sind mir mehrfach aufgestoßen. Männer und Weiber tragen Panamahüte, außerdem aber nur – ich spreche von den Eingeborenen – einen um die Hüften gebundenen Streifen von blauem Kattun. Kröpfe kommen eben so häufig vor, wie in den engen und dumpfigen Hochgebirgsthälern der Schweiz und Tirols, doch sind die Inhaberinnen weit entfernt, sie zu verbergen; man umgiebt sie vielmehr mit Perlenschnüren und Rosenkränzen. Gleichzeitig erinnern Irrsinnige, die sich in den Straßen umhertreiben, wie dringend es Noth thut, den Kopf durch sorgfältige Bedeckung gegen den Sonnenstich zu schützen. Ich zog mich weislich in das Hotel zurück und wagte mich erst eine Stunde vor Sonnenuntergang wieder hervor, um eine Aquarelle des Marktplatzes und der Kathedrale zu beginnen. Diese ist, wie alle Kirchen oder Kapellen des Ortes, im Styl der Jesuiten erbaut, befindet sich aber auch schon im Verfall, so stattlich die beiden Thürme dreinschauen mögen. Die gottesdienstlichen Gebäude sind sämmtlich statt mit Dachziegeln mit großen Austerschaalen und anderen umfangreichen Muscheln gedeckt; eine Methode, die bei der Nothwendigkeit fortwährender Ausbesserungen nicht nachahmungswerth erscheint. Aus Furcht vor dem Panamafieber, das beim Beginn der heißen Jahreszeit am heftigsten aufzutreten pflegt, beschränke ich meine Arbeit auf das Nothwendigste. In den letzten vierundzwanzig Stunden sind in unserem Hotel schon zwei Todesfälle vorgekommen. 264 Die beiden Leichen wurden gleich nach Tagesanbruch in aller Stille fortgeschafft, um die übrigen Gäste nicht in Schrecken zu versetzen. Die Verstorbenen, zwei Nordamerikaner, hatten ihren raschen Tod durch Ausschweifungen und Diätfehler selbst verschuldet. Meine Reisegefährten, die französischen Offiziere, leben äußerst zurückgezogen und mäßig, um nicht dem mörderischen Klima des Ortes Vorschub zu leisten.

Gewarnt vor nächtlichem Aufenthalt im Freien, gehen wir drei pünktlich um zehn Uhr zu Bette; der deutsche Stubenkamerad – wir nennen ihn seiner Reichthümer wegen den »kleinen Rothschild« – bindet sich in Lebensweise und Diät an keine Regel. Sein Betragen in einer der letzten Nächte machte unserem traulichen Beisammensein unerwartet ein Ende. Nachdem er zwischen Mitternacht und Tagesanbruch, angeblich in Folge der Mosquito-Pein, in Wirklichkeit wohl aber nur auf Grund von Champagner-Libationen, wie ein wildes Thier in seiner Klause hinter der Gardine getobt hatte und endlich aus dem Bette gefallen war, drangen die Franzosen, der Störung ihrer Nachtruhe müde, in den Wirth des Hotels, ihnen ein anderes Zimmer einzuräumen. Ihre Bitten waren vergebens, erst der französische Consul, an den sie sich gewandt, hatte Rath zu schaffen gewußt. Als ich Abends nach Hause kam, fand ich die guten Gesellen im ersten Stock in dem luftigen Salon des Hotels einquartirt. Der Jüngere war vor Freuden außer sich; er behauptete, nur bei seinem Lieutenants-Examen ärger geschwitzt zu haben, wie in der vorigen Herberge.

Sobald die Sonne ihr feuriges Antlitz hinter Wolken 265 versteckt, benutze ich die kurze Galgenfrist zu kleinen Ausflügen ins Freie und Spaziergängen an der Meeresküste. Außerordentliches Vergnügen bereitet mir die Beobachtung der kleinen Taschenkrebse. Sie verbergen sich beim Eintritt der Ebbe, um den Angriffen ihrer Feinde zu entgehen, in leere Muscheln, und schleppen diese, die oft zehnmal schwerer sind, als sie selber, auf dem Rücken mit sich umher. Gegen ein kleines Geschenk holen mir die Jungen der indianischen Küstenbewohner aus dem Meeresgrunde, der hier meistentheils aus Fels besteht, die prächtigsten Muscheln herauf. Gewöhnlich bin ich verurtheilt, diese Excursionen ganz allein zu unternehmen; kein hiesiger Geschäftsmann oder Handelsreisender kümmert sich um die landschaftliche Umgebung. Will man seine Spaziergänge etwas weiter ausdehnen, so muß man sich allerdings nach Begleitung umsehen, auch ist es nicht rathsam, sich unbewaffnet auf den Weg zu machen. Am 20. Mai war es mir gelungen, zwei Engländer zu einer kleinen Jagdpartie zu bewegen. Wir gingen einige englische Meilen weit landein und schossen eine Anzahl bunter Vögel, plötzlich stürzte ein fast nackter Indianer aus dem Gebüsch, hielt mit der Rechten die Weiche fest, als sei er dort durch unsere Schüsse verwundet, und zeigte uns mit der Linken unter dem kläglichsten Geheul einige Rehposten, den Beweis unserer Unachtsamkeit.

