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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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III.

Ueber den Nil. Ein orientalischer Dandy. Mr. Abdallah. Das Urtheil des Kadi. Dr. Reil's Heilanstalt. Bier-Müller in Alt-Kairo. Nach Suez durch die Wüste. Die Ueberlandpost. Der Dampfer Jeddo.

Das Tempo der etwa sechsstündigen Eisenbahnfahrt war sehr gemäßigt gewesen, doch hatte ein Landschafter keine Ursache, darüber unzufrieden zu sein. Die Nilüberschwemmung war auf dem höchsten Stande angelangt, und die Aussicht aus den Waggonfenstern auf viele Hundert kleiner und großer Dörfer, die auf Erderhöhungen, wie Inseln in einem unübersehbaren Landsee lagen, gewährte ein überaus reizendes Schauspiel. Den Nil selber passirte unser Zug zweimal auf großartigen und, wie es schien, sehr soliden Brücken. Ueber meine Reisegesellschaft habe ich nur wenig zu berichten. Mein vis-à-vis im Coupé war ein reicher junger Zierbengel aus Kairo. Unsere beiderseitigen Sprachkenntnisse gestatteten keine Unterhaltung, denn der elegante Reisende vermochte auf keine der landläufigen Phrasen zu antworten, die ich in französischer und englischer Sprache vorbrachte; ich beschränkte mich daher auf das Studium des orientalisch stylisirten Dandythums, das der Sohn von 25 Kairo schon in einer förmlichen Carricatur repräsentirte. Seine aus den feinsten Stoffen angefertigte Garderobe war über und über mit Gold gestickt. Als die Stunde des Mittaggebetes heranrückte, zog er einen kostbaren Smyrna-Teppich, den er eigends zu diesem Zweck mitgebracht haben mochte, aus einer Leinwandhülle hervor, breitete ihn auf dem Sitze aus, und verrichtete, nach Mekka gewandt, das vom Propheten vorgeschriebene Gebet. Seine Andacht kann dabei nicht sehr tief gewesen sein, denn er musterte mich während dieses religiösen Actes fortwährend mit Seitenblicken und schien mit meiner ernsthaften und aufmerksamen Haltung vollkommen zufriedengestellt.

Das Pyramiden-Hotel in Kairo liegt, wie schon sein Titel andeutet, unsäglich schön, und die deutschen Wirthsleute empfingen mich sehr liebenswürdig, allein es litt mich nicht im Hause. Eine halbe Stunde nach meiner Ankunft machte ich in Begleitung des Herrn R., eines liebenswürdigen Landsmannes, der mich im Hotel erwartet, einen Spazierritt und erneuerte meine Bekanntschaft mit der alten Wunderstadt. Am anderen Morgen engagirte ich einen Dragoman, der sich nur wenig besser, wie ich auf die arabische Sprache, auf die englische verstand, und nahm die verschiedenen Sehenswürdigkeiten, darunter zunächst die Citadelle, in Augenschein. Bei dieser Gelegenheit, wie bei einem Eselritt nach Schubra überzeugte ich mich, daß Mr. Abdallah, der Dragoman, seinen Verpflichtungen nicht sonderlich gewachsen war, daß die Hauptschwierigkeit für ihn wesentlich darin bestand, sich mir in englischer Mundart verständlich zu machen. Daß ich mich im Oriente befände, sollte mir schon in der zweiten Nacht meines Aufenthalts 26 in Kairo nachdrücklich eingeschärft werden. Ermüdet von dem Ritt nach Schubra und mehrstündigen angestrengten Arbeiten, war ich Abends kaum eingeschlafen, als mich ein heilloser Lärm vor den Thüren des Hotels wieder vom Lager aufschreckte. Ein junger Grieche von guter Familie wurde schwer verwundet hineingetragen und der Sorge der Wirthsleute empfohlen; in einem Streite mit Landsleuten hatte er einen Stich in den Unterleib erhalten.

