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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 51
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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II.

Alles Oel. Die Tabaksinsel Luzon. Spanisches Prügelsystem. Manila. Ehrenwache oder Spitzel. Folgen des Erdbebens. Baierischer Dialekt. Die Vorstadt Binondo. Provisorische Kapellen und Kirchen. Die Cigarrenfabrikation, ein Regierungsmonopol. Spanische Courtoisie.

Nur zu bald ergab sich, daß ich zu früh triumphirt hatte; die Schattenseiten des spanischen Schiffes traten sehr deutlich hervor. Alle Speisen werden mit Oel zubereitet, und es herrscht eine Vorliebe für dieses fettige Fluidum an Bord, die durchaus dem Gefühl eines reinlichen Norddeutschen widerstrebt. Von der Küche aus verbreitet sich der Oelschmirgel durch alle Räume, und die Einbildungskraft wird dergestalt mit diesem Stoffe und seinen Ausdünstungen imprägnirt, daß ich zuletzt glaubte, selbst der Fußboden und die Wände der Malespina schwitzten Oel aus. Diese Täuschung wird noch durch die widerwärtige Hitze der Kajüte unterstützt; ich ahne die Leiden des heiligen Laurentius auf dem Roste. Jetzt begreife ich auch, weshalb sich die spanischen Officiere von uns getrennt haben und Tag und Nacht auf dem Vorderdeck zubringen. Die Temperatur ist dort kühler und die Luft etwas reiner; es gehört 17 daher nicht viel Aufopferung dazu, den Passagieren den Schmelzofen von Kajüte allein zu überlassen. Ich ergab mich daher mit Resignation in mein Schicksal, als gleich nach der Abfahrt der ausbrechende Sturm und die hochgehende See in mir einen so starken Anfall der Seekrankheit hervorriefen, daß ich zu Boden sank und dem zornigen Gotte des Meeres wahre Hekatomben darbrachte. Dieser verzweifelte Zustand dauerte vom 26. bis 28. December und ist in meinem Tagebuch durch einige wüste Kritzeleien und mehrere nicht mißzudeutende Flecken bezeichnet. Am letzten Tage trat einige Besserung ein, die See tobte zwar nach wie vor, doch klärte sich der Himmel auf, der Ocean wie der Horizont glühten in der reinen Farbe des Ultramarins, und Millionen fliegender Fische schnellten sich von der Oberfläche des Wassers empor. Das entzückende Schauspiel wird mir nur durch andere, weniger poetische Geschöpfe verleidet, die sich am engen öligen Bord der Malespina eben so glücklich zu fühlen scheinen, wie die geflügelten Fischlein in den Weiten des kühlen Oceans; ich meine die Cockroaches, meine alten Todfeinde. Sie verbinden sich mit zahllosen Ameisen, mir jede Sekunde des Daseins zu verbittern. Aller heroischen Anstrengungen ungeachtet ist es mir unmöglich, den Ekel zu überwinden, den die widerlichen Cockroaches mir einflößen. Mir fliegt stets ein kalter Schauer über den Rücken, sobald eines dieser Geschöpfe mir unerwartet unter die Hände geräth oder die Haut meines Körpers berührt.

