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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 28
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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IV.

Ein Fachgenosse und sein Atelier. Im Gefängniß und vor Gericht. Der gesetzliche Hungertod. Zwei Theaterabende. Der Kaiser als »deus ex machina« der chinesischen Komödie. Nach Makao. Ein Wildpark von Ratten.

Wir leben jetzt in der Jahreszeit, wo die Kantonesen ihre Sommerwohnungen beziehen, d. h. auf dem Dache ein Mattenhaus errichten und darin die Nächte zubringen. In vielen Straßen waren die Bewohner der Häuser mit dem Bau dieser Zelte beschäftigt. Es ist das einzige Mittel für eine so arbeitsame Bevölkerung, sich in diesen enggebauten Stadtvierteln und niedrigen Häusern etwas frische Luft zu verschaffen. Nach einigen Nachforschungen fand ich den mir bezeichneten Künstler, eine Notabilität der chinesischen Malerei. Er bewohnte ein zweistöckiges Haus und empfing mich mit großer Würde in einem kleinen Zimmer des ersten Stockwerkes. Ein lang herabhangender grauer Schnurrbart verrieth seine Großvaterwürde, zwei Hauptschüler oder Famuli leisteten ihm Gesellschaft. Ein Schach- und Dominospiel bewies, daß die Künstler gelegentlicher Erholung nicht abhold seien. Nur der Meister malte an einer Staffelei, ähnlich der bei uns gebräuchlichen, die Schüler saßen vor 40 kleinen Tischen und führten ihre Malerei an einem schrägen Brette aus, auf dem die zu illustrirende Fläche von Holz, Leinwand oder Papier ausgebreitet lag. Neben Jedem standen dicke Holzscheiben mit den erforderlichen Farbenmixturen. Der Chef allein bediente sich einer halbmondförmigen Palette; seine Pinsel waren von ungleicher Feinheit. Einige bestanden aus Borsten, andere aus Marderhaar oder feingespaltenem Bambus. Er beschäftigte sich eben mit der Vergrößerung einer kleinen weiblichen Photographie, die durch ein Quadratnetz in Lebensgröße und zwar in Oel übersetzt werden sollte. Die chinesischen Maler sind in dem letzten Decennium mit den Oelfarben bekannt geworden und arbeiten darin noch äußerst schülerhaft. Was der alte Raphael mit dem glühenden Zinnober und Indigo auf seiner Palette im Schilde führte, war mir unerklärlich. Weislich hütete ich mich, mein Handwerk zu verrathen, und gebehrdete mich lediglich als Kunstfreund und Kunde. Der Kopf des Portraits näherte sich der Vollendung, war aber durchaus unähnlich; die Halskrause und der Faltenwurf des Kleides in ihrer sclavischen Nachahmung konnten wohlgerathen heißen. Ich durfte nicht länger zweifeln: die als Ladenschild vor dem Hause stehende lebensgroße Figur des edlen Washington war ein Werk des Meisters; ich erkannte die Würde der Zeichnung, vereint mit Tollkühnheit des Colorits; die Aehnlichkeit des Frauenzimmers, an dem er arbeitete, mit dem Befreier Nordamerikas, bildete sich immer deutlicher heraus. Auf meine Bitte, mir seine Gallerie zu zeigen – der Meister war im Stande, sich in Pidjen Englisch auszudrücken – holten die Gehilfen eine, mit den stereotypen chinesischen Bildchen gefüllte 41 Mappe und breiteten ihre Schätze vor mir aus. Es waren Ansichten der Insel Honam und der dortigen Consulatsgebäude vorhanden, mit der Ausführung der viel zu großen Flaggen hatten die Maler sich die meiste Mühe gegeben. Von Perspective war wie immer keine Spur zu entdecken. Zur Erinnerung wollte ich ein halbes Dutzend dieser auf Quartblätter von Reispapier gemalten flüchtigen Veduten mitnehmen und fragte nach dem Preise. Jetzt wurde der Kunstsenior gesprächig; er forderte für jede dieser Schludereien die unverschämte Summe von acht Dollars. Auf mein skeptisches Kopfschütteln spielte ihm seine künstlerische Reizbarkeit einen Streich. Er hob die Rechte, streckte den mageren Daumen aus und schrie: »Numbel one handsum« (number one handsome) »Nummer eins, vortrefflich!