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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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II.

Die Nachtwächter in Aegypten. Keine Straßenbeleuchtung. Zu Esel. Mangel an Kleingeld. Fliegen und Augenkrankheiten. Gefärbte Pferde. Said Pascha. Auf der Eisenbahn nach Kairo.

Elf Jahre reichen hin, selbst den stärksten Eindruck aus dem Gedächtniß zu verwischen und den Geist wieder für Ueberraschungen empfänglich zu machen. Die Erinnerungen an meinen früheren Aufenthalt in Alexandria waren vollständig erloschen, als ich mich Abends zu Bett legte, und schon fünf Minuten später die Stimme des nächsten Nachtwächters mich wieder aufschreckte. Plötzlich stand das Schreckbild meiner ersten Nacht in der ägyptischen Seestadt vor meinem inneren Auge.

Der jähe Uebergang von dem vollen Tageslicht durch ein wundersames Farbenspiel in die tiefste Finsterniß mag bezaubernde Reize für den Naturfreund und Maler besitzen; unter diesem Breitengrade ist für eine schleunige Rückkehr der Phantasie aus dem Märchenlande in das Reich der Wirklichkeit gesorgt. Bis zu einer geordneten Straßenbeleuchtung hat man es unter dem hiesigen Gouvernement noch nicht gebracht. Außer einigen Oel- oder 13 Petroleumflammen, die auf dem Platze der Hotels und Consulate brennen und höchstens hinreichen, die ägyptische Finsterniß sichtbar oder – greifbar zu machen, ist keine Spur von stabiler Beleuchtung vorhanden. Wer nach Sonnenuntergang ausgehen will, muß sich mit einer brennenden Laterne versehen, wenn er nicht arretirt und ins Gefängniß geschleppt werden soll. Der Regel nach geht freilich Jedermann um neun Uhr zu Bett, und nur durch die äußerste Noth läßt man sich zwingen, nach dieser Stunde das Haus zu verlassen. Nun beginnen die Leiden des müden Europäers.

Die Amtsthätigkeit der Nachtwächter hebt an. Diese besteht darin, daß der Beamte mit lauter Stimme den Ruf »ia uachet«, ausstößt, den der College im benachbarten Revier, sobald er ihn vernimmt, zu wiederholen verpflichtet ist. Der Zweck der orientalischen Behörde scheint zu sein, durch dieses Verfahren die kostspielige höhere Charge der Nachtwachtmeister zu ersparen, denen bekanntlich in unseren Polarregionen die Superrevision der untergeordneten Mannschaften zusteht. Durch den ägyptischen Brüllsang werden bei der urwüchsigen Kraft der südlichen Männerstimmen alle Nachtwächter Alexandrias gleichzeitig alarmirt, und der besorgte Einwohner kann, da der Ruf vorschriftsmäßig alle halbe Stunden wiederholt wird, gewiß sein, daß das Auge des Gesetzes ohne Unterbrechung seine Sicherheit überwacht. Ein großer Uebelstand besteht nur in der damit verbundenen Ermunterung sämmtlicher heimathlosen Hunde, die nach der Sitte der Orientalen Tag und Nacht auf der Straße geduldet werden. Sie betrachten den amtlichen Ruf der Nachtwächter als eine Herausforderung ihrer Wachsamkeit und beeilen sich, pünktlich und kraftvoll zu 14 antworten. Da sie, einmal zu diesen vocalen Kundgebungen angeregt, nach der Weise ihres mittheilsamen Geschlechtes fünfzehn bis zwanzig Minuten fortblaffen, und halbstündlich von den nächtlichen Herolden immer von Neuem ermuntert werden, läßt sich leicht berechnen, wie viel Minuten in jeder Nacht dem sensiblen Reisenden zum Schlummer übrig bleiben. Nachgerade fällt diese vierbeinige Bevölkerung aber selbst den Behörden zur Last. An der Table d'hote, wo wir Europäer einander unser Leid klagten, wurde erzählt, daß jährlich zweimal Vergiftungsversuche in umfassendem Maßstabe angestellt würden, um die Zahl der Hunde in gewissen Schranken zu halten.

