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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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IV.

An Bord geritten. Der englische Behemoth. Gala-Punka's. Die Scheuer-Operation. Tiffin. Launen des rothen Meeres. Ein Hund als Gesellschafter. Die Insel Djubal. Die Kaffeestadt Mokka. Perim. Im Hafen von Aden. Ein Mann ohne Stuhl. Die Ratten als Briefträger. Vor Bombay.

Das Wetter war am Morgen des 28. October nicht einladend. Die Zeit der Ebbe hatte begonnen, es stürmte, und der Dampfer Jeddo lag weit draußen im rothen Meere. Da in Suez, wie in allen Häfen Indiens, Chinas und Japans, keine Landungs- oder Einschiffungsplätze vorhanden sind, blieb mir nichts anderes übrig, als ein arabisches Boot zu miethen und zur festgesetzten Zeit nach dem Dampfer hinauszufahren. Meine sechs Schiffer hatten in Betracht des stürmischen Wetters etwa drei Thaler für die zweistündige Fahrt gefordert, waren aber Willens, den Preis noch mehr zu steigern, als wir uns dem Strande näherten. Die nackten Kerle packten meine Koffer auf, ich selbst bestieg den Rücken eines siebenten schwarzen Dienstmannes, der durchdringend nach Pillaw, Schweiß und Knoblauch duftete; so machten wir uns auf den Weg durch den Moorgrund, der den Strand von Suez charakterisirt. 38 Wir waren noch nicht weit gewandert, als mein Saumthier mit mir zu verhandeln begann, wie viel ich zulegen müsse, wenn er mich bei dem rauhen Wetter trocken und wohlbehalten in das Boot bringen solle; wir einigten uns über eine Zulage von 15 Sgr. Das ungeschickte Geschöpf entledigte sich meiner jedoch so unbehilflich, indem er mich vom Rücken in das Boot zu streifen suchte, daß ich bis an den Leib in's Wasser plumpte, und gezwungen war, mich während der Ueberfahrt umzukleiden. Als warnendes Beispiel für die Seeleute von Suez strafte ich ihn durch Abzug von 33⅓pCt. der verabredeten Zulage. Noch war es nicht leicht, an Bord des Dampfers zu kommen, neben dem unsere Nußschaale von Boot, wie ein Kork neben einem riesigen Felsen, hin- und hertanzte. Endlich hatte die Mannschaft mich und mein Gepäck an Bord gehißt, und ich traf meine ersten Einrichtungen in der Kabine, die mir nach dem herrschenden Princip, die Engländer in allen Punkten zu bevorzugen, in der unmittelbaren Nachbarschaft der Maschine angewiesen worden war.

Am ersten Tage vermochte ich nicht, eine Musterung der Reisegesellschaft zu halten, denn sie erschien bei Tische sehr wenig vollzählig. Die Seekrankheit hatte sich bei der hohen See, trotzdem das mächtige Schiff immer noch einen leidlich gelassenen Gang einhielt, der Mehrzahl der Passagiere schon sehr fühlbar gemacht. Ihre schönere Hälfte schien spurlos verschwunden, an den Patienten männlichen Geschlechts konnte man umfassende Studien anstellen. Ein abschreckendes Schauspiel gewährt ein alter Engländer. Er wälzt sich auf Deck, wie der Leviathan oder Behemoth der heiligen Schrift, und scheucht durch die Ströme, die 39 seinem Rachen hervorbrechen, alle Welt weit von sich. Ein jüngerer Gentleman erscheint festen Fußes unter den von dem grimmen Uebel noch nicht überfallenen Indienfahrern, plötzlich erblaßt er, greift in der Luft wild um sich, bricht sich, im eigentlichen Sinne des Wortes Bahn, ohne die Toilette seiner Nachbaren zu beachten und neigt kraftlos sein schweres Haupt über die Balustrade. Als das praktikabelste Schutzmittel habe ich für mein Theil noch immer die äußerste Ruhe gefunden. Man strecke sich der Länge nach auf dem Rücken aus und gebe auf keine Frage Antwort. Unter Umständen kann ich auch einen Grogg »ohne Wasser und Zucker« anempfehlen. Nach einigen Tagen hat die Krankheit ihre Wuth erschöpft, selbst die schönen Engländerinnen, doppelt reizend durch ihre poetische Blässe, kommen zum Vorschein und behaupten, gar keinen Anfall gehabt zu haben. Sie versichern, nur von der Erschütterung des Dampfers incommodirt worden zu sein.

Die Tischgesellschaft ist jetzt ziemlich vollständig, aber mit jedem Tage verschlechtert sich unsere Verpflegung. Am 28. October war die Tafel noch reich mit Blumen geschmückt, und an der Decke hingen prachtvolle Punka's (Windfächer), die von indischen Bedienten in Bewegung gesetzt wurden, alle Getränke, Wein, Bier und Wasser, waren auf Eis gekühlt, vier Tage später hatte man die Gala-Punka's durch abgebrauchte kleine Wedel ersetzt, die Blumen waren verschwunden und von Eisgefäßen keine Spur mehr vorhanden. An Bord dieser Dampfer herrscht ein systematisch ausgebildetes Uebervortheilungssystem. Die im Billet zugesicherte Verpflegung wird, sobald man dem Lande den Rücken gekehrt, bis auf ein Minimum beschränkt. 40 Wenigstens sucht die Direction der Verpflegung die Qualität nach Möglichkeit zu verschlechtern. Klagt man über die Beschaffenheit der Nahrungsmittel und Getränke, so erhält man gewöhnlich zur Antwort: »Das ist nicht meine Sache! damit habe ich nichts zu thun!« Geht man endlich, in Verzweiflung, stets die competente Behörde zu verfehlen, dem Capitän zu Leibe, so entgegnet dieser, die Stirn mit Gußstahl gepanzert: »Wollen Sie sich beschweren, thun Sie es. Schreiben Sie nach London. Ich trage keine Schuld; die Sachen sind mir in diesem Zustande geliefert worden.«

