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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 56
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VII.

Ueberladen. Das Bett mein Schreibepult. Die Eiersucher. Der Matrose als Arzt. Die Kur des Kochs. Ein Leben im spitzen Winkel. Der chinesische Neujahrstag. Instrumental- und Vocalmusik. Nasen- und Magenregister. Die Pallas-Suppe und ihr Fettauge. Haifischjagd. Stillleben auf hoher See. Wasserdiebe und Feuerwerker.

Die Schwerfälligkeit im Segeln und der Ungehorsam der »Pallas« gegen das Steuer hängt mit ihrer Ueberbürdung zusammen. Statt 900 Tonnen hat das Schiff deren 1200 geladen, und außer seiner Fracht an Thee, Seide, Reis, Zucker, und chinesischen Delicatessen (Tschau Tschau) für die ostasiatischen Auswanderer in San Francisco noch fünf und achtzig Köpfe, nebst ihrem Bedarf an Lebensmitteln und Wasser an Bord. Der Werth der Ladung beträgt 70,000 Dollars, die Höhe der Versicherungssumme nach vertraulichen Mittheilungen des Capitäns jedoch nur 20,000 Dollars. Diese Differenz liefert uns in einsamen Stunden ein ergiebiges Thema zu philosophischen Betrachtungen über den Wechsel des Glückes, verborgene Felsriffe, Seeräuber, meuchlerische Anfälle von Passagieren, Feuersgefahr auf hoher See, menschenfressende Insulaner 94 und andere Eventualitäten, die ein Geschäftsmann auf dem europäischen Festlande gar nicht in Rechnung zu stellen braucht. Zuweilen gelingt es mir, unseren Chef zu beruhigen, aber in den meisten Fällen vermögen meine Trostgründe nichts gegen seine trübsinnige Weltanschauung. Dann überlasse ich ihn seinem Famulus, dem Exschiffsschreiber, und die Herren greifen zum Karten- oder Schachspiel. In weiser Voraussicht habe ich schon unmittelbar nach meiner Einschiffung die Bekanntschaft mit beiden Disciplinen abgeleugnet und mich dadurch gegen ungebührliche Zumuthungen gesichert. Der arme Engländer muß immer vor den Riß treten. Als Gratis-Passagier verliert er jede Partie, sei es im Schach, sei es im Kartenspiel, doch wird der Gewinn nur in Marken ausgezahlt.

Meine seemännischen Kenntnisse sind zu unbedeutend, als daß ich mir ein Gutachten über unseren Cours, und ob wir vorwärts oder rückwärts kommen, gestatten sollte; Letzteres scheint wahrscheinlicher und correspondirt mit dem üblen Humor des Capitäns. Was meinen Gemüthszustand anlangt, so ist derselbe, obgleich auch ich ein gewisses Interesse an der Erhaltung meines Lebens und der künstlerischen Errungenschaften der kostspieligen Reise habe, doch nicht mit dem Ballast des Gedankens an eine mögliche Einbuße von 50,000 Dollars beschwert; ich suche mir die Existenz durch aufmerksame Beobachtung und Aufzeichnung aller Vorkommnisse in meinen Tagebüchern erträglich zu machen. Ob es mir später gelingen wird, meine flüchtigen Notizen zu entziffern, steht freilich dahin. Die Noth zwingt mich, mein Bett als Schreibepult zu benutzen. Nur so ist es möglich, bei dem unaufhörlichen Schwanken des 95 Fahrzeuges, ausgestreckt auf dem Rücken liegend, einen festen Punkt zu gewinnen, von dem aus die Manipulationen des Schreibe-Actes unternommen werden können. Ich halte das Notizbuch mit der Linken über mir in der Luft und bringe mit einer weichen Bleifeder alles Bemerkenswerthe bald in deutscher oder englischer Sprache, bald in einer von mir erfundenen Hieroglyphenschrift zu Papier. Armer Freund, dem einst das philologische Studium und die Bearbeitung dieser Marine-Manuscripte beschieden ist!