Die Spekulation des geriebenen Landeskindes war verfehlt; wir hatten gar keine Rehposten bei uns, sondern nur Schrot geladen. Da er für die angebliche Verwundung eine Geldentschädigung verlangte, machte ihm der am wenigsten maulfaule der beiden Jäger begreiflich, er werde 266 wohlthun, sich so schleunig als möglich zu entfernen, wenn er nicht vorziehe, wirklich eine Ladung »Dunst« in die Sitztheile zu erhalten. Da dieses Angebot durch Demonstrationen mit dem Flintenlauf illustrirt wurde, suchte der Pseudo-Blessirte rasch das Weite, wies uns dann aber, außer Schußweite angekommen, hohnlachend unverhüllt jene Körpertheile, die noch so eben bedroht gewesen waren.

Mehr Unterhaltung gewährte ein Ausflug, den ich in Gesellschaft der französischen Offiziere nach dem Urwalde unternahm. Wir statteten in zwei, am Rande desselben gelegenen Dörfern einen Besuch ab und wurden von den hier ansässigen Indianern und freien Negern sehr zuvorkommend empfangen. Meine Gefährten suchten sich mit den gutmüthigen Naturkindern zu verständigen, ich brachte rasch die Umrisse der sehr malerisch gelegenen Ansiedelungen zu Papier. Die Arbeit ging mühselig genug von statten. Um mich her krabbelte ein Haufen kleiner nackter Kinder, die sich meiner Knie bedienten, um sich daran aufzurichten, dann wurde ich fortwährend durch mein eigenes Gelächter am Zeichnen gehindert. Die Versuche der Franzosen, mit unseren Wirthen um jeden Preis eine Unterhaltung anzuknüpfen, waren zu komisch. Die Dorfbewohner schienen sich einiger Wohlhabenheit zu erfreuen und nach ihrer Weise das Leben in vollen Zügen zu genießen. Esel, Schweine, Hühner und Enten trieben sich zwangslos unter den Menschen umher; das Ensemble hatte einen communistischen Anstrich. Aeltere Männer schaukelten sich in ihren Hängematten; die Frauen kochten das frugale Abendbrot, eine Art Häckselbrei aus Reis und – Reisstroh. Die Einladung, an der Mahlzeit theilzunehmen, lehnten wir ab; 267 es dunkelte und Regenwolken zogen herauf. Mit dem Wetter in den Tropen vertraut, eilten wir, die Stadt zu erreichen, allein der Platzregen überholte uns; wir mußten in eine am Wege stehende Hütte flüchten. Vier junge indianische Mädchen, die sie unter der Obhut von zwei Männern und einer schwarzen Dienerin bewohnten, schienen nicht ganz unbemittelt zu sein. Sie empfingen uns sehr zuvorkommend und kramten selbstgefällig ihre Schmucksachen hervor, unter denen sich auch jene wunderbaren Leuchtkäfer befanden, welche die hiesigen Frauen und Mädchen im Haar tragen. Der phosphorische Schimmer geht von zwei hervorstehenden Augen ähnlichen Buckeln aus und gleicht dem unserer Johanniswürmchen. Die Thierchen leuchten nur, so lange sie lebendig sind, und werden daher sorglich gepflegt. Die Besichtigung dieser Merkwürdigkeit beschäftigte uns grade so lange, als der Regen anhielt; wir kamen wider Erwarten trocken nach Hause. So bitterlich andere Reisende sich über die hiesige Temperatur beklagen, ziehe ich sie ungeachtet der drückenden Hitze und Gefahr für die Gesundheit doch dem indischen Klima vor. Natürlich darf man die bekannten Vorsichtsmaßregeln nirgends außer Acht lassen. Die naheliegenden Diätfehler und anderweitige Excesse tragen wohl in den meisten Fällen die Schuld an dem Ausbruch des Panama-Fiebers und seines tödtlichen Verlaufes. Schon vor Jahren, während meines längeren Aufenthaltes in Brasilien, habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Hitze in Amerika erschlafft die Lebenskraft bei weitem nicht in so hohem Grade, wie in Asien.

