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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 49
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XXV.

Opiumraucher. Die Wochenstube auf der Straße. Die Cabinets d'aisance von Shanghai. Die Leber auf der Wagschaale. Dr. Meyer und sein Todter. Foh-Kien. Der Kaper Alabama. Unter englischer Flagge. Miß B. australische Sängerin. Feuer! Fat-Jack. Eingepöckelte Chinesen. Teller oder Krone. Die Bai von Fuchow.

Unweit meiner Wohnung liegt eine Reihe Opiumhöllen, ich benutze daher das schlechte Decemberwetter, mich dorthin zu begeben, und die Raucher zu beobachten. Der Empfang ist stets überaus freundlich. Falls die Schwelger in den verschiedenen Stadien des Rausches nicht zu weit vorgerückt und noch der Sprache mächtig sind, laden sie mich ein, neben ihnen Platz zu nehmen und mich auf einer der hölzernen Pritschen auszustrecken. Ich habe mich jedoch immer nur eines Rohrstuhles bedient, denn die Unreinlichkeit in diesen Lokalen übersteigt alle europäischen Begriffe. Sobald der Raucher es sich bequem gemacht, zieht er seine Pfeife hervor, eine flötenartige Röhre, auf der ein winziger Pfeifenkopf, nur ausreichend, ein erbsengroßes Stück Opium darin zu befestigen, angebracht ist. Eine kleine Lampe, die auf einem Tischchen neben jener Pritsche steht, dient dazu, dasselbe anzuzünden, und im 351 Glimmen zu erhalten. Jetzt thut der Raucher langsam mehrere Züge, verschluckt den Rauch und schließt die Augen, die Wirkung des Narcoticums abwartend. Der Anfänger hat seinen Zweck bald erreicht; die alten Sünder sind genöthigt, ehe der Rausch eintritt, fünf bis sechs Pfeifen zu rauchen. In dem Exterieur der verlorenen Menschen ist nichts Außerordentliches wahrzunehmen, nur selten habe ich bei schwächlichen Individuen leichte Zuckungen bemerkt. Gewöhnlich liegen sie, kaum merklich athmend, auf ihren Pritschen und schwelgen in den wunderbarsten Traumgesichtern. Der erfahrene Opiumraucher vervielfältigt, wie man mir berichtet, seine Dosen so lange, bis er in seiner Vorstellung das Gefühl der körperlichen Schwere vollkommen verliert. Der Zustand eines ätherischen Schwebens durch den Raum, während verführerische Bilder das innere Auge entzücken, wird als der letzte Zweck und höchste Genuß des Opiumrauchens bezeichnet. Die Chinesen geben ihren letzten Heller dafür hin und leben bei geringem Einkommen lieber auf die jämmerlichste Weise, ehe sie auf den dämonischen Rausch verzichten.