Nach einer martervollen Nacht machte ich mich am nächsten Morgen auf den Weg, um durch die Straßen der Stadt zu spazieren, und einige flüchtige Skizzen zu Papier zu bringen. Ich bediente mich deshalb nicht des gewöhnlichen Communicationsmittels, eines Esels, sollte indessen sehr bald meine ketzerische Selbstständigkeit büßen. Ein seiner Physiognomie nach äußerst fanatischer Muselmann schleuderte mir einige hundert Schritte von meinem Hotel einen großen Stein so heftig gegen das linke Schienbein, daß ich vor Schmerzen nicht weiter zu gehen vermochte, sondern sogleich meine Zuflucht zu einem Eseljungen nehmen mußte. Dabei hatte sich der Eiferer bei seiner Gewaltthat so arglos gestellt, daß es mir schwer geworden wäre, ihm die Absichtlichkeit des Wurfes darzuthun. Ich steckte die Beleidigung stillschweigend ein, und bestieg einen der kleinen Esel, der mir bei seiner Gewandtheit und Energie denn auch die besten Dienste leistete. Mein Eseljunge zählte einer mäßigen Schätzung nach zwischen 65 bis 70 Jahre, 15 was ihn nicht abhielt, sich »Junge« nennen zu lassen, und stundenlang in scharfem Trabe unter fortwährendem aufmunterndem Geschrei für den Esel hinter mir her zu laufen. Der alte Junge besaß einige Sprachkenntnisse. Er warf mit deutschen, französischen, englischen und italienischen Brocken um sich, und ließ es bei dem Zusammentreffen mit seinen Collegen und ihren Thieren in den halbunterirdischen Straßen der alten Stadttheile nicht an freundschaftlichen Ermahnungen und Winken fehlen.

»Wende dich rechts, mein Geliebter! – wende dich links, mein Geliebter!« hieß es fortwährend, doch war es schwer, darüber ins Reine zu kommen, ob die zärtliche Anrede an den nahenden Esel oder seinen Führer gerichtet sei. Ich habe mich stets der Willkür meines Thieres überlassen und dabei wohlbefunden. Die hier verweilenden Engländer beobachten das entgegengesetzte Princip. Das Erste auf ihren Ausflügen durch die Stadt ist, einen Kantschu aus Nilpferdhaut zu kaufen und damit bei der geringsten Veranlassung oder Meinungsdifferenz auf den Eseljungen und sein Thier rücksichtslos einzuhauen.

Die Existenz in dem Hotel de l'Europe ist erträglich, wenn man nicht europäischen Comfort beansprucht. Ein mehrjähriger Aufenthalt im Orient hat mich gelehrt, daß jenseits des mittelländischen Meeres das Schloß keines Schrankes, keiner Kommode mehr schließt, und der einzige zuverlässige Behälter des Reisenden in seinem Koffer besteht. Man wird daher besondere Sorgfalt auf einen präcisen und dauerhaften Verschluß zu richten haben. Ueber das Betragen des Wirthes und der Kellner zu klagen, liegen keine Ursachen vor. Letztere sind der Regel nach 16 Malteser und gemeinhin gutartig und diensteifrig, wenn ich auch Niemandem rathen möchte, ihre Ehrlichkeit auf eine allzu harte Probe zu stellen.

Um 6 Uhr Morgens stehe ich täglich auf und trinke eine Schale Kaffee mit Ziegen-, Esel- oder Büffelmilch, die ich immer gleich ausgezeichnet finde, die Semmeln sind unserem Gebäck ziemlich ähnlich. Die Stunden von 6 bis 8 benutze ich regelmäßig zu einem Morgenausfluge, mit dem ich Studien und Zeichnen nach der Natur zu verbinden pflege. Von 8 bis 5 Uhr verbietet die Hitze jeden Ausgang, ja jede ernstlichere Beschäftigung. Das Gabelfrühstück findet um 12, das Mittagsessen um 7 Uhr statt. Von delicaten Seefischen herrscht eine große Auswahl, mit den weichlichen Südfrüchten wird sich dagegen nicht jeder nordische Gaumen befreunden. Die Datteln sind jetzt reif und jeder Baum trägt etwa einen Centner Früchte, deren Werth man auf zwei Pfd. Sterling berechnet. Von dem Ertrage der Dattelpalmen erhebt die Regierung eine nicht unbeträchtliche Abgabe.