Da Kairo bereits eine Hauptstation auf der Route der unternehmenderen Touristen bildet, und in zahlreichen Reisebeschreibungen die gründlichsten Anweisungen, seine architektonischen, landschaftlichen und socialen Merkwürdigkeiten kennen zu lernen, enthalten sind, übergehe ich meine Partien in der Stadt und ihrer Umgegend mit Stillschweigen. Die künstlerische Ausbeute derselben habe ich in meinen Aquarellen aufbewahrt, aber oft genug bedauert, mich nicht der Gesellschaft eines talentvollen Genremalers zu erfreuen, der die unterhaltenden Scenen aus dem Leben des Tages fixirte.

Am 13. October war der Vicekönig Said Pascha von Alexandria angekommen, und die Bevölkerung von Kairo hatte seine Rückkehr von Constantinopel durch eine großartige Illumination gefeiert, die bei ihrer Feuergefährlichkeit die Haare jedes Europäers sträuben machte; wir kamen indessen ohne Feuersbrunst davon. Nur die nackten Rücken einiger Neger, die sich allzu unvorsichtig unter die brennenden Schwärmer gemischt hatten, wurden jämmerlich versengt, und dennoch vermochten sie nicht ihrer Neugier Einhalt zu gebieten. Der nächste Tag ist mir durch eine großartige Prügelei und ihre richterliche Entscheidung unvergeßlich. 27 Zwei Araber waren über einander hergefallen und schlugen fürchterlich darauf los. Wenn ich meinen Dragoman Abdallah richtig verstanden habe, so betrug das Streitobject noch nicht einen halben Silbergroschen. Der Kampf war nahe daran, in Mord und Todtschlag auszuarten, als die Polizei sich in's Mittel legte. Die beiden Streiter wurden in Begleitung eines Zeugen vor den Kadi geführt. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, der Escorte, doch leider nicht der gerichtlichen Verhandlung – zu folgen. Die Entscheidung des alten Rechtsgelehrten ist mir noch heute unerklärlich, denn er verurtheilte nicht nur die beiden Kampfhähne, sondern auch den Zeugen zur Bastonnade, die sogleich, ein musterhaftes Beispiel schneller Gerechtigkeitspflege, in seiner Gegenwart mit dünnen Bambusstäben vollstreckt wurde. Mein Vertrauen zur orientalischen Rechtspflege hat durch die Abprügelung des nichts ahnenden Zeugen nicht gewonnen. Als später ein bekannter preußischer Abgeordneter in der Kammer dem Justizminister in den Bart warf: er für sein Theil wolle sich im Orient lieber an den nächsten Kadi wenden, als an den preußischen Consul, fiel mir der alte Grimmbart von Kairo ein, und ich glaubte als Antwort auf diese starke Behauptung das Jammergeschrei des Zeugen zu hören. Nach eingezogenen Erkundigungen erfuhr ich, daß derartige Fälle nicht vereinzelt dastehen; man glaubt durch eine gleichmäßig vertheilte körperliche Züchtigung allen in einen Auflauf Verwickelten einen heilsamen Schrecken einzuflößen. Das Gerichtsverfahren ist übrigens öffentlich. An demselben Tage langte von Alexandria die Nachricht an, daß es gelungen sei, die Mörder eines reichen Kaufmanns, der getödtet, in Stücken 28 geschnitten und in einen Brunnen geworfen war, in den Personen eines preußischen Schlächtergesellen und zweier Malteser zu ermitteln. Was aus den Verbrechern geworden ist, weiß ich nicht anzugeben, doch scheint auch die Criminaljustiz hier von anderen Grundanschauungen auszugehen, als in unserer nordischen Heimath. Sechs Wochen vor meiner Ankunft hatte ein Grieche aus Rache einen seiner Landsleute erschossen. Eingezogen und vor Gericht gestellt, suchte er sich damit zu entschuldigen, daß er die That nur aus Versehen vollbracht und sich in der Person des Getödteten geirrt habe; seine Absicht sei ursprünglich gewesen, einen Andern zu erschießen. Dieser Aussage entsprechend, kam der Mörder mit einer gelinden Strafe davon.