Des Wohlwollens des Steward (Kajütenwärter) habe ich mich durch die Vorausbezahlung eines tüchtigen Trinkgeldes versichert. Dieser Vorsichtsmaßregel verdanke ich, daß der erkenntliche Mensch mich gleich in der ersten Nacht aufrüttelte und beschwor, meine Kabine zu verlassen, wenn ich nicht ein Kind des Todes sein wolle. Ermattet von den Anstrengungen des Tages, war ich in einen lethargischen Schlaf verfallen; meine röchelnden Athemzüge hatten den vorübergehenden Steward auf meinen Zustand aufmerksam gemacht. Durch die Hitze der Kabine fast besinnungslos, schwindelig und schweißtriefend, schleppte er mich auf das Verdeck und breitete dort meine Matratze aus, auf der ich die Nacht unter freiem Himmel zubrachte. Nach energischen Protesten gelang es mir, am anderen Morgen eine besser gelegene Kabine zu erhalten. Es war die der Aufwärterin der mitreisenden Damen. Aus Galanterie hatte der Capitän dem hübschen Mädchen eine der geräumigsten und bequemsten Schlafstellen angewiesen. Die Schöne verschlechterte sich übrigens nicht; Dank der Protection des Capitäns und der Officiere durfte sie ihr Nachtlager in der Cajüte aufschlagen, 41 wo es ihr kaum an Schutz und Gesellschaft gefehlt haben wird.

Meine Lage hat sich durch diese Umquartierung wesentlich verbessert. Nicht allein der Backofenhitze der Maschine von 500 Pferdekraft bin ich entronnen, auch das Getöse der Scheuer-Operation behelligt mich in meiner gegenwärtigen Kabine nicht so entsetzlich wie früher. Dieser Prozeß beginnt um 4 Uhr Morgens und dauert bis 8 Uhr. Da sich etwa fünfzig Mann daran betheiligen, pflegen zwei Stunden des erquicklichsten Morgenschlafes gewöhnlich verloren zu gehen. Pünktlich um sechs Uhr erscheint nämlich der Steward, weckt einen Jeden und bietet ihm eine Tasse Thee oder Kaffee. Man thut wohl, darauf ohne Zögern einzugehen. Bei der militärischen Pünktlichkeit der Bedienung ist es unmöglich, später auch nur einen Tropfen zu erhalten. Um neun Uhr folgt das eigentliche Frühstück. Es besteht aus Fisch- und Fleischspeisen, Rothwein, Ale oder Thee und wird durch das »Tiffin«, ein ebenso solides zweites Frühstück, unterstützt, bei dem Bisquit, Toaste (Butterschnitte), Käse, Sherry, Portwein und Brandy geliefert werden. Andere Weine darf der Reisende unter keiner Bedingung fordern. Ein alter Herr, dem die schweren spanischen Weine von Seiten des Arztes verboten waren, mochte bitten, so viel er wollte, das ersehnte Glas Medoc wurde ihm verweigert. Endlich schob er seine Tochter vor. Da die Damen an Bord alle möglichen Vorrechte genießen, brauchte diese nur den Wunsch nach einem Trunk Rothwein auszusprechen, als sie ihn auch schon befriedigt sah. In Gegenwart des renitenten Steward reichte sie das Glas 42 ihrem Vater, und der Steward – sollte man es glauben – lachte höchst behaglich.

Um 4 Uhr versammeln wir uns zum Diner, dessen Schmackhaftigkeit von Tag zu Tag abnimmt. Eine Universalsauce aus Butter, Wasser, Mehl, Senf, Pfeffer und Salz, die jedes Fisch- oder Fleischgericht begleitet, flößt mir wahres Entsetzen ein. Um ihr zu entgehen, sättige ich mich mit halbrohem Fleisch und etwas Brot. Die Theestunde ist um sieben Uhr Abends, den Kehraus aber bildet um neun Uhr ein Transport von Brandy und heißem oder kaltem Wasser. Das aus beiden Flüssigkeiten gemischte Getränk ist bei den Engländern hoch angesehen; sie haben ihm den treffenden Namen »Schlafmütze« ertheilt, und nehmen reichliche Dosen zu sich. Ein Hauptmann auf Halbsold hat den Steward seiner Reisegruppe durch eine baare Entschädigung gewonnen, ihn allabendlich, nachdem er seine Ration zu sich genommen, nach »Hause«, d. h. in seine Kabine zu bringen und, wenn es nothwendig sein sollte, auch auszukleiden. Um zehn Uhr werden ohne Erbarmen die Lichter in der Cajüte ausgelöscht. Wer nicht im Dunkeln sitzen bleiben oder auf Deck spazieren will, muß zu Bette gehn.

Erlaubt es die Witterung, so pflegt in den Stunden von acht bis halb zehn Uhr auf dem Quarterdeck Concert und Ball stattzufinden. Das Orchester besteht aus drei Indiern, die sich auf zwei Geigen und einer Flöte ergehen. Sie spielen Walzer, Polkas, Galoppaden und Contretänze, und genügen vollkommen den mäßigen künstlerischen Ansprüchen der Reisegesellschaft. Die Indier sind nicht ohne musikalisches Talent und zeichnen sich in dieser Beziehung 43 vortheilhaft vor allen Völkern des Orients aus. Die Tanzkunst der Passagiere ist nicht hoch ausgebildet, und die Mehrzahl derselben sucht sich bei der drückenden Temperatur sogar dem Frohndienste zu entziehen; desto unermüdlicher sind die Damen. Ungeachtet ihrer sonstigen Nervenschwäche schrecken sie nicht davor zurück, bis zur äußersten Erschöpfung zu walzen.

