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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 35
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XI.

Papierne Sommerhäuser. Erdbeben. Der Nachtwächter und seine Trommel. Brillenschlangen. Nationales Mißtrauen. Ein Bonze als Liebesagent. Die Ehe als Finanzquelle. Die Theehäuser und das Herrenhaus. Unleidliche Bevormundung. Kaufleute. Lohgerber und Scharfrichter. Die Frauen Japans. Musme. Die Feuerwehr auf der Leiter.

Eine sehr sinnreiche Vorkehrung fand ich in mehreren geräumigen Salons. Zu bestimmten Stellen der Wände waren schmale Tafeln in dieselben geschoben, welche, neben einander herausgezogen, größere oder kleinere Wände bildeten und den Einwohnern gestatteten, den umfangreichen Saal in mehrere Cabinete zu theilen. Diese spanischen Wände oder Schirme, die bei ihrer Leichtigkeit sich von einem Kinde bewegen ließen, waren mit goldenen Schriftzügen, heiligen Hähnen, Schildkröten und Schlangen, oder unanständigen Bildern geschmückt. Die Auswahl seines Mobiliars macht selbst dem begüterten Japanesen nicht so viel zu schaffen, wie dem Europäer, der sich nicht nur in der Toilette, sondern auch in dem Wechsel der Tische, Stühle und Schränke stets auf der Höhe des Zeitgeschmacks behaupten will. Er bringt sein Leben auf dem platten 146 Erdboden zu. Eine sehr saubre Matte, aus den verschiedensten rohrartigen Stoffen geflochten, ist über denselben ausgespannt; will sich der Japanese setzen, so kniet er nieder und ruht auf den Unterschenkeln; die Matte ist sein Nachtlager. Nur ein gepolstertes Kopfkissen, das einige Aehnlichkeit mit den kleinen Fußbänkchen unserer Damen hat, wird zur Hülfe genommen und unter den Nacken geschoben. Die Bequemlichkeit dieses Hausgeräths ist mir immer höchst zweifelhaft geblieben.

Wie ich schon bemerkt habe, sind die japanesischen Häuser in Betracht der häufigen Erschütterungen des vulkanischen Bodens sehr leicht gebaut; es giebt sogar Sommerhäuser, die nur aus Holzrahmen mit Papierwänden bestehen. Menschen und Gebäude sind an Erdstöße gewöhnt und noch vier Tage vor unserer Ankunft hatte ein ziemlich starkes Erdbeben stattgefunden. Die leichte Bauart begünstigt nicht die nächtliche Ruhe, nebenbei giebt es noch mannigfache Störungen, die mit den lokalen Gebräuchen und den kriegerischen Zeitumständen zusammenhängen. Die europäische Ansiedelung von Yokuhama ist von Wachthäusern und Truppenabtheilungen der Japanesen umgeben, die angeblich zu unserem Schutze dienen sollen, in Wirklichkeit aber wohl nur unserer scharfen Beaufsichtigung wegen da sind. Um uns von ihrer Wachsamkeit zu überzeugen, feuern die Vedetten und Patrouillen zur Nachtzeit häufig Gewehrsalven und Kanonenschüsse ab, ein Lärm, der trotz der Entfernung einen sensiblen Kranken sofort aus dem Schlafe aufschreckt. Fast noch widerwärtiger ist der Nachtwächter des Reviers. Theils um sich selber munter zu erhalten, theils um die Unterthanen des Mikado nicht in eine zu 147 tiefe Lethargie versinken zu lassen, kündigt dieser würdige Beamte seine Runde durch Trommeln an. Und bei einer derartig zusammengesetzten Nachtmusik soll nun ein Reconvalescent von der Dysenterie seine gesunkenen Kräfte wiederherstellen. Wir Europäer entbehren übrigens nicht durchaus des militärischen Schutzes; in unserer Ansiedelung liegt eine Abtheilung von 400 Mann, Franzosen, Engländer und Nordamerikaner, die bei der heiligen Scheu der Eingeborenen vor der europäischen Kriegskunst wohl zu unserer Vertheidigung ausreicht. Da ich einmal von der Nachtruhe rede, darf ich eine gewisse Sorte unliebsamer Bettgenossen nicht übergehen, vor denen man sich, ehe man das Lager besteigt, zu sichern hat. Die Brillenschlange ist in den Hafenstädten Japans sehr häufig und besitzt eine Vorliebe für die menschliche Bettwärme. Man wird daher wohl thun, alle möglichen Vorsichtsmaßregeln gegen das giftige Kriechthier zu nehmen, wenn man sich nicht über die furchtbaren Radicalmittel wider ihren Biß, Ausbrennen der Wunde mit einem glühenden Eisen oder Ausschneiden derselben mit einem Rasirmesser, wegzusetzen vermag.

