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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 48
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XXIV.

Ein Tag auf der Schlammbank. Die Swartow. Der Rhabarber-Reisende. Ein Laboratorium der Natur. Keine Spielkarten. Kein Schreibpapier. Concert von Rheinländern. Capitän und Matrose. Die Ningpo-Pagode. Das Nachtmahl der Bonzen.

Das Barkschiff war zwischen der Mündung des Peiho und der Barre links auf eine jener Bänke gerathen, welche Schlamm und Triebsand unaufhörlich, bald an dieser, bald an jener Stelle zusammenwirbeln, und saß seit drei Tagen fest. Die Bugsirtaue wurden angelegt und ohne erhebliche Anspannung der Dampfkraft des »Gerard« gelang es, den Nordamerikaner flott zu machen und demnächst auch über die Barre zu schleppen. Wir hielten uns schon für geborgen, als das Tau riß, das Barkschiff vom »Gerard« getrennt, dieser von einer heftigen Strömung ergriffen und südwärts getrieben wurde. Der Yankee nahm diese Gelegenheit wahr, unserem Capitän das Honorar für seine Mühewaltung schuldig zu bleiben, zog eilig so viel Leinen auf, als das Schiff tragen wollte und fuhr spornstreichs davon; der Capitän ließ ihn gewähren. Er war gewiß, das Geld von den Rhedern der Bark später einzutreiben. 337 Der deutsche Lootse war durch diesen Vorfall und die Strömungen unsicher geworden und fünf Minuten später rannte der »Gerard« seinerseits mit äußerster Gewalt auf eine Schlammbank. Eine grenzenlose Verwirrung entstand an Bord. Die Mannschaften und Passagiere liefen durcheinander, und erst nach längerer Zeit gelang es der Energie des Capitäns, Erstere zur Subordination zurückzuführen, Letztere leidlich zu beruhigen. Es war zwölf Uhr Mittags, ziemlich stilles Wetter, also Aussicht vorhanden, den Dampfer noch vor Sonnenuntergang von der Bank abzubringen. Die Arbeit mit Wurfankern begann sogleich, und wir Reisenden legten eifrig mit Hand an, doch blieben alle unsere Anstrengungen vergebens. Die Anker hafteten nicht auf dem haltlosen Grunde, und statt den »Gerard« zu bewegen, zogen wir bei jedem Ruck die Anker näher an uns. Wir marterten uns die ganze Nacht hindurch ab, als aber am frühen Morgen des 22. November eine starke Brise aufsprang, und nach zwei Stunden in einen fliegenden Sturm mit Schneegestöber und Eisgraupen ausartete, wurde unsere Lage bedenklich. Das ziemlich große eiserne Schiff trieb immer weiter auf die Bank und schlug und stampfte bei seiner kolossalen Schwere fürchterlich; der Bau zitterte und bebte in allen Rippen, endlich neigte er sich auf die linke Seite und der Wogenschwall brauste darüber hin. Schon am vorigen Tage hatte der Lootse uns auf das Hochwasser der Mitternachtstunde vertröstet, um zwölf Uhr Mittags durften wir abermals darauf rechnen. Wirklich brachte die steigende Fluth uns Rettung. Der rasch ausgeworfene Wurfanker haftete, das Schiff konnte gedreht werden, sein riesiger Leib richtete sich langsam wieder auf, 338 der Lootse und Capitän riefen jubelnd: »Der ›Gerard‹ ist gerettet«, und Zoll für Zoll arbeitete die Schiffsschraube den riesigen Eisenkasten durch die Sand- und Schlammmasse. Um ein Uhr Mittags ließen wir in drei Faden Wasser den Anker fallen, denn noch mußten wir auf Briefe und Passagiere warten, und den Wurfanker