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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 42
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XVIII.

Kriegsrath. Im Boot an's Land. Gerettet. Weih-hei-Weih. Ein Bürgermeister-Mandarin. Holzeinkauf in Liu Cung. Chinesische Dorfbewohner und ihre Sitten. Chifou. Hühner mit Entenfüßen. Fische mit Hundeköpfen. Drachen.

Die verzweiflungsvolle Lage des Schiffes, die drohende Meuterei der Mannschaft, und der verschwindend kleine Vorrath an Lebensmitteln, die aus einem Napf voll schmutziger Reiskörner und einer Handvoll Kaffeebohnen bestehen, zwingen endlich den Capitän, sich aus seinem Stumpfsinn aufzuraffen und unsere Rettung zu versuchen. Ein aus dem Steuermann und aus beiden Passagieren bestehender Kriegsrath beschließt unter dem Vorsitze des Trunkenboldes, das Wagniß zu unternehmen und ungeachtet des furchtbar hohen Seeganges ein Boot nach der Küste von Chifou zu entsenden. Der Steuermann, der englische Agent und vier Matrosen, die am wenigsten durch Hunger gelitten haben, sind zu der verwegenen Fahrt ausersehen. Der Engländer hofft in Chifou irgend einen Landsmann anzutreffen und mit seiner Hülfe Lebensmittel und Heizmaterial zu schaffen. Vor Abgang des Bootes mache ich mit ihm noch ein, nach Umständen für mich sehr 247 vortheilhaftes Geschäft. Er hat einige Flaschen Sodawasser erübrigt, die er mir gegen ein Bündel feiner Cigarren abtritt; mit dieser Flüssigkeit hoffe ich bis zur Rückkehr des Bootes mein Leben zu fristen. Auf eine Mahlzeit habe ich verzichtet. Sobald mich das unleidliche Ekel- und Wehgefühl, die Folge des Heißhungers, übermannt, bekämpfe ich es durch einen Schluck Sodawasser.

Das Boot verließ uns um 8 Uhr Morgens, und anderthalb Stunden hindurch folgte ich ihm mit dem Fernglase, wenn es bald hoch auf den Kämmen der Wogen erschien, bald in ihren tiefen Thälern versank; endlich verschwand es hinter einem Felsvorsprunge. Hatte mich so lange die Spannung aufrecht erhalten, so brach ich jetzt aus Nervenschwäche plötzlich zusammen. Das Erbrechen, an dem wir Alle schon seit mehreren Tagen leiden, nahm überhand, mir wurde schwarz vor den Augen und unter qualvollem Würgen sank ich auf dem Verdeck halb ohnmächtig zu Boden. Wie lange ich in diesem Zustande gelegen habe, vermag ich nicht anzugeben, so großes Elend löst alle Bande der menschlichen Gesellschaft; an Bord kümmerte sich Niemand mehr um den Andern.

Eine über das Verdeck wegrollende Woge brachte mich wieder zum Bewußtsein zurück, die Sonne war durch den Meridian gegangen, es mochte drei Uhr Nachmittags sein. Zehn Schritte von mir hatte sich die Mannschaft versammelt, und starrte bange und schweigend in die Ferne; wild hin- und hergeworfen von den tobenden Wassern, näherten sich uns zwei Boote. Eine Stunde später waren sie so nahe, daß ihre Rettung und Ankunft gesichert erschien; nun brach an Bord ein unermeßlicher Jubel aus. 248 Wie einem Kinde liefen auch mir die heißen Tropfen über die Wangen. Waren sie Freudenthränen, so wüßte ich nicht ihr wohlthuendes Gefühl zu rühmen; ich glaubte, mir würde das Herz brechen.

Beide Böte waren mit chinesischen Ruderern bemannt, das erste brachte ein halbes Schwein, Hühner, Enten, Eier, Mehl, Zucker und Holz zum Kochen, das zweite Trinkwasser. Dieses war einfach in das Boot gegossen und zwölf Chinesen hatten ihre schmutzigen Beine darein getaucht, aber nie hat mir ein Festtrunk goldenen Rheinweines köstlicher geschmeckt, als die erste Handvoll dieses trüben Wassers. Bald darauf erschien unser eigenes Boot mit der Hiobspost: der von unserem Capitän gesuchte Ort Chifou liege fünfzig englische Meilen weiter östlich, und das vor uns liegende Städtchen heiße Weih-hei-Weih (Oie-hei-Oie). In der Zwischenzeit hatte der Koch etwas Schweinefleisch gebraten, ich warnte die Matrosen, allzu gierig und allzu viel zu essen, ohne doch meine guten Rathschläge selber gewissenhaft zu befolgen; dann streckten wir uns auf den Matratzen oder Schiffsplanken aus und versanken in einen wahren Todtenschlaf.

