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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 32
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VIII.

Eine Ladung Leichen. Der erste Teifun. Gehängte Piraten. Festfeierlichkeiten der Ankunft. Eine Riesenspinne. Immer leidender. Mein Testament. Weggetrunken. Die Gazelle kommt. Die Reisdiebe. Nach Amoy.

Die Aufregung wurde rascher beschwichtigt, als ich für möglich gehalten, die Entschlossenheit der Europäer: Widerstand zu leisten, hatte das Meiste dazu beigetragen. Der Chinese ist feig und wagt nur in ungeheurer Uebermacht, wenn er des Sieges gewiß sein kann, einen Angriff. Am 25. Juni konnten wir beim Frühstück einander wieder mit vollkommener Gemüthsruhe die in China übliche, auch von uns adoptirte Frage stellen: »Wie schmeckt Ihnen der Reis?« Die Antwort pflegt von beiden Seiten nicht günstig zu lauten; Jedermann klagt über Mangel an Eßlust, Schlaflosigkeit und alle sonstigen, damit zusammenhängenden Leiden. Kommt man Abends im englischen oder deutschen Club oder in den Familien zusammen, so heißt es zuerst: »wer ist heute gestorben?« »wen haben wir morgen zu begraben?« dann werden die Briefschaften erbrochen und die Nachrichten aus dem einschlagenden Departement mitgetheilt. So eben ward aus Bangkok der Tod 101 des französischen Consuls gemeldet; er war den Folgen der Dysenterie erlegen. Im Hafen stirbt die Mannschaft mancher Schiffe sammt Capitän und Steuermann. Der Kirchhof in Hongkok sieht aus, als ob er schon seit einem Säculum im Gebrauch wäre, und doch datirt seine Anlage erst achtzehn Jahre zurück. Auch die Mehrzahl der Todten ist nur wenig älter, als ihre Ruhestätte.

Wer hat, dem wird gegeben! sagt das Sprichwort; so ist denn gegen Sonnenuntergang von St. Francisco in Californien ein Dreimaster mit einer Ladung chinesischer Leichen von Auswanderern eingetroffen. Der Eingeborene des himmlischen Reiches besitzt eine überschwängliche Vaterlandsliebe und erhält sie in seinem Busen, selbst wenn das Elend ihn aus der Heimath in die Ferne treibt. Ereilt ihn der Tod im Auslande, so ist von seiner Seite testamentarisch dafür gesorgt, die Ueberreste nach China zu schaffen. Die Genossenschaft der Landsleute kommt dafür auf. Durch ein einfaches Verfahren weiß man die Körper vor Verwesung zu schützen, sie werden in luftdichten Särgen fest verschlossen und in Höhlen so lange aufbewahrt, bis sich eine hinlängliche Anzahl angesammelt hat, um aus den Vermächtnissen die Gesammtkosten der Ueberschiffung zu bestreiten. Der Californier hatte 800 Särge geladen, die von Hongkong nach den verschiedenen Provinzen Chinas versandt werden sollen.

