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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 59
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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X.

Bischofsklippen und Borodino-Inseln. Eine Extraration. Der Steuermann als Wickelfrau. Heftpflaster gegen Schwämmchen. Unser Münzkabinet. Hungerkur. Die Chinesen und der Bandwurm. Reiskäfer-Jagd. Am Freitag abgefahren. Marine-Pennalismus. Er schleift sein Messer. Mond- und Hemdenwechsel. Albatros mit Reis. Endlich im offenen Wasser.

Zuweilen, wenn ich nach meinem Tagebuche greife und die spärlichen Vorkommnisse unserer Seefahrt verzeichne, kann ich mich vollkommen in die Lage des armen Robinson Crusoe versetzen. Unsere Geselligkeit an Bord erhebt sich nur wenig über seine Einsamkeit. Insel oder Schiff – wir haben uns ausgesprochen. Die Gedanken-Munition der »Pallas« ist bis auf die letzte Patrone verschossen. In Ermangelung aller anderweitigen Unterhaltung leiste ich den Matrosen Gesellschaft, wenn sie in der Nähe gefährlicher Klippen die Nacht auf Deck zubringen müssen, und suche meine nautischen Kenntnisse zu bereichern. Nebenbei kommt so mancher komische und gemüthliche Zug im Gespräch an die Reihe. Ein vierschrötiger deutscher Vollmatrose hat mich augenscheinlich liebgewonnen, weil ich geduldig und theilnehmend zuhöre, wenn er von seiner alten Mutter und 140 ihren weisen Rathschlägen erzählt, als er sich vor acht Jahren zum ersten Male einschiffte. Die würdige Frau hatte ihm besonders anempfohlen: »sich vor der Seekrankheit und nassen Füßen in Acht zu nehmen, ferner nicht allzuviel auf den Masten umherzukrabbeln:« Ein anderer Landsmann, den das Klima hart mitgenommen hat und dessen schwächliche Constitution sein Aufkommen erschwert, klagt mir gern sein Leid. Auf meinen wohlgemeinten Rath, nach Europa zurückzukehren, und »Nord- und Ostsee zu fahren«, erhalte ich jedoch stets die Antwort: »Unsere Heuer (Monats-Lohn) ist in Europa so schlecht, daß wir nicht einmal das Rauchen aufrecht erhalten können!«

Am 4. März befanden wir uns im Rayon der Bischofsklippen und näherten uns um 5 Uhr Morgens der Borodino-Inselgruppe, erkannten auch in der Frühdämmerung in Entfernung von anderthalb Meilen eine scharfe, kahle Felswand von 150 Fuß Höhe mit einer dürftigen Krönung von niedrigem Buschwerk. Ungefährdet kamen wir vorüber, und Capitän Hartmann verordnete in der Freude seines Herzens, daß unseren drei Hunden eine Extra-Ration von Rhicinusöl verabreicht werde. Der dilettantische Heilkünstler schätzt diese Universal-Medicin eben so hoch, wie Mistreß Squeers in Boz' Roman »Niclas Nickleby« jenes Gemisch von Schwefelpulver und Syrup, das den Pensionären von Todtenbuschhall an einem bestimmten Wochentage eingeflößt wurde. Wenn Mistreß Squeers mit ihrer regelmäßigen Arzeneigabe die hausmütterliche Absicht verband, auf den Appetit der ihrer Pflege anvertrauten Stiefkinder und Waisen abschwächend einzuwirken und so ihr Leben allmählich zu verkürzen, gedenkt Capitän Hartmann 141 durch seine Anempfehlung und constante Vertheilung dieses Chrisams unseren Appetit zu stärken und die Empfänglichkeit der Gaumen seiner Passagiere für die Reize der Schiffsküche zu erhöhen. Da es immerhin rathsam ist, alle Experimente »in corpore vili« anzustellen, sind die Hunde zur Erhärtung der nachhaltigen Wirksamkeit des Medicaments ausersehen und erhalten, außer ihrer Wochendosis, in außerordentlichen Fällen Extragaben. Nach dem Heißhunger der Bestien zu urtheilen, ist Capitän Hartmanns Theorie richtig, doch ging nach meinem Dafürhalten »de söte Stürmann mit de schöne Brust«, wie die Schiffsjungen ihren Quälgeist, den zweiten Steuermann nennen, in seinem Eifer zu weit, wenn er dem chinesischen Kläffer Chin-Chin drei Blechlöffel voll einnöthigte. Der junge Mann ist nächst dem Befehlshaber die einflußreichste Person an Bord und besitzt die weitreichende Macht der Wirthschafterin in einem großen Haushalt. Unter seinem Verschluß befindet sich Alles: Gin und Wasser, Salzfleisch und Heftpflaster, Graupen und Rhabarber, Roggenmehl und Kautabak, Schiffszwieback und Talglichte, Segeltuch und Theer, nebenbei sind die Katzen seiner Pflege anempfohlen. Vorkommenden Falles ist der vielseitige Schiffsbeamte auch zu den Handleistungen einer Wickelfrau verpflichtet. So in der verflossenen Nacht, als durch eine junge Chinesin die Zahl der Pallas-Passagiere leicht und glücklich um einen kräftigen Knaben vermehrt wurde. Wie übel es übrigens um die deutsche Einheit bestellt ist, kann man selbst in diesen verlassenen Regionen des Erdballs erkennen. Die plattdeutsch sprechenden Matrosen haben es besonders auf einen aus Wolgast gebürtigen jungen Seemann abgesehen, 142 den sie seiner hochdeutschen Mundart wegen unablässig hänseln. »De hochdütsche Schnurrbart«, der nächstens Steuermann zu werden hofft, und mehr Bildung als seine Collegen besitzt, beträgt sich, diesen albernen Quälereien gegenüber, vortrefflich.

