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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 33
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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IX.

Consultationen an Bord. Hundertfünfzig Ananas für einen Dollar. Die Opferdschunke. Polussia Mandalin. Wie schwitzen Sie? Woosung und Shanghai. Der Tapferste der Tapfern. Deserteure.

Die europäischen Seefahrer im Hafen zu Amoy leiden unter den Einflüssen der Hitze nicht weniger, als ihre Gefährten zu Hongkong. An Bord der Gazelle befinden sich zwei Aerzte, und Beide werden von Kranken der in der Nachbarschaft ankernden Fahrzeuge bestürmt und um Rath gebeten. Unser Stabsarzt zuckt mitleidig die Achseln, wenn ich den vielgeplagten Mann mit meinen Klagen behellige, und vertröstet mich auf die wohlthätigen Einwirkungen der Seeluft und eines milderen, d. h. kühleren Klima's, dem wir uns nähern. Die Mannschaft der Gazelle befindet sich, ungeachtet ihrer Schwelgereien in Südfrüchten auf der Rhede von Singapore, ganz vortrefflich. Ihr Ananasverzehr wird in dem Wirthschaftsbuch binnen vier Wochen auf 18,000 Stück berechnet, aber selbst ein haushälterischer Capitän kann seinen Matrosen diesen körperlich zuträglichen Genuß erlauben, da für 100 bis 150 Ananas je nach der Größe nur ein Dollar bezahlt wird.

116 Um 3 Uhr wurde an's Land gefahren und der Arzt gebot mir, an der Partie theilzunehmen. Wir hatten immer noch beinahe eine Stunde zu rudern, ehe wir zu der hübschen, mit einem lustigen Balkon versehenen Villa des preußischen Consuls gelangten. Die jungen Herren Seeoffiziere bestiegen die Hügel der Umgebung, wir Aelteren blieben zurück und labten uns an dem von halbnackten Chinesen kredenzten Sodawasser. Die Aussicht auf einen chinesischen Strand und das rege Treiben der Bootsbewohner gewährt immer Unterhaltung. Unweit des preußischen Consulats lag eine sogenannte Opfer- (Joss) Dschunke vor Anker. Sie war auf Kosten eines reichen Chinesen aus dem kostbarsten Material angefertigt und zur Aufnahme von Opfergaben bestimmt. Jeder durfte seinem Gotte eine Gabe darbringen, auch die geringste Kleinigkeit, eine Handvoll Reis, ein Bissen Fleisch oder Fisch war zulässig, daneben lagen schwere Seiden- und Goldstoffe. Ist das Fahrzeug bis an den Rand mit Weihegeschenken gefüllt, so läßt der fromme Spender es auf die hohe See hinausrudern, und dort, ohne Mannschaft, Steuer und Ruder, ein Spiel der Wogen und Winde, weitertreiben. Eine Sühne menschlicher Vergehen, gehört es den unsichtbaren Mächten der Höhe und Tiefe. Vor einigen Jahren war ein englisches Schiff so glücklich, eine dieser Opferdschunken aufzufischen, und unversehrt nach England zu bringen, wo sie für Geld gezeigt wurde.