Der städtische Verkehr und Verzehr außerhalb der Hotels wird unglaublich durch den Mangel an kleiner Münze erschwert. Aegyptisches Geld bekommt man fast niemals zu Gesichte, im Umlaufe befinden sich englische Gold- und Silbermünzen, französische Frankenstücke, russisches, türkisches und österreichisches Silbergeld. Die Viertelgulden (5 Sgr.) sind eine Lieblingsmünze der alexandrinischen Handels- und Gewerbsleute und cursiren in großer Anzahl. Sehr schlecht fährt der Fremde bei jedem Wechsel eines Gold- oder größeren Silberstückes; der Eintausch von Scheidemünze ist stets mit ansehnlicher Einbuße verbunden. 17 In Wirthshäusern ist die Bedienung oft Tage lang nicht im Stande, kleines Geld herauszugeben. Dann werden Erfrischungen ohne Weiteres creditirt.

Was die Privatbeschäftigung des Reisenden betrifft, so wird er, mag er sich gebehrden, wie er wolle, zu entomologischen Studien gezwungen. Nur unter den Belästigungen der Flöhe haben wir augenblicklich nicht zu leiden. Ihre Saison fällt in die kühlere Jahreszeit. Auch ein anderes, minder brünettes, und in seinen Evolutionen weniger flüchtiges und graziöses Insect ist, nach der Praxis der Eingeborenen zu urtheilen, äußerst empfindlich gegen die Mittagshitze. Das sicherste Mittel zur Entlausung der Burnus besteht darin, sie auf dem Boden in der Sonne auszubreiten. Nach einigen Stunden dieser trockenen Bleiche und Darre soll die Bevölkerung bis auf das letzte Individuum ausgestorben sein. Gegen die Fliegen giebt es kein Schutz- oder Vertilgungsmittel. Die Eingeborenen sind von Kindesbeinen an gegen ihre Quälereien abgehärtet. Ich habe Haufen von kleinen Kindern dicht bei einander sitzen gesehen, deren Augen von einem Kranze von Fliegen umgeben waren, ohne daß sie auch nur einen Finger zur Abwehr des Ungeziefers bewegt hätten. Eine gewisse Linderung mag ihnen der Harnisch von Schmutz gewähren, dessen Anhäufung auf den Gesichtern der Kleinen die Mütter grundsätzlich begünstigen. Bei der Furcht [vor] dem bösen Blick ist es eine Schutzwehr für das Kind, durch Unsauberkeit entstellt zu sein und die genauere Prüfung verdächtiger Fremder abzuschrecken.

Die Verbreitung der Augenkrankheiten mag nicht allein mit dieser systematischen Unreinlichkeit der niederen 18 Volksklassen, sondern auch mit der Freizügigkeit der Fliegen zusammenhängen. Bei der Stumpfheit der Menschen wird das Ungeziefer den Ansteckungsstoff oft genug von einem Auge zum andern tragen. Die Menge der hiesigen Blinden, deren Procentsatz im Verhältniß zur Einwohnerzahl Alexandrias ich gar nicht anzugeben wage, mahnt den Reisenden zur äußersten Vorsicht und Sauberkeit. Auf den Rath meines hiesiges Arztes setzte ich nach jedem Ritt ins Freie ein kleines, mit frischem Wasser gefülltes Liqueurglas auf jedes Auge, und entfernte es nicht eher, bis ich wesentliche Erfrischung fühlte. Mit der Sonne verschwindet auch die Fliege, und nun beginnt die Alleinherrschaft der Mosquitos. Zwar legt man sich nie, ohne ein Mosquitonetz um seine Bettstatt zu hängen, nieder, allein es ist fast unmöglich, den inneren Raum von dem teuflischen Geflügel so weit zu reinigen, daß man nicht jämmerlich zerstochen, oder doch im Schlafe gestört wird. In den ersten Tagen glichen meine Hände und das Gesicht dem Abdruck eines Stickmusters.