Meine Abreise rückte heran, und ich beeilte mich, geleitet von unserem preußischen Consul, einen Besuch in Dr. Reil's Heilanstalt für Brustleidende in der Abasy am Rande der Wüste abzustatten. Nach dem Aussehen der Patienten und ihrer frohen Zuversicht muß der genannte Arzt in der gesunden Luft der angrenzenden Wüste außerordentliche Heilresultate erlangen. Auch das gesunde Individuum fühlt, wie in dieser trefflichen Atmosphäre der Athmungsprozeß leichter vor sich geht. Dr. Reil's Anstalt war stark besucht und zeigte durchaus nicht das Aussehen eines Krankenhauses für tödtliche Leiden, sondern die ansprechende Physiognomie eines klimatischen Kurortes. Unsere Zeit war beschränkt, und wir mußten uns mit einer flüchtigen Umschau begnügen, doch berührte uns die bequeme Einrichtung des Hauses und der gesellschaftliche Ton desselben äußerst wohlthuend.

29 Am Morgen des 17. October wurde ich beim Kaffee durch die Nachricht überrascht, Kairo sei um 5 Uhr Morgens durch zwei bedeutende Erdstöße aufgeschreckt worden; ich habe sie unglücklicherweise verschlafen und bedaure, die damit verbundene Empfindung nicht beschreiben zu können. Den Nachmittag desselben Tages brachte ich mit deutschen Landsleuten, die überwiegend schwer leidend hierher gekommen waren, aber sich so erholt hatten, daß sie ungehindert ihren Berufsgeschäften nachgehen konnten, auf der Esbekieh zu, dem Rendezvousplatz von Kairo. Der Fremde theilt die Esbekieh (der Accent liegt auf dem letzten Diphthongen), wie den Markusplatz in Venedig, mit den Bettlern, Gauklern, Kranken und Musikanten der Stadt, und sucht seine Unterhaltung in dem Gemisch komischer und tragischer Scenen, wie sie das zwanglose Leben der Orientalen herbeiführt. Ich habe mich niemals in Aegypten zum Ankauf eines Kantschus entschließen können, aber ich will nicht leugnen, daß ein derartiges Instrument, auch wenn man nie davon Gebrauch macht, zu den segensreichsten Demonstrationsmitteln im Verkehr mit den niederen Klassen der Eingeborenen gehört. Da meine Gesellschafter mit diesen Nothwendigkeiten des orientalischen bürgerlichen Lebens zum Theil versehen waren, wurden wir von den zahllosen Vagabonden nicht ungebührlich behelligt, doch bleibt der Mangel an kleiner Münze in einem Lande, wo man unaufhörlich um »Backschisch« angesprochen wird, und das armselige, wirklich hilfsbedürftige Gesindel, ohne Anwendung von Gewaltmaßregeln, nur durch eine geringe Gabe loswerden kann, immer drückend. Nicht selten habe ich, um die verkommenen Leute nicht mit leeren Händen gehen 30 zu lassen, zehnmal mehr gegeben, als billig und bei der weiten Ausdehnung meiner Reise verständig war. Aber man begegnet hier Leidenden, die uns die entsetzlichen Beschreibungen der örtlichen Ausschlagskrankheiten in den Büchern des alten Testaments vergegenwärtigen, und den Fremden, der in den civilisirten Ländern Europas dergleichen nur in den Spiritusgläsern der anatomischen Museen zu Gesichte bekommt, mit dem tiefsten Mitleid erfüllen. Und doch gewöhnt man sich an den Anblick; zuletzt rauchte ich meinen Tschibuck und genoß die kalte Limonade, ohne Ekel zu empfinden.

Auf der Esbekieh erfuhr ich aus den Mittheilungen der Gäste in den Kaffeehäusern, daß die Bevölkerung von Kairo, trotz der Illumination und der Feuerwerke von einer der letzten Finanzspeculationen des Vicekönigs nicht eben erbaut war. Se. königl. Hoheit hatte für mehrere hunderttausend Thaler Säbel und Gewehre in Europa angekauft und importirt, diese aber sogleich zu dreifach höheren Preisen in den Städten des Landes verkauft. Die Besitzer sollten sich der Waffen nicht lange freuen. Bald darauf wurden Säbel und Gewehre, unter der Erneuerung einer polizeilichen Verfügung, daß Niemand Mord-Instrumente bei sich tragen dürfe, ohne Entschädigung der Käufer wieder eingezogen, und der Vicekönig hatte eines der einträglichsten Geschäfte gemacht.