« und wiederholte die Worte »«Numbel one im Crescendo mehrmals. Anfangs verstand ich ihn nicht gleich, dann erinnerte ich mich, daß die Chinesen nicht das R auszusprechen vermögen, und begriff, was er sagen wollte: er sei der erste Maler im Lande China. Der Abschluß des Geschäfts wurde vorläufig aufgeschoben; der Meister suchte mich durch einige an den Wänden hängende Proben seines Talents zu Bestellungen zu ermuntern. Außer einem abermaligen Washington, der jedoch mehr in Essig, als in Oel gemalt schien, waren mehrere stark decolletirte Schönheiten vorräthig, Liebesbriefe lesend, mit Spatzen tändelnd oder von bejahrten Chevaliers im Bade belauscht, sämmtlich Copien französischer Lithographien. In einem geheimen Cabinet war für ein kleines Entrée eine chinesische Venus zu sehen. Im zweiten Stockwerk hausten die geringeren Schüler oder Lehrburschen der berühmten Firma. Das 42 ganze Atelier war nicht größer, als ein Hühnerstall, in der Mitte stand ein Kochapparat, auf dem die Theekanne dampfte, einer der unglücklichen Jungen saß auf dem Anderen, keiner war älter als fünfzehn Jahre. Alle arbeiteten, wie der unsterbliche Meister im ersten Stockwerk, an Copien. Die Theilung der Arbeit war vollkommen ausgebildet. Der Erste malte aus den Figurenbildern den Oberleib, der Zweite den Unterleib, der Dritte den Faltenwurf, der Vierte die Schuhe, der Fünfte den Fußboden, der Sechste die Hände u. s. w. Die Farben trocknen schnell auf dem Reispapier, die Arbeit schritt rasch vorwärts; nur die Gesichter fehlten auf allen Blättern. Der Gesichtermaler war an der Dysenterie erkrankt. Ich hielt mich bei der Betrachtung der Kunstwerke nicht lange auf; das Atelier duftete nicht nach Veilchen oder Rosen.

Unten im Laden wurden die Fabrikate der Firma feilgeboten. Einem der Jünger lag der Tagverkauf ob, er saß in einem dunklen Winkel und malte nach einer Photographie eben den schwarzen Leibrock der Copie. Kein Augenblick durfte ungenutzt verstreichen. Der Laden war jedoch nicht allein Kunstgeschäft; er diente auch irdisch gemeineren Handelszwecken. Mehrere kleine Geschäftsleute hatten sich als Miether in den spärlichen Raum getheilt. Hart neben dem Bilderhändler verkaufte ein Cigarrenhändler außer Tabak: Castor oil (Rhicinusöl), links saß ein Verkäufer von lebenden Fischen und dicht an der Thür eine Geldwechslerfamilie. Im Heraustreten sah ich erst, daß die Straße nicht zu den saubersten der sonst gar reinlichen Stadt gehörte. Das Geschäftsleben mochte in ihr floriren, aber das Ameisengewimmel der hastigen Menschenmenge war 43 beängstigend. Bald kam ein zu Pferde sitzender Mandarin vorüber, dem Alle in die Läden auswichen, bald ein Arzt mit riesengroßer Brille; am meisten gemieden wurden die Exporteure, Männer, die an einem auf der Schulter balancirenden Bambusstabe zwei gestrichen volle Eimer frische Dungstoffe aus den Thoren schaffen und durch ein lautes Wehgeheul alle Vorübergehenden vor einer unvorsichtigen Annäherung warnen. Ich pries mich glücklich, sobald ich durch eine Seitenstraße, in der mir dreimal der Hut vom Kopfe gerannt worden war, den Tempel der fünf Genien erreicht hatte und erschöpft auf den Stufen des Portals ausruhen konnte.

