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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 39
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XV.

Die Insel Desima. Nagasaki. Consul Kniffler. Der Fisch- und Blumenmarkt. Ein Colorist und seine Söhne. Demimonde von Nagasaki. Riesenspinnen. Nach Shanghai.

Der Tag endete freundlicher, als er begonnen hatte; um Sonnenuntergang warfen wir in der herrlichen grünen Bai von Nagasaki, zwischen malerisch geformten kleinen Inseln und Angesichts wunderlicher, winziger, mit Kanonen gespickter Forts, vor der Insel Desima, Anker. Die wörtliche Uebersetzung dieses japanischen Wortes lautet »Fächerinsel« und ihre Gestalt hat allerdings einige Aehnlichkeit mit einem aufgespannten Fächer, dessen breite Seite die offene See umspült. Desima ist eine holländische Ansiedelung. Das Glück wollte mir wohl, ich wurde von dem preußischen Consul Herrn Kniffler sehr freundlich empfangen und genoß das Vergnügen, die Nacht nach meiner Ankunft in einem guten Bette zu schlafen, doch wurde meine Ruhe mehr als billig durch vierfüßige Mitbewohner des Gemachs beeinträchtigt. Die Ratten- und Mäusezucht scheint unter dem Breitengrade von Nagasaki in hohem Flor, und dieses Geschlecht von Nagethieren mit dem Menschen auf höchst cordialem Fuß zu stehen. Die Kleinen hatten grade mein 205 Lager zum Tummelplatz ihrer nächtlichen Spiele ersehen und unzählige Male wurde ich durch die über mein Gesicht huschenden Mäuse oder die Saltomortale's der Ratten auf meinem Leibe aus dem Schlafe aufgeschreckt.

Am 14. September besichtigte ich einen Theil der Stadt, deren Plan und Bauart mich ungemein an Yeddo erinnerte. Zu dem aristokratischen Viertel Nagasaki's, das auf einer Terrainerhöhung gelegen ist und in dem sich auch das Hotel des Prinzen Gouverneur befindet, führen Treppen hinan. Hier sind auch die meisten Häuser von schönen Gärten umgeben. Die Straßen sind meistentheils gepflastert, der Bürgersteig zieht sich in der Mitte hin. Außerhalb der Stadt besuchte ich die wahrhaft romantisch situirte, beinahe fürstliche Behausung des Herrn von Sybold, und besichtigte das reichausgestattete Bibliothekzimmer und den mit Palmen und Bananen geschmückten Garten, von dem aus sich ein unvergleichliches Panorama der Bai erschließt; den würdigen Gelehrten selber fand ich nicht zu Hause. Er war auf einer naturwissenschaftlichen Excursion abwesend. In der Nähe bewunderte ich die Ueberreste eines abgebrannten großen Tempels, zu dessen Aufbau von der Regierung die nöthigen Fonds allmälig zurückgelegt werden. Das großartige Bronceportal und eine riesige Treppe waren noch erhalten, und ich beeilte mich, wenigstens ihre pittoresken Umrisse mit einigen Strichen zu Papier zu bringen. Auf die Zeichnung der nahestehenden Kampher- und Wachsbäume, die einigermaßen unseren Eschen gleichen, mußte ich verzichten, da die Einwohnerschaft der Umgegend mein Vorhaben mit großem Mißtrauen betrachtete.