Am 28. December befanden wir uns in der Nähe der Philippinen, und zwar der Tabaksinsel Luzon; unsere Leiden nähern sich also ihrem Ende. Wie groß die 18 Mannigfaltigkeit der Uebelstände ist, mit denen der civilisirte Passagier auf der Malespina zu kämpfen hat, geht aus folgendem Intermezzo hervor. Eben machte ich den Versuch, nach meiner Genesung von der Seekrankheit den ersten Bissen beim Tiffin zu mir zu nehmen, und rückte den Stuhl näher an den Tisch, als mein linker Fuß plötzlich in einem Loch des Fußbodens versank. Er war in eine geöffnete, kleine Lucke gerathen, unter der ein schwarzbrauner fettiger Kerl stand, der durch meinen Tritt in der Säuberung seines Leibes vom Ungeziefer unterbrochen wurde. Der junge Mann gehörte zum Heizerpersonal. Durch die freundliche Witterung ermuntert, suche ich die von den stürmischen Tagen angerichteten Schäden an Koffern und Magen auszubessern. Erstere müssen förmlich ausgepumpt werden, so oft hat sie die See überfluthet; den letzteren suche ich durch Ausspülungen mit Sodawasser in seinen normalen Zustand zu versetzen. Wir fahren jetzt bei herrlichem Wetter die Küste entlang, die Wasser haben sich beruhigt, und ich lege, so lange die Sonne scheint, die Bleifeder und den Pinsel fast nicht mehr aus der Hand. Eine Bergkette von ungefähr 4000 Fuß Höhe und vieler Mannigfaltigkeit begleitet uns, bis zur Höhe von 1000 Fuß sind ihre Abdachungen mit tropischer Vegetation üppig bewaldet, darüber hinaus erheben sich die seltsamsten Gebilde, Kuppeln, Zinnen und zertrümmerte Felsmauern; einige Partien erinnerten mich an die Küste von Sicilien in der Gegend Messina's.

Wenn der Leser meinen Aufzeichnungen mit leidlicher Aufmerksamkeit gefolgt ist, werden ihm hin und wieder zerstreute verschämte Geständnisse nicht entgangen sein. Was der Weise von Weimar über die bedenklichen Folgen eines 19 »Wandelns unter Palmen und Elephanten« gesagt hat, ist nur allzu wahr. Ich werde in mir selber die Spuren einer beginnenden Verwilderung gewahr. Humanität und Empfindsamkeit vermindern sich; ich sympathisire mit der Lieblosigkeit der Natur, die von Schönrednern unser Aller »Mutter« genannt wird, aber kaum den Namen »Stiefmutter« verdient. So lehnt sich in mir nichts mehr gegen das an Bord der »Malespina« herrschende Prügelsystem auf. Es scheint mir so natürlich, daß an jedem Durchgange, an jeder Treppe ein Unteroffizier oder Bootsmann steht und mit einem Tauende auf alle vorüberstreichenden Matrosen losschlägt, wie das Spiel der Katze mit der Maus, dem gefangenen Vogel. Vielleicht ist es eine Naturnothwendigkeit aller dieser Leute, zu prügeln und geprügelt zu werden. Die Officiere benehmen sich, wie wilde Thiere. Oft stürzen sie mit einem Anlauf auf die eingeborenen Mannschaften los, und versetzen ihnen mit geballter Faust von unten nach oben einen Stoß unter die Rippen. Als in der letzten Nacht die Maschine sechs Stunden lang still stand, und unter vielem Gehämmer ausgebessert werden mußte, machten die Gewaltthäter ihrem Unmuth durch verdoppelte Mißhandlungen der schaafmäßig sanften Menschen Luft. Gegen Morgen war der Mechanismus wieder in Ordnung und arbeitete, wenn auch nur matt und langsam. Wir fahren jedoch dicht unter Land, und die See ist ruhig; der Maschine wird nicht viel zugemuthet. Ihr hohes Alter verbietet alle ungebührlichen Anstrengungen; das Maximum ihrer Leistungen sind fünf Knoten in der Stunde. Der Kessel rivalisirt mit meinem Magen; beide dürfen noch nicht gehörig geheizt werden. Kommt in jenen nur die halbe 20 Ration Brennmaterial, so muß sich dieser mit Chocolade begnügen, dem einzigen Nahrungsmittel, das gut angefertigt wird und nicht nach Oel riecht und schmeckt.

