Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Kossak >

Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 37
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

XIII.

Bei Simodske. Die Burg des Taikun. Der unzugängliche Mikado. Der Rath der Dreizehn. Japan und Venedig. Schwarz lackirte Häuser. Der Tempel der Empfängniß. Ringer. Ein unbestrafter Brandstifter. Pillenpraxis. 20,000 Pfund Sterling. Eine Selbsthinrichtung. Nach Kamakura.

Der General-Consul empfing mich sehr zuvorkommend, entschuldigte sich aber, wenn er, durch Geschäfte verhindert, mich auf meiner Rundschau in der Umgegend des Tempels nicht begleitete. Er machte mir jedoch den Vorschlag, meinen, ihm schon in Yokuhama mitgetheilten Plan, den Geheimen Rath Simodske zu besuchen, auszuführen. Der hohe Beamte wohne in der Nachbarschaft, und ein »Kotzkei« (Diener) könne mich in einigen Minuten hinführen. Es wäre unschicklich gewesen, dem gütigen Manne zu widersprechen, doch konnte ich nicht umhin, vorher um eine kleine Herzstärkung zu bitten, die mir denn auch aus der bereit stehenden Theekanne verabreicht wurde. Durch den aromatischen Trunk neubelebt, machte ich mich, von des Consuls Kotzkei geleitet, auf den Weg und stand schon nach wenigen Minuten vor dem Portal des 175 Simodskeschen Besitzthums. Die üblichen Signale wurden gegeben, der Portier erschien, ich überreichte meine Visitenkarte, aber der überaus mißtrauisch blickende Hausdiener entfernte sich, ohne ein Wort der Entgegnung auf die Anrede des Kotzkei. Ich mußte auf seine Wiederkehr lange genug warten, und fand hinreichende Muße, meine thörichte Zudringlichkeit zu bereuen. Der edle Büreaukrat, als ich ihn zum letztenmale auf Ceylon gesprochen, hatte mich zwar förmlich eingeladen, ihn bei meiner Ankunft in Yeddo zu besuchen, allein ich erinnerte mich jetzt einer Menge vergeblicher Gänge, die ich in meinem Leben auf Grund solcher, nicht aufrichtig gemeinten Artigkeiten gemacht hatte. Zehn Minuten später kehrte der Portier zurück; Herr von Simodske war angeblich krank, sehr krank, und unfähig, mir eine Audienz zu gewähren. Aus dem fletschenden Lächeln des Bedienten erhellte, wie die Sache stand; ich war vollständig desavouirt. Es ist wohl unnöthig, ausdrücklich zu bemerken, daß mich zwei Yakonins mit einem Trupp Soldaten bis zu Simodske's Hotel, wenn ich die kleine Festung so nennen darf, begleitet hatten, und daß wir jetzt nach dem Tempel zurückkehrten.

Theils aus Ueberzeugung, die Zeit unseres Aufenthaltes in Yeddo sei karg gemessen, theils ans körperlicher Ermattung, verlangsamte ich, so scheel die Yakonins auch dreinschauten, meinen Gang und prägte, unfähig, die wechselnden Prospecte mit der Bleifeder oder dem Pinsel aufzubewahren, alle diese wunderbaren Bilder wenigstens meiner Erinnerung ein. Dort die in der Mitte von Yeddo liegende Citadelle mußte der Sitz des weltlichen Herrschers 176 oder Taikun (Tahku oder Teikun) sein. Man hatte mir viel davon erzählt, aber zugleich so viele Widersprüche vorgebracht, daß ich die Zahl der über die gouvernementalen Mysterien Japans verbreiteten Fabeln nicht durch meine Mittheilungen vermehren will. Schon vor Beginn meiner großen Tour habe ich ein goldenes Wort Goethe's als Motto über mein Tagebuch geschrieben: »Wenn jeder Mensch nur als ein Supplement aller übrigen zu betrachten ist, und am nützlichsten und liebenswürdigsten erscheint, wenn er sich als solchen giebt, so muß dieses vorzüglich von Reiseberichten und Reisenden gültig sein.« Ein ernster Kritiker wird mich kaum tadeln, wenn ich nur mit Widerstreben aufzeichne, was ich durch eigene sinnliche Wahrnehmung nicht verbürgen kann. Die Anwesenheit der japanesischen Gesandten in Berlin und ihr feierlicher Empfang bei Hofe hat die Aufmerksamkeit des deutschen Lesepublikums auf die seltsame Regierungsform dieses originellsten aller Völker gerichtet, und man weiß, daß Japan von zwei Regenten beherrscht wird, die sowohl was die weltliche (Taikun), als auch die geistliche Machtsphäre (Mikado) betrifft, eine, den ehemaligen Dogen von Venedig ähnliche, nur glänzend repräsentirende, in der That aber ohnmächtige Stellung einnehmen. Die Regierung des Landes soll eigentlich, wie früher in der Lagunenstadt, in den Händen einer mächtigen Aristokratie ruhen, deren Häupter den aus 13 Räthen bestehenden großen Staatsrath bilden, dessen Beschlüsse der Taikun nur schlechtweg zu unterzeichnen hat. Verdienen die Angaben der in Japan ansässigen Europäer Vertrauen, so ist der geistliche Regent eine fast unnahbare Größe. Sein Aufenthalt wird geheim gehalten, und selbst 177 der Ausgezeichnetste seiner Unterthanen ist noch immer nicht würdig, in sein Antlitz zu blicken. Bei Audienzen sitzt er, von unten aus nur bis zu den Schultern sichtbar, hinter einem Vorhange. Alle sieben Jahre empfängt er den Galabesuch des Taikuns. Beide Regenten werden unablässig von Spionen, und diese wieder durch gegenseitige Controlle überwacht. Der gegenwärtige Mikado soll angeblich ein junger Mann von achtzehn Jahren sein, der sein Leben in der Mitte eines Rudels schöner Frauen zubringt.

