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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 34
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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X.

Nach Japan. Flucht vor dem Teifun. Schönes Wetter und dreißig mit dem Tauende. Der Vulkan Fusi Yama. Eine neue Höflichkeitsbezeugung. Ein Damenbad auf offener Straße. Grillen und Schreifliegen. Japanische Häuslichkeit.

Früh acht Uhr am 31. Juli werden die Anker gelichtet und wir stechen nach Yeddo in Japan in See. Der anschwellenden Fluth entgegen, fahren wir stromabwärts unsäglich langsam; doch hatten sich um vier Uhr Nachmittags die wilden Wasser wieder verlaufen und der Capitain trug Bedenken, bei dem niedrigen Wasserstande und dem Tiefgange der Gazelle die Barre des Yangtsekiang zu passiren; die Anker wurden daher nochmals ausgeworfen. Es ist heute Freitag, und in allen Winkeln des Schiffes stecken die Matrosen die Köpfe zusammen und tuscheln; eine Abfahrt an einem Freitage sei noch nie zu einem glücklichen Ende gediehen. Die Zeit zu ferneren abergläubischen Betrachtungen war ihnen nur karg zugemessen, um halb drei Uhr Nachts dampften wir rasch über die gefährliche Barre und, von einer frischen Brise angehaucht, eilten wir mit einer Schnelligkeit von acht Knoten nach Norden vorwärts. 130 Der Athem des Windes erstarb nach vier und zwanzig Stunden, und am 2. August Sonntags war eine solche Windstille eingetreten, daß nach dem Gottesdienste Baron von Bothwell uns den Vorschlag machte, ein Boot zu besteigen und eine Ruderfahrt zur Feier des Sabbaths zu veranstalten. Eine Stunde lang genossen wir den Anblick der prächtigen Corvette und des unbegrenzten Ocean-Panoramas, dann kehrten wir zurück und setzten mit Dampf die Reise fort. Mein Tagebuch gewährt in den chinesisch-japanischen Gewässern nur spärliche Ausbeute, der Schiffsverkehr ist gering; seit der Abfahrt von den chinesischen Küsten haben wir nur ein Schiff in der Ferne erblickt. Unsere Gesundheit hat sich sehr verschlechtert, der Capitain leidet von allen Offizieren am heftigsten an der Dysenterie; die Bildung eines Graupenvereins wäre angemessen. Die Stelle eines Alterspräsidenten könnte mir, der ich am längsten mit dem Uebel kämpfe, ohnehin nicht entgehen. Am 3. August erhielten wir Gesellschaft. Mehrere Wallfische von mittlerer Größe tauchten tausend Schritte von dem Schiffe auf, bliesen Wasserstrahlen aus den Nasenlöchern und schäkerten untereinander auf etwas hahnebüchene Weise. Den Fischlein schien im kühlen Grunde unsäglich wohl zu sein. Bald darauf schwamm ein verschlossener chinesischer Sarg an der Gazelle vorüber; wie er in diese Regionen gekommen sein mochte, war uns Allen unbegreiflich. Um drei Uhr erblickten wir in weiter Ferne Land, die japanische Insel Udsi Sima, eine malerische Bergformation von ungefähr 2000 Fuß Höhe, und gegen Abend begegnete uns die erste japanische Dschunke, der wir jedoch keine weitere Aufmerksamkeit schenkten, da das Barometer plötzlich rasch zu fallen 131 begann und angesichts der Küste sogleich die nöthigen Vorsichtsmaßregeln ergriffen werden mußten.