Der Himmel klärte sich am 8. December etwas auf und ich machte einen weiten Spaziergang auf der breiten Stadtmauer von Shanghai. Sie begrenzt meistentheils die Hinterhäuser und gestattet die interessantesten Blicke in das Familienleben der Reichen und Armen. In mehreren Gebäuden sah ich durch die offenen Fenster, theils verschlossene, theils offene Särge stehen; im letzteren Falle waren die darin befindlichen Leichen skelettirt. In der Nähe eines Buddhatempels stieg ich von der Mauer herab und brachte dem Idol meine Huldigung dar. Ob die auf dem Altar 352 brennenden Lichter zur Verherrlichung der Gottheit, oder nur zur Bequemlichkeit der Bonzen angezündet waren, kann ich nicht mit Bestimmtheit angeben, doch bedienten sich Letztere derselben, um ihre Tabackspfeifen in Brand zu stecken, und ich nahm zu den glimmenden Opferstäbchen meine Zuflucht, die mir als Fidibus gleichfalls gute Dienste leisteten. Augenblicklich war eine stolze Schönheit in kostbarer Toilette im Tempel anwesend. Es schien ihr um Auskunft über den Verlauf ihrer Herzensangelegenheiten zu thun zu sein und sie zog aus einem dargebotenen Becher ein Loos, dessen Nummer mit einem Zettel correspondirte, den der Oberbonze aus einem großen Bündel hervorsuchte. Die Inschrift mochte die schöne junge Dame nicht befriedigen, sie honorirte die Bemühungen des Bonzen und ließ sich in ihren Palankin heben. Ich hatte von den Stufen des Altars aus der Scene zugesehen und eine Tasse Thee aus den Händen der buddhaistischen Priester angenommen; jetzt näherten sich mir auch die vierfüßigen Tempelgenossen. Sechs alte, äußerst übelriechende Ziegenböcke hatten bisher in den Winkeln des Gotteshauses umhergeschnuppert, sobald sie mich entdeckt, traten sie an den Hauptaltar und machten die Bekanntschaft des europäischen Eindringlings. Ich hatte an dem scharfen Dunst der Unholde genug, reichte dem Bonzen ein kleines Geschenk und rannte in's Freie. Der Schmutz der Straßen war entsetzlich, aber eine arme chinesische Frau hatte sich dadurch nicht abhalten lassen, hart an der Mauer eines Hauses ihr Wochenbett aufzuschlagen, und ohne Unterstützung einer Wehemutter oder eines Accoucheurs eines gesunden Knäbleins zu genesen. Gutmüthige Nachbarn hatten ihr ein Bündel Reisstroh 353 unter den Kopf geschoben, ein junges Mädchen brachte eine Schüssel Reis mit Curry, die Wöchnerin richtete sich auf, und vertilgte die ansehnliche Quantität bis auf das letzte Körnchen, dann wickelte sie das Kind. welches bis dahin in der scharfen Decemberluft auf den Fliesen nackt dagelegen hatte, in ihre Lumpen und machte sich davon.

Die Straßen von Shanghai sind durchschnittlich nur fünf Fuß breit und alle hundert Schritt stieß ich auf mehrere Cabinet's d'Aisance, die nach allen Richtungen offen, sämmtlich Zuspruch gefunden hatten und von Dünger-Inspectoren überwacht zu werden schienen. Die Gewohnheiten dieses Volkes sind überaus wunderlich; ich lerne täglich neue Eigenthümlichkeiten kennen. Daß die Ostasiaten den Comfort einer Bettstelle, eines gepolsterten Lagers nicht kennen, habe ich schon angeführt, aber es ist bei ihnen selbst keine bestimmte Schlafenszeit festgesetzt. Der Chinese, gleichviel welches Standes, streckt sich, sobald ihn Müdigkeit überfällt, bei Tage oder bei Nacht, auf den Matten des Fußbodens aus und entschlummert. Wacht er auf, und wäre es um zwei Uhr Morgens, so zündet er seine Pfeife an und greift zu irgend einer Arbeit. Die Bequemlichkeiten der Europäer kennt er nicht; er legt niemals seine Kleider ab. Verschläft er nicht selten die schönsten Stunden des Tages; so beginnt er dafür sehr oft seine Arbeit mitten in der Nacht.