In der Nacht von 28. zum 29. December hatte ich fünf Stunden lang auf Deck unter meinem Plaid sanft geschlafen, als ich plötzlich durch einen, dicht über meinem Kopfe abgefeuerten Kanonenschuß aufgeschreckt wurde; wir waren auf der Rhede von Manila. Während der Koch sich mit dem Frühstück, d. h. der üblichen Chocolade beeilte, kamen sechs pockennarbige Zöllner an Bord und durchsuchten die Ladung des Schiffes und die Effecten der Passagiere mit einer peinlichen Genauigkeit, die in Europa kaum an der russischen Grenze ihres Gleichen hat. Hier wurde mir auch seit fünfzehn Monaten (Triest) zum ersten Male wieder der Paß abgefordert. Endlich hatten die Wächter der öffentlichen Ordnung in der berühmten Cigarrenstadt alle Vorsichtsmaßregeln beobachtet; wir durften an Land gehen, und meine Habseligkeiten wurden von drei gleichfalls pockennarbigen, wildblickenden Ruderern in einen Klotzkahn geworfen. Ein zerlumpter Soldat begleitete mich, ob als Ehrengarde oder als Spitzel, vermag ich nicht anzugeben. Wir hatten anderthalb Meilen weit durch eine dichte Masse kohlartig aussehender, übelriechender Wasserpflanzen bis nach der Stadt zu rudern. Am königlich spanischen Zollamte entstand ein abermaliger Aufenthalt; meine Sachen mußten auch hier durchsucht werden. Die Grandezza der Beamten hielt mich ab, ihnen eine Geldspende zu reichen; möglicherweise hätte das Verfahren dadurch abgekürzt werden können. Der Zollinspector, ein beinahe schwarzer Mestize, d. h. der Sohn eines Spaniers 21 und einer Eingeborenen, verabschiedete mich, ohne mir Mauthgebühren abzufordern. Von hier ließ ich mich nach dem, hart am Ufer gelegenen Hotel Français, angeblich dem besten Manila's, rudern, wurde jedoch abgewiesen. Das Haus war durch das letzte Erdbeben vollständig zerstört und erst wieder im Bau begriffen; man schickte mich nach dem amerikanischen Hotel. Ganz aus Holz errichtet, hatte es vom Erdbeben nur wenig gelitten. Erst hier gelang es mir, den Polizeisoldaten loszuwerden; ein Trinkgeld befreite mich von seiner Gegenwart. Trotz der amerikanischen Etiquette des Hauses herrschte darin noch eine echt spanische Wirthschaft. Wo in anderen Hotels der Portier des Gastes harrt, saß die Vicewirthin, eine schöne freundliche Mestize von klassischen Formen, und säugte ihr Kind. Die große Wärme gestattete der jungen Dame, ihre Toilette auf die »Saya«, einen leichten, genial um die Hüften geschlungenen Unterrock zu beschränken; anderweitige Putzgegenstände habe ich nicht bemerkt. Madame führte mich, nachdem sie ihr Baby gesättigt, persönlich in das mir bestimmte Gemach. Es sah ziemlich liederlich aus, was nach der Aussage der Vicewirthin das Erdbeben verschuldet haben sollte. In Bezug auf die zerbrochene Karaffe und das gesprungene Wasserglas durfte ich ihr Glauben schenken, zwischen dem überaus schmutzigen Handtuch, so wie der noch mit einer nächtlich schwarzen Jauche gefüllten Waschschüssel und dem Erdbeben fand ich keinen kausalen Zusammenhang und äußerte meine gerechten Zweifel.

»Ah, der Commandante!« rief die schöne Frau und zuckte die Achseln. Mein Vorgänger, ein Schiffscapitän, hatte nach beendeter Toilette eben das Zimmer verlassen. 22 Der Commandante schien, nach der Waschschüssel zu urtheilen, nur ein Sonntagswäscher zu sein. Mir blieb keine Wahl übrig und ich behielt das Zimmer. Hierauf erschien der Gemahl, wie Adam, nur mit einem Feigenblatt bekleidet, und suchte sich mit mir über die Bedingungen meiner Aufnahme zu verständigen. Sein Englisch reichte gerade hin, mir auseinanderzusetzen, daß ich excl. Wein und Bedienung täglich drei Dollars Pension zu bezahlen habe. Dann erquickte er mich durch eine Schaale schwarzen Kaffee's, bei dem ein sehr versüßtes Brod gleich die Stelle des Zuckers vertreten mußte, und ging an die Reinigung des Waschtisches. Zur Charakteristik des Gemachs nur noch so viel, daß die Fensterscheiben aus dünn geschliffenen Austerschaalen bestanden, und kein Schlüssel in der Thür steckte, weil dieselbe mit keinem Schloß versehen war. Schon am Ufer hatte ich ganze Rudel von paarweise zusammengeketteten Missethätern bemerkt, die Lasten schleppten, das Straßenpflaster reinigten und Wasser trugen; als ich das Fenster öffnete, war der kleine Platz vor dem Hotel ebenfalls von ihren Collegen überfüllt. Alle trugen sie hohe rothe Mützen, spitz wie Blitzableiter; die Gesellschaft erweckte Anfangs keine vortheilhaften Vorstellungen über die ethischen Zustände Manila's. Mir sollte später eine Aufklärung zu Theil werden, die ich allerdings nicht erwartet hatte.