In der Nacht legte sich der Sturm, und als wir am 16. October um halb vier Uhr aufstanden, war die See beruhigt, und eine abermalige Expedition an die Küste konnte ohne Gefahr unternommen werden. Vor allen Dingen mußten wir Holz oder Kohlen für die Maschine schaffen. Etwas gestärkt schloß ich mich dem englischen Agenten an, auch der chinesische Koch und der Maschinenmeister waren von der Partie.

Um sieben Uhr landeten wir bei dem Fischerdorf 249 Liu-Cung, und wanderten von hier aus, begleitet fast von der gesammten Einwohnerschaft, nach der kleinen Stadt Weih-hei-Weih. Noch wenig mit Europäern in Berührung gekommen, vermochte die Bevölkerung schlechterdings nicht, ihre Neugierde zu bezähmen. Der Janhagel folgte uns auf den Fersen und betastete unsere Kleider, Schuhe, Strümpfe, Knöpfe und Halstücher so unverschämt, daß wir uns zuletzt mit energischen Rippenstößen eine Gasse bahnen mußten. Das unsaubere Nest ist mit einer Mauer und mehreren Wachtthürmen ohne Kanonen umgeben; ein Doppelthor führte in das Innere der Stadt. Unmittelbar davor erhebt sich ein Monument, doch war es nicht dem Andenken eines großen Herrschers oder Feldherrn, Denkers oder Dichters gewidmet, sondern nur dem Gedächtniß einer tugendhaften Frau. Da jede Nation durch steinerne Denkmäler allein jene menschlichen Eigenschaften zu verherrlichen und zu verewigen trachtet, welche nicht zu den Gemeingütern unseres Geschlechts gehören, so scheint die Sittlichkeit der chinesischen Damen nicht über allen Zweifel erhaben zu sein und der kräftigsten Ermunterung durch nationale Auszeichnungen zu bedürfen.

Für die Sicherheit des Ortes sprachen nicht die, an den meerwärts gelegenen Wachtthürmen aufgehängten Waffen, Luntenflinten, Pfeile und Bogen. Sie sind dazu bestimmt, anrückende Feinde und Räuber zu schrecken. Gleichzeitig machen die Besatzungen der Thürme, um ihre Wachsamkeit zu bethätigen, auf Gongs, Tamtams, Trommeln und Pfeifen einen Heidenlärm. Mitten in der Stadt, auf dem sehr belebten Marktplatze, sahen wir wohl, daß die Bürgerschaft von Weih-hei-Weih triftige Gründe hatte, 250 wachsam zu sein. In anderthalb Schuh hohen, an acht Fuß langen Bambusstangen aufgehängten Käfichten aus dünnem Rohr, waren sechs abgeschlagene Piratenköpfe ausgestellt und mit den Zöpfen an der Decke befestigt. Der Executivbehörde mochten nur sechs Käfichte zur Verfügung gestanden haben, denn ein siebenter Kopf lag noch blutig zwischen Fleisch- und Gemüsehändlern auf dem Pflaster. Nahe bei saßen vier minder gravirte Verbrecher in schweren hölzernen Halskrägen und wurden von den Fliegen, die zu Tausenden ihre Kahlköpfe und Gesichter bedeckten, fast aufgefressen.

Wie es unsere Schuldigkeit war, machten wir dem Mandarinen-Bürgermeister unsere Aufwartung, und wurden sehr artig mit Thee und Pfeifen empfangen. Wir erkundigten uns, ob Holz und Kohlen vorhanden seien und erfuhren, daß man uns im Dorfe Lin-Cung etwas Holz ablassen könne; mit Kohlen sei man nicht versehen. Die Sehenswürdigkeiten des Ortes waren mit Ausnahme dreier geputzten Jungfern, vieler wilden Hunde, einiger Miniaturtempel, umgeben von Mandarinenstangen mit rothen und gelben Knöpfen, und mehrerer, Dreschens halber auf der Tenne im Kreise lustwandelnden Maulesel, nicht der Rede werth. Wir eilten, nachdem wir uns satt – und hungrig gesehen, spornstreichs nach Lin-Cung zurück.