Mit dem Gesundheitszustande der Landsleute ist es hier eben so schlecht bestellt, wie in allen asiatischen Flußniederungen; mehr oder weniger leidet Jeder an der Leber. Um daher die Ernährung des Körpers fortwährend zu controliren, läßt man sich in 14tägigen Fristen wiegen und verzeichnet die jedesmaligen Resultate. Eine Menge Selbsttäuschungen 354 läuft natürlich mit unter, dieser setzt sich immer nach Tisch auf die Waageschale, jener streckt vorher eine Rolle mit fünfzig Dollars, als einen rechtmäßigen Theil des Menschen, in die Tasche. Strenge genommen ist es indeß höchst tadelnswerth, über die Schwächen der armen Deutschen und Engländer zu lachen; sie thun alles Mögliche, mir das Leben angenehm zu machen. Kein Tag geht vorüber, an dem ich nicht zu irgend einer Gesellschaft geladen wäre. Allerdings sind es nicht immer die auserlesensten Cirkel, in denen ich mich bewege, doch lächelt mir zuweilen das Glück. Die Frau eines Schiffscapitäns, der mit seiner Bark eben von San Francisco anlangte, war eine fertige Klavierspielerin, und in den Salons des Consuls Herrn Alisch verstummt weder Gesang noch Saitenspiel. Man begleitet mich auf meinen Ausflügen, und Herr Dr. Meyer, ein junger Arzt, der Anlagen für Landschaftsmalerei zeigt, führte mich zu einem der schönsten Schauspiele für philosophische Männer seiner Wissenschaft, zu der Leiche eines Mandarinen. Wir fanden den würdigen Büreaukraten schon auf der Bahre. Die Hinterbliebenen hatten ihn in den goldgestickten Bratenrock gehüllt und auf einem Paradebette ausgestellt. Die nächsten Verwandten lagen, in weiße Gewänder vermummt, rings auf den Matten des Fußbodens umher, weinten und heulten, vor der Hausthür wurde Feuerwerk abgebrannt und schlechte Musik gemacht. Dr. Meyer schien stolz auf den Todten. Zwar hatte er nicht zu seinen Patienten gehört, doch war der junge Arzt mit der allmähligen Degeneration seiner Leber vollkommen vertraut und wußte viel von der Euthanasie des edlen Mandarinen zu erzählen. Die Tage meiner Abfahrt rücken heran, und ein Abschiedsdiner jagt das Andere; 355 in Folge der unaufhörlichen Toaste bin ich in eine bedenkliche Schwäche verfallen, aus der ich mich erst wieder auf hoher See emporraffen werde. Im Hafen liegt der Foh-Kien vor Anker, ein nordamerikanischer Dampfer, den dortige Rheder auf Speculation gebaut und dem Kaiser von China zum Verkauf angeboten hatten. Das prachtvoll ausgestattete Schiff war Seiner Majestät indeß zu theuer gewesen, und so hatten die Besitzer in den sauren Apfel beißen, und den Foh-Kien in ein Transportschiff für Passagiere und Frachtgüter verwandeln müssen. Mit Vergnügen hätte ich dem tadellos eingerichteten Dampfer meine Person und Habseligkeiten anvertraut, wäre er nur nicht ein Nordamerikaner gewesen. In den chinesischen Gewässern lief nämlich die Nachricht um, die »Alabama« jener berüchtigte Kaper, der dem Handel der Union so vielen Schaden zufügen sollte, ehe ihn an der französischen Küste der Rächer ereilte, treibe sich auf der Höhe von Hongkong umher. Die Hiobspost wurde zwar wieder bezweifelt, aber am 11. December traf von amtlicher Seite wirklich die Kunde ein, die »Alabama« habe in der Sundastraße zwei amerikanische Dreimaster mit Ladungen im Werthe von 400,000 Dollars verbrannt und in Grund gebohrt.

Was war zu thun? Das Passagiergeld von Shanghai bis Hongkong hatte ich mit 190 Thlr. am Tage vorher entrichtet. Alles stand auf dem Spiele. Ward der Foh-Kien von der Alabama genommen, so war das, auf meine Reise verwandte Kapital und die Mehrzahl meiner Arbeiten verloren! Die Eigenthümer des schönen Schiffes waren jedoch nicht gewillt, Alles auf eine Karte zu setzen. Sie sind übereingekommen, die nordamerikanische Flagge 356 des Dampfers mit der englischen zu vertauschen, und dem Seerecht nach, Capitän und Mannschaft darauf zu vereidigen. An Bord des Foh-Kien sind daher nur so viel Matrosen und Feuerleute zurückgeblieben, als zur Ueberwachung des Schiffes erfordert werden; der Capitän ist mit seinen Leuten nach Shanghai berufen, um dort nach Vollziehung der sonstigen seemännischen Ceremonien den Eid zu leisten.

