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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 60
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XI.

Die Dank-Matinée. Kein Bube. Ein neuer Odysseus. Das Rettungsfest und das Opfer Pepita's. Ihr Nekrolog. Schwarze Suppe. Der Schlafvirtuose. Land vor der Back. Mövenfang. Das Kind: 10 Sgr. Zweimal der 30. März. Yamswurzeln statt Brot. Verliebte Wallfische. Ein Compromiß. Nach sechs Wochen das erste Schiff. Der Lootse. Vor San Francisco.

Meinen Rückblick am nächsten Morgen kann ich nur mit dem eines Leidtragenden vergleichen, der nach Beerdigung eines theuern Verwandten vom Kirchhofe scheidet. Sein Schmerz wird allein durch das egoistische Gefühl gelindert, das Schicksal des Verstorbenen nicht getheilt zu haben. Innerhalb der unglücklichen Region, die jetzt hinter uns liegt, sind im letzten Jahre acht herrliche nordamerikanische Klipper und mit jedem derselben durchschnittlich dreihundert Menschenleben verloren gegangen. Die chinesischen Passagiere verfehlen deshalb nicht, dem Götzen des Marine-Departements den pflichtschuldigen Tribut für den verliehenen Schutz abzustatten. So viel ich bemerke, gehen sie dabei mit lobenswerther Sparsamkeit zu Werke. Ihre Lebensmittel nehmen auf bedenkliche Weise ab, Fleischopfer sind überhaupt nicht zu schaffen, selbst der Reis ist 154 knapp und der Seegötz muß sich mit einer Matinée von Pauke, Schelle, Tamtam und Triangel begnügen, woran unsere drei Hunde sich als Sänger betheiligen. Nach dem Schluß der Opfer-Musik erinnerte die würdige Duenna, eine der wenigen am Bord befindlichen chinesischen Autoritäten, den Capitän an das versprochene Rettungsfest und die ihren Landsleuten zugesicherte Hälfte Pepita's. Freund Hartmann ist indessen heute nicht geneigt, sich in weitläufige Erörterungen einzulassen. Er hat »der Frau in Roth« die Dienste einer Kammerzofe geleistet und ihre ewigen Klagen über das Schaukeln des »Kahns« – so nennt Madame unseren Dreimaster – beschwichtigt; sein Humor ist für diesen Tag gründlich verdorben. Die alte chinesische Deputirte wurde gräulich angeschnauzt und floh entsetzt zu ihren jungen Pflegebefohlenen. Erst gegen Abend, während einer mehrstündigen Kartenpartie mit dem Schiffsschreiber, wurde seine gute Laune wieder hergestellt. Wie der Mensch auf einer langen Seefahrt versimpelt, davon konnte ich mich heute überzeugen. Die Inseparables vergnügen sich unermüdlich mit einem Kartenspiel, in dem der Bube den höchsten Rang behauptet. Nun hatte ich mir das unschuldige Vergnügen gemacht, die vier Buben herauszunehmen und zu verstecken. Nichts desto weniger setzten die Herren ihre Partie stundenlang fort, ohne den schlechten Spaß zu merken. Nur einmal sagte der Capitän kopfschüttelnd: »Es ist merkwürdig, daß der Bube heute so selten herauskommt!« Die Partie endete, ohne daß die Verrätherei entdeckt wurde.

Der Wind drehte sich am 25. März unter Regen, Hagel und Blitz zu unseren Gunsten, und von Neuem legen 155 wir das Maximum der »Pallas«-Geschwindigkeit, zehn Knoten in der Stunde, zurück. Der große Ocean zeigt sich in voller Majestät. Thurmhohe Wellen rollen hinter unserer Barke her und scheinen, über sie hereinbrechend, uns Allen den Garaus machen zu wollen, und doch kommen wir immer mit einem tüchtigen Sturzbade davon; die »Pallas« gleitet unversehrt über jeden Wasserberg. Nach dem Vorbilde des vielgewandten Odysseus habe ich mich von den Gefährten an den Besaanmast binden lassen, nicht etwa um den Gesang der Sirenen zu belauschen, sondern nur um Wellen zu studiren und memoriren. Ich übertreibe nicht, wenn ich sie Wassergebirgsketten nenne. Jede reicht, von Steuerbord und Backbord aus gesehen, bis an den Horizont, und ist so hoch, daß man die zunächst anrückende nicht zu erblicken vermag. Trotz der Massenhaftigkeit dieser Anschwellungen sind sie von dem tiefsten Blau und einer seltenen Transparenz. Das beneidenswerthe Studium wird mir nur durch Nässe und Kälte verbittert. Ein Theil jeder Welle geht mir über den Kopf, und die blaugefrorene Nase wetteifert mit dem Farbenton des Oceans. Nach durchgreifender Veränderung der Garderobe erhob der Magen berechtigte Ansprüche, aber es ist nichts als Gin und elender Schiffszwieback vorhanden. Hinsichtlich der Verpflegung werden Passagiere erster Klasse und Matrosen über einen Kamm geschoren.