In meinen künstlerischen Arbeiten stoße ich, abgesehen von meiner physischen Kraftlosigkeit, auf unerwartete äußere Hindernisse. Mit meinem gütigen Wirth, Herrn Reis, dem hiesigen Prinzipal der Firma Reis und Schultze, stelle ich, da er als Leberleidender täglich mehrere Stunden lustwandeln muß, zwar regelmäßige Spaziergänge in die Umgegend von Yokuhama an, wir dürfen uns indessen nicht zu weit von der Stadt entfernen, so bekannt Herr Reis in der Umgegend ist, und so fertig er sich, nach einem mehrjährigen Aufenthalte, der Landessprache bedient. Der 148 überaus argwöhnische Charakter der Beamten und Bevölkerung erhält uns in fortwährender Besorgniß vor Gewaltthätigkeiten. Kaum einige tausend Schritte von den letzten europäischen Ansiedelungen begegnet man gleich mehreren mit zwei Schwertern bewaffneten Yakonins, deren Mienen nichts weniger als einladend aussehen. Während meiner Anwesenheit in Japan habe ich nach und nach eine Menge Abbildungen in Aquarellfarben und Holzschnitten dieser mächtigen Staatsbeamten aufgekauft, aber immer gefunden, daß der darstellende Künstler nur darauf bedacht war, das martialische Aussehen so kräftig als möglich auszuprägen, als läge ihm Alles daran, durch die Portraits Furcht einzuflößen. Als Beispiel führe ich gleich das erste Blatt aus einem Büchlein voll Holzschnitten an, in deren Behandlung ich den Einfluß holländischer Techniker zu entdecken glaube, so sehr die Japanesen von Hause aus den Chinesen in der Zeichnung, namentlich in der Kenntniß der anatomischen Körperverhältnisse überlegen sind. Das mit außerordentlicher Feinheit geschnittene Blatt enthält bei kleinem Octavformat acht Abbildungen von Yakonins, die theils stehend, theils auf den Knieen hockend oder sitzend, mit Haß und Verachtung in die Welt ihrer Subalternen blicken. Dem Künstler oder seinem Auftraggeber hat nicht die officielle Bewaffnung mit zwei Schwertern genügt; er hat die Heroen Japans noch mit besonderen Emblemen der Gewalt ausgestattet. Jeder hält einen riesigen Bogen, eine Streitaxt, eine mehrzöllige eiserne Stange, einen langen Spieß oder ein zweihändiges Schwert, als Attribut einer milden Civilverwaltung in Händen; der Achte trägt sogar, dem Gesetz der Schwere zum Hohne, einen Kanonenlauf von 149 seiner eigenen Länge unter dem rechten Arme. Sein Haupt ist mit einem dreieckigen Spitzhut bedeckt, auf dessen Vorderseite das Staatswappen und Bannerzeichen des Reiches prangt, eine rothe Scheibe im weißen Felde: d. h. die am Himmel aufsteigende Sonne. Der unbemalte Raum rings um jede Gestalt ist mit unsäglich feinen Schriftzeichen, wahrscheinlich den Lebensbeschreibungen der großen und furchtbaren Männer, gefüllt.