Das Thermometer zeigte auf 28 Gr., ich griff also zum Entoutcas und trat meine Wanderung durch die alte und neue Festung an. Die Stadt ist wirklich von dem Erdbeben hart mitgenommen. Mit Ausnahme der aus Brettern, Rohrstäben und Matten errichteten Hütten der Armen liegen fast alle Häuser in Trümmern. 23 Der Menschenverlust wird bei einer auf 200,000 Einwohner abgeschätzten Bevölkerung auf 2000 Todte und Verstümmelte berechnet. Mehrere der großen Kirchen glichen riesigen Schutthaufen, andere hatten die Thürme oder die Pfeiler der Façade eingebüßt, doch vermochte man überall, auch an den Ruinen der Häuser, die altspanische Bauart zu erkennen. Die steigende Hitze trieb mich nach Hause, wo ich unerwarteter Weise vor der Thür des Hotels mit einer deutschen Anrede, und zwar im edelsten baierischen Dialecte, empfangen wurde. Ich hatte bisher nur mit dem Vicewirthe oder Oberkellner und seiner Ehehälfte zu thun gehabt; der Besitzer des Hotels stellte sich mir erst, nachdem er meine Nationalität erfahren, persönlich vor.

In den späteren Nachmittagsstunden begleitete er mich auf einem Spaziergange durch die Straßen der Stadt und die Umgegend. Manila liegt nahe der Mündung des Pasig auf einer immergrünen Ebene, die sich in der Entfernung von mehreren Meilen an eine ziemlich hohe Bergkette lehnt. Ihrer Lage gemäß ist auch die Vegetation durchaus tropisch und besteht aus Kokos- und Arekapalmen, Brotfruchtbäumen und Bambusdickichten. Die alte Festung wird mit der Neu- und Vorstadt Binondo durch eine steinerne Brücke über den Pasig verbunden, der Fluß selbst ist gleich dem Hafenbassin mit übelriechenden Wasserpflanzen gefüllt, die aus den Lagunen im Innern der Insel stromab ins Meer treiben. Außerhalb der Thore erstrecken sich die herrlichsten Anlagen, in denen die schöne und vornehme Welt so gut, wie der arme Pöbel, lustwandelt, die reizende Spanierin mit ihrer Spitzenmantille und der Rose im blauschwarzen Haar, wie der eingeborene Tagale mit seinem 24 winzigen Schurz und halbnackten Uuterleibe. Ein gewaltiger Regenguß machte unserer Promenade ein Ende, und ich lernte gleich am ersten Tage die Wahrheit der Behauptung einsehen, daß die Philippinen zu den Gegenden auf Erden gehören, in denen man niemals vor einem Regenschauer sicher ist. Die Atmosphäre ist eben so reich mit Feuchtigkeit geschwängert, wie die Wüste Sahara und die Guanoinseln derselben entbehren. Dessenungeachtet wird das Klima seiner Gesundheit und Milde wegen gerühmt, und auch ich kann ihm nach meinen persönlichen Erfahrungen nur das höchste Lob ertheilen. Luzon wäre ohne seine Erdbeben und Teifune ein irdisches Paradies, aber vor diesen beiden Uebeln ist man keine Minute seines Lebens sicher. Mein Wirth zeigte mir in der Umgegend zwei ansehnliche Fabriken, die von dem Erdbeben nicht beschädigt, aber bald darauf durch einen Teifun unter dem Verlust von vielen Menschen und Handelsgütern über den Haufen geworfen worden waren. Ein in der Ferne emporragender, fortwährend rauchender Vulkan erinnert die Einwohner von Manila unablässig an die Unzuverlässigkeit des Bodens unter ihren Füßen. Da beinahe alle Kirchen eingestürzt sind, hat man provisorische Gotteshäuser, scheunenartige Kapellen aus Matten errichtet. Außerdem werden mit Wagen oder Karren kleine Altäre umhergefahren, vor denen jeder Vorübergehende seine Andacht verrichtet. Selbst die Schildwachen schlagen ihr Kreuz und knieen nieder, wenn das portative Gotteshaus vorüberkommt.