Gegen Abend drehte sich der Wind nach Osten und wir konnten nach Norden steuern, um dem drohenden Klippengewirr zu entgehen, nichts desto weniger sind wir zu fortwährenden Beobachtungen und Rechnungen genöthigt; die Seekarten dieser Meeresgegenden sind noch zu incorrect. Nicht selten entdeckt Capitän Hartmann ein neues Eiland, das freilich nur in einem Corallenriff besteht und im Kampfe mit dem Ocean erst ein vollkommneres Dasein zu erringen sucht. Der vortheilhafte Seitenwind belebt wieder den sinkenden Muth unseres Chefs; er vermißt sich sogar mit prahlerischen Worten, den Klipper Julian einzuholen! Ich will eben deshalb gleich hier bemerken, daß der Schnellsegler ungeachtet seiner späteren Abfahrt vierzehn Tage früher als die »Pallas« San Francisco erreichte.

Die chinesischen Leidensgefährten ertragen die Langeweile der Seereise leichter, als wir Europäer. Sie bleiben auch an Bord ihren sonstigen Gewohnheiten getreu. Die jungen Candidatinnen für Californien widmen, sobald der Seegang es gestattet, einen beträchtlichen Theil des Tages der Toilette und arbeiten mit einem acht Zoll langen Zahnstocher, einem Ohrlöffel und einer Pincette zu unbegreiflichen Zwecken in ihren Gesichtern umher, dann beginnt die Malerei. Die männlichen Passagiere rasiren und schaben einander gegenseitig, übernehmen auch die übrigen Functionen dieses kosmetischen Berufs; bei ihrer Ungeschicklichkeit ein abscheulicher 143 Anblick. Mehr als das wirklich geheime Inselwesen macht dem armen Capitän die »Frau in Roth« zu schaffen. Sie mißhandelt ihn, wie eine hochgestellte Dame ihren Hausarzt. Macht sie es dem Unglücklichen zu arg, so beantragt er eine Consultation unter Berufung des zweiten Steuermanns. Auch war schon die Rede davon, zum dritten Mitgliede des Collegiums mich zu ernennen. Die vielgewanderte Dame leidet momentan an einer Kinderkrankheit: Schwämmchen auf der Zunge und wehklagt Tag und Nacht. Capitän Hartmann war anfangs geneigt, ihr durch Dispens einer Extraration seines beliebten Hausmittels Erleichterung zu schaffen, allein er fand kein Gehör; der geistreiche Steuermann schlug die Anwendung eines Radicalmittels vor. Um außer der Krankheit zugleich den unerträglichen Klagen ein Ende zu machen, empfahl er einen Verschluß der Sprachwerkzeuge unserer Patientin durch – Heftpflaster. Den wissenschaftlichen Erörterungen der Doctoren wurde um Sonnenuntergang durch einen fliegenden Sturm aus Nord-Nordost ein Ende gemacht. Um sieben Uhr Abends gingen für mehr als 150 Thaler Segel über Bord und die Herren Aerzte sahen sich genöthigt, die Ausübung der Kajüten-Praxis zu unterbrechen und die Nacht im Freien zuzubringen. Mit dichtgerefften Marssegeln wurden wir bis Tagesanbruch von dem heulenden Sturme hin- und hergeworfen.