Mein Bedauern, durch die mißtrauischen Beamten an der Arbeit verhindert zu sein, steigt mit meiner genaueren Kunde der reizenden Gegenden. An idyllischer Schönheit läßt die Küste der Bai von Yeddo alles Aehnliche hinter sich. Der Abwechselung wegen veranstaltete Herr Reis am 11. August eine Bootsfahrt nach Kanagawa, einer kleinen, zwischen Yeddo und Yokuhama gelegenen Küstenstadt, wir hielten uns aber, da man zu unserer Ankunft äußerst scheel sah, nur kurze Zeit auf, warfen einen flüchtigen Blick in die am Strande ausmündenden Straßen und stachen dann wieder in See. Vor unserer Abfahrt hatte ich zufällig die Sitten des Landes von einer neuen Seite kennen gelernt. Ein Bonze war mit uns bis an das Meeresufer gegangen, um uns ein ihn begleitendes junges Mädchen, vielleicht seine Tochter, Verwandte oder Mündel, für einen Monat gegen eine Geldentschädigung anzubieten. Nach den Anfragen des Herrn Reis war der Bonze bereit, uns die Schutzbefohlene für ein Pauschquantum von dreißig Dollars anzuvertrauen. Sprach er die Wahrheit, so hatte diese davon achtzehn Dollars als Abgabe an die Staatskasse zu erlegen, und nur der Rest war ihr rechtmäßiges Eigenthum.