Im Ganzen befinden sich 130 Passagiere an Bord, also nicht so viele, als ich nach dem anfänglichen Andrange in Suez erwartet hatte. Sie gehören fast sämmtlich der englischen Nation an, und nur sechs Deutsche, vier Griechen, ein Franzose und ein Holländer bilden eine Ausnahme. Die Zahl der englischen Frauen und Kinder beträgt fünfzig. Die Schiffsmannschaft ist 197 Köpfe stark und aus den verschiedensten Völkern, Negern, Malaien, Hindostanern, Aegyptern und einigen Engländern zusammengesetzt. Die Capitäne der Dampfer rekrutiren am liebsten unter den asiatischen Nationen, denn die Matrosen verrichten die schwerste Arbeit für einen geringen Sold, bei höchst spärlicher Kost, ohne unter den Einwirkungen des Klimas zu leiden. Ihre Nahrung besteht fast nur aus Reis, den sie ihren religiösen Vorschriften gemäß an einem eigenen Heerde der Schiffsküche zubereiten. Die Speisen der Passagiere gelten ihnen für unrein, und die Ueberreste der Dejeuners und Diners werden daher, weil Niemand von der Mannschaft sie berührt, in's Meer geworfen, wo sie denn stets den Schiffen folgenden Haifischen zur Beute fallen. Außer den Vorräthen, Gepäckstücken und Briefschaften führen wir vierhundert kleine Kisten Silber in Barren an Bord. Ihr Werth beträgt 300,000 Pfd. Sterling. Sie sind dazu 44 bestimmt, in Bombay ostindische Baumwolle einzukaufen. Mit Wasser sind wir nicht versehen; der tägliche Bedarf wird aus Seewasser durch Destillation erzeugt, ein Verfahren, das eben nur auf Dampfschiffen beobachtet werden kann. So lange wir das klare und wohlschmeckende Product mit Eis zu kühlen vermochten, habe ich nie besseres Wasser getrunken, als der Eisvorrath aber ausgegangen war, und wir kein Mittel hatten, das uns noch halb kochend in die Kabinen gelieferte Getränk anzufrischen, mußten wir gewöhnlich die nächtliche Verminderung der Temperatur abwarten, um unsern Durst zu stillen. Durchschnittlich sinkt das Thermometer nicht unter 100 Grad Fahrenheit (30 Grad Réaumur), doch steigt es im vollen Sonnenschein noch weit höher. Ein junger Steward, ein geborener Engländer, der mit besonderem Eifer seiner Pflicht oblag, und sich der Sonne unbedachtsam aussetzte, wurde einige Tage nach unserer Abfahrt von Suez plötzlich wahnsinnig. Die Zwangsjacke mußte ihm angelegt werden. Es gelang nicht, ihn in diesem ungünstigen Klima wieder herzustellen, und er wurde später von Bombay nach England zurückgeschickt.

Die Fahrt auf dem rothen Meere wird uns durch die Launen des Wetters verbittert; nach der Versicherung des Capitäns wäre ein so jäher Wechsel von Sturm und Windstille, wildbewegtem Wasser und spiegelglatter See in diesem Breitegrade eine Seltenheit. Die felsigen kahlen Ufer erblicken wir bald rechts, bald links am Horizonte. Bei der außerordentlichen Helligkeit der Atmosphäre erscheinen die wüsten Bergklippen häufig in einem rosenfarbenen Schimmer, um Sonnenuntergang entfaltet sich aber am westlichen Horizont eine märchenhafte Farbenpracht, die jeder Nachbildung 45 durch den Pinsel spottet. Nur wenige Minuten dauert das Schauspiel, dann wird es von der sich aus Osten hastig heranwälzenden Nacht verschlungen. Um diese Stunde pflegen sich Passagiere und Mannschaften vollzählig ans Deck zu versammeln und entblößten Hauptes der feierlichen Scene beizuwohnen. Alle Religionen weichen in solchen Augenblicken dem Cultus der ewigen Natur.

Die Schifffahrt auf dem rothen Meere wird durch viele kleine Inseln und Klippen erschwert; die P.&O. Compagnie (d. h. Peninsular & Oriental Steam Navigation Company) sucht jedoch alles Mögliche zu thun, um Unglücksfällen vorzubeugen. Sie errichtet auf den gefährlichsten Felsriffen eiserne Leuchtthürme, deren jetzt schon drei bestehen. Zum Schutz des Eisens gegen Rost und größerer Deutlichkeit halber sind dieselben mit zinnoberrother Oelfarbe angestrichen. Der Aufenthalt in diesen metallenen Klausen, die im fortwährenden Sonnenbrande der tropischen Zone eine Glühhitze annehmen, wird von den Seeleuten als entsetzlich geschildert. Nur das elendeste Volk entschließt sich zu diesen Wächterposten. Jeder Thurm wird von zwei Männern bewohnt, die jedoch, statt durch gemeinsames Elend zum Nachdenken gestimmt und versöhnt zu werden, in stetem Unfrieden leben sollen. Ihre Gesichter sind nach Angabe der Schiffer, die sie allmonatlich mit Proviant versehen, immer durch Beulen und blaue Flecken entstellt. Vor wenigen Monaten war einer der Wächter in dem dritten Leuchtthurme gestorben, und der Ueberlebende wagte, aus Furcht, einer Mordthat beschuldigt zu werden, den todten Körper nicht in das Meer zu werfen. Er lebte auf dem beschränkten Raum neben der verwesenden Leiche drei 46 Wochen lang, bis ihn endlich seine Proviantmeister von den schrecklichen Ueberbleibseln befreiten. Seitdem ist die Zahl der Wächter jedes Leuchtthurms auf drei vermehrt worden. Ein wunderlicher Engländer hat sogar ein Capital ausgesetzt, aus dessen Zinsen der Mannschaft als erheiternder Gesellschafter ein Hund geliefert werden soll.

