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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 36
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XII.

Erdbeben und Erbrechen. Der preußische und holländische General-Consul. Ein Dieb verbrannt. Der Itzebu und die Vestalinnen Yokuhama's. Fußbäder im Speisehause. Das Papier in der Toilette. Ein Badhaus. Nach Yeddo.

Die vielverschrieene Unsicherheit der Straßen hält mich von meinen Ausflügen nicht ab, und mein Princip, herausfordernde Blicke und Gebehrden zu vermeiden und den überaus argwöhnischen Menschenschlag zuvorkommend und traulich zu behandeln, bewährt sich in Japan wie in China. Mit kleinen Geschenken erreicht man hier so viel, wie an allen Orten der Welt.

Am Abend des Geburtstages Kaiser Napoleons III., der in den Frühstunden durch Salven gefeiert worden war, lernte ich eines der landesüblichen Erdbeben kennen. Ich stand dicht an der Bretterwand des festlich erleuchteten Saales im Reis'schen Hause, als sich plötzlich die Kronleuchter wie auf einem Schiffe bewegten. Zugleich sprangen alle Stuben- und Hausthüren auf; unwillkürlich griff ich nach der Wand. Es mag eine durch die Beunruhigung der Augennerven hervorgebrachte Sinnestäuschung gewesen sein, aber es kam mir vor, als neigte sich die Wand 161 rückwärts und als versänke der Estrich unter meinen Füßen. Den geistigen und moralischen Zustand, der durch den empörenden Gedanken hervorgebracht wird: das einzige Element, das uns von Kindesbeinen an als Sinnbild des Conservativen vorgeschwebt hat und unser Fortbestehen garantirt, werde plötzlich treulos, kann ich nur als einen überaus leidigen bezeichnen. Wurde er durch die anhaltende Ueberreizung meines Nervensystems, oder durch ein neues japanesisches Gericht, rohe Fischscheiben mit Sojasauce, das mir bei der Mittagstafel trefflich gemundet hatte, gesteigert; ein Schwindelanfall vertrieb mich aus dem Salon und endete mit einer gewaltigen Eruption des Magens. Die anderen Europäer beachteten die Erderschütterung kaum und sprachen nach 5 Minuten von anderen gleichgültigen Dingen.

Eine Spazierfahrt nach der Gazelle am 16. August wäre uns fast sehr übel bekommen. Unser Boot war nur klein, und bald nach der Abfahrt geriethen wir in einen Wogenschwall, durch den wir nur mit Lebensgefahr und bis auf den letzten Faden am Leibe durchnäßt, an Bord der Corvette gelangten. Ohne die Herzensgüte des Barons von Bothwell, der uns Abends ein schweres, seetüchtiges Fahrzeug zur Verfügung stellte, wären wir auf der Rückfahrt elendiglich zu Grunde gegangen. Die scharfe Brise artete in einen kleinen Teifun aus, und ich fand, als ich abermals bis auf die Knochenhaut durchnäßt, in meinem Schlafgemach anlangte, dasselbe mit zahllosen Glühwürmern angefüllt, die, auf ihrem Abend-Corso von dem Sturm überfallen, in mein Zimmer geflüchtet waren. Die Fenster mußten geschlossen werden und ich brachte in dieser wüthend umhertobenden Gesellschaft die Nacht bei einer Temperatur 162 zu, die schlimmsten Falles zum Schmelzen von Blei genügt hätte.

