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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 41
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XVII.

Der Argus und sein Karavanenthee. Ein falscher Zopf. Mittel gegen Flöhe. Hungersnoth und Leck. Die letzte Ente an Bord. Eine Seeräuber-Dschunke. Die Lebensgeschichte eines deutschen Matrosen. Am Strande von Chifou.

Unsere Lage wird mit jedem Tage trauriger. In der Nacht zwischen dem 2. und 3. October mußten sechs Mann unausgesetzt pumpen, um das elende Schiff über Wasser zu erhalten. Ich bin neugierig, in welchem Zustande der feine Thee, den »Argus« geladen hat, und der später über Peking zu Lande nach St. Petersburg geschafft werden soll, an Ort und Stelle anlangen wird. Die Kisten machen im Schiffsraume eine förmliche Seebadekur durch, und doch wird die Waare im Droguenhandel als »Karavanen-Thee« verkauft. Mir geht es nicht besser, wie den für den kaiserlich russischen Hof bestimmten Kisten; sobald ich mich auf das Verdeck wage, rollt die tobende See über mich hin, ich bleibe daher, mit entsetzlichen Zahn- und Kopfschmerzen behaftet, unten in der düsteren Kajüte und suche Zerstreuung in der Gesellschaft der Cockroaches, da der einzige Reisegefährte, ein junger englischer Agent, sich als vollkommen ungenießbar erweist. Eine, Abends am 233 Horizonte auftauchende Dschunke mit 5 Masten war die einzige Sehenswürdigkeit des 3. October, wenn man nicht den betrunken am Boden liegenden Kapitän eben dahin rechnen will.

Der elenden Verpflegung am Bord habe ich schon gedacht, ich setze mich, wenn wir vier, der Kapitän, der Steuermann, der englische Passagier und meine Person, unsere Toilette vor dem einzigen lecken Waschnapfe aus Blech vollendet haben, mit immer neuem Widerwillen zu Tisch. Unser Hauptgericht besteht aus Ragouts von altem Salzfleisch; Kaffee und Käse sind ausgegangen. Der Schiffskoch, den die Küchen-Angelegenheiten nicht stark in Anspruch nehmen, widmet sich nebenbei der Kultur seines Zopfes; die Appetitlichkeit der Speisen leidet indessen nicht darunter. Es ist nicht wohl möglich, ein Haar aus dem Zopfe in den erwähnten Ragouts zu finden, da derselbe größtentheils aus schwarzer Seide besteht. Der gute Jünger Soyers hat als bestrafter Verbrecher nach seiner Entlassung aus dem Gefängnisse statt des abgeschnittenen, einen neuen künstlichen Zopf angelegt, dessen Basis nur aus einem dürftigen Büschel Haare besteht.

Die invalide Maschine des Argus bringt uns nur langsam vorwärts, erst die Hälfte des Weges nach Tientsin ist zurückgelegt. Mit welcher Freude wird jede kleine Zerstreuung begrüßt! Vier kleine Vögelchen haben auf den Raaen des Argus Zuflucht gesucht und nähren sich von unserem Ueberfluß an Fliegen. Außer Stande, bei den fortwährenden Schwankungen unserer Nußschale mich zu beschäftigen und wäre es mit dem Zuspitzen einer Bleifeder, sehe ich stundenlang der Jagd der Thierchen zu, und 234 bewundere die Polizei-Verwaltung der Natur, wenn mir einer der flinken Spatze den ärgsten Quälgeist von Brummer vor der Nase wegfängt. Mehr Unterhaltung hätte uns eine angebotene Flaggen-Conversation mit einem vorübersegelnden Barkschiff gewähren können, allein der Argus führte keine Signale an Bord; wir vermochten der Barke nicht Rede zu stehen. Der 4. October schloß mit einem Unfall. Ein alter chinesischer Matrose, ein Mann von 60 Jahren, fiel vom Mast, und beschädigte sich innerlich so schwer, daß ich sein schmerzliches Stöhnen in der Kajüte hören konnte.

