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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 57
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VIII.

Gegenwind, die Freude der Mannschaft. Was für ein Haus? Satt vom Hören und Sehen. Ein Duell auf comprimirte Gemüse. Preußen letzter Klasse auf Formosa. Menschenfraß, eine berechtigte Eigenthümlichkeit. Die beiden Botel-Inseln. Der Gefahr entgangen. Sechszehn Jahre auf einem Korallen-Riff. Noch einmal Pepita.

Die Mannigfaltigkeit der Unterhaltungen an Bord ist nicht erheblich; von einer Wasserhose, wie sie am 19. Februar ungefähr tausend Schritte von der »Pallas« in nördlicher Richtung vorüberzog, wird beinahe so lange gesprochen, wie unter Lebemännern von der neuesten Herrenmode und dem elegantesten Beinkleiderstoffe. Des Capitäns Laune steht unter Null; er flucht und donnerwettert fortwährend über den widrigen Wind und die Verzögerung unserer Fahrt. In ruhigeren Momenten nähert er sich mir mit der Flasche voll bitteren Schnapses und fordert mich auf, mit ihm ein Gläschen zu leeren, nicht etwa aus diätetischen Gründen, sondern nur auf Grund des Aberglaubens der Seeleute. Der Genuß dieses Zaubertrankes wirke günstig ein auf die Steuerfähigkeit des Schiffes. Nur die Matrosen sind mit dem Gegenwinde zufrieden, denn je länger die Fahrt dauert, desto größer ist die Geldsumme, 110 welche ihnen in San Francisco ausbezahlt wird. Zum äußersten Aerger des Capitäns verhehlen sie gar nicht ihr Wohlgefallen an dem Nord-Ost-Monsoon; ich würde mir eine Gallenkrankheit an den Hals ärgern, wollte ich den Klagen unseres vielgeplagten Schiffsbändigers Gehör schenken. Bin ich ihm glücklich entgangen, so gerathe ich gemeinhin in die Hände der geborenen Hirschberg. Könnte ich mich entschließen, diesem problematischen Frauenzimmer etwas freundlicher entgegenzukommen, so würde sie mich unzweifelhaft mit allen Details, auch den bedenklichsten, ihres Lebenslaufes bekannt machen; meine Wortkargheit zwingt sie, sich gleichfalls in dunkle Redensarten zu hüllen. Madame ist über die darniederliegenden Geschäfte außer sich, ohne jedoch die Branche, in der sie gearbeitet, bestimmter anzugeben. In Hongkong und Singapore sei nichts zu machen gewesen; in Californien hoffe sie glücklicher zu sein. Falle ihr Verdienst in San Francisco reichlich genug aus, so gedenke sie sich zur Ruhe zu setzen und in Singapore »ein Haus zu etabliren.« Niemand von uns thut ihr den Gefallen, neugierig zu sein und sich nach der »Qualität des Hauses« näher zu erkundigen. Doppelt vorsichtig bin ich geworden, seitdem Madame, als ich neulich einige Trostesworte an sie richtete, gleich das Geständniß ablegte, mit einigen tausend Thalern könne ihr für immer geholfen werden, und sie sei bereit, dafür Alles zu thun, was ein Gentleman irgend verlangen könne.

