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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 30
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VI.

Extrafahrten zwischen Kanton und Macao. Der erste Kunstfreund. Camoëns ohne Nase. Die Maler Ye Chung und Wo Hang. Ein Theekoster. Zur Ehre des Hauses.

Für die europäischen Ansiedler in Kanton und Hongkong bildet Macao die nächste Sommerfrische. Die nordamerikanischen Unternehmer arrangiren in der Nacht vom Sonnabend zu Sonntag Extrafahrten, der Dampfer geht um 12 Uhr von Honam (Kanton) ab, nimmt Morgens bei guter Zeit die Passagiere von Hongkong ein und kommt noch früh genug nach Macao, um den in Kanton und Hongkong ausgedörrten Vergnüglingen 10 bis 12 Stunden der Erholung im Genuß der kühlen Brise zu verschaffen. Anderweitige Zerstreuungen sind nicht vorhanden, es sei denn, die Ankömmlinge fühlten sich gedrungen, einen Besuch in den Blumenhäusern, die hier die Blumenböte vertreten, abzustatten. Die Rückfahrt wird in der Nacht angetreten; am Montagmorgen sind alle Kaufherren und Handlungsgehilfen wieder in ihren Comptoirs. Begütertere Chinesen haben nachgerade Geschmack an dergleichen Sonntagspartien gefunden und nehmen keinen Anstand mehr, sich den Europäern anzuschließen.

72 Sicherlich bringt uns der heutige Sonntag (10. Mai) bei der entzückenden Frische der Seeluft einen ansehnlichen Schub herüber. Auf den Kirchenbesuch habe ich verzichtet, da mein Unstern wollte, daß die alten katholischen Gotteshäuser Macao's immer verschlossen waren, so oft ich mich auch um Einlaß bemühte. Sie mögen schon geraume Zeit hindurch nicht mehr zum Gottesdienst benutzt werden, auch ist meine heutige Stimmung nicht von der Art, um für das Heil des unsterblichen Theiles im Menschen Sorge zu tragen. Mein Herz wird zu sehr von irdischen Drangsalen belastet. Um 8 Uhr Morgens erschien mein hiesiger Waschmann, ein schwärzlicher Chinese, und brachte mir meine leinenen und wollenen Hemden in einem Zustande zurück, der eine sofortige Renovirung des gesammten Wäschbestandes bedingte. Ich habe meine Wäsche unter den verschiedensten Himmelsstrichen des Erdballes reinigen lassen, aber in Indien, Siam und China ist mit ihr am erbarmungslosesten umgegangen worden. Die aus Europa mitgenommenen Stücke haben sich noch am besten gehalten, ein nachträglich in Calcutta gekauftes halbes Dutzend wollener Hemden war überhaupt dem asiatischen Waschverfahren nicht gewachsen. Gleich nach dem ersten landesüblichen Reinigungsprozeß waren sie dergestalt eingelaufen, daß ich kaum noch hineinzukriechen vermochte. Die chinesischen Hände haben ihnen den Rest gegeben. Jetzt bestehen sie eigentlich nur noch aus zerfaserten Knopflöchern und abgerissenen Knöpfen. Mit meinem Waschmann darf ich nicht grollen; das Hemde ist im himmlischen Reiche ein unbekannter Gegenstand.