Mein gütiger Wirth empfing mich bei der Rückkehr mit 206 offnen Armen. Herr Kniffler ist ein geborener Rheinländer und besitzt alle angenehmen Eigenschaften dieses lebenslustigen und aufgeweckten Menschenschlages. Unsere Mahlzeiten nehmen wir immer gemeinschaftlich ein und zwar in Gegenwart einer Menge von Zuschauern. Wir speisen Parterre bei offnen Fenstern, die jedoch der Vorsicht wegen mit eisernen Gittern verwahrt sind, und locken dadurch alle Japanesen an, die aus dem Innern des Landes nach Nagasaki kommen und noch keine Europäer, oder, wie sie sich mannigfaltig ausdrücken, die »preußischen Holländer,« die »französischen Holländer,« oder die »Holländer von England« gesehen haben. Nach ihren Begriffen ist nämlich Europa mit Holland vollkommen gleichbedeutend. Sie versammeln sich vor dem Hause, und stützen sich auf die, dasselbe umgebende Rampe, betragen sich aber durchweg manierlich. Die Insel Desima, auf der wir wohnen, wird von den Bewohnern Nagasaki's als eine Menagerie angesehen. Der Consul ist unerschöpflich in treffenden Witzen über die abenteuerlichen Gesichter und Gebehrden dieses Publikums. Seine Hünengestalt von sechs Fuß Höhe ist übrigens dazu angethan, auch dem kecksten Japanesen Respect einzuflößen. Gern zollte ich der Liebenswürdigkeit des theuren Landsmannes noch größere Anerkennung, verurtheilte mich dieselbe nicht bei meiner Körperschwäche zu einer schweren Pönitenz. Herr Kniffler ist seiner schadhaften Leber wegen verurtheilt, täglich mehrere Stunden zu lustwandeln und läßt mich nur ungern von seiner Seite. Bei seinen langen Beinen und dem Couriertempo des Marsches kommt diese Promenade für mich einem Wettlauf mit dem Oger in Siebenmeilenstiefeln gleich. Nach näheren Erkundigungen 207 ist der preußische Consul der gefürchtetste Spaziergänger auf Desima. Als Beitrag zur Charakteristik der Einträglichkeit hiesiger Speculationen will ich gleichzeitig ein kaufmännisches Unternehmen anführen, von dem sich mein Wirth viel verspricht. Er hat in Hacodade ein Schiff mit Seetang befrachtet, und nach China geschickt. Der Werth der Ladung wird von ihm mit 40,000 Dollars, der Reingewinn mit 20,000 Dollars veranschlagt.

Auf unseren Spazierläufen haben wir uns nicht über Mangel an Erheiterung zu beklagen. Der Consul spricht japanesisch oder übersetzt mir alle Ansprachen der Eingeborenen. Hielt man mich in Yokuhama für einen Arzt, so sieht man mich in Nagasaki für einen Schriftgelehrten, Saducäer oder Pharisäer an. Vor allen Anderen haben es die Bonzen auf mich, ihren vermeintlichen Collegen, abgesehen. Sie vertreten mir häufig den Weg, reichen mir ein Päckchen kleiner Papierblätter und ersuchen mich, etwas in meiner Muttersprache darauf zu schreiben. Habe ich ihren Wunsch erfüllt, so entfernen sie sich nach vielen Dankbezeugungen mit solcher Zufriedenheit, daß ich sie im Verdacht habe, sie halten diese Schriftproben für zauberkräftige Amulette. Nicht in der Lage, meine Phantasie zu erhitzen, beschränkte ich mich auf die einfachsten Autographen: »Schiller und Göthe, Müller und Schulze, Jenny Lind und Bullrich, Kladderadatsch und Palmerston« stehen auf der Tagesordnung. Im Verlauf der Zeit bin ich dahinter gekommen, daß nicht allein Wißbegierde oder Aberglauben die frommen Männer veranlaßte, mich um meine Handschrift zu bitten. Bei japanesischen Trödlern habe ich neben englischen und holländischen Brieffragmenten später mehrere der, von mir 208 beschriebenen Blätter wiedergefunden; sie werden, wie bei uns ähnliche Curiositäten, von Privatsammlern aufgekauft.

Gegen die Zudringlichkeit der Ratten und Mäuse sind jetzt Vorkehrungen getroffen worden. Mein Bett ist mit einer Enceinte von Fallen umgeben, und selbst in demselben, am Kopf- und Fußende, stehen zwei Mäusefallen. Es geht keine Nacht vorüber, in der nicht in jeder sich mindestens ihrer drei fingen. Die hiesige Species ist fast durchgehends weiß. Am Morgen findet vor der Hausthür die Hinrichtung statt. Mit derselben sind mehrere kleine Rattenfänger betraut, die, ohne eine der Friedensstörerinnen entwischen zu lassen, mit der Abschlachtung in unglaublich kurzer Zeit fertig werden. In meiner Abwesenheit pirschen zwei der kleinen Jagdhunde in meinem Zimmer und bringen mir bei der Rückkehr die erlegten Ratten als Beute dar. Ich bedaure, daß dieses Wild hier nicht als Gegenstand der Feinschmeckerei geschätzt wird, so reich ist der Bestand des Jagdreviers.