Der Wind wurde von Stunde zu Stunde stärker und Capitain v. Bothwell hielt es für rathsam, in Gesellschaft der Offiziere die Nacht hindurch auf Deck zu bleiben. Durch meine körperliche Schwäche gezwungen, hatte ich mich in der Vorkajüte niedergelegt, aber die gewaltigen Bewegungen des Schiffes ließen mich nicht schlafen. Ich kroch aus der Hängematte und begab mich zu den Offizieren. Die See ging himmelhoch; im Verhältnisse zu den heranrollenden Wasserbergen schien die stattliche Gazelle zu einer Wallnußschale zusammengeschrumpft zu sein. Die höchste Vorsicht war geboten, denn in allen Richtungen umgab uns Land. Nördlich am Horizont tauchten die kahlen, nur hie und da grüngefleckten Felsen Japans auf, gen Süden zeigten sich mehrere kleine gebirgige Inseln, deren eine, Kurosima, in einen rauchenden Vulcan von 2200 Fuß Höhe auslief. Die See ging immer höher, und endlich mußten alle Kajütenfenster und Stückpforten geschlossen werden. Da ich zu einer dreistündlich zu nehmenden Mixtur verurtheilt war, hatte ich mich rittlings auf das Geschütz in meinem Boudoir gesetzt und führte eben den Löffel zum Munde, als eine Welle durch die Oeffnung schlug, nicht nur die Medizin beträchtlich verdünnte, sondern mich auch durch ein Sturzbad erfrischte und alle Utensilien nebst Gepäck unter Wasser setzte. Die Kajüte mußte mit Eimern wieder trocken gelegt werden. War die Hitze in der geschlossenen Kajüte des Capitains unerträglich, so stürzte der Regen auf das Verdeck in Strömen herab. Um 6 Uhr wollte die Corvette »keine Fahrt mehr machen.« Der hohen See und 132 der Wucht des Sturmes war die Kraft der Schraube nicht gewachsen. Unaufhaltsam trieb die Gazelle rückwärts. Eine Stunde später fuhr eine französische Corvette, wahrscheinlich von Yeddo kommend, mit dicht gerefften Marssegeln in südlicher Richtung an uns vorüber. Der Versuch wurde angestellt, mit Flaggensignalen eine Unterhaltung anzuknüpfen, aber das eilige Kriegsschiff gab keine Antwort. Capitän v. Bothwell beschloß jetzt, da das Barometer immer tiefer sank, dem Beispiel des Franzosen zu folgen und den Wirbeln des drohenden Teifun auszuweichen. Das Kriegsschiff mochte, nach dem Verlust beider Bramstengen zu urtheilen, dem Teifun nur mit genauer Noth entgangen sein. Auch unsere Marssegel wurden gerefft, wobei einige Leinwandstücke wie Papierfetzen zerrissen über Bord flogen, und resignirt kehrten wir dahin zurück, woher wie gekommen waren. An Unglücksgefährten fehlte es uns nicht. In den Mittagsstunden des 4. August kam uns eine große, sehr elegant ausstaffirte Dschunke in Sicht, die bei ihrer unbehilflichen Bauart noch ganz anders, wie wir, hin- und hergeworfen wurde. Mit Hilfe des Fernglases erkannte ich auf Deck des Schiffes vier höchst martialisch aussehende Japanesen und ein kleines Frauenzimmer, die sich sämmtlich mit vieler Fassung in ihre Lage fanden. Gar gern hätte ich das Schauspiel länger beobachtet, man rief mich jedoch schleunig in die Kajüte; meine Effecten hatten durch eine Sturzsee abermals Schiffbruch gelitten. Koffer, Morgenschuhe und Stiefelknecht schwammen umher; der Posten leistete mir bei der Rettung freundschaftliche Hilfe. Der Morgen des 5. August brach noch immer stürmisch an, aber das Barometer begann langsam zu steigen; wir waren über 133 dreißig Meilen weit zurückgeworfen worden. Der Wind drehte sich nach Westen und der frühere Cours wird von Neuem aufgenommen. Obgleich die See den Anschein hat, als wolle sie uns unter den von Südwest gegen den Spiegel der Corvette heranrollenden Wellen begraben, sieht der Himmel doch etwas freundlicher aus. Vor meinen Augen schwankt Alles, ich bin nicht seekrank, aber ich werde in meinem jammervollen Zustande noch von fixen Ideen verfolgt. Die ganze Nacht hindurch wand ich mich in der glühenden Stickluft der Kajüte in meiner Hängematte, und konnte den Gedanken nicht loswerden, wie glücklich ich sein würde, läge ich jetzt im Winter zu Hause neben dem geheizten Ofen, mit einer Wärmflasche im Bette. Der logische Widerstand gegen diesen aufdringlichen Gedanken, der meinem verwirrten Hirn nicht recht einleuchten wollte, verursachte mir unbeschreibliche Qualen. Jetzt saß ich auf dem Verdeck, und um mich drehte sich ein dunkelgrauer, mit Seeoffizieren, Teifunkarten und Regenwolken bedeckter Himmel. Da sich der Wind noch mehr nach Süden wandte, kamen wir rasch vorwärts.