Hätten mich diese traurigen Laute nicht häufig geweckt, ich wäre um meinen Schlaf zu beneiden gewesen. In der stärkenden Seeluft und bei der vorrückenden Jahreszeit hole ich die seit Monaten versäumte Nachtruhe wieder ein. Am 5. October Morgens beabsichtigte der Capitän, zur Verbesserung unseres Diners einige der, über den »Argus« hinstreichenden wilden Enten zu erlegen, allein es fehlte an einer Vogelflinte wie an Schrot, und die mit gehacktem Blei geladene Büchse wollte nicht losgehen; der projectirte Entenbraten schoß schnatternd über unsern Köpfen hin. Rechtzeitig habe ich das gedruckte Reglement einer Dampfschifffahrt-Gesellschaft gefunden, das sich in ein Paar meiner Stiefel verirrt hatte, und studire dasselbe, wenn ich mich von dem Lager erhebe, oder zu Tische gehe. Der Scharfsinn, mit dem darin alle Rechte der Gesellschaften wahrgenommen sind, ist erstaunlich, aber auch nicht ein Paragraph nimmt sich der Reisenden an, und gedenkt irgend einer Verpflichtung zu ihrem Vortheile und ihrer Bequemlichkeit.

Die chinesischen Matrosen haben mir heute eine 235 unangenehme Ueberraschung bereitet. Ich weiß nicht, wie ihnen meine Klagen über den Flohreichthum des Köters zu Ohren gekommen, der, wie ich schon angeführt, sich nicht von meiner Person trennen wollte. Die unglückliche Creatur, ein Bastard von Spitz und Pudel, erschien über und über getheert in meiner Kajüte. Die Consequenz dieses kosmetischen Mittels besteht darin, daß die oberste Schicht des Ueberzuges bei der Tageswärme erweicht, und der Hand überall anklebt, Nachts aber zu einem Panzer erhärtet, und bei jedem Stoß gegen Tisch und Stühle ein garstiges Geräusch macht. Der Wind hatte sich im Laufe des Tages gebessert, und wir wären bei einer Schnelligkeit von sechs Knoten Fahrt in der Stunde rasch vorwärts gekommen, wenn nicht drei davon durch eine widrige Strömung verloren gegangen wären. In der Nacht setzte der günstige Wind jedoch um, und warf uns, da die Maschine nicht zu arbeiten vermochte, an zehn Seemeilen zurück. Zugleich ist der Leck größer geworden, das Wasser im Raum binnen zwei Stunden um drei Fuß gestiegen, und die ganze Mannschaft pumpt unermüdlich hinten und vorn, um den Argus flott zu erhalten. Das Verdeck ragt nur noch einen Fuß über das Wasser empor und der Kapitän beabsichtigt, einen Nothhafen Chifou anzulaufen, aber wir haben nach seinen Berechnungen noch 30 Seemeilen bis dahin zurückzulegen. Dort sollen auch frische Vorräthe von Lebensmitteln eingekauft werden, denn schon jetzt nagen wir halb und halb am Hungertuche. In der Kajüte über den feinsten Theekisten hängen zwar noch einige geräucherte Schinken, allein diese sind schon verkauft und in Tientsin abzuliefern. Da sie nur lose an der Wand befestigt sind, fallen sie bei bewegter 236 See in jeder Nacht herunter und veranlassen meinen getheerten Schooßhund zu einem kläglichen Geheul, das von dem Erbrechen zweier, schwer an der Seekrankheit leidenden Chinesen accompagnirt wird. Unter so angenehmen Bedingungen feiern wir den Geburts- und Namenstag des Argus. Vor 23 Jahren am 7. October war nach den Schiffsbüchern das unselige Fahrzeug vom Stapel gelaufen. Ich schlug dem Kapitän vor, als er zu Ehren des Tages eine zweite Flasche Whiskey leerte, heute gleich den – Todtenschein des Argus auszustellen.