Ein Morgenspaziergang, den ich in der Absicht, meinen Appetit zu schärfen, etwas weiter, als meine Gewohnheit zu sein pflegt, ausdehnte, führte mich auf den Fischmarkt von Nagasaki und machte mich an der Reinlichkeitsliebe der Japanesen etwas irre. Bisher hatte ich keine Ahnung davon gehabt, welche Fülle von Gerüchen Fischen abgewonnen werden könne. Es duftete auf diesem vielseitigen Platze nach gebratenen, gekochten, gesalzenen, geräucherten, getrockneten, marinirten, vor allen aber nach – faulen Fischen. Nicht fünf Minuten vermochte ich in dieser Pestluft auszuhalten und floh spornstreichs. Die Aromen des benachbarten Blumenmarktes gewährten den schwerbeleidigten 209 Geruchsnerven einige Genugthuung. Ich wappnete mich mit einem Strauß gegen alle ferneren Miasmen und setzte meinen Weg durch eine breite und stattliche Straße fort. So frühe am Tage es noch war, es wurde doch schon, und zwar unter freiem Himmel, Komödie gespielt. Die Dekorationen bestanden nur in einer, auf dem Pflaster ausgebreiteten Decke, der einfachen Ausstattung entsprach die Zahl der Mitglieder; ich sah nur drei Personen: einen Krieger, einen Kleinbürger und eine »Musme,« die sich das kleine Stück hindurch nicht von den Knieen erhob, nichtsdestoweniger aber die beiden Herren durch ihre Zoten und Lazzi erheiterte. Selbst Improvisationen kamen vor, und wurden dazu die scheußlichsten Abbildungen auf dem Schilde eines Arztes benutzt, vor dessen Hause die fliegende Aufführung stattfand. Bei alledem war der Inhalt des kleinen Stückes tragisch.

Die Tempel, an denen ich vorüber kam, sehen, so viel Aufwand in den Ornamenten getrieben ist, einander zum Verwechseln ähnlich. Ein alter Japanese hatte sich mir angeschlossen und erklärte mir in gebrochenem Chinesisch alle Merkwürdigkeiten. Der gute Mann mochte dieses Idiom für eine Weltsprache halten, in der man sich, wie bei uns im Französischen, jedem wohlerzogenen Manne verständlich machen könne. Sehr lästig waren die bettelnden Kinder und Greise, die unser Gefolge bildeten. Ich hatte die Unvorsichtigkeit begangen, eine Handvoll kleiner Münze unter sie zu vertheilen, und dadurch den Schwarm so vergrößert. daß ich in dem Gedränge mich kaum vorwärts bewegen konnte. Consul Kniffler war mein Retter. Besorgt über mein langes Ausbleiben, kam er mir entgegen und theilte 210 die Menschenmasse wie ein schnellsegelnder Klipper die Meereswogen. Wir statteten, ehe wir zum Tiffin zurückkehrten, noch einem der berühmtesten hiesigen Genremaler oder vielmehr »Coloristen,« wie ich ihn in der plumpsten Bedeutung des Wortes wohl nennen darf, einen Besuch ab und trafen die Künstlerfamilie, einen Vater und seine drei Söhne, einen immer dümmer als den anderen, eifrig beschäftigt in ihrem Atelier. Sie hockten hinter einander auf dem Fußboden und malten auf Fußbänken mit Wasserfarben.

Die letzte Nacht wurde mir wieder durch die Ratten verbittert, ich habe mir daher einen großen Prügel zugelegt und schlage von Zeit zu Zeit mit vielem Lärm um mich. Anscheinend schüchtert diese hochpathetische Demonstration das Ungeziefer ein. Nach jedem Fortissimo halten sie eine Stunde vollkommen Ruhe. Den Ratten gesellt sich noch ein bohrender Zahnschmerz, der mich schon unterwegs verfolgt hat, jetzt aber den höchsten Grad erreicht. Ich ließ mich am 17. September dadurch nicht abhalten, eine, wie ich glaube, gelungene Aquarelle von Desima zu malen, und später die japanesische Regierungs-Eisengießerei, wie die projectirte Schiffswerfte, zu besichtigen. Consul Kniffler, der mir das Geleit gab, machte mir den Vorschlag, eine der berühmtesten Schönheiten des Ortes, ihres Zeichens »Lorette«, zu besuchen. Meine gesteigerten Erwartungen wurden in der That nicht getäuscht; die gefällige Grazie befriedigte hinsichtlich der Formenvollendung und des Zaubers der Gesichtszüge die Forderungen selbst eines wählerischen Künstlers. Nur ein, mehrmals um den Hals geschlungenes, dickes weißseidenes Tuch entstellte die Wangen und Schultern; 211 ich ersuchte sie, es zu entfernen. Anfangs weigerte sie sich, als aber auch der Consul darum bat, löste sie den Knoten, und nun zeigten sich am Halse einige, nicht leichte Verletzungen, die von Messerschnitten herrühren mochten. Die beklagenswerthe Schöne gestand dem Consul, daß eine Nebenbuhlerin ihr diese Verletzungen zugefügt habe, jedoch von der Polizei dabei betroffen worden sei. Gewiß lag für den Dichter des Demimonde von Nagasaki ein gar ergiebiger Theaterstoff vor.