Nach der starken körperlichen Bewegung des Tages hätte ich mich eines erquicklichen Schlummers erfreuen 268 können, wäre mir derselbe nicht durch meinen Schlafburschen, »den kleinen Rothschild«, verkümmert worden. Spät in der Nacht kam der unverbesserliche Lebemann nach Hause, wechselte mit sich einige abgebrochene Worte und sank dann röchelnd auf sein Lager. Muthmaaßlich hatte er zu schwer geladen; das Bett brach unter ihm zusammen. Das Unglück war nicht groß, denn noch standen die Betten der Franzosen in dem Zimmer. Der kleine Rothschild rückte eines derselben in die Mitte, legte sich nieder und entschlief endlich unter fortwährenden Selbstgesprächen, aus denen unschwer die Ausschreitungen des letzten Abends zu errathen waren. Des Unholds von Herzen überdrüssig, machte ich mich Morgens bei Zeiten davon; befand ich mich doch überall wohler, als in seiner Gesellschaft. Ich besah einige Curiositäten Panamas, unter Anderen das große weiße Schwein, wie der spanische Züchter mit emphatischen Worten behauptet: das größte der Welt, und gab dem, vor unserem Hotel sitzenden Indianer sein tägliches Almosen. Bis zu den Hüften hinauf gleicht der unglückliche Mensch einem Skelett; der Oberkörper ist dagegen vollkommen ausgebildet, und die Ernährung scheint von der anomalen Struktur der unteren Extremitäten nicht beeinträchtigt zu werden. Er bekleidet den Posten eines Hotel-Wichsiers und erhält für jedes Paar von ihm geputzter Stiefel ein Salair von circa fünf Silbergroschen.

Hotel Aspinwall ist überfüllt von Amerikanern; unsere Tischgesellschaft besteht nur aus Individuen mit den Titeln: Doctor, Capitän und Major. Der gesellschaftliche Ton ist ungleich ungezwungener, als in Hotel Ruß zu San Francisco, sogar die schwarze Dienerschaft erlaubt 269 sich, während die Speisen umhergereicht werden, zu pfeifen und die auf den Tellern übrig gebliebenen Bissen unter den Augen der Gäste in den Mund zu stecken.

Auf meinen Fußwanderungen durch die Straßen der Stadt mache ich manche unerwartete Bekanntschaft. Die hiesige Industrie befindet sich durchschnittlich in den Händen der Franzosen, doch kam ich auch mit einigen Deutschen zusammen. So fand ich in dem Klempnerladen einer Seitenstraße einen Landsmann, Namens Fischer, der sich vor zehn Jahren mit einem ersparten Vermögen von 12,000 Dollars nach Europa eingeschifft. Der unbesonnene Mann hatte die Summe nicht in Papiere umgesetzt, sondern in klingendem Gelde in Kisten verpackt; als er in Liverpool landete, waren diese spurlos verschwunden. Ein Engländer, der ihm schon von New-York aus gefolgt, soll der Dieb gewesen sein. Der Unglückliche war sogleich zurückgekehrt und hatte sein Geschäft gleich wieder von vorne angefangen, aber noch kein Vermögen zum zweiten Male erspart.

Das fällige Dampfschiff von Chile war am 21. Mai gegen Abend angekommen und hatte eine Menge Passagiere ausgeschifft, unter denen sich auch der spanische Gesandte befand. Die Feindseligkeiten wegen der Guano-Inseln waren damals eben ausgebrochen, und der Pöbel von Panama hatte kaum die Ankunft des Gesandten erfahren, als er sich sofort daran machte, die Beschlagnahme und Besetzung der Guano-Inseln durch spanische Schiffe und Truppen wider alles Völkerrecht an seiner Person zu rächen. Ich war zwischen elf und zwölf Uhr Nachts eben eingeschlummert, als ich durch einen fürchterlichen Spectakel vor der Hausthür wieder aufgeschreckt wurde. Das ganze Hotel erbebte 270 bis in seine Grundvesten, und schon glaubte ich an ein Erdbeben, als der Schein von Fackeln, der die Decke des Zimmers roth erleuchtete, mich eines Besseren belehrte. In der Stadt hatte sich das Gerücht verbreitet, der Gesandte sei im Hotel Aspinwall abgestiegen, und die unten stehende Menge forderte ungestüm von unserem Wirthe die Auslieferung des unglücklichen Diplomaten. Die Masse bestand aus einigen hundert schwarzen Kehlabschneidern, die, sämmtlich mit Pistolen und Dolchen bewaffnet, dem Gesandten, wäre er in ihre Hände gerathen, unfehlbar den Garaus gemacht hätten.