Das Südthor ist erfahrungsmäßig der bequemste Ausgangspunkt für meine Studienrundgänge; ich kehre daher häufig zu meinen militärischen Freunden zurück, und stelle von ihrem Wachtlokal aus meine Untersuchungen der Straßen von Kanton an. Der niemals stockende Menschenstrom läßt mich nur langsam vorwärts gelangen, und selten entgeht ein beachtenswerther Gegenstand meiner Aufmerksamkeit. So erregte vor einem stattlichen, jedoch etwas düster aussehenden Gebäude, ein Haufe von Individuen, die sämmtlich mit Ketten belastet waren, an denen sie obenein etwa fünfzig Pfund schwere Steine hinter sich herschleppten, meine Verwunderung. Das Gebäude war ein Gefängniß, und die Kettenträger seine Bewohner. Im Gegensatz zu dem sonstigen furchtbaren Criminalverfahren der Chinesen, schienen die Sträflinge mit 1eidlicher Milde behandelt zu werden. Da eine Menge von ihnen vor der Hausfront auf der Straße lustwandelte oder auf dem Pflaster der Höfe umherlungerte, ließ sich nicht wohl annehmen, die 44 Spazierstunde der Gefangenen habe begonnen; den Gefangenen mochte im Ganzen größere Freiheit gegönnt werden, als in Europa, wo die Wachtposten sie nicht aus den Augen verlieren dürfen. Von Niemanden aufgehalten, durchschritt ich mehrere Höfe und kam im dritten derselben endlich vor die Thür der Gerichtshalle des Criminalgefängnisses. Sie stand zwar offen, doch waren alle Unberufenen durch eine zwischen den Pfosten ausgespannte schwere eiserne Kette ausgesperrt. Eben mußte eine Verhandlung stattfinden, denn der Saal war mit Menschen gefüllt, und so weit ich sehen konnte. lagen einige Subjecte auf dem Bauche und drückten die Nase auf den Fußboden, muthmaßlich also Angeklagte. Einer der Richter, gleichviel ob Rath oder Hilfsarbeiter, in dessen Gesichtskreis ich gerieth, durchbohrte mich mit so ingrimmigen Blicken, daß ich für gerathen hielt, mich zu entfernen, um so mehr, als meine Anwesenheit den Mob von Kanton anzog, und ein Theil der Zuhörer sich um mich versammelte. Es war nicht schwer, sich die fernere Procedur auszumalen; die lieben Landsleute hatten mir genug davon erzählt, und ich wurde später wiederholt unfreiwilliger Augenzeuge. Die chinesischen Richter plagen sich nicht mit feinen Untersuchungen, ob in einem gegebenen Falle Gefängniß oder Geldstrafe zu verhängen sei. Ist der Angeklagte seines Vergehens schuldig erklärt, so ergreift der Vorsitzende unverzüglich einen vor ihm stehenden Becher voll Schicksalsstäbchen, wirft durch eine rasche Schwenkung eine gewisse Anzahl zu Boden, läßt sie zählen und dem Verurtheilten die entsprechende Summe von Hieben mit einem Bambusrohr verabreichen. Die Prügelstrafe ist in China nicht mit entehrenden Vorstellungen verbunden. Selbst höhere Beamte werden bei geringeren 45 Verschuldungen nicht gleich vor einen Disciplinargerichtshof gestellt, dessen Ausspruch vielleicht ihre ganze künftige Carrière zu Grunde richten würde; der Chef des Departements läßt den straffälligen Staatsdiener auf dem Fußboden ausstrecken, jenen conservativen Körpertheil entblößen, den Eulenspiegel so oft zu höhnischen Ostentationen zu mißbrauchen liebte, und denselben in ausreichender Weise mit Bambus bearbeiten. Ob die Collegen sich vorkommenden Falls diese büreaukratischen Gefälligkeiten untereinander erweisen, oder ob man sich dazu besonderer Subalternen bedient, vermag ich nicht anzugeben. Da jede derartige Tracht Prügel