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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 50
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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I.

Foo Chow Foo am Min. Der Fischfang mit dem Kormoran. Die Hundertbogen-Brücke. Stutzergräber und ein Diner auf dem Kirchhofe. Anlagen zur Anthropophagie. Die Neunkegel-Insel. Hongkong. Weihnachten in den Tropen. Malespina.

Die steigende Fluth mußte am nächsten Morgen benutzt werden, wenn ich den Hauptort dieses herrlichen Landstriches rechtzeitig erreichen wollte. Um halb 11 Uhr bestieg ich einen, mit drei Ruderern bemannten Sampan, der Wind war günstig, die Fluth trug unser Boot rasch den Fluß Min hinauf, und einige Stunden später landeten wir, nach einer unterhaltenden Fahrt zwischen den malerischen Flußufern, die bald nahe zusammentraten, bald landseeartige Wasserflächen bildeten, in der Provinzialhauptstadt Foo Chow Foo, d. h. »unbeschränkte Glückseligkeit.« Wir hatten uns nur vor der Mündung des Min eine Viertelstunde lang aufgehalten, denn zum ersten Male auf meiner Reise wurde mir hier das Schauspiel des Fischfangs mit dem Kormoran geboten. Die Beschreibungen in zahllosen Jugendschriften, entheben mich wohl der Mühe eines ausführlichen Berichts dieser Fischerei-Methode, doch ist sie in hohem Grade unterhaltend, und ich würde, bei 2 einem längeren Aufenthalte in diesen Gegenden mich unfehlbar als Dilettant daran betheiligt haben. Der Kormoran ist unbestritten viel intelligenter, als seine Base, die Ente, welche er auch an Leibesgröße übertrifft, doch steht er unter fortwährender Ueberwachung seines Gebieters. Es ist nicht wahr, daß der Kormoran sich, wie der Jagdfalke in der Luft, frei im Wasser bewegen kann; eine Schnur muß ihn fortwährend an seine Abhängigkeit erinnern. Sobald die Fluth heranrollt, verlassen die Chinesen mit ihren Vögeln die Flußmündung und fahren der Fischwanderung entgegen. Ein Ruck an der Schnur oder ein Zuruf giebt dem Kormoran das Zeichen, daß er ans Werk gehen kann. Der Vogel stürzt sich in die See, taucht unter und kehrt sogleich mit dem erbeuteten Fische im Schnabel, in das Boot zurück. Die Schnur in der Hand des Fischers hat das Ihrige gethan, außerdem aber ein elastischer Ring um den Hals des Kormoran, der ihn hindert, den Fang sogleich zu verschlingen. Nicht selten weigerten sich die Vögel, ihre Beute loszulassen, dann prügelten die Herren mit dünnen Rohrstöckchen unbarmherzig darauf los, bis der Kormoran den Fisch von sich gab. Nach Beendigung des Fischfanges werden sie von den Halsringen befreit und mit den Abgängen gefüttert. Der Ueberfluß an Fischen ist an diesen Gestaden jedoch so groß, daß die Armen auch ohne den Kormoran ihren Lebensunterhalt gewinnen. Sobald die Fluth nämlich verrinnt, folgen ihr die Chinesen und sammeln aus den Lachen die zurückgebliebenen Fische auf. Sie tragen zuweilen ganze Körbe davon.

