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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 53
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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IV.

Der Familienvater auf der Geisterwacht. Ein Sandfloh. Zu Darwins Theorie. Chinesische Wechsler. Kein weltliches Buch. Der Vice-Gouverneur und die Animosa. Neue Auflage der Seekrankheit. Hofedienst. Mistreß Horsekeeper. Rückreisepläne. Die Pallas. Victoria aller Orten. Chi-chang-hong, mein College. Leisibilder. Noch einmal nach Kanton.

Nicht der Flüchtigkeit oder der gedankenlosen Einförmigkeit meiner Aufzeichnungen, sondern der eigenthümlichen Beschaffenheit dieser Gegenden möge der Leser die Schuld geben, wenn ich so oft auf die kleinen Leiden des Lebens in den Tropen zurückkomme und von Cockroaches, Mosquito's, Ameisen, Scorpionen, Tausendfüßen und anderen Gesellschaftern eines der Häuslichkeit beflissenen Reisenden rede, statt von erfreulicheren Schöpfungen der fruchtbaren Natur zwischen den Wendekreisen. Auf dem vom 7. Januar datirten Blatt meines Portefeuilles finde ich zu meinem Trost, und vielleicht auch zu dem des Lesers, die Notiz einer animalischen Invasion, die vollkommen Neues bietet. Am Tage vorher war ich Augenzeuge der Entbindung der Frau eines begüterten Eingeborenen gewesen. Mein Vicewirth hatte mich darauf aufmerksam gemacht, da die 47 Geburt eines Erben hier unter ähnlichen Ceremonien stattfindet, wie in den Familien mächtiger Herrscher, und es strafbar gewesen wäre, eine solche Gelegenheit, die Landessitten kennen zu lernen, unbeachtet zu lassen. Schon als wir uns dem Hause näherten, das einen Zuwachs an Einwohnern erhalten sollte, fiel mir eine aus dem Dache sitzende, nur mit einem handbreiten Schurz bekleidete braune Gestalt auf, die in der Rechten einen blanken Säbel, in der Linken einen Rohrbesen, zuweilen wild in der Luft umherfuchtelte, dann aber wieder sich mit einem Schilde gegen die Streiche unsichtbarer Gegner deckte. Der Fechter war der Vater des erwarteten kleinen Tagalen und vertheidigte seine Gattin in ihrem gegenwärtigen wehrlosen Zustande gegen die Angriffe gewisser Geister, die es besonders auf Wöchnerinnen und Neugeborene gemünzt haben sollten. Es wäre ein Frevel gewesen, den tapferen Gatten in seiner Defensive zu stören; wir betraten ungehindert das Haus und die Wochenstube und fanden die ganze Verwandtschaft um das Lager der Kreisenden versammelt, auf den Fersen am Boden hockend. So groß ihre Theilnahme an dem bevorstehenden Familienereigniß sein mochte, ließen sie sich doch nicht abhalten, große Cigarren zu rauchen, selbst die junge Frau vom Hause suchte sich die Zeit bis zur eintretenden Katastrophe auf diese Weise zu verkürzen. Uns frechen Eindringlingen blieb nichts übrig, als gleichfalls unter den Angehörigen niederzukauern und unsere Glimmstengel anzubrennen. Der Ankömmling auf den Philippinen ließ indessen auf sich warten, und nach einer langweiligen Viertelstunde räumten wir das Feld, indem wir beim Abschiede dem noch immer auf dem Dache 48 reitenden Vater pränumerando unsere Glückwünsche abstatteten. Nicht ungestraft sollte ich so lange unter halb nackten Indiern auf der nicht übermäßig reinlichen Matte gesessen haben. Schon mit Anbruch der Nacht wurde ich durch ein schmerzliches brennendes Jucken an der Innenseite des Oberschenkels am Schlaf verhindert, doch war es zu dunkel zu einer Ocular-Inspection. Der Tagesanbruch mußte abgewartet werden. Bei scharfer Besichtigung zeigte sich nun ein schwarzer Punkt, d. h. ein winziges Thierchen, das, wie ich fühlte, eifrig bestrebt war, sich tiefer in's Fleisch zu graben. Ich hatte viel von dem Sandfloh gehört, doch wurde ich, da dieser sich nur unter den Nägeln der Zehen einen Weg zu bahnen pflegt, an seiner Identität mit dem unbekannten Eindringling irre. Froh, den Schuldigen noch mitten in der Arbeit und vor der Ablagerung seiner Nachkommenschaft in flagranti betroffen zu haben, schärfte ich mein bestes Federmesser auf dem Streichriemen und unternahm sofort die Operation, die denn auch unter starkem Blutverlust nach einigen Secunden gelang. Leider wurde der Schmarotzer selber bei dem Act so arg zugerichtet, daß seine Confrontation mit Dr. Kaufmann unmöglich war, und über seine Specialität bis heute nur leere Vermuthungen angestellt werden konnten. Es war übrigens der zweite derartige Fall, dessen ich mich auf allen meinen Reisen in den Aequatorial-Regionen erinnere. Vor Jahren war mir Aehnliches in Brasilien begegnet.