In der nächsten Nacht richtete der unaufhörlich tobende Sturm an Bord namenloses Unheil an, das Wasser im Raum ist nur noch mit äußerster Mühe durch Pumpen zu bekämpfen; mein Nachtlager ist seit dem zweiten Tage nach der Abfahrt nicht mehr trocken geworden. Das Seewasser sickert fortwährend auch von Außen durch die Decke herein. Die Kisten mit dem »Karavanenthee« sind zusammengestürzt und bilden eine Barrikade vor dem Eingange der Kabine, einer der vermoderten Schinken ist auf meine Matratze geflogen. Er, der getheerte Hund, eine ertrunkene Ratte und zwei wie vom Himmel gefallene alte Brieftaschen leisten mir Gesellschaft. Zum Ueberfluß war bei Tagesanbruch der Kohlenvorrath bis auf den letzten Brocken erschöpft; um das Feuer nicht erlöschen zu lassen, mußte Alles, was nicht niet- und nagelfest war, losgebrochen und verbrannt werden. Das Brennmaterial reichte dennoch nicht; zwei Meilen vor dem Nothhafen Chifou ging der Maschine von Neuem der Athem aus. Wir sind auf die Hülfe der Segel angewiesen, aber alle unsere Leinwand beschränkt sich auf einige 20 oder 30 Quadratfuß durchlöcherter Lappen. 237 Wenn nicht bald Hülfe kommt, sind wir verloren. Das Federvieh, unsere letzte Hoffnung, ist im Sturm umgekommen, nur eine »letzte Ente« watschelt noch melancholisch, wie Thomas Moore's Melodie in Flotow's »Martha«, auf dem Deck umher, aber wie leicht kann sie noch, ehe der Tisch gedeckt wird, zu ihren Vätern versammelt werden. Der Kapitän scheint am Delirium tremens zu leiden, er phantasirt von Pfannkuchen, die am nächsten Sonntag gebacken werden sollen, vorausgesetzt, es gelinge dem Koch, das feine Mehl, welches er in der Verwirrung des letzten Teifun verlegt haben will, wieder aufzufinden.

Der Sturm hatte momentan pausirt, aber am Nachmittag erhob er seine Stimme von Neuem und machte unsere sinkenden Hoffnungen vollends zu Schanden. Unser fast geistesabwesender Capitän hatte sich überdies um sieben Meilen verrechnet und der Argus schwankte die Nacht hindurch in der Nähe einer Felswand umher, an der in jedem Augenblick seine morschen Rippen zerschmettern konnten. Ein am Morgen des 9. Oktober hart am Backbord vorübertreibender Schiffsmast, der einem gescheiterten Kriegsschiffe angehört haben mochte, wurde mit großer Anstrengung der Mannschaft aufgefischt und lieferte etwas Heizungsmaterial für die Maschine, doch war bei unserer weiten Entfernung vom Lande damit nur wenig gewonnen. Den Qualen des Hungers gesellte sich jetzt auch ein unerträglicher Durst. Der geringe Wasservorrath erlaubte nur noch die tägliche Vertheilung eines Glases lehmfarbiger stinkender Jauche an jedes Individuum; zum Waschen hatten wir uns schon mehrere Tage hindurch des Seewassers bedient. Die Matrosen, so feige sie sein mögen, gehen mit 238 finstern Gesichtern umher und rotten sich zusammen. Schon früher haben sie sich über die dürftige Kost bei schwerer Arbeit beklagt, der Durst scheint die armen Menschen zur Verzweiflung zu bringen.

Ueber die verkauften Schinken sind wir, insoweit sie noch genießbar waren, schon hergefallen, auch die versprochenen Pfannkuchen sind wirklich gebacken worden. Ihre Anfertigung wurde durch eine, aus dem Raume aufgefischte Bütte voll holländischer Dauerbutter unterstützt, die der Capitän vor mehreren Jahren für eine Schuld angenommen und vergessen hatte. Bei den unaufhörlichen Nachsuchungen in allen Winkeln wurde auch eine Quantität von verwittertem Reis aufgefunden, der trotz einer starken Beimischung von todten Ameisen und Mäusekoth unser Leben doch noch einige Tage fristen kann, wenn es uns gelingt, so viel Regenwasser aufzusaugen, um ihn zu kochen; den Vorrath an Trinkwasser dürfen wir nicht angreifen. Ein Päckchen Kaffee, das wir gleichzeitig auf den Boden einer umgestürzten Tonne entdeckten, erfreute uns mehr als ein centnerschwerer Goldklumpen, nur war keine Kaffeemühle vorhanden. Ich wickelte die Bohnen also in ein Stück Segeltuch und zertrümmerte sie mit der Breitseite eines Beiles. Weder in Paris, noch in Wien, habe ich jemals wohlschmeckenderen Kaffee getrunken.