Am 6. März blickte die Sonne zwar zeitweilig schüchtern durch das Gewölk, allein der Barometerstand bleibt überaus niedrig, und wir segeln recht eigentlich »unter Wasser.« Jede Welle rollt vom Bug her über das ganze Schiff bis zum Sturmdeck. Die Mannschaft steckt die Köpfe zusammen 144 und sucht zu ermitteln, wer eigentlich die Schuld des schlechten Wetters trägt. Nach dem Seemanns-Aberglauben hat einer der Matrosen vor der Abfahrt heimlich ein Verbrechen begangen, oder seine Verpflichtungen nicht erfüllt. Aus den Untersuchungen geht nichts Wesentliches hervor, aber Jack, ein Engländer, ist höchst verdächtig, seine Wäscherin in Hongkong nicht bezahlt zu haben. Nachmittags liegen wir Münzbelustigungen ob; Capitän Hartmann holt seine Sammlung, bestehend aus 290 Exemplaren, hervor. Der gelehrte Numismatiker wolle seine Erwartungen nicht zu hoch steigern, das Cabinet bestand nicht aus indischen, chinesischen oder japanesischen Kostbarkeiten vergangener Jahrhunderte, sondern nur aus falschen Dollars. Der Chef hatte auf seiner letzten Ueberfahrt 20,000 von San Francisco nach Hongkong gebracht und die unfehlbaren Münzkundigen von Kanton hatten darunter 290 als zu leicht ermittelt, die nun dem Rheder zurückgebracht wurden. Abends erkundigte sich die »Frau in Roth« bei mir, ob nicht alle gebildeten Norddeutschen auf Schulen einigen Unterricht in der Medicin erhielten und ich selber nicht durch Privatstudien in reiferen Jahren meine Kenntnisse bereichert habe; dabei streckte sie mit kläglichem Blick und Seufzer ihre Zunge aus dem Munde. Was war zu thun? Ich gestand, daß meine Erziehung in medicinischen Wissenschaften arg vernachlässigt worden, der Unterricht in dieser Disciplin in den vaterländischen Schulregulativen auch nicht vorgesehen sei, ich mich aber befleißigen werde, sobald ich nach Hause zurückgekehrt, das Versäumte nachzuholen. Auf ihre Frage, was gegen die »Schwämmchen« zu thun sei, empfahl ich, da die Pallas-Apotheke erschöpft war, aus bester 145 Ueberzeugung die Anwendung einer mehrtägigen Hungerkur. Der verächtliche Blick der fahrenden Schönen wird nie aus meiner Erinnerung schwinden; ich hatte den wundesten Punkt ihres irdischen Daseins berührt. Die Zunge mochte noch so leidend sein, den Obliegenheiten der Rede und Ernährung war sie vollkommen gewachsen, und durfte darin weder durch Heftpflaster, noch durch freiwillige Verzichtleistung gehindert werden.

Die am 7. März herrschende Windstille veranlaßte die Chinesen wieder, das Verdeck in einen Trockenplatz zu verwandeln und alle ihre Unbegreiflichkeiten in der Sonne auszubreiten. Meine zunehmende Fertigkeit im Pidjen Englisch ermuthigt mich, mit einem Alten ein Gespräch anzuknüpfen und ihn um Erklärung der räthselhaften Gegenstände zu bitten. Habe ich ihn nicht mißverstanden, so besteht sein Proviantvorrath größtentheils aus gedörrten Vogelmägen, Köpfen, Hälsen und Pfoten, dazu kommt eine Anzahl plattgedrückter Fett- und Blutwürste, deren Füllung stark mit Kohl gemischt ist. Wahrscheinlich rührt das Nationalleiden der Chinesen: der Bandwurm, mit dem Alt und Jung behaftet ist, von ihrem rücksichtslosen Verbrauch aller organischen Ueberbleibsel her. Den deutschen Wurmdoctoren eröffnete sich hier ein weiter Spielraum für ihre Kuren. In Japan, wo diese Plage des menschlichen Geschlechts fast eben so häufig vorkommt, bedient man sich als Abtreibungsmittel eines sauren Pflanzensaftes, der seine Wirkung niemals versagen soll.