Auf dem Rückwege zu dem Tempel fielen mir die Häuser mehrerer vornehmen Japanesen auf. Sie waren, abweichend von der Landessitte, von Steinen ausgeführt, also feuerfest, schwarz angestrichen und sauber lackirt. Gleich den begüterten Aristokraten sollen auch die Inhaber werthvoller Waarenlager und die Fabrikanten von Schmucksachen aus edlen Metallen diese Bauart bevorzugen. Da ich nach Allem auf den Besuch des in der Umgegend von Yeddo gelegenen berüchtigten Tempels der Empfängniß verzichten mußte, dessen hauptsächliche Decoration in einer unzähligen Menge von Phallus bestehen soll, verweilte ich einige Zeit in einem Salon, wo vor Zuschauern für ein geringes Eintrittsgeld eben Ringkämpfe stattfanden. Es ist bekannt, zu welchem Verfahren früher die Italiener griffen, wenn es darauf ankam, schöne Knabenstimmen für den Verlauf des ganzen Lebens zu erhalten, die Japanesen glauben, durch dieselbe grausame Methode besonders geschickte und kräftige Ringer zu erzielen. Sämmtliche an dem Kampfspiel betheiligte Herren waren übermäßig corpulent und nur mit einem schmalen hellfarbigen Hüftbande, der beliebten 178 Sommertracht der Japanesen mittleren Standes, bekleidet. Stellung und Griffe der Ringer kamen mit den in Europa üblichen überein, auch schienen die Zuschauer auf einen der beiden Kämpfer zu wetten. Jeder derselben hatte einen Secundanten, dessen Functionen jedoch nur darin bestanden, mit einem großen Fächer seinem Heros Kühlung zuzuwedeln. Diese Gunst wurde namentlich den Körpertheilen, welchen die größten Anstrengungen zugemuthet waren, d. h. den Schenkeln und Keulen, erwiesen. Dergleichen Ringkämpfe gehören zu den Lieblingsvergnügungen der Japanesen aller Gesellschaftskreise, nur pflegen vornehmere Personen die Ringer zu sich zu berufen und ihre Kampfspiele im eigenen Hause zu veranstalten. Während der Schaustellung wurden von Kindern Abbildungen derselben feilgeboten. Die Zeichnung der Musculatur war ungeachtet des ungeheuerlichen Umfanges aller Glieder richtiger, als ich sie bisher in China und Japan gefunden hatte, und ich erstand mehrere Blätter, die mir in ihrer Naturwahrheit noch heute die wunderliche Scene vergegenwärtigen.

Den Herrn General-Consul fand ich bei meiner Rückkehr nicht in der besten Laune. Eine japanesische Gerichts-Deputation war bei ihm gewesen und hatte seine Aussage über ein Attentat, das in der vergangenen Nacht gegen ihn versucht worden war, zu Protokoll genommen. Trotz der 900 Mann starken Sicherheitswache war es einem Missethäter gelungen, den hölzernen Tempel, der dem General-Consul Obdach gewährte, in Brand zu stecken. Noch zur rechten Zeit hatten die Posten den Verbrecher auf frischer That ertappt und den Brand gelöscht. Nach 179 der Aussage des General-Consuls wären die Gerichtspersonen aber nicht geneigt gewesen, ihn strenge zu bestrafen. Sie schoben das Verbrechen auf eine momentane Geistesverwirrung des Brandstifters, und wirklich wurde später gar keine ernstliche Strafe über ihn verhängt.