Wenn ich das Leben in einem Landstädtchen mit dem an Bord eines kleinen Kauffahrers in den chinesischen Gewässern vergleiche, so kann ich nicht umhin, selbst jenes wahrhaft unterhaltend und interessant zu nennen. Die Mannigfaltigkeit der Ereignisse auf der »Pallas« ist so gering, daß jede Person verdoppelte Bedeutung erhält und, wie berühmte Fürsten und Staatsmänner, Gegenstand fortwährenden Studiums wird. Die Erforschung des Privatlebens der beiden Schiffsjungen gehört zu meinen neuesten historischen Aufgaben. Der Capitän hat ihnen die Ueberwachung der Hühner anvertraut und sie für die Ablieferung der Eier verantwortlich gemacht. Bringen sie nicht täglich zwei bis drei, so wird ihnen eine Ration Rhicinusöl eingeflößt, oder eine entsprechende Tracht mit dem Tauende aufgezählt. Wer Eier ißt, essen hilft oder den Verzehr verheimlicht, wird durch Ausziehen eines Zahnes bestraft. Das Geschäft der Nachsuchung und Beschlagnahme der werthvollen Objecte wird den beiden Sprößlingen der meerumschlungenen Herzogthümer durch heftige Anfälle von Seekrankheit unsäglich erschwert. Die Matrosen geben sich deshalb große Mühe, die Knäblein von ihren Leiden zu befreien. Das 96 Verfahren der Herren Doctoren scheint von homöopathischen Grundsätzen auszugehen und dem der Landleute in der Danziger und Elbinger Niederung, wo ich Augenzeuge ähnlicher Kuren war, zu entsprechen. Die Heilkünstler nehmen einen Bissen Kautabak (Priemchen) aus dem Munde und schieben ihn in den der Patienten. Hilft dieses Mittel nicht, so muß der Seekranke ein nußgroßes Stück Speck, durch das eine dünne, gepichte Schnur gezogen und mit einem starken Knoten befestigt worden, verschlucken, worauf selbiges von dem Operateur mit einem heftigen Ruck wieder hervorgezogen wird. Beliebt das ärztliche Collegium ein gelinderes Verfahren, so muß der entkleidete Patient in einen auf Deck stehenden, mit Seewasser gefüllten Kübel steigen und, ungeachtet des noch so gewaltsam rollenden oder stampfenden Schiffes, das Gleichgewicht zu erhalten suchen. Stürzt der Kübel um, so setzt es einige Hiebe, und die Kur beginnt von Neuem. Dem in See-Reisebeschreibungen bewanderten Leser entgeht gewiß nicht die Aehnlichkeit dieser Kurmethode mit dem Verfahren, das bei Ueberschiffung der Linie der Meeresgott Neptun den Neulingen gegenüber zu beobachten liebt. Die Kunst, mit Menschen umzugehen, ist auf der See noch der Verfeinerung fähig und der literarischen Förderung eines Knigge bedürftig.

Am 5. Februar ließ sich der Koch krank melden, und es wurde mir ganz unerwartet Gelegenheit, den ärztlichen Tiefblick Capitän Hartmanns zu bewundern. Nach seiner Diagnose ist das Leiden dieses Schiffsbeamten, eines eingeborenen Chinesen, nur simulirt, und lediglich durch moralische Einwirkung zu kuriren. Hartmann nahm die Meldung mit großer Ruhe entgegen, dispensirte den Kranken 97 für heute vom Dienst und vertraute seine Küchenfunctionen einem, in diesem Zweige nicht unerfahrenen Matrosen an, ließ dem Koch jedoch sagen: er, der Capitän, hoffe, mit Gottes Hilfe seine Wiederherstellung morgen so weit vorgeschritten zu finden, daß ihm der Genuß eines Schnittes Rhicinusöl erspart werden könne. Wie richtig der große Naturarzt die Sachlage beurtheilt hatte, ging aus dem Bülletin hervor, das noch am Abend desselben Tages aus der Küche in der Kajüte eintraf. Der Kranke fühlte sich wesentlich erleichtert und hoffte morgen, wo wir unter dem sechszehnten Breitegrade eintreffen sollten, seine amtliche Thätigkeit von Neuem beginnen zu können. Der ungünstige Nordost treibt uns immer weiter gen Süden, die Temperatur steigt, wir befinden uns in der Nähe der Insel Luzon und das aus allen Fugen kriechende und sich des Lebens freuende Ungeziefer erhöht nicht die Annehmlichkeit des Aufenthaltes in der Kabine. Tritt nicht auch eine Besserung des Befindens der Atmosphäre ein, so können wir uns nur auf eine lange und mühselige Ueberfahrt gefaßt machen. Nach des Capitäns Berechnungen brauchen wir, falls der steife Nordost-Monsoon anhält, und wir weiter laviren müssen, siebenzig bis achtzig Tage nach San Francisco. Auf jeder neuen Seereise überzeuge ich mich mehr und mehr, daß der Trabant unserer Erde vollauf mit Ebbe und Fluth zu thun hat, und nicht den geringsten Einfluß auf die Veränderungen des Wetters ausübt. Ungeachtet des am 7. Februar Morgens im Schiffskalender verzeichneten Neumondes stürmte und regnete es unaufhörlich weiter.

