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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 58
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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IX.

Das chinesische Mittel gegen Migräne. Schlaf nach Belieben. Mangelhafte Karten. Der Bonito. Graupen-Kaffee. Ein Tag der Wasserhosen. Das Verdeck ein Trockenplatz. Etwas Paradies. Selbstbekenntnisse einer schönen Seele. Die Crinoline auf dem stillen Ocean. Das Tagebuch zwischen Himmel und Ocean. Der Klipper Julian.

Die chinesischen Passagiere haben, wie wir, unter den Nachwehen der furchtbaren Nacht zu leiden, nur fühlen sie sich leiblich, nicht moralisch afficirt. Sie klagen über Rheumatismen, und werden von Capitän Hartmann mit den schon genannten Universal-Heilmitteln behandelt. Gegen örtliche Schmerzen, z. B. Kopfweh, beobachten sie, ohne weiter um Rath zu fragen, ein eigenthümliches Verfahren, das an ähnliche europäische Quacksalbereien erinnert. Nach meiner Gewohnheit unter der Horde auf Deck sitzend, bemerkte ich ein junges Mädchen, das, seinem Aussehen nach an Migraine leidend, um sich davon zu befreien, die Nasenhaut zwischen den beiden Augenbrauen mit Zeigefinger und Daumen scharf packte, straff anzog, zurückschnellen ließ und diese Mißhandlung des erwähnten Theiles so lange unermüdlich fortsetzte, bis sich oberhalb der Nase eine fast schwarzblaue Anschwellung gebildet hatte. Ihre weibliche Umgebung 124 folgte der unblutigen Operation mit großer Theilnahme und schien sie für ein untrügliches Heilmittel des weitverbreiteten Uebels anzusehen. Ich halte mit der Veröffentlichung nicht hinter dem Berge, bezweifle aber, daß die europäischen Leidensgefährtinnen sich zur Nachahmung entschließen werden. Noch mehrere Wochen hindurch zeichnete sich die Selbstoperirte durch eine nußgroße dunkelfarbige Pustel vor allen ihren Gespielinnen aus.

Das anhaltend stürmische Wetter verhängt über unsere arme Mannschaft unbeschreibliche Mühseligkeiten. Nicht selten sind die Matrosen mehrere Nächte hintereinander alle zwei Stunden geweckt worden. Der laute Ruf: »Reffen!« oder »Wenden!« schreckt auch mich oft genug aus dem Schlaf. Die Leute eilen noch taumelnd auf Deck, einige Minuten später heißt es: »Wache zur Koje!« Das Manöver ist gelungen, und die Schächer dürfen sich wieder Ruhe gönnen. Unter derartigen Umständen eignet sich auch der Seemann jene beneidenswerthe Virtuosität an, in der es Napoleon I. so weit gebracht, daß er zu jeder beliebigen Tageszeit, sogar im stärksten Geschützfeuer, einzuschlafen und nach Verlauf von anderthalb bis zwei Stunden, ohne geweckt zu werden, wieder aufwachen konnte. Capitän Hartmann hat mich schon oft durch diese seltene Fähigkeit in Erstaunen versetzt.

Die Folgsamkeit und Subordination der deutschen Mannschaft ist musterhaft, nur mit dem Branntwein muß sie nicht in allzu nahe Berührung gerathen. Die Vertheilung einer Quantität Gin wird stets als Belohnung besonders angestrengter Thätigkeit angesehen. »Hol die Besaanschote an!« lautet die technische Redensart, in Folge deren in solchen Fällen einer unserer beiden Schiffsjungen die Matrosen 125 zusammenrufen muß. Und säßen sie auf der Spitze der Masten oder des Bugspriets: in wenigen Secunden haben sie sich auf dem Quarterdeck eingefunden. Das Kredenzen und der Genuß des Gin, von dem Jeder ein Glas erhält, geht mit einer annähernd militärischen Feierlichkeit vor sich: der Capitän oder ein Steuermann muß stets zugegen sein. Die norddeutschen Soldaten und Matrosen fügen sich mit gleicher Leichtigkeit in ihr schweres Loos und entwickeln dabei einen prächtigen Humor. Schwerlich hat unser zweiter blonder Steuermann Capitän Marryats Seeromane und jene ergreifende Scene gelesen, in welcher der Befehlshaber des Schiffs während eines entsetzlichen Sturmes von drei handfesten Männern die Haare auf seinem Kopf festhalten läßt, und dennoch will er in der letzten Nacht durch einen fliegenden Sturm beinahe »aus seinen Hosen geblasen« sein.