»Meine diesmaligen Geschäfte sind beendet,« sagte der General-Consul, »und so leid es mir Ihretwegen thut; um sechs Uhr verlassen wir Yeddo. Möglicher Weise finden Sie später Gelegenheit, noch einmal zurückzukehren; heute ist es am Besten, das Feld zu räumen.« Nach dem Bisherigen fiel mir nicht ein, dem erfahrenen Beamten zu widersprechen, ich dankte ihm für seine gütige Förderung und streckte mich in Ermangelung eines Ruhebettes auf der Matte aus. Mein Schlummer war nur kurz, der Schriftführer weckte mich; wenn wir um sechs Uhr im Hafen sein wollten, durften wir nicht zögern. Vor dem Tempel stand das ganze Commando, sichtlich erfreut, uns los zu werden, in Hufeisenform aufmarschirt. Zwei Drittel blieben zurück, das letzte Drittel bildete ein Viereck, nahm uns in die Mitte und gab uns unter dem Anhange des Janhagels das Geleit bis an die See. Wir bestiegen mit Vermeidung aller überflüssigen Abschiedsfeierlichkeiten den kleinen Dampfer und kamen nach einer köstlichen Abendfahrt um halb zehn Uhr glücklich in Yokuhama an. Unzählige kleine Fischchen, die gleich den Funken einer Schmiedeesse aus dem tiefblauen Ocean im Schimmer der sinkenden Sonne emporsprühten, hatten mich besonders ergötzt. Das Schauspiel glich einem eigenartigen Wasserfeuerwerk.

Täuscht mich nicht mein Gefühl, so möchte ich das Klima Yokuhama's mit dem von Neapel vergleichen. Wie 180 dieses, bedingt es ein dolce far niente, ohne doch in physischer Hinsicht eine erschlaffende Wirkung auszuüben. Meine Gesundheit bessert sich langsam, der Appetit erwacht wieder, und ungeachtet der Warnungen des trefflichen Stabsarztes der »Gazelle,« Dr. Brunner, der mir der grassirenden Cholera halber die Fische verbietet, kann ich der Versuchung nicht widerstehen, den leckeren Steinbutten und Flundern zuzusprechen. Eier, Reis und Thee sind freilich sonst das A und O der hiesigen Speisekarte. Meine Kräfte heben sich, ich spüre das Erwachen meines gewöhnlichen Lebensmuthes und Arbeitseifers; wenn ich nicht an meinem unzertrennlichen Begleiter, dem vermaledeiten Revolver, zu Grunde gehe, kann ich noch zu Jahren kommen, aber derartige siebenläufige Schießgewehre sind unheilbare Uebel für friedfertige Künstler.

Die Tage vom 22. bis 24. August haben wir bei windigem und regnerischem Wetter mit kleinen Spaziergängen ausgefüllt. Ein ankommendes englisches Kanonenboot, dem zwei Masten von den Japanesen weggeschossen worden waren, flößte uns abermals Besorgnisse für unsere Sicherheit ein. Wirklich war am 23. August ein Mordanfall auf einen Franzosen vorgekommen, und deshalb die Munition in allen kaufmännischen Comptoirs erneuert worden. Neben den Tintefässern liegen hier nämlich die Revolver und hinter dem Chef des Hauses steht eine Anzahl geladener Büchsen für den Fall eines unvorhergesehenen Angriffs. Ich für mein Theil habe zu meiner persönlichen Sicherstellung ein eigenthümliches Mittel ergriffen. Schon früher auf meinen Spaziergängen mit Herrn Reis war ich oft von armen Japanesen angesprochen worden; die guten Leute hielten 181 mich für einen Arzt und baten, wie mir der Landsmann dolmetschte, um Arznei für allerlei Krankheiten. Dieser gelehrt-medizinische Anflug meiner Persönlichkeit durfte nicht unbenutzt bleiben. Eine Anklage wegen Medizinalpfuscherei hatte ich nicht zu gewärtigen, die Vorliebe der asiatischen Völker für Heilmittel in Pillenform war mir bekannt, ich fertigte daher eine Anzahl von Pillen verschiedenen Calibers an und steckte sie bei meinen Spaziergängen in die Tasche. Da ich meine Gaben den mich auf der Straße consultirenden Patienten unentgeltlich verabreichte, verbreitete sich mein ärztlicher Ruf rasch in Yokuhama und seiner Umgegend. Selten ging ich aus, ohne mit leeren Schachteln zurückzukehren. So erkaufte ich meine Sicherheit auf den Straßen, und im Uebrigen spricht mich mein Gewissen vollkommen frei. Niemals bediente ich mich jener Drastica, welche die Chemie den Fabrikaten Morrisons und anderer renommirten Pillendreher zuschreibt. Eine kleine, für Kinder und junge Leute bestimmte Sorte componirte ich aus Brot, Zucker und Salz, für Erwachsene that ich etwas Cayennepfeffer, Senf oder einige Körner Schnupftabak hinzu. Der Japanese glaubt nur an die Heilkraft des Arzneimittels, wenn dasselbe einen starken Reiz auf den Gaumen ausübt. Klagen über unglückliche Kuren sind mir nie zu Ohren gekommen, und ich ziehe noch heute mein harmloses Mittel: mich mit der Bevölkerung auf einen freundlichen Fuß zu setzen, dem beliebten Belagerungszustande vor.