einholen, was bei der bewegten See einige Stunden Zeit kostete. Die Zeit wurde uns durch das von Shanghai kommende, nach Taku bestimmte Dampfschiff »Swartow« verkürzt, welches sich mühselig und fast schon in sinkendem Zustande an dem »Gerard« vorüberschleppte. Ein spanischer katholischer Geistlicher in schwarzem Ornat kam zu uns an Bord, und von ihm erfuhren wir, daß die arme Nußschale von dem Teifun, den wir in Tientsin erlebt, auf hoher See furchtbar mitgenommen worden sei. Um das leck gewordene Schifflein zu erleichtern, waren nicht nur der größte Theil der, in Thee bestehenden Ladung, sondern auch Passagiergüter und mehrere Kisten mit Zeitungen, Briefen und Büchern für Sir Frederic in Peking über Bord geworfen worden. Der geistliche Herr maß die Rettung des Schiffes aus so großer Bedrängniß zuversichtlich einer Betstunde bei, die er mitten auf Deck während des Orcans gehalten hatte. Nach seiner Behauptung hätte sich die Wuth des Sturmes sofort gelegt, als er die Gläubigen daran erinnert, sie möchten sich darauf vorbereiten, in wenigen Minuten vor dem himmlischen Richter zu stehen. Die »Swartow« ist in einiger Entfernung von uns vor Anker gegangen, um das zum Passiren der Barre unentbehrliche Hochwasser abzuwarten; wir dampften um vier Uhr Nachmittags der unsicheren Ankerstelle halber eine Stunde weiter hinaus. Mehrere 339 Passagiere der »Swartow« ließen sich dadurch nicht abhalten, uns einen Besuch abzustatten und einigen Flaschen Cognac den Hals zu brechen. Von ihnen erfuhr ich, daß auf dem Vicomte Canning, dessen ich mich auf der Fahrt von Siam nach Hongkong bedient, vor acht Wochen wirklich die schadhafte Maschine zusammengestürzt sei. Einige Tage vorher hatte der Unglücksdampfer an der Küste von Formosa ein nordamerikanisches Barkschiff in den Grund gesegelt, ohne das Unglück – die Mannschaft war ertrunken – verschuldet zu haben. Der Nordamerikaner war in dem nächtlichen Dunkel ohne Laterne gesegelt. Der Ostwind hatte sich am Morgen des 23. November zwar etwas gelegt, doch war er uns contrair, die Fahrt also nicht angenehm. In der Nacht waren keine weiteren Unglücksfälle vorgefallen und der ungewohnte Zustand einiger Sicherheit fängt an mich zu beunruhigen, so vertraut bin ich nachgerade mit allen Wechselfällen des Seelebens geworden. Mir wird erst wieder leichter um's Herz, als der Capitän das Sinken des Barometers ankündigt, und einen abermaligen Sturm prophezeit. Die Majorität der Gerard-Passagiere, darunter die drei Missionäre, ist schon jetzt seekrank, besser halten sich die chinesischen Touristen. Einer derselben, unter den knauserigen Chinesen eine seltene Ausnahme, fährt erster Klasse, und geht durchweg mit dem Gelde splendider um, als seine Landsleute. Er ist auf der Insel Formosa ansässig, und wenn ich sein Pidjen Englisch richtig verstanden habe, Rhabarber- und Kampher-Reisender. Er hat das, uns Europäern unzugängliche innere China bereist, und überbietet an Lügen unseren vielbewährten Münchhausen. Nach seiner Angabe werden die Flüsse und 340 Kanäle im Innern des Landes von großen Raddampfern befahren, zuletzt gab er jedoch zu, er könne sich geirrt und schwimmende Reismühlen mit Schaufelrädern für Steamer gehalten haben. Porter und Grog trinkt er mit europäischer Geschmeidigkeit der Kehle.