Mit den zwei bis drittehalb Ellen langen Schlangen, die sich im Hofe des Hotels und aller Häuser von Manila und seiner Umgebung umhertreiben, leben wir auf 49 vertraulichem Fuße, und betrachten sie als nützliche Beamte im Haushalte der Natur. Sie nähren sich schlecht und recht von den noch zahlreicheren Ratten, und nur in seltenen Fällen lassen sie sich den Raub eines Küchleins zu Schulden kommen. Man verzeiht ihnen gern den Schrecken, den sie uns Nachts einjagen, wenn sie eiskalt über das Gesicht und die Hände weghuschen.

Ein leidlich regenfreier Tag wurde zu einem Ausfluge nach dem Dorfe benutzt, wo einige Meilen von Manila noch ein Häuflein Autochthonen der Insel Luzon sich unvermischten Geblüts erhalten hat. Auf die Gefahr hin, mir einen theologischen Verweis zuzuziehen, darf ich nicht verschweigen, daß ich durch den Anblick dieser Naturkinder für die Richtigkeit der vielbestrittenen Theorie Darwins gewonnen worden bin. Die schwarzbraunen Kleinen standen ihrem Exterieur nach auf einem Uebergangsstadium vom Affen zum Menschen. Gewiß werden mich die Männer der kirchlichen Wissenschaft mit dem Zollmaß in der Hand osteologisch widerlegen können; der Augenschein sprach jedoch gegen sie und die Abstammung des Menschen von der Copie eines höheren Vorbildes. Die Männchen des Dorfes waren wenig über 4 Fuß hoch, die Weibchen noch kleiner, und ihre Schädel, statt mit Haaren, mit einem grobwollenen Felle bedeckt. Rechnet man dazu ein Minimum von Intelligenz und eine fast unarticulirte Sprache, so wird man begreifen, wenn meines Bleibens in dieser Gesellschaft nicht lange war und ich, nachdem ich die armen Halbaffen oder Halbmenschen mit Glasperlen beschenkt, schleunig Kehrt machte und nach Manila zurückfuhr.

Die Indolenz der Spanier ist der Fabrikation von 50 Manufacturwaaren nicht günstig; ich muß auf Einkäufe verzichten. Außerdem ist der Mangel an kleinem Gelde ein großer Uebelstand. Es befindet sich fast ganz in den Händen der eingewanderten Chinesen, die damit die einträglichsten Wechsel-Geschäfte treiben, aber nicht etwa dem Publikum auf der Straße oder in offenen Läden entgegenkommen, sondern in ihren Spelunken aufgesucht sein wollen, und sich gebehrden, als brächten sie die größten Opfer, wenn sie mit ihrer schmutzigen Kleinmünze gegen vollwichtige Goldstücke herausrücken. Einen Probirstein zur Prüfung des Goldgehalts führt jeder dieser Gauner mit sich, wie wir Uhr, Tabaksdose, Zahnstocher und Nagelmesser. Der Termin meiner Rückreise nach Hongkong rückte heran, und ich wollte zur Erinnerung an die verlebten angenehmen Tage wenigstens ein auf der Insel gedrucktes Buch kaufen, allein es war, obgleich ich mehrere Läden besuchte, nichts vorhanden, als eine geringe Anzahl Gebetbücher. Die allmächtige Geistlichkeit duldet nicht, daß Schriften weltlichen Inhalts gedruckt und verbreitet werden. Ein homo literatus würde bei der Menge der Feierlichkeiten und frommen Uebungen auch gar nicht zu ihrer Lectüre gelangen. Ich erneuerte an diesem unvergleichlichen Tabaksemporium meinen Cigarrenvorrath und packte meinen Koffer. Es war Zeit, dem Vicegouverneur der Stadt und dem Commandante des Kanonenbootes Animosa, auf dem ich die Ueberfahrt zu machen gedachte, einen Besuch abzustatten. Als königl. spanisches Kriegsschiff nahm die Animosa keine Passagiere für Geld an Bord, Alles kam auf den guten Willen der Herren an, mich als Gast zu beherbergen 51 und zu befördern. Ich fand zwei elegante und gebildete Cavaliere, die meine Bitte um Aufnahme gewährten, noch ehe ich sie ihrem ganzen Umfange nach ausgesprochen hatte. Beide Herren verstanden ziemlich gut Französisch, in diesen Gegenden eine große Seltenheit; der Vicegouverneur stellte mich seiner Gemahlin, einer zarten spanischen Schönheit vor, und wollte mich ohne Weiteres zur Tafel ziehen, was ich mit Rücksicht auf meine Reisevorbereitungen höflich ablehnte. Die gebotenen Abschiedsvisiten fielen sehr unvollkommen aus; es war Posttag und alle Welt mit dringenden Geschäften überhäuft. Von manchem neugewonnenen Freunde mußte ich mich mit einem flüchtigen Händedruck für dieses Leben trennen. Gleichzeitig wurde die Paßangelegenheit geordnet; mein Name und Rang lautete auf dem vom Vicegouverneur unterzeichneten Reisedocument:

Don H. J. de Bram.

In Begleitung des Herrn Behr nahm ich um 4 Uhr Nachmittags ein Boot und gelangte eine Stunde darauf an Bord der Animosa. Der Commandante empfing mich sehr freundlich, und ein kleiner barfüßiger schwarzer Knabe fügte unseren Begrüßungen einen kräftigen Trommelwirbel hinzu. Ich werde in die Kajüte geführt und gebeten, es mir darin bequem zu machen, mein künftiger Stubenbursche, der Commandante, bietet mir seinen Cigarrenvorrath an, und ich ersuche ihn, um mich für die erwiesene Gastfreundschaft doch einigermaßen erkenntlich zu zeigen, einen Korb Champagner anzunehmen. Nach einem längeren Austausch von Höflichkeit brenne ich endlich eine Cigarre an, der Commandante verschließt den 52 Korb, der Thee wird mit Anisette und Gebäck servirt und um halb elf Uhr zu Bette gegangen. Das Kanonenboot ist so klein und die Hängematte, seinen Dimensionen entsprechend, so kurz, daß ich mich kaum auszustrecken wage. Mein Schlafgefährte unterhielt mich mit der Geschichte des winzigen Kriegsschiffes. Der pflichtgetreue Soldat hatte von seinen Kleidern nur den Uniformrock abgelegt, um ihn nach einer Stunde wieder anzuziehen und das Verdeck zu besuchen. Er war drittehalb Jahre lang mit seinem Kanonenboot auf Kreuzzügen zwischen den Philippinen, Celebes und Borneo unterwegs gewesen und wußte viel von Scharmützeln der Animosa mit Piraten zu erzählen. Nachdem wir den nächsten Tag über bei dem heitersten Wetter die malerische Küste von Luzon hinaufgefahren waren, steuerten wir gegen Abend in nordwestlicher Richtung in die hohe See. Unser Schifflein wurde von den Wasserbergen bald so wild hin- und hergeworfen, daß ich meine Zuflucht zu der Hängematte nahm und die Augen schloß, um den ersten Anwandlungen der Seekrankheit vorzubeugen. Nach so vieljährigen Fahrten durch alle Meere komme ich bei der gelegentlichen Wiederkehr dieses Leidens nach und nach zu der Ueberzeugung, daß die See nur zum Nießbrauch der Fische, nicht der Menschen geschaffen sei. Unter diesen stillen Reflexionen und einem steifen Nordost-Monsoon entwickelt sich das Uebel mit einer solchen Lebhaftigkeit, daß ich noch 18 Stunden unter fortwährenden Eruptionen mich an den Schiffswänden halten muß, wenn ich nicht vor Schwäche zu Boden sinken soll. Meinen Reisegefährten ergeht es nicht besser; der Schiffsarzt, ebenfalls ein 53 alter Seefahrer, ringt mit Tod und Leben. Nach allen meinen bisherigen Erlebnissen zu Wasser ist die chinesische See am meisten zu fürchten. Die Seekrankheit wüthet am ärgsten unter unseren Marinesoldaten, eingefangenen und zum Kriegsdienst abgerichteten Wilden von den Philippinen.