Am 24. August wurden wir um 9 Uhr Morgens plötzlich von einem Teifun überfallen. Der Sturmwind stieß die Hausthür ein, warf, da die Thür des Eßzimmers offen 182 stand, das Theegeschirr uns vor der Nase zum Fenster hinaus, und schleuderte über den mehr als 25 Fuß langen Flur eine solche Fluth von Regen und zerstäubtem Seewasser in waagerechter Richtung in das Zimmer, daß die Sündfluth mit Kellen und Eimern bekämpft werden mußte. Zuvörderst freilich schlossen die japanesischen Diener mit vereinter Anstrengung die Flügel der Hausthür und stemmten einen wuchtigen Balken dagegen. Noch gegen Abend stand das Wasser so hoch in den Straßen, daß wir den Ausgang aufgaben, so gern wir über das im Laufe des Tages angelangte englische Geschwader nähere Erkundigungen eingezogen hätten. Der Verlust seiner Expedition nach dem Süden Japans belief sich auf 60 Todte und Verwundete.

Der Regen hielt auch am folgenden Tage an, und wir suchten uns die Zeit in unseren vier Pfählen so gut als möglich zu verkürzen. Herr Reis brachte mir u. a. eine ihm von einem englischen Kaufmann mitgetheilte anglochinesische Zeitung, in der meiner in folgender Weise Erwähnung gethan wurde. Der Redacteur oder Referent mußte eine überaus hohe Meinung von den diesseitigen Kunstzuständen haben. Er schrieb: »Mr. Eduard Hildebrandt (painter of his Majesty the King of Prussia) macht eine Reise um die Erde im Auftrage seines kunstliebenden, allerhöchsten Gönners, er erhält als Honorar und Kosten: 20,000 Pfd. Sterling.« So ungereimt die Notiz mit der hohen Summe sein mochte; fortan verbesserte sich meine Situation in den chinesischen und japanesischen Gewässern. Nicht der Landschaftsmaler, aber der Empfänger von 20,000 Pfd. Sterl. Honorar und Reisegeld, wurde ungleich mehr, als früher respectirt.

183 Die Aufzeichnungen in meinem Tagebuche am 27. August sind nicht tröstlicher Natur. Die japanesische Regierung hat uns Europäern gestern ganz unumwunden sagen lassen: wir möchten uns so bald als möglich zum Teufel scheeren, und die Engländer haben, trotzdem fünf und zwanzig Kriegsschiffe ihrer Flotte vor Anker liegen, erklärt, den am Lande befindlichen Europäern keinen Schutz gewähren zu können; sie seien außer Stande, eine allgemeine Niedermetzelung zu verhindern. Mir bleibt daher gleichfalls nichts übrig, als, statt zu meinen halbzölligen Pillen von vierzehntägigem Nachgeschmack, wieder zu Revolver und Schleppsäbel zu greifen. Zudem machten sich zwei Yakonins mit mir einen schlechten Spaß. Sie griffen, an mir vorübergehend, plötzlich nach dem Säbel, sprangen auf mich los und schrieen: »Anata oheio«, d. h. »Ich grüße Dich!« Damit war die Sache abgethan.