Der 18. September machte mich mit einer großen Merkwürdigkeit bekannt. Eine Segelbarke von Korea war angelangt, um auf Desima Einkäufe zu machen. So schmutzige und verkümmerte, in das Affenthum hinüberstreifende Menschengebilde hatte ich nicht für möglich gehalten; der Tag sollte noch andere Curiosa bringen. Wir waren nach der, seitwärts von Nagasaki am Strande gelegenen englischen Niederlassung gefahren, wo ich eine Aquarelle zu Stande brachte. Zwischen den Bäumen hingen in großen Radnetzen ungeheuerliche Spinnen, die einem Entsetzen einflößen konnten. Der District war überhaupt allen Spinnen zuträglich, denn bald erblickten wir auf dem trocknen heißen Seesande eines dieser faustgroßen Geschöpfe, das zu lustwandeln schien. Wir riefen unsere beiden Rattenfänger, die niemals Bedenken trugen, über allerhand kleines Gethier herzufallen, und ihm den Garaus zu machen, und hetzten sie auf das haarige Scheusal. Eine derartige Attaque lag indeß außerhalb der Berufsthätigkeit der Köter. Kaum hatten sie die Spinne erblickt, als sie die Schwänze einkniffen und mit lautem Jammergeheul ausrissen. Die gefürchtete Arachne setzte ihrerseits gelassen ihre Promenade 212 fort, ohne sich um unsere Berührungen mit Stöcken viel zu kümmern. Abends fand in unserer Behausung noch ein kleines Souper statt, zu dem der Consul auch einen russischen Botaniker geladen hatte.

Die Unterhaltung bei Tische drehte sich um die leichtfertigen Landessitten, und ich hatte schon genug gesehen und gehört, um sie nicht allzu frivol zu finden. In dem Hausstande jedes unverheiratheten Europäers findet sich eine »Musme,« der im Garten ein kleines japanesisches Häuschen errichtet wird, in dem sie in Gesellschaft ihrer Dienerin den Tag zubringt, und die Mußestunden des Gebieters ausfüllt. Die ihr zugestandene Entschädigung hat sie mit der Behörde zu theilen. In der Wirthschaft macht sich die besagte Cameliendame weiter nicht nützlich, die Besorgung derselben fällt lediglich der männlichen Dienerschaft anheim. Nach den Angaben der Herren pflegen die Geldansprüche dieser Japanesinnen nur mäßig zu sein. Mancherlei wurde ferner über die Abneigung der Eingeborenen gegen die christliche Religion erzählt. Vor beinahe hundert Jahren war es der stillen Betriebsamkeit holländischer Missionäre gelungen, 200,000 Japanesen zum Christenthume zu bekehren. Die Regierung hatte schon lange dazu scheel gesehen, und viele Gläubige, wo es geschehen konnte, heimlich bei Seite schaffen lassen, bis sie sich endlich nicht entblödete, eine förmliche Christenverfolgung zu veranstalten. Die Bekenner unseres Glaubens sind jetzt wohl unter den Landesangehörigen vollständig ausgerottet. Auf der Reisausfuhr steht gleichfalls Todesstrafe, und wer in Japan Opium zu rauchen wagt, wird verbrannt. Viel besprochen wurde ein amerikanischer Steamer, den ich schon in Yeddo bemerkt 213 hatte, und der Niemanden außer Japanesen an Bord kommen ließ, denen er Revolver, und zwar zu unerhörten Preisen verkaufte. Er sollte ganz außerordentliche Geschäfte machen.