Ein ähnlicher Schreckensaufenthalt ist die 24 Stunden von Suez entfernte wüste Insel Djubal, die Telegraphenstation. Sie wird nur von zwei Familien bewohnt, denen die Seefahrer ebenfalls eine ewige Uneinigkeit und Kriegführung nachsagen, als ob Zwistigkeiten nach dem Verlust aller übrigen Zerstreuungen des Geistes und Gemüthes, die letzte Erholung des Menschen blieben. Am letzten October erreichte die Hitze einen unerträglich hohen Grad; am kühlsten Orte der Kajüte zeigte das Thermometer auf 110 Grad Fahrenheit, mehr als die Blutwärme! Der angesammelte elektrische Stoff machte sich indessen nicht in einem Gewitter Luft, es blieb bei einem unaufhörlichen Wetterleuchten, welches den ganzen Horizont in ein blaues Flammenmeer verwandelte. Erst am Morgen des ersten November, als wir uns auf der Höhe von Mekka befanden, entluden sich die schwarzgrauen Wolkenballen in Regengüssen, Blitz und Donner, dann fegte ein Südost den Himmel rein, und der Capitän ertheilte den Befehl, die Vormarssegel beizusetzen. Da diese jedoch sofort zerrissen, ließ er es bei zwei Besansegeln bewenden. Der Wettersturz hatte bedauerliche Folgen. Viele Passagiere klagten über Uebelbefinden, und Nachmittags 6 Uhr starb ein kleines Mädchen, das sich mit der Mutter zu ihrem Vater nach Bombay begeben wollte. Das zarte Wesen hatte, gleich 47 einer Blume, unter dem Druck der verzehrenden Hitze sein Haupt immer tiefer geneigt. Schon um 9 Morgens stand die kleine Leiche in einem einfachen hölzernen Sarge mit der Inschrift: »Agnes Neal, fünf Jahre alt« auf dem Vorderdeck. Um 10 Uhr wurden die Schiffsglocken geläutet; die Leidtragenden versammelten sich. Die Verzweiflung der jungen Mutter wird mir unvergeßlich bleiben, als der mit einer Kanonenkugel beschwerte Sarg in den Fluthen verschwand. Noch ein Jammerschrei, und der nächste Windstoß hatte den feuchten Grabhügel für immer verweht. Die Leichenrede hatte einer der fünf an Bord befindlichen englischen Geistlichen gehalten, aber ich darf nicht verschweigen, daß es selbst bei dieser traurigen Veranlassung nicht an Zänkereien, wem der Vorrang gezieme, unter den ehrwürdigen Herren fehlte, und sie noch mehrere Tage hindurch untereinander maulten. Ein Orkan sollte dem theologischen Skandal ein Ende machen, alle Cajütenfenster und sonstigen Oeffnungen mußten verschlossen werden, und die See ging haushoch über Bord; die Verwirrung unter Deck war bei der erstickenden Hitze fürchterlich. In einer Bucht erblickten wir einen großen Kriegsdampfer, der dort vor dem Unwetter Zuflucht gesucht hatte. Wir salutirten trotz der unsäglichen Wirrsale, endlich legte sich der Wind und es begann von Neuem zu regnen. Von der Hitze zur Verzweiflung gebracht, hatten wir uns aller Kleider entledigt und gedachten ein Regenbad zu nehmen, allein die Tropfen verursachten bei ihrer Wärme eine peinliche Empfindung auf der Haut, und wir flüchteten sämmtlich wieder unter Deck. Nach den Berechnungen des Capitäns befinden wir uns auf der Höhe der Kaffeestadt Mokka.

48 Eine Aquarelle, die ich vom Dampfer aus von der Kaffeestadt Mokka anzufertigen suchte, mußte unvollendet bleiben und befindet sich in diesem fragmentarischen Zustande noch heute unter meinen Sammlungen. Die amphitheatralische Lage des Ortes übte auf mich eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, allein bei der Temperatur des Tages wurde jede künstlerische Thätigkeit unmöglich. Ich mußte meine Thätigkeit unterbrechen, da ich einer Ohnmacht nahe war und mich nicht länger auf dem Sessel im Gleichgewicht zu erhalten vermochte. Je mehr wir uns der Straße Bab el Mandeb nähern, desto höher scheint die Hitze zu steigen. Alle Anstrengungen unserer sechs hindostanischen Jungen und einiger alten Bengalen, uns wenigstens bei Tisch den Kauprozeß durch Fächerschwenkungen zu erleichtern, sind vergebens; unaufhörlich rinnt der Schweiß von unseren Stirnen. Nur die Schlechtigkeit der Mahlzeit stimmt zu der Hitze, zudem ist seit der Schmelzung des Eises von einem kühlen Trunk nicht mehr die Rede. Selbst Porter und Ale werden bei Tafel mehr als lauwarm umhergereicht, ein Getränk, um jeden Durstigen zur Verzweiflung zu bringen. Unter den Passagieren wird der Mangel an Eis bezweifelt; man glaubt allgemein, die Company bediene sich nur dieses Vorwandes, um uns den Genuß des Bieres möglichst zu verleiden.