Am 12. Januar, Vormittags, wagte ich mich wankenden Fußes wieder auf das Verdeck; durch die grauen Regenwolken sendet die Sonne zuweilen ihre glühenden Pfeile, und das Auge späht in dem wüthenden Wirbel der Gewässer sehnsuchtsvoll nach einem festen Punkte umher. Endlich tauchen vier chinesische Fischerdschunken fern am Horizont auf, die paarweise auf Fischfang oder Seeraub ausgezogen sind. Sie nähern sich unserm Steamer, entfernen sich aber schleunig, als sie die Mündungen seiner Geschütze unterscheiden. Gegen Sonnenuntergang begegnen wir einem ganzen Geschwader von Fischerböten aus Hongkong und Macao. Wir nähern uns dem Lande, obschon bei dem dichtbewölkten Himmel die Küste nicht von den Dunststreifen unterschieden werden kann. Mit dem Einbruch der Dunkelheit befanden wir uns im Schatten eines hohen Felsens und nun kam ein chinesischer Lootse zum Vorschein, der schon von Manila an mitgefahren war, aber erst jetzt seine Functionen begann. Unter dem Oberbefehl des gewissenhaften Commandanten, der auf der ganzen Reise nicht aus den Kleidern gekommen war, hatte ich mich wohler gefühlt. Es war ein unsäglich peinliches Gefühl, bei Nacht und Nebel durch eine hohle Gasse von Felsen zu fahren. Nicht selten schien es, als streifte der Dampfer die steinernen Wände; 54 nur die Ruhe des Commandanten gewährte mir einige Sicherheit. Nächst dem Deutschen ist der Spanier der zuverlässigste Seemann; an Bord der Animosa ist z. B. während meiner Anwesenheit kein Fall von Betrunkenheit vorgekommen. Hart vor Hongkong gingen wir aus Vorsicht noch bei Green Island vor Anker, lichteten dieselben aber schon um sechs Uhr, und kamen um 8 Uhr auf die Rhede. Die Trennung von den spanischen Gentlemen ist mir wahrhaft schwer geworden; noch heute erinnere ich mich mit Vergnügen meines Aufenthalts an Bord der Animosa und des ritterlichen Tones ihrer Befehlshaber. Sogar den alten Steward, der mich während der Anfälle von Seekrankheit mit väterlicher Sorgfalt gepflegt, vermochte ich nur nach längerem Zureden, ein Trinkgeld von fünf Dollars anzunehmen. Dem Commandanten sandte ich nach meiner Ausschiffung einen zweiten Korb Champagner; dem Schiffsarzt verehrte ich zur Erinnerung eine Aquarelle.

Kaum an Land, muß ich mich pflichtschuldigst dem Hofdienst unterziehen. Mad. Alisch, die Gattin meines Freundes, ist ans Shanghai angekommen und bis zu ihrer Abreise auf meine Unterstützung als Cicerone oder Kornak angewiesen. Die junge Frau reist aus Gesundheitsrücksichten mit einem Kinde von anderthalb und einem Kindermädchen von sechszehn Jahren auf dem Dampfer China nach Europa. Hier in Hongkong dreht sich Alles um die bevorstehenden Wettrennen. Am frühen Morgen kann man kaum noch eines Menschen habhaft werden; mit einer solchen Erbitterung wird trainirt. Für Mann und Roß heißt die Losung: mager und leicht! Sogar die 55 englischen Damen schließen sich nicht aus. Mistreß Horsekeeper, wenn ich mir diese pseudonyme Bezeichnung erlauben darf, verläßt den Stall nicht mehr. Ich habe sie im schweren Verdacht, eigenhändig zu füttern und die Striegel und Kartätsche zu führen. Die ehrenwerthe Dame ist so bewandert in Stall- und Manège-Ausdrücken, daß sie sich derselben unumwunden bei Tisch bedient. Meine Unkunde in dieser Terminologie verbietet mir beweiskräftige Citate, doch erinnere ich mich sehr wohl, von Mistreß zu mehrerem Genuß eines Plumpuddings in theoretischen Wendungen aufgefordert zu sein, als säße sie bei einem Kirchthurmrennen auf meinem Rücken, und es handle sich darum, ein erhebliches Hinderniß, bestehend aus Graben und Hecke, zu nehmen. Wahrscheinlich las die gute Donna auf meinem verdutzten Gesicht die Verwunderung über diese originelle Redeweise, sie gab dem Gespräch eine andere Wendung, kam auf ihre schwankende Gesundheit, und behauptete, nur auf ärztliche Verordnung so oft und lange im Pferdestalle zu verweilen.