Daß die Abweichung von der Lothlinie bei schiefen Thürmen nicht zu weit gehen darf, ist allgemein bekannt, 98 daß aber der Mensch unter der Neigung selbst eines spitzen Winkels zu leben vermag, davon überzeuge ich mich seit länger als acht Tagen durch eigene Erfahrung. Was gäbe ich darum, nur fünf Minuten lang festen Fußes aufrecht stehen zu können! Ich begreife, daß ungebändigte Rosse, wenn sie von Kunstreitern an die Raufe gebunden, von Minute zu Minute mit einer Ruthe berührt, und so allmählich um Schlaf und Appetit gebracht werden, zuletzt den Reiter aufsitzen und Alles über sich ergehen lassen. Die See behandelt uns Alle auf ähnliche Weise. Tausendmal in jeder Nacht schreckt uns der Choc der Wasser aus dem Schlafe auf, die Verdauung liegt darnieder; wir schleichen sämmtlich in traurig krankhafter Stimmung umher. Der 8. Februar brachte einige Zerstreuung; die Chinesen feierten ihren Neujahrstag. In allen ihren Bretterverschlägen auf Deck hatten sie winzige Altäre errichtet und mit brennenden Opferstäbchen (Joßsticks) oder Lichtern geschmückt; die Opfergaben bestanden aus Reis, gekochten Hühnern und gedörrten Fischen. Diese wurden jedoch keineswegs über Bord geworfen, die frommen Spender bedankten sich nur bei den Gottheiten der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit vielen Verbeugungen für Alles, was sie ihnen an Consumtibilien bescheert hatten und noch bescheeren würden, dann machten sie sich über die Stiftung her und verzehrten die Speisen bis auf den letzten Bissen. Alle hatten ihre besten Kleider und die Weiber ihre sonstigen Schmucksachen angelegt.

Auf ihr größtes Vergnügen mußten die armen Schelme leider am höchsten Feiertage ihres Cultus verzichten. Gegen das Feuerwerk hatte Capitän Hartmann, gegen die 99 Musikaufführung meine Wenigkeit Verwahrung eingelegt. Der Kabinen-Nachbar betheiligte sich nicht an der Feier, und blieb, wie der Drache im Mährchen, auf seinen Schätzen im Bette liegen. Wir kreuzten in der Hoffnung auf einen Landwind den Tag über vor der Nordspitze der Insel Luzon und kamen der Küste so nahe, daß wir Nachmittags, als die Sonne für wenige Minuten die Wolken durchbrach, die Kirche und einzelne Häuschen einer kleinen Stadt mit unbewaffnetem Auge unterscheiden konnten. Capitän Hartmann nannte den Ort St. Domingo. Nachdem uns kurz vor Sonnenuntergang noch eine spanische Brigg, ein Küstenfahrer, begegnet war, wendeten wir und steuerten nordwestlich in der Richtung auf die Kampferinsel Formosa.