Zwischen neun und elf Uhr passiren wir glücklich die Pitschili Bay und die Miau-Tau-Straße mit ihren kleinen, aber drohend schroffen Felseninseln, und erblicken die große Stadt Heang-Chau. Am Felsabhang erbaut, reicht sie bis dicht an's Meer herab; auf der benachbarten Insel Chau-Chau zeigte mir der Capitän die Gräber jener vierhundert Franzosen und Engländer, welche vor drei Jahren die Taku-Forts von der Seeseite hatten stürmen sollen, aber im Schlamm umgekommen waren. Die weißen Grabsteine konnten wir mit unbewaffnetem Auge deutlich erkennen. Unser Dampfer durchschneidet jetzt die Wogen des gelben Meeres, das seinen Namen mit vollem Recht trägt. Sein fortwährend stürmisch bewegtes Wasser gleicht einer Lehmtunke und sondert, in einem Glase aufgefangen, sehr bald einen beträchtlichen Niederschlag ab. Die Natur hat hier ein Laboratorium zur Bildung neuer Landstriche angelegt, und ist in voller Arbeit begriffen, die Tiefen des Oceans mit festen Bestandtheilen auszufüllen. Um halb vier Uhr Nachmittags kamen wir nach Chifou.

Wir warfen Anker, verweilten aber nur vierundzwanzig Stunden, um noch 30,000 Dollars, vier chinesische Passagiere und tausend Hühner nebst einigen Dutzend Hasen und großen Seefischen für Shanghai einzunehmen. Der Wind hat sich nach Westen gewandt, es regnet und um 3 Uhr stechen wir mit Segel- und Dampfkraft wieder in 341 See. Meinen bedauernswerthen Reisegefährten, nachdem sie das Reis-, Thee- und Opiumthema hinreichend variirt, wird die Zeit entsetzlich lang; ich empfehle ihnen eine Partie Whist, aber es ergiebt sich, daß erstens nur zwei der Herren das edle Spiel verstehen, und zweitens der »Gerard« keine Spielkarten »fährt«. Ich muß die Herren ihrem Schicksal überlassen, sie kauern sich in der Kajüte zusammen, wie ein Volk durchnäßter Rebhühner; ich spitze meine Bleifeder und arbeite an meinen Aufzeichnungen. Das Schreibpapier war mir schon in Peking ausgegangen, und da dergleichen Waare in der Hauptstadt des himmlischen Reiches nicht käuflich zu haben war, bediene ich mich der in Seide gebundenen, aus alten Brieftaschen gerissenen Pergamenteinlagen zu Scripturen. Buddha wird sie lesbar erhalten!

Unter ungleich erfreulicheren Bedingungen, wie vor vier Wochen, kommt Weih-hei-Weih in Sicht, aber wir dampfen hochfahrend vorüber und passiren Abends 9 Uhr das Cap Chantung. Mit günstigem Winde legen wir zehntehalb Knoten in der Stunde zurück, der Vollmond erleuchtet taghell das Verdeck, und zur Feier des schönen Abends wird in der Kajüte starker Grog in bedenklichen Quantitäten getrunken. Der Rhabarber-Reisende von der Insel Formosa hat es auf die Missionäre abgesehen, aber: wer Andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Der Ungläubige hatte die Fassungskraft und Leistungsfähigkeit der frommen Männer weit unterschätzt; als ich mein zweites Glas mischte, standen die Füße der malayischen Männer, die ihn in seine Koje tragen sollten, schon draußen. Am 25. November ging bei dicht bewölktem Himmel der Wind nach Süden herum, doch erheiterte sich der Himmel 342 Nachmittags wieder, und wir beobachteten zwischen fünf bis sechs Uhr Abends eine totale Mondfinsterniß. Der Chinesen bemächtigte sich beim Anblick dieses Schauspiels tiefe Betrübniß. So viel ich zu ermitteln vermochte, schlossen sie daraus auf bevorstehende Hungersnoth oder Kriegsgefahren, und beruhigten sich erst einigermaßen, als der Schatten unseres Planeten die klare Mondscheibe verlassen hatte. Ich ersuchte die Herren Missionäre, den unwissenden Menschen den natürlichen Vorgang auseinanderzusetzen, aber sie zuckten lächelnd die Achseln. Wir verwickelten uns bei dieser Gelegenheit in ein längeres Gespräch, und ich erfuhr von ihnen, daß sie nur in der Eigenschaft gerichtlicher Zeugen einen Besuch in Peking abgestattet hätten. Es handelte sich um die Verurtheilung eines eigenmächtigen Mandarinen, der vor Jahresfrist einen Collegen der Missionäre und vier chinesische Christen hatte hinrichten lassen. Der Missionär war nach vielen Mißhandlungen nackt mit dem Zopf an den Schweif eines Pferdes gebunden, durch die Stadt nach dem Richtplatze geschleppt und dort enthauptet worden. Die französische Regierung hatte Genugthuung gefordert und der Mandarin seine grausame Willkühr mit dem Leben gebüßt. Die Einkünfte der armen Geistlichen sind überaus geringfügig, und ohne die Unterstützung christlicher Landsleute müßten sie, nur auf ihre Jahrgehalte angewiesen, elendiglich zu Grunde gehen. Der Bischof in partibus erhält 160 Dollars, die beiden Priester jeder 88 Dollars. Der Capitän des Dampfers hat ihnen natürlich freie Ueberfahrt nach Shanghai bewilligt, denn der Preis des Fahrbillets würde fast eine ganze Jahreseinnahme verschlingen. Ich habe für die Strecke von Taku bis an den Ort 343 unserer Bestimmung nach preußischem Gelde 150 Thlr. bezahlt.