Bei der lieblichen Temperatur war die 73 Vormittagspromenade auf der Praya granda ungemein angenehm; ich wurde mehreren Herren vorgestellt, deren Bekanntschaft ich bisher noch nicht gemacht hatte. Unter ihnen befand sich auch ein Publicist, wenngleich in Macao keine Zeitung existirt und die Einwohner ihre literarischen Bedürfnisse durch die zu Hongkong erscheinende Zeitung decken. Besagter Herr, ein reicher Engländer, hatte eine kleine Broschüre über ein mir nicht bekanntes Thema geschrieben und ließ diese in der portugiesischen Druckerei zu Macao veröffentlichen. Schon die Anfertigung des Satzes war jedoch mit großen Schwierigkeiten verbunden, an S und K war ein empfindlicher Mangel vorhanden, und der Verfasser äußerte gegen mich Besorgnisse, diese Buchstaben durch andere, nicht zu unähnliche ersetzen zu müssen. Das Gemüth des gelehrten Mannes war schwer belastet, dennoch drang ich mit meinem Vorschlage: die Broschüre in Hongkong drucken zu lassen, nicht durch. Er ändere täglich und müsse das zu setzende Manuscript fortwährend unter Augen behalten. Nächstdem wurde ich mit dem amerikanischen Viceconsul bekannt, so viel ich weiß, dem einzigen Kunstsammler in Vorder- und Hinter-Indien und China. Ich begleitete ihn in sein prachtvoll gelegenes und eingerichtetes Haus und nahm die dort aufgestellte Gallerie in Augenschein. Sie bestand aus einigen zwanzig schlechten Copien mittelmäßiger Bilder, stümperhaften Bleistift- und Federzeichnungen, und mehreren sechs oder acht Zoll hohen und breiten Oelskizzen, Arbeiten eines englischen Dilettanten, der sich längere Zeit in Macao aufgehalten. Die Augen des Viceconsuls verklärten sich, als wir in diesen Kunsttempel traten, die Prosa des kaufmännischen Daseins blieb 74 weit hinter ihm zurück; hier lebte er in der reineren Sphäre der Kunst. Es blieb mir nichts anderes übrig, als seine Schätze zu loben, und ich hatte die Genugthuung, meine Begeisterung herablassend aufgenommen zu sehen. Der neue Mäcenas erbot sich, mir die Bleistiftstümpereien eine Zeitlang zum Studium zu überlassen, und schien fast ungehalten, als ich versprach, in einer späteren Zeit von seinem gütigen Anerbieten Gebrauch zu machen. Nur mit Mühe entging ich der Einladung zum Diner. Auf die Empfehlung meines kunstsinnigen Gönners besuchte ich noch an demselben Vormittage das Atelier eines chinesischen Malers, dessen Talent mir von dem Viceconsul empfohlen worden war. Ich bereute den etwas weiten Gang um so weniger, als ich eine für mich durchaus neue Beobachtung machte. Jeder Chinese hält den Zopf, obgleich sein Stamm ihn erst seit zwei Jahrhunderten trägt, nicht allein für ein nationales Abzeichen, sondern auch für ein Attribut der Schönheit. Der Künstler, dessen Stärke in Copien alter Kirchenbilder zu bestehen schien, hatte daher für nöthig erachtet, allen von ihm nachgebildeten Aposteln und Heiligen – einen Zopf anzusetzen. Sogar das auf dem Schooß einer Madonna mit geschlitzten Augen sitzende Christkind trug ein niedliches Zöpflein, und der naive Raphael hatte außerdem die heilige Jungfrau durch die verkümmerten Füßchen der Chinesinnen zu verschönern gesucht. Selbstverständlich war in allen diesen Machwerken keine Spur von Kunstsinn zu entdecken, der gewissenhafte Copist hatte selbst den zolldicken Schmutz, der das Original des letzten Bildes bedeckte, treulich nachgeknechtet. Mein asiatischer College theilte sein Verkaufslokal mit fünf Schuhmachern, die still und zufrieden 75 unter den bezopften Heiligen saßen, aus Filz dicke Sohlen schnitten und das Ober- und Hackenleder daran nähten.

Die erwähnte literarische Begegnung hatte mich rechtzeitig an den großen portugiesischen Dichter Camoëns erinnert, der in Macao die traurigen Tage seiner Verbannung durch die Schöpfung seiner Lusiade, die epische Verherrlichung der Thaten des Vasco de Gama erheitert hat. Noch zeigt man ein kleines Gebäude mit einer unermeßlichen Aussicht auf den Ocean, die Stätte, wo Camoëns besonders seinen dichterischen Träumen nachgehangen haben soll. Wir wandelten in den späteren Nachmittagstunden durch den verwilderten, aber hochromantischen Garten, der den ehemaligen Wohnsitz des unglücklichen Sängers umgab, schrieben unsere Namen in das an der Pforte ausgelegte Fremdenbuch, da das Grundstück zum Privatbesitz einer portugiesischen Familie gehört, zahlten ein Eintrittsgeld von zwei Schilling für die Person und besichtigten schließlich die in einer Grotte aufgestellte Büste des Dichters. Das Mißgeschick, welches ihn im Leben unausgesetzt verfolgt, hat sich auch auf sein Abbild erstreckt. Es war nicht genug, daß Camoëns bei einer königlichen Pension von fünf und zwanzig Thalern jährlich, sein Leben nur mit Hilfe eines aus Indien mitgebrachten Sclaven zu fristen vermochte, der Nachts für seinen unglücklichen Gebieter bettelte; Jahrhunderte nach Camoëns Ableben hat sich ein Engländer seiner Büste erbarmt, den Knebelbart (ich lasse es dahingestellt sein, ob nicht auch die Nase) abgeschlagen und als Andenken an den Sänger der Lusiade mitgenommen.