Eine besondere Plage bei dieser höllischen Temperatur ist ein Hautausschlag, der von den Deutschen an Bord »rother Hund«, »Prickley heat« genannt wird. Er beginnt mit einer, den ganzen Körper bedeckenden Röthe, die sich nach und nach in winzige Bläschen verwandelt. Ein unerträgliches Jucken begleitet diese Hitzblattern, und der 49 Schmerz, der durch anhaltendes Kratzen entsteht, ist fast erträglicher, als der vorhergehende leidige Hautreiz. Zuletzt sieht der geplagte Reisende wie ein gekochter Hummer aus. Der Kopf wird von dem Uebel nicht verschont, und man glaubt Abends denselben auf ein mit Nadeln gespicktes Kissen zu legen. Der Ausbruch dieser Krankheit gilt sonst für ein gutes Zeichen, man will nämlich bemerkt haben, daß die von ihr verschonten Individuen an Durchlauf und verschiedenartigen Fiebern leiden. Die Gentlemen, gefoltert von dem Leiden, entblöden sich daher nicht, einiger Erfrischungen wegen, schon mit Tagesanbruch in einem Costüm, das an Adams Tracht auf den Bildern der Alten erinnert, auf dem Verdeck zu lustwandeln. Damen dürfen sich der Schiffsetikette nach, um diese frühe Stunde nicht blicken lassen. Vor der Frühstückszeit behaupten die Männer unbedingt den Vorrang; später wendet sich das Blatt. Sie haben sich in jeder Hinsicht den Damen unterzuordnen, diesen gehören nicht nur die besten Sitze, sondern auch die schmackhaftesten und genießbarsten Bissen bei Tisch, und der Capitän wie die Schiffsoffiziere thun alles mögliche, die ohnehin schon von den Engländern vorgezogenen Wesen noch mehr zu verwöhnen, ja man vertreibt uns von unseren Plätzen auf Deck, wenn es einem Inselfräulein gefällt, sich dort niederzulassen. Der einzige Dank für unsere Langmüthigkeit pflegt gelegentlich in einem schmachtenden Blick zu bestehen.

Um ein Uhr Nachts am 4. November passirten wir den Leuchtthurm der Insel Perim, dieses Zankapfels der Diplomatie, den England ungeachtet aller Widersprüche, von Aden aus mit einer Abtheilung Soldaten, die 50 allmonatlich abgelöst werden, besetzt hält, und dampften in den indischen Ocean hinaus. Wir Alle sind froh, das rothe Meer hinter uns zu wissen, und der Capitän betheuert, noch nie während seiner zahlreichen Fahrten auf dem rothen Meere gleich schlechtes Wetter gehabt zu haben. Die Fahrt von Suez bis Perim hat statt fünf Tage deren sieben gedauert. Die Küste von Perim bis Aden, die man stets in Sicht behält, besteht theils aus hohen kahlen Bergen, theils aus blendend hellem flachen Strande mit dahinter liegenden Dünen; das Gebirge weicht dann in den Hintergrund zurück. Um halb drei Uhr gingen wir, sehr nahe an der Küste, im Hafen von Aden vor Anker. Da der Capitän der Erneuerung des Kohlenvorrathes und der Verproviantirung halber zwölf Stunden zu verweilen gedachte, erhielten wir Urlaub bis zum Einbruch der Dunkelheit, und ich begab mich in Begleitung zweier Herren, mit denen ich seit der Abfahrt von Suez näher bekannt war, ans Land. Die Küste sah trostlos aus, das kahle Gestein spie im Sonnenbrande uns Feuer entgegen, und wir zogen es vor, unsere wenigen Freistunden in dem etwa fünf Meilen entfernten Aden zuzubringen. Die Stadt wird vom Hafen aus nicht gesehen, und die Engländer haben am Abhange des Gebirges unter großen Kosten und Mühseligkeiten eine Fahrstraße dorthin gesprengt.