Bei schönem Wetter näherten wir uns am 26. Novbr. der Mündung des Yantsekiang, die sich schon viele Meilen weit in offener See durch eine eigenthümliche Nüance der gelben Färbung ankündigte. Die Capitäne sind nie um einen schlagenden Ausdruck verlegen, als wir daher um neun Uhr Abends in die Mündung des Stromes einliefen, hieß es nicht: »wir wollen den Anker, sondern den Schmutzhaken (mud hack) auswerfen!« Die Stromfahrt konnte am nächsten Morgen nur mit halber Dampfkraft fortgesetzt werden; unser Kohlenvorrath ging zu Ende. Bald darauf kamen wir an einem gesunkenen englischen Barkschiff vorüber; es war der Versicherungs-Gesellschaft theuer zu stehen gekommen. Außer der Entschädigung für die aus Thee und Seide bestehende, auf eine Million Thaler veranschlagte Ladung, hatte sie für das Schiff selber 70,000 Thlr. zahlen müssen. Durch die Gefährlichkeit der Wasserstraße verzögert sich unsere Fahrt, und ich ziehe, als wir eine Meile unterhalb Shanghai wieder vor Anker gehen, mit Herrn Consul Alisch vor, eine Barke zu miethen und unsere Effecten hinaufrudern zu lassen. Im Angesicht der Stadt kamen wir abermals an einem gesunkenen Dreimaster vorbei.

In Shanghai ist an deutscher Gesellschaft kein Mangel. Gleich am Tage nach unserer Ankunft wurden wir zu dem Concert einer rheinischen Orchester-Gesellschaft geladen; ich traf dort einen alten Bekannten, Herrn Lindauer, Mitarbeiter der »Revue deux Mondes«; die Soirée schloß Nachts 1 Uhr mit einer Punschgesellschaft. Die am anderen Morgen im Kreise von sechszehn Landsleuten unternommene 344 Wasserparthie nach einer, oberhalb Shanghai gelegenen berühmten alten Pagode hatte keinen gleich erfreulichen Verlauf. Die Barke führte keine Segel, und die kraftlosen Ruderer ermüdeten so bald, daß wir auf halbem Wege aussteigen und zu Fuß nach Shanghai zurückkehren mußten. Es ward uns schwer, durch ein Netz von Kanälen den richtigen Pfad zu finden, doch entschädigte uns für die Mühsal ein großer Opferplatz mit zahlreichen Leichenhügeln, die mit steinernen Rossen, Löwen und Götzen geschmückt waren. Die anwesenden Leidtragenden oder Andächtigen kamen uns mit großer Höflichkeit entgegen, aber sie schlugen nicht ein, als meine Gefährten ihnen zum Gruße die Rechte boten. Als Erwiderung schüttelt der Chinese nur mit der Rechten die dürre gelbe Linke und fügt »Tschin, Tschin!« hinzu.

Auf malerische Ausbeute muß ich verzichten, Shanghai und seine Umgegend ist durchweg flach und kein Hintergrund für den Landschafter vorhanden. Mir bleibt daher ausreichende Zeit für gesellschaftlichen Umgang, doch bin ich, da es seine Bedenken hat, mit englischen Constablern, der Straßenpolizei und französischen Schildwachen anzuknüpfen, durchschnittlich auf Schiffscapitäne angewiesen. Mein Liebling ist ein Landsmann aus Wolgast, der Befehlshaber eines ansehnlichen Pinkschiffes. Gleich die Antwort, welche mir der humoristische Mann auf meine erste Frage ertheilte, wird ihn am besten charakterisiren. Als ich mich erkundigte, was ihm in diesen Tropen-Gegenden am meisten gefiele, erwiederte er nach einigem Besinnen: »der ausgezeichnete, der wunderbare Durst!«