Der 26. Juni brachte uns endlich den lange erwarteten Teifun. Es war vier Uhr Nachmittags, als der Himmel plötzlich sich trübte. Sein gesättigtes Blau, das nach anhaltenden Regengüssen von ungewöhnlicher Intensität war, schien wie eine klare Flüssigkeit, in welche der Chemiker ein 102 Reagens träufelt, zu gerinnen; die edle Farbe, die süßeste Labung jeder empfindenden Seele, begann zu opalisiren. Der wechselnde Schimmer erlosch, aus den Höhen und Tiefen brach ein fremdartiges Dunkel herein. Noch herrschte vollkommene Windstille, aber wie von unerklärlichen Aengsten ergriffen, erhob sich der Ocean in fieberhaften Wallungen. Beklommen aufathmend, schwoll die weite Fläche zu einer bebenden Wölbung und sank dann ohnmächtig zurück. Der Horizont war ringsum durch einen fast schwarzgrünen Vorhang verdunkelt. Ich griff nach meinem Krückstock und wankte hinaus. Der Ausbruch des Unwetters ließ noch auf sich warten, aber am Hafen und in den Straßen herrschte schon ein grausenerregender Tumult. Die Schornsteine aller Dampfer rauchten, denn es wurde geheizt, um schlimmsten Falles sich durch die Maschinenkraft zu retten. Die Kauffahrer warfen alle ihre Anker aus, nahmen die Raaen ein und verkürzten die Masten. Aus der chinesischen Stadt drang das Jammergeschrei der Bevölkerung zu uns herüber. Ganz verwirrt starrte ich in die dunkle Ferne der Wasser, die wie auf Rollen geschoben, langsam heranzurücken schienen, als mit einem Donner, wie von Hundert zugleich abgefeuerten Batterien, ich einen Luftstoß erhielt, der mich gegen die Mauer und zu Boden warf. Es war der erste Athemzug des Teifun. Ich wage keine Beschreibung, so deutlich ich den furchtbaren, zugleich löwenartig ächzenden Laut noch heute höre. Meine Schwäche gestattete mir kaum, nach Hause zurückzukehren. Mehrmals stieß mich der Orkan zu Boden; er gab sich immer in einem unwiderstehlichen Anprall kund, der über See und Festland wegfegte, als sollte alle denkende, 103 athmende und vegetirende Creatur von der Oberfläche des Planeten vertilgt und in das Nichts geweht werden. Vor der unbändigen Gewalt des Teifun zerstäubten die obersten Schichten des Oceans; ein dichtes Schneegestöber von Wasserflocken verbreitete sich über Hafen und Stadt. Erst um acht Uhr Abends verstummte der Orkan. Dank der beobachteten Vorsicht waren die Schäden und Verluste im Hafen und auf der Rhede geringer, als man erwartet; desto größere Verheerungen hatte das Naturereigniß unter den Chinesen angerichtet. Eine Menge der stets überdachten Familienböte, die nicht rechtzeitig auf den Strand gezogen worden waren, hatte gleich der erste Anprall umgestoßen und in die Tiefe versenkt, oder durch die haushohen Wogen zerschmettert. Und dennoch konnte selbst die drohende Gefahr die verblendeten Chinesen nicht davon abbringen, statt Hand an ihre Rettung zu legen, dem Drachen der Tiefe zu ihrer Rettung Opfer darzubringen. Der Besitzer eines kleines Bootes (Sampoon), welches sammt den darin Sitzenden der nächste Wellensturz zu begraben drohte, brannte mit bebenden Händen noch einen Schwärmer ab, um dann unter dem heranrollenden Wasserberge mit den Seinigen zu verschwinden. Dem Aufruhr der Elemente folgte eine ruhige Nacht, die Atmosphäre hatte sich abgekühlt; ich versank in einen todtenähnlichen Schlaf und erwachte so heiter, als es bei dem gebrochenen Zustande meiner Gesundheit möglich war. Ich hätte mich freuen können, wäre mir die frohe Aufwallung nicht sogleich wieder durch ein aus der Entfernung herüberschallendes wüstes Geschrei verkümmert worden. Es kam von den, vor meinen Fenstern liegenden Hügeln her, ich griff also zum 104 Fernglase und öffnete die Läden. Auf einer weithin sichtbaren Höhe hatte man einen Galgen errichtet und war eben dabei, sechs Delinquenten daran aufzuknüpfen. Frauen und Kinder derselben standen umher und gaben ihren Gatten und Vätern mit Klagegeschrei das Geleit ins Jenseits. Wie ich beim Tiffin von Herrn Wiese erfuhr, war die Todesstrafe an überwiesenen Piraten vollstreckt worden. In der nächsten Woche sollten ihrer sechszehn Andere an die Reihe kommen. Mein gütiger Wirth sah mir die physische und moralische Erschütterung an, er veranstaltete eine Wasserpartie nach dem Festlande Cowloon und überredete mich, wiewohl ich fast zusammenbrach, einen Spaziergang im Hauche der Brise am Strande zu versuchen.