Zwei Tage hindurch blieb das Wetter anhaltend schön, aber am 9. März saßen wir gegen Abend ahnungslos in der Kajüte beisammen, als ein plötzlicher Stoß uns wie 146 Kegel übereinanderwarf, und wir sämmtlich auf die entgegengesetzte Seite des kleinen Gemachs rollten. Unserem Gefühl nach war die »Pallas« gegen einen Felsen gerannt. Zum Glück hatte nur eine heftige Böe das Unheil veranlaßt und die Bark auf die Seite geworfen. Die »Pallas« richtete sich schleunig wieder auf, und wir kamen mit dem bloßen Schrecken über das räthselhafte Luft-Phänomen davon, denn die Nacht blieb ruhig, und auch am 10. März trieb uns bei lieblich kühler Luft eine leichte Brise langsam vorwärts. Ich benutzte diesen Tag zu einer Treibjagd auf Reiskäfer, die schon in den letzten Tagen in unseren Gemüsesuppen sporadisch aufgetaucht waren, jetzt aber aus allen Winkeln des Schiffes hervorbrechen und Wände und Geräthe bedecken. Es gelingt mir, mit einer kleinen Bürste von dem Eßtisch der Kajüte ganze Trinkgläser voll Ungeziefer zusammenzustreichen und in die See zu schütten. Der Capitän zieht den chinesischen Koch zur Rechenschaft und macht ihn unter Androhung einer Extra-Ration für die Entfernung der Reiskäfer aus den Speisen, überhaupt für eine größere Reinlichkeit verantwortlich.

Der talentvolle Buffo bittet daher am nächsten Morgen um Audienz und zugleich um eine Küchenbeisteuer an – Seife; er will die Graupen, ehe er sie in den Topf thut, damit waschen. Am 10. März wiederholte sich die Böe des vorhergehenden Tages, ohne uns Schaden zu thun, einige Stunden später durchschnitt die »Pallas« einen 20 Fuß breiten, röthlichen Streifen, der sich rechts und links bis in die unabsehbare Ferne erstreckte. Wir schwimmen heute sechs Wochen auf dem Ocean umher und haben noch nicht den fünften Theil unserer Reise zurückgelegt; doch ist 147 neuerdings wenigstens der Grund unseres Mißgeschicks entdeckt. Die »Pallas« hat an einem Freitage Hongkong verlassen! Zum Unglück ist unser Wasservorrath nur für sechzig Tage berechnet, und in Ermangelung einer Seekarte der japanesischen Gewässer können wir dort nicht anlaufen und die leeren Fässer füllen. Auf der Mehrzahl der kleinen Inseln und »Atolls« giebt es kein süßes Wasser. Dennoch werden Jedem täglich noch zwei Gläser verabreicht. Wäre es alkoholhaltig, ich würde behaupten: es schmecke nach dem Pfropfen, immerhin bleibt es, trotz aller darin enthaltenen Infusorien, eine tropfbare Flüssigkeit.

In unseren Dämmerungsgesprächen kommt nachgrade auch der »fliegende Holländer« auf das Tapet; Jeder will ihn einmal gesehen haben. Bestimmte Auskunft vermag aber Niemand, so wenig wie über die Seejungfern mit langen schwarzen Zöpfen und feurigen Augen zu ertheilen. Von der Seeschlange und dem Kraken ist dagegen niemals die Rede. Bei Tage müssen die armen Schiffsjungen herhalten; ihre Behandlung von Seiten der Matrosen grenzt an Thierquälerei. Der Kleinste, den sie am Abend vorher auf den Mittelmast geschickt hatten, um mit Hülfe einer Leiter den Mond herabzuholen, wurde am Morgen zur Strafe für seine Ungeschicklichkeit verurtheilt, rittlings auf dem Bugspriet zu sitzen – und mit einem Besen Schaum zu fegen. Dergleichen gehört in das Gebiet des Marine-Pennalismus. Unter diesen Albernheiten hatten die Bursche vernachlässigt, nach unserem Geflügel und den Schweinen zu sehen, welche beide sich gewöhnlich frei auf dem Verdeck umhertreiben. Zwei Enten waren auf Nimmerwiedersehen in die See geflogen. Bei warmem Sonnenschein verläßt 148 auch der Opiumschmuggler sein Lager und die darin verborgenen Schätze. Er schleift alsdann vor Aller Augen sein Messer und drückt dadurch seinen festen Entschluß aus, Hab' und Gut auf Tod und Leben zu vertheidigen.