Wir Passagiere erster Klasse, etwa ein Dutzend, haben uns indessen auf dem Dampfer schon einquartiert. Eine junge Sängerin, die angeblich ihre Vocalstudien in Australien gemacht, begleitet uns nach Hongkong. Bei der Vernachlässigung meiner musikalischen Erziehung habe ich die triftigsten Gründe, in meinen Urtheilen über Gesangscapacitäten vorsichtig zu sein, allein noch heute lasse ich mir nicht ausreden, daß Miß B. am Stockschnupfen litt.

Sehr leicht wäre es gewesen, darüber Gewißheit zu erlangen, denn Miß B. hatte am Abende vorher in Shanghai ein Concert gegeben; ich war leider durch den Preis des Eintrittbillets, der fünf Dollars betrug, abgeschreckt worden. In Japan, wohin sie ihre Kunstreisen gleichfalls gerichtet, hatte sie sogar acht Dollars gefordert und erhalten. Darf ich die Qualität ihrer Stimme nach dem tändelnden Getriller taxiren, das sie während des Tiffins ausstieß, so bezweifle ich nicht, daß sie in unserer kunsterfahrenen Heimath nur Verehrer in jenen Lokalen gefunden haben würde, deren Eintrittspreis 5 Sgr. nicht übersteigt. Außer einer Kammerzofe polynesischen Geblüts, führt Miß B. einen Kornak mit sich, der die Regeln des Anstandes aufrecht erhält und seine Herrin vor irdischer oder maritimer Ungebühr schützt. Mein Benehmen ist 357 wie das meines Kojen-Gefährten, eines Persers, sehr respectvoll; eben deshalb hat Miß B. uns Beide in ihre Affection genommen. So saßen wir in Abwesenheit des Capitäns am 11. December in holder Eintracht beim Tiffin, und Miß B. ringelte eben mit zierlichen Fingern ihre blonden Locken um die Zacken einer reich mit Perlen besetzten Krone, die nie von ihrem Haupte kam, als plötzlich aus dem Schiffsraum der entsetzliche Ruf: »Feuer! Feuer!« erschallte. Aus den Oeffnungen neben der Maschine drang ein leichter Rauch hervor. Da wir schon seit zwölf Stunden geheizt hatten, mußte das Feuer in der Nähe des Kessels ausgekommen sein. Persönliche Gefahr war nun freilich nicht vorhanden, denn der »Foh-Kien« lag am Hafenquai, und über ein Brett schritten wir in Sicherheit, allein alle unsere Effecten lagen tief unten im Raum, von anderen Frachtstücken bedeckt. Diesen tragischen Moment hielt Miß B. für geeignet, in meine Arme zu sinken und die Besinnung zu verlieren; ich war entgegengesetzter Meinung. Statt das elegante Persönchen mit theatralischem Anstande auf das Sopha zu schleppen, und dort die vorschriftsmäßigen Wiederbelebungsversuche zu beginnen, schloß ich Miß B. fest in meine Arme und rüttelte sie, während ich ihr energisch zusprach, so schnell und kräftig, daß sie sofort in's Bewußtsein zurückkehrte und ihre Ohnmacht durch den gehabten Schrecken und die Furcht vor dem Verlust ihrer Sammt- und Damastkleider entschuldigte. Unterdessen war von allen Schiffen Hilfe herbeigeeilt, die Wassereimer flogen in einem rasch gebildeten Spalier auf und ab, die Dampfspritze des »Foh-Kien« wurde in Bewegung gesetzt und nach einer halben 358 Stunde war auch der letzte Funken erstickt. Die chinesischen Passagiere zweiter Klasse, deren Gepäck auf Deck steht, hatten das bessere Theil erwählt, und statt sich bei der Dämpfung des Feindes zu betheiligen, ihre Habseligkeiten auf das Bollwerk geschleppt, an dem wir ankerten. Miß B. gab ihrem Entzücken über unsere Rettung und die ihrer Garderobe dadurch Ausdruck, daß sie im ferneren Verlaufe des Tages die Toilette noch dreimal änderte. Nur so konnten wir einsehen, in welcher Gefahr sie geschwebt hatte. Der Capitän und die Mannschaft waren spät Abends von Shanghai zurückgekehrt; als ich mich nach einer ruhig verschlafenen Nacht am 12. December von meinem Lager erhob, wehte schon die englische Flagge von der Gaffel. Alles, was an Bord zur Bedienung des Foh-Kien gehört, ist darüber bis auf den Tod betrübt. Mir wurde versichert, daß nach seiner Metamorphose der Foh-Kien nie wieder das nationale Sternenbanner führen dürfe. Uns genügte die jetzige Gewißheit, vor den Angriffen des Kapers »Alabama« gesichert zu sein.