Es war gut, daß wir den Ausflug nicht um 24 Stunden verzögert, denn am 29. Juni zog abermals ein Teifun herauf. Doch gelang es ihm diesmal nicht gleich gut, die Stadt zu überraschen; Hongkong hatte sich besser vorgesehen, auch die Chinesen waren einsichtig genug gewesen, ihre Böte hinreichend weit auf den Strand zu schleppen. Das Unwetter zog fast um dieselbe Stunde aus der Ferne heran, und endete gleichfalls nach vierstündiger Dauer. Höchst auffallend war am nächsten Tage die Abnahme der Hitze; das Thermometer sank bis auf 20 Grad Reaumur, eine Temperatur, die uns vor Kälte schauern machte und die wärmsten Kleidungsstücke anzulegen zwang. Ein Vollschiff, das in den Frühstunden angekommen war, hatte unter dem Teifun des gestrigen Tages nicht im Mindesten gelitten und seinen Umkreis nicht berührt. Das Glück lächelte mir; ich begegnete der glücklichen Mannschaft, die eben ausgezahlt worden war, vor einem Branntweinsladen 105 und ward so Augenzeuge der Anwendung, welche die Herren Matrosen von ihren mehrmonatlichen Ersparnissen machten. Der Seemann muß den Tag seiner Ankunft durch eine Libation begrüßen, und er wählt dazu ein Getränk so unvermischt und hochgradig, als er es unter diesem betrügerischen Breitegrade erhalten kann.

Der chinesische Schankwirth ist darauf vorbereitet, er kredenzt seinen Gästen so gut, angeblich reinen Spiritus, wie Grog »halb und halb.« Weniger hat er sich darauf eingerichtet, aus ganzen Dollarstücken, wie sie die Matrosen immer mitbringen, Kleingeld herauszugeben. Einmal fehlt es an geringeren Münzsorten, dann erscheint es ihm auch wünschenswerth, die Kundschaft festzuhalten. Der Trinker zahlt seinen klingenden Dollar und erhält für den nicht verzehrten Ueberschuß eine Anzahl Schnaps- oder Grogmarken. Man wird leicht errathen, daß bei der jedesmaligen Verrechnung immer neue baare Dollars aus der Tasche der Durstigen gelockt werden und die Matrosen fortwährend an den Fässern und Kannen derselben Wirthe hängen bleiben. Ist der Durst der Seefahrer vorläufig gelöscht, so regt sich ihre Schaulust. Eine Fußpromenade wäre bei den Nachwirkungen der genossenen Getränke nicht anzuempfehlen, Wagen stehen nicht zur Verfügung, die Beförderung durch einen Palankin entspricht ihrer Langsamkeit halber nicht dem seemännischen Geschmack, zudem sind alle Seefahrer von Beruf die leidenschaftlichsten Reiter; die Pferdevermiether stehen mithin stundenlang in Reserve und bringen jetzt ihre Klepper herbei. Eine Pferdeschau zu Hongkong müßte die Mitglieder jedes Vereines gegen Thierquälerei zur Verzweiflung bringen. Die besseren, 106 etwas reputirlicher aussehenden Thiere werden zum Gebrauch der Offiziere aufbewahrt, der Ausschuß ist für die Matrosen bestimmt. Gewöhnlich bringt der chinesische Stallmeister gleich eine Bambusleiter zum Aufsteigen mit. Ist der Reiter bei guter Laune, so bedient er sich ihrer ohne Widerspruch, im entgegengesetzten Falle boxt er den Stallmeister in den Sand, springt allein in den Sattel und fällt auf der anderen Seite zu Boden. Die Reitübungen der Herren bereiten mir großes Vergnügen, ich verfolgte sie von meinem Fenster aus mit dem Fernglase und stelle sie weit über die künstlichen Scherze der Circus-Clowns, obgleich es nicht immer ohne Beschädigungen von Mann und Roß abgeht.