Es war drei Uhr, als ich bei meinem hiesigen Wirthe, Herrn Krüger, einem geborenen Hamburger, ein 3 Empfehlungsschreiben der Firma Siemssen abgab, der ich nun schon so viel verdanke. Herr Krüger bekleidet in dem großen Handelshause den Posten eines ersten Theekosters und scheint sich dabei vortrefflich zu stehen. Foo Chow Foo ist nicht allein die Metropole des Theehandels, sondern es wird auch in der Umgebung eine der ausgezeichnetsten Theesorten gebaut. Wahrlich, nicht umsonst rühmen die Chinesen die Schönheit und Cultur dieser Gegend. Es giebt kein Fleckchen Landes von der Größe eines Daumennagels, das nicht ein üppiges Pflänzchen trüge, und wäre es auch nur ein wohlgepflegter Reishalm. Die Bevölkerung der Stadt wird auf zwei Millionen angegeben, und im entsprechenden Verhältniß steht der Verkehr der Handels-Dschunken aus dem Min. Die beiden Ufer des Flusses werden durch die uralte Hundertbogen-Brücke verbunden; eine gewissenhafte Zählung der Wölbungen ergiebt aber einige dreißig Bogen weniger, trotzdem macht das schon verwitterte Bauwerk aus grauem Granit einen großartigen Eindruck. Ich brauchte genau fünfzehn Minuten, um hinüberzuschreiten. Im Weichbilde der Stadt liegen mehrere ansehnliche Hügel, die ich zum Theil mit Benutzung eines Tragsessels erstiegen und dadurch die herrlichsten Prospekte gewonnen habe. Die Städte-Panoramen sind in den letzten Jahrzehnten vielleicht auf Grund der steigenden Reiselust und der Allgegenwart der heutigen Touristen, aus der Mode gekommen; ein Panorama von Foo Chow Foo wäre geeignet, das Genre wieder in Aufnahme zu bringen. Man hat ohnehin in Europa noch kein großartiges südchinesisches Städtebild mit seiner abenteuerlichen Architektur, der tropischen Vegetation von Banien, Fächerpalmen und Bananen, dem Gitterwerk 4 von Kanälen und Flüßchen, dem hochragenden Gebirgshintergrunde und den üppig grünen Fluren in allen angebauten Partien gesehen. Außer Thee wird hauptsächlich Reis gebaut, und alle Landstraßen sind so angelegt, daß der ganze Distrikt unter Wasser gesetzt werden kann, ohne die Communication zu hindern oder auch nur zu erschweren. Sämmtliche Wege, selbst die Fußpfade, gleichen kleinen Dämmen. Die Wasserleitungen reichen dem entsprechend bis in die verstecktesten Winkel; in den kleinsten Dimensionen werden Bambusröhren angewandt, um die winzigen Reisäcker, die man vielleicht zwischen zwei Hütten angelegt, zu bewässern.

Die Ersteigung des höchsten Hügels kostete beinahe drei Stunden Zeit, und noch heute weiß ich dem alten Bonzen, der mir in seinem Tempel auf der Spitze des Berges Gastfreundschaft gewährte und mich mit Thee und Pampelmusen labte, wärmsten Dank dafür. Die Umgebung des Gotteshauses war höchst romantisch, in der Nähe standen zwei noch gut erhaltene, aus grauer Vorzeit stammende siebenstöckige Pagoden, und riesige Felsblöcke lagen umher, in welche die Kinder vieler Zeitalter geheimnißvolle Zeichen mit dem Meißel gegraben hatten. Einige dieser Sculpturen waren verhältnißmäßig noch neu, andere hatte die Zeit vertieft; sie glichen Pfützen, in denen Wasserthiere lebten und Pflanzen wuchsen. Das erste Wort einer dieser Inschriften zerfiel mir wie Staub unter den Händen. Der poetische Eindruck der erhabenen Scenerie wurde mir auf dem Rückwege in die Stadt durch den Anblick eines armen Wichtes verkümmert, der ohne Zopf, mit einem großen Brette um den Hals, das mit blutrothen Signaturen beschrieben war, 5 mitten in der Straße saß und einige Tage später hingerichtet werden sollte. Bis dahin durfte ihn Niemand mit Speise und Trank erquicken.