In den letzten Tagen hat auch der Sohn des Fürsten Mita den gesetzlichen Selbstmord an sich vollzogen. Die englische Regierung hatte schon seit geraumer Zeit mit den japanesischen Behörden über die Zahlung einer Entschädigungssumme für die Ermordung des Mr. Richardson, die Ursache des gegenwärtigen Krieges, unterhandelt, letztere aber nicht dazu bewegen können. Allerdings handelte es sich um die hohe Summe von fast einer halben Million Pfd. Sterling. Die Japanesen suchten noch immer etwas abzuhandeln, die Engländer bestanden auf ihrer Forderung. Es ist mir unbekannt, durch welches Mißverständniß jener unglückliche Beamte, der Verwalter einer Finanzkasse, veranlaßt wurde, die Summe, ohne Autorisation der Regierung in Yeddo, an England 184 auszuzahlen. Die Strafe für seine Unbesonnenheit folgte ihm auf dem Fuße; das Todesurtheil wurde über ihn ausgesprochen. In Europa ist noch die Meinung verbreitet, daß die Verurtheilten, um ihren Hinterbliebenen Ehre und Vermögen zu erhalten, selber zum Schwerte greifen und sich mit kreuzweisen Schnitten den Unterleib aufschlitzen. Dieser Brauch besteht schon lange nicht mehr. Der Taikun sendet dem Staatsverbrecher, dessen sich der hohe Rath der Dreizehn entledigen will, nur eine zierliche Handwaffe, das Symbol des Todes. Nach ihrem Empfange ist er verpflichtet, wenn er sich und seine Angehörigen nicht den Folgen einer gewaltsamen Hinrichtung durch Henkershand, d. h. wegen Beschimpfung des Namens und Confiscation von Hab und Gut, aussetzen will, seinem Leben vor Sonnenuntergang ein Ende zu machen. Gemeinhin veranstaltet der Verurtheilte ein Abschiedsmahl und freut sich mit Verwandten und Freunden des Lebens, so lange noch das Lämpchen glüht. Im letzten Augenblick begiebt er sich in das Innere der Gemächer. Nur sein Busenfreund und einige Zeugen begleiten ihn. Er kniet nieder, entblößt den Unterleib und deutet mit der officiell übersandten Waffe den Kreuzschnitt an; in demselben Augenblick versetzt ihm nach Verabredung der Freund mit dem großen Schwert, das jeder Yakonin bei sich führt, einen tödtlichen Streich in den Nacken. Auf diese Weise hatte auch, nach der einstimmigen Versicherung aller Europäer, der Sohn des Fürsten Mita geendet. Der wissenschaftliche Ausdruck der Japanesen für diese Art der Todesstrafe ist: Harikiri.

Die Warnung der Engländer und die barschen 185 Zumuthungen der Regierung schüchterten nur die Kaufleute Yokuhama's ein, die Mitglieder des hier anwesenden diplomatischen Corps kümmerten sich wenig darum, sondern beschlossen, da der hohe Barometerstand anhaltend gutes Wetter versprach, eine größere Landpartie über Kanazawa nach der früheren Haupt- und Residenzstadt Kamakura. Von Seiten der Regierung wurden natürlich, nachdem die vorschriftsmäßige Anzeige gemacht war, viele Einwendungen erhoben; sie bereitete die Herren auf einen Ueberfall vor und erklärte sich für unfähig, sie schützen zu können. Unlängst sei ein Yakonin von einem Engländer niedergeschossen und das Volk im höchsten Grade gereizt. Der Gouverneur von Kanazawa, einer der drei Fürsten, die im Jahre 1862 als Gesandte in Berlin waren, stattete dem holländischen General-Consul sogar einen Besuch ab, und suchte ihn, durch ein Geschenk von zwei Schweinen, einem Korbe Hühner und mehreren Gefäßen voll Obst und Gemüsen, von der gefährlichen Partie abzubringen. Der Consul erwiederte indessen das Geschenk und bestand auf dem Ausfluge; die Gefahr mochte ihm nicht so groß erscheinen. Die Gesellschaft bestand aus fünf und zwanzig Herren und zwanzig deutschen und holländischen Matrosen, die zum Tragen der Effecten, Speisen und Getränke bestimmt, und gleich den Gentlemen bis an die Zähne bewaffnet waren. Mir lieferte der Ausflug einen lehrreichen Beitrag zu meinem Satze, daß die Hauptschuld des schlechten Einvernehmens zwischen Eingeborenen und Europäern dem Uebermuth und der Rücksichtslosigkeit der Letzteren zuzuschreiben sei.