Um halb zwei Uhr Mittags stach unser stolzes Schiff in See und suchte sich langsam einen Weg durch das Labyrinth von Kauf- und Kriegsfahrern aller Nationen zu bahnen, unter denen wir vor Anker gelegen hatten. Ich stand vorn auf Deck neben dem Lootsen, der von hier aus nach amerikanischer Weise das Steuer lenkt, als der Foh-Kien unerwarteter Weise einen gewaltigen Stoß erhielt. Bei der geringen Spannung der Dampfkraft hatte uns eine starke Strömung rechts ab und gegen den Rumpf eines großen französischen Kriegsschiffes getrieben. Ein 359 kleinerer Steamer wäre sogleich versunken, der Foh-Kien kam mit der Zertrümmerung des Radkastens davon; das Bugspriet des Franzosen rasirte die Dächer der Cajüten und zugleich stürzte der Besaanmast in Trümmer. Zum Glück hatte das sehr solide construirte Schaufelrad keinen Schaden gelitten, auch die Maschine war durch die heftige Erschütterung nicht verletzt worden, der Capitän verbesserte die unerwartete Havarie so gut als möglich durch getheerte Leinwand, welche über die offenen Cajüten gedeckt wurde; erst in Hongkong gedenkt man den Schaden glücklich auszubessern. Mich setzen dergleichen Episoden im Seeleben so wenig in Erstaunen, daß ich meine Seemannsmütze, als die Splitter des Besaanmastes mir um den Kopf flogen, nur etwas fester über die Ohren zog. Den meisten Schaden haben die Cajütenfenster gelitten, auch sind zwei Rettungsböte zermalmt und verloren gegangen. Die Schuld des Unglücksfalles kann Niemandem beigemessen werden; der Lootse behauptete wenigstens, bei der starken Fluth und der Enge des Fahrwassers des riesigen Schiffes nicht vollkommen Herr gewesen zu sein. Um fünf Uhr passirten wir das Leuchtschiff, um sechs Uhr wurde der Lootse entlassen, doch trug der Capitän gerechtes Bedenken, in tiefer Dunkelheit mitten unter kleinen Inseln und Klippen die Fahrt fortzusetzen; um sieben Uhr wurde der Anker ausgeworfen und nur zu bald erwies sich, wie recht wir gethan. Mehr und mehr steifte sich die Brise auf, und um neun Uhr Abends wehte es, um einen Ausdruck des Capitäns zu gebrauchen: »Kanonen und Haubitzen.« Nach einer, trotz des Tobens der Wasser ruhigen Nacht, stachen wir am 13. December um neun 360 Uhr Morgens in See. Wir legen in der Stunde 14 bis 15 Knoten zurück und könnten mit Hilfe des günstigen Windes noch rascher vorwärts kommen, geböte uns der Verlust des Besaanmastes und unterschiedlichen Takelwerkes nicht die äußerste Behutsamkeit in der Anwendung der Segel. Für unser materielles Wohlbehagen ist hinlänglich Sorge getragen, wir haben sogar einen Leibbarbier an Bord, der nach europäischem Geschmack rasirt und Haare verschneidet. Fat-Jack, auf diesen Namen hört der junge Haarkünstler, ist technisch nicht ohne Uebung, doch muß man nicht an gewissen üblen Gewohnheiten Anstoß nehmen. Durch constante Einreibungen mit Rhicinusöl sucht er seinem fetten Leibe einen poetischen Glanz zu geben, der nur durch den scharfen Geruch der ranzig gewordenen Flüssigkeit beeinträchtigt wird. An meinem Kopf hat er seinen Beruf mit einer solchen Geschicklichkeit erfüllt, daß ich ihm einen Dollar schenkte. Sobald er mir seitdem auf Deck begegnete, war seine stehende Redensart: »You masta! Ulopin man numbel one!« d. h. »Sie Master, sind ein europäischer Herr Nummer eins!« und wenn ich ihn anblickte, fragte er sogleich, ob er mir wieder die Haare verkürzen solle.