Die See hatte sich ziemlich beruhigt und schimmerte in magischem Phosphorschein, an dem sternenhellen Himmel strahlten sowohl das südliche Kreuz, als auch mehrere Gestirne der nördlichen Halbkugel; ich beschloß, die Nacht auf Deck zuzubringen. Anfangs ließ sich Alles gar glimpflich an, und um acht Uhr Abends kam gen Norden sogar ein Feuer auswerfender Vulcan in Sicht, dessen grelles Licht wundersam von den milden Tinten des Sternenhimmels und der aufleuchtenden See abstach; aber schon um Mitternacht änderte sich die hochpoetische Scenerie. Rings am Horizont stiegen dunkle Wolken auf, der Nordost erhob seine rauhe Stimme, und bald vertrieb mich der herabströmende Regen von dem triefenden Verdeck. In der Kajütenthür begegne ich dem Capitän. Wir befinden uns in einer gefährlichen Klippenregion, über welche die Seekarten nur mangelhaft Auskunft ertheilen; der pflichtgetreue Mann hat sich daher entschlossen, die Nacht hindurch selber auszuschauen 100 und die wachthabende Mannschaft munter zu erhalten. Wir werden auch in den folgenden Tagen südlich von Formosa und westlich von den Philippinen umhergetrieben. In meiner moralischen Versunkenheit bin ich so weit gekommen, keinen Einspruch mehr zu thun, als die chinesischen Passagiere ihre Instrumente, eine Mandoline und ein celloähnliches, mit zwei Saiten bezogenes Plättbrett nebst Bogen hervorholen und darauf den Gesang mehrerer jungen Damen begleiten. Die merkwürdige Stimme einer derselben beschäftigte mich längere Zeit; die Künstlerin besaß eine seltene Fertigkeit in der Verbindung des Nasen- und Magenregisters, um mich eines technischen Ausdrucks der Herren Gesanglehrer zu bedienen. Nur war diese Methode nicht für den Vortrag von Compositionen europäischer Meister geeignet, besaß auch sonst nichts Sympathisches.

Am 12. Februar ergiebt die astronomische Berechnung, daß wir uns in vierzehn Tagen nicht weiter von Hongkong entfernt haben, als bei gutem Winde in vier und zwanzig Stunden zurückzulegen gewesen wäre. In Erwartung einer ungewöhnlich verlängerten Reise werden daher bei Zeiten die täglichen Wasser-Portionen verringert, nur Nelson, des Capitäns vierfüßiger Günstling, hat unter der diätetischen Maßregel nicht zu leiden. Unser einziger Vortheil ist die allgemeine Abhärtung gegen die Seekrankheit; nur rasch vorübergehende leichte Anfälle kommen noch vor. Selbst die schwer davon betroffene »Frau in Roth,« geb. Hirschberg, erscheint wieder regelmäßig auf Deck, mit einem Theile von Eugen Sue oder Paul de Kock in der Hand. Madame bemüht sich sogar, ein kunstkritisches Gespräch mit mir anzuknüpfen und befragt mich um mein Urtheil über 101 die in der Kajüte hängenden, nach photographirten Visitenkarten in Lebensgröße angefertigten Portraits von Familienmitgliedern des Capitäns. Natürlich überhäufte ich meinen chinesischen Collegen mit Lobsprüchen, und die geborene Hirschberg geräth vor Entzücken außer sich, als ich ihr betheuere, ein chinesischer Meister »numbel one« sei im Stande, nach dem Signalement in einem Steckbrief ein sprechend ähnliches Portrait anzufertigen. Nur bei dem Worte »Steckbrief« blickte die untersetzte Schöne etwas verlegen seitwärts. Die Laune unseres sorgenvollen Capitäns verbessert sich nicht, heute verfällt er selbst auf die gottlosen Streiche König Richards des Dritten und wirft mit der Bibel nach dem Schiffskoch. Weit entfernt, den Mißbrauch der heiligen Schrift zu beschönigen, darf ich doch meine unbedingte Billigung eines aggressiven Verfahrens gegen dieses schmutzige Subject nicht verschweigen. Die Mängel eines dürftigen Küchenzettels werden niemals schmerzlicher empfunden, als nach überstandener Seekrankheit, wenn die Zungennerven sich nach Austern oder Caviar sehnen, und nichts auf dem Tische erscheint, als petrificirtes Pökelschweinefleisch mit einem Graupen- oder Erbsenbrei. Ein Huhn wird nur geopfert, wenn sichtlicher Lebensüberdruß das bevorstehende Ende des betreffenden Exemplars ankündigt. Auf die Pallassuppen habe ich grundsätzlich verzichtet, seitdem ich die Entdeckung gemacht, daß ein auf meiner Portion schwimmendes Fettauge seinen Ursprung nicht etwa einer großmüthigen Zuthat des Kochs von Schmalz oder Rhicinusöl, sondern dem Daumen des kleinen Schleswig-Holsteiners verdankt, der die Teller umherreicht und dabei immer etwas zu weit über den Rand greift.