Die Cigarrenfabrikation gehört zu den größten Merkwürdigkeiten der Stadt Manila. Indien, China und Japan werden mit dem Tabak der Insel Luzon versehen, denn die 25 in jenen Ländern gebaute Pflanze ist von geringem Arom, und die Einwohner verstehen sich nicht darauf, sie durch sorgfältige Cultur zu veredeln. Manila ist das Emporium des Tabakshandels dieser Zone und die Cigarrenfabrikation das Monopol der spanischen Regierung. Zwar geht sie nicht so weit, dem Landbesitzer und Privatmanne den Anbau des Tabaks und die Anfertigung von Cigarren zu seinem eigenen Verbrauch zu verbieten, nur muß er sich hüten, im Besitz eines größeren Vorrathes derselben betroffen zu werden. Er geräth dadurch in Verdacht, Handel mit Cigarren treiben zu wollen, und muß eine hohe Geldstrafe erlegen. So warnte mich Dr. Kaufmann, ein hiesiger deutscher Arzt, als er mir hundert Stück der allerfeinsten Sorte verehrte, sie öffentlich und unter der Nase der officiellen Tabaksschnüffler zu rauchen, da die Regierung sich gerade den Verkauf dieser Species oder ihre Verschenkung vorbehalte. Nach Europa kommt nur der geringste Theil der hiesigen Fabrikate. Man ist auf unserem Continente gegen das eigenthümliche Aroma der echten Manila-Cigarre eingenommen und behauptet sogar, Einlage und Deckblätter würden mit einer Opiumsauce angemacht. Dawider wäre zu bemerken, daß die niedrigen Preise, welche zu Manila selbst für die feinen Sorten gezahlt werden, die Anwendung des kostspieligen Opiums verbieten. Der Tabak der Philippinen hat an sich gewisse narkotische Bestandtheile, welche ihn vornehmlich den Orientalen empfehlen. Ein beträchtlicher Theil der in Manila angefertigten Cigarren wird im Orte selbst verbraucht, denn beide Geschlechter und alle Lebensalter trennen sich nicht von der Cigarre. Spanier, Mestizen und Tagalen, die Autochthonen der 26 Philippinen, halten den dampfenden Glimmstengel fortwährend im Munde und stecken, wie der Schreiber die Feder, einen zweiten zur Reserve hinter das Ohr.