Auf den Wunsch meiner Familie, deren Briefschaften ich in Hongkong vorfand, denke ich endlich an die Rückreise. Nach meinen Erfahrungen in den asiatischen Gewässern kann ich mich nur verbessern, wenn ich die amerikanische Route wähle. Zwar steht mir eine Seereise von zweitausend geographischen Meilen bevor, und ich muß mich, da die Linie Hongkong-San Francisco von Dampfern noch nicht befahren wird, eines Segelschiffes bedienen, doch bereichere ich meine Anschauungen nord- und mittelamerikanischer Landstriche und lerne nun auch den Isthmus von Panama kennen. Im Hafen lagen drei nach San Francisco bestimmte Schiffe, 56 ein deutsches, englisches und holländisches; bei meinem Glauben an die hervorragende Seetüchtigkeit unserer Landsleute beschloß ich, mich zuerst an den Capitän des ersteren zu wenden. Mein Weg führte durch die Matrosenstadt, und ich ließ die Gelegenheit nicht unbenutzt, nach langer Abwesenheit einen flüchtigen Blick in das »grüne weibliche Blumenhaus,« das Paradies der europäischen Seeleute und die Logirhäuser für Matrosen: »Licensed boarding house« für sechszehn »seamen«, den »Jack tar« und »Sealor's home« (Jack, Theer und Seemanns Heimath) zu werfen; im »blauen Ferkel« (the blue pig), einem Branntwein-Etablissement neuesten Datums, ging es am lustigsten her. Eben sollte ein junger Mann hinausgeworfen werden. Der Capitän des deutschen Barkschiffes Pallas empfing mich freundlich genug; doch konnte er mir nicht sogleich Auskunft ertheilen. Die starke Ladung der Pallas und die Zahl der Passagiere zwingt ihn, den noch übrigen Raum bis auf Haaresbreite zu berechnen. Erst am nächsten Tage soll ich Bescheid erhalten, ich greife daher zu Malerstuhl und Mappe und benutze das helle und windstille Wetter zu fleißiger Arbeit. Der Himmel ist nur, wie meine alte Gönnerin, Mad. Tübbecke, Besitzerin einer ansehnlichen Bildergallerie, von den Hyacinthen-Ausstellungen zu sagen pflegte, zu blau, doch muß sich ein vorsichtiger Künstler darnach einzurichten wissen.