Es war nicht leicht, den frommen Mann loszuwerden, 150 denn er folgte uns bis an die Knie ins Wasser. Herr Reis, ein genauer Kenner der Landesgesetze und Bräuche gab mir während unserer Wasserpartie die nöthige Aufklärung. In den Anschauungen der Japanesen sind die Unterschiede zwischen Ehe und Prostitution in einer Weise gelockert, die dem Angehörigen eines civilisirten europäischen Staates fast unbegreiflich und wie eine moralische Unvollkommenheit erscheint. Es widerstreitet nicht der Würde der Regierung, sowohl das Institut der Ehe, als die Prostitution, zu einer Einnahmequelle der Finanzen zu machen. In vornehmen Familien werden die Ehen zwischen Angehörigen, wie in diesseitigen Fürsten- und hohen Adelsgeschlechtern, durch diplomatische Uebereinkunft geschlossen und die pactirenden Theile zahlen, analog unserer Erbschaftssteuer, eine dem Betrage des gemeinschaftlichen Vermögens entsprechende Heirathssteuer. Aehnliche Einnahmen erzielt das japanesische Finanzsystem durch die amtlich sanctionirte Prostitution, ein Wort, dessen ich mich nur bediene, da mir kein milderes, der Lebensanschauung des seltsamen Volkes entsprechendes zu Gebote steht. Ein armer Hausvater – und die Mehrzahl der Japanesen ist aus Gründen, über die ich mich später verbreiten werde, blutarm – kann gegen eine gewisse Summe seine Töchter dem Staate verkaufen. Dieser übernimmt sie schon in den zartesten Kinderjahren, und damit zugleich die Verpflichtung ihrer Erziehung. Sie lernen lesen, schreiben, nützliche Handarbeiten und etwas Klimperei auf den landesüblichen Saiteninstrumenten. Herangewachsen, siedeln sie in die Blumen- oder Theehäuser über. Je nach ihren körperlichen und geistigen Vorzügen werden sie in Häuser verschiedener Kategorien 151 gethan. Das Viertel, in dem diese Staatsinstitute liegen, heißt das Herrenviertel, das ansehnlichste derselben, zu dem das Eintrittsgeld ungefähr zwei Dollars beträgt, wurde, ich weiß nicht, ob nur von den Ansiedlern, »das Herrenhaus« genannt. Dem geringen Mann ist der Zutritt erleichtert. Durchschnittlich beträgt sein täglicher Verdienst drei Tempo's, eine große ovale, in der Mitte viereckig durchlöcherte Münze von feiner Bronce. Mit einem dieser Geldstücke hat er sogleich seine Einkommensteuer zu entrichten, das zweite reicht zur Deckung seiner Lebensbedürfnisse hin, mit dem dritten Tempo kann er den Eintritt in eines der Theehäuser untersten Ranges erlangen. Die japanesische Regierung in ihrer gemüthlichen Weltansicht betrachtet den Staatsfonds als die Sparkasse der Unterthanen und sucht ihnen das erworbene baare Geld, wie Unmündigen, so rasch als möglich abzunehmen. Die Theehäuser sind daher die Mittelpunkte des geselligen Verkehrs im Lande. Der Europäer darf damit durchaus keine entwürdigenden Nebenvorstellungen verbinden, die Mehrzahl der armen Japanesen wählt ihre Ehefrauen aus diesen Theehäusern, und die Vergangenheit derselben verkümmert keinesweges das häusliche Glück, das, wie man mir oft wiederholt hat, in diesen, nach europäischen Begriffen auf so unangemessene Weise geschlossenen Ehen herrschen soll. Zudem steht das Betragen der Bewohnerinnen dieser Theehäuser weit über dem der weiblichen Gäste jener europäischen Vergnügungslokale, deren Wirthe, ein Seitenstück der japanesischen Financiers, unter dem Schutze der Polizei, große Reichthümer erwerben. Nirgends habe ich etwas Ungeziemendes bemerkt, in den Salons von Mabile und 152 Chateau des fleurs, geschweige denn in der Closerie de lilas zu Paris beträgt man sich weniger anständig. Dem Japanesen ist eine officielle Abgemessenheit angeboren. Nach der Versicherung meines Landsmannes Reis bewegt sich die Unterhaltung stets in den Grenzen des Anstandes. In dem sogenannten »Herrenhause«, in dem ich mehrmals in Gesellschaft europäischer Kaufleute Thee getrunken habe, machte ein Yakonin in großer Gala im Empfangssalon die Honneurs, ebendaselbst war ein amtlich gestempeltes Beschwerdebuch ausgelegt. Die Autorisation der Regierung trat deutlich zu Tage. Gar eigenthümlich, aber durchaus dem merkwürdigen Finanzsystem consequent, ist die Stellung der Behörde zu den vorkommenden Fällen ehelicher Untreue. Die Schuldige, und wenn sie selbst im Einvernehmen mit ihrem Ehegatten gehandelt hat, erhält eine bestimmte Anzahl Stockprügel. Der Staat betrachtet ihr Vergehen in seiner Naivetät keineswegs als eine Verletzung höherer, zum Schutze der menschlichen Familie gegebenen Gesetze, sondern einfach als Zolldefraudation, als Beeinträchtigung der ihm durch den Besuch der Theehäuser zustehenden Einnahmen. Verlust der bürgerlichen Ehre ist, ganz wie bei den heimischen Verletzungen der Steuergesetze, weder mit dem angeführten Vergehen, noch mit der Strafe verbunden.

Je mehr ich mich über die Eigenthümlichkeiten des Landes unterrichte, desto unbegreiflicher erscheint mir das Verfahren der Regierung. Zuweilen glaube ich auf einen anderen Planeten versetzt zu sein. Die Bevormundung übersteigt alle Grenzen. Den Rhedern und Schiffsbaumeistern wird die Größe und Form ihrer Dschunken nach polizeilichem Gutachten vorgeschrieben. Kein japanesisches 153 Fahrzeug darf sich über die Nachbarinsel Japans hinaus entfernen und das asiatische Rußland oder China besuchen. Einige Zeit vor unserer Ankunft war in Yokuhama ein russisches Kriegsfahrzeug eingetroffen; es hatte sechszehn Japanesen an Bord, die im Jahre vorher, durch Stürme verschlagen, mit ihrer Dschunke an die russische Küste getrieben worden waren, und dort gastliche Aufnahme gefunden hatten. Außer in der russischen Sprache waren sie in mancherlei Fertigkeiten unterrichtet worden, die man sehr wohl hätte mit ihrer Hülfe in Japan weiter verbreiten können; aber das Gesetz verbietet die Wiederaufnahme auch des unfreiwilligen Auswanderers. Ohne den Schutz des russischen Befehlshabers wären sie ohne Weiteres hingerichtet worden. Es blieb ihnen nichts übrig, als in die Fremde zurückzukehren. Fast zu derselben Zeit hatte ein englischer Schiffskapitän, der ein junges Mädchen als Gesellschafterin nach China mitgenommen, dasselbe nach Yokuhama zurückgebracht; das unglückliche Wesen war verbrannt worden.