die an anderen Orten landesübliche »Nase« vertritt, wird jedenfalls alljährlich eine Menge unnöthiger Schreiberei erspart. Daß dem ganzen Verfahren nur väterliche Gesinnung zu Grunde liegt, geht aus dem Schlußact der Ceremonie hervor. Der Abgestrafte hat dem Richter für richtigen Empfang seinen Dank auszusprechen. Gemeine Verbrecher werden noch anderweitig bestraft; man spannt sie in einen schweren hölzernen Halskragen (spanische Fiedel), steckt sie in einen engen Käfig, in dem sie weder sitzen noch ausgestreckt liegen können, und hängt sie mit hinten zusammengebundenen Händen und Füßen an einem leichtgezimmerten Gestell auf. In der Vollziehung der Todesstrafen theilt man nicht die Scheu europäischer Gerichtshöfe. Die im Laufe eines Jahres in Kanton vollstreckten Hinrichtungen werden auf mehr als Tausend veranschlagt. Die übliche Form ist die Enthauptung. Der Henker ergreift den Zopf des vor ihm knieenden Delinquenten, zieht den Kopf an seinen Unterschenkel und schneidet ihn mit einem breiten Schwerte vom Rumpf. Auf raffinirtere Todesarten komme ich wahrscheinlich später zurück. 46 Eine derselben ist die Verurtheilung zum Hungertode. Der Verbrecher wird mit einem schweren, tonnenähnlichen Holzgefäß umgeben, aus dem nur sein Kopf hervorragt, und vor eine vielbesuchte Restauration gesetzt. Bei Todesstrafe ist es allen Vorübergehenden verboten, ihn mit Speise und Trank zu erquicken. Durch den Duft der Speisen zur Verzweiflung gebracht, muß der chinesische Tantalus in dieser Lage verschmachten.

Für die Abendstunden desselben Tages wurde unter deutschen Landsleuten der Besuch eines Theaters verabredet; eine renommirte umherziehende Schauspielergesellschaft war angekommen. Die hiesigen Vorstellungen beginnen schon um sechs Uhr Abends und dauern nicht selten bis vier Uhr Morgens, wir versäumten daher nicht viel, wenn wir uns erst um acht Uhr auf den Weg machten. An einem Abende werden gewöhnlich zwölf bis fünfzehn kleine Stücke gespielt. Wir hatten eine weite Strecke zurückzulegen. Nach einer halbstündigen Bootsfahrt mußten wir noch eben so lange landein marschiren, und zwar auf nur fußbreiten Pfaden über eine Menge schmaler Steinplatten und Brücken zwischen Reisfeldern. Es war bereits stockfinster, und die vor uns her getragene Papierlaterne gewährte eine äußerst spärliche Beleuchtung. Jeder mußte sich vorsehen, nicht auszugleiten und in den Sumpf zu fallen; eines gleich unangenehmen Theaterganges wußte ich mich bis dahin nicht zu erinnern. Glücklicherweise war ich der Letzte unserer Reihe. Das Theater selbst stand mitten in einem Teiche und war auf Pfählen, unmittelbar über der Wasserfläche erbaut, wahrscheinlich in der Absicht, die Temperatur des Innern zu verbessern und den Zuschauern, wenn Feuer ausbrechen 47 sollte, Gelegenheit zu bieten, ohne Weiteres aus den Fenstern zu springen und sich durch Schwimmen zu retten. Einer Baustelle auf dem culturfähigen Festlande schien man das Kunstinstitut nicht für werth zu halten. Das Material der Wände bestand aus Bambusstäben von verschiedenem Durchmesser, das Dach aus Matten von Palmblättern; ein Hängewerk verlieh ihm größere Sicherheit. Der Zuschauerraum war ungemein groß und konnte, obgleich nur ein Logenrang vorhanden war, doch mehr als 5000 Personen aufnehmen, die sich freilich der Mehrzahl nach in dem das ganze Erdgeschoß umfassenden Parterre und stehend aneinander pressen