Am Nachmittage des nächsten Tages wurde mir Gelegenheit geboten, meinen sehnlichen Wunsch zu erfüllen und nach der Hauptstadt Yeddo zu gelangen. Schon wiederholt hatte ich, auf meine Empfehlungsschreiben von hoher Stelle und weltberühmten Händen fußend, den preußischen General-Consul, Herrn von Brandt, gebeten, mir durch seine Autorität die Reise nach Yeddo, zu der es einer speciellen Erlaubniß der japanesischen Regierung bedurfte, zu ermöglichen; immer hatte ich eine Fehlbitte gethan. Ich bin weit entfernt, den geringsten Zweifel in seinen guten Willen zu setzen, sondern glaube vielmehr, er habe in richtiger Würdigung seines damaligen, vor Eröffnung der näheren Unterhandlungen mit Preußen noch geringeren Einflusses, Bedenken getragen, das Leben eines ihm warm empfohlenen preußischen Landsmannes auf das Spiel zu setzen. Mir war daher nichts übrig geblieben, da ich nicht die halbe Erdkugel umschifft haben wollte, um an den Thoren Yeddo's, der Hauptstadt dieses Räthsellandes, umzukehren, als mich an den holländischen General-Consul zu wenden. Der mir geneigte Beamte hatte mein Gesuch sogleich bewilligt und mir angezeigt, daß er in Geschäften seines Gouvernements am 17. August einen kurzen Ausflug nach Yeddo machen werde, an dem ich mich betheiligen könne. Wie gern hätte ich seiner Aufforderung Folge geleistet, allein der Teifun hielt unter unaufhörlichen Regengüssen an, der vier Meilen lange Weg nach der Hauptstadt mußte zu Pferde zurückgelegt werden; dem war meine Gesundheit nicht gewachsen. Mit tiefem Bedauern ließ ich 163 mich entschuldigen und hoffte auf eine günstigere Gelegenheit. Stand doch der holländische General-Consul in fortwährender Beziehung zu der japanesischen Regierung. Ich blieb resignirt zurück, wurde aber durch das heitere und frische Wetter des nächsten Tages entschädigt, das Herrn Reis und mir sogar ausnahmsweise eine kleine Landpartie und längere Promenade durch die Stadt erlaubte. Der Morgen brach freilich nicht ermuthigend an. Unter meinem Fenster wurde ein armer Mensch vorübergebracht, der mehrerer Diebstähle überführt worden war. Ein Trupp Bewaffneter geleitete ihn nach dem nächsten japanesischen Kirchhofe, wo er nach dem Richterspruch in hockender Stellung an einen Baumstumpf gebunden und verbrannt werden sollte. Abends zeigte mir Herr Reis den Richtplatz; es waren noch Ueberbleibsel der Asche des Unglücklichen vorhanden. Der Delinquent sah auf seinem letzten Wege überaus entschlossen und trotzig aus. Der kleine Abstecher der Frühstunden galt einem abgelegenen kleinen Tempel, den ich ungehindert von Polizisten und Spionen rasch zu Papier brachte. Nur einige jugendliche Grazien waren uns gefolgt und spielten mit vieler Koketterie die Rolle bußfertig betender Magdalenen, als wir aber im Tempel Platz nahmen, um uns abzukühlen, ließen sie rasch die Maske fallen und verriethen durch ihre radical freisinnigen Anerbietungen, daß sie ernstlich einer Erhöhung der Staatseinkünfte durch ihr Thun und Lassen beflissen seien. Es wurde uns schwer, die verführerischen Geschöpfe von uns abzuwehren. Erst die Vertheilung eines Itzebu, der japanischen größten, einer indischen Rupie gleichkommenden Silbermünze von feinstem, chemisch fast reinem Silber und länglich 164 viereckiger Gestalt, belehrte die Courtisanen, daß wir von ihrer Gegenwart befreit sein wollten.

In die Stadt zurückgekehrt, betraten wir eine Speise-Anstalt für Bauern und ärmere Leute. Sie war sehr stark besucht, die Zeit der Wallfahrten auf den heiligen Vulkan Fusi Jama rückte heran, und schon waren viele Pilger in Yokuhama eingetroffen. Die Reinlichkeit des Lokals ließ nichts zu wünschen übrig. Die den Boden des Eßsaales bedeckende, vier bis fünf Zoll dicke Rohrmatte dient gleichzeitig als Bettstatt, zu der nur ein hölzernes ausgehöhltes Kopfkissen geliefert wird, muß also sehr sauber gehalten werden. Jeder Gast, an dessen Sohlen und Zehen Fragmente seines Lebenswandels haften, ist daher, ehe man ihm Speise und Trank verabreicht, zu einem gründlichen Fußbade genöthigt. Man speist, auf der Erde hockend, an einem zwei Fuß hohen Schemel, auf den die Gefäße gesetzt werden; in langen Reihen kauern die Gäste hintereinander, wie die Andächtigen in unsern katholischen Gotteshäusern. Die Nahrungsmittel sind höchst einfach und bestehen meistens aus Reis, von dem der Japanese mit Eßstäbchen in kürzester Zeit kaum glaubliche Quantitäten verschlingt, ohne ein Körnchen auf den Boden zu streuen.