Im Uebrigen gleicht der gezwungene Aufenthalt an einem solchen Orte dem Lager auf einer Folterbank. Das Thermometer zeigt sehr bald wieder den herkömmlich hohen Stand, und selbst der herabfallende Regen scheint im ersten Moment die Haut zu verbrühen. Ich lese, um doch meiner Einbildungskraft eine Abkühlung zu verschaffen, Beschreibungen von Polarexpeditionen und Gletscherfahrten; eine schöne Landmännin, Mad. H., mit der ich zuweilen zusammenkomme, hat mir dieses Mittel anempfohlen. Sie selber liest, um ihren gesunkenen Appetit zu schärfen, ein französisches Kochbuch, und behauptet, erhebliche Besserung zu spüren. Für anderweitige gelegentliche Zerstreuung sorgt der Zufall. Das Ungeziefer entwickelt in der heißen Jahreszeit eine außerordentliche Regsamkeit. Die mir neue Species fingerlanger Käfer, eine äußerst menschenfreundliche Insectensorte, macht Morgens und Abends Vorsichtsmaßregeln nothwendig. Bettstatt und Kleider müssen immer erst sorgfältig durchsucht und ausgeschüttelt werden. 107 Neulich machte ich die persönliche Bekanntschaft einer handgroßen Spinne. Das liebenswürdige Geschöpf saß auf der Fensterleiste und schien in Betrachtungen über die Probleme des Spinnendaseins versunken; ich hielt es für angemessen, sie durch sanfte Berührung mit einem Halme zu ermuntern, aber o Wunder, die Kleine theilte nicht die bekannte Nervosität ihrer Stammverwandten. Statt krampfhaft zusammenzufahren und spornstreichs davon zu rennen, machte sie nur einen trotzigen Ruck und stemmte sich, wie ein bissiger Hund, fest auf die haarigen Hinterbeine, als sei sie gewillt, Widerstand zu leisten. Verargt man es einem müssigen Kranken, wenn er ein Opferstäbchen hervorlangte, es anzündete und der drohenden Feindin näherte? Sie wartete indeß die Berührung mit dem glimmenden Stäbchen nicht ab, schon der brenzlichte Geruch mochte sie zur Abrüstung bewegen. Rasch machte sie Kehrt und lief auf die Veranda hinaus.

Am 5. Juli genoß ich die unbeschreibliche Freude, ein Schreiben der Meinigen vom 15. Mai aus Stettin zu erhalten. Der Brief war nach Shanghai adressirt, auf der Post aber, wo ich mich so oft nach Briefen erkundigt und meinem Namen nach bekannt war, angehalten und mir zugestellt worden. Wäre er nach dem Norden gegangen, so hätte ich ihn erst vierzehn Tage später erhalten. Die Ankunft des Schreibens traf mit der meines Doctors zusammen. Nach seiner Diagnose entwickelt sich in mir das locale Leberleiden und seine Rathschläge beschränken sich auf eine radikale Ortsveränderung. Wie unsere Berliner Doctoren in dergleichen Fällen Meran, Montreux oder Nizza, empfiehlt er mir Südaustralien; Singapore sei nicht mehr 108 ausreichend für eine Verbesserung meines leiblichen Zustandes. Um meine Reiselust anzuregen, suchte er mich sogleich zu einem kleinen Spaziergange zu bewegen, und ich hielt es für meine Schuldigkeit, ihm Gehorsam zu leisten. Nach einigen hundert Schritten schwanden jedoch meine Kräfte, ich schleppte mich wieder nach Hause, kroch, denn »steigen« kann ich es nicht nennen, die zu meinen Zimmern führenden zwei Treppen hinauf, legte mich zu Bett und brachte eine entsetzliche Nacht zu. Mein Kopf schien bersten zu wollen, und von Zeit zu Zeit wurde die Folge meiner Gedanken unterbrochen. Am Morgen des 7. Juli ging es etwas