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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 63
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XIV.

»Pallas« auf der Todtenliste. Minenstiefel und Strümpfe. Die Frühlingshose von Papier. Californischer Humbug. Meisterwerke der Malerei in Kneipen. Doctors' Shop. New-Yorker Preise. Keine Haare mehr! Hotel Ruß, ein Zellengefängniß. Ein phrenologischer Arzt. Die italienische Oper und Ernani in San Francisco. Statt Bouquets: Dollars. Tell's Geschoß. Die Gitterloge der Loretten. Goldgräber im ersten Range.

Dem schlechten Straßenpflaster San Francisco's halten mehrere Eisenbahnen das Gegengewicht. Sie laufen in den verschiedensten Richtungen durch die Hauptstraßen der Stadt und erleichtern den geschäftlichen Verkehr der Einwohner außerordentlich; der Reisende, dem zunächst an der Freiheit seiner Bewegung liegt, bedient sich ihrer mit geringerem Vortheil. Die erwähnten Schienenstränge werden mit Locomotiven und Pferden befahren.

In dem Frühstückslokale, das ich an einem der letzten Tage des April besuchte, wurde ich durch eine eigenthümliche Zeitungsente überrascht. Auf der Schiffs-Todtenliste des Blattes stand unsere »Pallas.« Wie ich schon bei Gelegenheit der poste restante-Briefe bemerkt habe, macht man mit Correspondenzen, Menschen und Schiffen in San 197 Francisco kurzen Prozeß. Der Schnellsegler, der nach uns von Hongkong abgesegelt, aber lange vor uns in Amerika angelangt war, hatte das Gerücht verbreitet: die »Pallas« sei verloren gegangen, und die Redaction, ohne nähere Erkundigungen einzuziehen, Schiff, Ladung und Mannschaft zu den Todten geworfen. Ich gerieth, da die Nachricht unangenehme Folgen haben konnte, auf den Gedanken, die im Hafen liegende »Pallas« aufzusuchen und den Capitän zu einer Berichtigung des Falsums zu veranlassen, aber es gelang mir schlechterdings nicht mehr, in dem Gewühl der Fahrzeuge aller europäischen Nationen das unscheinbare Schiff aufzufinden. Auf dem Rückwege durchkreuzte ich das Viertel der Seemannskneipen und glaubte mich bei der Lectüre mancher Schilder nach Hongkong zurückversetzt. Ueberall wurde auf den Geldbeutel des Matrosen speculirt, der eben »ausgezahlt« worden war. Vornehmlich wurden Gegenstände angepriesen, deren die Goldgräber bedürfen; die Annoncen und an den Schaufenstern ausgestellten Fabrikate glichen zum Theil Aufforderungen zum Desertiren. Ein Schild pries »Minenstrümpfe« an; dicht daneben wurden »Minenstiefel« feilgeboten; die dicken Sohlen schienen aus Elephantenhaut angefertigt. Die kolossale Fußbekleidung ermunterte einen thatkräftigen Mann förmlich zur Goldgräberei. Junge, reichlich mit Geld versehene Seeleute sind zu Neuerungen in ihrer Garderobe geneigt; dies erhellte aus dem Laden eines Modisten, der Elegants von der Marine die neuesten Beinkleider der Saison anempfahl. Am Schaufenster hing ein Muster des geschmackvollen Kleidungsstücks. Die »Frühlingshose« – denn der geniale Erfinder unterschied zwischen ihr und der »Sommerhose,« 198 als einem, zu höherer Reife entwickelten Garderobegegenstande – war vorläufig nur aus Papier angefertigt, konnte aber nach Versicherung des Kleiderfabrikanten sofort in Stoffen realisirt werden. Der Jahreszeit und der Farbe der sich entfaltenden Vegetation entsprechend, von welcher man sich freilich nicht an der Küste, sondern erst im Innern des Landes überzeugen konnte, war die Frühlingshose saftgrün, eine delikate Farbe für Herren, welche nie aufhören, Tabak zu kauen, und sich damit belustigen, den gewonnenen Saft umherzuspritzen.