Der Wirth des Hotels jedoch, der mit ähnlichen Scenen vertraut zu sein schien, hielt aus einem Fenster des ersten Stockes eine geharnischte Rede, in welcher er den schwarzen Missethätern nicht allem ihr Betragen verwies, sondern auch mit leidenschaftlichen Gebehrden und Worten betheuerte, der Gesuchte befinde sich nicht in seinem Hause. Diese Versicherung konnte er mit um so größerer Zuversicht geben, als der Gesandte, der rechtzeitig den Braten gerochen, längst das Weite gesucht und im Hause des englischen Consuls ein Unterkommen gefunden hatte. Wie ich einige Tage später an Bord des Dampfers »Solent« erfuhr, war er von diesem mit Kleidern versehen, in denen man ihn nicht leicht zu erkennen vermochte, und nach dem Eisenbahnhofe geschafft worden. Noch in derselben Nacht hatte er von hier aus mit Hilfe einer Draisine den Hafen Aspinwall am mexikanischen Meerbusen erreicht. Was mußte der unglückliche Mann unterwegs ausgestanden haben! Die ganze Nacht hindurch floß der Regen in Strömen herab und das Dach unseres Hotels leistete ihm so geringen Widerstand, daß mein Bett sich in eine Pfütze verwandelte. Die hiesigen Nachtschwärmer fühlten sich durch 271 das Unwetter sonst nicht beeinträchtigt; nach Mitternacht drangen drei stark angeheiterte Spanier in mein Zimmer und belegten die drei leeren Betten mit Beschlag.

Eine halbe Stunde später traf »der kleine Rothschild« ein. Schon machte ich mich auf eine theatralische Scene mit gezückten Dolchen gefaßt, allein Rothschild erwählte, der Majorität weichend, das bessere Theil, ließ den Feind im Besitz der festen Stellung und flüchtete in das Zimmer eines Bekannten. Es ist einleuchtend: meinem ferneren Aufenthalte in Panama sind bestimmte Grenzen gesteckt. Ein starker Anfall von Dysenterie zwingt mich zu unablässigem Patrouilliren, einem hiesigen Arzte mag ich mich nicht anvertrauen; die schleunigste Ortsveränderung ist mithin geboten.

Es dauerte jedoch am 22. Mai von neun Uhr Morgens bis halb ein Uhr Mittags, ehe die Rechnung bezahlt, die Trinkgelder erlegt, wir sammt dem Gepäck nach dem Bahnhof geschafft und im Besitz der Billets waren. Durch den Janhagel, der, unter dem Vorwande des Hausirhandels mit Ananas, Bananen, Papageien und Fächern, den Reisenden fortwährend den Weg vertritt und auf Taschendiebstahl ausgeht, mußten wir uns mit Gewalt eine Gasse bahnen. Einen Buben, der mir das Portemonnaie aus der Hand reißen wollte, streckte ich nothgedrungen mit einem Faustschlage zu Boden. Endlich saßen wir in den Waggons. Das Passagierbillet für die nur dreizehn deutsche Meilen lange Strecke über die Landenge von Panama nach Aspinwall kostete 25 Dollars, 8½ Dollars hatte ich für Ueberfracht bezahlt, für die Anfahrt des Gepäcks auf dem Omnibus-Verdeck 4 Dollars; jetzt trat der Besitzer und gleichzeitige Kutscher dieses Vehiculums in das Coupée und bat sich noch fünf Dollars für 272 zweimalige Beförderung meiner Person nach dem Hotel Aspinwall und von dort nach dem Bahnhofe aus. Ueber diese unverschämte Forderung empört, murmelte ich einige Worte in den Bart, wurde aber sofort zum Schweigen gebracht, als der Omnibuskutscher süßlächelnd in elegantem Französisch mich anredete und fragte: »Glauben Sie, ich sei in dieses Fiebernest herübergekommen, um Bananen zu essen?« Dawider ließ sich nichts einwenden, machten sich die Einwirkungen des Klimas doch an mir selber fühlbar, und vermochte ich kaum noch der Sehnsucht nach der Heimath moralisch zu widerstehen.