In den beiden, ungemein großen Regierungsfabriken, die ich besuchte, werden Cigarren und Cigarretten verfertigt. Es herrscht hierin eine eigenthümliche Theilung der Arbeit, die Fabrikation der Cigarren fällt Frauen und Mädchen, die der Cigaretten dem männlichen Geschlechte anheim. Die Zahl der Arbeiterinnen beläuft sich auf achttausend. Sie sitzen in geräumigen, gut gelüfteten Sälen, an langen Tischen, und machen bei der Arbeit durch Gelächter einen betäubenden Lärm Jede Cigarre wird am dicken und dünnen Ende abgestumpft, und die Arbeiterin mit ihren keck aufgeworfenen Lippen prüft rasch, ob sie Luft hat. Die Vorliebe der Europäer für die Havannahs, welche man auf Manila von den, in indischen und chinesischen Handelsstädten importirten Cigarren kennen gelernt hat, ist nicht ohne Einfluß auf die Fabrikation geblieben. Die beste Blättersorte wird seit einigen Jahren in Londres-Format verarbeitet. Das Tausend derselben kostet nur 10 Dollars (15 Thlr.), ein überaus geringer Preis, wenn man die Trefflichkeit der Cigarren erwägt. Die vorzügliche Qualität beider Fabrikate ist, wie schon bemerkt, in Europa so gut wie unbekannt. Die Mehrzahl der unter dem Namen »Manila-Cigarren« verkauften Waare kommt von Malta und wird dort aus nichtsnutzigem Tabak zusammengekleistert. Der starke Geruch in der Cigarrenfabrik hatte mich zu einem fortwährenden Niesen gereizt, und ich war außer Stande, auch noch die Cigarrettenfabrik ausführlicher zu besichtigen.

27 Von dem starken Tabaksverbrauch wird man sich kaum eine Vorstellung machen können. Die eleganteste Schönheit trennt sich sogar auf der Promenade nicht von ihrer Cigarre, und der Fremde begeht keine Ungeschicklichkeit, wenn er sich an sie wendet und um Feuer bittet. Lag es an meiner Unaufmerksamkeit oder an den hiesigen Tabakssorten, nirgends ist mir die Cigarre so oft ausgegangen, als auf der Promenade zu Manila, und nirgends habe ich so häufig zu fremden Brandstätten meine Zuflucht nehmen müssen, als hier. Eine besondere Gunst ist es, wenn die Schöne die Cigarre ihres Cavaliers abbeißt und anraucht!

Ihre alte Vorliebe für Stiergefechte haben die Spanier auch auf die Philippinen mitgenommen, doch war ich nicht zur üblichen Zeit derselben in Manila anwesend und habe nur die Arena besichtigt. Von deutschen Freunden erhalte ich nach und nach Aufschluß über allerlei Sonderbarkeiten des hiesigen Lebens. So belehrte mich Dr. Kaufmann über die große Menge der vermeintlichen Strafgefangenen mit ihren rothen Mützen und klirrenden Ketten. Jeder männliche Einwohner hat, vom heirathfähigen Alter an, eine jährliche Abgabe von einem oder zwei Dollars, je nach seiner Arbeitskraft, zu entrichten. Nur Wenige erlegen den Betrag freiwillig, und so bleibt der Regierung nichts übrig, als die renitenten Steuerpflichtigen das fällige Kopfgeld abarbeiten zu lassen. Der Mestize und Tagale nimmt keinen Anstoß daran, im Kostüm eines überführten Mörders, mit Ketten beladen, ein paar Wochen hindurch auf offener Straße den Besen oder Spaten zu führen und das Pflaster zu besprengen.

Auf meinen Excursionen und beim Arbeiten im Freien 28 habe ich wieder unter der Insektenplage des tropischen Klima's zu leiden. Während der Aufnahme einer Waldpartie am Ufer des Pasig glaubte ich in ein Wespennest gerathen zu sein, und doch war es nur ein dichter Schwarm von Mosquito's. Auch der zudringlichen Ameisen konnte ich mich kaum erwehren. Die großen Waldspinnen ließen mich ungeschoren, und die Skorpionen behaupteten unter feuchten Steinen im tiefen Schatten nur eine abwartende Stellung. Die Mosquito's trieben es endlich so arg, daß ich den Rock auszog und unter dem Gekreisch der entsetzten wilden Vögel voller Verzweiflung um mich schlug. Sie setzten ihre Verfolgungen auch bei Nacht fort. Das Bett ist zwar mit einer dichten Mosquitogardine versehen, allein das Ungeziefer ist von dem inneren Raume nie vollständig abzusperren, und drei bis vier Exemplare reichen hin, mich um den Schlaf zu bringen, zumal meine Bettdecke nur in einem ostindischen Taschentuche besteht und wenig mehr als den Magen bedeckt.