Alles war übrigens sonst so gut organisirt, wie an einer Eisenbahnstation, die nach einem beliebten Badeorte führt. Schnell hatten wir einen munteren Einspänner gemiethet und darauf leidlich bequem Platz gefunden; der arabische Kutscher lief die ganze Wegstrecke neben her. Ihm gesellten sich, um ein kleines Salair zu verdienen, drei 51 Negerknaben, die unter grotesken Geberden mit vergnügten Gesichtern und strohgelb gefärbten Wollköpfen neben dem kleinen Wagen hersprangen und uns mit Palmenblättern Luft zuwehten. In Aden angelangt, hielten wir fast verschmachtet vor einer Schenke und forderten Limonade. Ueber die nähere Zusammensetzung derselben vermag ich keine Auskunft zu ertheilen, doch würde eine europäische Sanitätsbehörde unter jeder Bedingung sich näher nach dem Recept erkundigt haben. Das kühlende Getränk brachte auf uns alle drei sofort jene Wirkung hervor, welche wir unter dem heimischen Breitengrade durch den gleichzeitigen unbesonnenen Genuß von Weißbier, sauren Gurken und Pfefferkuchen zu erzielen pflegen. Wir wurden durch die unererwartete Kraftäußerung des Fluidums so beunruhigt, daß wir nach dem erreichbarsten Gegengift, einer heißen Schale Mokkakaffee trachteten und dem Kutscher den Auftrag ertheilten, uns nach dem arabischen Viertel der alten Stadt, in ein Kaffeehaus zu fahren. Hassan besaß nur eine geringe Dosis Menschenkenntniß, denn schon unser gegenwärtiger Zustand hätte ihn lehren müssen, daß es uns mehr um die Waare des Etablissements zu thun war, nach dem wir begehrten, als nach der Bedienung desselben. Ich kann zu Hassans Entschuldigung nur anführen, daß er, wenn nicht durch persönlichen Geschmack, so doch durch den früherer Touristen, zu seinem Irrthum veranlaßt sein mag. Wir hatten uns kaum in dem besagten Kaffeehause niedergelassen und noch nicht Zeit gehabt, ein Schälchen des balsamischen Getränkes zu schlürfen, als eine Schaar schwarzer und brauner Frauenzimmer uns umringte und gleichfalls auf den Divans Platz nahm. Sie waren sämmtlich schön 52 zu nennen und mit allerlei Kleinodien aus Bernstein, Gold und Silber reich geschmückt, aber in Sachen der Toilette so haushälterisch ausgestattet, als gedächten sie so eben einem Maler »Modell« zu stehen. Zugleich schienen sie die Abneigung der heutigen Römerinnen vor Parfüms zu theilen, denn sie hatten sich nicht des geringsten künstlichen Hilfsmittels bedient, um den unangenehmen Einwirkungen natürlicher Ausdünstungen vorzubeugen, die in diesem Klima unter ihrer Race sich äußerst lebhaft entwickeln. Wir geriethen unter den zähnefletschenden und kichernden Negerinnen oder Araberinnen in nicht geringe Verlegenheit. Es war nicht rathsam, ihre kaum mißzuverstehenden Anerbietungen und Liebkosungen grob oder gar gewaltsam abzuwehren; das Stadtviertel war abgelegen, und kein Hahn hätte nach uns gekräht, wäre die Sippschaft uns ernstlich zu Leibe gegangen. Auf meinen Rath machten wir daher gute Miene zum bösen Spiele, eine Menge von Kaffeetassen wurde herbeigebracht und wir suchten die Aufmerksamkeit der Huldinnen von uns durch das kräftige Getränk abzuleiten. Der Kaffee bewährte seine Allmacht auch hier, die Töchter Arabiens und Nubiens ließen von uns ab und begannen unter einander ein Gespräch, das einem europäischen Kaffeeklatsch zur Ehre gereicht hätte. Nur eine gräuliche Alte war schwer abzuwehren, es blieb zuletzt nichts übrig, als sie durch einigen Kraftaufwand zu entfernen, dem wir als Entschädigung ein kleines Geldgeschenk hinzufügten. Unterdessen hatten die jüngeren Damen uns für unsere Bewirthung durch eine »Fantasie« schadlos zu halten gesucht, welche von männlichen Eingeborenen mit gräulicher Musik begleitet wurde. Die Ausschreitungen des modernen Ballets 53 in den großen Städten Europas haben mich oft in Erstaunen versetzt und unwillig gemacht; ich nehme feierlich alle Ausdrücke des Tadels zurück, seitdem ich die Wendungen und Stellungen der Ballerinen der Stadt Aden gesehen habe. Endlich ließ man uns frei, wir bezahlten in Betracht unseres starken Kaffeeverbrauchs eine ziemlich hohe Zeche und machten uns wieder nach dem Hafen auf den Weg. Unbekümmert um die entsetzliche Hitze, liefen Pferd, Kutscher und Fächerknaben mit unverminderter Geschwindigkeit. Mit Ausnahme der in dem Kaffeesalon zugebrachten halben Stunde hatten wir von Mittag an nicht eine Hand breit Schatten genossen, am Wege, an den Felswänden, nirgends war ein Grashalm, ein Tropfen Wasser zu entdecken, alle lebenden Wesen schienen diesen schauerlichen Ort zu fliehen, denn die Pferde und Esel, denen wir begegneten, bewegten sich in Galopp vorwärts; in Aden galoppirten selbst Ochsen und Kameele. Mit unerträglichen Kopfschmerzen behaftet, kamen wir an Bord, und die einzige Ausbeute der Excursion war die Skizze eines aus Rohr geflochtenen Hauses, das täuschende Aehnlichkeit mit einem Vogelkäfig hatte und die Milde des Klimas bezeugte. Der Hauptartikel Aden's sind Straußfedern; mit ihnen wurden wir von den Industriellen noch bis an Bord verfolgt.

Da im Laufe des Nachmittags Kohlen und Proviant an Bord geschafft worden waren, konnten schon am 5. November halb zwei Uhr Morgens die Anker gelichtet werden. Die Tropennacht war herrlich, als wir in See stachen, und das köstliche Wetter hielt auch am andern Morgen an. Eine Brise aus Osten kräuselte nur leicht die glatte Meeresfläche, die fliegenden Fische schwangen sich 54 mit sichtlicher Lust in die frische Morgenluft empor. Nicht selten erhoben sie sich, und zwar immer gegen den Wind, bis zur Höhe des Verdecks. Leider gelang es uns nicht, eines Exemplares habhaft zu werden, da keines der Thierchen seinen Flug quer über den Dampfer richtete. Man darf nur auf einen Fang hoffen, wenn die langen Flossen trocken werden, worauf der Fisch zu Boden fällt. Kein Geschöpf des Meeres wird übrigens so leidenschaftlich verfolgt, als diese zierliche unschuldige Creatur. Im Wasser stellen ihm die Raubfische, in der Luft die Seevögel, auf den Schiffen die Menschen nach, und doch begegnet man ihm bei gutem Wetter in zahllosen Schwärmen.