Außer einem Spazierritt nach der Pompejussäule, von der ich schon vor elf Jahren eine Aquarelle angefertigt, machte ich in Gesellschaft meines Arztes einen Ausflug nach dem etwa eine kleine Meile von Alexandria entfernten Seebadeorte der wohlhabenden Einwohner. Diese Sommerfrische trägt den bescheidenen Namen Ramleh (Sand), ist aber ein wenig lustiger und kühler als die große Stadt. Vor dem Staube, in dem man bei dem Mangel jeder Pflasterung in Alexandria fast zu Grunde geht, ist man in Ramleh bei der Festigkeit und Schwere des Seesandes sicher; trotz der unsäglichen Monotonie der Gegend. Sand, 19 blauer Himmel und offene See, ist Ramleh, mit Alexandria verglichen, ein angenehmer Aufenthalt.

Den deutschen und englischen Schiffscapitänen verdanken wir auf unseren abendlichen Eselritten viel Vergnügen. Die launigen Herren, welche sich gemeinhin schon in etwas angeheitertem Zustande befinden, pflegen mit ihren Promenaden die Manipulation des Loggens zu verbinden. Sie sitzen rückwärts auf den Eseln und werfen das an einer geknoteten Schnur befestigte dreieckige Brettchen in den Sand, um aus der Zahl der Knoten zu ermitteln, wie viel englische Meilen sie in einer Stunde zurücklegen.

Gewöhnlich ist ein Matrose mit einem Wurfanker in ihrer Begleitung, der nach Ankunft in der Kneipe ausgeworfen wird, und zur Befestigung der Esel dient. Die Toilette der Capitäne ist auf diesen Vergnügungsfahrten stets »landfein«, der technische Ausdruck für den Zustand eines gereinigten und geschmückten Seemannes nach Entfernung der Theerjacke und des Nordwesters.

Größere Feierlichkeit wird bei den Spazierfahrten der Honoratioren von Alexandria beobachtet. Es gehört zum feinen Ton, Schnellläufer den Equipagen vorausrennen zu lassen. Die armen Menschen, gewöhnlich Neger, scheinen zu ihrem traurigen Beruf förmlich trainirt zu werden. Sie sind bis auf die Knochen abgemagert, und ihre Beine so abgezehrt, daß ich nie begriffen habe, wie sie im Stande seien, den Oberkörper zu tragen, und obenein weite Wegstrecken mit pfeilschnellen arabischen Gespannen zu wetteifern. Ungleich mehr als durch diese klapperdürren Schnellläufer gewinnt das Ansehen der herrschaftlichen Equipagen durch den hiesigen Gebrauch, die Mähnen und Schweife 20 der Pferde zu färben, ja nicht selten Letztere selber anzumalen. Schimmel sind in großer Anzahl vorhanden, und man pflegt ihre Mähnen und Schweife gewöhnlich roth zu färben, auch werden sie wohl durch braune oder schwarze Flecken in Schecken verwandelt. Die leuchtende Atmosphäre und der von Reflexen strahlende Erdboden fordert den Menschen zu einer Vermehrung der Farben, ja zu einer Berichtigung der Natur heraus.

Volkssitten und Gewohnheiten lernt man am besten auf einem Spaziergange nach dem Binnenhafen und den benachbarten Straßen kennen, nur darf man nicht mit der in großen Städten des civilisirten Europas zulässigen Sorglosigkeit flaniren. Am ersten Tage wurde ich im Binnenhafen von dem Gewühl der beladenen Kameele und Esel beinahe überrannt. Die Araber besinnen sich nicht, bei ihrer leichten und geschmeidigen Tracht, wenn sie in die Enge getrieben werden, unter dem Bauche der langsam einherschreitenden Kameele durchzukriechen.