Wir machen gemeinsame Ausflüge und amüsiren uns vortrefflich. Neulich waren wir in dem Atelier eines 345 Schiffsmalers, vermochten aber nicht mit ihm fertig zu werden. Der gute Capitän wollte ein Bild seines Pinkschiffes haben, wie es im Teifun, vor dem Winde »lenzend«, d. h. fliegend, dem Beschauer gleichsam entgegenkommt; der chinesische Künstler behauptete hartnäckig, dergleichen könne nicht gemalt werden. Alle Schiffe ließen sich nur im Profil abconterfeien. Da jegliche Perspektive der chinesischen Malerei unbekannt ist, war der störrische Meister nicht eines Besseren zu überzeugen. Mein Wolgaster Freund war eben nicht über seine Weigerung erzürnt. »Die Bilder haben keinen Pli, keine Façon«, sagte er, als wir das Atelier verlassen hatten. Ueberaus ergötzlich ist sein Verkehr mit den Matrosen des Schiffes. Diese Herren befinden sich, wie alle Personen, deren körperliche Haltung nicht durch ein militärisches Reglement bestimmt wird, wenn sie mit einem Vorgesetzten sprechen, in großer Verlegenheit, was mit ihren Händen anzufangen sei. Ich benutze die vorkommenden Gelegenheiten, die lächerlichen Stellungen und fabelhaften Bewegungen der Matrosen rasch abzuzeichnen, und dem Capitän macht es Vergnügen, sie durch leutselige Fragen hinzuhalten und in immer größere Verlegenheit zu bringen. Da die Capitäne gesetzlich verpflichtet sind, ihre Mannschaften in den Häfen möglichst zu überwachen und vor allen unnützen Ausgaben zu bewahren, damit ihnen nach der Rückkehr eine runde Summe aufgesparter Besoldung ausgehändigt werden kann, ersinnen die Matrosen gewöhnlich die ungereimtesten Ausflüchte, wenn sie ihrer Vergnügungen halber in den Besitz einer kleinen Summe kommen wollen. Ich war Augen- und Ohrenzeuge, als drei derselben, die an Land zu gehen gedachten, dem Capitän eine Visite abstatteten. 346 Jeder bat um drei Dollars Vorschuß, schon diese Uebereinstimmung war verdächtig; noch mehr die angegebenen Gründe.

»Ich möchte mir eine neue Mütze kaufen!« sagte grinsend der Erste, aber dabei drehte er seinen noch sehr reputirlich aussehenden Deckel auf der linken Hand.

»Drei Dollars, mein Sohn!« antwortete der Capitän, »zu einer neuen Mütze? Deine Mütze ist ja noch sehr gut, drei Dollars? ah' ich verstehe, Du willst Dir eine Mandarinenmütze mit einer Pfauenfeder kaufen – hier sind die drei Dollars, laß' Dich nur nicht von den verdammten Chinesen über das Ohr hauen!«

Die beiden Anderen forderten drei Dollars, um sich einen Zahn ausreißen und die Haare kappen (schneiden) zu lassen. Nachdem der Capitän mit ironischem Lächeln die struppigen rothen Borsten des Einen und das schneeweiß glänzende Haifischgebiß des Anderen in Augenschein genommen, erhielten alle Drei den geforderten Vorschuß. Auf unserem Abendspaziergange trafen wir das Triumvirat am Yantsekiang, es kam höchlich angeheitert aus einer Schenke und stimmte, an uns vorübertaumelnd, das bekannte Lied an: »Die Mädchen in Deutschland sind nicht so kokett, als jene dort über dem Rhein!« Der Capitän rief mit sonorer Baßstimme: »Guten Abend, Kinder, habt Ihr Eure Einkäufe gemacht, Eure Geschäfte besorgt?«

An Piraten muß der Distrikt von Shanghai besonders ergiebig sein. Kein Tag vergeht, an dem nicht mehrere ausgeschifft, und mit zusammengeknüpften Zöpfen durch die Stadt transportirt würden. Ein Trupp, dem ich neugierig folgte, wurde in den Palast des Gouverneurs von Shanghai 347 geführt, wo sich zugleich der erste Gerichtshof des Ortes befindet. Was aus ihnen geworden, erfuhr ich nicht, denn gleich im Vorraum wies man mich zurück, und ich fand kaum so viel Zeit, den großen, auf Drachenklauen stehenden Tisch, das Dintenfaß, d. h. einen gigantischen Tuschkasten mit seinen Bambuspinseln, die Petschafte und kaiserlichen Stempel, endlich die an den Wänden umherhängenden Marterinstrumente, meiner Einbildungskraft einzuprägen. Mich verdroß die hochmüthige Behandlung der Subalternbeamten, ich zog meinen »Mandalin Paß Numbel one« aus der Tasche und hielt ihn den Gesellen unter die Nase. Jetzt krümmten sie sich wie Ohrwürmer, und erboten sich, mir alle officiellen Gemächer des »Yamun« (Palast) ihres »Taou-tai« (Gouverneurs) zu öffnen; ich dankte ihnen verbindlich. Mehrere verurtheilte Verbrecher ohne Zöpfe, die über den Hof geführt wurden, und des Schlimmsten gewärtig schienen, benahmen mir alle Lust weiter vorzudringen. Die Gerichtssitzung »Squeezi-Pidjen« (Quäl-Geschäft) war eben beendet.