Der Gesundheitszustand unserer Reisegesellschaft ist seit der Abfahrt von Aden nicht der beste. Die Damen sind sehr zu beklagen, da die einzige Stewardesse des Dampfers gleichfalls krank darniederliegt; auch mehrere der Herren, welche gestern in Aden ans Land gegangen sind, befinden sich übel. Sie schieben die Schuld auf die Sonnenstrahlen, denen sie sich ohne weitere Vorschriftsmaßregeln ausgesetzt haben, doch bin ich besorgt, daß sie bei dem Besuch der Kaffeehäuser in Aden nicht unsere Behutsamkeit beobachtet haben. Da die Sonne unvergleichlich schön unterging, ließ die Gesellschaft sich von den Patienten nicht abhalten, einen Ball zu arrangiren und bis gegen zehn Uhr zu tanzen. Nach und nach lernt man die Reisegefährten näher kennen. Eine Anzahl junger Pärchen befindet sich unter uns, die ihre Hochzeitsreise bis nach Indien ausdehnen. Das arme Volk flößt mir tiefes Mitleid ein, denn seit dem 6. November, 7 Uhr Morgens, ist das Wetter wieder abscheulich, sämmtliche Kajütenfenster sind geschlossen, 55 die See wälzt wahre Berge von Wasser über das Vorderdeck und aus allen Cabinen erschallen Laute moralischer Verzweiflung und physischen Elends. Auch die lebhafteste Phantasie wird sich schwerlich die Wirkung auf das Nervensystem eines Zuhörers, dessen Cabine inmitten eines gemischten Chores von fünfzig bis sechszig activen Seekranken liegt, auszumalen vermögen. Die Rumflasche kommt nicht mehr von meiner Seite. Der Koch benutzt die Misère unverzüglich; bei hoher See ist das Essen unter aller Kritik. Nur die Universalsauce wird tendenziös mit Cayennepfeffer gewürzt. Einer unserer Genossen ist durch die hohe See in große Verlegenheit gerathen. Nach dem Reglement der Company-Dampfer hat jeder Passagier einen Stuhl an Bord mitzubringen, da keine lehnsweise verabreicht werden. Der arme Schelm ist nun mit seinem etwas gebrechlichen Schemel in seekrankem Zustande gegen die Kajütenwand geworfen, und dieser in tausend Granatstücke zertrümmert worden. Ich kann das Elend nicht mit ansehen und helfe dem Schächer mit einem dreibeinigen Malerstuhl aus. Da drei Punkte immer in eine Ebene fallen, hat er bei der tobenden See einen leidlich festen Standpunkt gewonnen. Gegen Abend beruhigt sich der Ocean und es wird gleich wieder getanzt. An solchen Tagen entwickelt unser Capitän seine ganze Größe. Er erneuert mehrmals seine Toilette und huldigt den Damen auf eine Weise, deren nur ein Englishman fähig ist. Je länger unsere Reise dauert, desto mehr nimmt der Dampfer die Physiognomie einer kleiner Stadt an; in Buxtehude und Krähwinkel wird nicht ärger geklatscht. Ich werde durch Zwischenträger in alle angezettelten Liebeshändel eingeweiht, 56 aber meine Beschäftigung, die ich nur bei ungünstigem Wetter unterbreche, gewährt mir einigen Schutz. Man verschont mich mit Anerbietungen, den Vorlesungen der Romane von Paul de Kock beizuwohnen, ich werde nicht zu Schach und Triktrak aufgefordert, zur Mitgliedschaft des Sängerchors bin ich nicht musikalisch genug, nur wenn Herr Hesse, ein musikkundiger Süddeutscher, Abends die Zither kneipt, ist es unmöglich, ihm auszuweichen und nicht zu applaudiren.

Am 7. November Morgens begegneten wir einem von Bombay kommenden Dampfer, der nach Suez ging, um Lady Elgin, die Gemahlin des General-Gouverneurs von Indien, zu holen. Mittags fiel das Barometer beträchtlich, doch veränderte sich das Wetter nicht in entsprechendem Sinne, der Vollmond stieg Abends 7 Uhr, eine goldene Scheibe ohne Hof, aus dem Meere auf, und es folgte eine köstliche Nacht. Die Musikfreunde verstärkten ihr Repertoir, und den Salonliedern wurde heute der Nationalgesang: God save the queen hinzugefügt, den alle Engländer mit entblößten Häuptern anhörten. Am Morgen entstand in der Cajüte ein haarsträubender Lärm. Ein Engländer hatte über Nacht eine Menge in den letzten Tagen von Seewasser durchnäßter Briefe zum Trocknen auf dem Tische ausgebreitet, aber keinen wiedergefunden. Es wurde eine Untersuchung angestellt, der Capitän nahm die Dienerschaft ins Verhör; Niemand wollte von den Briefen wissen. Nachdem man den Tag über die Cajüte sorgfältig durchsucht, entdeckte man endlich unter den Planken des Fußbodens einen Spalt und hinter demselben ein tiefes Loch, in dem die Briefe steckten. Nach den darauf 57 befindlichen Spuren hatten die Ratten sie in den Versteck geschleppt, um später ihr frevles Spiel mit ihnen zu treiben. Zugleich hatten sie ein seidenes Taschentuch und einen langen Plaidriemen in den Spalt hinabgezogen.