Am 6. August hatte sich die See etwas beruhigt, wir konnten in den Kajüten gehen und stehen, ohne zu Boden geworfen zu werden, und Capitän von Bothwell mochte das Wetter für geeignet halten, um jetzt einen Act der Gerechtigkeit vorzunehmen. Die Offiziere und einige als Zeugen dazu commandirte Matrosen versammeln sich um neun Uhr in Gala-Uniform, und einem Gehorsam-Verweigerer werden mit einem Tauende dreißig Hiebe officiell aufgezählt. Ungeachtet des günstigeren Windes haben wir nach den am 7. August angestellten Berechnungen weniger 134 »Fahrt gemacht,« als zu erwarten stand. Erst in den Mittagsstunden bringen wir es mit Dampf zu einer Geschwindigkeit von 8 bis 9 Knoten in der Stunde und passiren Nachmittags die Region, wo der unglückliche Schoner Frauenlob von seinem Schicksal ereilt wurde. Unsere Entfernung vom Lande wird auf 8 geographische Meilen abgeschätzt. Bei Sonnenuntergang segelt und dampft ein von Norden kommendes Geschwader von acht großen und kleinen Kriegsschiffen an uns vorüber. Der Flaggengruß und eine flüchtige Correspondenz mittelst Signalen wurden durch die schleunig hereinbrechende Dunkelheit verhindert; wir waren immer noch eine Meile von der Flotille entfernt. Die Fahrt wurde mit höchster Vorsicht fortgesetzt, und am 8. August, um sechs Uhr Morgens, tauchte in einer Entfernung von 16 bis 20 Meilen der schon mehr im Innern Japans gelegene Vulkan Fusi Yama, der heilige Berg der Japaner, aus der Tiefe auf. Der Himmel war wolkenfrei und die malerischen Umrisse des Gipfels traten scharf hervor; auf der Spitze sah man deutlich mehrere Schneeschichten. Die Höhe des Fusi Yama, d. h. des großen Berges, wird sehr verschieden zwischen 12,000 bis 14,000 Fuß angegeben. Nach einer neueren Messung von Alcock soll sie 14,356 Pariser Fuß betragen. Der ausgebrannte Vulkan, der nach den Behauptungen der Japanesen im Jahre 286 vor Christi Geburt plötzlich entstanden sein soll, ist der Stolz der Eingeborenen. In allen ihren landschaftlichen Abbildungen suchen sie seine rauhe Pyramide im Hintergrunde als höchsten Effect anzubringen. Meine Hände zitterten vor Schwäche, doch durfte der günstige Augenblick nicht verloren gehen, ich holte meinen 135 Malerapparat und fertigte, da die Wuth der Wasser endlich beschwichtigt war und die Schwankungen der Corvette meine Arbeit nicht hinderten, glücklich eine Aquarelle an. Kaum hatte ich den Pinsel ausgewischt, als eine plötzliche Trübung des Dunstkreises mir bewies, wie recht ich gethan, keine Zeit zu versäumen. Etwa um 9 Uhr spann sich der majestätische Berg in einen dichten Wolkenschleier.