Die chinesischen Passagiere zweiter Klasse sind keine angenehme Reisegesellschaft. Als wir am Abend des 14. December, mitten unter uns die emancipirte Miß B., im »Rauchcoupé« des Foh-Kien saßen und uns an dem eisigen Decemberabende mit Grog zu erwärmen suchten, brachte der Steward außer einer frischen Flasche Cognac die Nachricht, zwei unserer Landeskinder lägen im Sterben oder seien schon todt. Die Ursache ihres Ablebens ließ 361 sich nicht ermitteln, doch vermuthe ich, daß Beide an Entkräftung zu Grunde gegangen seien. Die unglücklichen Menschen, die sich selber zu beköstigen hatten, wandten, gleich den meisten Chinesen, an ihre Lebensnahrung nur so wenig, daß bei dieser scharfen Witterung das Oel in der Lebenslampe bald verzehrt sein mußte. Verstimmt durch die Hiobspost gingen wir zu Bette und zogen die Decke über die Ohren, aber erst auf ein Machtgebot des Capitäns verstummten die Lamentationen der Ueberlebenden, welche noch tief in der Nacht mit den Begräbnißfeierlichkeiten den Anfang machten.

Nach erfolgter Todtenschau, die wirklich ergab, daß luxuriöses Leben den Tod der beiden Reisenden nicht beschleunigt habe, wollte der Capitän nach gewohnter Weise zur Bestattung schreiten, d. h. an die Beine jedes Todten eine Kanonenkugel binden und sie in's Meer versenken, allein die Leidtragenden widersetzten sich auf die hartnäckigste Weise. Die beiden Verstorbenen waren in Hongkong ansässig, ihre Gefährten bestanden deshalb darauf, ihre Ueberreste dorthin zu schaffen und auf heimischem Boden beizusetzen. Auf die Frage des Capitäns, durch welche Mittel sie die Leichen vor Verwesung zu schützen gedächten, baten sie ihn nur um zwei leere Tonnen. Die armen Teufel vermochten nicht viel daran zu wenden, und das ganze Verfahren der Einbalsamirung bestand darin, daß jeder Todter in eine Tonne gesetzt und diese bis an den Rand mit Salz gefüllt wurde. Die eingepöckelten Leichen kamen wirklich nach Hongkong, ohne die Mannschaft des Foh-Kien durch ihre Ausdünstungen belästigt zu haben.