Unser edler Schiller hätte unfehlbar die Worte: »stolz lieb' ich den Spanier«, aus seiner Tragödie gestrichen, wäre er auf dem Spaziergange nach der indischen Stadt mein Begleiter gewesen. In dem Hafendistrict wurde ich nämlich wiederholt von heruntergekommenen Angehörigen der großen Nation angebettelt. Die Hütten des indischen Viertels stehen auf vier Fuß hohen Pfählen, zwischen denen sich alle Unreinlichkeiten und Ueberbleibsel des Haushalts ansammeln. Vor den Treppen oder Leitern wälzen sich halbwilde Kinder mit Hunden und fetten Schweinen im Koth, die größeren Buben und Mädchen lassen Drachen steigen, die Eltern dieser hoffnungsvollen Jugend liegen auf dem 29 Rücken vor ihren Wohnungen, strecken die Beine in die sonnenwarme Luft, kauen Betel oder rauchen Cigarren, das malerische Bild einer asiatischen Siesta. Von künstlerischer Ausbeute ist leider nicht viel die Rede. Wollte ich hier auf meinem Malerstuhl Platz nehmen, ich riskirte, von den unsäglich fetten, zugleich aber auffallend zu Scherzen geneigten Sauen niedergerannt zu werden. Die Gegend ist sogar zu unfläthig, um sie zu Fuß zu passiren, ich bediene mich daher auf meinen größeren Ausflügen in entfernte Stadttheile und die Umgegend eines mit zwei Ponys bespannten Wägleins. Die Pferde sind hier auffallend billig, werden aber sehr schlecht behandelt; die magersten Gäule habe ich in Manila angetroffen. An Kräften fehlt es ihnen jedoch nicht, sie schleppen uns, meinen Freund, den Doctor, und meine Wenigkeit, wenn wir auf die Praxis fahren, rasch durch die tiefsten Tümpel und sind unermüdlich. Während der Doctor seine Besuche bei den herrschaftlichen Patienten abstattet, und ich im Wagen sitzen bleibe, versammeln sich die Domestiken regelmäßig um mich und klagen mir ihr Leid. In ihren Augen gelte ich für den Heilgehilfen.

Ueber das Leben in dem nordamerikanisch-baierischen Hotel brauche ich mich nicht zu beklagen. Es ist mir gelungen, die gutwilligen Hausgenossen an einen mäßigen Grad von Reinlichkeit zu gewöhnen, und die Verpflegung ist vollkommen ausreichend, wenn auch nach den Grundsätzen der »Oelküche« geregelt. Sogar auf meine gesellschaftlichen Wünsche wird Rücksicht genommen. Der unangenehme Schiffskapitän zu meiner Rechten, der seinen Unmuth über das verlorene Schiff an mir ausließ, wurde auf 30 meine Klage schon beim zweiten Diner einige Plätze weiter befördert. Ich fühle mich wohl unter dem hiesigen Menschenschlage und der Courtoisie der Sitten; man höre! In einer dem Hotel nahe gelegenen Conditorei pflege ich um ein Uhr eine Tasse der trefflichen und leicht verdaulichen Chocolade zu trinken, wie nur die Spanier sie zuzubereiten verstehen. Mir gegenüber saß neulich ein spanischer Cavallerie-Lieutenant, der mich längere Zeit fixirte, ohne eine Unterhaltung anzuknüpfen. Dann erhob er sich, grüßte freundlich, zahlte die Zeche und ging. Als ich einige Minuten später an den Schenktisch trat und die Börse zog, lehnte der Wirth jede Bezahlung ab. »Der Herr hat für Sie bezahlt; Sie sind mir nichts schuldig!« war seine Antwort. Der Spanier liebt es, auf diese Art einem Fremden, dessen Persönlichkeit ihn anspricht, eine kleine Aufmerksamkeit zu erweisen. Zu meinem Kummer habe ich keine Gelegenheit gefunden, sie dem jungen Cavalier zu erwidern. 31

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