mußten. Das Eintrittsgeld für den ersten Rang betrug nicht mehr als 12 Silbergroschen nach unserem Gelde; der Stehplatz im Parterre kostete nur einen Silbergroschen, doch war auch im ersten Range für Sitze nur nothdürftig gesorgt. Als wir diese »Nobelgallerie« auf einer Bambusleiter mühselig erklettert hatten, wies man uns statt Fauteuils, niedrige, sieben Zoll breite Fußbänkchen als Sitze an. Das Publicum unseres Ranges war nicht sonderlich zahlreich, desto stärker war das Parterre besetzt. Ich hockte an dem Geländer auf ein Bänkchen nieder, hielt mir weislich die Nase zu und blickte verdutzt in den Zuschauerraum hinab. Bis dicht an die Rampe der Bühne war der weite Raum mit kahlen bezopften Schädeln gefüllt, die an den Inhalt eines Beinhauses erinnerten. Sämmtliche Kunstfreunde hatten schon vor dem Eintritt in's Parterre die Oberkleider abgelegt, denn der Raum reichte nicht hin, im Hause selber es sich bequem zu machen. Die nackte Menschenmasse – die Orientalen tragen keine Hemden! – konnte füglich einem Kirchenmaler als Vorbild für die 48 Auferstehung der Todten am jüngsten Tage dienen. Aus der Tiefe stieg ein mephitischer Qualm empor, der für civilisirte Geruchsorgane nicht hätte empfindlicher sein können, wäre jeder einzelne Zuschauer zugleich Mime und von den Aengsten eines ersten Auftretens bedroht gewesen. Auf den Bambusstäben des complicirten Hängewerkes unter dem Dache ritten Hunderte von Kerlen, die zwischen den Palmblätter-Matten durchgekrochen waren und der Vorstellung gratis beiwohnten. So gefährlich die Positionen dieser zerlumpten Turnliebhaber aussahen, Unglücksfälle schienen nicht vorzukommen; die Zuschauer des Parterres nahmen von den, über ihren Köpfen baumelnden Eindringlingen nicht die geringste Notiz, sondern widmeten ihre ganze Aufmerksamkeit nur der Vorstellung. Eben so wenig bekümmerte sich das Dienstpersonal des Theaters oder die Beamten der Sicherheitspolizei um diese verwegenen Kunstfreunde; der Direktion war unverkennbar Alles an einem überfüllten Hause gelegen. Unser Laternenträger hatte, nebst den übrigen Bedienten, mit uns ohne Entrée den ersten Rang bestiegen und sich unter die Zuschauer gemischt, dann waren sie nach längeren Berathungen wieder hinabgeklettert und an die Kasse gegangen. Wie ich später erfuhr, war es ihnen gelungen, von dem Kassirer eine kleine Provision für unsere Zuführung zu erpressen. Das Publikum ersten Ranges bestand aus Bewohnern Kantons der bemittelteren Klassen. Die Herren waren mit Kochheerden und Theekesseln versehen, sie rauchten Cigarren, tranken Thee, und von Zeit zu Zeit wurde aus den mit Victualien gefüllten Buden vor dem Theater mannigfaltiger Proviant herbeigeschafft. Frauen waren weder im ersten Range noch im Parterre zugegen, 49 auch alle weiblichen Rollen in den Stücken wurden von Jünglingen und Knaben ausgeführt.

Nach chinesischem Geschmack war die Bühne glänzend decorirt, doch entsprach nichts davon unseren theatralischen Gebräuchen. Die Hinterwand, eine mit wüsten Fratzen bemalte Gardine, blieb in allen Stücken unverändert, der einzige Scenenwechsel bestand darin, daß die auf dem inmitten des Theaters stehenden Tische liegende Decke umgedreht, die beiden rechts und links aufgestellten Stühle etwas näher oder etwas weiter gerückt wurden. Vor der Hinterwand ist die Kapelle aufgestellt, doch hat ihre Zusammensetzung nichts unseren Orchestern