besser, ich benutzte daher den günstigen Augenblick, meine Aquarellen zu ordnen, einzupacken und zu versiegeln. Nach einer kurzen Siesta erhob ich mich von Neuem und brachte meinen letzten Willen zu Papier. Ich hatte von meinem gütigen Gönner und Freunde, Herrn Wiese, die Vollstreckung desselben erbeten und eine Anweisung zum Ankauf von sechs Fuß Erde auf dem Kirchhofe zu Hongkong hinzugefügt. Noch war ich mit der Abfassung des kläglichen Schriftstückes beschäftigt, als aus dem Comptoir die Nachricht anlangte, die Feindseligkeiten zwischen der englischen Flotte und den Japanesen hätten begonnen. Die Hiobspost, welche alle etwaigen weiteren Reisepläne zu vereiteln drohte, machte auf mich keinen Eindruck mehr. Die deutschen Freunde wollten meine Niedergeschlagenheit nicht gelten lassen, sie zwangen mich zu einem Ausfluge nach Pokefoloon, auf der anderen Seite der Insel, ich wurde in einen Palankin gepackt und einige hundert Fuß hoch über der Küste für mehrere Stunden an einer Stelle ausgesetzt, wo erfahrungsmäßig ein frischer 109 Luftzug wehte. Die Aufrichtung eines Landhauses, das hier auf Kosten eines japanischen Großen zusammengesetzt wurde, zerstreute mich einigermaßen. Die Bauhölzer nebst allem Zubehör waren fertig zugehauen von Japan herübergeschafft worden, und die Arbeit der Handwerker war so weit vorgerückt, daß die Villa in den nächsten Wochen bezogen werden konnte. Als wollte mir das Glück wieder lächeln, traf am nächsten Morgen ein Brief aus Macao ein, in dem der preußische General-Consul auf meine früher abgesandte Zuschrift antwortete: »ich möge mich nur noch wenige Tage bis zur Ankunft der Gazelle gedulden, die Corvette befinde sich längst auf hoher See und sei beordert, nach kurzem Aufenthalt in Hongkong nach Japan aufzubrechen.« Gegen Abend ließ ich mich bewegen, wenn auch nur als Zuschauer, nicht als Mitkämpfer, einem Diner beizuwohnen, das Herr Wiese als Rheder sieben Schiffs-Capitänen gab, die mit eben so vielen Schiffen in den nächsten Tagen nach Europa in See stechen sollten. Statt einer ausführlichen Beschreibung des lucullischen Abschiedsmahles vermerke ich nur den technischen Geschäftsausdruck für jede derartige Ceremonie. Die Capitäne werden »weggetrunken«, sagt man in Hongkong. Die Unterhaltung bei Tisch drehte sich nur um Schiffbrüche und hitzige Getränke. Beachtenswerth war noch eine andere technische Formel. Kein Capitän sagte: ich führe Porter, Ale u. dgl. m. an Bord, sondern: ich fahre Cognac, Claret, Arrak u. s. w. Während der Mahlzeit wurde von einem chinesischen Hundebändiger ein hübscher, aus Manila gebürtiger Köter in den Speisesaal gebracht und zum Verkauf ausgeboten. Der Besitzer forderte den unverschämten Preis von 15 Dollars, 110 ließ ihn aber für den dritten Theil meinem Tischnachbar, da ich ihn versicherte, für eine so hohe Summe bei den schlechten Zeiten selber bellen und beißen zu wollen. Die schnöde Bemerkung wurde von der Gesellschaft als ein Symptom wiederkehrender Lebenslust aufgefaßt, man füllte die Humpen mit Champagner und Brandy, brachte stürmisch meine Gesundheit aus, und das vierbeinige Manila stimmte, entsetzt über die Löwenstimmen der Seefahrer, mit ein. Das Galadiner endete um Mitternacht; ich hatte mich drei Stunden früher in meine Apartements zurückgezogen.