Unsere Nachmittage und Abende bringen wir, wenn keine Partien unternommen werden, wie wir denn neulich einen Ausflug zum »Biermüller« nach Alt-Kairo veranstaltet hatten, gewöhnlich auf der Esbekieh zu. Immer giebt es etwas Anziehendes zu sehen. Auch ein prächtiger 31 Hochzeitszug marschirte neulich in allem Glanz und Schmuck des Orients vorbei. Das Alter der Braut wurde auf 11 Jahre, das des Bräutigams auf 15 Jahre angegeben. In dem Zuge befanden sich gleichzeitig einige kleine Knaben, an denen die Operation der Beschneidung bei dieser feierlichen Gelegenheit verrichtet werden sollte. Kaum hatten wir den Festpomp aus den Augen verloren, als ein Treiber an der Seite seines mit Zuckerrohr beladenen Kameeles vorüberschritt. Wir sollten ein lehrreiches Beispiel arabischer Industrie kennen lernen. Ein kleiner Knabe haschte nach einigen aus dem riesigen Bündel zu Boden hängenden Rohren, klammerte sich fest daran und kauerte sich an die Erde. Das Kameel schritt weiter und der Kleine behielt die erbeuteten Rohre in den Händen zurück. Der Treiber hatte nichts gemerkt. Sogleich zog der Dieb ein Messer, schnitt die Rohre in Stücken, breitete darunter einen schmutzigen grünen Lappen auf der Straße aus, und begann ein kleines kaufmännisches Geschäft. Die zerlumpten Kinder aus der Nachbarschaft versammelten sich vor der improvisirten Delicatessenhandlung, und bald waren die Debatten über den Werth der Waare und den geforderten Preis im Gange.

So gewissenhaft ich meine Zeit benutzte, die Tage meines Aufenthalts in Kairo waren doch gezählt. Schon am 17. October waren an 150 Engländer von Alexandria eingetroffen, die mit dem nächsten abgehenden Dampfer nach Indien zu fahren gedachten, ich hatte also geringe Aussicht, einen guten Platz an Bord zu erhalten, da die englischen Capitäne ohnehin ihre Landsleute stets 32 bevorzugen. Am 21. October glaubte ich nicht länger warten zu dürfen.

Kairo und Suez sind jetzt durch eine Eisenbahn verbunden, ich begab mich daher um sieben Uhr Morgens, wie in jeder europäischen Stadt nach dem Bahnhofe, bezahlte mein Billet, incl. der Ueberfracht mit zwei Pfund Sterling, und nach einer halben Stunde setzte sich der Zug mit mehr Lebhaftigkeit, als auf der Strecke zwischen Alexandria und Kairo in Bewegung. Der Reisende fühlte die Bedeutung einer drei Welttheile verbindenden Straße und der Ueberlandpost heraus. Trotzdem saß ich, wie zwischen Löbau und Zittau, allein in einem Coupé. Der Zug sauste durch die Wüste; in der tiefen Einsamkeit war mir zuweilen zu Muthe, als würde ich von dem Genius der Lampe oder des Ringes in Tausend und eine Nacht, durch die Wolken in ferne Lande geschleppt. Ein starker Wind wehte, und der Zug wurde häufig von hohen und dichten Staubsäulen umwirbelt. Legte sich der Wind, so zeigten sich zu beiden Seiten des Waggons in der Ferne Luftspiegelungen (Mirage). Den ganzen Vormittag sah ich bald rechts, bald links: Seen und Flüsse, Wälder und Gebirge schienen sich in ihnen abzuspiegeln, Palmen und Pyramiden ihre Gipfel in die Fluthen zu neigen. Alles war eine Illusion, wie die Hoffnung im menschlichen Leben. Endlich versprach ein tiefblauer Streif am Horizont mehr Wahrhaftigkeit und irdischen Bestand. So irre ich an dem Trug der Dünste und meinen Sehnerven geworden war, ich behielt ihn fest im Auge, und wirklich löste er sich nicht in die gewöhnlichen Luftspiegelfechtereien auf; der tiefblaue Streif war – das rothe Meer, das Grab Pharaos.