Die Nacht vom 13. März hatte ich wieder bis 2 Uhr im Freien zugebracht. Die »Pallas« »griff sich an« und legte bei einer energischen Brise aus Südwest stündlich acht Knoten zurück, wir schreiben Sonntag, und der Tag des Herrn brachte uns Mond- und Hemdenwechsel. So schwer der Capitän an Gicht leidet, eben so strenge hält er auf die Toiletten-Operation der Mannschaft, Vormittags muß jeder Matrose vor ihm die Hemden-Revue passiren. Die Witterung gestattet dem armen Dulder, der sich das Uebel während achtjähriger Reisen zwischen den Wendekreisen geholt hat, einige Tage im Bette zuzubringen. Letzteres besitzt einige Aehnlichkeit mit dem Lager des chinesischen Passagiers erster Klasse, nur ist es nicht mit Opium und Dollars, sondern mit Pulver und Blei gepolstert. Sobald die Dunkelheit hereinbricht, läßt der Capitän ein Talglicht anzünden, hält den auf dem Leib stehenden Leuchter mit der Linken fest und mit der Rechten die brennende Cigarre. Da mein Nachtlager nur drei Fuß von diesem leicht entzündlichen Ruhebette entfernt ist, habe ich unseren Chef mehrmals auf die entsetzlichen Folgen seines leichtsinnigen Verfahrens aufmerksam gemacht, aber immer zur Antwort erhalten: an Bord sei sonst kein sicherer Platz für das Pulver vorhanden; er habe es von jeher in und unter seinem Bette aufbewahrt und wisse damit umzugehen.

Die Südwestbrise hielt an und führte uns rasch an einigen kleineren japanesischen Inseln vorüber, dann geriethen 149 wir wieder in verworrene Stromversetzungen, und der Capitän verhehlte mir nicht seine Besorgnisse, da auf der Karte ein nur mit wenigen Fuß Wasser bedecktes Riff angegeben war, dem wir uns unzweifelhaft näherten. Dennoch wurden die Segel erst um Mitternacht gerefft. Ich erlaubte mir einige bescheidene Bemerkungen, es hieß indeß, eine Umkehr sei nicht mehr möglich: wir befänden uns mitten unter Klippen und Untiefen. Begegnete uns ein Unglück, so seien die Rettungsböte klar. Gegen Morgen änderte der Capitän seine Meinung und wechselte den Cours; aus seinen weitschweifigen Erklärungen vermochte ich nicht klug zu werden. In der Stille legte ich meinen Schwimmgürtel an, und harrte in fatalistischer Gelassenheit der Dinge, die da kommen sollten, auf Deck. Einer schwarzen Felswand kamen wir so nahe, daß ich, durch die tiefe Dunkelheit getäuscht, wähnte, sie könne in jedem Moment von unseren Segelstangen gestreift werden.

Vor Ermattung fielen mir endlich die Augen zu. Als ich um fünf Uhr Morgens erwachte, brach die Dämmerung an; die »Pallas« befand sich zwischen zwei Felsinseln, über welche die Seekarte genügende Auskunft ertheilte; dem verderblichen Riff waren wir entgangen. Aus Dankbarkeit zeichnete ich mit halberstarrten Fingern die Silhouetten beider Inseln auf den Rand meines Tagebuches und entledigte mich des Schwimmgürtels. Die Mannschaft hatte unverdrossen die ganze Nacht auf Deck zugebracht, ihr wurde daher als Frühtrunk ein steifer Grog aus Edamer Genever verabreicht; den Passagieren erster Klasse opferte der Capitän einige Gläschen seines bittern Nektars. Dann werden in der Eile Vorkehrungen getroffen, Regenwasser 150 aufzufangen und nach drei Stunden haben wir die Freude, zwei gefüllte Fässer in Sicherheit zu bringen.