Wir näherten uns inzwischen den pittoresken Küsten der herrlichen Bai von Yeddo. Das Erste, was wir von japanischem Leben und Treiben bemerkten, waren drei größere Dschunken, jede mit 20 stämmigen Landeskindern bemannt, die dem Wallfischfange oblagen. Die Jagd mochte höchst ergiebig sein, denn während meiner Arbeit hatte ich nach und nach reichlich ein Dutzend heranwachsender Wallfisch-Fohlen oder Kälber – ich bin in der Fischer- und Jäger-Sprache nicht bewandert – gezählt, die sich in kindlicher Naseweisheit der Gazelle näherten, aus dem Ocean mit ihren riesigen Leibern hervorschnellten und Wasserstrahlen emporstrudelten. Meine poetischen Empfindungen wurden durch den unerwarteten Umstand, daß auf Deck Alles zum Gefecht klar gemacht wurde, etwas heruntergestimmt. Die Gazelle war eines freundlichen Empfanges in Kanagawa, das wir Abends zu erreichen hofften, nicht ganz gewiß, und mußte sich auf alle Fälle vorbereiten. Schon gestern hatte mich ein längeres Uebungsmanöver von kriegerischem Anstrich befremdet. Selbst die diplomatischen Herren Passagiere besichtigten ihre Revolver. Im Laufe des Tages geschah indessen nichts, was unsere Besorgnisse steigern sollte. Eine Anzahl Dschunken, die wir einholten, schienen mir zwar nicht so bunt und malerisch, wie die gleichnamigen 136 Fahrzeuge der Chinesen, aber von praktischerer Bauart. Sie waren nicht so unbehilflich, als mir die vom Sturm hin- und hergeworfene Dschunke erschienen war, segelten trefflich vor dem Winde, und ich gab im Stillen den japanischen Zimmerleuten eine Ehrenerklärung. Bald eröffnete sich uns die Aussicht in die weite Bai von Yeddo. Die Landschaft ist unvergleichlich schön und das Glück lächelte unserer Ankunft. Die Sonne hatte alle Nebelgespinnste zerstreut; die tiefblaue Bai und ihre Ufer lagen wie ein gekröntes Preisbild in goldenem Rahmen vor uns. Vielleicht veranschauliche ich den weiten Prospect am besten, wenn ich die felsigen, bald kahlen, bald bewaldeten Erhebungen von mäßiger Höhe und die darin gebetteten freundlichen Hafenstädte, mit einer Zusammenstellung thüringischer Veduten vergleiche. Es war dieselbe musikalische Harmonie der Formation, dieselbe Frische, nur erschien mir das herrliche Ensemble mehr von südlicher Wärme der Farbe angehaucht, und das ferne Colossalgebilde des Fusi Yama brachte einen fremdartigen Ton hinein, der nach Asien hinübermodulirte.

Einige Minuten vor Sonnenuntergang hatte die Gazelle Yokuhama erreicht. Kaum war der Anker gefallen, als die Offiziere der in der Nähe ankernden amerikanischen, englischen und französischen Schiffe ihren Begrüßungsbesuch abstatteten. Einer der ersten an Bord war der preußische Consul, Herr von Brand. Die Dunkelheit brach so rasch herein, daß wir uns der willkommenen Gäste nicht lange erfreuen konnten, ja selbst der für das französische Admiralschiff bestimmte militärische Gruß von 13 Kanonenschüssen mußte bis auf den nächsten Morgen verschoben werden. 137 Leider hatte sich unsere Tafeldecker-Mannschaft darauf nicht genügend vorbereitet und den zum Tiffin gedeckten Tisch nicht »zum Gefecht klar gemacht«; der Teller- und Gläservorrath der Gazelle erlitt folglich durch die Lufterschütterung, welche das Abfeuern der Vierundsechzig-Pfünder verursachte, eine empfindliche Einbuße. Für gewöhnlich müssen vor jeder Kanonade an Bord alle zerbrechlichen Geschirre in Kisten oder Körbe festgepackt werden. Um 9 Uhr Morgens ruderten wir an's Land und standen nach einer halben Stunde auf japanischem Boden. Die Herren von Rehfues, von Radowitz und Prinz Wittgenstein beziehen Zimmer im Hause des Herrn von Brand; mich nimmt die Firma Reis u. Schulze auf, ein Bremer Handelshaus.

So eindringlich man mich zur Vorsicht gemahnt hatte, nicht allein zu weit in den Straßen Yokuhamas vorzudringen, vermochte ich doch nicht, meiner Neugier zu widerstehen. Zudem hatten sich meine Kräfte etwas gehoben und mehrere Stunden ruhigen Schlafes in der letzten Nacht meine Nerven erfrischt. Das Klima Japans ist immer noch warm genug, aber bei der freien Lage der Bai, in der wir ankern, kühlt sich die Atmosphäre bei Nacht beträchtlich ab; die Gesammttemperatur wird dadurch ungleich angenehmer und wohlthätiger für das leibliche Befinden, als zu Hongkong. Erleichterten Herzens begab ich mich in die Straßen Yokuhamas, kam aber nicht weit, da immer nach vier bis fünf Schritten hundert neue Gegenstände mich fesselten und zwangen, mit offenem Munde stehen zu bleiben. War ich bisher in China durch meine Nachahmung der landesüblichen Höflichkeit überall gut fortgekommen, so hielt 138 ich es für verständig, unter dem Bruderstamme ein ähnliches Verfahren zu beobachten, und kann dasselbe allen meinen deutschen Nachfolgern anempfehlen.