Von hier begab ich mich in den nahen großen Buddha-Tempel und die noch geräumigere Pagode der Ningpo-Kaufleute. Letztere, die Bewohner einer im Innern des Landes gelegenen großen Stadt, haben ihren Tempel reich ausgestattet und ermüden schlechterdings nicht in der Darbringung von Speise- und Trankopfern. Hat einer dieser Industriellen etwas auf dem Gewissen, so beeilt er sich, den erzürnten Götzen durch einen guten Bissen zu besänftigen. Die Herren aus Ningpo müssen ziemlich viel auf dem Kerbholz der himmlischen Mächte haben; denn der Altar ihres Tempels glich einer sauber geschmückten, reich 348 bestellten Mittagstafel, so viele Bratenschüsseln und Fischgerichte, Kuchen und Weine, Früchte und Blumen, waren dem Götzen dargebracht. Nach Einbruch der Dunkelheit fallen die Bonzen über die Speisen her, doch laden sie auch europäische Gäste ein, sich nach Belieben zu bedienen. Das Laster der Intoleranz und des Fanatismus ist dem chinesischen Volkscharakter vollkommen fremd. Consul Alisch hatte mich begleitet, und als wir die Straße entlang schlenderten, wurden wir plötzlich durch einen jener schrecklichen Contraste erschüttert, die in diesem seltsamen Lande so oft zum Vorschein kommen. Unweit des reichen Tempels und seines Ueberflusses an leckeren Speisen fanden wir auf einem Kehrichthaufen einen armen sterbenden Knaben. Er war unbekleidet, doch hatte ein Vorübergehender ihn mit einer Matte bedeckt. Außer Stande, mehr für ihn zu thun, drückten wir ihm etwas Geld in die Hand. Es fiel zu Boden, das unglückliche Kind vermochte es nicht mehr festzuhalten. Wir gingen schweigend davon; Beide fühlten wir uns einer schweren Unterlassungssünde schuldig. Der Vorwand war ein elender; wir sagten: es sei nicht unsere Sache, für die schlechten staatlichen Einrichtungen dieses lieblosen Volkes aufzukommen und ihre Mängel auf unsere Kosten zu verbessern. Bei einem solchen Geschlecht läuft Alles auf Vortheil und Geschäft hinaus, Liebe und Haß, Leben und Sterben, Vergängliches und Ewiges. Den christlichen Gottesdienst nennen die Chinesen »Jesus Pidjen«, eine Heirath »Love Pidjen«. Von der nationalen Reinlichkeit haben sie eine sehr hohe Vorstellung. Aus der Leidenschaft der Europäer für tägliche Bäder und wiederholte Waschungen, sowie aus dem täglichen Wechsel der 349 Wäsche, schließen sie auf unsere angeborene Unsauberkeit. Nach ihren Behauptungen reicht alle acht Tage eine Abwaschung vollkommen hin.

Zu einer außerordentlichen Abwaschung wären wir Deutschen auf einer Wasserpartie nach der Pagode Long faeh im Woosungflusse ohne die Entschlossenheit unseres Capitäns leicht gekommen. Durch die Ungeschicklichkeit des Steuermannes stieß der kleine Dampfer so heftig gegen das Ufer, daß wir Alle zu Boden stürzten, und Flaschen und Gläser in der Cajüte in tausend Granatsplitter zertrümmert wurden. Auch die Maschine hatte durch den heftigen Stoß Schaden gelitten, und der Capitän rieth uns, da der Kessel platzen könne, in's Wasser zu springen und an's Land zu waten. Wir hatten dazu keine Lust und winkten mehreren Fischerböten, die in der Nähe verweilten. Die Schelme waren weit entfernt, uns zu Hülfe zu kommen. Erst als der Capitän den Revolver zog und nach ihnen zielte, ruderten sie hastig herzu und brachten uns an's Land; doch bedurfte es noch einer starken Geldentschädigung, ehe sie mit Hand anlegten, den kleinen Dampfer flott zu machen. Ich hatte die Zwischenzeit benutzt, die mehr als siebenhundert Jahre alte Pagode mit Aquarellfarben zu skizziren. 350

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