Am 20. Februar um Sonnenaufgang passirten wir die Südspitze der Insel Formosa, denn wir waren in den letzten Tagen wieder mehr als einen Grad rückwärts nach Westen getrieben und trafen mit einer englischen Bark 111 zusammen, die vor fünf Tagen von Manila abgefahren war und nach Ningpo segelte. Nach Austausch einiger Signale schieden wir von einander, und bald war das kleine Fahrzeug aus unserem Gesichtskreise verschwunden. Der armen »Pallas« kommt jetzt eine Meeresströmung zu statten, die sie mit einer stündlichen Geschwindigkeit von sechs Knoten in nordöstlicher Richtung vorwärts schwemmt. Die Luft ist von außerordentlicher Reinheit, herzstärkend und von himmlischer Milde; wäre unsere Beköstigung nur etwas genießbarer! Kein Mensch kann in schwachen Stunden der Versuchung widerstehen, sich in Vorstellungen über den Zustand seiner Seele im Jenseits zu ergehen. Wenn man drei Wochen hindurch von steinhartem oder lederzähem Salzfleisch gelebt hat, ist es das Ideal des Seefahrers, dereinst auf einem Stern wieder aufzutauchen, auf dessen Oberfläche der Mensch lediglich von Hören und Sehen satt wird. Vor der Abfahrt hatte ich gegen Capitän Hartmann den Wunsch ausgesprochen, mich nicht allein mit einer Reserve von Delikatessen in Blechbüchsen, sondern auch mit einem Vorrath von feinen Weinen und Spirituosen zu versehen, ihn aber dadurch beinahe beleidigt. Er versicherte, daß ich auf seinem Schiffe nichts entbehren werde, was zu meinen Lebensgewohnheiten gehöre. Triftiger war der Grund, den später der erste Steuermann angab. Er behauptete: ich hätte sehr weise gethan, nichts mitzunehmen, denn bei Tische wäre ich gezwungen gewesen, jeden Bissen oder Tropfen mit den Nachbaren zu theilen, und der Reste würden sich bei Nacht Chinesen und Matrosen bemächtigt haben. Der Capitän scheint übrigens der Meinung zu sein, der Küchenzettel der »Pallas« entspreche allen Anforderungen des 112 Comforts. Schneide ich allzujämmerliche Gesichter, so sucht er mich durch kleine Ueberraschungen von Neuem zu ermuthigen. Zur Feier des Aufspringens einer mehrstündigen vielversprechenden Brise hatte der Menschenfreund am 20. Februar eine Blechbüchse voll comprimirter Gemüse zum Opfer dargebracht, die eingemachten Vegetabilien waren jedoch seit ihrer Einschiffung in San Francisco durch mehrere Seereisen so ungenießbar geworden, daß selbst der Schiffsschreiber, der hartnäckigste Magen der »Pallas«, vor diesen Leckerbissen zurückschauderte. Den Stolz seiner Vorrathkammer von diesem spartanischen Gaumen verschmäht zu sehen, war zu viel für Capitän Hartmann. Er schwur, den Verkäufer der Blechbüchsen in San Francisco auf die Mensur zu fordern (fünfzehn Schritt Barriere) und ihm jedes Gefäß seiner Fabrikate einzeln an den Kopf zu werfen. Wir sollten am nächsten Tage durch Hühnerbraten entschädigt werden und ich sah selbst die sterblichen Ueberreste zweier geflügelten Passagiere, die gerupft an einer Lucke der Nachtluft ausgesetzt worden waren; gebraten und auf dem Tische der Kajüte begegnete ich ihnen nicht. Beide waren vor Tagesanbruch von den Chinesen gestohlen worden. Ermittelte der Capitän den Dieb, so versprach er, ihn an der großen Rae aufhängen zu lassen. Die chinesische Reisegenossenschaft befleißigte sich am Tage des Hühnerdiebstahls einer so übergroßen Höflichkeit und Heiterkeit, daß ich argwöhnte, sie sei von den Thätern in Mitwissenschaft gezogen. Ich beklage den Verlust schon deshalb, weil die noch vorhandenen Hühner die Strapazen der Seereise nur schwer ertragen und nach und nach natürlichen Todes sterben. Ein Brandunglück, das in derselben Nacht in der Küche passirte, 113 und uns in großen Schrecken versetzte, hätte uns leicht auf den Verdacht bringen können, das Feuer sei von den diebischen Chinesen angelegt, um das Verschwinden der Hühner auf den Wirrwarr des Löschprozesses zu schieben, wäre nicht ermittelt worden, das Feuer sei auf dem Herde entstanden, wo der unbesonnene Koch feuchtes Holz in den noch glimmenden Kohlen zum Trocknen aufgeschichtet.