Am 10. Juli war die ersehnte Gazelle in Sicht, am Nachmittage warf sie Anker. Der Termin meiner Erlösung aus dieser Bratpfanne rückt heran. Herr Baron von Bothwell, der Capitän der Corvette, ein höchst angenehmer Mann und Erbe eines historischen Namens, dinirte mit uns; am 11. Juli machte ich ihm und seinen Offizieren um 11 Uhr Vormittags meine Aufwartung. Die damit verbundenen Anstrengungen wurden mir aber unsäglich schwer, die Corvette ankert etwas hoch auf der Rhede, die Sonne brannte gleich einem weißglühenden Eisen, meine gesunkenen Kräfte reichten kaum aus, die Schiffstreppe zu erklettern; ich war froh, ohne Sonnenstich davon gekommen zu sein. Sogleich entspann sich zwischen unserer großen Firma und dem Offiziercorps der Gazelle ein artiger Verkehr, Visiten wurden abgestattet, und schon am 12. Juli um fünf Uhr gab Herr Wiese dem Capitän in Gesellschaft von fünf Seeoffizieren und vier Cadetten ein solennes Diner, das sich bis 11 Uhr ausdehnte. Wahrscheinlich fühlten sich die chinesischen Räuber 111 durch den Lärm ermuntert, man fand wenigstens am anderen Morgen den Reisspeicher des Hauses erbrochen, den dort stationirten Wächter geknebelt und, mit einem Haufen Reissäcke bedeckt, dem Tode nahe; seinen Mund hatten die Schurken mit Baumwolle verstopft. Sie sollten sich ihrer Beute nicht freuen, noch am Vormittage gelang es durch Angebereien, die Schuldigen zu ermitteln und in Haft zu bringen. Einer fürchterlichen Tracht Prügel dürfen sie sich mindestens getrösten. Der Ankunft des Herrn General-Consuls von Macao sehen wir mit jeder Stunde entgegen, ich bitte für alle möglichen Fälle Herrn Wiese, meine Aquarellen – ich habe es beinahe bis zu anderthalb Hundert gebracht, – unter seiner Obhut zu behalten, und ersuche ihn im Scherze, nach meinem Ableben die Trauerzeit nach chinesischer Sitte durchzumachen, d. h. das Zopfende mit rothem, blauem, grauem und weißem Bande, je nach der Dauer der Trauer zu durchflechten. Wirklich trafen die Herren von Rehfues und Radowitz am 14. Juli ein und gingen ohne Weiteres an Bord der Gazelle. Ich athme auf, obgleich aus dem projectirten Seitenausfluge nach Formosa neueren Bestimmungen zu Folge nichts wird. Zur ersten Station ist Amoy bestimmt. Die Herren Diplomaten waren in unserem Hause noch zu Gast, aber schon am 14. Juli früh vier Uhr wurde ich aus dem Schlafe geschreckt, Herr von Bothwell hatte ein Boot von der Rhede geschickt, mich abzuholen. Ueber Hals und Kopf packte ich meine Effecten in die Koffer, eine Menge chinesischer Quincaillerien, die bestimmt waren, im Hause zurückzubleiben, in eine Holzkiste, und fuhr athemlos von der Hast der Arbeit an Bord. Die Abreise verzögerte sich 112 jedoch, ich kehrte in Gesellschaft der Herren nochmals ans Land zurück, wohnte dem Abschiedsthee des Herrn Wiese bei, und erst am 15. Juli, um 9 Uhr Morgens, wurden die Anker gelichtet. Ein chinesischer Lootse steuerte uns glücklich durch die bedenkliche nördliche Passage Leimoon.

An das Leben auf einem Kriegsschiffe muß der Civilreisende sich erst gewöhnen. Der eigentliche Zweck aller Räumlichkeiten besteht darin, so rasch als thunlich zum Gefecht klar gemacht werden zu können; das Nachtlager kann daher nur in einer Hängematte bestehen. Herr von Rehfues und Baron Bothwell campiren in der Hauptkajüte, Herr von Radowitz und ich in der Vorkajüte. Meine Hängematte schwankt über einem eisernen schweren Geschütz, wenn ich nicht irre, einem Vierundsechszigpfünder, die Stückpforte steht offen, und der Nachtwind treibt sein loses Spiel mit meinen Haaren, doch murre ich nicht gegen die Vorsehung. Ich preise mich schon glücklich, wenn es mir gelungen ist, den Steuerbord meiner Hängematte erstiegen zu haben, ohne über den Backbord hinauszufallen. Um 4 Uhr Morgens wird Reveille geschlagen, d. h. getrommelt und gepfiffen. Die ernsten Musikkenner rümpfen unfehlbar die Nasen, wenn ich bekenne, daß mir der regelmäßige preußische Trommelschlag wohlthut und die kleinen Pickelflöten so lieblich klingen, wie die Meyerbeerschen Flöten im schlesischen Feldlager. Meinem armen Gehör ist in Bangkok, Kanton und Macao zu viel zugemuthet worden. Ich verstehe den alten Zelter, wenn er, Spontinis »Alcidor« entflohen, vor dem Opernhause vom Zapfenstreich empfangen, freudig ausruft: »endlich Musik!« und doch habe ich ungleich Härteres erduldet.