Wenige Schritte weiter stand mitten auf dem Bürgersteig, wenn ich die brüchige Bretterlage so nennen darf, ein alter, zur Disposition gestellter, Hut. In dem Glauben, er sei durch Zufall dahin gerathen, wollte ich ihn durch einen Fußstoß entfernen, that mir dabei aber so weh, daß mir ein lauter Schmerzensschrei entfuhr. Der Hut war nur ein californischer Matrosenscherz, und unter demselben ein schwerer zackiger Stein verborgen gewesen! Mit welcher Frechheit das Publikum in den hiesigen Läden geprellt wird, sollte ich zu meinem eigenen Schaden kennen lernen. In dem feuchten Wetter der letzten Monate, insbesonders der Seereise, waren meine Rasirmesser so verrostet, daß sie ihre Dienste versagten und ich mich mit neuen versehen mußte. Der Laden, in dem ich sie kaufte, sah vielversprechend aus, als ich mich aber derselben bedienen wollte, schnitt weder das eine, noch das andere; es fehlte nicht viel, so hätte sich die Schneide an den Bartstoppeln umgelegt. Voller Ingrimm trug ich die Messer zurück, zeigte dem Verkäufer die Spuren des ersten Rasirversuches an den Klingen und bestand auf einem Umtausch; was 199 antwortete mir der Spaßvogel? Er zuckte fein lächelnd die Achseln und lispelte: »die Messer seien allerdings nicht zum Rasiren angefertigt, sondern nur – zum Verkaufen!« Ich war betrogen. Glücklicherweise hatte ich mich noch nicht mit jener vielgepriesenen Rasirseife versehen, die nicht allein die Eigenschaft besitzt, den Teint zu verschönern, sondern auch nach jedesmaliger Anwendung die Messer zu schärfen.

In den Zeitungen, der »tägliche Demokrat«, »die Welt«, »der Globus«, die Sonne«, »der Stern«, »die Goldberg-Zeitung«, werden fast täglich Auctionen von Meisterwerken altitalienischer Malerei angezeigt. Der Auctions-Commissarius wirft mit den Namen Raphael, Tizian, Rubens, Vandyk, u. a. um sich, und die Waare findet reißenden Abgang. Sie verdient diesen Namen, denn sie wird von einem, in England lebenden Maler-Proletariat fabrikmäßig zusammengeschmiert, um den künstlerischen Bedarf der hiesigen Kneipen zu decken. Hinter jedem »Bar« (Ladentisch) in jeder Bierhalle, begegnet man einem sechs Schuh hohen, sieben Schuh breiten Oelgemalde der Potiphar und des flüchtigen Joseph, der Kleopatra, Leda oder Danae, der schlummernden Venus oder irgend einer mythologischen Schönheit, deren bewegtes Leben Veranlassung bot, die Kunst der Carnation zu entwickeln und die Heldin in verführerischen Stellungen zu zeigen. Mit der californischen Kunstkennerschaft ist es nicht weit her; in San Francisco kann man eine »fehlerfreie« Madonna von Raphael (Ausdruck eines Auctionskatalogs) schon für zwei Pfd. Sterling und zehn Shilling haben.