Das Holzgeschäft wurde nicht so glatt abgewickelt, als wir gehofft hatten. Zuerst läugneten die Dorfbewohner den Besitz aller Arten von Holz, nach einer Stunde Bedenkzeit und diplomatischer Unterhandlungen gestanden sie, etwas Brennholz zu besitzen, aber es bedurfte noch vielfacher Ueberredung, um sie zum Verkauf zu bewegen. 251 Gleich schwer und langwierig war es, sich mit ihnen über den Preis zu einigen. Endlich waren fünf Böte beladen und es sollte abgefahren werden, als die Verkäufer neue Schwierigkeiten erhoben. Sie wollten nicht eher vom Lande abstoßen, bis wir ihnen für jedes Boot zehn Dollars Transport- und Verladungskosten bewilligt hatten. Eine solche Unverschämtheit war selbst für meine Nachgiebigkeit zu viel, wenn ich auch nicht, wie der englische Reisegefährte, gleich zum Revolver griff und vom Leder zog. Das wilde Gesicht und das Zähnefletschen des Agenten schüchterte die chinesischen Lumpe ein, und nach mehrerem Hin- und Herreden erklärten sie sich mit drei Thalern pro Boot für zufriedengestellt. Als die Holzladungen abgefahren waren, wollten wir einige Schafe kaufen, man führte uns jedoch nur Ziegen vor und behauptete auf unseren Widerspruch: diese seien Schafe. Während der Unterhandlungen hatten wir unsere Zeit nicht verloren, am Strande Fische gekauft, gekocht, süße Kartoffeln geröstet und mit etwas Reisbranntwein auf der Dorfkneipe ein glänzendes Mittagsmahl gehalten. Die dort feilgebotene Kost sah so abscheulich aus, daß wir nicht zuzugreifen gewagt hatten. Statt der Ziegen kauften wir auf, was von Hühnern, Enten, Eiern, Weintrauben und Salz im Dorfe vorhanden war. Das Betragen der Bewohner hatte nichts mit den feinen Sitten der Großstädter China's gemein. So nahmen sie uns ohne Weiteres die brennenden Cigarren aus dem Munde, ließen sie im Kreise umhergehen und stellten sich beleidigt, wenn wir die nassen Stummel nach diesem Rundgange empört zurück wiesen. Als wir unser Fischgericht verzehrten, entblödeten 252 sie sich nicht, mit ihren Affenpfoten in die Schüssel zu greifen und uns vor der Nase die besten Bissen wegzuschnappen. Erst als der Agent aus dem Kessel einen Napf voll heißen Salzwassers schöpfte und über die Hände und Arme der Schmarotzer ausgoß, wurden wir von ihrer Gegenwart befreit. Besonders hatten wir auf die blanken Knöpfe unserer Röcke Acht zu geben; dem Steuermann wurden ihrer drei abgeschnitten, ohne daß er es zu hindern vermochte. Der Abend brach herein, als wir den Dampfer erreichten.