Bis Mittag segelten wir dicht unter der Küste von Formosa und erkannten mit Hilfe des Fernrohrs deutlich die Gestalten der negerartigen Autochthonen, die sich zwischen herrlichen Palmen in Gruppen versammelt hatten und unter lebhaften Gesticulationen unserem Schiffe nachblickten. Wenn die Nachricht: die preußische Regierung unterhandle mit China um die Abtretung der Insel Formosa, nicht blos unter die Zeitungsenten gehört, so wartet unserer Landsleute hier noch eine hervorragende civilisatorische Mission. Die künftigen Unterthanen des Hohenzollernhauses in den ostasiatischen Gewässern werden, um uns eines technischen Ausdruckes der mißvergnügten Frankfurter zu bedienen, höchstens als »Preußen sechster oder siebenter Klasse« zu betrachten sein. Die Anwohner der hochragenden, landschaftlich schönen Ostküste lieben nämlich gesottenes oder geröstetes Menschenfleisch mehr, als ihnen unsere Schulregulative zugestehen werden, und es erscheint höchst zweifelhaft, ob der zu ernennende Landes-Commissar, sowie die Präsidenten der einstigen Regierungsbezirke von Formosa diese kleine Schwäche ihrer Schützlinge und Eleven unter die, zarter Schonung anempfohlenen »berechtigten Eigenthümlichkeiten« zu zählen geneigt sein dürften. Noch vor drei bis vier Monaten wurde die gesammte Mannschaft 114 eines schwedischen Schiffes bis auf den Capitain und Steward, welche auf dem Wrack blieben und einige Tage später von einem englischen Kreuzer gerettet wurden, von den Wilden verzehrt. Die beiden Unglücklichen waren Augenzeugen der entsetzlichen Mahlzeit. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, wohlgemerkt mit dreijähriger Dienstzeit, und einem gesitteten Kasernenleben in einer Umgebung von Knapphänsen, muß auf dieser noch so culturbedürftigen Insel den segensreichsten Einfluß ausüben, wiewohl wir die sich unserer Regierung entgegenthürmenden Schwierigkeiten, falls sie wirklich auf dem originellen Colonisationsplane bestehen sollte, wahrlich nicht gering veranschlagen.

Mehr Freude, als die heißhungrigen Schwarzen am Ufer, denen man die Betrübniß ansieht, durch das stille Wetter um einen ersehnten guten Bissen zu kommen, machen mir die in zahlloser Menge aus unserem Kielwasser aufspringenden Delphine mit ihren strahlend blauen Schuppen und den smaragdgrünen Flossen und Schwänzen. Wir lassen jetzt das Eiland der Menschenfresser hinter uns liegen und steuern auf die Botel-Tabago-Insel (little botel island). Ein dichter sanfter Regen strömt vom Himmel herab, und die Mannschaft war so glücklich, zwei Fässer süßen Wassers aufzufangen, die uns noch gute Dienste leisten sollen. Auch die Chinesen haben ihre schwindenden Vorräthe erneuert. Im Fang der Delphine, dem die Matrosen mit kleinen Harpunen obliegen, sind sie weniger glücklich; die gewandten Thiere wissen mit unglaublicher Geschwindigkeit allen Nachstellungen auszuweichen. Ich sitze am Bugspriet und zeichne die kleinere Botel-Insel auf den Rand eines Blattes in meinem Tagebuch; die größere tritt 115 nicht deutlich genug aus dem Nebel hervor. Es war vier Uhr Nachmittags, und Capitän Hartmann, der in den letzten Nächten nicht zu Bette gegangen war und bei der unverfänglichen Witterung jetzt einige Stunden geschlafen hatte. erschien wieder auf Deck, um auf dem immer noch mißlichen Terrain die nöthige Rundschau vorzunehmen. Der Nebel schien nur auf seine Ankunft gewartet zu haben, denn kaum hatte der besorgte Hartmann das Fernrohr ergriffen, als der Regen mit einem Schlage aufhörte, das Dunstgespinnst vor der größeren Botel-Insel zerfloß, und wir voller Entsetzen unser Schiff, von der starken Nord-Ost-Strömung ergriffen, auf die Küste treiben sahen.