Wenn die Mitglieder des Kaufmannsstandes in unserem Jahrhundert und innerhalb der europäischen Staatseinrichtungen sich durch ihre Besitzthümer, dem Gemeinwohl nützliche Speculationen und der Regierung geleistete Dienste bis zu fürstlichem Range emporschwingen und die höchsten Auszeichnungen genießen können, nehmen sie in Japan den untersten Rang der Gesellschaft ein. Da sie nach der Definition der Eingeborenen nicht selber arbeiten, sondern nur die Früchte fremder Thätigkeit verwerthen, werden sie allen übrigen Klassen nachgesetzt. Gewiß trägt diese verschrobene Auffassung, da die Mehrzahl der Ansiedler aus 154 Kaufleuten besteht, viel dazu bei, alle Europäer geringschätzig zu behandeln. Nur Consuln und Militärpersonen bilden vermöge ihrer Standesabzeichen und Uniformen eine Ausnahme. Schon eine blaue Tuchmütze mit einer Goldborte reicht hin, den Japanesen Respekt einzuflößen; zunächst über den inländischen Kaufleuten stehen die Lohgerber und Scharfrichter. Von den Standesunterschieden der niedrigeren Klassen wird der Fremde im Ganzen nicht viel gewahr. Die Vorliebe der Regierung für baares Geld zwingt den Japanesen, auch wenn er sein Schäfchen ins Trockene gebracht, den armseligen Mann weiter zu spielen. Er vergräbt sein Geld und geht in abgetragenen Kleidern einher. Kommt die Regierung hinter seinen heimlichen Besitz, so belegt sie zwei Drittel desselben, oder die ganze Summe, unter Form eines Zwangsdarlehns auf Nimmerwiedergeben mit Beschlag.

Um die Zeit doch nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen, hatte Herr Reis mir, bei der Unmöglichkeit, im Freien zu arbeiten, die Erlaubniß eines Privatmannes ausgewirkt, von dem Fenster seiner Wohnung aus einen landschaftlichen Prospekt aufzunehmen. Der Herr und die Frau vom Hause empfingen mich sehr zuvorkommend; ich wurde mit Thee, Kuchen und einer Pfeife bewirthet und mir die vortheilhafteste Stelle des sehr anmuthig gelegenen Hauses eingeräumt. Neben mir stand die eben dem Backfischthum entwachsene Tochter des Hauses und wehte mir mit einem Fächer Kühlung zu. Ich würde mich einer Unwahrheit schuldig machen, wollte ich verschweigen, daß der Entwurf und die Ausführung meiner Aquarelle unter einer Nachbarschaft litt, wie sie mir in Asien noch nicht vom Glück 155 beschieden worden war. Mama nannte ihr Kind schlechtweg »Musme« (Schäfchen), eine beliebte Bezeichnung für hübsche junge Mädchen, und ich nahm bei der Redseligkeit der wackeren Frau immer die Gelegenheit wahr, meine Blicke von der abzuconterfeienden Gegend auf Musme zu richten und meiner Phantasie ihre entzückend lieblichen Züge einzuprägen. Wer die Schönheit der Japanesinnen nur nach den in europäischen Sammlungen vorhandenen, von hiesigen Malern angefertigten Bildern beurtheilen wollte, würde eine ganz falsche Vorstellung erhalten. Die einheimischen Künstler legen den Nachdruck nur auf die genaue Nachahmung der Kleiderstoffe, ihres nationalen Schnittes und der glühenden Farben, der Haartracht und der sonstigen Schmucksachen. Alle Gesichter sind einander so ähnlich, wie durch dieselbe Schablone gestrichen, der allerdings nicht das nationale Hautgepräge fehlt. Der Typus der Japanesinnen der feineren Stände kommt dem der Andalusierinnen nahe. Nicht wenige sind ihrem Teint nach so zart, wie norddeutsche oder englische Frauen und Mädchen; verdunkelt sich der Ton der Gesichtsfarbe ein wenig, so geht er doch nicht über den der Albanerinnen und Südfranzösinnen hinaus. Der kaum merkliche stumpfe Winkel der Augenbraunen giebt den schönen Gesichtern einen unbeschreiblichen Reiz. Hände und Füße, die man in Japan nicht verunstaltet, sind wie die Körperformen, von tadelloser Regelmäßigkeit und Zartheit. Selbst die abenteuerlichen Frisuren, ein Aufsatz, um den das üppige schwarze Haar, an den Schläfen und der Stirn glatt zurückgestrichen, um kunstvoll gepreßte, vergoldete, weit vom Kopf abstehende Hornstreifen geschlungen wird, vermögen 156 diese Schönheiten nicht zu entstellen. Die Gewänder, ein langes Kleid, das sich, unähnlich den europäischen Crinolinen, in der Kniegegend verengert, dann aber noch in einer reichen Schleppe endet, darüber ein gestickter Paletot aus kostbaren farbigen Stoffen, stimmen herrlich zu der anziehenden Gesichtsbildung und den zierlichen Gestalten. Der Gang der Japanesinnen ist etwas unsicher, denn sie tragen unter den Sohlen zwei Zoll hohe, stelzenartige Klötzchen. Die Füße selber sind unbedeckt und die Sohlen mit bunten Bändern daran befestigt.