Um 7 Uhr wurde das Diner servirt, bei dem ich mich nur als Zuschauer betheiligte. Nach Tisch hatte der aufmerksame Wirth für eine den Offizieren neue Unterhaltung gesorgt. Unten vor der Veranda war ein Theater aufgebaut, auf dessen Bühne ungefähr dreißig Mimen eine bis 117 zehn Uhr Abends dauernde Vorstellung gaben. Zuerst kam eine mit haarsträubendem Pathos im alten Mandarinen-Dialekt vorgetragene Tragödie, die gewiß für jeden sinologischen Feinschmecker ein literarischer Leckerbissen gewesen wäre, an uns rothborstigen Barbaren aber spurlos vorüberging. Die Darsteller arbeiteten sich mit ihrer Declamation im Fistelton so selbstvergessen ab, daß ihnen der Schweiß in Gießbächen über die Gesichter rann und die Schminke tief durchfurchte. Dann folgte eine gymnastisch athletische Vorstellung, die uns bei der Bequemlichkeit unseres Zuschauerraumes höchlich ergötzte. Auch diesmal überzeugte ich mich abermals, daß die Chinesen, wie der Tanz an sich nicht zu ihren geselligen Vergnügungen gehört, von Tanzkunst und Ballet nicht die geringste Vorstellung haben. Einer der Athleten hatte seinen Kopf in den unteren Falten des Oberkleides verborgen, einen nachgemachten Kopf zwischen den Beinen befestigt, und ging eine Viertelstunde hindurch auf den Händen, während er mit den Füßen alle jene Bewegungen ausführte, welche wir mit den Händen verrichten, u. A. mit Eßstäbchen Speisen in den Mund der aufgesetzten Larve schob. In Europa hatte ich noch nichts Aehnliches gesehen. In einer gleich eigenthümlichen Art von Gymnastik zeichnete sich ein Anderer aus. Er schwang sich auf eine horizontal befestigte Bambusstange, befestigte seinen Kopf daran und ließ sich nun herab, indem er, daran hängend, eine Menge grotesker und dem Gesetze der Schwere scheinbar hohnsprechender Evolutionen ausführte. Das Finale bestand in der herkömmlichen Schlägerei mit Säbeln, Lanzen, Prügeln und Zöpfen nebst einem Feuerwerk. Ueber die Musik lege ich mir Schweigen auf. Die Vorstellung war zu Ende, 118 die Künstler hatten sich mit tiefen Verbeugungen entfernt, aber unter den Zuschauern war der Geschmack an Feuerwerk angeregt worden. Wie durch Zauberei stieg Thee, Champagner und eine dampfende Punschbowle aus dem Boden des Balkons in die Höhe, und von dem Geländer aus wurde eine Menge Leuchtkugeln, Feuerräder und Schwärmer abgebrannt. Es war halb zwölf Uhr vorbei, als wir zurück ruderten, aber des Feuerwerks sollte heute kein Ende werden. Als wollte der Himmel unser kindliches Funkenspiel beschämen, schossen einige der großartigsten Sternschnuppen durch das tiefe Dunkel der Nacht.

Am nächsten Morgen des 18. Juli wurde wieder in See gestochen. Ich bedauerte, durch meine körperliche Schwäche verhindert gewesen zu sein, mich näher über Amoy zu unterrichten. So viel ich von der Wohnung des Consuls aus zu übersehen vermochte, ähnelt die alte Stadt auch in ihrer Bodenbildung Macao. Häuser und Tempel sind zwischen Felsen erbaut, die Zahl der Einwohner wird auf 200,000 angegeben. Ihr Typus unterscheidet sich wesentlich von dem der Bevölkerung Kantons. Die Hautfarbe ist dunkler und die hiesige Kopfbedeckung dem Turban der Muselmänner ähnlich. Da wir mit Gegenwind zu kämpfen haben, ist die Maschine geheizt und wir dampfen langsam vorwärts. Wir befinden uns in der Nähe der Insel Formosa und kommen Nachmittags dicht bei der kahlen, nur von Piraten bewohnten Ochseninsel vorüber. Die Ortsangehörigen versammeln sich auf Kuppen am Ufer, sind aber weit entfernt von einem Conat auf unser Schiff. So viel ich durch den Tubus sehen kann, flößt ihnen die Gazelle unsäglichen Respect ein. Die preußische Flagge 119 hat sich in den chinesischen Gewässern trotz ihrer kurzen Anwesenheit schon Achtung verschafft. Das solide, stramme und doch wohlwollende Wesen der Offiziere und Mannschaften gefällt den Ostasiaten. Als der Lootse von Amoy aus dem Hafen in das offene Fahrwasser hinausgesteuert hatte und sich verabschiedete, widmete er dem General-Consul Herrn von Rehfues seine ganze besondere Huldigung. Er titulirte ihn dabei »Polussia Mandalin pidjen mau numbel one« (preußischer Mandarin Geschäftsmann Nr. 1); man wird sich erinnern, daß kein Chinese das R auszusprechen vermag.