33 Nach der schwermüthigen Fahrt war der Empfang in dem herrlich gelegenen Suez-Hotel höchst behaglich. Bei hohem Wasser rollen die Wogen des rothen Meeres bis an die Fundamente des Hauses; bei der nicht übermäßigen Zahl der Gäste hatte ich ein Zimmer mit der Aussicht auf die See erhalten. Der Besitzer des Hotels ist der Vicekönig, doch hat es die englische Compagnie unter äußerst vortheilhaften Bedingungen gepachtet. Sie bezahlt eine Jahres-Miethe von 150 Pfd. Sterling, dagegen hat der Vermiether, da in ganz Suez kein Tropfen süßen Wassers vorhanden ist, contractlich die Verpflichtung übernommen, den Bedarf des Hotels täglich mit dreißig Schläuchen Nilwassers von Kairo herüberzuschaffen. Die Transportkosten betragen nun aber jährlich nicht weniger, als 200 Pfd. Sterling, und der Vicekönig hat, die Unterhaltungskosten gar nicht veranschlagt, bei seinem Hotelunternehmen jährlich 50 Pfd. St. Schaden.

Da der Dampfer von Marseille mit dem Ueberlandpost-Felleisen noch immer nicht in Alexandria telegraphirt war, hatte ich bis zur Ankunft der englischen Passagiere noch mehrere Tage Zeit, die ich denn auch treulich zu Naturstudien verwandte. Wenn ich mir nach einem achttägigen Aufenthalte einen Schluß erlauben darf, so ist Suez einer der gesundesten Orte der Welt. Nur vor der unmittelbaren Einwirkung der Sonnenstrahlen hat man den Kopf und die Hautoberfläche zu schützen. Die Tagesgluth wird durch die Nähe des Meeres gemildert, nach Sonnenuntergang aber entwickelt sich bei vollkommener Trockenheit der Luft eine angenehme Kühle in derselben, hinsichtlich deren ich Suez keinen anderen Ort an die Seite zu setzen weiß. 34 Vor Sonnenaufgang fällt starker Thau, den Tag über weht in dieser Jahreszeit eine starke Brise aus Nordost.

Mit den Fliegen muß ich hier leider auf einem noch gespannteren Fuße leben, wie in Alexandria und Kairo. Sie bringen mich bei meiner Arbeit fast zur Verzweiflung; ihre Hartnäckigkeit kann einen thätigen Menschen wahnsinnig machen. Sie kriechen in Nasenlöcher und Ohren, sie setzen sich mitten in die Augen, und hat man sie verscheucht, so hinterbleibt ein Aetzen und Brennen, als ob sie gleich bösartigeren Insecten einen giftigen Saft ausschwitzen. Die Aquarell-Farben fressen sie mir unter den Händen, vom Papier, von der Pinselspitze weg. Oft habe ich bei dem Wohlgefallen gütiger Kunstfreunde über diese Blätter an die Qualen denken müssen, die ich bei ihrem Entwurf erlitten. Rette ich mich in die Wüste, so habe ich während der Promenade leidlich Ruhe, nehme ich unter dem Sonnenschirme aber von Neuem Platz und packe meine Geräthschaften aus, so fallen die kleinen Unholde wieder über mich her. Sie haben mich auf meinem Rücken begleitet, und unterwegs ihren Appetit geschärft. Einem Dragoman bin ich zwar in Suez entgangen, allein nicht einem Führer oder Lohnlakayen. Auf Schritt und Tritt verfolgt mich ein Muselsohn, der seiner Ausdauer nach eine verwandelte Fliege sein muß. Er spricht noch undeutlicher englisch, als Abdallah in Kairo, hat sich aber vorgenommen, mir die Sehenswürdigkeiten von Suez zu zeigen. Sie bestehen in einem paar mageren türkischen Pferden, einem schmutzigen Bazar, u. dgl. m., was die Natur bietet: das Meer, den Strand mit seinen riesigen Muscheln, die Farben des Himmels, brauche ich mir nicht von dem kundigen Eingeborenen 35 erläutern zu lassen. Seinen Bemühungen entsprechend ist indessen sein Tagelohn auch nur mäßig, echt deutsch. Reiche ich ihm nach vollendeter Arbeit ein paar Piaster (à 2 Sgr.), so spricht er dafür nicht seinen Dank aus, er ruft nur »all right«, verschwindet und erscheint am andern Morgen, als ob nichts vorgefallen wäre.