Die große Wohlhabenheit der Stadt und Umgegend ging auch aus der vortheilhaften Physiognomie des Gewerbestandes von Foo Chow Foo hervor. Die Handwerker arbeiten theils auf offener Straße, theils auf den Hausfluren unter lebhafter Unterhaltung, und oft stimmten hundert zugleich bei einem Bonmot ihres Rhapsoden ein lautes Gelächter an. Ich glaube schon angeführt zu haben, daß das chinesische Idiom die Bildung von Calembourgs begünstigt. Gleiche Sorgfalt, wie auf die Werkstätten und Wohnräume des einfachsten Arbeiters, wird in Foo Chow Foo auf die Grabstätten verwandt. Nirgends fand ich die sogenannten »Dandy«- oder Stutzergräber, wie diese zierlichen Ruhestätten von den Engländern genannt werden, in gleich beträchtlicher Anzahl. Ihre Gestalt gleicht einem hufeisenförmigen Magneten, in dessen Rundung der reich ausgestattete vergoldete und lackirte Sarg steht. An beiden Seiten des Kopfendes erheben sich zwei schlanke, mit Wimpeln und anderen Schnurpfeifereien geschmückte Masten. Jeder größere Grabstein ahmt die Form eines Hufeisens nach, auf einer eingelegten Marmorplatte steht der Name und Titel des Verstorbenen verzeichnet. Die Armen müssen sich mit einem napfkuchenähnlichen Erdaufwurf begnügen, aber auch diese schienen mir hier besser gepflegt, als an anderen Orten. Auf einem Kirchhofe im Innern der Stadt kam ich eben hinzu, als eine Gesellschaft mit zahlreicher Dienerschaft anlangte, die neben einem hervorragenden Grabmale ihre Körbe auspackte und ein splendides Diner 6 auf kleinen Tischen servirte, die im Schatten eines prächtigen Zeltes aufgestellt waren. Die Leidtragenden mochten gekommen sein, den Todestag eines hohen Gönners feierlich zu begehen. Zuerst wurden Visitenkarten, d. h. mennigrothe Bogen mit der Namensinschrift auf dem Grabe niedergelegt, dann begoß man es mit einer Quantität Samschu (Reisbranntwein), endlich entzündete man Schwärmer und Opferpapiere. Jetzt erst war den Manen des Geschiedenen genug gethan, die Gesellschaft hockte unter dem Zelte nieder und verzehrte schweigend, mit unverkennbarer Devotion die mitgebrachten Leckerbissen.

Die Dächer der Häuser und Tempel in Foo Chow Foo sind, wenn möglich, noch geschweifter und verschnörkelter, als in anderen großen Städten Chinas; der künstlerische Genius der Nation entfaltet sich unter diesem glücklichen Breitegrade in allen Richtungen in üppiger Blüthe. Zu meinem gerechten Kummer waren die Stunden meiner Anwesenheit gezählt, ich beeilte mich daher noch, die auf vielen Hausthüren von Privathäusern wiederholten Verzierungen, in der Erwartung vielleicht später Aufklärung zu erlangen, abzuzeichnen. Sie bestanden aus großen Teufelsgestalten, die ihrem Grimm durch gespannte Bogen und Pfeile oder gezückte Schleppsäbel Luft zu machen suchten. In den Figuren herrschte eine so große Uebereinstimmung, daß ich geheime Beziehungen zwischen den betreffenden Hausbesitzern annehmen durfte.