Soweit meine Einsicht reicht, wäre es jetzt angemessen gewesen, den Passagieren die bedenkliche Lage der »Pallas« zu verheimlichen und schweigend alle Vorkehrungen zu treffen, um im entscheidenden Moment das Leben der Reisenden und Mannschaften zu retten, allein Capitän Hartmann verlor sogleich Kopf und – Hut, fuhr mit beiden Händen in das Haar und schrie nach seiner an und für sich mittheilsamen Art: »Wir sind Alle verloren, wenn wir nicht in der nächsten halben Stunde Wind bekommen!« Kaum hatte er diese unbesonnenen Worte ausgesprochen, als die Matrosen vom Deck verschwanden. Anfangs begriff ich nicht den Grund ihrer Entfernung; nach fünf Minuten war mir Alles klar. Die Verblendeten hatten den Wandschrank der Kajüte erbrochen, sich der dort aufbewahrten Gin-Flaschen bemächtigt und ihren Inhalt besinnungslos hinabgegossen, soweit dies in der kurzen Zeit möglich gewesen war. Der erste Auftritt jeder Schiffbruch-Katastrophe pflegt immer mit allgemeiner Trunkenheit der 116 Mannschaft zu beginnen. Inzwischen trieb die »Pallas« bei tiefer Windstille dem Gestade immer näher, und um fünf Uhr konnten wir den schneeigen Kamm der verderblichen Brandung schon deutlich unterscheiden. Nun befahl der Kapitän, die drei Rettungsböte klar zu machen; die Ausführung der Ordre war indessen nicht so leicht wie der Befehl. Sie lagen sämmtlich mit dem Kiel nach oben gekehrt auf dem Verdeck, waren rings von den Holzverschlägen der Chinesen umgeben; unter dem größten Boote, das auf einer Balkenlage ruhte, wohnten sogar sechs Kulis mit Hab und Gut, Wasser- und Mundvorräthen. Die Arbeit ging bei der steigenden Trunkenheit der Matrosen nur langsam vorwärts, doch gelang es mir, die überall umherstehenden Gin-Flaschen bei Seite zu schaffen; auf Capitän Hartmann glaubte ich nicht mehr rechnen zu können. Sein einziger Ruf war: »Weshalb habe ich mein Schiff nicht höher versichert, ich bin ein ruinirter Mann – ein Bettler!« – Die Chinesen hinderten wenigstens nicht die Rettungs-Anstalten. Sie lagen überall auf den Knieen, schlugen mit den Schädeln auf den Fußboden und stießen jammervolle Laute aus. Dann sprangen sie wie besessen in die Höhe, warfen Opferpapiere, kalten Reisbrei und Speck ins Wasser, Alles nur, um den bösen Geist auf bessere Gedanken zu bringen, und zündeten ihre unvermeidlichen Opferstäbchen an. Es kostete mir die größte Mühe, das arme verblendete Volk von der Kajüte fern zu halten, wo ich in Gemeinschaft mit dem Schiffsschreiber die Revolver und Musketen lud und mehrere hundert Patronen für Beide wasserdicht zu verpacken suchte. Die Sonne war so eben untergegangen, und wir hatten nothgedrungen eine 117 Thranlampe angezündet. In der wilden Hast der Arbeit war eine Menge Schießpulver auf den Boden der Kajüte verstreut worden, und wir schwebten in Gefahr, wenn eines der glimmenden Opferstäbchen, welche Weiber und Kinder an unserer Thranlampe anzündeten, ihnen aus der Hand fiel, sammt Kajüte und Munitionsvorräthen in die Luft gesprengt zu werden. Die Frau in Roth lag in der Ecke und weinte zum Erbarmen. Hartmanns Befehl: die Rettungsböte ins Wasser zu lassen, trieb mich auf das Deck. Zugleich wurden die Chinesen angewiesen, sich in ihre Kabinen zurückzuziehen, aber die unglücklichen Menschen waren weit entfernt, sogleich Gehorsam zu leisten. Erst nachdrückliche Drohungen mit den Revolvern entfernten sie vom Rande des Verdecks.