Es kann mir nicht einfallen, nach dem unvergleichlichen 200 Buche des großen Barnum über den »Humbug« Erörterungen hinzuzufügen, die einem Denker von dieser Tiefe gegenüber dem Vorwurf der Oberflächlichkeit nicht entgehen würden; ich beschränke mich auf Anführung von Thatsachen. In Europa schreiten die Verkäufer von Geheimmitteln noch in den Kinderschuhen einher; hier stoßen Doctoren und Quacksalber in dieselbe Trompete. Dr. C. G. Lewes u. Comp. kurirt in seinen »medicinischen Privat-Apartements« jede beliebige Krankheit »in no time«, soll heißen: in kürzerer Zeit, als irgend einer seiner Herren Collegen. Dr. Lewes muß außerordentlichen Zulauf gehabt haben, oder das Leiden, gegen welches sich seine Fixkur so glänzend bewährt, ist in San Francisco ungemein verbreitet, denn in einem ferneren Aushang benachrichtigt er seine verehrten Kunden: »er curire zu herabgesetzten Preisen.« Auf Vornehmheit des Auftretens halten die hiesigen Doctoren nicht sonderlich. Der Arzt empfängt die Lauf-Patienten nicht in seinem Sprechzimmer, sondern im Shop, d. h. im Laden. Die Anfertigung der Arzneien fällt hier mit den wissenschaftlichen Befugnissen der Heilkünstler zusammen, und jeder von ihnen unterhält im Erdgeschoß eine Boutique, in der die verordneten Medicamente sogleich dispensirt und gegen baaren Entgelt ausgehändigt werden. Der Kranke entgeht dadurch sehr vielen verdrießlichen Weitläufigkeiten, doch ziehe ich die vaterländische Trennung des Doctors und Apothekers unbedingt vor. In der Jackson-Straße Nr. 225 kurirt ein Medicus unentgeltlich; er ist mit dem Ertrag des Arzneiverkaufs zufriedengestellt. Danach wird man sich einen Begriff von der reichen und kostspieligen Composition seiner Recepte machen können. Ich erinnere 201 mich bei dem Anblick dieses Schildes des Doctors in einer kleinen Ostseestadt, der dem Apotheker des Ortes in die Hände arbeitete und mir gegen einen leichten katarrhalischen Anfall ein neun Zoll langes Recept verschrieb, das mit einem Thaler achtzehn Silbergroschen honorirt werden mußte. Andere Aerzte empfehlen sich dem Publikum durch New-Yorker Preise. Sie sind also nicht theurer als die Doctoren in der ersten Stadt der Vereinigten Staaten. Vor manchem »Doctor-Shop«, auch wohl an der nächsten Straßenecke, hängt das lithographische Portrait des betreffenden Hippokrates. Auf Dr. Adams u. Comp. Schilde steht wörtlich:

»Keine Zahnschmerzen mehr!
Keine Hühneraugen mehr!
Keine Haare mehr! ich sage: keine Haare mehr! denn ich verhindere die Hinterbliebenen am Ausgehen!«

Dieser originellen Wendung bin ich öfter begegnet. Ein anderer Charlatan empfahl seine Haarerhaltungs-Essenz folgendermaßen: »Hunderttausend Dollars Demjenigen, der mir beweist, daß nach meinem Sellerie-Extract Haare wachsen. Nun und nimmermehr sollen nach meinem unsterblichen Mittel Haare wachsen; ich will nur die alten Haare erhalten! 1 Dollar only the flacon!«

Wenn ich von meinen ermüdenden Spaziergängen gegen Mittag in das Hotel »Ruß« zurückkehre, empfängt mich die Stille eines Gottesackers. Alles im Hause ist musterhaft eingerichtet, und doch vermag ich nicht, mich vollkommen heimisch zu fühlen. Ich kann die Schuld nur auf die Bauart und die Gewohnheit der Insassen schreiben. Das Innere des Hotels hat unverkennbare Aehnlichkeit 202 mit dem Moabiter Zellengefängnisse. In den isolirten Gemächern herrscht dasselbe System des Schweigens, ich fühle mich wahrhaft erleichtert, wenn ein vorübergehender Engländer »God save the Queen,« oder ein Amerikaner »Yankee doodle« auf dem Corridor mißtönend pfeift. Leider thun die Herren mir nur selten den Gefallen, gewöhnlich schleichen sie auf den weichen Teppichen, wie zum Tode verurtheilte Missethäter, lautlos in ihre Zellen. Selbst die schönen Nordamerikanerinnen sind in ihren Gemächern schweigsamer als ihre europäischen Schwestern unter ähnlichen Umständen.