Gleich in den ersten zehn Minuten meines Streifzuges wurde mir ein sehenswerthes, von Allem, was ich bisher in der Praxis des Ceremoniells erlebt, weit abweichendes Schauspiel gewährt. Ein vornehmer Mann ritt, von seinem, aus Fußgängern bestehenden Gefolge begleitet, durch die Straße. Er trug zwei Schwerter und die einem Weiberrock ähnlichen weiten Hosen, die nur der Adel anlegen darf, der Reiter, wenn er nicht ein Daïmio war, was ich in Yokuhama nicht voraussetzen durfte, mußte also wohl den »Sio-Mio« d. h. dem Erbadel, oder einer andern der ersten vier Klassen, den Yakonins, angehören. Das Volk bewies ihm außerordentliche Ehren. An orientalische Höflichkeitsbezeugungen gewöhnt, befremdete es mich nicht weiter, daß alle Vorübergehenden sich zu Boden warfen und ihre Häupter zur Erde neigten. Bisher hatten sie aber der vornehmen Person, welcher diese sklavischen Huldigungen galten, immer den Kopf und die ehrerbietig ausgestreckten Hände zugekehrt; hier verhielt es sich umgekehrt. Alle warfen sich mit abgewandtem Haupte auf die Knie, verbargen die Gesichter und ließen den hochgestellten Beamten oder Militär nur ihre Kehrseite, und zwar im schärfsten Gegensatze zum Antlitz sehen. Denn da die Mannigfaltigkeit der Garderobe unter den Japanesen, wie ich schon in den ersten Minuten meiner Promenade bemerkt hatte, außerordentlich groß ist, und die unteren arbeitenden Kasten in der Sommertracht einhergingen, die nur in einem um Leib und Oberschenkel geschlungenen schmalen Bande besteht, 139 konnte es nicht fehlen, daß dem Yakonin eine Menge jener ausdruckslos geformten Körpertheile in ihrer Blöße zugekehrt war, die wir Europäer deshalb aus ästhetischem Zartgefühl sorgfältig unter unseren Kleidern verbergen, und die nur die ruchlosen Spaßvögel entschwundener unhöflicherer Jahrhunderte unter schmachvollen Zumuthungen unverhüllt vorwiesen. Es war mir unmöglich, bei dem frappanten Anblick einer so eigenthümlichen Esplanade ein lautes Gelächter zu unterdrücken, und da ich vor dem langsam heranreitenden Yakonin höflich den Hut lüftete und eine leichte Verbeugung machte, bezogen Se. Excellenz mein Gelächter als europäischen Ehrengruß auf ihre Person und dankten mir durch Handschwenkungen und Kopfnicken auf zuvorkommende Weise.