Für den 27. März wurde endlich das Rettungsfest anberaumt und die Abschlachtung Pepitas für den 26. März angekündigt. Die Chinesen verrathen seitdem eine doppelte Theilnahme für das Opferthier; Jeder zieht sich den letzten guten Bissen vom Munde ab und bringt ihn Pepita 156 als Henkersmahlzeit dar. Capitän Hartmann, ein stets weitrechnender Finanzkünstler, sucht das Nützliche mit dem Angenehmen zu vereinen. Wenn die Osterfeiertage sind, wissen wir nicht mit Bestimmtheit anzugeben, da die »Pallas« außer einem englischen Schiffsalmanach, in dem die kirchlichen Feste nicht angegeben sind, keinen Kalender führt; der Chef hat uns daher Ostern octroyirt. Der 27. März ist »pork day« und zugleich erster Feiertag. Zu Hartmanns Ehre muß ich anführen, daß es ihn hart ankommt, in Pepita's Tod zu willigen. Das wohlbeleibte Geschöpf ist der Liebling der gesammten Mannschaft und hat sich von jeher besondere Freiheiten erlauben dürfen. So besuchte es uns bei guter Witterung in der Kajüte und erhielt aus des Capitäns Händen seinen Antheil von den Mahlzeiten, ohne daß dadurch die Eifersucht Nelsons gereizt wurde. In bestimmter Voraussicht eines letzten Glücks und letzten Tages unserer Pepita habe ich mich daher, gleich den vorsorglichen Redacteuren großer politischer Blätter, auf ihren Nekrolog vorbereitet und die nöthigen Data gesammelt. Pepita ist am 2. Januar 1863 in Melbourne geboren und hat ihre Ferkelsaison an Bord der »Pallas« verlebt, ebendaselbst auch ihre Erziehung genossen. Ihres ausgezeichneten Betragens halber von den Matrosen »Sie« angeredet, hat sie gegenwärtig ein Gewicht von 180 Pfund erreicht und verspricht einen fetten und saftigen Braten. Kein Freund von Schlächterscenen, durfte ich mich dennoch nicht von der um zwei Uhr stattfindenden Exekution ausschließen, da keiner der Matrosen und Passagiere, selbst nicht mein Kajüten-Nachbar, der Particulier aus Hongkong, dabei fehlte. Die fünf und sechszig Chinesen, denen sichtlich 157 das Wasser im Munde zusammenlief, hatten in tiefem Schweigen einen Kreis gebildet und folgten den einzelnen Acten des erhebenden Schauspiels mit ungetheilter Aufmerksamkeit. Mitleidlos abgebrüht, hing Pepita um fünf Uhr Nachmittag mit dem Kopf nach unten gekehrt am großen Mast. Endlich ging es, immer in Gegenwart sämmtlicher Chinesen, an die Vertheilung. Wie schon erwähnt, hatte der Chef der »Pallas« den asiatischen Touristen die Hälfte des Schlachtthieres zugesichert; höhere Erwägungen hinderten ihn indessen, wie so viele Machthaber, die sich in schwachen Stunden zu Versprechungen verleiten lassen, sein Wort in vollem Umfange zu halten. Pepita wurde in drei Theile zerlegt. Der beste, inclusive Herz und Leber, wurde der Tischgesellschaft in der Kajüte zu Theil, den zweiten erhielt die Mannschaft, den Rest empfingen die »Chinaleute«. Sie verriethen, ein Zeichen angeborener Loyalität, keine Spur von Unzufriedenheit. Mit vollendetem Tact faßten sie das Geschenk als eine reine Gnadensache auf, da doch für Angehörige politisch gebildeterer Völkerstämme eine Berufung auf das Naturrecht gar so nahe lag.