Am 16. December erhob ich mich Morgens schon um sechs Uhr und fuhr in dem »Hausboote« des Herrn Krüger, gleichsam der Gondel der Firma, von sechs rüstigen Chinesen gerudert, pfeilschnell den Min hinab. Die Landschaft, 7 die ich jetzt von der anderen Seite sah, erschien beinahe schöner, als auf der gestrigen Bergfahrt. Die ansehnlichen, amphitheatralisch an Gebirgsabhängen gelegenen Städte glichen phantastischen Theaterdekorationen. Als ich, von der Ebbe gefördert, um 9 Uhr an Bord des Foh Kien eintraf, glaubte ich aus einem Traume erwacht zu sein, doch trug ich die Bürgschaft, alle diese Wunderdinge mit leiblichen Augen gesehen zu haben, in meiner Zeichenmappe. Ueber meiner Vorliebe für die Natur habe ich einen Kunstgenuß ungewöhnlicher Art versäumt. Miß B. hatte gestern eine Gesangs-Soiree, das Billet zu fünf Dollars (achtehalb Thaler), in Foo Chow Foo gegeben und eine Einnahme von 300 Dollars erzielt; doch bin ich durch mein Wegbleiben nicht in Ungnade gefallen. Der kleine Lockenkopf gesteht der künstlerischen Collegialität einige Vorrechte zu. Der junge Arzt der englischen Colonie hat die Honneurs in der Soiree gemacht und meine früheren Aufmerksamkeiten vollkommen in Vergessenheit gebracht. Auf dem Verdecke herrscht rege Thätigkeit, wir haben eine Menge Tabacksballen ausgeladen und nehmen große Quantitäten trefflichen Haysan-Thees ein, der Wind bläst wonnig kühl aus der Meeresweite, und ich lustwandele rastlos auf den Planken des Hinterdecks. Gegen Abend sollen wir wieder in See gehen, und schon um 12 Uhr machen sich 50 Mann der Besatzung daran, den ersten Anker heraufzuholen. Zwei Matrosenhäuptlinge, Amerikaner von Geburt, gebehrden sich als Chorführer und prägen den Chinesen und Malayen mit entsprechenden Tauenden den Takt ein. Die beharrliche Promenade in der frischen Seeluft hat meinen Appetit dergestalt geschärft, daß ich die Gelüste des Polyphem und 8 seiner Gesinnungsgenossen in diesen Gegenden begreife, ja, ich betreffe mich um halb ein Uhr, eine halbe Stunde vor Beginn des Tiffin, auf der schlächterartigen Prüfung des Filets eines kleinen gutgenährten Chinesen, an dem ich immer vorbeiwandle; ich möchte mich selber ohrfeigen oder mit Füßen treten. So bilden sich schüchterne Anlagen zur Anthropophagie!

Um zwei Uhr war auch der zweite Anker auf Deck, und der »Foh Kien« schwimmt langsam zur Mündung des Min. Der klare Fluß und seine Ufer erinnern mich an das Südende des Laggo maggiore, nur daß der italienische Fleiß weit hinter dem des chinesischen Landbaues zurücksteht. Wäre irgendwo eine Eiszacke, ein Schneefeld vorhanden, ich sähe mich nach dem Erzstandbilde des heiligen Boromäus um. Unterdessen schöpft die Maschine tief Athem, der Schornstein stößt einige schwarze Rauchwolken aus, und in der mächtigen Schwellung des Oceans steigt und sinkt der dunkle Leib des »Foh Kien«, der Dampfer schießt in die unabsehbare Ferne hinaus; schon nach einer Stunde ist das Zauberbild auf Nimmerwiedersehn versunken. Gegen sechs Uhr wurde in der Nähe der Hunde-Inseln vor Anker gegangen, derselbe aber schon um halb vier Uhr Morgens am 17. December wieder gelichtet. Wir passiren die Katzen-Inseln und haben nun die hohe See erreicht. Der Wind an sich wäre günstig, aber seine Heftigkeit verbietet, Segel aufzuziehen; der Ocean ist eine weiße Schaummasse, und der dumpfe Donner der sich überschlagenden Wasserberge übertönt selbst das Heulen und Pfeifen des Sturmes. Bis zehn Uhr war der Horizont, wie ein norddeutscher Weihnachtsmorgen, mit tiefgrauen Wolken verhangen, aber 9 so gewaltsam der »Foh Kien« stampfte, so grausame Verheerungen die Seekrankheit an Bord anrichtete, ich blieb unter freiem Himmel, die Naturscene war zu großartig.

Der hohe Seegang hielt die ganze Nacht durch an und warf meinen, mit Blech beschlagenen Aquarellenkasten von der mehrere Fuß hohen Leiste so unglücklich herab, daß die scharfe Kante mein Gesicht traf und einen Zoll unter dem rechten Auge eine große blutige Beule schlug. Ich pries mein Glück, mit dem Auge davon gekommen zu sein, tadelte meine Nachlässigkeit in der Aufbewahrung des gewichtigen Geräths, stand auf und kühlte den Brand der Wunde mit frischem Seewasser.