Die Bevölkerung von Nagasaki scheint gutartiger, oder vielmehr durch europäische Ungebühr und Mißhandlungen nicht so gereizt zu sein, wie die Einwohner von Yeddo, Yokuhama und Kanagawa. Ich bewege mich ungezwungen unter der Menge und werde überall mit Wohlwollen behandelt, man gestattet mir sogar, die Architektur der Tempel abzuzeichnen. Ein Leichenzug veranlaßte mich, den Sarg, der in einem Kübel bestand, in dem die Leiche wie bei Lebzeiten hockte, und das weiß mit rothen Schleifen trauernde Gefolge, allein nach dem Kirchhofe zu begleiten. Hier zeigte mir ein Japanese, der einige Brocken Englisch und Holländisch verstand, den Richtplatz und die Grabstätten der armen Sünder. Jede war mit einem großen Feldstein bedeckt, den eine Nummer bezeichnete. Kein Grab, das des reichsten Blumenschmuckes entbehrt hätte.

In Nagasaki und auf Desima leben nur zwölf Deutsche; die Bekanntschaften sind also ohne Unbequemlichkeiten zu machen. Mit vier der Herren hatten wir eine Soirée in einem eleganten Theehause verabredet, die der Landessitte gemäß arrangirt war. Wir tändelten mit unseren schönen Tischnachbarinnen, den Kostgängerinnen des Hauses, tranken ihnen und dem, die Honneurs machenden Jakonin in Champagner zu, wunderten uns bei dem Menu über ein, uns neues Gericht »Lotoswurzeln,« und kamen nach Mitternacht glücklich nach Hause, ohne Hals und Beine zu brechen. Während unserer Abendunterhaltung war ein kleiner Teifun mit Regengüssen ausgebrochen. Desto schöner und stiller 214 war das Wetter am folgenden Morgen, am 21. September. Alle Schiffe hatten, ein fabelhaftes Schauspiel, ihre Segel zum Trocknen ausgebreitet und die angenehme Witterung erfreute uns um so mehr, als wir bei dem Prinzen Timodsi zum Dejeuner eingeladen waren. Nach der gestrigen Damensoirée fanden wir Beide die officielle Abfütterung Sr. Hoheit etwas ledern. Prinz Timodsi war überaus zugeknöpft und sprach nur das Nothwendige, nicht das Ueberflüssige. Der Tag schloß mit einem lang ausgesponnenen, asiatisch üppigen Diner bei den Gebrüdern Adrian. In Erinnerung der gestrigen Mißhelligkeiten und Strapatzen wurden wir durch ein Corps von japanesischen Dienern, deren Jeder eine unanständig bemalte Papierlaterne trug, nach Hause begleitet, und sangen unterweges: des Deutschen Vaterland. Mein Aufenthalt in Japan geht zu Ende, die Jahreszeit rückt vor, und ich muß den, für Shanghai bestimmten Dampfer benutzen, wenn ich nicht anderthalb Monate verlieren will. Das Schiff sollte am 22. September Mittags zwölf Uhr in See stechen, ich stand daher um sechs Uhr auf, packte meine Sachen und ging eine halbe Stunde vor der Abfahrt, von Herrn Kniffler begleitet, unter preußischer Flagge an Bord. Der Dampfer Ta Kiang ist eigentlich nicht für den Postdienst bestimmt. Eine amerikanische Firma hatte ihn auf Speculation in der Hoffnung gebaut, der Taikun von Japan werde das zierliche kleine Schiff zu Lustfahrten kaufen; die Regierung hatte es indessen zu theuer gefunden. Nachdem Ta Kiang in allen japanesischen Häfen wie eine Ballkönigin kokettirt, ohne unter die Haube gebracht zu werden, blieb endlich nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen, 215 Passagiere an Bord zu nehmen und einen Käufer in China zu suchen.