Mittags erschien auf unserer Tafel die schwarze Suppe der Spartaner und mundete unserem Gaumen köstlich, wenn schon wir nicht Kampfspielen obgelegen und im Eurotas gebadet hatten. Der Großmuth des Capitäns verdankten wir einige Flaschen leichten Rheinweins, in dem ich die Gesundheit seiner Frau Gemahlin auszubringen für meine Pflicht hielt. Den Rest des Tages verschlief unser Wohlthäter. Er besitzt jene Fertigkeit, welche die Naturgeschichte dem Dachse nachrühmt, d. h. beliebige Stunden 158 des Tages in tiefem Schlafe zuzubringen, und immer rechtzeitig, wenn es die Umstände erfordern, aufzuwachen. Die Matrosen hatten das Osterfest auf ihre Weise gefeiert. Am Schluß der Mahlzeit war es zu einem in ihren Kreisen sehr beliebten Gesellschaftsspiel gekommen. Bescheert ihnen der Himmel auf langer Seefahrt ein unerwartetes Leibgericht, und sind sie, um die Schüssel sitzend, und der Reihe nach hineingreifend, beinahe mit dem Inhalt fertig, so darf auf den Ruf eines aus ihrer Mitte: »Land vor der Back!« keiner mehr einen Bissen antasten. Dem kühnen Heerrufer, der sich dieser vielsagenden Worte vermessen, gehören nun die Ueberbleibsel des Gerichts, er hat aber die Verpflichtung, sie bis auf das letzte Atom zu verzehren, wenn er nicht der Rache seiner gekränkten Gefährten verfallen will. In diesem Falle wird er über eine Bank gelegt, und an der Nachtseite der Persönlichkeit so lange energisch bearbeitet, bis auch der Letzte an ihm sein Müthchen gekühlt hat. Das Schauspiel soll höchst spannend und aufregend sein, wenn auf den entscheidenden Moment losgegessen wird. Jeder will gern so viel wie möglich hinter sich bringen, um, sobald das Signal erschallt, nicht seinen rechtmäßigen Antheil einzubüßen. Dann aber hütet er sich eben so sorgsam vor Ueberfüllung, um vielleicht, so bald er einen Nachlaß der Kräfte seiner Rivalen bemerkt, als Bewerber um den Siegespreis aufzutreten, und Einhalt zu gebieten. Leider hatte ich zu lange bei Tische gesessen, um Augenzeuge des Wettkampfes selber zu sein; der anmaßende Vielfraß, welcher »Land vor der Back« gerufen, war aber seiner Beute nicht Herr geworden. Niemand setzte mir den Verlauf des österlichen 159 Gesellschaftsspieles auseinander; nichts destoweniger begriff ich Alles, da ich an der Seite der Schaluppe auf einen jungen Mann stieß, der weit über das Geländer gebeugt durch gelinde Reibung die Schmerzen seiner geschädigten Sitztheile zu mildern suchte. Der älteste der schleswig-holsteinischen Schiffsjungen, ein überaus langsamer Knabe, der sich bis zur Regungslosigkeit gesättigt, war eben von seinen Vorgesetzten auf den Mittelmast geschickt worden, um zu Ehren des Tages einen neuen »Flieger« (Wimpel) aufzustecken. In Erwägung, er könne unterwegs von Hunger überfallen werden, hatten sie ihm ein fünf und zwanzig Pfund schweres Stück Speck mitgegeben. So scherzt man auf hoher See. An der Seite des ersten Steuermanns stand ich noch auf dem Quarterdeck, als ganz unerwartet eine hohe Welle über Bord schlug. Hätten wir nicht unwillkürlich ins Takelwerk gegriffen, wir wären Beide in die See gespült worden und rettungslos verloren gewesen. An ein Aussetzen der Böte kann bei dem gewaltigen Seegange nicht gedacht werden. Nach Einbruch der Dunkelheit fiel das Quecksilber des Barometers, die Brise steigerte sich bis zu einem fliegenden Sturm, und das tobende Element verdoppelte zu unserem Leidwesen seine Wuth; die »Pallas« wurde die Nacht hindurch zum Erbarmen hin- und hergeworfen.