Unser Dampfer, der mehrere Monate hindurch nicht von den unter Wasser anhaftenden Schalthieren gereinigt worden ist, verlangsamt seinen Gang täglich mehr, und das Tempo der Fahrt scheint sechs großen Seevögeln so sehr zu behagen, daß sie seit der Abfahrt von Aden uns schlechterdings nicht verlassen und muthmaßlich die Nacht im Takelwerk zubringen. Die Feuchtigkeit der Atmosphäre in diesen Gegenden ist erstaunlich; Gegenstände aus blankem Metall müssen täglich geputzt werden, wenn sie nicht rasch verrosten sollen. Für die Reinlichkeit und Sauberkeit des Schiffes wird glücklicherweise ausreichend gesorgt. Die verschiedenen Völkerstämme der Mannschaft verrichten die einzelnen Functionen. Schiffszimmerleute sind die Chinesen, sie kalfatern die Böte und flicken das Schiff. Die Neger heizen und versehen die Maschine. Sie scheinen sich in der unmittelbaren Nähe des ächzenden Ungeheuers, das mit fünfhundert Pferdekraft die Schraube dreht, am wohlsten zu fühlen, und flüchten, wenn sie auf dem Verdeck im glühenden Sonnenschein etwas frische Luft geschöpft haben, immer wieder fröstelnd in den Kesselraum hinab. Die Mehrzahl der Matrosen stammt aus Hindostan und die Malaien werden mit dem Anstreichen des Schiffes beschäftigt.

Die Augenkrankheiten der Zone verfolgen uns übrigens auch auf den Ocean. Zwei Passagiere leiden an Augenentzündungen und sind genöthigt, der damit verbundenen Lichtscheu (Heliophobie) halber, Tag und Nacht unter Deck 58 in der dumpfen Luft und erstickenden Hitze zu sitzen. Einige haben sich durch ihre Nachtlager unter freiem Himmel rheumatische Uebel zugezogen, andere leiden am Fieber; ich bin, Dank meiner vorsichtigen Lebensweise, von allen diesen Leiden verschont geblieben. Meine Hauptplage bleibt außer der Temperatur der Lärm der Maschine, aber ich will ihn lieber in meiner Cabine ertragen, ehe ich auf Deck flüchte und meine Gesundheit ruinire. Am 9. November kamen wir bei einem köstlichen Wetter gar nicht aus Schwärmen fliegender Fische heraus. Sie wurden von sechs Fuß langen Delphinen heißhungrig verfolgt und erhoben sich immer massenweise in die Luft; die Gourmands unter den Passagieren sollten nicht befriedigt werden. Auch heute gerieth kein fliegender Fisch an Bord, und wir mußten auf einen Leckerbissen verzichten, den ich auf meinen früheren Reisen schätzen gelernt hatte.

Um halb neun Uhr Morgens desselben Tages entstand ein unbescheiblicher Tumult in allen Theilen des Schiffes, denn die Maschine versagte den Dienst. Der Capitän und die Offiziere werden mit Fragen bestürmt, aber keiner von ihnen giebt Antwort, aus dem Maschinenraum erschallen endlose Flüche und wüste Hammerschläge, bei vollkommener Windstille sitzen wir unter unserem Leinwanddache auf dem Verdeck und starren schweigend in die Ferne, während sich über uns ein Regen von schwarzen Flocken verbreitet, die aus den beiden schmutzigen Heizapparaten aufsteigen. Nach zwei bangen Stunden gerieth die Maschine wieder in Gang und die Offiziere ertheilten uns endlich Auskunft. Die Schraube leidet an Altersschwäche und soll in Bombay einer gründlichen vierwöchentlichen Reparatur 59 unterworfen werden. Da es Sonntag war, nahm der Capitän um 11 Uhr eine Parade der Mannschaft ab, die rein gewaschen und in ihren besten Kleidern an ihm vorüberzog. Bei dieser Gelegenheit entdeckte ich auch die Existenz einer wohlorganisirten Feuerwehr, wünsche jedoch, daß uns erspart bleiben möge, von ihrer Hülfe Gebrauch zu machen. Eine Stunde nach beendeter Parade verweigerte die Maschine abermals ihre Dienste, und erst gegen drei Uhr war der Schaden so weit reparirt, daß wir sieben Knoten in der Stunde weiter zu kriechen im Stande waren. Den Nachmittag und Abend über gewährte uns ein großer Haifisch Trost und Zerstreuung. Wir erquickten ihn mit den Ueberresten unseres Mittagessens, und er nahm keinen Anstoß, eine Gabel, die aus Versehen in einem Hammelknochen steckend über Bord geworfen war, mit zu verschlingen.

Vom 10. November an gehen die Matrosen daran, das Schiff aufzuputzen. Wir nähern uns Bombay und wollen möglichst schmuck im Hafen erscheinen. Von Zeit zu Zeit begegnen wir Barkschiffen, die sechszig Hammel mit schwarzen Köpfen, welche wir in Aden an Bord nahmen, sind beinahe verspeißt, der Capitän liegt an einer Cholerine darnieder, die Maschine stößt verdächtige Seufzer aus; die Sehnsucht nach dem Festlande regt sich in uns Allen. Die Schiffsmannschaft benutzt ihrerseits die letzten Augenblicke unseres Zusammenseins, denn täglich vermehren sich die Anschlagzettel in Betreff »verlorener Sachen«, aber niemals werden sie wieder gefunden. Am 13. November, 5 Uhr Morgens, stießen wir endlich auf das erste Leuchtschiff vor der Bay und feuerten drei Kanonenschüsse 60 ab. Als wir Bombay näher kamen, ließen die Offiziere zahlreiche Leuchtkugeln steigen, und es war noch nicht sechs Uhr, als der Anker fiel und mit der Erscheinung der Steuerbeamten und dienstbeflissenen Eingeborenen alle Greuel der Ausschiffung begannen. 61

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