Am nächsten Tage, während dessen die frische Temperatur anhielt, machten wir eine Land- und Wasserpartie zu den 76 sogenannten klingenden Felsen (ringing rocks). Wir setzten über die innere Bai, wanderten vom Strande aus durch ein idyllisches Thal, in dem ein munterer Waldbach mehrere klappernde Reismühlen lustig trieb und kamen endlich in eine öde Landschaft, die weithin mit dunklen Felstrümmern bedeckt war. Es bedurfte längerer Nachforschungen unter dem brüchigen Gestein, ehe unser chinesischer Cicerone die Stellen aufgefunden hatte, welche, heftig mit einem anderen Stein angeschlagen, einen metallisch hellen Klang von sich gaben. Das akustische Phänomen gewährte keinen Ersatz für die anstrengende Expedition. Die chinesischen Bootsmädchen, die nur eine Alte zurückgelassen und uns in das Innere des Landes begleitet hatten, schienen uns die Verstimmung anzumerken. Sie entwickelten alle Künste der Circe, um uns zu trösten, und wir waren schließlich zu handgreiflichen Zurechtweisungen gezwungen, da die Grazien im felsenfesten Vertrauen auf ihre Reize auf eine lästige Weise zudringlich wurden. Während der Rückfahrt hatten wir bei der tiefen Windstille Gelegenheit, den Reichthum dieser spiegelglatten Meerestiefe an Fischen zu beobachten. Sehr viel soll der Eifer dazu beitragen, mit dem die Chinesen den gefräßigen Hayfischen nachstellen, die, keine Kostverächter, Alles verschlingen, was ihnen zu nahe kommt, den elenden Stint so gut, wie den über Bord fallenden kleinen Chinesen mit dem Rettungstönnchen auf dem Rücken. Bei der Kostspieligkeit der Hayfischflossen, als eines der feinsten Leckerbissen, ist der Fang dieser Raubthiere sehr lohnend und trägt viel zur Schonung der Fischzucht bei, obgleich die Hayfische in den Gewässern von Hongkong und Macao noch immer so zahlreich sind, daß alle Landsleute mich 77 dringend warnten, in offener See, sei es am Strande, sei es neben dem Boote, zu baden. Heute kam uns keines der Ungeheuer zu Gesicht, die Bewohner der Tiefe führten nur den gewöhnlichen kleinen Krieg um die Existenz, sie blieben von den Anfechtungen des Meertyrannen verschont, der sie bei seinem Heißhunger maaßweise verschlingt.

Die Ermittelung einer passenden Schiffsgelegenheit zur Fortsetzung meiner Reise forderte meine Rückkehr nach Hongkong. Am 13. Mai Mittags 12 Uhr machte ich mich auf den Weg und erreichte nach einer herrlichen, vom Monsoon beflügelten Fahrt schon um 4 Uhr den Ort meiner Bestimmung. Unterwegs hatte ich mich sehr gut unterhalten. So klein der amerikanische Dampfer war, so groß war sein Capitän. Nach den angestellten athletischen Proben schien er persönlich der Maschine seines winzigen Schiffes noch um anderthalb bis zwei Pferdekräfte überlegen zu sein. Ich habe weder vorher noch nachher einen riesigeren Mann gesehen; auf dem Verdeck lag nichts, das er nicht aufzuheben oder doch in Bewegung zu setzen vermochte. Nach den stillen Tagen in Macao überraschte mich das Leben auf der Rhede von Hongkong. Wir sind in einem dichten Walde von Schiffsmasten vor Anker gegangen, und ich selber habe wieder in dem Kreise der liebenswürdigen Familie Wiese (Siemssen und Comp.) gastliche Aufnahme gefunden. Die Neuigkeit des Tages war die eben von Kanton eingetroffene Nachricht: die neuerbaute englische Kirche sei eingestürzt. Freudiger überrascht wurde das Publikum der Abendbörse durch die Ankunft eines dänischen Pinkschiffes, das schon vor 108 Tagen von Java ausgelaufen und auf Grund seines langen Ausbleibens seit vier Wochen in 78 Dänemark als »todt« gemeldet worden war. Nach dem Seemannsausdruck hatte das Schiff durch seine Zeiteinbuße eine Menge Geld »zurückgefahren«.