Nur äußerst selten erschallt der Ruf einer silbern klingenden Stimme nach Mary oder Polly, den Zimmermädchen. Gleiches Schweigen herrscht nach dem stumm verzehrten Diner im Zeitungslesezimmer. Als ein ältlicher Herr ziemlich vernehmlich eine Havannah-Cigarre forderte, fuhr ich von meinem Sessel empor. Am liebsten flüchte ich, da das herrliche Wetter unaufhörlich dazu verlockt, nach dem Mahle ins Freie. Man findet, wenn auch in ganz anderer Hinsicht, immer eine eben so mannigfaltige Unterhaltung, wie auf den Pariser Boulevards. Nach Mr. Jenkins u. Comp., der in einem der Tageblätter seine Kurmethode anempfohlen hatte, stellte ich ordentliche Recherchen an; es gelang mir nicht, den Wundermann zu ermitteln. Mr. Jenkins bot dem Publikum in der Anzeige nämlich seine thierisch-magnetisch-sympathetischen Kräfte zur Benutzung an. Er machte sich anheischig, ohne Anwendung irgend welches inneren oder äußeren Heilmittels, nur durch Auflegen seiner Hand, höchstens durch sanfte magische Striche, Leib-, Kopf- und Zahnschmerzen unverzüglich zu vertreiben. 203 Darunter stand in Parenthese: moderate prises. Gar gern hätte ich mich einer so gefahrlosen Behandlung meines Kopfschmerzes anvertraut, der, in den Tropengegenden entstanden, nicht von mir weichen will, mich zu Wasser und zu Lande verfolgt. Der etwas zerstreute Magier hatte seine Wohnung in der Zeitung nicht angegeben, und es wollte mir nicht gelingen, sie auszukundschaften. Statt seiner fand ich den Shop eines Phrenologen. Rechts und links vom Eingange hingen große Abbildungen der Organe des menschlichen Schädels. Im Auftrage des Gelehrten war der zeichnende Künstler so handgreiflich als möglich geworden. Ein ordentliches Genrebild füllte jede dieser Zellen. In dem Organe für »Familienglück« erblickte man den Hausvater im Kreise der theuren Angehörigen. Die Rumflasche ging um, und der Brotherr war eben beschäftigt, den abendlichen Labetrunk für das jüngste Küchlein zu mischen. Ein hervorragendes Organ für »Bürgerwohl« enthielt eine Tribüne und auf ihr einen hitzig gesticulirenden Redner. Der Eifer des Mannes war durch herabrinnende Schweißtropfen von Erbsengröße charakterisirt. Um den »Kleinkindersinn« werkthätig darzustellen, ließ der Künstler, wie auf dem Pferde der Haimonskinder, auf dem Rücken seines Helden mehrere Knäblein reiten; im Hintergrunde flatterten Windeln auf der Leine. In der Abbildung des »Musiksinnes« stand ein Klavier, auf dem ein bärtiger Mann eine junge Dame zum Gesange begleitete. Der Zweck des phrenologischen Arztes war nur, Gläubige für sein Heilverfahren zu gewinnen. Er leitete alle Krankheiten des Leibes und Geistes aus Mißverhältnissen zwischen den einzelnen Anlagen des Individuums her und schien sich, wenn 204 ich die Tendenz mancher Bilder nicht falsch deute, selbst auf die Kur von chronischen Uebeln einzulassen, deren Behandlung wir nicht den Doctoren der Medicin, sondern denen beider Rechte anheimstellen. Im »Diebssinn« sah man einen Mann mit dem Schlosse eines Arnheim'schen Geldschrankes beschäftigt; daß er nicht der Eigenthümer war, erhellte aus einem Galgen, den man durch das offene Fenster des Comptoirs erblickte.