Je weiter ich ging, desto einleuchtender wurde mir, wenn irgendwo, so habe man die verkehrte Welt nur in Japan zu suchen. So fiel mir in mehreren, nach der Straße offen stehenden Tischlerwerkstätten die Art des Hobelns und Sägens auf. Die Arbeiter stoßen nämlich das Handwerkszeug nicht, wie bei uns, von sich, sondern ziehen es, und zwar mit vieler Leichtigkeit, an sich. Ein großes Brett wurde nach dieser Methode eben so schnell glatt gehobelt, wie nach europäischem Brauch. Selbstverständlich schreiben die Japanesen von rechts nach links und beginnen ihre Bücher auf der letzten Seite des Bandes, aber auch die Pferde stehen in ihren Ställen mit den Köpfen nach vorn gekehrt, wo man in unseren Ställen nur ihre Schweife erblickt. Jeder Leser des alten Testamentes weiß, welches Unheil durch die unzeitige Wißbegier jener älteren Herren angerichtet wurde, welche die schöne Susanna und Bathseba 140 in einem Augenblicke belauschten, wo jedes weibliche Wesen sich den Augen des starken Geschlechts zu entziehen sucht. Meinen japanesischen Collegen, den Historienmalern, kann die Culturgeschichte ihrer Heimath nie einen gleich dankbaren Vorwurf liefern. Vor der Thür jedes japanischen Hauses steht, zum ersten Nothbehelf bei Feuersgefahr, ein mit Wasser gefüllter großer Bottich, dessen Inhalt fortwährend erneuert und von der Polizeibehörde streng beaufsichtigt wird. Der Bottich ist zugleich die Badewanne der das Haus bewohnenden Familie und die offene Straße: ihr Badegemach. Wie erstarrt blieb ich stehen, als ich, hinter einem in das Haus biegenden Packträger hervortretend, plötzlich vor einem jungen Mädchen stand, das, im Costüm unserer Urgroßmutter Eva, aber selbst ohne die Feigenblätter-Garnitur, auf einem über den Rand des Bottichs gelegten lackirten Brette saß, Nacken und Brust mit Wasser übergoß und wie eine Ente mit den Füßen darin plätscherte. Ich wich in der Furcht, eine unerhörte Tactlosigkeit begangen zu haben, verlegen zurück, da mich aber die badende Schöne nur eines gleichgiltigen flüchtigen Blickes würdigte und keiner der Vorübergehenden sie beachtete, beruhigte ich mich mit dem alten Sprichworte: Ländlich, sittlich! und schlenderte unbekümmert weiter. Wirklich war das öffentliche Bad keine Ausnahme von der Regel gewesen, die Vormittagsstunde mochte zur Toilette bestimmt sein, und schon einige Häuser weiter traf ich eine Mutter mit zwei Töchtern bei derselben Beschäftigung. Die Damen fühlten sich durchaus nicht unangenehm berührt, als ich auf- und abwandelnd Augenzeuge der gegenseitigen Uebergießungen und des späteren weitläufigen Haarschmückungsprozesses war. 141 Ich bekam danach eine sehr vortheilhafte Meinung von der Reinlichkeit, wenn auch nicht von der Schamhaftigkeit der Japanesen, und habe keine Veranlassung gefunden, sie später zu berichtigen. Der Inselbewohner steht in dieser Hinsicht weit über dem Chinesen.

Die Bauart der aus Fichten-, Cedern- und Pinienholz errichteten Häuser ist sehr gleichförmig und kasernenartig. Eine lange Straßenfront scheint oft nur ein einziges zweistöckiges Haus zu sein, und doch zerfällt sie in eine Menge einzelner Gebäude, die freilich durch ein gemeinschaftliches Dach aus schwarzen Ziegeln verbunden sind. Eben so gern malt man die Wände schwarz an, was den Straßen durchweg ein düsteres Ansehen giebt, ungeachtet nach hiesigen Vorstellungen die schwarze und purpurrothe Farbe der Heiterkeit geweiht sein soll. Weiß ist, wie in China, auch in Japan die officielle Trauerfarbe. Glasscheiben kennt man in Japan eben so wenig als im himmlischen Reiche. Nur in Yeddo sollen einige Daïmios Zimmer ihrer Paläste mit Glasfenstern geschmückt haben. Die Fenster bestehen aus hölzernen Gittern, die mit dünnem Papier überklebt werden, das so viel Licht durchläßt, um dabei arbeiten, lesen und schreiben zu können. Will der Japanese auf die Straße sehen, so fährt er mit dem Finger durch eine der kleinen Papierscheiben; der Schaden wird durch ein übergeklebtes Blatt schnell wieder ausgebessert, doch erhalten die Fenster durch diese häufig wiederholten Operationen zuletzt ein gar zerplundertes bettelhaftes Aussehen. Das zweite Stockwerk der gewöhnlichen Häuser tritt, wie unsere Mansardenetagen, etwas zurück. Hier pflegen sich die Schlafgemächer der Familien zu befinden.