Welchen Verdacht wir den Strandbewohnern eingeflößt hatten, ging daraus hervor, daß kein weibliches Individuum zum Vorschein gekommen war. Die ganze Nacht hindurch wurde mit dem Aufgebot der letzten Kräfte daran gearbeitet, den Dampfer in Stand zu setzen, um aus dieser Gefahr dräuenden Bucht fortzukommen. Wie recht wir daran gethan, erhellte ein Jahr später (October 1864) aus dem Untergange des großen Kriegsdampfers Racehorse, der mit 700 Mann Besatzung Angesichts Weih-hei-Weih an den Felsen der Küste zerschellte. Unsägliche Mühe und Zeit kostete es, an den Rädern der Maschine die Schaufeln von Neuem zu befestigen, die vor zehn Tagen des Segelns halber abgelöst worden waren. Um 7 Uhr Morgens, am 17. October, waren wir mit allen Ausbesserungen fertig, und unser Seelenverkäufer von Küstenfahrer stach abermals in See. Die Fluth unterstützte uns, und wir machten zu meinem gerechten Erstaunen sieben Knoten in der Stunde. Höher hätten wir es aber unter den günstigsten Umständen nicht bringen können, denn am Bord des Argus in Allem kurz gehalten, war auch die Logleine 253 zu kurz und immer nach sieben Knoten abgelaufen. Der Horizont war weithin mit Nebel bedeckt und die Luft ruhig; der plötzlich aufspringende Wind kam uns nicht zu statten. Nachdem wir bis zwölf Uhr die Küste entlang gefahren waren, begegnete uns ein großes Fischerboot, von dem der Capitän einen Lootsen an Bord nahm. Der kundige Mann half uns jedoch nicht viel, fünf Minuten später stand die Maschine wieder still. Angeblich war das Brennmaterial aufgebraucht, und wir müssen fünf Seemeilen von Chifou noch einmal den Anker auswerfen. Dem rettenden Port so nahe, unternahmen unsere schon angeführten Emissäre um 1 Uhr eine Bootsfahrt nach Chifou, um uns Hülfe und eine ausreichende Kohlenmasse zu schaffen. Der Ankerplatz ist höchst gefährlich, der morsche Dampfer über und unter dem Wasser von Felsmassen umgeben. Nachmittags zwei Uhr sprang eine frische Nord-Ost-Brise auf, die zwölf Tage früher nur während der Dauer von wenigen Stunden uns alles Elend erspart hätte. Jetzt bringt sie uns keinen Nutzen, der Capitän ist zugleich mit dem Anker zu Boden gesunken und liegt sinnlos betrunken in der Cajüte, der Steuermann ist nach Chifou unterwegs, und der Dampfer – ohne Befehlshaber. Bei der geistigen Verfassung des Capitäns, der in jedem Augenblick in das Delirium tremens verfallen und einen Exceß begehen kann, halte ich es für rathsam, heute Abend mich nicht der Kleider zu entledigen und auf das Aeußerste gefaßt zu machen. Vorläufig ziehe ich von dem Branntwein-Arsenal den Schlüssel ab und stecke ihn in die Tasche; dem Capitän ist die scharfe Munition somit abgeschnitten. Mein Entschluß steht fest, und ich benutze 254 die Stunden der Nacht, um die Aufzeichnungen der letzten Unglückstage zu vervollständigen. Vielleicht interessiren den zoologisch gesinnten Leser die schwarzen bärenartigen Schweine, welche gestern in Weih-hei-Weih auf dem Pflaster lagen, den Botaniker und Gourmand die süßen Kartoffeln, welche sich durch ihren seifenartigen Geschmack dem Gaumen für immer einprägen, ein Gemüse für Schiffbrüchige und begnadigte Seeräuber, abgeschnittene Selbstmörder und erwachte Deliranten.

Die Nacht war sternenklar und windstill, die Milchstraße etwas verblichen, wie mit Regenwasser verdünnt, doch folgte am 18. October um sechs Uhr früh ein malerischer Sonnenaufgang, den ich für das kleinste, von Chifou eintreffende Boot hingegeben hätte. Aus langer Weile stellte ich heute eine Untersuchung meiner Physiognomie vor dem Spiegelscherben an, und entdeckte, daß ich in letzter Zeit eine Menge grauer Haare bekommen habe. Die Augen stehen uns Allen in Folge der Hungersnoth noch immer einen halben Zoll aus dem Kopfe hervor.

Noch vierundzwanzig Stunden sollten wir in den bangsten Erwartungen verleben, erst am 19. October, um 7 Uhr früh, traf das ersehnte Boot mit Kohlen ein; wir waren geborgen. Der ruchlose Capitän theilte nicht meine Empfindungen der Dankbarkeit gegen die Vorsehung, es bedurfte sogar meiner dringenden Fürbitte, ehe er den die Kohlen einschiffenden Chinesen ein wenig gekochten Reis und einen Eimer Wasser, um den sie ihn anflehten, bewilligte. Rasch wurde gefeuert und nach einer halben Stunde dampften wir munter nach Chifou. Die Sonne 255 hatte den höchsten Stand des Tages erreicht, als wir dort anlangten und sogleich an Land gingen. Chifou ist ein bedeutender Handelsplatz im nördlichen China, aber nicht durch Schönheiten der landschaftlichen Lage und Architektur bemerkenswerth. Der Hafen wimmelt von Dschunken, in den engen halbgepflasterten Straßen tummeln sich Tausende betriebsamer Menschen, die Bazars strotzten von Utensilien des chinesischen Lebens, auf dem von einem Tempel mit zwei Thürmen begrenzten Marktplatz häuft sich der gewöhnliche Wirrwarr einer chinesischen Stadt, Vertreter der Landeskirche und des Handels, der Schauspiel- und Barbierkunst, auf dem Rücken von Kulis reitende Frauen und Mädchen mit unbenutzbaren kleinen Fußklumpen und stolz berittene Mandarinen mit Gefolge; den Hintergrund bildet ein Ensemble von Schweinefleisch und Fischen, Grünzeug und Obst. Hochberühmt sind die Kohlköpfe von Chifou, sie werden durch ganz China versandt, doch war augenblicklich die Waare flau; für wenige Cash hätte ich ein förmliches Monstrum dieser blühenden Feldfrucht kaufen können.