Unsere fünf Kanarienvögel haben die bisherigen Strapazen glücklich überstanden und drücken ihren Dank gegen den Himmel durch schmetternde Gesangsübungen aus. Capitän Hartmann widmet ihnen sein ganzes Wohlwollen, denn in San Francisco erhält er für Jeden das Achtfache des Preises, den er beim Einkauf in Hongkong gezahlt. Auch mich ergötzen die munteren Thierchen, obgleich ihre nach der langen Seekrankheit wiederkehrende Lebenslust sie zu so lauten Solfeggien verleitet, daß wir oft unser eigenes Wort nicht mehr verstehen können. In dieser unendlichen Einsamkeit der tiefblauen Fläche des Oceans erfreut den Menschen jede Abwechselung. Am 24. Februar begleiteten uns zwei große braune Seevögel mehrere Stunden lang in ungestörter Eintracht, bis durch die Dazwischenkunft eines Dritten Uneinigkeit unter dem Pärchen entstand, welche mit 126 einem erbitterten Kampfe und plötzlicher Entfernung der Gruppe endete. Wo ist Frieden und Sicherheit in der Natur? Der Capitän studirt unablässig die Seekarten und stellt bei klarem Wetter Himmelsbeobachtungen an; nach seinen Mittheilungen sind viele jener winzigen Inseln, in deren Nähe wir vorbeipassiren, auf der Karte falsch angegeben. Die Schifffahrt ist in dieser Region des Oceans noch nicht ausreichend orientirt, aber die Zeit wird kommen. wo das Bedürfniß eines telegraphischen Kabels zwischen Asien und der Westseite von Nordamerika die Ausmessung jeder Quadratruthe auch dieser entlegenen Region des Weltmeeres gebieten wird. Nach einem dunklen Regentage drehte sich in der Nacht vom 25. zum 26. Februar der Wind nach Süden, und wir machten die Nacht hindurch eine gute Fahrt, deren Schnelligkeit freilich nicht unsern bisherigen Zeitverlust einbringt. Vier Wochen in See haben wir erst 160 Meilen zurückgelegt, und 1600 Meilen liegen noch zwischen uns und der Küste von Californien. Capitän Hartmann macht kein Geheimniß aus seinen entmuthigenden Berechnungen. Aeußert man bescheidene Zweifel, so fügt er rasch den Bericht einer Thatsache hinzu, aus der erhellen soll, er habe von jeher »Pech auf See« gehabt.

Der gute Wind hält auch am 27. Februar an und versieht uns reichlich mit Regenwasser, das von Allen sorgfältig aufgefangen und aufbewahrt wird. In den frühen Morgenstunden gelang es den Matrosen mit der Harpune einen Bonito zu treffen und glücklich an Bord zu hissen. Wenn schon der Bonito nicht zu den feinen Fischen gerechnet wird, sind wir dennoch über diese Variation unseres Küchenzettels entzückt, und der chinesische Koch erhält sogleich die 127 nöthigen Anweisungen über die Zubereitung des Fisches. Ich gestehe im tiefsten Vertrauen, selber dem Capitän den Rath ertheilt zu haben, sich um die Anordnungen seines allzu selbstständig auftretenden Küchenbeamten zu bekümmern. Am Tage vorher war ich nämlich mit ihm und dem Steward in einen Conflict über den fremdartigen Geschmack des Kaffee's gerathen und hatte erfahren, daß der Koch dem jedesmaligen Maß Kaffeebohnen ein Drittel gerösteter Graupen beizumischen pflege. Nun habe ich als der Angehörige eines armen, aber arbeitsamen Landes, als ein Mann, der von der Pike auf gedient hat, an sich nicht das Mindeste gegen Graupen. Ich beschwere mich nicht, wenn sie an Bord eines Kauffahrers täglich auf dem Tische erscheinen, wenn man sie mit Salzfleisch kocht, mit Rosinen einen Plumpudding daraus bereitet, ja wenn man sie nach Art der Vatels in unseren Volksküchen mit Kartoffeln oder Bohnen zu einem Brei vermischt; gegen einen Graupenkaffee werde ich unter allen Breitegraden, bei jedem Wetter, jedem Winde, vor Anker oder auf hoher See, Verwahrung einlegen. Nur ein Chinese kann auf diese corrupte Idee verfallen.