In der Nähe dieses großen Centrums des Menschenverkehrs und Waarenumsatzes hat sich die Prostitution von Alexandria angesiedelt. Nichts verwehrt dem Vorübergehenden den Einblick in die Erdgeschosse; hier gilt der Grundsatz der antiken Welt: naturalia non sunt turpia. Die Mehrzahl der Priesterinnen besteht aus Töchtern des Landes, ägyptischen Frauen und Negerinnen, doch ist kein Mangel an Weibern kaukasischer Race. Eine polizeiliche Ueberwachung findet nicht statt. Für europäische Augen sind Scenerie und Staffage äußerst widerwärtig. Es ist eine Erholung, in das Hotel zurückzukehren und im Schooße einer liebenswürdigen Familie sich ihrer gemüthlichen 21 Unterhaltung zu erfreuen. Mein Tischnachbar ist der von Java zurückgekehrte General-Commandant der dortigen Truppen. Er wird durch einen Landsmann von seinem Posten abgelöst und begiebt sich mit seiner Gemahlin und acht Kindern, deren Jüngstes noch getragen werden muß, in die Heimath. Die hier anwesenden deutschen Landsleute und diese Familie repräsentiren für mich Bildung und Gesittung. Mit den Söhnen Englands, die auf dem Wege nach Indien schon alle unangenehmen Seiten ihrer Nationalität hervorkehren, vermag ich nicht mich zu befreunden. In dieser Hinsicht stehe ich übrigens nicht allein; die gesammte Tischgesellschaft theilt meine Antipathie. Allgemeine Mißbilligung erfährt das Betragen der jungen Englishmen. Bei Tage durch die Hitze in die Zimmer gebannt, gehen sie nach Einbruch der Dunkelheit auf Verübung muthwilliger Streiche aus. Ihr Hauptvergnügen besteht darin, den armen Einwohnern, die durch irgend ein Geschäft gezwungen sind, nach Sonnenuntergang auszugehen, aufzulauern, plötzlich hervorzuspringen und ihnen durch einen Fußtritt die Laterne auszulöschen und zu zertrümmern. Das Ende vom Liede ist regelmäßig, daß die armen Gesellen von der Patrouille aufgegriffen, nach der Wache geschleppt und gezüchtigt werden. Ein älterer Engländer, der sich durch seine Schweigsamkeit ausgezeichnet hat, war plötzlich vom Tisch verschwunden. Da die Ueberlandpost von Bombay, auf welche wir sämmtlich warteten, noch nicht in Suez angekommen war, und kein vernünftiger Grund, sich zu entfernen, vorlag, fürchteten wir Anfangs, ihm sei ein Unglück zugestoßen, bis wir im Hotel erfuhren, er sei nach Marseille zurückgereist, wo er einen neuen, in London 22 gekauften Regenschirm habe stehen gelassen. Die Wahrheit dieser Angabe kann ich allerdings nicht verbürgen.

Eine Abwechselung in unsere einförmige Lebensweise bringt die Ankunft des Vicekönigs Said Pascha. Er kehrt von Constantinopel zurück und wird mit Illumination und Feuerwerk empfangen. Anderweitige Symptome von Loyalität und patriotischem Enthusiasmus habe ich nicht wahrgenommen. Ein gewisser Gleichmuth, der mit religiösen Ueberzeugungen im Zusammenhange stehen mag, ist der Bevölkerung eigenthümlich. So ersehe ich z. B. nur aus meinem Kalender, nicht aus irgend welcher Abweichung von den Gebräuchen des gewöhnlichen Lebens, wenn der Freitag, der Sabbath der Moslemin herangerückt ist. Alle Geschäfte nehmen ihren Fortgang, von Sonntagsfeier ist keine Spur vorhanden. In der Ausübung seines Privatgottesdienstes entwickelt der Muselmann dagegen eine unverkennbare Ostentation. Die vorgeschriebenen Gebete des Tages sucht er, wenn es irgend möglich ist, an einer Stelle zu verrichten, wo er der allgemeinen Aufmerksamkeit nicht entgehen kann. Er betet am liebsten auf Anhöhen, Dächern oder in der Nähe der Brunnen. Befindet er sich um die Stunde des Gebets auf einem Bahnhofe, so läßt er sich nicht die Mühe verdrießen, das Verdeck eines Waggons zu erklettern, und dort, nach Mekka gewandt, zu beten, in Suez habe ich einen Strenggläubigen sogar auf einem Stoß von Heringsfässern, Theekisten und ledernen Koffern seine Andacht verrichten gesehen.

Der Termin zur Abreise war unterdessen mit Rücksicht auf den Abgang des Dampfers von Suez nach Bombay herangerückt, am 8. October stand ich um sechs Uhr 23 Morgens auf, packte meinen Koffer, bezahlte die Hotelrechnung mit zehn Pfd. Sterling und fuhr um elf Uhr auf der Eisenbahn nach Kairo ab, wo ich um fünf Uhr Nachmittags anlangte und im Pyramiden-Hotel abstieg. Das Billet erster Klasse hatte incl. der Trinkgelder und des Gepäcks fünfzehn Thaler gekostet. 24

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