In Gemeinschaft mit Herrn von Radowitz, den gleichfalls Geschäfte nach Hongkong geführt, wurde am 14. Mai bei regnerischem, aber angenehmem Wetter eine große Tour um die Stadt veranstaltet. Das bunte Treiben vor dem stattlichen Tempel am Marktplatz fesselte uns fast eine Stunde, dann wurden einige bedeutende Anhöhen der Umgebung Hongkong's erklettert und die Umrisse der hohen Gebirge des benachbarten Festlandes Cowloon flüchtig zu Papier gebracht. Wir behielten noch Zeit übrig, einen Kunstgenossen in seinem Atelier zu besuchen. Den Meister selber fanden wir nicht nach gewohnter Weise im ersten Stockwerk. Die Räumlichkeit mochte ihm zu dunkel sein; er hatte nur die Eleven darin untergebracht. Die Leistungen der Jungen sowohl wie ihres Principals erhoben sich nicht über den Standpunkt der Anstreicherei. Etwas besser sah es in zwei Ateliers aus, die ich am folgenden Tage heimsuchte. Der Kunstzweig jedes Malers wurde durch große Aushängeschilder angezeigt.

Die Kundschaft der beiden Herren beschränkte sich wohl nur auf eingewanderte Kunstfreunde, denn die Inschriften waren im Pidjen Englisch abgefaßt. Herr Ye Chung war »Landschaftsmaler und Porträt« (Landscap painter and portrait). Herr Wo Hang »Landschaftsmaler und Schiff« (Landscap painter and ship from Canton). Letzterer war sehr stark beschäftigt. Zur Erinnerung an ihre Reise bringen alle Schiffscapitäne gern ein in China verfertigtes Bild ihres Fahrzeuges nach Europa zurück, in 79 dem Laden des Herrn Wo Hang war also eine Anzahl von Seestücken bis auf das Schiffsporträt selber vorbereitet. Ich unterschied zwei Klassen von Hintergründen: eine stille See und ein vom Teifun bewegtes Meer, beide wie durch die Schablone gemalt. Je nach der Bestellung des Kunden wird das Schiff desselben mit ungeheuerlich großer Flagge hineingemalt. Gewöhnlich lassen die Schiffscapitäne beide Sorten anfertigen. Wo Hang war eifrig beschäftigt und behandelte mich, nachdem er sich vergewissert, daß ich keinen Auftrag für ihn hätte, wenn auch höflich, doch etwas geringschätzig. Er lächelte verächtlich, als ich ihn auf die unbehilfliche Art der Chinesen: den Pinsel in der Faust und nicht mit dem Daumen und Zeigefinger zu halten, aufmerksam machte, und belehrte mich, sich pathetisch aufsteifend, daß dies die einzig richtige Methode sei, Gemälde »numbel one« (Nr. 1) zu vollenden.