Um neun Uhr legte sich ganz unerwartet der Wind, es wurde todtenstill, das Gewölk schien sich in allen Himmelsrichtungen dichter zusammenzuballen und zuweilen gerieth die »Pallas«, die ohne Hilfsmittel der Bewegung der majestätischen Dünung des Oceans zum Spiel diente, in einen förmlichen Wolkenbruch. Die Wasser stürzten in solchen Massen vom Himmel herab, daß ihre Masse unser kleines schwerbeladenes Fahrzeug in die Tiefe zu versenken schien, oder doch die lockeren Holzverschläge der armen 128 Chinesen vom Verdeck zu spülen drohte. Nach zwei Stunden, in welchen sich der Ocean ruhig verhalten und der Himmel die Rolle dieser wandelbaren Naturgewalt übernommen hatte, wurde es etwas heller, der Regen ließ nach, dann verwandelte er sich in einen feinkörnigen Wasserstaub, und nun befanden sich die Elemente in jenem Stadium der elektrischen Spannung, das die Bildung der sogenannten Wasserhosen begünstigt.

In absoluter Verlassenheit, wenn der Mensch plötzlich jene Mächte, die er nur strengen Naturgesetzen bewußtlos unterthan glaubt, in wilder Laune selbstständig auftreten und sogar des ehernen Gebots der Schwere spotten sieht, überkommt ihn das demüthigende Gefühl seiner thörichten Anmaßung, sich als den letzten Endzweck dieser planetarischen Manifestation anzusehen. In Entfernung einer Viertel- oder halben Meile stand in erhabener Stille eine tiefe Colonne von Wasserhosen vor uns. Der Anblick war überaus befremdend. Das gleichsam in säulenartiger Form von der Atmosphäre in ungeheuren Massen aufgesogene und scheinbar in schwerlastende, das einzige Licht des Erdballs für immer verdunkelnde Dämpfe verwandelte Wasser, das der Ocean so bereitwillig hergab, als wären seine Bestandtheile vollkommen gewichtlos, erweckte die schauerliche Vorstellung: einer jener Momente in der ungereimten Geschichte dieses Planeten sei wieder eingetreten, wo nach den Hypothesen der Wissenschaft abermals mit einer flüchtigen Aera des Denkens, menschlicher Freuden und Leiden, abgeschlossen, und dieser Schauplatz so viel nutzlos vergossenen Blutes und Schweißes, so viel vergeudeter Liebe und Sorge, so vieler schwärmerischen Hoffnungen und idealen Träume über 129 das Grab hinaus, in ein ungeheures Chaos verschüttet und, bis zu neuem Erwachen intellectuellen Bewußtseins und seiner langweiligen organischen Vorspiele, den bloßen Fügungen des Mechanismus und Chemismus anheimgestellt werden solle.

Erst als einzelne Säulen dieser wunderbaren, aus Luft und Wasser gebauten Halle, ein Symbol irdischen Ruhmes, einstürzten, und der Glaube an die Dauerbarkeit der eben waltenden Elementarkräfte wankend wurde, beruhigte sich die erhitzte Einbildungskraft, und im Gefühle wachsender Sicherheit betrachtete man das seltene Phänomen mit jener Gemüthsruhe, wie sie sich allein für ein Geschöpf geziemt, das in dieser Welt der Widersprüche über sein Herkommen und seinen endlichen Abgang sich selber nicht die geringste Auskunft zu ertheilen vermag.