Suche ich am Feierabend Unterhaltung in der hiesigen Gesellschaft, so fehlt es keineswegs an Abwechselung. Von den in Suez anwesenden Dandys wird eine englische Huldin vielfach umworben. In Lyon ansässig, in den glücklichen Jahren einer »belle femme«, nach dem französischen Lexikon, reich begütert, hatte sie schon seit mehreren Monaten eine große Vergnügungstour nach Afrika und Asien unternommen, und befand sich jetzt auf dem Rückwege. Die Reise war übrigens nicht unergiebig gewesen, denn Kaiser Napoleon durfte hoffen, nach der Rückkehr der Schönen einen neuen Unterthan, vielleicht gar das Beste, was Arabien Frankreich liefern kann, einen neuen Soldaten, zu erhalten. Wie immer entwickelt das männliche England minder herzerfreuende Eigenschaften. Nur an Fatalismus glaubende Muselmänner werden folgende Unbill eines angetrunkenen Matrosen ertragen. Der rohe Bursche hatte auf dem Markt in einem griechischen Schlächterladen ein Stück Speck gekauft und hielt es nun den versammelten Muselmännern muthwillig unter die Nase. Einem jungen Menschen stieß er sogar das schmutzige Fett des für ihn verbotenen Thieres gewaltsam in den Mund. Und doch kam er ohne Mißhandlungen oder auch nur ohne eine Tracht Schläge davon.

Da unterdessen 101 Passagiere der Ueberlandpost 36 telegraphisch gemeldet worden waren, eilte ich, mein Billet auf dem kolossalen Dampfer Jeddo zu lösen und bezahlte dafür bis Bombay 75 Pfd. Sterling. Um 2 Uhr desselben Tages kamen 65 Franzosen beiderlei Geschlechts in unser Hotel, um Abends 5 Uhr wieder an Bord des französischen Dampfers l'Imperatrice zu gehen, der sie nach Ceylon und China bringen sollte. Um 4 Uhr überfluthete der von der Insel Mauritius kommende Dampfer uns von Neuem mit einem Schub Franzosen, die mit dem nächsten Nachtzuge gleich über Kairo nach Alexandria wollten, um dort in den Dampfer zu steigen und sich auf den Weg nach Paris zu machen. Ein schlichter deutscher Reisender kann auf dieser Weltstraße, in dem wilden Getümmel der hastigen Geschäftsleute, Seemänner und Soldaten, die auf Land und Leute auch nicht den flüchtigsten Blick werfen, den Kopf verlieren. Ich war gutes Muthes, das Billet war bezahlt und steckte in meiner Brieftasche, und als am 27. October plötzlich alle für Bombay angekündigten Passagire mit dem Bahnzuge von Kairo eintrafen und nur etwa 30 von ihnen im Suez-Hotel Aufnahme fanden, die Uebrigen aber noch spät Abends an Bord des Jeddo gehen mußten, legte ich mich noch einmal am Festlande ruhig aufs Ohr und schlief den Schlaf des Gerechten. Alle Anzeichen der Indienfahrt waren gut; der Bahnzug hatte mir einen Brief meines Bruders Julius mitgebracht. 37

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