So elend mir zu Muthe war, ein Hohngelächter über ihr verzweifeltes Gebahren vermochte ich nicht zu unterdrücken. Um nichts zurückzulassen, zogen sie alle ihre Kleidungsstücke über einander, das sicherste Mittel, beim Umsturz der Böte in der Brandung zu Grunde zu gehen, die Kinder wurden geputzt und mit Schmucksachen behangen; man konnte glauben, sie rüsteten sich zu einem Freudenfeste und nicht zum Abschiede vom Leben. Eine sehr anständig aussehende Frau näherte sich dem Capitän, that einen Kniefall und bat ihn händeringend um seine Leibsau Pepita. Sie wolle das fette Schwein den Göttern opfern und uns Alle aus der Todesgefahr erretten! Die Frau wurde bei Seite geschafft, und die Matrosen sprangen in die schon auf dem Wasser schwimmenden Böte. Unterdessen wurde noch ein Versuch angestellt, mit dem Senkblei zuverlässigen Ankergrund aufzuspüren; aber die Hoffnung mußte 118 aufgegeben werden. Dicht vor dem Riff, über das die Brandung stürzte, ergab das Blei eine Tiefe von neunzig Faden und nackten Felsgrund; kein Anker hätte gehaftet. Wir waren der Felswand der Botel-Insel so nahe, daß der Steuermann sich vermaß, sie »mit einem Schiffszwieback zu treffen;« die Böte blieben unsere letzte Hoffnung. Der Zeiger wies auf sieben, und in wenigen Minuten wären wir in die Brandung gerathen, als ein Mundvoll Landwind die oberen Segel schwellte. Da die Mannschaft sinnlos betrunken in den Böten lag, also nicht zum Steuern und Arbeiten zu brauchen war, vertraute mir Capitän Hartmann das Steuer an und begann mit Hilfe des englischen Schiffsschreibers und einiger gutwilligen Kuli's die Segel zu stellen. Der zweite Steuermann ruderte in einem kleinen Boote in der Nachbarschaft umher und suchte mit der Lothleine nach Ankergrund, ohne einen Quadratfuß Sand aufzufinden. An den meisten Stellen reichte die nur neunzig Faden lange Leine gar nicht auf den Grund. In diesem Augenblicke glaubte ich zu bemerken, daß die hier noch vorhandene geringe Strömung im Verein mit dem Landwinde uns etwas weiter nach Osten, d. h. nicht näher ans Land trieb, doch hatten wir uns dem Riff schon so sehr genähert, daß die »Pallas«, als sie, vom Grundstrudel ergriffen, zweimal langsam um ihre Achse gedreht wurde, mehrmals mit dem Hintertheil gegen die Felsbrüstung stieß. Der Capitän war in die Kajüte gegangen, um die werthvollsten Papiere zu sich zu stecken, und stürzte jetzt in Verzweiflung zu mir auf das Hinterdeck. Er glaubte Alles verloren, und die ihm folgenden Chinesen brachen von Neuem in ein lautes Jammergeschrei aus. Das Schiff 119 hatte indeß glücklicher Weise keinen Schaden genommen, und die Strömung, die gerade hier die entgegengesetzte Richtung einschlagen mochte, führte uns allmählich wieder vom Lande fort. Es war neun Uhr, der Mond brach zuweilen durch die Regenwolken, und die Kannibalen der Insel, die auf allen hervorragenden Punkten große Feuer angezündet hatten, äußerten durch wilde Sprünge ihre Freude, sobald sie in dem falben Schimmer des Mondes unser Schiff erblickten. Muthmaßlich glaubten sie, es könne ihnen nun nicht mehr entgehen. Die schwarzen Leckermäuler irrten sich; ihr Jubel über den sicheren Rostbraten war zum Mindesten verfrüht. Wir entfernten uns wirklich von der größeren Insel, näherten uns nun aber der kleineren Botel-Insel. Der durch das sich vertheilende Gewölk blickende Mond erhellte unsere traurige Fahrt, und wir erkannten nicht nur in unmittelbarer Nähe an furchtbaren Schaumbergen die steinernen Wellenbrecher, die uns in jedem Augenblick den Untergang bereiten konnten, sondern auch in Entfernung von einer Viertelmeile das riesige schwarze Bollwerk, dem wir uns gegenwärtig zu nähern schienen. An Bord herrschte Todtenstille, athemlos lauschten wir alle der furchtbaren Stimmen der sich überschlagenden und dabei einen langen, heulenden Ton ausstoßenden Wogen. Mit Pulver und Blei bepackt, vermochte ich kaum noch, mich fest auf den Füßen zu halten. Capitän Hartmann hatte unterdessen seine Fassung wiedererrungen, er traf für den Fall, daß ein Landungsversuch unvermeidlich sein sollte, mit löblicher Ruhe die nöthigen Anordnungen. Zuerst sollten die Frauen und Kinder der Chinesen, dann die Männer und zuletzt erst der Capitän und die Passagiere erster Klasse ans Land gesetzt 120 werden. Jeden der beiden Transporte erster Kategorie sollten vier bewaffnete Europäer begleiten, da den Kulis niemals zu trauen ist; für uns war das kleinste Boot bestimmt. Ich war fest entschlossen, im entscheidenden Falle an der Seite des Capitäns an Bord zu bleiben und mit ihm alle Gefahr zu theilen. Angesichts des Todes erwacht im Menschen das Gefühl der Gleichheit und Brüderlichkeit in seltener Stärke. Und doch hatten wir noch nicht alle Hoffnung aufgegeben, wir umgürteten uns sogar mit zwei Fuß langen Messern, um im Handgemenge mit den Kanibalen nachdrücklichen Widerstand leisten zu können. An die Bergung unserer Effecten war nicht zu denken.