Bis auf den letzten Fetzen waren alle Segel eingenommen worden, und auf jeglichen Widerstand, aber auch auf jede Herausforderung des Erd- oder Wassergeistes verzichtend, trieb »Pallas« bei vollkommener Windstille einher. Ringsum war die Natur in voller stummer Action, der Ocean drängte gen Himmel, das Firmament neigte sich zum Abgrunde; wir schwammen zwischen den fortwährend neu erstehenden, aus der Tiefe schwerfällig aufwachsenden, durch die mächtige Zugkraft der Höhe rasch vollendeten Säulen. Leichte Wirbelwinde umfächelten uns aus den verschiedensten Himmelsrichtungen, aber es kam zu keinem unleugbar revolutionären Auftritt. Nicht selten schwoll in der unmittelbaren Nachbarschaft der »Pallas« der Ocean in Form eines Tumulus empor, und bildsam kam ihm die schwebende Wassermasse entgegen, aber zugleich wurde das Fahrzeug durch die 130 entstehende Ungleichheit des Niveau's aus dem Wege des gefährlichen Bauspieles gedrängt. Gemeinhin geht das Phänomen der Wasserhosenbildung ungestümer vor sich. Die »Asia« wurde auf der Fahrt nach Bombay durch eine über Deck fegende Wasserhose ihrer drei Masten beraubt. Um 6 Uhr Abends war das Schauspiel beendet, dessen zahlreiche Zwischenacte in heftigen Regenschauern bestanden. Der Tag war nicht verloren. Die rührige Mannschaft hatte zwei Fässer Regenwasser aufgefangen, ich die wechselvollen Scenen, so oft der Regen aufgehört, mit Bleifeder auf kleinen Blättchen zu Papier gebracht. Die handlichste Methode der Nachbildung schien durch die dräuenden Umstände geboten. Schon vom Morgen an war der Ocean mit todten Schmetterlingen bedeckt, unter denen eine Species mit goldglänzendem Körper und rothgefleckten Flügeln ungemein zahlreich vertreten war. Ein Sturm hatte die Insecten von den zu Japan gehörigen Lew-Chow-Inseln in die Weite getrieben. Der denkwürdige 27. Februar endete mit der Harpunirung eines großen Sturmvogels, doch hatte der Jäger die Beute mehr dem Glück, als dem – Geschick zu verdanken. Die Harpune war nach einem Fisch geschleudert worden.

So zufrieden wir mit dem Verlaufe dieses interessanten Tages sein konnten, am 28. Februar holten die Elemente das Versäumte nach. Der vorletzte Tag des Monats war ein Potpourri von Wolkenbrüchen und absoluter Windstille, leichten, uns günstigen Brisen und einem fliegenden Orcan aus Norden, dessen kräftigster Stoß die »Pallas« ganz auf die Seite warf und das Bramsegel zugleich in tausend Stücke zerriß. Dem Schaltjahre zu Ehren folgte am 29. Februar auf dieses Schandwetter, das uns Alle in 131 qualvoller Spannung erhalten hatte, in den Vormittagsstunden der herrlichste Sonnenschein und eine erquickliche Wärme, welche jede Creatur aus ihrem Versteck hervorlockte. Auf dem Verdeck der »Pallas« herrschte jener mythische Frieden, den die naiven Maler der Vergangenheit in ihren Abbildungen des Paradieses so gern darstellen. Ich rede nicht von der selbstverständlichen Verträglichkeit der Menschenracen und Berufsklassen; ich berufe mich nur auf die Thierwelt. Was im Raume an Katzen vorhanden war, hatte sich, ohne die Anwesenheit unserer drei Hunde weiter in Rechnung zu bringen, auf Deck eingefunden, um endlich einmal die Wohlthaten des Sonnenscheins zu genießen, die Felle gründlich zu trocknen und die bei diesem selbstgefälligen Geschlechte üblichen Toilettevorkehrungen zu treffen. Die Wahl der Dächer unserer Chinesenhütten war die einzige Vorsichtsmaßregel, die sie gegen die Hunde getroffen hatten. Diese waren durch die mehrwöchentlichen Inundationen der »Pallas« in ihrer Denkungsart gegen die feindliche Species maßvoller geworden; man ignorirte sich gegenseitig. Nur ein allgemeines Bedürfniß lag vor: gründlich die Felle zu trocknen. Ich sah mich sogar nach den Schiffsratten um; die Verworfenen schienen indessen dem paradiesischen Frieden, möglicher Weise auch dem Appetit der Chinesen, nicht zu trauen. Letztere holten aus ihren elenden Quartieren, Kisten und Körben, Alles hervor, dessen fernerer Bestand durch anhaltende Nässe gefährdet war, und breiteten es zum Trocknen aus. Mehrere Tage durch das unaufhörlich wechselnde Wetter verhindert, in ihrer Separatküche Feuer anzuzünden, hatten sie vor allen Dingen ihr Nationalgericht zubereitet und vertheilten aus einem großen Eimer 132 den gekochten Reis, der durch allerlei in kleinen Schüsselchen befindliche Finessen, getrocknete Fischchen, immarinirtes Seegras und dergl. m. einen pikanten Beigeschmack erhielt. Ich wäre unfähig gewesen, an dieser Mahlzeit theilzunehmen, so abschreckend für meine Geruchs-, also auch Geschmacks-Nerven waren die Ausdünstungen der zum Trocknen ausgebreiteten Gegenstände. Außer präparirten Haifischflossen erkannte ich vornehmlich eine Anzahl von Enten- und Hühnerköpfen, die gleichfalls für Delicatessen gehalten zu werden schienen. Ein starkes Aroma von Knoblauch verband alle diese Düfte der Verwesung, oder, um mich ein wenig schmeichelhafter auszudrücken, der Verwitterung, welcher sämmtliche für San Francisco bestimmte chinesische Artikel verfallen waren. Ich ziehe mich daher weislich unter Wind zurück, wo zwei barfüßige Baby's mit seltener Fertigkeit bei ihrem Reis-Dejeuner sich der Eßstäbchen bedienen. Die Kleinen werden schon in den ersten Lebensjahren an diesen schwer zu behandelnden Speise-Apparat gewöhnt, und die beiden Knäbchen lehnten sehr artig, aber entschlossen den aus Knochen geschnitzten Löffel ab, welchen ich ihnen zur Beschleunigung der Mahlzeit anbot.