Am 19. Juli, Morgens acht Uhr, erblicken wir die nördliche Spitze von Formosa, wir steuern absichtlich so weit gen Osten, um den südlichen Passat zu gewinnen; doch gelingt es uns nicht, es herrscht auf der ganzen Route fortwährende Windstille. Das Wetter ist wunderschön, in der kühlsten Stunde, Morgens halb vier Uhr, zeigte das Thermometer sogar nur auf 25 Grad Réaumur. Nach dem Kalender schreiben wir Sonntag und um 10 Uhr tritt Baron von Bothwell unter die in Paradeuniform aufmarschirten Soldaten und Matrosen und hält fürchterlich Musterung. Darauf folgt der Gottesdienst in der Batterie. Bei der anhaltenden Windstille ist die schwebende Hitze unerträglich. Ich bin jetzt in jenem Stadium der Hautentwickelung angelangt, das mir schon in Calcutta viel Stoff zum Nachdenken bot, wenn einer den Anderen gleich beim ersten Zusammentreffen fragte: »Wie schwitzen Sie?« Alle Poren meiner Haut scheinen verstopft zu sein, sie ist glühend aber trocken, ein innerer Brand verzehrt meine 120 Eingeweide, und doch habe ich längst allen Reizmitteln und nährenden Speisen entsagt.

Neun Wochen hindurch habe ich kein Fleisch mehr genossen, ich friste mein Leben mit Reiskörnern, Brocken Zwieback, Grütze, Thee und Sodawasser. Die Güte meiner militairischen Landsleute kann ich nicht genug rühmen. Vor der Thür der Vorkajüte wandelt Tag und Nacht ein Soldat mit gezogenem Seitengewehr auf und ab. Brauche ich Hilfe und klingle, so steht er, wie der Geist des Ringes oder der Lampe, vor meiner Hängematte und betrachtet mich erwartungsvoll. Sein Name ist mir unbekannt, ich nenne ihn: Posten! Der Vortrefflichkeit dieser Einrichtung wird Jeder gerechten Beifall zollen, aber der Ort meiner Lagerstätte bringt denn doch auch einige Uebelstände mit sich. Ueber meinem Kopfe hängen, außer dem Barometer und Thermometer, noch einige andere »Meter«, die der Seemann zur Wohlfahrt des Schiffes und seiner Besatzung nicht aus dem Auge verlieren darf. So geschieht es, daß Tag und Nacht alle halbe Stunde ein wachthabender Seecadet in meiner Kajüte erscheint, die Instrumente scharf beobachtet, die Grade notirt und später in dem dienstlichen Register verzeichnet. Da er sich nach Einbruch der Dunkelheit dabei einer Laterne bedient, kann er seine Beobachtung nicht anstellen, ohne dabei dicht an meinem Gesicht vorbeizufahren und mich regelmäßig aufzuwecken. Unser Capitän studirt fleißig Bücher und Karten; unser großer Meteorologe Dove gilt mit seinem tiefsinnigen Calcül der Luftströmungen für den guten Genius der Seefahrer. Kein Tag vergeht, an dem seiner nicht in Ehren gedacht wird. Der militärische Dienst ist unerbittlich und am Tage macht kein Vorgesetzter 121 der leiblichen Bequemlichkeit seiner Untergebenen Concessionen; nach Einbruch der Dunkelheit wird Nachsicht geübt. Wir entledigen uns alsdann bis auf ein unentbehrliches Kleidungsstück der gesammten Garderobe, lustwandeln oder sitzen auf dem Verdeck und rauchen Taback. Eine Badewanne befindet sich an Bord, ich nehme täglich ein mir vom Stabsarzte verordnetes halbstündiges Bad zur Pflege meiner verkümmernden Haut. Sie ist nicht einmal mehr im Stande, die landesüblichen, regulären Hitzblattern zu Stande zu bringen. Um einige Abwechselung in meine Mahlzeiten zu bringen, darf ich von jetzt an einige Tropfen Citronensäure in meine Graupen träufeln.