Am 30. August um zwei Uhr Nachts schifften wir uns 186 ein und fuhren nach Kanazawa. Als wir um fünf Uhr Morgens hier anlangten, verweigerte man uns in dem einzigen, am Strande gelegenen Theehause die Aufnahme. Ein kleineres Lokal war, um der Zudringlichkeit der Fremden zu wehren, auf obrigkeitlichen Befehl niedergerissen worden. Die Comité-Mitglieder der Landpartie wußten sich zu helfen. Den Matrosen wurde befohlen, die Hausthür mit einem Balken einzustoßen; darauf wollte es jedoch die Herbergsmutter nicht ankommen lassen. Sie öffnete freiwillig, und machte ihrer Wuth nur durch einen thierischen Schrei Luft, als der Chor der Rache in den Flur stürmte und ein Paar der Herren ihr die Pistole auf die Brust setzten. Ein so garstiges altes Weib hatte ich in Japan noch nicht gesehen. Unsere Matrosen besetzten sogleich die Küche, zündeten Feuer an und bereiteten Kaffee; ich besichtigte das geräumige Lokal etwas näher. Gleich bei unserem Einbruch war mir eine Anzahl kleiner Mädchen aufgefallen, welche mit Schwertern in den Händen eine Seitentreppe hinabschlichen und die Waffen in einer Kammer des Erdgeschosses verbargen. Argwöhnisch stieg ich die Treppe hinan und fand in einem Salon einen Trupp Yakonins, die uns erwartet haben und zum Widerstande entschlossen gewesen sein mochten, bei unserer Uebermacht aber für rathsam erachteten, klein beizugeben, und sich mit Hülfe der Unmündigen selbst ihrer Waffen zu entledigen. Mehrere der Herren waren mir gefolgt, und wir fanden die Yakonins, arglos wie eine Schaar Turteltauben, auf der Matte sitzend und uns gastlich anlächelnd. Glücklicher Weise kam es nicht zu Streitigkeiten; der Kaffee erhitzt nicht das Geblüt. Die nöthigen Pferde waren schon am 187 vorhergehenden Tage gemiethet worden, und um 6 Uhr setzten wir uns mit großem Geräusch in Trab, durchschritten die Stadt und passirten eine Reihe von Dörfern oder Weilern, die im Verein mit der malerischen Terrainbildung von Thälern, Berghöhen und Schluchten dem Wege nach Kamakura beständig Abwechselung verliehen. Auch an dem Landsitze eines Prinzen kamen wir vorüber. Die Villa lag in einem herrlichen, musterhaft gepflegten Garten, nur die Umgebung entstellte die sonst so einladende Villeggiatur. Statt durch eine Hecke oder einen Zaun war das Grundstück durch eine förmliche Enceinte von Festungswerken geschützt. Der Besitzer konnte einer kleinen Belagerung die Stirn bieten. Nach einigen Stunden hatten wir die heilige Stadt erreicht und begaben uns in den Rayon der zehn Tempel, der berühmtesten des Reiches der aufgehenden Sonne. Wir wußten, daß nur in einem derselben uns der Zutritt gestattet wäre, und suchten durch vorweg auf den Boden geworfene Geldspenden das Wohlwollen der Priester zu erwerben. Die auf den Dächern der Tempel befestigten, Schlittengeläuten ähnelnden Glockenspiele, klangen lieblich im Hauche des vom Gebirge kommenden Morgenwindes; im Innern saß die dienstthuende Geistlichkeit mit den Tabackspfeifen im Munde beim Thee. Ein sehr reputirlich aussehender älterer Japanese erlegte so eben ein halbes Dutzend Itzebu's – wie mir der General-Consul sagte, um sich die Mühe des eigenen Gebetes zu ersparen. Gegen eine entsprechende Vergütigung beten die Priester für zahlungsfähige Gläubige mit bestem Erfolge. Es wäre unanständig gewesen, hätten wir Christen den frommen Männern nichts zu verdienen gegeben; der General-Consul ging uns mit 188 gutem Beispiel voran. Auf dem Hauptaltar standen zwei heilige, offenbar gezähmte Hähne. Wer ein Tempo (15 Pf.) entrichtete, durfte den Federbusch und Rücken der schönen Thiere streicheln. Es wird für ein gutes Zeichen angesehen, wenn die heiligen Vögel dabei krähen, doch thaten sie uns nicht den Gefallen, so viele Tempo's wir auch als Opfer darbrachten. 189

 << Kapitel 36  Kapitel 38 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.