Wahrscheinlich waren wir nicht weit von einer größeren Insel entfernt, denn außer Seemöven und einigen Albatros umschwärmten kleine Landvögel unser Schiff. Die verhungerten Chinesen hatten ihre Angeln ausgeworfen, und wirklich gelang es ihnen, einen Albatros, der nach dem über dem Wasser schwebenden Köder geschnappt hatte, zu erwischen. Das Flügelmaaß des Vogels betrug neun Fuß. Der erste Steuermann, dem die zu einer Section nöthigen Handgriffe bekannt schienen, hat das Thier abgebalgt, das Fleisch den Chinesen überliefert und sie für die Federhaut durch ein kleines Geldgeschenk entschädigt. Der Vogel soll ausgestopft und an ein Museum verkauft werden. Der junge Ornithologe erhöht seine Jahresrente durch den Verkauf derartiger naturwissenschaftlicher Präparate. Er verfährt dabei mit einem gewissen industriellen Humor. Im vorigen Jahre wollte er einen Albatros, dem die Füße abhanden gekommen waren, mit einem Paar alter Storchbeine ausgestattet und als Unicum in einem Museum glücklich angebracht haben. Den Namen des Vorstandes verschwieg er hartnäckig. Unsere Reisegefährtin, die »Frau in Roth«, ist von allen ihren Leiden wiederhergestellt und beging als Feier ihrer Genesung einen solchen Exceß in ihrer Toilette, daß Capitän Hartmann sich nach Tische gedrungen fühlte, ihr sittliche Vorstellungen über die Manifestation ihrer Büste zu machen. Der ehrbare Seemann beschwor die Abenteuerin, den Ruf seines Barkschiffes und die Gemüthsruhe der jungen Steuerleute respectiren zu wollen. Ich lag in meiner Koje und stopfte mir das Taschentuch in den 151 Mund, um nicht in ein lautes Gelächter auszubrechen. Die Ermahnungen Hartmanns schlossen mit dem Angebot einer alten blauen Schifferjacke, falls Madame's Toilette nicht mehr ausreiche, ihre Blöße zu bedecken. Der Capitän mochte zu weit gegangen sein; Madame schoß wuthschnaubend zur Kajüte hinaus. Abends war Alles vergessen, das gefährliche Weib spannte von Neuem ihre Netze aus, die Steuermänner zu fangen. Der Capitän gab den jungen Leuten einen verstohlenen Wink und sie besaßen Taktgefühl genug, die Kajüte zu verlassen, worauf Madame, da an dem fischblütigen Schiffsschreiber und uns Senioren Hopfen und Malz verloren war, sich gleichfalls in ihr Gemach zurückzog.

Am 16. März büßten wir in den Frühstunden das Focksegel ein; es flog wie ein Bogen Papier in die See. Unser bisheriger Verlust an Leinwand wird auf 500 Dollars veranschlagt. Als Beitrag für ein gastrosophisches Lexicon notire ich die Zubereitung des Albatros. Die Chinesen haben ihn, wie wir unsere Kapaune oder Puter, mit Reis gekocht, aber mit Leinöl geschmälzt. Sie diniren unter dem rasenden Geheul eines eisigen Nordwindes; der Ocean gleicht einer dicht mit Schnee bedeckten Hügellandschaft. Das Wasser zerstäubt in lauter Flocken, die wie Schneegestöber über die Wogen fliegen. Wir mußten uns an diesem und dem folgenden Tage mit kalter Küche begnügen, bei dem Stampfen und Rollen der »Pallas« war es zu gefährlich, Feuer anzuzünden. Obgleich wir fast Alle Deutsche sind, wird die Unterhaltung doch, dem Schiffsschreiber zu Liebe, in englischer Sprache geführt; wir reichen schon mit hundert Vocabeln. Der Unterhaltungsstoff 152 verringert sich, wie unser Wasservorrath, mit jedem Tage. Die Portion der Chinesen ist unter dem Versprechen, in San Francisco Jeden durch ein unentgeltlich zu lieferndes ganzes Faß zu entschädigen, auf die Hälfte herabgesetzt. Am 20. März kam eine große Schildkröte in unseren Gesichtskreis. Das Ungeheuer trieb, wie ein unnahbarer Monitor auf den Wogen; es war keine Aussicht auf Turtlesuppe vorhanden. Der Tag schloß mit einem fliegenden Sturm, der unseren neuen Klüverbaum in Stücken brach, aber uns zugleich, da er aus Süden wehte, mit der unerhörten Geschwindigkeit von stündlich zehn Knoten beförderte. Wir haben die letzte Insel hinter uns und schwimmen in den freien, tiefen Ocean hinaus. 153

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