Dem lucullischen Mahle folgte am zweiten Feiertage der hinkende Bote. Eine in den Morgenstunden angestellte gründliche Proviant-Musterung ergab, daß unsere Brod-Rationen auf die Hälfte herabgesetzt werden müßten. Das für das Gebäck der Passagiere erster Klasse bestimmte Roggenmehl reicht kaum noch für eine Woche. Am dritten Feiertage befanden wir uns auf der Höhe der Fuchsinseln 160 und könnten bei nördlicherem Course in kurzer Zeit nach Kamtschatka kommen, aber nichts lockt uns in das ungastliche Land. Die Seevögel finden an uns Wohlgefallen, ich zählte heute sechszehn braune Seemöven von der Größe einer jungen Gans, die nicht von uns ablassen wollten und unbedachtsam die von den Chinesen ausgeworfenen Angeln verschluckten. War den unglücklichen Geschöpfen der Haken aus dem Halse gerissen, so wurden sie ohne Fesseln auf das Verdeck geworfen. Die unbehilflichen Vögel waren nicht im Stande, von den glatten Planken aufzufliegen. Sie bedürfen dazu der Nachhilfe ihrer Füße im Seewasser. Der Koch erhandelte einige Lebern und tischte sie Abends beim Souper auf; wir wandten uns Alle mit Entsetzen davon ab. Sie trieften, wie der ganze Braten, von Thran und mußten sogleich aus der Kajüte entfernt werden. Die Hongkongianer verzehrten sie, wie den feinsten Leckerbissen. Ich knüpfte bei dieser Gelegenheit mit der ehrsamen Duenna ein kurzes Gespräch an und erkundigte mich in Pidjen-Englisch nach dem Marktpreise der jungen Damen, die für den Import in San Francisco bestimmt waren; sie nannte eine ziemlich beträchtliche Summe. Daß sie beim Einkauf sehr billig weggekommen sei, gab sie ohne Weiteres zu. Einige kleine Mädchen, die sie freilich dann noch einige Jahre hindurch auffüttern mußte, ehe sie als Handelsartikel gelten konnten; hatte sie nach unserem Gelde mit zehn Silbergroschen bezahlt.

Am 30. März durchschnitten wir den hundertachtzigsten Längengrad und befinden uns auf der westlichen Halbkugel. Da wir von Westen nach Osten die Erde umsegeln, gewinnen wir in der Zeitrechnung einen Tag, der morgen 161 eingeschaltet werden soll. Wir schreiben heute und morgen den dreißigsten März! Für unser Privatleben entstanden daraus weiter keine Schwierigkeiten, nur der Koch gerieth in außerordentliche Verlegenheit. Die Gerichte stehen nämlich auf dem wöchentlichen Schiffs-Küchenzettel so fest, wie die Stifte auf der Walze eines Leierkastens; die geringste Aenderung hätte die süße Melodie für immer in Unordnung gebracht. Ein geniales Machtgebot des Kapitäns half unserem schon verzagenden Vatel über diesen chronologischen Conflict hinweg. Die Bohnensuppe nebst Zubehör sollte auch am 30. März als zweite Auflage gekocht werden! Am letzten Tage des Monats zwang uns ein steifer Ost nach Norden zu steuern, und die Kälte steigt demgemäß. Die »Chinaleute« ziehen alle ihre Kleidungsstücke über einander, und Madame hat die blaue grobe Friesjacke des zweiten Steuermanns angelegt. Gleich dem Roggenmehl geht auch unser Brennholz zu Ende; es wurde folglich am 1. April Alles, was nicht niet- und nagelfest war, in Stücke geschlagen. Darunter befand sich eine neue Großbramstenge, die in Hongkong schweres Geld gekostet hatte. Entwickelt sich unsere Natural-Verpflegung in bisheriger Weise zu höheren Stadien, so werde ich daran denken, mir, wie das Pferd jenes sparsamen Irländers, das Essen ganz abzugewöhnen. Die Kartoffeln sind ausgewachsen und bilden gebraten oder gekocht eine weiche Masse, die man mit äußerstem Widerwillen hinabwürgt; auf das verstockte Salzfleisch habe ich längst verzichtet. Der Capitän hat einem Chinesen mehrere hundert Yamswurzeln abgekauft, die uns Brot und Kartoffeln ersetzen sollen. Die Frucht ist ein Knollengewächs von Kinderkopf-Größe und 162 hat einen fremdartigen Geschmack, an den sich der Europäer schwer gewöhnt. Die Noth läßt uns keine Wahl.