Mit Tagesgrauen bekamen wir im Westen die Küste in Sicht; nach der Angabe des Capitäns befinden wir uns auf der Höhe von Amoy. Bei einer Schnelligkeit von 14 bis 15 Knoten in der Stunde legen wir ungeheuere Strecken zurück. Der »Foh Kien« durchkreuzt ganze Flotten von Fischerböten, die ungeachtet des wilden Wellenganges in voller Arbeit sind, aber vor dem anstürmenden Dampfer auseinanderstieben; bei solchem Wetter soll der Fischfang besonders reichlich ausfallen. Am 18. December Morgens passirten wir bei dem schönsten Wetter den »weißen Felsen« und sind nur noch sechszig englische Meilen von Hongkong entfernt. Wir durchschneiden den nördlichen Wendekreis und dampfen in die tropische Natur hinein, Dschunken mit gelben Mattensegeln und Bambusstangen zu Tausenden künden uns die Nähe jenes großen Handelsmittelspunktes an. In der Conversation geht ebenfalls eine wichtige Veränderung vor. Gestern sprachen wir noch von Seide und Thee, heute, innerhalb der Wendekreise, von Zucker und 10 Reis, mir schwindelt der Kopf von all den Pickels, die ich mitverkauft habe. An dem Tage, wo ich mit dem ersten Geschöpf zusammentreffe, das sich nicht mehr lediglich für Dollars interessirt, bringe ich ein Brandopfer, zünde fünfzig Schwärmer an oder setze die Gebetmühle in Gang.

An der Neunkegel-Insel (nine pins island) fahren wir unter großen Besorgnissen und Vorsichtsmaßregeln vorüber. Hier ist vor zwei Monaten ein Schiff auf einen, dicht unter der Meeresfläche befindlichen Fels gestoßen, der in den bisherigen Seekarten noch nicht verzeichnet steht. Da auch unserem Capitän der Ort, wo jener Unhold auf unglückliche Seefahrer lauert, ganz unbekannt ist, sind wir froh, als die gefährliche Region hinter uns liegt. Unser leichtbeschwingter Dampfer eilt rastlos vorwärts, und um zwei Uhr erreichen wir Hongkong, wo ich von dem Hauptboote der Firma Siemssen erwartet und rasch unter Dach und Fach gebracht werde. Der Ankömmling wird nach langen Irrsalen unter japanesischen und chinesischen Volksstämmen hier wieder an die Freuden der europäischen Civilisation erinnert. In den nächsten Wochen stehen die Pferderennen bevor, und die Häuser Jardins und Dents haben schon vor Monaten fünf berühmte Rennpferde aus England bezogen. Drei dieser edlen Thiere kosteten jedes 3000 Pfd. St., die beiden ausgezeichnetsten 4000 und 4500 Pfd. St. In Folge der Seereise und bei der Einschiffung begangener Unvorsichtigkeiten waren drei der kostbaren Geschöpfe unterwegs, eines sogar schon auf dem Dampfer zu Southampton, zu Grunde gegangen. Der Pferdebändiger, dessen Pflege letzteres anvertraut war, hatte sich dessenungeachtet auf den Weg gemacht. Wenige Tage vor meiner Ankunft war 11 er in tiefer Betrübniß in Jardin's Comptoir eingetroffen und hatte den Schwanz und das Zaumzeug des Verblichenen auf den Zahltisch niedergelegt. Die reichen Handelsherren hielten sich die Seiten vor Lachen über den betrübten Lohgerber, berichtigten die Reisekosten, packten den Touristen auf das nächstabgehende Schiff und schickten ihn über Hals und Kopf nach Hause. Das Völkergemisch in Hongkong gewährt mir abermals große Unterhaltung, ich patrouillire durch das Piraten- und Seemannsviertel, und mache einige bemerkenswerthe Entdeckungen. Mehrere neue Schnapskneipen haben sich etablirt und Schilder mit drastischen Inschriften aufgehängt. Unter meinen Notizen finde ich die Mottos: »Zur aufgehenden Sonne.« »In den drei vergnügten Matrosen.« »Zum blauen Auge.« »Zum braun und blauen Auge.«