»Musme« war unglaublich zuthulich; die Malerei rückte also nur langsam vorwärts. Inzwischen hatte der Hausherr zu allen Verwandten und Bekannten geschickt und diese trafen allmälig ein, um den Fremdling und sein Werk näher in Augenschein zu nehmen. Die Honoratioren von Yokuhama rückten mir so nahe auf den Leib, daß ich kaum noch die Ellbogen bewegen konnte; ich mußte die Arbeit für beendet erklären. Wir verabschiedeten uns, und der höfliche Wirth verehrte mir als Andenken an den Besuch einen Tuschkasten. Die reizende »Musme«, ein Abbild Pepita's in ihren Blüthejahren, war verschwunden; ich habe sie nicht wieder gesehen.

Obgleich wir uns in den heißesten Tagen des hiesigen Sommers befinden, und das Thermometer mitunter noch um Sonnenuntergang auf 30 Grad zeigt, bessert sich doch allmälig mein Gesundheitszustand. Die körperliche Bewegung strengt mich nicht mehr so peinlich an, wie früher, der Appetit kehrt zurück und der Schlaf bessert sich. Von meinem Landsmann Reis habe ich einige japanesische Vocabeln und Redensarten erlernt, die mir bei Ankäufen in 157 Läden gar gute Dienste leisten. Mit jedem Tage werde ich vertrauter mit den Einrichtungen der Stadt. Polizeistationen giebt es an allen Ecken und Enden. Die einzelnen, oft nur winzigen Häuserreviere werden Abends durch Gatter verschlossen. Die Zahl der Feuerwächter ist sehr beträchtlich und ihr jedesmaliger Standpunkt der Verantwortlichkeit ihres Amtes vollkommen entsprechend. Der Wächter ersteigt nämlich eine hohe Leiter an der Straßenecke und setzt sich auf ein schmales Brett des Mauerrandes. Schläft er ein, so fällt er hinunter und bricht das Genick. Für einen Wasservorrath hat jeder Hauswirth zu sorgen. Die in den Läden feilgebotenen Waaren sind unverschämt theuer; die Unterthanen werden von der Regierung instruirt, die Fremden möglichst zu übervortheilen. Doch läßt der Japanese, wenn es unbemerkt geschehen kann, mit sich handeln. Es ist mir sogar gelungen, eine Landkarte von Japan und einen Plan von Yeddo zu kaufen. Dem Wortlaut des Gesetze nach hätte der Händler Beide einem Ausländer nicht einmal zeigen dürfen. Die Schnitzereien und lackirten Waaren sind wahre Wunderwerke von Solidität und Sauberkeit. Dem Straßenverkehr ist bei der grundsätzlichen Zurückhaltung der Japanesen ein Dämpfer aufgesetzt; selbst die hiesigen Pferde sind Leisetreter. Den Beschlag mit eisernen Hufeisen kennt man nicht, aber die Hufe werden mit festen Strohschuhen bekleidet, ohne daß die raschen Gangarten darunter leiden.