Bei Herrn Ye Chung gerieth ich mitten in eine Sitzung. Ein deutscher Schiffscapitän hatte sich bei ihm malen lassen und das Porträt näherte sich seiner Vollendung. Der würdige Seemann gedachte das Bild seiner Frau zu senden und erkundigte sich, wie ich damit zufrieden sei. Es wäre ein Frevel gewesen, dem Landsmanne zu verschweigen, daß die Aehnlichkeit noch Manches zu wünschen übrig lasse. Wundersamer Weise schien mein Urtheil den Auftraggeber eher zu befriedigen, als zu betrüben. Er setzte mir auseinander, wie es durchaus nicht darauf ankomme, daß seine Frau ihn gleich im ersten Moment wieder erkenne; es läge ihm alles daran, sie zu – überraschen; die Freude sei desto größer, wenn die Aehnlichkeit erst allmälig herausgefunden würde! Die weitere Debatte über diesen neuen künstlerischen 80 Standpunkt und seine Logik schien mir überflüssig. Der gute Landsmann war mit der Malerei Ye Chungs so zufrieden, daß er ihn bewogen hatte, auch die Ehegattin – nach mündlicher Beschreibung zu malen. Mein Freund, Professor Richter in Berlin, braucht vor der Concurrenz nicht zu zittern. In Betreff des männlichen Porträts hatte sich Ye Chung leidlich der europäischen Gesichtsbildung bequemt, wiewohl in der Haltung des Kopfes und Körpers das steifleinene Chinesenthum durchblickte; in dem Conterfei des Ehegesponses war ihm die Nationalphantasie mit dem Pinsel durchgegangen. Madame mußte von Jedermann für eine echte Chinesin gehalten werden. Das Porträt war im Ganzen fertig, nur die Augen fehlten noch. Der Ehegatte konnte sich ihrer Farbe nicht erinnern und zögerte deshalb mit der Anweisung; es gewährte ihm einigen Trost, daß seine Gemahlin über die Farbe seiner Augen nicht besser unterrichtet sein werde. Wir verließen das Atelier zu gleicher Zeit und ich begleitete den Capitän zu einem benachbarten Schuhmacher, der nach einem vorgelegten Muster für ihn ein Paar neue schwarze Lackstiefel angefertigt hatte. Der Kostenpreis betrug achtzehn Dollars. Ob die Arbeit diesem hohen Preise entsprach, wage ich nicht zu entscheiden; der Lack des Leders ließ aber Alles hinter sich, was Europa in dieser Hinsicht zu liefern vermag. Man weiß, wie weit China und Japan uns in der Lackfabrikation überlegen sind, aber erst an Ort und Stelle lernt man die Bedeutung dieses zierlichen Deckstoffes für die Ornamentik kennen. Es ist ein Irrthum, wenn man glaubt, daß der Chinese sich zum häuslichen Gebrauch des Porzellans bedient. Teller und Tassen, Schüsseln und Trinkgefäße werden aus Holz 81 angefertigt und lackirt. Der Lack ist so dauerhaft, daß er sogar unter der Siedehitze nicht leidet. In China wird Alles lackirt. Hat ein Handwerker von einigem Wohlstande es so weit gebracht, in seiner Wohnung, statt des gewöhnlichen Fußbodens von Lehm oder Bambusscheitern, einen Bretterestrich zu erschwingen, das Ideal seines Comforts, so überzieht er ihn sogleich mit dem köstlichen Lack. Die Thüren, die Wände und Decken stehen damit überall im Einklange.

Nach längerem Aufenthalte in Kanton, Hongkong und Macao bin ich dahinter gekommen, daß auch der Chinese gewisse immer wiederkehrende Namen im nationalen Namenslexikon zählt. Bei uns heißen sie Schmidt, Lehmann, Müller und Schulze; in China Ahoy und Sing Ping. Ich glaube bemerkt zu haben, daß Beide sich vorzugsweise gern, wenn auch nur nebenbei, mit dem Branntweinverkauf beschäftigen. Oft las ich auf Schildern: Ahoy, Bootmaker and brandy, Sing Ping, Taylor and spirits. Auf unseren Fußtouren machen wir oft die seltsamsten Entdeckungen. So fanden wir einen Berliner, Herrn Ladendorff, als Vorsteher eines Instituts für Besserung elternloser und verwahrloster Kinder. Der Menschenfreund hatte dasselbe schon vor Jahren gestiftet und manche glückliche Erfolge erreicht.

Wir warten auf Sr. Maj. Schiff die Gazelle, und unsere Geduld wird stark in Anspruch genommen. Im Leben der großen Handelsherren beruht ein hochwichtiges Moment in der richtigen Ankunft ihrer Schiffe. Gegen Sonnenuntergang findet man daher stets einige von ihnen auf Höhepunkten an der Küste. So erwartete Herr Wiese am 17. Mai ein mit Reis beladenes Schiff aus Bangkok. 82 Falls das Schiff an dem contractlich bestimmten Datum nach Sonnenuntergang ankam, brauchte der chinesische Abnehmer für die Ladung 12,000 Dollars weniger zu entrichten; mein gütiger Wirth hatte daher gerechte Ursache, nach seiner Dschunke scharf auszuschauen. Wir stiegen schon um 5 Uhr Nachmittags, mit Fernröhren bewaffnet, die Höhe hinan und musterten eifrig den Horizont, aber die Sonne sank, die Dunkelheit brach herein und das Schiff blieb aus. Erst zwischen neun und zehn Uhr verkündete es durch Leuchtfeuer seine Annäherung: 12,000 Dollars waren eingebüßt. Herr Wiese ertrug den Verlust mit so guter Manier, wie nach der Erzählung des Ritters Hans von Schweinichen der Millionär Fugger in Augsburg den Verlust eines Schiffes aus venetianischem Glase, das, zum Tafelaufsatz bestimmt, beim Hereintragen von einem ungeschickten Diener zu Boden geworfen wurde.