Am 18. Januar, Vormittags, besuchte mich Herr Hartmann, der Capitän der Pallas, und zeigte mir an, daß auf seinem Schiffe sich noch hinlänglich Platz für meine Person gefunden habe; in sechs Tagen sollen die Anker gelichtet werden. Jetzt kommt Alles darauf an, diese Spanne 57 Zeit in Asien weise zu benutzen. Die erste Pflicht der Selbsterhaltung ist die Wiederherstellung der Garderobe, ich wende mich daher an den chinesischen »Victoria tailor« der nebenbei Strümpfe verkauft und stopft, und bei dem ich mindestens vor jener Genauigkeit in der Copie von Kleidungsstücken sicher bin, deren sich jener chinesische Schneider schuldig machte, als er 75 Dutzend bestellte Soldatenbeinkleider mit den Flicken und Flecken des vorgelegten Musters auf dem Gesäß anfertigte und ablieferte. Herr Menke, ein geborener Hamburger, einer der intelligentesten und gefälligsten Deutschen, denen ich in China begegnet bin, leistete mir bei diesem Garderobe-Geschäft den nützlichsten Beistand. Auf dem Rückwege von der Werkstatt des Schneiders kamen wir an dem Gefängniß Victoria goal vorbei, und begegneten einem Trupp Sträflinge, die, mit Ketten belastet, in einem Costum von blau und weiß gewürfeltem Baumwollenstoffe zur Arbeit transportirt wurden. Mit dem Namen der Königin Victoria hatte man auch hier Mißbrauch getrieben. Auf dem Rücken der Kerle stand in großer und deutlicher Schrift: »Victoria-Gefangener.« Weiterhin fesselte mich das Schild vor dem Atelier eines Fachgenossen: es wäre ein Frevel gewesen, ihm nicht einen letzten Besuch abzustatten. Die Inschrift lautete: »Chichanghong from Canton, ship, portrait and chart painter. Nr. 517. Hongkong Queensroad.« Ein stolzer Mann mit langem Zopfe und einer monströs großen Brille auf der Nase empfing uns und führte Herrn Menke, mit dem er bekannt war, und mich in seinen Ateliers umher. Dabei bediente er sich mit der Koketterie einer spanischen oder italienischen Schönen eines großen Fächers, von dem er sich 58 nicht trennen zu können schien. Herr Menke machte durch Scherze den hochfahrenden Künstler redselig, und dieser versicherte in seinem besten Pidjen Englisch, er garantire, eine solide Bezahlung vorausgesetzt, die Aehnlichkeit der von ihm abgebildeten Schiffe und Gesichter für eine beliebige Reihe von Jahren. Wie alle chinesischen Maler, legte auch er den höchsten Nachdruck auf die Qualität der Farben. Er führte uns vor sein Allerheiligstes, ein Wandschränkchen, in dem in steinernen Kruken und pulverisirtem Zustande die herausforderndsten Farben: Knallroth, Blitzblau, Schwefelgelb, Papageien- und Donnergrün, aufbewahrt wurden, und zeigte uns die verschiedenen Sorten, mit denen Bilder »Numbel 1, 2 und drei« gemalt würden. Als ich unwillkürlich lächelnd ein wenig den Kopf schüttelte, trat er pathetisch einen Schritt zurück, zog aus der verborgensten Ecke des Schrankes eine große Flasche, schüttelte sie, hielt sie gegen das Tageslicht und sagte in etwas geringschätzigem Ton, mich scharf auf's Korn nehmend: »Wenn Sie in Ulopp (Europa) vielleicht auch etwas besser malen können, meinen Lack haben Sie doch nicht! ein von mir sieben bis achtmal lackirtes Bild dauert ewig!« Er versenkte den Blick andächtig in die unvergleichliche Flüssigkeit und stellte die Flasche ehrfurchtsvoll an die geschützte Stelle zurück. Wir schieden, nachdem ich ihm ein Buch »Leisibilder« (Reisbilder) abgekauft.

Da ich in Hongkong nichts mehr zu thun hatte, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mein asiatisches Reisefinale effectvoll mit einem Abstecher nach dem geliebten Kanton zu schließen. Allerdings sah der Himmel am 19. Januar früh Morgens zu einer mehrstündigen Wasserpartie nicht sonderlich ermunternd aus. Der Nord-Ost-Monsoon trieb 59 so niedrig ziehende gräuliche Wolkengeschwader über unsere Köpfe hin, daß man daran die Schädel einzurennen vermeinte, doch blieben wir mit Regen verschont. Anzunehmen war, der wässerige Niederschlag werde erst in wärmeren Regionen des Inlandes von China und Cochinchina stattfinden. Wirklich wurde der Himmel nach einer Stunde etwas lichter und um halb acht Uhr befand ich mich reisefertig auf dem Verdeck des Steamers White Cloud. Der erste nordamerikanische Unternehmer ist der einträglichen Linie zwischen Kanton und Hongkong nicht froh geworden; in der Zwischenzeit hat ein anderer Speculant mit dem Dampfer »Kin Shan« eine Concurrenz oder Oppositionsfahrt eröffnet. Um seinem Rivalen die Stange zu halten, muß White Cloud die beinahe zwanzig deutsche Meilen (92 englische Meilen) weite Strecke für drei Dollars (erster Platz) fahren. Ein delicates Tiffin, das um neun Uhr aufgetragen wurde und aus Fischen, Austern, Beafsteak und Kaffee bestand, ist in den Fahrpreis mit eingeschlossen. Die genannte Route kann ohne Uebertreibung eine Weltstraße genannt werden; die Preise für die letzte Klasse mußte man daher auch den untersten Ständen China's erschwinglich machen. So haben wir an 1000 Chinesen mit Frauen und Kindern an Bord, die ohne Verpflegung bis Kanton für den Kopf nach unserem Gelde nur 12 Sgr. bezahlen. Sie lagen unter freiem Himmel auf den Planken, und ich entdeckte, Dank der Einwanderung aus Europa, unter den Knäblein und Mägdlein eine Menge unchinesisch blonder Zöpfchen und hellblauer Augen. Mein physiognomischer Spaziergang auf Deck wurde durch die sich aus dem Touristenschwarm entwickelnden Gasarten abgekürzt; ich zog mich in die Kajüte zurück und traf meine 60 Reisegefährten, sämmtlich Schiffscapitäne, wie gewöhnlich bei der Cognacflasche. Man unterhielt sich über die Beköstigung und den Appetit der Mannschaften, und die Herren kamen überein, die gefräßigsten Individuen auf den Schiffen aller Nationen seien der zweite Steuermann und der Zimmermann. An logischer Begründung dieser Thesis fehlte es, doch theile ich dieselbe in der Hoffnung mit, vielleicht einen der Gelehrten unserer jungen Marine zu dahin einschlagenden Beobachtungen und wissenschaftlicher Erörterung des merkwürdigen Satzes anzuspornen.