Das denkwürdigste Ereigniß des 6. April war ein riesiger Baumstamm, das erste Merkzeichen der Gebirge und Ströme Nord-Amerika's. Er kam wahrscheinlich von der Oregonküste und schwamm nach Süden. Gar gern hätten wir das kostbare Brennmaterial aufgefischt, aber der hohe Wellenschlag verbot auch heute wieder das Aussetzen der Böte. Bei einem anhaltenden Platzregen hocken wir in den Winkeln der Kajüte und hängen unseren Grillen nach. Erst in dieser grenzenlosen Einsamkeit wird der Mensch gewahr, was Alles er im Schoße der Civilisation dem erfrischenden Wechsel der Gesellschaft verdankt, wie groß die Armuth des Individuums an sich ist. Erst im Austausch des Verkehrs erhält das edle Metall seinen Werth, so auch die geistige Begabung des Menschen. In unserer Genossenschaft trägt der glücklichste Einfall keine Zinsen, findet der schmerzlichste Herzenslaut kein Echo. Wir sinken zu Vierfüßlern hinab und kümmern uns nur noch um Leibes-Nahrung und Nothdurft. Der Schiffsschreiber pfeift zum tausendsten Mal gräulich falsch den Prophetenmarsch, meine Blicke verfolgen durch das Kajütenfenster einen großen Wallfisch, der mit uns denselben Cours steuert, aber zu schleunig für meine Schaulust die »Pallas« überholt. Der Tag war sonst für mich glückbedeutend gewesen; in der Galasuppe des heutigen Diners, einem Gemisch von Sago und leichtem Rothwein, hatte ich eine dicke chinesische Scheidemünze gefunden. Diesem bescheert der Himmel sein Glück im Schlaf, Jenem bei Tisch.

Ein günstiger Wind brachte uns in den nächsten Tagen 163 auf die Höhe von Honolulu; in meiner gegenwärtigen Laune ist das frühere Verlangen nach den Sandwichsinseln in mir vollkommen erstorben. Der Gedanke: ein halbes Jahr meines Lebens dem Besuch dieser Eilande zu opfern, ist unerträglich. Nur im Falle eines Schiffbruchs an ihren Küsten würde man sich in sein Schicksal ergeben. Einst hatte ich mir das Bild der dicken Königin der Inseln, die sich nach jedem schweren Diner von dem gerade anwesenden Rathe der Krone oder Unterstaatssecretair mit Füßen treten läßt, so verführerisch ausgemalt! Jetzt segelten wir gleichgültig an ihrem Reiche vorbei. Die Strecke, welche wir bis zum Hafen von San Francisco noch zurückzulegen haben, wird von Capitän Hartmann auf 350 geographische Meilen veranschlagt. Ueber die maritime Scenerie wäre nicht mehr zu bemerken, als: dunkelgrauer Himmel und eine dreißigtausend Fuß tiefe See, schwarz wie chinesische Tusche. Zu unserem Trost haben wir eine allen Wünschen entsprechende Brise und laufen mit den Raasegeln vor dem Winde.