142 Die Promenade hatte mich sehr ermüdet und ich kehrte nach Hause zurück, nicht ohne aus den Mienen mehrerer mir begegnenden Yakonins zu errathen, daß die Besorgnisse der Landsleute vor unberechenbaren Gewaltthaten nicht ungerechtfertigt seien. Alle diese Herren, deren verschiedene Grade oder Kasten ich nicht zu unterscheiden vermochte, trugen zwei Schwerter und schienen ihren bärbeißigen Gesichtern nach große Lust zu haben, die Schärfe eines derselben an meinem Bauche zu erproben. Die Antecedentien dieser Herren können nach europäischen Begriffen nicht die besten sein; die Einwanderer aus anderen Welttheilen leben hier unter einem stillschweigend erklärten Belagerungszustande. Bei einem Besuch läßt man eher die Uhr, die Börse oder das Taschentuch zu Hause, als den Revolver. Vom Säbel trennt man sich so ungern, wie vom Zahnstocher und dem Augenglase. Und doch widerspricht dem die Lage und leichte Zugänglichkeit meines Zimmers in Herrn Reis' Hause. Das einzige Fenster desselben im Parterregeschoß ist nur durch ein schmales Vorgärtchen oder einen mit Zwerggewächsen und Blumen ausgestatteten Gang, und einen sechs Fuß hohen Stacketenzaun von der Straße getrennt. Gleich dem Italiener bewegt sich der Japanese in den heißen Sommermonaten Nachts gern im Freien, und meine Lagerstätte, an deren Kopfende auf dem Tische eine große Lampe steht, ist von der Straße aus Jedermann sichtbar und zugänglich, da der Stacketenzaun sich leicht überklettern lassen würde. Nichts desto weniger lächelt Herr Reis und beruhigt mich bei meinen Klagen über mangelnde Sicherheit: keinem seiner Gäste sei noch in diesem Gemache etwas Uebles zugestoßen. Wirklich wird meine 143 Nachtruhe weniger durch die zweifüßigen, als die mehrfüßigen Einwohner von Yokuhama gestört. Unter jedem Breitegrade lernt man neue Quälgeister aus dem Insektenvolke kennen. Hier giebt es in den Zimmern eine Menge Grillen, deren Nachtgesang nicht verstummt, man mag anstellen, was man will. Noch beschwerlicher ist eine mir neue Species riesiger Fliegen – die Landsleute nennen sie Schreifliegen – die bei ihrem Umherschwärmen ein Geräusch hervorbringen, als striche Jemand mit angefeuchtetem Finger auf dem Rande eines feinen englischen Glases. Das Nocturno eines solchen Chors zirpender Grillen und wild umhersausender Fliegen schreckt mich mehrmals in jeder Nacht aus dem Schlummer auf. Hector Berlioz wäre entzückt gewesen, hätte er dieses Musikstück anhören können, denn hier brachten die unvernünftigen Creaturen mit ihren natürlichen Hilfsmitteln ganz denselben Effekt hervor, den der Pariser Tonsetzer in dem Queen Mab Scherzo seiner berühmten Symphonie »Romeo und Julie« erst durch die abenteuerlichsten Instrumental-Combinationen erzielt.

So trefflich die Gemüse in China und Japan sind, das in beiden Ländern gezogene Obst hat mir niemals munden wollen. Die im heutigen Dessert herumgereichten Aepfel und Pfirsiche hatten, wenn ich so sagen darf, einen Wildgeschmack, der Holz und Säure verrieth; die Stämme mochten schlecht gepfropft sein. Unsere Tischgesellschaft bestand außer den zahlreichen Hausgenossen des Wirthes aus einigen englischen Seeoffizieren. Die Herren glaubten mir die höchste Artigkeit zu sagen, wenn sie ernstlich betheuerten, die Gazelle bei ihrer Ankunft verkannt und für ein englisches Kriegsschiff gehalten zu haben. Nach aufgehobener Tafel 144 wurden die Häuser einiger reichen Landesbewohner besichtigt. Sie waren sämmtlich von einem Stacketenzaun umgeben und lagen in kleinen, sauber gepflegten Gärtchen. Links von dem Haupteingange wohnte in einem besonderen Häuschen der Portier, Wächter oder Herold; wenigstens vereinigte er in seiner Person alle Functionen dieser Aemter. Je nach dem Stande der Einlaß Fordernden wirft er sie entweder unverzüglich mit sicherem Griff wieder auf die Landstraße, oder meldet sie an, und führt sie auch wohl unter vielen Bücklingen persönlich vor seinen Gebieter. Jeder Fremde hat durch den Thürklopfer am Thor seine Ankunft anzumelden, der Portier besichtigt ihn und läßt ihn vorkommenden Falles ein. Die geringen Leute begeben sich durch eine kleine Seitenthür in das Haus, wo sie von höheren Domestiken in Empfang genommen werden; die vornehmen Personen treten durch die hohe Mittelthür ein und werden der Herrschaft durch einen weithin schallenden Schlag auf eine dünne Metallplatte angemeldet. In diesen feinen Standesunterscheidungen ist Vieles, was mit den aristokratischen Hausgebräuchen in England und Frankreich übereinstimmt. 145

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