113 Die Mannschaft der Gazelle beläuft sich, ohne uns drei Passagiere, auf 380 Köpfe: Offiziere, Doctoren, Cadetten, Soldaten und Matrosen. Von Dampf und günstigem Winde getrieben, hatten wir am ersten Tage eine gute Fahrt gemacht, am Abend entspann sich eine große Regsamkeit an Bord. Der Himmel war dicht umwölkt, das Wetterglas gesunken, ein Feuerregen von Blitzen fiel am Horizont, wir machten uns weislich auf einen Umschlag der Witterung gefaßt. Nach einer halben Stunde war das stattliche Schiff Sr. Maj. sturmtüchtig, und ich ging mit vollkommener Gemüthsruhe zu Bette. Die Besorgnisse waren unnöthig gewesen. Nachdem das bedrohliche Wetterleuchten bis gegen Morgen angehalten, erheiterte sich der Himmel und drehte sich der Wind nach Norden. Die Schraube der Corvette legte sich energisch ins Mittel, und mit ihrer Hülfe brachten wir es zu acht Knoten in der Stunde. Ich mache einen Rundgang auf dem schönen Schiffe und freue mich über die militärische Präcision der Manöver, die Sauberkeit des Verdecks und der Mannschaften. Die Dimensionen der Gazelle sind nicht unbedeutend, die Höhe des Mittelmastes, vom Kiel bis zur Flaggenspitze gerechnet, beträgt 192 Fuß. Sie führt 28 Geschütze an Bord, darunter mehrere von einem Kaliber, dem auch ein stärkerer Gegner weichen möchte. Die Herren Offiziere halten es mit der Strenge des Dienstes immer noch vereinbar, den Soldaten und Matrosen vierfüßige Stubenkameraden zu gönnen. Auf dem Vorderdeck fand ich noch einige 40 Affen, die größtentheils in Brasilien das Licht der Welt erblickt hatten. Anfangs war ihre Zahl weit höher gewesen, allein die lange Ueberfahrt hatte die Reihen der Südamerikaner 114 stark gelichtet, und noch jetzt mußte mancher wackere Landsmann sich von dem theuren Reisegefährten trennen, den er bis in die Heimath zu bringen gedachte. Seit Hongkong hatten wir unausgesetzt hohes Land in Sicht, ließen die Insel Formosa zur Linken liegen und denken noch heute, 16. Juli, Amoy zu erreichen. Am Abend kam ein chinesischer Lootse von sehr intelligentem Aussehen an Bord. Der junge Mann sprach für einen Eingebornen verhältnißmäßig gut englisch und bediente sich dieser Sprachfertigkeit, um seine unverschämte Forderung von 80 Dollars den »rothborstigen Barbaren« plausibel zu machen. Da er bald in dem Capitän einen ihm gewachsenen Gegner erkannte, ließ er mit sich handeln und machte sich anheischig, die Gazelle für 50 Dollars in den Hafen und später aus demselben zu lootsen. Um 9 Uhr lagen wir vor Anker, aber schon um 3 Uhr ging der Heidenlärm auf Deck wieder los. Die Maschine wurde geheizt, und die Gazelle legte sich im Binnenhafen vor Anker. Der hier domicilirende preußische Viceconsul kam aus der etwa noch eine halbe Stunde entfernten Stadt herüber, frühstückte am Bord, lud uns zu Tische ein und wurde mit einem Salut von fünf Schüssen verabschiedet. Unsere Ankunft ist ein Ereigniß; der ganze Gewerbestand von Amoy hat sich auf die Beine gemacht, um uns seine Dienste anzubieten, die neugierige Noblesse des Ortes einen Wassercorso nach der Gazelle arrangirt. In diesem Hafen soll noch nie ein so großes Kriegsschiff vor Anker gegangen sein. 115

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