Am 21. Juli waren wir dem Festlande sehr nahe, das Fahrwasser ist gefährlich und der Capitän geht mit höchster Gewissenhaftigkeit zu Werke. Er blieb die ganze Nacht hindurch auf dem Verdeck, und ließ nach Mitternacht vier Raketen und Leuchtkugeln steigen, doch währte es bis Tagesanbruch, ehe ein englischer Lootse an Bord kam und die Gazelle in die Mündung des größten Flusses Chinas, des Yangtsekiang steuerte. Die Entfernung vom Festlande war größer gewesen, als wir sie abgeschätzt hatten. Die zwölfte Stunde rückte heran, ehe uns das Feuerschiff zu Gesichte kam, und meine Uhr zeigte auf Zwei, als wir zu Woosung (Wusung), dem Vorhafen von Shanghai, den Anker fallen ließen. Der General-Consul und Herr von Radowitz traten in einem gemietheten chinesischen Fahrzeuge sogleich die Reise nach Shanghai an, wohin sie durch dringende Geschäfte gerufen werden; der Verfall meiner Kräfte verbot mir, mich ihnen anzuschließen. Ich tröste mich mit der Hoffnung, in dem Klima Japans zu genesen, einige 122 Monate später hierher zurückzukehren und dann das Versäumte nachzuholen. Die Herren haben bis Shanghai noch drei Stunden stromauf zu fahren. Der Yangtsekiang, der blaue Fluß oder Kiang, wie er schlechtweg genannt wird, ist hier mindestens anderthalb deutsche Meilen breit, und wechseln Ebbe und Fluth wie auf dem Ocean selber. Das unermeßliche Gewässer gleicht einer lehmigen Jauche und schwemmt eine unberechenbare Menge fester Bestandtheile in die See; die Natur strebt überall nach Abplattung, Nivellirung der Berggipfel und Füllung der Abgründe. So weit das bewaffnete Auge reicht, sind beide Ufer flach, wie in den Niederlanden. Man erkennt nur Reisfelder und niedriges Gebüsch. In meinen unfreiwilligen Mußestunden sitze ich traurig auf dem Verdeck und blicke dem von Westen heranströmenden wilden Wasserschwall entgegen; es ist möglich, von hier aus in einem Tage bis Nanking zu gelangen, aber die Expedition wäre selbst bei vollkommenem Wohlbefinden nicht rathsam. Die Rebellen (Taipings) haben sich der Stadt Nanking bemächtigt, und Niemand kann veranschlagen, in wie weit die bisherigen diplomatischen Vereinbarungen des officiellen China's und der europäischen Seestaaten auch von ihnen anerkannt werden. Von der Schönheit Nanking's habe ich während meiner Anwesenheit in China viel vernommen, der Stolz der Chinesen, der Porzellanthurm Thu, ist freilich von den Rebellen zerstört und dem Erdboden gleich gemacht worden. Nach älteren Berichten, denen ich hier folge, stammte der Porzellanthurm nicht, wie so manche ähnliche Denkmäler, aus den Zeiten der Einführung des Buddhaismus in China (etwa um Christi Geburt) her, sondern gehörte zu den Bauwerken der jüngeren 123 Jahrhunderte. Der Kaiser Tsching-tsu-wen-ti aus der Ming-Dynastie wird als sein Erbauer genannt. Die Errichtung fällt in die Jahre 1403 bis 1425. Seiner religiösen Idee nach war der Porzellanthurm ein Tempel des Dankes und der höchsten Erkenntlichkeit. Nach v. Klödens trefflichem Handbuch der Erdkunde, der sich hier auf Pauthier stützt, stand der Porzellanthurm auf einem Ziegelunterbau, der mit einer Marmor-Balustrade umgeben war. Der als Tempel dienende untere Saal hatte hundert Fuß Tiefe, empfing aber sein Licht nur durch drei kolossale Thore. Der Thurm hatte neun Etagen und eine Höhe von 253 Fuß. Der Durchmesser des Bauwerks verjüngte sich mit zunehmender Höhe. Der Thurm war außen mit vielfarbigem glasirtem Porzellan bekleidet, das im Laufe der Jahrhunderte durch Regen und den zerstörenden Einfluß der atmosphärischen Chemikalien viel von seiner anfänglichen Herrlichkeit verloren hatte. Auf der achten Etage erhob sich ein mächtiger Mast als Gipfel des Ganzen, Eisenbande umschlangen ihn; auf der Spitze lag eine gewaltige vergoldete Kugel. Noch heute sprechen die Chinesen von ihrem Heiligthum, wie unsere Schriftgelehrten von den Wundern des alten Aegyptens. Der Kaiser hat seine Residenz von Nanking nach Peking verlegt, aber die ehemalige Hauptstadt bewahrt standhaft den Ruf der Intelligenz und Gelehrsamkeit. Ihre Arbeiter sind die geschicktesten, die Sprache und ihr Accent sind hier besonders rein; Nanking ist das Athen der Chinesen. Der Ort scheint sich überdies durch seine Billigkeit und sonstige angenehme Lebensweise auszuzeichnen. Ich schließe dies aus dem Umstande, daß sich zu Nanking, wie zu Görlitz in Schlesien die preußischen Pensionäre der Armee, die zur Disposition 124 gestellten Mandarine niederlassen, und bei dem Reichthum der Bibliotheken ihre Muße durch wissenschaftliche Studien erheitern. Die Doctoren Nanking's werden als die besten des himmlischen Reichs gerühmt. Ich las mit schwerem Herzen die Beschreibung der Herrlichkeiten und gewährte meiner Phantasie volle Freiheit, sie mit den riesenmäßigen Grabbildsäulen und Thiergestalten zu bevölkern, die noch heute in der Umgegend der Stadt gefunden werden sollen.