Das Wetter ist, da der Passatwind (Monsoon) gegenwärtig seine Richtung (von Nordost nach Südwest) wechselt, sehr stürmisch; in Macao ist nach den letzten Meldungen der Sturmwind sogar schon in einen förmlichen Teifun ausgeartet. Die Hitze nimmt zu und die Ankunft des ersten, nach einer Seefahrt von fünf Monaten aus New-York anlangenden Eisschiffes wird von der europäischen Bevölkerung mit Entzücken begrüßt. Es wurden für die laufende Saison noch zwei andere erwartet, allein später erfuhr ich, daß Beide von dem südstaatlichen Kaper Alabama mit Beschlag belegt und in den Grund gebohrt worden seien. Die Flagge des Schiffes wehte vom halben Mast herab. Der Capitän war vor drei Tagen von einem der Matrosen erstochen worden. Auf Befehl des Steuermanns hatte die 83 Mannschaft den Mörder in Eisen gelegt, der Leichnam des Capitäns war zur Erhärtung des Thatbestandes in der Cajüte eingeschlossen geblieben; man wird sich den Zustand der Leiche ausmalen können. Der Mörder wurde der Gerechtigkeit übergeben, allein die Engländer hielten sich nicht für competent; sie beschlossen, den Verbrecher mit dem nächstanlangenden Schiffe wohlverwahrt in seine Heimath zurückzuschicken und den Nordamerikanern das Criminalverfahren anheimzustellen.

Die Vorkehrungen, welche gegen die demnächst zu erwartenden Teifune getroffen werden, sind geeignet, dem Unbefangenen Besorgnisse einzuflößen. Die Unterschiede in den beiderseitigen Weltanschauungen treten deutlich hervor. Die Europäer machen Alles niet- und nagelfest, die Flaggenstangen auf den Consulatsgebäuden werden abgenommen, die Dachlucken hermetisch verschlossen, und die Läden aller leerstehenden Zimmer fest zugemacht; die Chinesen eilen in ihren Tempel, verbrennen Opferpapier, werfen Feuerwerk in die See und besuchen die Gräber ihrer Vorfahren! Die Eigenthümer großer Gebäude sorgen dafür, dem gefürchteten Wirbelwinde so wenig Widerstand wie möglich entgegenzusetzen. Die Chinesen halten in solchen Fällen für wirksamer, einige bemalte Talglichte mit vielen Verbeugungen vor dem Götzen anzuzünden, ein Bündel brennender Opferstäbchen (Joss sticks) in ein Sandgefäß zu stecken, und eine Portion Reis und Schweinebraten nebst dazu gehöriger Visitenkarte auf die Grabstätten der Ahnen zu legen. Sind sie bei Kasse, so werden noch einige Dutzend Schwärmer vor dem Tempel abgebrannt.

Meine Handelskenntnisse werden nebenbei bereichert; von 84 diesen unaufhörlichen Unterhaltungen über Opium, Seide und Thee bleibt doch immer etwas sitzen. Die Bildung meiner Zunge für die Unterscheidung der Sorten des Nationalgetränks macht Fortschritte, doch bin ich noch weit von der Ergründung der letzten Geheimnisse entfernt. Von welchem Gewicht für das Geschäft die Feinheit der Zunge ist, erhellt daraus, daß ein Theekoster erster Qualität ein Jahrgehalt von 1000 Pfd. Sterling nebst freier Wohnung und Station erhält. In dieser Geldwelt, unter diesen Großhändlern, die nach Anhäufung von vielen Millionen, die ihnen den Genuß aller geistigen Güter der civilisirten Heimath sichern würden, doch in dem bösartigen Klima aushalten, um, wie sie sagen, nun noch einige Jahre lediglich »für die Ehre des Hauses« zu arbeiten, überfällt mich nicht selten ein unphilosophischer und unkünstlerischer Kleinmuth. Bei derartigen Gemüthszuständen flüchte ich in die Gesellschaft der Frauen; den Hauch der Poesie wissen sie in ihrem Gespräch länger zu erhalten, als die Männer. Ich bin schon zufrieden, den Posten eines Vorlesers bekleiden zu können, und so dem Thee und Opium zu entgehen. 85

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