Analoges. Ist das Streichquartett die Basis des europäischen Instrumentale, so sind die hauptsächlichen Tonwerkzeuge der Chinesen: Tamtam, Gong, Schellen und eine große Glocke. Die Kapelle begleitet mit ihnen sowohl den Gesang, wie den Dialog der Acteure; das Stück war mithin ein Mittelding von Melodrama und Liederspiel. Ob der Text sich für eine derartige musikalische Behandlung eignete; das zu entscheiden, muß ich der chinesischen Kritik anheimgeben. Die Hauptperson war ein Mandarin, der vielfach seine Amtsbefugnisse überschritten hatte, und nach dem dumpfen Beifallsmurmeln der Menge im Parterre ein stehender Typus des nationalen Theaters zu sein schien. Er häufte das Maaß seiner Schandthaten durch körperliche Mißhandlung aller Hausgenossen und selbst eines Ankömmlings, den er durch die anzüglichsten Redensarten beleidigte. Jetzt zeigten sich unter unseren denkenden Logennachbaren Spuren sittlicher Entrüstung, aber gleichzeitig Zeichen froher Erwartung einer strengen Abstrafung des Verbrechers. Das Stück war bekannt und 50 beliebt. Sehr bald gab sich der beschimpfte Ankömmling als Kaiser von China zu erkennen, der nach der Sitte des Khalifen Harun Alraschid umherstrich, und Zustände und Persönlichkeiten seines Reiches kennen zu lernen suchte. Was blieb dem gütigen Monarchen übrig, als den Verbrecher mitten durchsägen zu lassen? Die Bitten des Schuldigen sind vergebens, schon werden die Vorkehrungen zur Execution mitten auf dem Theater getroffen, da humpelt die junge Gattin des Mandarins auf ihren verkrüppelten Füßchen links aus der Coulisse auf die Bühne. Der junge Schauspieler bediente sich der üblichen Krückstöcke, und verstand den unbehilflichen Gang der feinen Chinesinnen geschickt nachzuahmen. Natürlich hat die Mandarine gehorcht; sie weiß Alles, wendet sich mit einer kläglich beweglichen Rede an das Herz des Kaisers und macht wirklich Eindruck auf sein Gemüth. Der Verbrecher wird begnadigt; der Kaiser aber begiebt sich mit der schönen Bittstellerin in das Seitengemach, vermuthlich nur, um ihre Danksagungen für die Rettung des Gemahls entgegenzunehmen. Der zurückgebliebene Ehemann hält diesen Moment für geeignet, in mehreren Couplets seinen angenehmen Gatten-Empfindungen Ausdruck zu verleihen, und mit ihnen unter einem barbarischen Lospauken auf die Instrumente schließt das Stück. Die Theatersprache der Chinesen besteht in einem fortwährenden widerwärtigen Fistuliren, das sich mit einem eben so unnatürlichen Pathos vereint. Dem Stoffe lag, wie ich anfangs glaubte, ein historischer Vorgang zum Grunde, doch überzeugte ich mich in späteren Vorstellungen; daß ein alterthümliches reiches Kostüm, wie es alle Mitwirkenden trugen, überhaupt zur chinesischen Bühnen-Etiquette 51 gehöre. Der Kaiser suchte sich durch auffallendes Gebehrdenspiel vor allen minder einflußreichen Personen auszuzeichnen. Sobald er sich z. B. auf einen Sessel niederließ, setzte er die Beine breit auseinander und stemmte beide Fäuste drohend auf die Oberschenkel. Das nächstfolgende Theaterstück beschäftigte die Section der Springer und Athleten der reisenden Gesellschaft. Der Inhalt des Quasi-Ballets blieb mir unverständlich, doch werde ich wohl nicht weit neben dem Schwarzen der Scheibe vorbeischießen, wenn ich die Vermuthung ausspreche, es habe sich um die Rettung einer, zwischen dem guten und bösen Princip bedenklich schwankenden Seele