Der 10. Oktober sollte das Maß unserer Leiden fast zum Ueberlaufen bringen. Vom frühen Morgen an folgte uns unablässig eine dreimastige, mit einem großen und zwei kleineren Mattensegeln versehene Dschunke, die nach der Behauptung des Capitäns mit Piraten bemannt war. Wir mußten uns in Kriegsbereitschaft versetzen, hätten wir 239 für unsere beiden Kanonen nur Munition, für unsere zehn Büchsen nur Zündhütchen gehabt, aber bis auf einige schartige Säbel waren wir vollkommen wehrlos und der Kapitän lief, flennend wie ein altes Weib, auf dem Verdeck umher. Der Steuermann, ich und der zweite Passagier, machten mit den Geschützen einige Demonstrationen, indem wir sie anscheinend luden und auf die Dschunke richteten, doch näherte sich das verdächtige Fahrzeug mehr und mehr. Um 11 Uhr Vormittags war es so nahe, daß wir in jedem Augenblicke fürchteten, geentert zu werden. Es wäre unfehlbar geschehen, hätten die chinesischen Lumpe um unsere wehrlose Lage gewußt, aber sie schienen sich noch mehr vor uns, wie wir vor ihnen zu fürchten. Lautlos schoß die Dschunke dicht an unserem Spiegel vorbei, hundert Augen schienen uns aus dem Innern zu beobachten; auf dem Verdeck war keine lebende Creatur zu erblicken. Bald darauf entschwand das unheimliche Fahrzeug unseren Blicken.

Für den Fall, daß ein europäisches oder amerikanisches Schiff in Sicht kommt, haben wir aus allerlei Fetzen Nothsignale zusammengestoppelt und aufgehißt, aber unser Argus pfeift aus dem letzten Loche. Er treibt seitwärts, wie ein Wrack vor den Wellen, und noch sind wir ungefähr zwölf Seemeilen von Chifou entfernt. Wir blicken fortwährend gen Himmel, nur ein günstiger milder Windhauch vermag uns zu retten. Am 11. October Abends schien eine gute Brise aufspringen zu wollen; schon fünf Minuten später war sie wieder erstorben. Gleich darauf drangen die Matrosen auf den Kapitän ein, und forderten Wasser; bei ihren drohenden Geberden blieb nichts übrig, als es ihnen zu bewilligen. Morgens verweigerte mir der Koch sowohl 240 einen Schluck Wasser, wie eine Tasse Kaffee, erst nach fürchterlichen Drohungen und Vorwürfen: der englische Passagier habe Beides erhalten, wurde mein Verlangen befriedigt.

Das Elend verbrüdert die Menschen, die Matrosen nähern sich mir, in dessen Augen sie Theilnahme lesen, und ich entdecke unter ihnen einen Landsmann, dem ich seine Lebensgeschichte abfrage. Auf Helgoland geboren, hat er schon im zehnten Jahre Vater und Mutter verloren, und ist auf einem holländischen Kauffahrer als Schiffsjunge nach Java gegangen. Unterstützt durch einige Ersparnisse, hat er in reiferen Jahren sein Glück als Goldgräber in Australien und Californien versucht, auch wirklich in jedem dieser Länder an 500 Pfd. St. gewonnen, aber durch eigenen Leichtsinn und böse Beispiele bald wieder verloren. Zehnjährige Dienste als Steuermann brachten ihn abermals in den Besitz einer Summe von 3000 Dollars, mit denen er nun ein reicheren Gewinn versprechendes Geschäft zu unternehmen gedachte. Er kaufte europäische Gewehre und Revolver, verschiffte sie, gemeinsam mit einem Kameraden, in einer gemietheten chinesischen Dschunke und begab sich zu den Rebellen (Taiping's), um sie dort für den doppelten Preis zu verkaufen. Die unglücklichen Schmuggler wurden von den Engländern, den Verbündeten der Chinesen, erwischt, und dem englischen Consul in Shanghai, nachdem man sie des letzten Hellers beraubt, an Händen und Füßen mit Ketten beladen übergeben. Der Matrose meinte, er und sein Freund würden sich, falls sie den Chinesen in die Hände gefallen wären, zur Wehre gesetzt und einen ehrlichen Soldatentod der Gefangenschaft vorgezogen haben. Von 241 dem Widerstande gegen Engländer hätte sie der drohende Galgen abgeschreckt. Die Waffenspeculation sollte ihnen sehr schlecht bekommen; sie wurden zu 1000 Dollars Geldstrafe oder sechs Monaten Gefängniß verurtheilt, und entschlossen sich, da ihnen kein Farthing zu Gebote stand, letztere abzusitzen. Aus dem Gefängnisse waren sie direct auf den Argus gegangen; 55 Jahre alt, mußte der unglückliche Helgoländer jetzt von vorn anfangen. Sein Beispiel steht nicht vereinzelt da. Mir sind in den indischen und chinesischen Gewässern viele deutsche Matrosen begegnet, die durch die hohen Löhne und die Hoffnungen auf Ersparnisse verlockt, ihr Leben in diesen Gegenden zugebracht, aber meistentheils nichts erübrigt hatten. Die sinnlose Lebensweise der Seeleute mag hauptsächlich die Schuld tragen, wenn die unbesonnenen Menschen noch in späteren Jahren sich allen Mühseligkeiten des harten Schiffsdienstes unterziehen mußten. Eines weiteren Urtheils über meinen guten Helgoländer enthalte ich mich weislich, trotzdem sein Gesicht zu den sogenannten Galgenphysiognomien gehört und zu einer psychologischen Analyse herausfordert. Der Widerspruch zwischen den sanften, elegischen Mienenspielen berühmter indischen Großen und Mandarinen und ihren Blutthaten hat mich an der Richtigkeit der Wissenschaften Lavaters und Galls vollkommen irre gemacht. In Parenthese bemerkt, kann von seemännischen Ersparnissen gegenwärtig nicht wohl die Rede sein. Die Course an der Matrosenbörse stehen sehr niedrig. Noch vor einigen Monaten wurde der Kopf monatlich mit 30 Dollars bezahlt, jetzt ist der Preis in Folge des starken Angebots auf die Hälfte hinabgesunken.