102 Der Wind war am 14. Februar günstiger, wir kommen lavirend in der Stunde drei Knoten vorwärts, und Jung und Alt kriecht aus den lockeren Holzverschlägen in den warmen Sonnenschein. Die wenigen Honoratioren aus Hongkong öffnen ihre Packete und breiten die mitgenommenen Delicatessen: gedörrte Regenwürmer und geröstete Heuschrecken, zum Trocknen aus, besorgte Mütter beginnen auf den Köpfen ihrer Kleinen eine Pirschjagd, und alle Zöpfe werden renovirt. Der Capitän holt eine schwerfällige Flasche hervor und credenzt mir in der Freude seines Herzens einen Bitt'ren oder wie es in nordamerikanischem Deutsch heißt, ein »Bitters.« Ueber Nacht sind auch einige Haifische aus der Tiefe aufgetaucht und begleiten die »Pallas« in Erwartung schmackhafter Abfälle von der Mittagsmahlzeit; auf einem haushälterischen Kauffahrer werden indessen die Ueberbleibsel nicht, wie auf den großen Dampfern der indischen Linien, in das Meer geworfen. Unser sparsamer Koch ist bei einem kleinen Restaurant zu Canton in die Lehre gegangen und weiß, wie man wirthschaftet. Jeder übriggebliebene Fetzen Salzfleisch wird aufbewahrt und daraus Abends mit kalten Kartoffelscheiben ein Salat bereitet, dessen Anblick mir schon Entsetzen einflößt. Wie gern hätte ich den Haifischen diesen Leckerbissen gegönnt, aber unsere Mannschaft war entgegengesetzter Meinung. Gleich nach der Mahlzeit rüstete sie sich zum Haifischfang. Die scharfe Spitze eines starken eisernen Hakens wurde durch ein mehrpfündiges Stück Speck gestochen und Köder wie Angel an einer Kette befestigt ins Wasser gelassen. Die lange Entbehrung bei der stürmischen Witterung, während deren sich der Hai in die Meerestiefe zurückzieht, hatte den 103 Hunger der Ungeheuer geschärft. Sie kämpften förmlich um den schmackhaften Bissen. Endlich gelang es der größten Bestie, sich zwischen den beiden kleineren Kostgängern durchzudrängen, mit einer raschen Wendung auf den Rücken zu werfen und zuschnappend die Angel hinunterzuschlingen. Das Schmatzen des gierigen Geschöpfes klang, als würde ein dicker Kohlkopf mit einem Zimmerbeile durchhauen. Gellendes Jubelgeschrei der Matrosen erscholl; der Hai ist ihr Todfeind, und der letzte Gefangene wird immer für die Verbrechen aller seiner Stammverwandten verantwortlich gemacht. Jeder wollte mit Hand anlegen, und in kurzer Zeit war der Fisch am Gangspill auf Deck gewunden. Die vorsichtigen Chinesen hatten sich während des ganzen Actes in ehrerbietiger Entfernung gehalten, wir flüchteten in die Wanten (Mastleitern). Es war ein furchtbarer Anblick, als der 12 Fuß lange Fisch wüthend mit dem Schwanz hin und her schlug und ein schweres Brett, auf welches er zufällig herabgesenkt worden war, dreißig Fuß hoch in die Lust warf. Die in den Wanten hängenden Matrosen überhäuften ihn mit den garstigsten Schimpfwörtern und beschuldigten ihn des Mordes ihrer Verwandten und Freunde. Sprachen sie die Wahrheit, so wird die Hälfte aller Matrosen in den indischen Gewässern von Haifischen aufgefressen. Nach längerem Toben ermüdete der Hai, der Hochbootsmann, ein Norweger von 6 Fuß 4 Zoll Höhe, benutzte den kurzen Moment der Ruhe, sprang herbei und hieb den gefährlichen Schwanz mit dem Beile ab. Nun war keine Gefahr mehr vorhanden, die Matrosen versammelten sich um das Opfer, stopften ihm noch einen alten Wasserstiefel in den Rachen, und, die Augen verdrehend, 104 hauchte das Ungeheuer seine schwarze Fischseele aus. Am Bauche des Hai's hingen sechs Saugefische, Schmarotzer, die von seinen Säften leben, so fest, daß es mir nicht gelang, nur den kleinsten abzureißen. Die Zerlegung des Fisches schritt rasch vorwärts. Die Haut wurde abgezogen, um gegerbt zu werden, dann der Rückgrat und das Gebiß losgelöst; ersterer soll verkauft und zu Spazierstöcken verarbeitet werden. Eben so wenig gab man das Stück Speck, welches der Hay mit der Angel verschlungen, verloren; der Koch warf es – horribile dictu – in die Salzfleischtonne zurück. Der Rest des Tages wurde zur Erzählung von Haifischgeschichten und dahin einschlagenden Fabeln benutzt. Der gut unterrichtete Hochbootsmann wollte wissen, daß die beiden »Piloten«, Fische von der Größe des Herings, welche den Hai unablässig begleiten, von der Natur nur zu diesen Adjutantenstellen befördert seien, um ihm bei seiner Kurzsichtigkeit die Auffindung der Nahrung zu erleichtern. Geriethen sie in Gefahr, so nähme er Beide in den Rachen; seine Jungen, gewöhnlich Drillinge, suchten aus eigenem Antriebe ihre Zuflucht an demselben Orte. Ich enthielt mich weislich jeglichen Zweifels oder Widerspruchs.