In dieser qualvollen Situation verweilten wir bis eine Stunde nach Mitternacht. Bald scheinbar ruhig auf einer Stelle liegend, bald etwas rückwärts getrieben, fühlten wir plötzlich, wie unsere vielgequälte »Pallas« jetzt hoch gen Himmel erhoben und dann wieder langsam in die Tiefe versenkt wurde; wir waren in eine, an diesem Punkte herrschende ungeheure Dünung gerathen. Nicht lange darauf trat Ruhe ein, die Krisis war überstanden, trotz der Dunkelheit konnten wir erkennen, daß eine andere Strömung das Schiff von den Felseninseln fort und auf die hohe See hinausführte. Es ist wahr, wir entgingen nur unsäglich langsam dem Verderben, als aber um zwei Uhr Morgens vom Lande her eine leichte Brise aufsprang, kamen wir mit Hilfe der Segel in zwei Stunden so weit vorwärts, daß wir uns aus aller Gefahr glauben durften. Gegen drei Uhr Morgens waren die Böte auf das Deck gehißt, dann wurde in der Küche Feuer angezündet und Thee gekocht; um vier Uhr legten wir uns, aufs Aeußerste 121 erschöpft, zu Bette. Die chinesischen Frauen hatten zuletzt noch ein wunderliches Opfer dargebracht, große Haarbüschel von den Köpfen geschnitten und ins Meer geworfen.

Wir schliefen spät in den Morgen des 21. Februar hinein, dann vertieften wir uns am Kajütentisch bei einer Schaale Thee in die Wiederholung der Schreckensscenen des gestrigen Tages. Wir hatten zehn Stunden in unausgesetzter Todesangst verlebt. Capitän Hartmann ist in Folge der entsetzlichen Gemüthsbewegungen ganz entstellt, und ich meinerseits verspüre, abgesehen von einem beständigen Zittern der Hände, eine auffallende Schwierigkeit, einzelne Worte zu artikuliren; zuweilen scheint die Denkkraft ins Stocken zu gerathen. Der gutmüthige Capitän sucht uns durch Erzählung von Schreckensgeschichten zu erheitern, doch sind wir dem Schauplatze der Ereignisse noch zu nahe, um eine segensreiche Wirkung seiner Vorträge zu verspüren. Nach Hartmanns Angaben gehört ein Schiffbruch an einer der kleinen Inseln des stillen Oceans keineswegs zu den Seltenheiten. Der großen Mehrzahl nach sind sie unbewohnt, und der geretteten Mannschaft bleibt nichts übrig, als in Höhlen ein Unterkommen zu suchen, und ihr Leben mit Muscheln, Möveneiern und Wurzeln zu fristen. Da die vorübersegelnden Schiffe diese, oft nur einige Fuß über den Spiegel des Oceans hervorragenden Corallenriffe möglichst meiden, so müssen die Gescheiterten oft viele Jahre in diesem haarsträubenden Elende zubringen, ehe ein glücklicher Zufall ihre Entdeckung und Rettung herbeiführt. Ein norwegischer Capitän, den Hartmann persönlich kennen gelernt, hatte sechszehn Jahre mit einigen seiner Matrosen auf einer Insel dieser Gegenden verlebt. Von einem Nordamerikaner 122 aufgefunden, und endlich in der Heimath angelangt, fand er seine Frau wieder verheirathet und, wie ihm schien, zufriedener, als er sie verlassen hatte. Sechszehn Jahre mögen hinreichen, auch in der Brust eines Seemannes philosophische Duldsamkeit zu entwickeln, die amtlichen Aufforderungen in den Zeitungen: sich zu melden und seine ehelichen Rechte wahrzunehmen, waren nicht in die Hände des Norwegers gelangt, alle Parteien mithin unschuldig, der arme Capitän machte gute Miene zum bösen Spiele und war zufrieden, seinen Wunsch:

»Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der Dritte«

erfüllt zu sehen, und den Rest seiner Tage als fünftes Rad am Wagen zu beschließen.

Sämmtliche Passagiere hörten äußerst kleinlaut zu und gingen dann schweigend wieder zu Bette; ich blieb in der Kajüte und fand keine Ursache, meine Ausdauer zu bereuen. Kaum hatte sich auch die Frau in Roth entfernt, als die gestrige chinesische Bittstellerin abermals erschien und im geläufigsten Pidjen Englisch den Capitän wiederum anging, ihr die bewußte »Pepita« zu überlassen. Das fette Geschöpf solle nicht verzehrt, sondern nur den Göttern als »Dankopfer« dargebracht werden. Ihre Bitte blieb freilich unerhört, doch versprach der Capitän, sobald die Seekrankheit definitiv an Bord aufgehört habe, ein Rettungsfest zu veranstalten, die Sau zu schlachten und den chinesischen Passagieren die Hälfte zu schenken; übrigens verbitte er sich alle weiteren Petitionen und Deputationen. 123

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