362 Die Passagiere hatten nichts von diesen Unterhandlungen erfahren, die See ging hoch und die ganze Gesellschaft verweilte in den Kojen, nur ich und Miß B. blieben von der Seekrankheit verschont, so entsetzlich der Foh-Kien auch stampfen mochte. Wir fuhren den Tag über die Tschusanküste entlang, meistens dicht unter Land und oft an schroffen, kahlen Felsklippen vorüber. Hier haben sich unter dem Vorwande der Fischerei ganze Seeräuber-Colonien angesiedelt, und hier spielen auch die grausigen Abenteuer, von denen Mr. Fortune in seiner lesenswerthen Reisebeschreibung erzählt. Unser Schiff hat von den Piraten nichts zu fürchten; seine außerordentliche Schnelligkeit würde es allen Verfolgungen entziehen. Gefährlicher ist mir mein Kojenkamerad, der Perser. Zwar habe ich, als ein erfahrener Reisender, mich sofort der oberen Bettstelle bemächtigt und ihm das Erdgeschoß anempfohlen, allein die Seekrankheit tritt bei ihm unter so stürmischen Symptomen auf, daß ich selbst von meiner höheren Warte aus der Nacht mit Schrecken entgegensehe. Miß B. war bei Tisch erschienen, zog sich aber noch vor dem Dessert in ihre Gemächer zurück. Das Schiff rollte entsetzlich, und einer der chinesischen Aufwärter hatte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und einen Teller Suppe aus der Rechten fallen zu lassen, rasch nach der Stuhllehne der Miß B. gehascht, statt derselben aber das goldene Krönchen auf ihrer Stirn in die Hände bekommen. Das Kleinod war unter den Pranken des Chinesen zerbrochen und Miß B. in der übelsten Laune, ihres liebsten Schmuckes beraubt zu sein. Sie arbeitet in tiefster Abgeschlossenheit an der 363 Wiederherstellung des Diadems. Wie ich vorher gefürchtet, hat der Perser mit seinem Stöhnen und Röcheln mir die ganze Nacht verdorben. Die Seekrankheit findet in ihm nichts mehr vor, was über Bord geworfen werden könnte, und der Unglückliche ringt mit Tod und Leben. Jetzt wäre der Moment zur Anwendung eines heroischen Mittels, eines Achtel Cognacs, oder auch nur eines Viertels Port, gekommen, allein wie soll man das einem solchen Moslem begreiflich machen? Außer Stande einzuschlafen, ordnete ich mehrmals die Kissen meines Lagers, und fand bei dieser Gelegenheit unter dem Kopfpfühl einen Lebensretter oder Schwimmgürtel aus Korkstücken. Auf dem »Foh-Kien« ist das Bett jedes Passagiers erster Klasse mit einem solchen versehen; für die zweite Klasse haben die nordamerikanischen Menschenfreunde nicht Sorge getragen. Am 14. December trieb mein Perser es so arg, daß ich seine Ausquartierung beantragte. Der »Foh-Kien« führt 110 Köpfe an Bord, doch ist immer noch hinlänglicher Raum vorhanden; es war das Glück des Seekranken gewesen. Ich hatte mich nach seiner Entfernung eben auf meinem Lager ausgestreckt, um die versäumte Nachtruhe nachzuholen, als das Bett am Kopfende zusammenbrach, und die Stelle mit Trümmern bedeckte, wo das bärtige Haupt des Moslems geruht hatte.