Eine echt amerikanische Einrichtung, die man auch hie und da in London und Paris nachgeahmt hat, sind die eigenthümlichen Frühstückssalons. Je nach der Stadtgegend und dem Publikum, auf das der Wirth zu rechnen hat, fordert er für das Glas geistigen Getränkes ein oder zwei Bits (5 oder 10 Sgr.). Der Gast kann jede der vorhandenen Weinsorten, selbst Champagner, verlangen, doch erhält er immer nur ein dem Preise jeder Flüssigkeit entsprechendes Quantum. Auf der »Bar« steht eine Menge pikanter Gerichte, deren sich Jeder, und zwar unentgeltlich, als Imbiß bedienen kann. Im Interesse des Institutes liegt es daher, bei ihrer Zubereitung für durstreizende Zuthaten zu sorgen. Um aber den Mißbrauch der Gottesgaben von Seiten unverschämter Schlemmer zu verhüten, ist in den Salons der Bequemlichkeit nirgends Vorschub geleistet. Innerhalb der leeren Wände befindet sich außerhalb der »Bar« kein Stuhl, kein Tisch, um einen Teller, ein Glas daraus zu setzen, nicht einmal eine vorspringende Leiste unterstützt den Hungrigen, der einen Bissen gemächlich verzehren will. Die Unternehmer aller dieser Locale sind große Menschenkenner und wissen, daß das Werk der Ernährung und der gastrosophische Genuß körperlicher Ruhe 205 bedarf, weshalb auch die classischen Alten ihre Mahlzeiten in liegender Stellung einzunehmen pflegten. Unsere Altvorderen wußten sehr wohl, was sie thaten, wenn die Lehrjungen in den Familien der Gewerksmeister ihr Mittagessen am Tische stehend verzehren mußten. Der Respekt vor dem Chef des Hauses wurde dadurch unterstützt und die Ernährung der Knaben in finanziell erträgliche Grenzen gebannt.

San Francisco besitzt, wie andere Weltstädte, seine italienische Oper, doch dürften die Impresarien der Salle Ventadour ihr schwerlich durch hohe Anerbietungen eines ihrer Mitglieder streitig machen. Bei meinem ersten Besuch wurde »Ernani« von Verdi aufgeführt. Das Personal war über die Jahre hinaus, in denen nach dem Sprichwort das Erkenntnißvermögen der Schwaben zur vollen Reife gelangt. Die continentale Carrière aller Sänger war beendet, doch schien die artistische Nachlese noch der Mühe zu verlohnen. Der Besuch der Oper entsprach der Einwohnerzahl der Stadt und der Beifall ihrer Wohlhabenheit. Ich sage absichtlich nicht »ihrem Kunstgeschmack«. In diesem, reich mit Gold gesegneten Lande begnügt sich der Zuhörer, wenn der Sänger, Tänzer oder Schauspieler seinen Beifall erwirbt, nicht mit werthlosem Beifallsklatschen, Hervorrufen oder Blumenspenden, er giebt solidere Beweise seiner Zufriedenheit und wirft Dollarstücke auf die Bühne. Wer Glück und Talent besitzt, kann sein Spielhonorar somit erheblich erhöhen. Eine beliebte Tänzerin wurde zweimal hervorgerufen und jedesmal mit Dollars überhäuft. Schließlich artete der Beifall in einen wahren Silberregen aus. Die Californier wissen die Geldstücke sehr geschickt, 206 wie die von Knaben über eine Wasserfläche geschleuderten Kiesel flach zu werfen und jede Verletzung zu verhüten. Zuweilen wird von dieser Wurffertigkeit eine minder banquiermäßig chavalereske Anwendung gemacht. So sah ich in einem kleinen Theater, dessen Publikum mit wenigen Ausnahmen nur aus Strauchdieben und ähnlichem Gelichter bestand, ein Schauerdrama im Genre des »Kuno von der Marterburg« oder »das blutige Haupt des Schwiegervaters«. Der schwarzsammtne, rothgeschlitzte Intriguant hatte das Unglück, sei es durch die von ihm verübten Greuelthaten, sei es durch sein schlechtes Spiel, den Unwillen der Zuschauer zu reizen. Sie griffen zu Aepfeln, Orangen und anderen Südfrüchten und eröffneten ein Kreuzfeuer. Die Vorstellung war unterbrochen, der bombardirte Bösewicht jedoch nicht der Mann, ohne hartnäckige Vertheidigung seine theatralische Position zu räumen. Unerschütterlich las er das Obst vom Boden auf, biß in einen Apfel und beantwortete den Angriff mit mehreren Würfen, die an den Meisterschuß des Tell erinnerten. Zwei Plätze rechts von mir, neben meinem Begleiter, einem jungen Consularbeamten aus Deutschland, stand ein spanischer schwarzer Krauskopf, der sich mit leidenschaftlichem Eifer an dem Bombardement betheiligt hatte. Diesen ersah sich der Bösewicht zu einem abschreckenden Beispiel. Er traf des Schreiers Stirn mit einem faulen Apfel so genau und gewaltig, daß das unsaubere Compott weit umherflog und der Schwarzkopf vor Schreck in die Knie sank; das war Tells Geschoß. Ein höllisches Gelächter brach aus und das Schußgefecht war beendet. Ich kehre zur Ernani-Vorstellung zurück. Der Bassist war ihr Matador und der Liebling des 207 Auditoriums. Sobald er einen seiner kräftigen Contratöne ausstieß, suchte das Publikum ihm nachzuahmen, und man glaubte bei dem tiefen Gebrumm im Hause unter eine Heerde grauer Bären gerathen zu sein.