Die Vegetation ist im December noch so grün, wie ich sie im Juli verließ, nur in der Temperatur ist ein Unterschied bemerklich. Die Revision meiner zurückgelassenen Effecten hat kein erfreuliches Resultat. Sämmtliche, in eine Kampferkiste verpackten Sachen, Papiere, Skizzen, Wäsche und Kleidungsstücke, sind verstockt, letztere beinahe verfault, doch befindet sich nichts darunter, auf das ich höheren Werth legte. Von der Kürze des Tages – wir schreiben heute den 21. December – ist nicht viel zu merken, das Wetter ist vortrefflich, und die Geschäfte gehen unvergleichlich. An Baumwolle werden beispielsweise 100 pCt. verdient, und jetzt gehen auch die Erbsen mit Siebenmeilenstiefeln in die Höhe. Es ist dafür gesorgt, daß ich nicht von dem kaufmännischen Jubel inficirt und übermüthig werde. Der jähe Wechsel zwischen der nordischen Lage von 12 Peking und Shanghai und der tropischen Zone von Hongkong macht sich durch rheumatische Schmerzen fühlbar. Auf einer Spazierfahrt nach dem Racecours, wo einige Heroinen equestrische Vorübungen zum Wettrennen anstellten, vermochte ich mich kaum aufrecht zu erhalten. Die Conservation bei Tische trägt ebenfalls nicht dazu bei, mein von Heimweh schweres Herz zu erleichtern und mich die körperlichen Leiden vergessen zu machen. Baumwolle und Erbsen behaupten noch immer den Vorrang, nächstdem sind auf einem Steamer mehrere Oelfässer geplatzt. Die »Alma« von Bombay hat 70 Tage, die »Norma« von Cadix 120 Tage, die »Selma« von Batavia 50 Tage, aber die »Dora« von Manila nur 14 Tage bis Hongkong gebraucht. Abwechselung mit diesen pikanten Neuigkeiten gewähren auf dem Seitentisch liegende, drei Wochen alte Zeitungen. In den letzten Tagen vor Weihnachten war mir ein tieferer Blick in den Verfall der chinesischen Staatsverhältnisse gestattet. Von den Südgrenzen Chinas kamen etwa fünfzehn Dschunken, beladen mit armen Landleuten an, die von ihren Mitbürgern aus Religionshaß und Furcht vor Uebervölkerung vertrieben worden waren. Die Verfolger hatten die Mehrzahl erbarmungslos mit bewaffneter Hand ins Meer gedrängt und ertränkt, von den Flüchtlingen zeigten viele entsetzliche Verstümmelungen; dem dritten Manne waren immer die Ohren oder die Nase abgeschnitten. Ueber die Dampfer, derer ich mich bisher bedient, erfahre ich nach und nach Näheres. Der Steamer »Baltic«, mit dem ich von Rangoon nach Singapore ging, ist im September bei Rangoon verloren gegangen. Bis auf zwei Individuen 13 wurden Passagiere und Mannschaft gerettet; Gepäck, Ladung und Briefe versanken im Abgrunde.