Unsere Tafelrunde wird immer kleiner, denn auch Capitän von Bothwell verläßt uns, um in Shanghai eine Summe von 60,000 Dollars einzukassiren. Doch kommt Mancherlei an Bord vor, das einem hilflosen Patienten einige Zerstreuung verschafft. Ein Matrose fiel über Bord, ward aber durch Anwendung der Rettungsboje und eines Bootes auffallend rasch wieder in's Trockene gebracht. Am 24. Juli war erst Musterung, dann folgte ein großes Seemanöver. Der Mannschaft wurde eine Lection im Entern ertheilt, die Gelehrigkeit und Geschicklichkeit unserer Landsleute war bewundernswerth; die militärischen Uebungen schlossen mit der Fiction eines ausbrechenden Feuers. Es wurde Sturm geläutet, denn in der mir angewiesenen Vorkajüte sollte es brennen. Bei den geringen Schwierigkeiten: die Feuersbrunst zu löschen, ging das Manöver rasch vorüber, und die Mannschaft ließ sich im Bewußtsein befriedigten Pflichtgefühls Abends den vertheilten Grog ausgezeichnet schmecken. Wüthet auch am Lande die Cholera auf das Entsetzlichste und treiben stündlich Leichen vorbei, die man weit im Inlande, außer Stande, alle Todten zu begraben, in den Strom geworfen haben mag, so haben wir an Bord der Gazelle doch keine Todten zu beklagen, so viel der 125 Gesundheitszustand der Mannschaft sonst zu wünschen übrig lassen mag. Und doch ist bis jetzt keiner am Lande gewesen. Wir ankern in Mitte eines förmlichen Geschwaders von Schiffen der Amerikaner, Engländer, Hamburger und Dänen, unter denen fast ein täglicher Wechsel stattfindet, und das Verdeck der Gazelle hat sich in den Sprechsaal einer Klinik verwandelt, so haben sich die Besuche der Leidenden vermehrt. Die Thätigkeit unserer beiden Doctoren ist wahrhaft übermenschlich, nie ward ärztlicher Rath bereitwilliger und ohne weniger Eigennutz ertheilt. Unter den aus Europa und Amerika gebürtigen Patienten befand sich auch ein chinesischer Soldat, der indessen die Hilfe unserer Aeskulape nicht gegen ein klimatisches Uebel, sondern nur gegen eine Krankheit in Anspruch nahm, die auch diesseitigen Militärärzten viel zu schaffen macht. Bekleidete er eine höhere Charge, oder hatte er sich in einem Gefechte hervorgethan, auf der Rückseite seines Gewandes prangten außer der Nummer seiner Abtheilung einige Charaktere, welche »der Tapferste der Tapferen« bedeuteten. Später erfuhr ich, daß dergleichen Rockinschriften die Stelle unserer Orden und Medaillen vertreten. Weshalb dergleichen Auszeichnungen, wie z. B. das furchtbare Motto »der Allesmordende« aber gerade auf dem Revers der Heroen angebracht werden, wo der dadurch in's Bockshorn zu jagende Gegner sie erst erblickt, wenn »der Blutdürstige« Reißaus nimmt, habe ich nicht ermitteln können.