Die Frau in Roth benutzt den günstigen Moment, gleichfalls in voller Toilette auf Deck zu promeniren. Sie erscheint heute ausnahmsweise nicht in dem bewußten Garibaldi-Hemde, sondern in einem schweren schwarzen Sammetkleide und ist ihrerseits vollkommen überzeugt, uns Allen durch ihre Reize und die Eleganz des Benehmens zu imponiren. Ihre Versuche, mich in ihr Netz zu ziehen und sich in den Besitz meines Herzens oder meiner Börse zu setzen, hat sie nachgerade aufgegeben und sich in einen 133 gleichgiltigeren Ton der Unterhaltung zu finden gesucht. Mein Vertheidigungssystem wurde wesentlich durch Anfälle der Seekrankheit unterstützt, während sie in Verfolgung ihrer Angriffspläne durch dasselbe Leiden die härteste Niederlage erlitt; ihre Hoffnungen sind neuerdings bald auf den ersten, bald auf den zweiten Steuermann gerichtet. Trotzdem benutzt sie jede Gelegenheit eines zufälligen Zusammentreffens in der gemeinschaftlichen Kajüte oder auf dem Quarterdeck, um mich mit seltener Offenherzigkeit in die Einzelheiten ihrer Biographie einzuweihen. Die Anstößigkeit der Thatsachen wird durch den Anstrich von Martyrium gemildert, welchen sie darum zu verbreiten weiß. Sie ist immer nur das Opfer der Verhältnisse gewesen. Als Stoff für die Verfasser von Weihnachtsnovellen für das heranwachsende Mädchen- und Knabenalter theile ich den Lebensabriß unserer, im größten Maßstabe vagabondirenden Reisegefährtin nicht mit. In früher Jugend will sie ihren Eltern, die einem überwiegend mosaischen Gau Polens entstammen, aber ausgewandert waren, durch einen englischen Marine-Offizier entführt, von diesem jedoch nach einiger Zeit, ohne Hinterlassung irgend welcher Unterstützung, schmählich verlassen sein. Fasse ich ihre, nicht immer tadellos correct vorgetragenen Erzählungen richtig auf, so trat damit der Moment ein, wo sie in den Stand jener Wesen überging, die im französischen, zum Theil auch im deutschen Lustspiele eine so wichtige Rolle spielen, ich meine: die jungen Wittwen. Vor der Hand als »trostlose junge Wittwe« will sie in Singapore, diesem wichtigen Knotenpunkte des Weltverkehrs, ein Putzgeschäft und eine Leinenwaarenhandlung etablirt, beide aber nicht in Flor gebracht haben. Von unerbittlichen 134 Gläubigern verfolgt, flüchtete sie nach Australien, ohne die Restbestände ihres Lagers zurückzulassen, und eröffnete hier einen Laden für den Verkauf von »chemises de mariage«. Das kaufmännische Unternehmen schlug nicht ein; die junge Wittwe behauptete, Altengland, das tendenziöser Weise immer die »klügsten Leute« nach Australien schicke, habe ihr Schaden gethan. Sie sei genöthigt gewesen, »die Bude zu schließen und ein sehr bewegtes Leben zu führen«. Der Capitän eines Segelschiffes rettete die junge, in industriellen Dingen so unerfahrene Wittwe und versprach ihr außer freier Ueberfahrt nach Chili die Ehe, sobald sie dort angelangt sein würden. Der treulose Seemann erfüllte jedoch nur die erste Hälfte seiner Versprechungen, und die verrathene Unschuld sah sich genöthigt, in Chili die Rolle einer »jungen und schönen Engländerin« zu übernehmen, die schwerste, welche sie bei dem ausgeprägten Orientalismus ihrer Züge durchführen konnte. Im mehrjährigen Umgange mit spanischen Offizieren will sie hier die spanische Sprache fertig erlernt haben, kehrte aber, seitdem sie die Bekanntschaft eines blonden englischen Schiffscapitäns gemacht, unter der Obhut desselben nach China zurück, wo sie fortan als »deutsche junge Wittwe« ihr Glück zu machen gedachte. So offenherzig sie bis dahin gewesen war, hier geriethen ihre Mittheilungen in's Stocken, und ich trug gerechtes Bedenken, die Verwirrung des holden Wesens durch unbarmherzige Fragen zu steigern. Jetzt sind die Hoffnungen von Madame auf das californische Goldland gerichtet; sie betritt es mit einem leeren Beutel, aber mit einem Herzen voller Liebe und Hoffnung. Ich bediene mich ihrer eigenen Worte. Es muß Jedem überlassen bleiben, sich nach diesem 135 kurzen Lebensabriß ein eigenes Urtheil über den Charakter der Frau in Roth zu bilden. Wußte Capitän Hartmann um ihre touristisch vielseitige Vergangenheit, so hatte sie in diesem einen unerbittlichen Richter gefunden. Ihre Koketterien mit den jungen Steuerleuten sind ihm bei Tisch fortwährend ein Dorn im Auge, und die täglichen Mahlzeiten durch seine Predigten für uns eine hohe Schule der Sitten.