Auf Deck sind die üblichen Sicherheitsmaßregeln getroffen. An jeder Schiffstreppe steht ein mohrenmäßig aussehender Soldat mit geladener Büchse und aufgepflanztem Bajonnet: zwei Vierundsechszigpfünder auf Drehscheiben sind so placirt, daß sie nach Bequemlichkeit und Bedarf auf Salz- und Süßwasserpiraten, oder auf mordlustige Passagiere dritter Klasse gerichtet und abgefeuert werden können. Sicherem Vernehmen nach sind sie mit Kartätschen geladen. Der Ausländer hat, nach den Mittheilungen der Capitäne, gerechte Ursache, im höchsten Grade auf seiner Hut zu sein. Die Sicherheit der Gegend ist zu Wasser und zu Lande durch nichts, als die entschlossenste Gegenwehr verbürgt, und noch vorgestern war ein von chinesischem und europäischem Raubgesindel an einem englischen Ehepaare verübter Doppelmord in Hongkong vorgekommen.

Um zehn Uhr hatten wir das Labyrinth von Inseln und Felsblöcken hinter uns und dampften in die Mündung des Cantonflusses. Das Wetter bessert sich unverkennbar, aber die Luft ist noch immer nicht durchsichtig genug, das 61 gegenüberliegende Ufer des gewaltigen Stromes zu erkennen. Hinter der Bocca Tigris, den kleinen befestigten Inseln, der Mauer auf dem Festlande und der Tigerinsel, wurden die Ufer ganz flach, und wir erblickten Legionen wilder Enten, die auf der heute spiegelglatten Oberfläche des Wassers unter den malerischen Dschunken lärmend umherplätscherten und die Jagdgelüste meiner Reisegefährten erregten. Sie forderten Jagdflinten, aber ehe dieselben nebst Schießbedarf herbeigeschafft worden waren, lagen Dschunken und Entenschwärme weit hinter uns, und mein Tischnachbar, der Vorsteher der Bewahranstalt für chinesische verwahrloste Kinder in Hongkong, ein emeritirter Schuster aus Berlin, knüpfte nachträglich einige, die Jagdlust der Herren strafende Bibelverse an ihre Waffenforderung und den angestrebten Wildbraten. Der gute Mann floß von Sentenzen und frommen Sprüchen über; seinen Lieblingssatz: »Die Kindlein sind so süß, wie Honigseim,« brachte er am Schluß fast jeder Periode an. Uebrigens erzählte auch er kaum glaubliche Dinge über die Ruchlosigkeit, mit der die Chinesen ihre Neugeborenen behandeln und sich namentlich der Mädchen entledigen. Um halb drei Uhr kamen wir an Whampoa und der Bambusstadt, an großen Bananen- und Ananas-Plantagen vorüber; ein leichter Regen fällt, und die Chinesen hüllen sich in ihre Strohmäntel. Auf der Werfte in Whampoa lag ein beinahe vollendeter Flußdampfer, Eigenthum eines Yankee, ein Schiff, das an Größe, Pracht und zweckmäßiger Einrichtung alles bisher Gesehene weit übertraf. Hier holte uns der eine Stunde später von Hongkong abgefahrene Opponent Kin Shan zum größten Aerger des Capitäns ein und schleuderte mit seinen Schaufeln eine 62 Wolke Wasserstaub auf das Verdeck. Wenige Minuten darauf verschwand der eilfertige Steamer oberhalb des kurz vor Canton auf Pfählen im Strome gelegenen Tempels und um halb vier Uhr ankerten wir in Honam, gegenüber der alten Hauptstadt. 63

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