Schon als wir Desima verließen, wurde mir klar, daß der Wirkungskreis des Ta Kiang die hohe See nicht sei; der kleine Steamer flog wie ein sogenannter »Seelenverkäufer« (Klotzkahn, Einbaum), über die hohen Wogen. Wir sind unser fünf Passagiere, deren Jeder 60 Dollars gezahlt hat, doch erschien nur einer derselben bei Tisch, die drei Anderen waren schon einen Knoten von Desima der Seekrankheit erlegen. Die Verpflegung war gut, Ta Kiang führt einen correcten Cognac, und zum Dessert wurden wir mit der japanesischen Frucht »Kakki« bewirthet, einer sehr wohlschmeckenden Obstsorte, die einen empfehlenderen Namen verdient. So schön das Wetter den ganzen Tag über war, ging ich doch schon um acht Uhr Abends zu Bette, da im strengsten Sinne des Wortes kein Platz vorhanden war, bequem zu sitzen oder umherzuspazieren. Die Nacht verging ruhig, ich habe vortrefflich geschlafen und genieße mit stiller Resignation eine Tasse elenden Kaffee's und einen Toast, dessen Butter unzweifelhaft schon mehrmals die Linie passirt hat, ohne davon dieselben Vortheile gezogen zu haben, wie der Dry Madeira. Als das warme Frühstück erschien, gingen mir jedoch die Augen über; die gestrige Mahlzeit war nur der letzte Nachklang des Marktes von Nagasaki gewesen. Ta Kiang erschien in seiner ganzen Größe, die gebratenen Speckschnitte setzten menschlichen Zähnen hartnäckigen Widerstand entgegen, die Eier waren zur Hälfte faul, der Rinderbraten mit ranzigem Brennöl angemacht. Zum Glück hatte eine riesige Welle mit mir Erbarmen, sie hob den Ta Kiang, warf ihn dann auf die 216 Seite und die gesammte Mahlzeit vom Tisch; ich flüchtete auf Deck und nahm meine Zuflucht zur Cigarre. Da die übrigen Passagiere das bessere Theil erwählt und vermöge ihrer Seekrankheit auf das Essen ganz verzichtet haben, werden gar keine Anstalten getroffen, uns durch das Mittagessen zu entschädigen. Der Rinderbraten vom Tiffin erschien in einer neu durchgesehenen, vom Staube des Fußbodens gereinigten Auflage, in Begleitung einiger Sardinen, nur das Ale war lobenswerth, doch wurde es in zu geringer Quantität kredenzt. In Betracht, daß mein Appetit sich mit jedem Tage bessert, meine Kräfte zunehmen, und einer der Passagiere, ein junger Engländer, auf Deck erscheint und die ersten Spuren von Eßlust zeigt, stelle ich nähere Untersuchungen über den vorhandenen Proviant an. Zu meinem Trost hängt auf dem Quarterdeck ein Schwein und das Hintertheil eines Hammels; unsere Subsistenzmittel sind folglich gesichert. Zum heutigen Tiffin gab es sogar »Kalbscottelets«, zu denen das Rüsselvieh das Fleisch geliefert hatte. Die Passagiere kommen, je mehr wir uns der Mündung des Yantsekiang nähern, allmälig zum Vorschein und sprechen von Seide und Thee. Nach ihren Angaben liegen die Geschäfte total darnieder, und sie berathen unter einander, ob man sich nicht lieber zurückziehen solle. Ich gehe dem brutalen, geldstolzen Gesindel aus dem Wege.

Um halb elf Uhr am 24. September fuhren wir an dem englischen Feuerschiff im Yantsekiang vorbei, und die Lebenslust der Passagiere kehrt zurück; sie schreien, wie der Hirsch nach frischem Wasser, nach »Brandy und Sodawater«. Der lehmfarbene Fluß ist hier drei deutsche Meilen breit und so tief, daß die Masten eines, mit Thee befrachteten, 217 vor einigen Tagen verunglückten Vollschiffes nur noch mit den höchsten Spitzen aus dem Wasser hervorragen. Gegen zwei Uhr kamen wir an der kleinen Stadt Woosung vorbei, und steuerten in den gleichnamigen Fluß. Das Treiben der Kauffahrer vor dem an sich nur armseligen chinesischen Orte ist ein sehr bewegtes, der Spiegel des Flusses ist mit englischen, schwedischem preußischen und Hamburger Schiffen, nebst unzähligen Dschunken bedeckt, am Ufer wehen die Consulatsflaggen. Ueberall sind die chinesischen Fischer dabei, den Bedarf für die Hauptmahlzeit des Tages zu fangen, unser Ta Kiang hält sich nicht auf; der Capitän will pünktlich um fünf Uhr in Shanghai eintreffen. 218

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