Der 11. April ist in meinem Tagebuch als chinesischer Opfertag bezeichnet. Die Lebensmittel des armen Gesindels gehen zu Ende; sie flehen deshalb zu ihren Göttern um eine baldige Ankunft in San Francisco. Zudem ist der Mövenfang in der letzten Zeit nicht ergiebig gewesen; erst heute gelang es ihnen wieder, zwei große Vögel zu erwischen. Ich für meinen Theil betrachte die Bestrebungen der Schiffsmannschaft, in ihren Mußestunden die Außenseite der »Pallas« etwas aufzufrischen, als ein vielversprechendes Zeichen unserer abnehmenden Entfernung von der californischen Küste. Das brave Schiff geht zwar erst 164 ins achte Jahr, hat aber eine stürmische Jugend verlebt und zweimal die Linie passirt. Zu seinen angreifendsten Wasserpartien zählt eine Guanofuhre; eben so wenig trägt unsere gegenwärtige Winterreise queer über den großen Ocean zur Erheiterung der »Pallas«-Physiognomie bei. Es ist der Ehrgeiz des Capitäns und der Mannschaft, in so reputirlicher Gestalt, wie möglich, in den Hafen des Goldlandes einzulaufen. Sobald die Witterung es erlaubt, wird kalfatert, geschmiert, getheert, gepinselt und geflickt, »alle Hände« arbeiten auf Deck; ich selbst betheilige mich an dem nützlichen Werk und putze Musketen oder Revolver. Dem Schreien, Schimpfen und Fluchen in plattdeutscher und englischer Sprache gehe ich gern aus dem Wege und ziehe mich bei dem frischen Aprilwetter dieser Zone in die Kajüte zurück. Wie Recht hat Preziosa mit ihrem Liede: »Einsam bin ich nicht alleine!« Wir durchkreuzen gegenwärtig den Rendezvousplatz der Wallfische, und von Zeit zu Zeit liebäugele ich mit einem Prachtexemplar durch das Kajütenfenster. Welche eigenthümlichen Frühlingsgesänge würde ein junger Lyriker an meiner Stelle anstimmen! Man denke: ein Ghasel auf den Wallfisch als verliebten Boten des Lenzes! ein Sonnett auf die Wallfischin! Es besteht ein beträchtlicher Unterschied zwischen den minniglichen Tändeleien der Spatze auf den Dachrinnen und der Ungeheuer der Tiefe. Trotz dieser mir vollkommen neuen Studien verschwöre ich jede abermalige Seereise auf einem Kauffahrer; es wäre noch immer unterhaltender, den Weg von Welttheil zu Welttheil auf einem österreichischen Postomnibus zurückzulegen. So manches psychologische Geheimniß erschließt sich mir; ich begreife den Seelenzustand der 165 indischen Büßer, der Säulenheiligen, der Stifter seltsamer Secten. Visionen stammen eben so oft aus einem leeren, wie aus einem überfüllten Magen. Von Erscheinungen supernaturalistischer Abstammung werde ich in nächtlichen Stunden nicht beunruhigt, aber ich erblicke die Gestalten beliebter Berliner Restaurants, ihrer Kellner und Locale. Ich erkenne nicht nur mit Bestimmtheit die Gesichter der anwesenden Gäste; ich höre auch ihre Stimmen: »Garcon, fünfundzwanzig! Filet sauté! bringen Sie mir ein Hamburger Hühnchen! einmal Hammelrücken!« Während derartiger Sinnestäuschungen rieche ich sogar, ja ich unterscheide die Blume der Rheinweine, der höheren Medocs! – Ein heiserer Schrei, die dienstfällige Mannschaft wird zur »Hundewache« (zwölf Uhr Mitternacht) munter gebrüllt, die entzückenden Bilder verschwinden, und ich bin froh, den Rest der Nacht zu verschlafen. Am Morgen: Graupenkaffee, Dauerbutter und Schiffszwieback, härter als Gneis und Granit.

Der Frieden zwischen der Mannschaft und dem Capitän ist durch einen Compromiß hergestellt. Da ihr die statutenmäßigen Rationen nicht mehr verabreicht werden können, und sie auf die mäßige Nahrung von Yamswurzeln, dickgekochten Graupen und Hafergrütze angewiesen ist, entschädigt man sie durch Extra-Rationen von Schnaps. Nach der Theorie von Physiologen wird auch der Magen durch Illusionen getäuscht.

Unter dem 13. April ist wieder ein Sturm vermerkt. Die Masten und Raaen nahmen in dem wüthenden Treiben der Elemente die Form eines gespannten Bogens an, alle Segel wurden gerefft und das Steuer festgemacht. 166 Wenn wir Anderen vor Schrecken verstummen, lösen derartige Scenen dem englischen Schiffsschreiber die Zunge. Er zieht die Hände aus den Hosentaschen, reibt sie, pfeift einige Tacte des Prophetenmotivs und sagt: »Ganz glatt geht diese Reise nicht ab, denken Sie an meine Worte!« Die Nachwehen des stürmischen Tages waren eine hochgehende See und ein »schlengerndes« Schiff, aber die Südwest-Brise des 14. April wird in der poetischen Fachsprache »schlank« genannt und schafft uns vorwärts. Die »Chinaleute« verleihen wieder ihrer Dankbarkeit gegen die himmlischen Mächte durch Opferpapier und brennende Stäbchen Ausdruck. Der Wind treibt die glänzenden Fetzen vor uns her. Wir sind elf Wochen auf der See und noch immer sollen wir 130 geographische Meilen vor uns haben; begreif's wer kann. Unsere tägliche Wasser-Ration besteht nur noch aus zwei Achtelgläsern einer faulen lehmigen Jauche, deren lebende Bewohner wir durch Gin tödten; aller Käse wird aus nicht näher zu erörternden Gründen im Dunkeln genossen. Das braune Salchen, das vorletzte unserer Schweine, wog nur 23 Pfund. Dreiundzwanzig Pfund und fünfundachtzig hungrige Menschen! Zudem machen uns Ratten und Käfer den Rest der Hülsenfrüchte streitig. Wir wären niemals in solche Noth gerathen, hätte sich der gutmüthige Capitän nicht überreden lassen, ein Dutzend Fässer Roggenmehl in Hongkong an einen Landsmann zu verkaufen. Nach einem elf Fuß langen Hai wurde vergebens ein Köder ausgeworfen; der Raubfisch war übler Laune. Wir hatten ihn im Schlaf überfahren. Möglicherweise roch auch das Salzfleisch am Köder gar zu übel. Am 16. April wurde die Ladung der »Pallas« angegriffen. 167 Diese Verletzung fremden Eigenthums ist nur in äußerster Noth gestattet, aber was blieb uns noch übrig? Die Chinesen hatten ihr »Tschau Tschau« bis auf den letzten Brocken verzehrt, und der Capitän war verpflichtet, ihnen das Leben zu fristen. So leben wir denn sämmtlich von Reis und Zucker.