Am 29. Juli ist Herr von Bothwell von Shanghai zurückgekehrt, und drei Schritte von meiner Hängematte sind seitdem in sechs Kisten die bewußten 60,000 Dollars, also 100,000 Thaler in Silber, aufgestellt und der 126 Wachsamkeit eines allstündlich abgelösten Postens, meines Vertrauten, anheimgestellt. An demselben Tage wurden auch einige Exercitien an den beiden auf Deck stehenden gekupferten Kanonenbooten unternommen. Jedes derselben vermag hundert Mann und ein Geschütz schwersten Kalibers zu tragen. Der Termin unserer Abfahrt ist immer noch unbekannt und hängt von der Rückkehr der Herren von Rehfues und Radowitz ab. Die Langeweile scheint auf unsere Matrosen demoralisirend einzuwirken, fünf derselben haben den schönen Abend benutzt, zu desertiren, nachdem jeder einen der in offenem Gestell aufgespeicherten Revolver zu sich gesteckt. In der darauf folgenden Nacht entwischte noch ein Sechster, ein waghalsiger Geselle. Da die Revolver sogleich eingeschlossen worden waren, hatte er sich mit keiner Waffe versehen können und war in der Hoffnung, ein benachbartes Schiff durch Schwimmen erreichen zu können, einfach über Bord gesprungen, nachdem er die beiden Enden eines zerbrochenen Ruders unter den Achseln festgebunden. Der Unbesonnene hatte nicht an Ebbe und Fluth gedacht, die Zeit der ersteren war da, und der unwiderstehliche Wasserdrang des Yangtsekiang trieb ihn unaufhaltsam in den Ocean hinaus. Er war schon zwei Stunden umhergeschwommen, als sein Jammergeschrei einen heranlavirenden Amerikaner aufmerksam machte, der ihn denn auch glücklich auffischte. Vormittags zeigte der ehrliebende Amerikaner uns durch einige Signale den unvermutheten Fischzug an. Capitän von Bothwell entsandte ein Boot, und der Deserteur, so wie einer seiner gestrigen Vorgänger, liegt gegenwärtig in Eisen. Die Antecedentien des Flüchtlings sprechen nicht für ihn. Schon vor acht Monaten, in Rio Janeiro, 127 hat er versucht, zu entwischen, und sich bei seiner Verhaftung dadurch der weiteren Strafe entzogen, daß er mehrere Wochen lang sinnlos betrunken gewesen zu sein behauptete. So lange ein Kriegsschiff vor Anker liegt, befinden sich derartige Verbrecher in festem Gewahrsam, auf hoher See werden sie wieder in Freiheit gesetzt und verrichten ihren Dienst. Erst in der Heimath übergiebt man sie dem Kriegsgericht; unser muthwilliger Fahrtenschwimmer darf einer Festungsstrafe von zwei bis drei Jahren gewiß sein. In Folge dieser Fluchtversuche ist die Ordre, das Schiff nicht zu verlassen, noch verschärft; die Offiziere fürchten die Einschleppung der Cholera, an der, wenn schon nicht in Woosung, aber doch in Shanghai, täglich 800 bis 900 Eingeborene sterben. Am 30. Juli Abends trafen endlich die Herren von der Gesandtschaft ein. Prinz Wittgenstein, der sich bis dahin in Shanghai aufgehalten, hatte sich zu ihnen gesellt und gedachte, die Reise nach Japan mit uns fortzusetzen. Ich ließ mich von den Herren zu einem Ausfluge nach dem Städtchen Woosung bereden, das an der Mündung des gleichnamigen Nebenflusses des Yangtsekiang liegt, vermochte aber nichts Sehenswürdiges zu entdecken. Bemerkenswerth war nur die Menge der Dschunken, die theils, wie unsere Boardinge, die neuen Thee's an Bord der fremden Schiffe führten, theils das importirte Opium landein und stromauf verschifften. Mir wurde u. A. eine Polizei- und Criminalgerichts-Dschunke gezeigt, die eben von einer Inspectionsfahrt in der Mündung des Kiang, und zwischen Woosung und Shanghai, zurückgekehrt war. Das grell angemalte Fahrzeug sah keinesweges einladend aus. An seiner Spitze stand ein Galgen, ein auf zwei 128 Pfeilen ruhender Querbalken, den man vor Kurzem seiner Früchte entledigt haben mochte. Noch hingen an zwei Haken die Stricke und seitwärts lehnte eine Bambusleiter. Die Strompolizei macht mit Piraten kurzen Prozeß. Unter dem Galgen saßen mehrere Beamte und wehten sich mit Fächern Kühlung zu. Die mit einer Luntenflinte bewehrte, auf und ab wandelnde Schildwache hatte den Fächer hinten in den Nacken gesteckt, wo er wie der Stiel einer Pfanne hervorragte. 129

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