gehandelt, denn geflügelte Engel und Teufel kämpften unablässig um ihren Besitz. Die Seele gehörte zu den Hauptspringern und Matadoren der Truppe, auf allen Vieren laufend, machte sie einen Satz über Tisch und Bänke, überschlug sich in der Luft zwischen einem Spalier von Schwertern und Lanzen und warf mit unfehlbarer Sicherheit mit haarscharfen Dolchen um sich. Das ganze Publikum sympathisirte mit der Seele. Während dieser Forcetouren schwebten große Flammen queer über die Bühne, ohne daß man den sie bewegenden Apparat zu erkennen vermochte. – Das lärmende Schauspiel hatte uns betäubt, der Knoblauchsgeruch wurde bei der steigenden Hitze immer unerträglicher; wir brachen auf, erstanden vor dem Theater jeder eine brennende Fackel und gelangten so ohne Unglücksfall über die schmalen Pfade und Brückchen bis an das Ufer des Perlflusses und unser Boot. Ich will hier gleich bemerken, daß unsere Gesellschaft bei dem Mangel an anderweitigem Unterhaltungsstoff schon am nächsten Abende das Theater abermals besuchte. Mir lag 52 vornehmlich daran, das seltsame Bild meinem Gedächtniß fest einzuprägen. Ich wußte noch nicht, daß die Theaterliebhaberei in den Städten Chinas eben so zu den Leidenschaften der Einwohner gehört, wie in unserem Welttheile, und daß ich auch künftig nicht der Gelegenheit entbehren würde, mir ähnliche Zerstreuungen zu verschaffen. So viel ich bei meiner Unkenntniß der Sprache begriff, war das Hauptstück des zweiten Abends eine größere Lokalposse mit Gesang, der freilich wieder, wie in ähnlichen Kunstproducten unserer Heimath, an Wohllaut und technischer Geschmeidigkeit viel zu wünschen übrig ließ. Die Hauptpersonen des Sittengemäldes von Kanton waren: ein Nachtwächter, ein Fischhändler, ein Hallunke, Riemchenstecher, Bauernfänger oder sonst etwas, drei junge Mädchen, ein schartiges Messer, ein Mann, dem das Haus durch eine schmutzige Frau verleidet wird, einige Mandarinen, ein Gerichtsbeamter und ein Chor von Gesindel. Die kräftig ausgesprochene moralische Tendenz konnte Niemandem verborgen bleiben. Nicht nur die Katastrophe entsprach den strengen Forderungen des angeborenen Rechtsgefühls; sondern auch in den meisten Einzelscenen suchte jedes gekränkte Individuum durch körperliche Züchtigung seines Gegners die Aufrechthaltung des Rechtszustandes zu fördern. In dem gesammten Don Quixote kommen nicht so viel Prügeleien vor, wie in dieser Posse. Heute nahmen wir uns die Freiheit, auf die Bühne zu gehen und Alles in der Nähe anzusehen, ohne doch etwas Ungewöhnlicheres zu entdecken.

Die Zahl der in Kanton, d. h. auf Honam ansässigen Europäer übersteigt nicht vierzig, die der deutschen Handelsfirmen nicht neun. Dazu kommen noch mehrere Missionäre 53 und ein englischer Geistlicher, der mit seiner permanenten weißen Cravatte und einem melodischen Baßorgan, sich zu einem Liebling der Kirchengängerinnen emporgeschwungen hat. Bei dem Sonntags-Gottesdienst spielt ein talentvoller deutscher Kaufmann die Orgel. Eine Untugend der hiesigen Europäer, die ich auf ihre isolirte Stellung und den geringen Wechsel in der Unterhaltung und im Umgange zurückzuführen geneigt bin, besteht in ihrer Vorliebe für Hunde. Ohne die im Hofe campirenden Köter ernährt jeder Haushalt ein halbes Dutzend Schooßhunde, die zudem der Hälfte nach sich lebender Nachkommenschaft erfreuen. Die Uebervölkerung von Flöhen wird man sich auszumalen vermögen.