Wir sollten für die überstandenen Leiden durch einige schöne Tage entschädigt werden, wiewohl uns bei der am 15. und 16. Februar herrschenden Windstille eine Meeresströmung immer weiter südlich trieb. Das entzückende Blau, in welchem das ganze Universum prangt, erquickt nach wochenlangem grauen Gewölk das Auge, wie den Gaumen des Pilgers in der Wüste ein frischer Trunk aus dem Quell der Oase. Auf malerische Nachbildung dieses Phänomens tiefster Ruhe der Elemente muß die Kunst 105 verzichten; all unser Denken, Empfinden und Schaffen ist von der Voraussetzung der Gegensätze und des Widerspruchs abhängig; ich sitze unter den Chinesen müßig auf dem Verdeck, starre in die Ferne und versinke, wie der indische Büßer in die Anschauung Brahma's, in den göttlichen Frieden der beschwichtigten Natur. Der Zauber dieser flüchtigen Stunden lockt auch die gedankenlose Creatur an die Oberfläche des Oceans. Goldglänzende Geschwader fliegender Fische schwingen sich in die Luft und suchen sich vor den jagdlustigen Delphinen zu retten, ein Hai von 20 Fuß Länge schwimmt, begleitet von seinen getreuen Piloten, im Fahrwasser der »Pallas« und macht zuweilen die Runde um das schwerfällige Schiff; in einiger Entfernung folgt uns ein Wallfisch. Ein Strudel bezeichnet den Ort, wo er im Abgrunde verschwindet, plötzlich taucht er tausend Schritte weiter auf und signalisirt seine Ankunft, majestätisch dahinfahrend, durch zwei Fontänen, dann versinkt er ganz unerwartet, einem Bleiklumpen gleich, in die Tiefe. Nach vielen vergeblichen Versuchen, vom Bugspriet aus einen der zwei Ellen langen Delphine mit der Harpune zu erlegen, haben unsere Matrosen zur Angel gegriffen und wirklich einen karpfenähnlichen Fisch gefangen. Er ist 18 Zoll lang, geschuppt, schwarz mit blauen Flecken und trägt dicht am Hinterkopf auf dem Rücken einen kleinen Stachel; er soll unserem armseligen Mittagessen einige Abwechselung gewähren.

Wie glücklich wäre ein Genremaler an meiner Stelle! Auf dem Sturmbock sitzen der Capitän, der erste Steuermann und ein halbes Dutzend Matrosen beisammen und vertreiben sich die Zeit mit – Handarbeiten. Letztere nähen 106 Segel; der Capitän stopft seine blauen Strümpfe. Weiterhin ist große Wäsche; die Matrosen reinigen Hemden und Beinkleider mit Bürsten und Schrubber.

Die chinesischen Passagiere blicken auf dies Beginnen mit lächelnder Verachtung. Sollte das helle und trockene Wetter von Bestand sein, so wird der Kapitän unzweifelhaft wieder den Unterrock vornehmen, den er für seine eigene Frau in Europa stickt. Nach der vollendeten zwölf Ellen langen Robe ist die Arbeit ein Prachtstück und der Seemann ein Meister in diesem Kunsthandwerk. Zu Spaziergängen auf dem Verdeck ist gegenwärtig, seit die Chinesen bis auf das jüngste Baby ihre Holzverschläge verlassen haben, kein Raum mehr vorhanden. Ueberall lungern die schmutzig gelben Rangen umher, essen rohe, süße Kartoffeln oder spielen jenes Abnahmespiel mit Zwirnsfäden, das auch unsere Kinder kennen und wahrscheinlich zuerst von Schiffern gelernt haben.