In diesem Lokal that ich auch einen tieferen Blick in die vielseitige Anwendung des Papiers, die zu den Eigenthümlichkeiten der Japanesen gehört. Die Aermel aller Obergewänder sind übermäßig weit und werden bis auf sechs Zoll von der Handöffnung zugesteppt. Dadurch entsteht eine weite Tasche, in welcher jeder Japanese seinen Papiervorrath aufbewahrt: dünne bastartige Blätter von Octavformat. Der feine Mann trägt überdies am Gürtel 165 einen Tuschkasten, sein Tintenfaß. Nöthigen Falles zieht er den Pinsel und ein Blatt Papier aus dem Aermel und beschreibt dasselbe mit seinem Namen. Dann dient es ihm als Visitenkarte. Mir liegt die japanesische Unterschrift eines Arztes vor, dessen Kenntnisse so weit reichten, seinen Namen auch mit lateinischen Buchstaben auszuführen, doch sind letztere bis auf die Abbreviatur »Dr.« vollkommen unleserlich. Die japanesische Signatur für letztere sieht beinahe wie ein sich mühselig krümmender, vollgesogener Blutegel aus. Diese Papierblätter dienen jedoch zu vielen anderen Zwecken. Beiden Geschlechtern ist das Taschentuch und sein Gebrauch unbekannt; der Japanese putzt die Nase mit Papier. Ist er allein, so wirft er den gebrauchten Wisch ohne Weiteres bei Seite, befindet er sich in Gesellschaft, so verbirgt er ihn im Rockärmel. Aehnlich verhält es sich mit jenen Blättern, durch welche er nach Tisch unsere Serviette ersetzt. Ob er aus löblichem Anstandsgefühl auch jene Papiere, in deren hauswirthschaftlicher Anwendung der Orient mit dem Occident hoffentlich übereinstimmt, im Aermel verbirgt und sich ihrer erst in der Stille entledigt, vermag ich nicht anzugeben. Den Gebrauch der auf Schemeln und Fensterbrettern stehenden Spucknäpfe mag der Japanese von seinen alten Handelsgenossen, den Holländern, gelernt haben. Ich erinnerte mich des niederländischen »Quispeldörtchens«, als ich diese, einem schlanken Weißbierglase ähnlichen Behälter erblickte, von denen sich Niemand trennt. Die halb zugenähten Aermel der Japanesen dienen ihnen zugleich als Reisetaschen und Geldbörsen. Gleich unseren Schuljungen, die in ihren mürben Hosentaschen Kreide, Messingknöpfe, Brotrinden, Dreier, zerbrochene 166 zinnerne Soldaten, Murmeln und Bindfaden aufbewahren, bringen sie darin Alles unter, was irgend noch im Kleinverkehr zu verwerthen sein möchte.

Gegen Abend besuchten wir ein großes Badhaus, das schon im Verlauf des Tages meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Den freien Sitten der Japanesen entsprechend, lag es dicht an der Straße, und Thüren und Fenster standen weit offen. Die Vorübergehenden konnten den im Erdgeschoß liegenden Bade- oder Waschsalon frei übersehen. Wir traten ein, reichten dem zwischen den beiden Mittelthüren auf einer schmalen Estrade sitzenden Cassirer einen Viertel-Itzebu (5 Sgr.) als Geschenk, und genossen – der Preis für ein Bad beträgt nur ungefähr 2 bis 3 Pfennige unserer Münze – unbeschränkte Freiheit, in dem Lokal umherzuwandeln. Jeder Badegast, der seine Entrée bezahlt, erhält eine Marke, deren Nummer mit einem schmalen Fach in den zahlreichen Wandschränken correspondirt, in dem er seine Kleider aufhängt, dann sucht er eine unbesetzte Stelle aus. Der ganze Saal ist mit fünf oder sechs Rinnen durchzogen, die nur durch sanfte Neigungen und Abdachungen des glatt gehobelten Fußbodens entstehen. Auf einem dieser Grate hockt der Badegast nieder. Nun bringt ihm einer der zahlreichen Diener einen Eimer Wasser. Ich habe schon gesagt, daß die Einwohnerinnen ihre ersten Abwaschungen an den, vor ihren Häusern stehenden Wasserkübeln der Feuerwehr verrichten; das Wasser des Badhauses ist ungleich erfrischender und stammt aus einem der Bäche, welche hier und da die Stadt durchrieseln. In jedem Eimer liegt eine kleine Schöpfkelle, und das Bad besteht eigentlich nur in einer wiederholten Ueberrieselung. 167 Junge Männer und Mädchen, denn Kinder und ältere Leute pflegen nicht öffentlich zu baden, hocken in bunter Reihe nebeneinander, übergießen ihre Körper mit Wasser und genießen die durch den Verdunstungs-Prozeß erzeugte Abkühlung. Das Verfahren wird wiederholt, so lange der bezahlte Wasservorrath ausreicht. Eine vom europäischen Anstandsbegriff so weit abweichende Sitte wird Niemanden erschrecken, wenn er erfährt, daß ein Badegast sich den äußersten Mißhandlungen aussetzen würde, beobachtete er nicht die gebotene Decenz. Ich bin weit entfernt, im Geheimen vorkommende sittliche Gräuel in Abrede zu stellen; öffentlich begeht weder Mann noch Weib einen Verstoß gegen das, was in Japan »gute Sitte« genannt wird. Nach beendetem Bade begeben sich viele Gäste sogar, ohne vorher ihre Kleider anzulegen, vor die Thür des Badhauses und lassen sich auf Bänken nieder, um zu plaudern und die noch feuchte Haut durch die Brise zu kühlen.