Die Einfahrt von Chifou mit einem seltsam geformten Felsen zur Rechten und dem alten Wachtthurm auf den Höhen des linken Ufers war mir so malerisch erschienen, daß ich, statt in der etwas langweiligen Stadt umherzuschweifen, eine Barke miethete und hinausfuhr, um die Contouren der Vedute, insoweit es die bewegte See gestattete, flüchtig zu skizziren. Mein Ausflug war nicht unbemerkt geblieben. Am Landungsplatz erwarteten mich mehrere Kuli's, auf deren Rücken in kleinen Lehnsesseln junge Chinesinnen saßen, und boten mir ihre Gebieterinnen 256 während meines Aufenthaltes als Gesellschaftsdamen an. Der Artikel schien nicht »gefragt« zu sein, denn das außer freier Station geforderte Honorar war überaus mäßig. Mehr belustigten mich einige Chinesen, die am Strande umherlungerten, und europäischen Matrosen als wundersame Naturproducte des himmlischen Reiches Hühner mit Enten- oder Gänsefüßen aufzureden suchten und die einfältigen Gesellen wirklich prellten. So gewiß der frechste Betrug vorlag, gelang es mir doch nicht, selbst bei genauester Untersuchung die Spuren zu entdecken, wo und wie die falschen Beine angesetzt waren. Starken Abgang hatten Skelette von Fischen mit – Hunde- oder Katzenschädeln, und wurden in meiner Gegenwart nicht weniger als vier Exemplare an englische Seefahrer verkauft. Unseren Capitän traf ich gleichfalls in der Nähe des Landungsplatzes. Er hatte die Zeit gewissenhaft benutzt und, wie er mir bekannte, einige Dutzend Flaschen fuselfreien »Samschu« (Branntwein) eingekauft. Um jeden Zweifel zu verhindern, zog er gleichzeitig eine Flasche aus der Tasche und schenkte mir ein Glas ohne Fuß ein, von dem der vor Durst verschmachtende arme Sterbliche sich niemals trennte. »Geniren Sie sich nicht,« sagte er, als ich die Herzstärkung ablehnte, »ich habe uns reichlich versehen; Sie werden mein Schiff nicht mehr trocken trinken!«

Ein Spaziergang vor die Thore Chifou's, den ich Nachmittags unternahm, wurde durch ein polizeiliches Verbot unterbrochen; in Chifou herrscht noch der frühere chinesische Rigorismus gegen die Fremden. Nur hinderten mich die Polizisten nicht, den Honoratioren des Ortes zuzuschauen, die bei dem frischen Herbstwinde unzählige Drachen steigen 257 ließen. Es mochte damit eine religiöse Ceremonie verbunden sein, denn die Herren lagen diesem Kinderspiele mit größtem Ernste ob. Die Drachen waren sehr zierlich aus Papier oder Seide angefertigt und stellten Vögel, vierfüßige Thiere oder Schmetterlinge vor.

Gar gern wäre ich bis zu einigem auffallend eleganten Landhäusern vorgedrungen, aus denen eine Menge bunter Drachen aufgestiegen war, allein die Polizei vertrat mir den Weg und gebot mir mit nicht mißzudeutenden Gebehrden, in die Stadt zurückzukehren. Was sollte ich hier thun? Ohne einen landsmännischen Cicerone blieb mir nichts übrig, als mich an Bord des abscheulichen Argus zu begeben. Ueberdies war die drückende Hitze in den engen Straßen der unsauberen Stadt nicht länger zu ertragen. Das Aussehen unseres Verdecks hat sich inzwischen etwas verbessert, ich kam gerade an, als die neu angekauften Vorräthe untergebracht worden waren und hörte noch die letzten Flüche, mit denen unsere Matrosen die chinesischen Kulis zur Arbeit ermuntert hatten. Treten nicht außerordentliche Umstände ein, so haben wir unterwegs eine abermalige Hungersnoth nicht mehr zu befürchten. Außer einigen lebendigen Schweinen sind mehrere Hammelkeulen angekauft, das Achtel von einem Ochsen, Fische und Gemüse, ja selbst Pfeffer, Senf und Essig, die uns seit zwei Tagen vollkommen ausgegangen waren. Bei so glänzenden Aussichten für die Küche nehme ich keinen Anstoß daran, daß die siebenhundert Kohlensäcke, die im Schiffsraum, auf Deck, in den Kajüten, überhaupt in jedem noch disponiblen Winkel des Dampfers untergebracht sind, bei jedem festen Fußtritt eine schwarze Staubwolke verbreiten, welche unsere Gesichter 258 und Leibwäsche mit zolldickem Schmutz bedeckt. Eben ist der Capitän eingetroffen und beeilt sich, den garstigen Staub mit einer Flasche Schnaps hinabzuspülen.