Seiner Natur und dem dunklen buschigen Haarwuchs nach glich der Sänger dem Oger des Mährchens. Der erste Tenorist, ein beleibter Herr, der bei der guten Küche unseres Hotels sichtlich gedieh, stieß, wenn schon nicht beim Essen, so doch beim Singen, fortwährend mit der Zunge an.

Gefährlicher, als der mörderische Ton des Hornes seines unversöhnlichen Gegners, dem Ernani ein so stattliches Geweih aufgesetzt, schien mir die eigene Stimme des Banditen für eine naturgemäße Lebensdauer. Fortwährend fürchtete ich, er könne bei den fürchterlichen Anstrengungen, den widerstrebenden Ton zu treiben, in seinem Fett ersticken. Die Primadonna mag, als sie noch über eine Stimme verfügte, eine große Gesangsvirtuosin gewesen sein; in den Jahren, die dem Menschen nicht gefallen, kam nur noch ihr Körpergewicht in Betracht.

Mehr als die Vorstellung unterhielt mich die Zuschauerschaft und ihr Benehmen. Die Parquetplätze sind im Verhältniß zu den Logensitzen sehr billig, und ich trug anfangs an der Kasse Bedenken, einen solchen zu lösen. Auf meine Frage, ob ich, falls der Platz mir nicht gefiele, das Billet zurückbringen könne? hatte der Kassirer geantwortet: »Freilich könne ich es zurückbringen, doch dürfe er mir weder ein anderes, noch das Geld zurückgeben.« Ich behielt also stillschweigend meinen Platz und saß weit genug in der Mitte des Saales, um nicht unter dem abscheulichen Gebrauch zu leiden, der das hiesige Parquet in Mißcredit gebracht und 208 die Preise herabgedrückt hat. Die glücklichen Goldgräber sitzen nämlich in rothwollenen Hemden, oft wie sie mit allen Taschen voll Goldstaub aus den Minen kommen, im ersten Range, hängen die Beine über die Brüstung und spucken, nicht aus üblem Willen, sondern nach ihren gemeinen Gewohnheiten, gedankenlos ins Blaue und ins Parquet hinunter. Sehr auffallend waren ferner einige leichtvergitterte, käfigartige Parquetlogen, in denen nur Demi-Monde-Damen saßen, reizende Creolinnen, die unverhohlen mit der Umgebung kokettirten. Trotz der Sittenlosigkeit des öffentlichen Lebens von San Francisco werden Frauenzimmer dieser Art im Theater nur an diesen eximirten Plätzen geduldet. 209

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