Im crassen Widerspruch mit dem gesitteten Benehmen der Japanesen selbst unter so eximirten Kostüm-Verhältnissen, steht die Schamlosigkeit der Produkte des fliegenden Buchhandels, dem, so weit ich mich unterrichtet, in Japan vollkommen freie Hand gegönnt wird. Kinder in den zartesten Jahren bieten auf offener Straße kleine Bücher voll von obscönen Abbildungen oder erschreckend freche Puppen feil. Ein beliebtes Vergnügen für Alt und Jung sind auch in Japan Schießübungen mit Bogen und Pfeil. Trifft der Schütz, so springt in unseren Schießständen irgend ein scherzhafter, überraschender Gegenstand hervor, hier nie ein anderer, als das von Philologen näher zu definirende Emblem des römischen Gartengottes. Dasselbe prangt 168 obenein in vielen Tempeln und als Thürschmuck der Theehäuser; zuletzt gewöhnt sich der Fremde daran, wie an die Putzköpfe in den Schaufenstern unserer Friseure. Noch weiter gehen die hiesigen Aerzte. Als Reclame dienen ihnen Tafeln oder Aushängeschilder, gleich den Tableau's unserer Bänkelsänger auf Jahrmärkten, bemalt mit den abscheulichsten Krankheiten in riesengroßen Exemplaren. Zuweilen hat der darstellende Künstler dabei einen wahren Galgenhumor entwickelt. Ich erinnere mich der Abbildung eines ziemlich leichten Patienten, welcher mit der Eile eines dem Schlachtgemetzel entwischten Kriegers in voller Carrière zu seinem Specialisten rannte. Einige Veduten. die ich als Beleg der Wirklichkeit angefertigt, so wie ein halbes Dutzend jener Volksbücher, welche ich zu gleichem Zwecke angekauft, habe ich noch vor meiner Ueberfahrt nach Californien vernichtet. Der Gedanke, in welchen schmählichen Verdacht ich im Falle meines Ablebens bei Verwandten und Erben gerathen könne, trieb mich dazu an. Ein weit verbreitetes Uebel in Japan ist der Bandwurm, da sich aber die einheimischen Aerzte darauf verstehen, ihn durch Anwendung einer gewissen Pflanzensäure leicht und schmerzlos abzutreiben, halten sie es nicht der Mühe für werth, die Vorübergehenden durch »Wurmbilder« anzulocken. Die europäische Garnison leidet vorübergehend an einer zum Glück nur ungefährlichen Augenentzündung. Immer der vierte Mann ist davon befallen, und auch das Personal des preußischen Consulates nicht ganz frei geblieben. Unsere Aerzte hoffen, die Kranken schon in vierzehn Tagen wieder herzustellen.