Am 20. October bei einem entzückend schönen Sonnenaufgange lichteten wir um 6 Uhr die Anker und verließen die Bucht von Chifou, aber schon nach einer halben Stunde war auch die letzte Spur des herrlichen Farbenspieles verschwunden. Graue Wolken hatten den Himmel bedeckt, und der Regen goß in Strömen herab; der nordische Herbst verleugnet auch in dieser Zone nicht seinen rauhen Charakter. Wir steuern die von Dunst umwobene Küste entlang an kleinen Flecken und Fischerdörfern vorüber, und beabsichtigen, um eine Strecke Weges abzuschneiden, die schmale Meerenge von Miau Tau zu passiren, verzichten aber darauf, da der Capitän eben niedergestürzt ist, und zu Bette gebracht werden muß. Der spärliche Raum und der Aufenthalt in frischer Luft wird uns durch drei chinesische Deckpassagiere geschmälert, die den einzigen schattigen Platz occupiren, als die Sonne wieder zum Vorschein kommt. Einer der Touristen scheint ein wohlhabender Mann zu sein, führt zweiundzwanzig Gepäckstücke mit sich und hält einen Diener. Ueber ihren Mangel an Taschentüchern würde ich keine Worte verlieren, wenn der starke Schnupfen, an dem Beide leiden, mich nicht fortwährend daran erinnerte. Um drei Uhr wagen wir uns wirklich in die Miau-Tau-Straße und finden uns auch glücklich wieder hinaus. Dem Steuermann und Agenten war es gelungen, den Capitän soweit zu ermuntern, daß er sich damit einverstanden erklärte. Dann fuhren wir an einer sehr malerisch gelegenen Stadt Teng Chou Fu, wenn ich den 259 Namen richtig schreibe, vorüber, und ich beeilte mich, nicht allein das den Hintergrund schließende, 2000 Fuß hohe vielgezackte Gebirge, sondern auch den, in Felstafeln und jähe Klippen vielgespaltenen Vordergrund auf das Papier zu werfen. Sobald wir an dieser Berggruppe vorübergedampft waren, verflacht sich das Festland und verliert alle Anziehungskraft. Zufällig belauschte ich ein vertrauliches Gespräch zwischen dem Capitän und Maschinisten; letzterer bezweifelt nämlich, daß es ihm gelingen werde, den Argus unversehrt nach Tientsin zu schaffen: die Maschine müsse entweder in Trümmer zusammenstürzen oder in die Luft fliegen! Dazu weht es mit Macht, und in der Luft brauen geschäftige Dämonen ein Unwetter zusammen. Ich brauche wohl nicht mehr ausdrücklich zu bemerken, daß die Mannschaft die Pumparbeit noch nicht eine Minute unterbrochen hat. Der 21. October verlief in Sturm und Regen, und am Abend gingen wir bei einer Tiefe von fünftehalb Faden vor Anker. Der Capitän schloß daraus auf die Nähe der Mündung des Peiho, allein ich habe längst alles Vertrauen auf seine Behauptungen und Angaben verloren. Am Morgen des 22. October entdeckten wir den Grund der geringen Tiefe unseres Ankerplatzes; wir lagen dicht vor einer flachen Insel, die bei der Ebbe kaum über den Seespiegel hervorragen mochte. Nichts destoweniger behaupteten Capitän und Steuermann mit frecher Stirn, wir befänden uns in der Nähe der Taku-Forts, wenn gleich ich ihnen auf der Seekarte nachwies: die Insel Joßhouse läge vor uns, und wir seien noch weit vom Peiho entfernt. Die bornirten Gesellen schenkten mir 260 nicht einmal Gehör, als ich ihnen rieth, den Befehlshaber einer vorübersegelnden Dschunke zu consultiren. Die Logleine wurde in Anwendung gebracht und auf das Gerathewohl dampften wir drauf los; es heißt: biegen oder brechen. 261

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