Am heiligen Weihnachtsabend brachte mir die europäische Post Briefe von den lieben Angehörigen in Europa; dann benutzte ich die letzten Stunden vor meiner Einschiffung an Bord des nach Manila gehenden Dampfers zu einer Rundfahrt in dem Boote des deutschen Hafendoctors Schetlich, eines gescheidten und angenehmen jungen Mannes. Ich besuchte mit ihm seine Patienten, darunter die vierzig Matrosen eines deutschen Dreimasters, der 180 Tage lang von England in See gewesen war. In Folge des fortwährenden Genusses von Salzfleisch litten die Unglücklichen am Skorbut. Fast Alle lagen krumm und lahm auf dem Verdeck, doch schritt die Besserung bei der jetzigen vegetabilischen Nahrung rasch vorwärts. Der Manila-Dampfer gönnte mir noch Frist bis zum ersten Feiertage, und unser Weihnachtspunsch ward mit Baß- und Tenorsolos im Siemssen'schen Hause bei leidlichem Humor getrunken. Der Hausherr collectirte zugleich für einen armen deutschen Matrosen, dem wieder auf die Beine geholfen werden sollte. Er war auf einem dänischen Schiffe, mit dem er mehrere Jahre hindurch gefahren, an der Ostküste von Formosa gestrandet, die Hälfte der Mannschaft zu Grunde gegangen, der Capitän mit neun Mann aber von den Eingeborenen ans Land gezogen und in eine Höhle gesperrt worden. Die Menschenfresser hatten ihre Gefangenen systematisch mit Reis gemästet und sie der Reihe nach, je nachdem die Fütterung anschlug, verspeist; der Matrose allein war ihnen zu mager gewesen. Weiter nicht blutgierig, schoben sie ihn, nur um die ferneren 14 Unterhaltungskosten zu sparen, auf einem Baumstamme ins Meer, wo er eine Zeit lang umhertrieb, doch endlich von einer nordamerikanischen Brigg gerettet wurde. Wir brachten ein rundes Sümmchen, hinreichend für die vollständige Equipirung und die Reisekosten des armen Menschen, zusammen.

Den ersten Weihnachtsfeiertag beging ich in den heiligen Frühstunden mit Kofferpacken, verabschiedete mich von meinem gütigen Wirthe und ruderte zu dem kleinen spanischen Postdampfer Malespina. Engländer und Deutsche hatten mich eindringlich vor diesem Schiffsinvaliden gewarnt, allein nur alle sechs Wochen ging ein Boot von Hongkong nach Manila, und meine Zeit war kostbar. Die Spanier sind eine bettelarme, aber stolze Nation und wollen in den chinesischen Gewässern den Engländern, so lange es geht, das Feld streitig machen, daher ihr Eifer für die Behauptung eines spanischen Postdienstes zwischen beiden Orten. Die »Malespina« hat das Licht der Welt nicht auf einer spanischen Schiffswerfte erblickt; vor ein und zwanzig Jahren lag sie unter dem Namen »Pork« dem Viehtransport zwischen Liverpool und Dublin ob, erreichte aber noch in vorgerücktem Alter eine höhere Stufe der Entwickelung zu einem Postdampfer. Sie ward von einem spanischen Hidalgo billig für alt gekauft und umgetauft. Nach Siemssens famosem Ausspruch hielt nur noch der »Glaube der Spanier« das morsche Fahrzeug zusammen. Trotzdem habe ich für das Billet nach Manila achtzig Dollars erlegen müssen. Wir sind acht Passagiere, ein Paar Spanier von dem Kaliber des Cid, die sich auf alles Andere eher etwas einbilden, als auf ihr Geld, ein 15 Holländer und ein Apothekergehülfe aus Wernigerode, der sein Glück in Manila zu machen gedenkt. Der Nordwest treibt schweres Wettergewölk vor sich her, auf dem Quarterdeck schreitet ein spanisch-malayischer Bastard von Marinesoldat barfüßig, aber mit dem edlen Anstand des Fernand Cortez einher, die faulen Matrosen, lauter Eingeborene von den Philippinen, werden unterdessen fortwährend so lange mit dem Tauende abgedroschen, bis sie mit »Lust und Liebe«, wie der spanische Bootsmann sich ausdrückt, an die Arbeit gehen. Die »Malespina« ist ein Schmutzfink, und doch fühle ich mich in der backofenartigen Kajüte – sie liegt unmittelbar über dem Maschinenraum und der Schraube – nicht so unglücklich, als auf manchen besser ausgestatteten Schiffen. Schon in Südamerika habe ich die stolzen Landsleute Don Quixote's und Sancho's liebgewonnen. 16

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