Der Temperatur angemessen, sind sämmtliche Waggons ringsum offen und nach Art der österreichischen und würtembergischen Gesellschaftswagen eingerichtet. In jedem derselben finden ungefähr dreißig Personen Platz. Meine Freunde, die französischen Offiziere, sitzen vis-à-vis von mir am offenen Fenster, meine Nachbarin zur Rechten ist eine junge Nordamerikanerin, deren kleiner Dreijähriger die Annehmlichkeiten der Reise nicht zu erhöhen verspricht; die sonstige Füllung des Wagens besteht aus tabakkauenden Yankee's, die zu meinem und der Franzosen Entsetzen an unsern Gesichtern vorbei mit fürchterlicher Sicherheit zum Fenster hinausspucken. Bald sollte sich mir auch die holde Nachbarin peinlich fühlbar machen. Nach unserm Gespräch hielt sie mich für einen galanten Franzosen, setzte den ungezogenen Knaben, der sich schon mit Strampeln unausstehlich gemacht hatte, auf meinen Schooß, und ersuchte mich in gebrochenem Französisch, ihn, so lange sie schlafen werde, in meine Obhut zu nehmen. Die Situation war peinlich, die Temperatur nahe an dreißig Grad, dazu litt ich an der Dysenterie 273 und mußte die »zwei Minuten Aufenthalt« auf jeder Station, ohne Weiterungen zu veranlassen, auf das Gewissenhafteste benutzen; die Pflichten einer Kinderfrau ließen sich unter den obwaltenden Umständen nicht mit denen eines civilisirten Menschen vereinigen. Der Kleine, der, wohlgemerkt, an fünfzig Pfund wiegen mochte, war noch nicht im Stande, mündlich genau Auskunft zu ertheilen, ich knipp ihn daher, sobald die Frau Mama entschlummert war, an einer empfindlichen Stelle seines feisten Körpers und entledigte mich des Knaben, als Madame bei seinem gellenden Schrei erschrocken auffuhr, unter dem Vorwande, er verrathe Widerwillen gegen meine Persönlichkeit. Nur eine Nordamerikanerin ist im Stande, einem urfremden Herrn eine solche Last aufzubürden. Die Gesellschaft in dem benachbarten Waggon war ebenfalls nicht die angenehmste. Die schwarzen Banditen in Panama hatten die nächtliche Flucht des spanischen Gesandten ausgekundschaftet und eine Elite aus ihrer Mitte nach Aspinwall abgesandt, um ihm, wenn möglich hier, vor seiner Abreise nach Europa, das Lebenslicht auszublasen. Sie saßen, bis an die Zähne mit Carabinern, Revolvern, Säbeln und Dolchen bewaffnet, in einem Haufen stumm beisammen und blickten wild umher; wir hüteten uns weislich, sie scheel anzusehen.

Bald hinter Panama zieht sich der Schienenstrang durch einen Urwald riesiger Bäume, deren von Schling- und Schmarotzer-Gewächsen überwucherte Species kaum noch zu erkennen sind. Dieser glich der Colossalgestalt eines betenden Mönches, jener einem auf Beute lauernden Tiger. Die in Brasilien einheimische Königspalme stand – ein mährchenhafter Anblick, den man nicht auf allen Eisenbahnfahrten 274 genießt – in voller Blüthe, alle Bäume waren mit rothen, gelben und violetten Blumen geschmückt. Die Terrainschwierigkeiten bei dem Bau dieser Bahn, die den Personen-Verkehr und Waaren-Transport zwischen zwei Oceanen vermittelt, können nicht erheblich gewesen sein, denn bei einer mäßigen Steigung und Senkung schlängelt sich der Schienenstrang so geschickt durch die gebirgige Gegend, daß mir weder Sprengungen oder Tunnel, noch beträchtlichere Erdarbeiten aufgefallen sind. Die Höhen überragen nicht die der thüringischen Bahn. Die Zahl der Stationen ist nur gering, doch kamen wir an einem Dutzend armseliger, aber wie gewöhnlich pittoresker Dörfer vorüber, deren Einwohner sich nach dem in ihrer Nähe grasenden Rindvieh, den Eseln, Ziegen und Schweinen zu schließen, mit Viehzucht beschäftigen. Die Hütten bestanden meistens nur aus einem auf Pfosten stehenden Dach. Aus den Stationen wurden regelmäßig die Naturproducte der Landschaft, darunter kleine Jaguare oder Kuguare und junge Faulthiere zum Verkauf angeboten. Hart an einer Station züngelten zwei große Schlangen spielend um einen Palmenstamm und fuhren erst entsetzt aus einander, als die Locomotive einen schneidenden Pfiff und eine qualmende Dampfwolke ausstieß. Es war drei Uhr, als wir in Aspinwall anlangten; wir hatten die Strecke in zwei Stunden zurückgelegt. 275

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