Das männliche Geschlecht hat sich so oft auf dem weiten Festlande über die um sich greifende Crinoline beklagt, daß ich der Polemik des Capitäns gegen das Reifenspiel unserer Schönen auf dem beschränkten »Parquet« der »Pallas« von Herzen zustimmte. Nach langen Unterhandlungen, und nachdem sich Madame überzeugt hat, daß bei anhaltend schlechtem Wetter ihre Tage durch die Crinoline verkürzt werden können, hat sie sich entschlossen, den Hühnerkorb abzulegen. Nur bei ausreichender Garantie des Barometerstandes und der Windrichtung ist es ihr gestattet, denselben wieder anzulegen, aber selbst auf Deck muß sie dieses leidige Takelwerk der Damengarderobe »gerefft«, d. h. scharf zusammengehalten, tragen.

Der Tag blieb schön und die ganze Mannschaft, den Capitan, die Steuerleute, den englischen Schiffsschreiber und meine Person eingeschlossen, auch die Nacht hindurch auf dem Verdeck. Wir waren von Neuem in einen Inselschwarm gerathen, über den die Karten nur unzureichende Auskunft ertheilen. Es mußte fortwährend ausgeschaut werden, wenn wir nicht durch die geringste Vernachlässigung der Leitung des Schiffes dem Tod und Verderben in den Rachen fahren wollten. Unsere Nachtwache war um so nothwendiger, als uns kurz nach Mitternacht ein fliegender Sturm überfallen 136 hatte. Am 4. März um Sonnenaufgang erstarb das kurze Unwetter, und bei einem »schmierigen« Himmel und hohler See ergaben die Beobachtungen, daß wir von einer Strömung wieder nach Südwest zurückgetrieben werden. In meinem Tagebuche steht der gewaltsame Tod eines unserer Schweine verzeichnet. Der fast unerträglichen Monotonie des Küchenzettels soll nach Kräften abgeholfen werden. Der englische Bootmannsmaat Harris, genannt Hercules, versieht an Bord der »Pallas« den Dienst des Schlächters. Wie gern wollte ich mich bereit erklären, ihm dabei Hilfe zu leisten, bereicherte ich dadurch mein Tagebuch; aber die Aufzeichnungen, auch des thätigsten Reisenden, schrumpfen an Bord eines kleinen Kauffahrers zwischen Himmel und Ocean auf eine bedenkliche Weise zusammen. In Ermangelung anziehenderer Begebenheiten theile ich daher mit, daß unsere geniale Reisegefährtin am Abend des 2. März ihrer Beliebtheit unter den männlichen Genossen unserer Tafelrunde durch einen an die berühmten Fresser der Mährchen erinnernden Appetit, dem u. a. die ganze gebratene Schweineleber zur Beute wurde, unberechenbaren Schaden gethan. Man kommt aus persönlicher Scheelsucht dahin, eine so unritterliche Bemerkung, die in der Phantasie des Lesers den Liebreiz der Dame nicht erhöht, mit wahrer Schadenfreude niederzuschreiben. Capitän Hartmann ging so weit, sich zu erkundigen, ob sein Koch durch diese Schüssel vielleicht einen Verstoß gegen die religiösen Ueberzeugungen der Dame begangen habe, erhielt aber keine Antwort. Unser Mittagessen fand am 3. März um 1 Uhr unter ungewöhnlichen Schwierigkeiten statt. Bei der hohen hohlen See bäumt sich selbst die schwere »Pallas« mit elastischer 137 Leichtigkeit, und der Inhalt jedes tiefen Tellers, welchen man der, auf dem Tische befestigten Sturmleiter anvertraut, wird bei der plötzlichen Hebung des Bugs verschüttet, ehe man den Teller freimachen kann. Wir setzen daher unsere Teller auf den Schoß und suchen, auf den Stühlen balancirend, uns selber und das Mittagbrot im Gleichgewicht zu erhalten. Der zweite Steuermann, ein Sohn Altona's, dem es bei seinen 27 Jahren sonst nicht an Kraft und Gewandtheit fehlte, hatte eben die zweite Portion seines Leibgerichtes, der Bohnensuppe, in den Teller gefüllt, als die Welle, von der die »Pallas« langsam gehoben war, unerwartet zusammenbrach und das Schiff einen jähen Fall that, der auch den Altonaer sammt seiner Suppe zum Sturz brachte. Ich fand seinen blonden Lockenkopf in meinem tiefen Teller. Wir lachten viel, standen aber bald von Tische auf. Bei derartigem Seegange fühlt man sich unter freiem Himmel leichteren Herzens.

Wir hatten noch nicht fünfzehn Minuten lang die herrliche Seeluft eines Frühlingstages in dieser Sphäre eingeathmet, als sich uns ein amerikanischer Klipper mit der Eile eines Raubfisches näherte, vorüberschoß und sehr bald am Horizonte verschwand. Capitän Hartmann hatte die kurze Zeit unseres Beisammenseins dazu benutzt, die nothdürftigsten Verständigungen auszutauschen. Daraus ergab sich, daß der gleich uns für San Francisco bestimmte Klipper Julian erst zwölf Tage nach unserer Abfahrt in See gestochen sei. Wenn man sich erinnert, in welchen Zorn Kutscher und Ruderer gerathen, so oft sie von Rivalen überholt werden, wird man sich annähernd eine Vorstellung von der sittlichen Empörung machen können, die in Capitän 138 Hartmann beim Anblick des Klippers aufwallte. Was halfen indessen seine Flüche und Drohungen? Unsere überbürdete, stumpfgebaute »Pallas« schwamm mühselig weiter; der Klipper, ein Gebilde: halb Fisch, halb Vogel, schoß mit seinem pfeilförmigen Schnabel eine Bresche in haushohe Wogen legend, mehr durch, als darüber hin. Aller Blicke waren noch freudig staunend auf ihn gerichtet, als seine Gestalt sich schon verkleinerte und eine Stunde darauf sich im Duft der Ferne verlor. Warum hatte ich Voreiliger nicht noch einige Tage in Hongkong gewartet und den unvergleichlichen Schnellsegler benutzt! 139

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