Am 20. August ging endlich mein sehnlicher Wunsch in Erfüllung, Yeddo zu besuchen. Der holländische 169 General-Consul befand sich daselbst und hatte mir ein Document zugestellt, mit dem ich es wagen durfte, um Einlaß in die Thore zu bitten. Die Landreise wäre ohne hinreichende Bedeckung einheimischer Truppen, ja vielleicht eben wegen derselben, mit Lebensgefahr verbunden gewesen; ich sollte mich eines dem General-Consul gehörigen winzigen Raddampfers von anderthalb Fohlen-Kraft bedienen. Von fünf japanesischen Seeleuten begleitet, fuhr ich um fünf Uhr Morgens von Yokuhama ab. Meinen siebenläufigen Revolver trug ich an einem Riemen über der Schulter; Herr Reis hatte mich beim Abschiede noch mit einem Schleppsäbel umgürtet. Niemals habe ich seinen Ermahnungen: nicht unbewaffnet mich unter dieses unberechenbar heimtückische Volk zu wagen, widersprochen, aber ich bin noch heute ungewiß, ob nicht der rasche gewaltsame Tod unter den haarscharfen Schwertern der Yakonins den langen unerträglichen Leiden vorzuziehen gewesen wäre, die mir bei meinen dünnen Kleidern das Schleppen des schweren Revolvers verursachte. Namentlich hinderte und quälte mich das Scheusal bei allen künstlerischen Arbeiten. Der Riemen rieb meine rechte Schulter wund, und als ich durch Vermittelung des Herrn Reis wieder Zutritt in einem Privathause fand und durch ein Fenster den malerischen Straßenprospect aufnahm, ließ ich das Schießgewehr zu Hause, und hing nur das leichte Futteral zugekapselt über die Schulter. Von meinem Wirthe hatte ich nichts zu befürchten, er flehte mich mit Gebehrden und Mienen um die höchste Behutsamkeit bei der Arbeit an, denn er fürchtete eine Denunciation durch die überall umherlungernden Spione und eine empfindliche Polizeistrafe. Die von mir angefertigte Aquarelle 170 des Innern der Stadt konnte ja nur einer Landesverrätherei dienen.

Von Revolver und Schleppsäbel doppelt belastet, saß ich neben dem Steuermann und labte Herz und Auge an dem Panorama der hügeligen grünen Küste, die wir entlang fuhren. Außer mit verschiedenartigem Nadelholz, unter dem ich eine Pinienabart schon hervorgehoben habe, ist der japanische Boden reich mit Kamellienbäumen bestanden, die an Größe und imposantem Aussehen alten Eichen nicht selten gleichkommen. Die Blüthezeit war zwar längst vorüber, und ich wußte nur aus japanesischen Bildern, daß die Landschaft im Frühling in einem rosenfarbigen Gewande erscheint, allein die Bäume verliehen ihr auch jetzt, wo sie schon ihre apfelartigen Früchte angesetzt hatten, einen gewissen Adel. Im Innern von Yeddo sollte ich desselben später noch deutlicher bewußt werden.

Mein Schifflein brodelte wie eine siedende Theemaschine, pfeilgeschwind wirbelten die Räderchen, Flotten von schwerfälligen Handels-Dschunken segelten nach den südlichen Seebuchten, an denen die Fabriken des Reiches liegen sollen, an uns vorüber, mit dem Fernglase erkannte ich am Strande von Kanagawa zwei, schon vor hundert Jahren nach holländischen Mustern erbaute unbehülfliche Kriegsfahrzeuge, in deren Besitz der Stolz der japanischen Marine bestehen soll, ungeachtet Niemand damit zu manövriren vermag und man zu ihrer letzten Reise von siebenzig bis achtzig Seemeilen in der besten Jahreszeit mehr als einen Monat brauchte; um zehn Uhr wurde dicht vor Yeddo gestoppt. Mein Herz pochte vor Aufregung; so war es mir denn wirklich gelungen, diese merkwürdige Stadt und in ihr den 171 entferntesten Punkt meiner Reise im östlichen Asien zu erreichen!