Mit meiner Nachtruhe muß ich seit dem 13. August mich immer haushälterischer einrichten, denn nicht nur die Japanesen exerciren und manövriren in der kühlen Nacht, auch unsere Preußen sind hinter ihre Schliche gekommen. 158 Die Marine-Abtheilung der Gazelle ist am Lande und beginnt ihre Uebungen schon um drei Uhr Morgens mit einem kräftigen Hörnersignal, das sogleich eine Anzahl früh erwachter Zuschauer anlockt. Die Offiziere und Soldaten der Corvette haben sich jetzt »landfein« gemacht und sind unbestritten die Löwen von Yokuhama. Der Exercirplatz liegt in der Nähe des Reis'schen Hauses, die Fenster meines Schlafzimmers stehen Tag und Nacht offen, mir entgeht also kein lautes Wort der Kriegsgebietiger. Wir sind Alle Soldaten gewesen und wissen, daß es unter den Rekruten immer Capacitäten giebt, die über gewisse mathematische Grundbestimmungen erst langsam zur Klarheit gelangen. So lag ich neulich im Bette und ward Ohrenzeuge folgender mnemotechnisch-wissenschaftlichen Auseinandersetzung eines Unteroffiziers, die mich sofort in die theure Heimath, auf den Holz- oder Kohlenmarkt des alten Danzig zurückversetzte.

»Heupferd!« begann der Gewaltige, »links! links! sage ich. Wissen Sie denn immer noch nicht, wo links ist? Heupferd, Sie! Die Seite, wo Sie sich mit der Degenkoppel die Hüfte wund scheuern, ist links; die Hand mit der Sie nicht essen, ist links, Heupferd! Kennen Sie denn nicht das schöne Lied: Du Schwert an meiner Linken! An so etwas muß der Soldat denken, merken Sie sich das endlich, Sie Heupferd!«

Die Anwesenheit unserer braven Bursche verleiht mir wieder einige Sicherheit. In den letzten Tagen hatte ich bemerkt, daß viele Kaufleute nur den Tag in ihren Comptoirs zubrachten und Abends mit den Hauptbüchern und Baarschaften an Bord der Schiffe zurückkehrten, zudem war es 159 nicht angenehm, drei Viertel des Tages in dem weiten Hause, nur in Gesellschaft von zehn eingeborenen Dienern, zuzubringen. Am 15. August war auf der Straße ein Mordanfall vorgekommen. Ein Yakonin hatte plötzlich von Leder gezogen und einen Streich nach einem vorübergehenden Engländer geführt. Dieser war damit nicht einverstanden, zog seinen Revolver und schoß den Angreifer durch den Arm. Herr Reis kam in Folge dieses Vorfalls mit ernsthaftem Gesicht zu mir und verlangte meinen Revolver zu sehen, über dessen leichtes Kaliber er sich höchst mißbilligend aussprach. Zugleich zog er aus einem Futteral, das man an einem Bandelier über die Schulter hängen konnte, eine amerikanische Waffe, deren Kaliber freilich nichts mehr zu wünschen übrig ließ, und verpflichtete mich, sie auf allen Ausgängen mitzunehmen. »Sie thun damit noch auf 200 Schritte Kernschüsse!« sagte der würdige Freund zur Empfehlung des Mordinstrumentes. 160

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