242 Der Wassermangel plagt uns am ärgsten. Die Matrosen erhalten zwar regelmäßig ihr Glas, kommen aber niemals damit aus. Es ist absolut unmöglich, diesem Volk begreiflich zu machen, daß in einer solchen traurigen Lage jede denkende Creatur auch für den nächsten Tag zu sorgen habe. Auf den durch Trunk schwachsinnigen Kapitän ist nicht zu rechnen; es bleibt mir nichts übrig, als mein geringes Pidjen Englisch zusammenzuraffen und den schmachtenden Menschen gütlich zuzureden. Ihr Anblick ist gräßlich, vor Hunger und Durst sind ihre Augen tief in die Schädel zurückgesunken, und ich selber weiche consequent den halberblindeten Spiegelscherben in der Kajüte aus, da mir das Gefühl sagt, ich sehe nicht besser aus, als die übrigen Dulder. Unglücklicher Weise trauen mir die Matrosen nicht, wenn ich ihnen meine abgezehrten Hände hinreiche und die brennend heiße, vertrocknete Zunge ausstrecke; der Kapitän hat sie zu oft durch allerlei leere Ausreden getäuscht, sie behaupten: in der Kajüte würden heimliche Vorräthe aufbewahrt und wir stillten hinter ihrem Rücken Hunger und Durst. Eine Revolte steht nahe bevor. Dessenungeachtet sind der Kapitän und Steuermann weit entfernt, mit uns beiden Reisenden gemeinsame Sache zu machen, ersterer entblödet sich nicht, ganz laut zu sagen: »alles Unglück käme nur von uns Passagieren, der Teufel solle ihn neun und neunzig tausend Mal holen, wenn er jemals einen mitnehme!« Ich trenne mich nicht mehr von meinem Revolver. Obwohl unser geringer Wasservorrath auf die Neige geht, leidet der Kapitän nicht Durst; er entwickelt unausgesetzt neuen Whiskey. Drei an der Dysenterie leidende Matrosen sind von uns noch am 243 glücklichsten. Sie erhalten allabendlich aus den Händen des Doctors, d. h. des Steuermannes, drei riesige Opiumpillen und müssen sie unter seinen Augen verschlucken, ein solches Extraordinarium an Consumtibilien ist bei der Sachlage nicht gering zu veranschlagen. Ich habe für mein Theil ein Auge auf die zahlreich vorhandenen Heftpflaster der sogenannten Schiffsapotheke geworfen, über ihre Zurichtung bin ich mit mir noch nicht einig. Hinsichtlich unserer Mahlzeiten sind wir jetzt auf die letzten Fragmente von Schiffszwieback angewiesen, und habe ich mir am 11. October an diesem Urgebirge von Backwerk einen nur wenig schadhaften Backzahn ausgebissen. Der Wind ist uns noch immer ungünstig und der Argus wird in der Bai von Wogen und Strömungen hin- und hergetrieben. Aus Verzweiflung legen wir uns auf den Fischfang, jedoch ohne den geringsten Erfolg. Auf die Sorte, vom Hayfisch bis auf den Stint hinab, käme es uns gar nicht an, wir äßen die Beute ohnehin roh; aber nichts, was Flossen hat, will anbeißen. Unter den Matrosen stehen nur noch drei weiße Arbeitskräfte zur Verfügung. Wären wir abergläubisch, wir hätten Ursache, an unser herannahendes letztes Stündlein zu glauben; eine graue Ohreule saß den ganzen Vormittag über auf dem Vordermast und besichtigte uns als eine