Wir waren zwischen mehreren kleinen, aus Steinblöcken und Palissaden errichteten Forts, welche von den Japanesen für unüberwindlich gehalten werden mögen, aber schwerlich dem Feuer auch nur einer Breitseite widerstehen können, durchgefahren, und legten an einem Steindamm an, wo mehrere Yakonins meiner zu warten schienen. Ich überreichte dem Obersten derselben meine Legitimation und las aus seinen Mienen, daß bei der Ausfertigung kein Formfehler begangen worden und meinem Eintritt in die Capitale des Reiches der aufgehenden Sonne kein Hinderniß im Wege stehe. Den Bootsleuten wurde ein Winkel angewiesen, wo der kleine Dampfer vor Anker gehen sollte; mich nahm ein Trupp von dreißig Yakonins, Beamten, Offizieren und gemeinen Soldaten in die Mitte. So traten wir bei einer glühenden Hitze den Marsch durch die Stadt nach dem Hotel des holländischen General-Consuls an. Meine Begleitung umgab mich, wie einen Capitalverbrecher, dessen Befreiung durch den Pöbel seine Wächter fürchten, in weitem Kreise, nur dicht vor und hinter mir ging ein Yakonin. Heute, da ich mich wieder in vollkommener Sicherheit befinde, kann ich kaum ein Lächeln über meine Besorgniß unterdrücken: die Ehrengarde werde mir ein Leid anthun. Beim Abmarsch aus dem Hafen hatte ich die Kapsel des Revolver-Futterals zurückgeschlagen und den Kolben blosgelegt; Jeder sollte sehen, daß ich auf das Aeußerste gefaßt sei. Mit meinem Schleppsäbel brachte ich kunstgerecht jenes drohende Gerassel auf dem Ziegelpflaster hervor, in dem unsere jüngeren Befehlshaber von der 172 Cavallerie eine so große Virtuosität entwickeln; ich glaube wirklich: ich wollte Yeddo imponiren. Darüber vergaß ich nicht, den Schatten des mir folgenden Yakonins scharf zu beobachten, um rechtzeitig von Leder zu ziehen. Die Eigenthümlichkeit der Landeskinder: ihre Feinde von hinten zusammenzuhauen, war mir wohlbekannt.

Meine Besorgnisse waren ungegründet; die Herren und ihre Untergebenen ließen sich vielmehr meinen Schutz gegen einheimische Widersacher ernstlich angelegen sein. Gegen die Legionen der Fliegen und Mücken, welche heißhungrig über mich herfielen, vermochten sie nicht viel auszurichten, desto wirksamer war ihre Defensive gegen die wilden Hunde. Der hinter mir gehende Yakonin vertheilte so viele Fußtritte unter die garstigen Kläffer, daß ich zuletzt annahm, ihm stehe noch ein dritter Fuß, als Hülfsorgan gegen bissige Hunde, zu Gebote. Auch die Bevölkerung, wenn sie allzudreist herandrängte, wurde auf gleich kategorische Weise behandelt. Man wird die Neugier der Leute begreifen, wenn man erfährt, daß sich unter einer Bevölkerung von drei Millionen momentan nur drei Europäer, der General-Consul, sein Secretär und meine Wenigkeit befanden.

Das Terrain Yeddo's ist hügelig und mit wundervollen Baumgruppen besetzt. Bei der extremen conservativen Gesinnung der Japanesen herrschte in der Bauart dieselbe Einförmigkeit, wie zu Yokuhama, aber die unermeßliche Ausdehnung der Straßen, die malerisch situirten Tempel und Paläste, die wogende Bevölkerung verliehen dem Ganzen den großartigsten Anstrich. Wir wanderten in dem feierlichen Tempo der Japanesen – der Orient blickt mit Verachtung auf die geschäftliche Eile der Europäer – beinahe 173 zwei Stunden durch die ansehnlichsten Stadttheile, ehe wir die Behausung des General-Consuls erreichten. Unterweges hatte ich an den offenen Fenstern der zweiten Stockwerke ungewöhnlich viel verheirathete Frauen erblickt. Sie sind leicht zu erkennen, denn in Japan ist jedes Mädchen, wenn es sich verehelicht, durch das Gesetz verpflichtet, ihre Zähne schwarz zu färben und die Augenbrauen zu rasiren. Einem anderen Manne, als ihrem Gatten, darf sie fortan nicht mehr gefallen, und dem Gesetzgeber scheint, nach den Damen, die mir zu Gesicht gekommen, auch nicht viel daran gelegen zu sein, diesen die Gunst ihrer Männer zu erhalten.

Der Ueberrest meiner Kräfte reichte nur noch hin, den letzten Hügel zu ersteigen, auf dem ein stattlicher Tempel lag. Die Regierung hatte ihn meinem Gönner, dem General-Consul, als Hotel angewiesen. Zu seiner Ehrenwache war ein Bataillon Japanesen (900 Mann) commandirt. Der Beamte und sein Secretär saßen an einem Altar und schrieben. 174

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