Die Schnelligkeit des Foh-Kien vermindert sich übrigens nicht, wiewohl die Brise für einen Dampfer zu steif weht; eines der Schaufelräder bewegt sich immer in freier Luft. Weniger als 14 Knoten legen wir in der Stunde nie zurück, doch haben wir auch schon 18 erreicht. Die 364 Maschine wird sorgfältig überwacht und trefflich im Stande erhalten, aber unsere Ingenieure werden ihren Mühwaltungen entsprechend, wie Generäle und Minister bezahlt. Der erste erhält 4500 Dollars! Der Sicherheit der Küstenfahrt wegen begleiten uns zwei chinesische Lootsen mit Weibern und Kindern. Einer ist für die Seebuchten, der Andere für die Flußmündungen, jeder erhält monatlich etwas über 50 Dollars. Der Lootse, durch dessen Unachtsamkeit wir einen Mast, die Radbekleidung und einen Theil des Verdecks verloren, war ein englischer Süßwasserlootse und für seinen Meisterstreich mit 75 Dollars honorirt worden. Aus meinen Zwiegesprächen mit dem Capitän, einen gebildeten, mittheilsamen Mann, erfahre ich, daß die Höhe der Passagiergelder, namentlich wenn die Reisenden so gut wie wir verpflegt werden, nicht immer ungerechtfertigt ist. So hat der Foh-Kien mit Ausschluß der Kohlen täglich zwischen 900 und 1000 Dollars Unkosten.

Unsere Eilfahrt hatte uns auf wahrhaft magische Weise aus nordischen Regionen zwischen die Wendekreise versetzt. Noch in Shanghai war es so kalt gewesen, daß ich nothgedrungen einem chinesischen Schneider für ein Paar grobe grauwollene Beinkleider vier Pfund Sterling zahlte; auf den Ankauf eines warmen Winterrockes hatte ich nur verzichtet, da der Preis nicht mehr zu erschwingen war. So muß der armen Seele zu Muthe sein, die, nachdem sie ihr Pensum im Fegefeuer abgesessen, durch Messen und Fürbitten geläutert, entlassen wird, und nun die ersten Lüste des Paradieses einathmet. Durch eine enge Passage fuhren wir in die große Bai von Fouchow; die Thore des Himmels schienen sich vor uns zu öffnen. 365 Im Vordergrunde stiegen kleine schroffe Inseln aus der blauen Tiefe, eine Bergkette von 4000 Fuß Höhe begrenzte malerisch den Hintergrund. Inseln und Festland waren mit Villen und Pagoden bebaut, die in Hufeisenform in die Felsen gehauenen Erbbegräbnisse wurden von alten Banienbäumen (ficus Indica) und Theegesträuchen beschattet. So weit das Auge reichte, war kein unbebauter Fleck zu entdecken. Nach den rauhen Lüften des Nordens erquickte uns hier der linde Athem eines ewigen Frühlings. Miß B. brach vor Freuden in Thränen aus, und schwebte in Gefahr, jetzt wirklich in Ohnmacht zu fallen. Mittags ein Uhr warfen wir hart an der Pagodeninsel Anker.

Der District, in dem wir uns befinden, wird das Paradies des chinesischen Reiches genannt, und verdient wirklich den schmeichelhaften Namen. Nach meiner Gewohnheit einen hervorragenden Punkt aufzusuchen, begab ich mich nach einer siebenstöckigen, ganz aus Stein erbauten Pagode, und erstieg die oberste Galerie. Meine hohen Erwartungen wurden nicht getäuscht. Ein phantasievoller Landschaftsmaler hätte die Gegend nicht mit mehr Geschmack hinsichtlich der Terrainbildung anordnen und architektonisch ausstaffiren können. Das von der Bergreihe bis an die Küste reichende Amphitheater war mit Städtchen und Dörfern wie besäet, doch verrieth jede dieser kleinen Niederlassungen die weise Berechnung ihres Gründers. Bald lagen sie hart am Meere und kleinen Häfen, bald in Schluchten an Kanäle gereiht, dann wieder in Reisfeldern und zwischen Gemüsebeeten; zierliche, ja zuweilen kostbare Joß-Häuser (Gebethäuser) brachten Abwechselung 366 in alle diese kleinen, der Industrie und dem Ackerbau gewidmeten Anlagen. Die Sonne neigte sich tief, als ich meine Mappe schloß, und unwillig über mich selbst: nicht mehr zu Papier gebracht zu haben, auf den Steamer zurückkehrte.

 

Ende des zweiten Bandes.

 


 

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