In der Nacht sprang eine leichte Brise auf, die uns am nächsten Tage, dem 16. Februar, mit einer Geschwindigkeit von drei Knoten in der Stunde vorwärts trieb. Um neun Uhr Morgens erschien eine chinesische Deputation in der Kajüte und suchte Unterhandlungen über den Verkauf des fettesten Schweines anzuknüpfen, wurde aber vom Capitän abschlägig beschieden. Es kostete mir große Mühe, unseren, über die unverschämte Zumuthung entrüsteten Chef zu beruhigen, hatten es die Chinesen doch grade auf den borstigen Liebling Hartmanns, die kugelrunde »Pepita«, abgesehen, ein stolzes Geschöpf, das von allen Matrosen nur mit »Sie« angeredet wird. Wäre es von unseren vier Schweinen noch der biedere Leberecht, Conrad, benannt der 107 keusche Joseph, oder das braune Salchen gewesen; aber Pepita – schon der Gedanke war herzbrechend! Ohnehin verschlimmern die Passagiere ihre sociale Stellung auf der »Pallas« durch nächtlichen Wasserdiebstahl. Sie bohren die Fässer an und entledigen sie ihres Inhalts mittelst kleiner Heber und Röhrchen: es wird daher allnächtlich ein mit einem gehörigen Tauende bewaffneter Posten neben den Fässern aufgestellt. Bemerkenswerth ist die Verträglichkeit dieser armen Leute. Wortwechsel oder gar Thätlichkeiten sind unter Kindern und Erwachsenen unerhört; sie leben in ihrem Schmutz so friedlich und still, wie ein Insectenschwarm. Am schweigsamsten sind allerdings die unverbesserlichen Opiumraucher, von denen wir einige an Bord zählen, nur aus Haut und Knochen bestehende Gespenster, deren Augen bereits allen natürlichen Glanz verloren haben. Ich sehe schon im Geiste den Tag nahen, wo wir diese Schlachtopfer der gewissenlosen englischen Handelspolitik im Orient in leere Pökelfleischfässer einsargen und mit der übrig gebliebenen Salz- und Salpeterjauche einbalsamiren. Gehe ich an einem dieser Unglücklichen vorüber, so erscheint gleichzeitig in meiner Einbildungskraft eine jener superfrommen Gemeinden mit ihren verzückten Geistlichen und den scheinheiligen Gentlemen mit blendend weißen Halsbinden.

Mit einem Sonnenzelt ist die nur mit dem Unentbehrlichsten ausgestattete »Pallas« nicht versehen, wir sind daher, sobald wir die frische Seeluft genießen wollen, den brennenden Sonnenstrahlen ausgesetzt. Einigen Schutz gewährt der schmale Schatten des Besaanmastes, dem ich, auf meinem Feldstuhl sitzend, nachrücke, und durch den ausgespannten Regenschirm verstärke. Nichtsdestoweniger häuten 108 sich schon nach drei heißen Tagen Hände und Gesicht von Neuem. Am 18. Februar war Capitän Hartmann zu einem Strafverfahren gegen mehrere ungewöhnlich gottesfürchtige Chinesen genöthigt. Die Herren hatten am vorhergehenden einladenden Abende nicht der Versuchung zu widerstehen vermocht, einige Götzenpüppchen aufzupflanzen und ihnen zu Ehren auf Deck mitten unter dem ausgedörrten hölzernen Gerümpel ein brillantes Feuerwerk abzubrennen. Nur durch die rasche Intervention des achtsamen Steuermanns wurden wir vor einem großen Unglück bewahrt. Hätte das Verdeck Feuer gefangen, so wäre das Schiff mit Mann und Maus verloren gewesen. Die frommen Pyrotechniker erhielten von den ergrimmten Matrosen zwar sogleich einen Denkzettel, allein die Sache war damit nicht abgethan. Am Morgen des 18. Februar wurden Jedem nachträglich »Fünfundzwanzig« mit dem Tauende aufgezählt. 109

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