Den Chinesen lächelte noch gegen Abend das Glück, sie erhaschten drei große Sturmvögel; ich beschränkte mich auf den Genuß des Sonnenunterganges. Das Tagesgestirn versank mit einem Glanze, wie ihn Claude Lorrain so oft und herrlich auf die Leinewand gezaubert; mein malerischer Sinn war fast erloschen. Von aller ausgebreiteten Leinewand wäre mir ein Tischtuch mit Zubehör die liebste gewesen. Die große Getränk-Revision am 17. April ergab einen gefährlichen Leck unter den Gin- und Rothweinflaschen, als dessen Consequenz ein Universalrausch der Matrosen anzusehen war. Capitän Hartmann hat die Chinesen hinsichtlich unserer Ankunft in San Francisco von einem Tage auf den andern vertröstet; die jungen Damen machen also an jedem Morgen vollständige Galatoilette. Der überaus kunstvolle Kopfputz hält schon die ganze Woche hindurch Stich. Am 18. April kam ein nach Norden steuernder Schooner in Sicht, nach sechs Wochen das erste Schiff. Wir suchten durch Signale eine Unterhaltung anzuknüpfen, doch kümmerte sich der Schooner nicht weiter um uns. Unsere Wasserneige reicht nur noch drei Tage, und zugleich tritt vollkommene Windstille ein. Das Klarmachen der Anker und dazu gehörigen Ketten ist ein erfreuliches Zeichen der Nähe des Landes; das Klirren des Eisens klingt wie ein Tedeum. Gegen Abend kam in einer Entfernung von 168 26 englischen Meilen der erste Streifen in Sicht – Land, oder Nebelbank – wer konnte sie schärfer unterscheiden? Die Chinesen stießen ein lautes und doch wehmüthig klingendes Freudengeschrei aus; leider lagen nur die Faraliones-Inseln vor uns, und wir schwebten bei der heftigen Strömung und Windstille in einer ähnlichen Gefahr, wie angesichts der Botel-Inseln, doch nahm uns der Himmel in seinen Schutz. Am 20. April tauchten endlich die einförmigen Gipfel des Goldlandes am Horizonte auf, und nach zwei Stunden näherte sich uns die verhängnißvolle Schwalbe – der Lootse. Ein unübersehbarer Schwarm wilder Enten begleitet sein Boot, doch feuern wir Alle vergebens. Statt aus Entenbraten besteht unser Mittagessen aus einer Schüssel Kartoffeln, deren uns der Lootse ein Schnupftuch voll verkauft hat. Der Seemann, ein feiner Yankee mit Glacéhandschuhen und Lackstiefeln, blickt auf unsere Jammergestalten mit vornehmem Nasenrümpfen; wir betrachten ihn wie einen Cherubim. Nur unsere drei Hunde knurren und fletschen die Zähne gegen den neuen Ankömmling. Harry, der Schweineschlächter, rasirt den Capitän, das Lootsenhonorar, 120 Dollars, wird abgezählt, wir machen uns mit zitternden Händen »landfein«; noch eine Stunde, und wir sind – auf der Rhede von San Francisco. 169

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