wohlverbürgte Mahlzeit. Um dem Schicksal wenigstens hartnäckigen Widerstand zu leisten, habe ich die Ueberbleibsel von meinen Zwiebacks-Diners und Soupers gesammelt, mit der Breitseite des Beils pulverisirt und als »Revalenta Arabica« für die äußersten Fälle aufbewahrt. Mein Helgoländer hat mir dabei Hülfe geleistet und erzählt, daß er auf einer seiner Fahrten zwei und vierzig 244 Tage von ungekochtem Reis gelebt habe. Die Nachsuchungen an Bord werden fortgesetzt und wirklich konnte sich der Steuermann der Entdeckung einer Büchse Anchovis rühmen, die leider durchaus ungenießbar war. In Folge der mangelhaften Ernährung leidet jetzt die gesammte Mannschaft an der Dysenterie, und der starke Arzeneiverbrauch zwingt den Steuermann, die Kranken auf halbe Pillendiät zu setzen. Gegen Abend fiel das erste Opfer der Hungersnoth, mein getheerter Kajütengenosse. Er hatte mich den Tag über mit schwermüthigen Blicken verfolgt und ich ihm wiederholt von meinem Zwiebackspulver angeboten, um 5 Uhr neigte er sein Haupt und verschied. Ich weinte ihm eine heiße Thräne und verzehrte dann den Bissen Pulver, den ich ihm so eben hingehalten, selber. Kurz vor Sonnenuntergang zertheilten sich die Wolken und in einer Entfernung von ungefähr zwei Meilen erschien das Festland mit Chifou. Es wurden unsägliche Anstrengungen gemacht, den Hafen zu erreichen, aber ohne Dampfkraft und ausreichende Segel war es unmöglich. In der Nähe eines riesigen starren Felsenblocks befahl der Capitän die Anker auszuwerfen. Am 13. October sank in den Frühstunden das Barometer so tief, daß wir uns auf einen Sturm vorzubereiten hatten. Um sechs Uhr begann das grauenhafte Concert wirklich, und nun hängt unser Wohl und Wehe allein von der Haltbarkeit der Anker, ihrer Ketten und Taue ab, doch verlief der Tag leidlicher, als ich nach der Eröffnung der Matinée vermuthet hatte. Der Sturm sollte am 14. October an Stärke noch wachsen, und alle Wellen stürzten über das Verdeck des Argus. Die Kälte nimmt zu, mit zitternden Händen habe ich alle meine 245 dickeren Röcke angelegt, und mich bebend vor Heißhunger und Frost in der Kajüte auf meiner Matratze ausgestreckt. Zu meinem Glück hat der englische Agent in der vergangenen Nacht das geheime Whiskey-Magazin aufgefunden und einige Flaschen in Sicherheit gebracht, wir halten ein köstliches Tiffin: Zwiebackpulver mit Whiskey-Tunke. Der Agent hat außerdem ein Schauessen auf den Tisch gesetzt, einen abgenagten Schinkenknochen aus dem Nachlaß des vorgestern verstorbenen Theerspitzes! Auf Hülfe aus dem Hafen von Chifou dürfen wir nicht rechnen. Einmal sind alle Dschunken in das Innere der Bucht zurückgezogen, dann ist es aber auch nicht die Sache der Chinesen, sich mit gefährlichen Rettungsversuchen abzumühen. Unsere heutige Mittagsmahlzeit bestand in elf, im Schiffsraume aufgefischten Kartoffeln, in welche sich fünf Mann getheilt haben; wie wird das enden?! 246

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