Der 24. April war herangekommen, mit der Ausbeute an Aquarellen durfte ich zufrieden sein, die Hitze stieg, und nach meinem Reisekalender konnte ich die Fahrt nach Makao nicht länger verzögern, so schwer ich mich von Kanton trennte. Die Nähe von Hongkong und Makao, wo ich mich längere Zeit aufzuhalten gedachte, berechtigte mich zu der Hoffnung einer baldigen Wiederkehr. Die Einschiffung an Bord des kleinen nordamerikanischen Raddampfers »Spark,« der die Verbindung zwischen Kanton und Makao unterhielt, bot auf dem glatten Flußspiegel nicht die sonstigen Unbequemlichkeiten und Gefahren. Zu meinem gerechten Kummer war mir nicht vergönnt, die auf dem »Spark« herrschende Musterwirthschaft länger als einen Tag zu genießen. Bis in den engsten und finstersten Winkel wetteiferte der Dampfer an Sauberkeit mit dem Nippestisch einer Dame, Mobiliar und Tischzeug der ersten Kajüte schienen einer fürstlichen Hofhaltung zu entstammen, der junge nordamerikanische Capitän war die Artigkeit selbst und der erste Steuermann 54 wählte offenbar den Befehlshaber zum Vorbilde seines Betragens. Ich war der einzige Passagier erster Kajüte und nahm um zehn Uhr Vormittags mit beiden Herren das Tiffin ein. Acht Gänge: Fische, Braten, Eierspeisen, Wein, Thee, Kaffee und gute Havannah-Cigarren kosteten nur – einen Dollar. Die Tafelmusik bestand in einem betäubenden Gehämmer unten im Maschinenraum, denn im Mechanismus hatte sich wieder der gewöhnliche Schaden gezeigt, doch lichteten wir eine halbe Stunde später von Neuem die Anker. Es ging den mächtigen Strom hinunter; ich suchte so lange als möglich das malerische White Cloud-Gebirge hinter Kanton im Auge zu behalten. Wieder kamen wir nach Whampoa, in die Bambusstadt, wieder durchkreuzten wir ganze Flotten von Dschunken und Fischerbooten, und nochmals erquickte sich mein Auge an dem Prospect auf die großartige neunstöckige Pagode.

Die malerischen Träumereien werden nur durch die vor der Glasthür der Kajüte auf- und abwandelnde portugiesische Schildwache unterbrochen. Als ich mich dem der Halbkaste angehörigen Krieger näherte, betheuerte er mit eifrigen Gebehrden: sein Gewehr sei scharf geladen. Wollte er mich beruhigen? Weshalb überhaupt ein Posten vor der Kajüte? Auf dem Verdeck und im Zwischendeck standen ebenfalls Wachen mit geladenem Gewehr; die Ursache blieb mir nicht lange verborgen. Auf dem zweiten Platze befanden sich anderthalb hundert secundäre Passagiere von chinesischem Geblüt, deren Gegenwart militärische Vorsichtsmaaßregeln bedingte. Noch vor einem Jahre war einer dieser kleineren Postdampfer von den Passagieren zweiter Klasse überfallen worden. Die Raubmörder hatten alle 55 Europäer niedergemacht, den Dampfer hart an der Bocca Tigris auf den Strand gesetzt, Alles, was nicht niet- und nagelfest, davongetragen, und das Wrack in Brand gesteckt; nur ein Engländer hatte sich durch Schwimmen gerettet. Eben so wenig lassen sich die Dampfer die größeren Fischerböte nahe kommen, und jede chinesische Handelsdschunke ist auffallend stark bemannt und mit mehreren Kanonen bewaffnet. Heute verhielten sich die chinesischen Passagiere durchaus ruhig, und nach einer ungefähr zehnstündigen Fluß- und Seefahrt trafen wir um sechs Uhr Abends in Makao ein. Der königl. preuß. General-Consul, Herr von Rehfues, erwies mir die Freundlichkeit, mich vom Schiff abzuholen und für mein Unterkommen zu sorgen. Ich wohne ein paar Schritte von seinem Hause in einem alten portugiesischen Palaste, der schon vor Jahren in den Besitz der Firma Siemssen übergegangen ist. Das portugiesische Regiment, das sich noch auf dem Küstenstreifen von Makao behauptet, befindet sich in gänzlichem Verfall, und alle werthvolleren Grundstücke werden nach und nach von betriebsamen Deutschen und Engländern erworben. Der Palast beherbergt nur mich und zwei chinesische Diener, die für meine Bequemlichkeit zu sorgen haben, doch überzeugte ich mich gar bald, daß die Ruine noch anderweitig bewohnt sei. Die Chinesen hatten mein Gepäck in das Schlafzimmer getragen, dessen Bett mitten im Zimmer steht, die Fenster geöffnet, und mich mit dem Gruße »Tschin, Tschin!« verlassen; ich nahm auf einem Lehnstuhl neben dem Fenster Platz, und versank in stilles Nachdenken. Plötzlich wurde ich durch ein lautes Rascheln stutzig gemacht, ich kannte diese Musik; sie konnte nur von Ratten herrühren. 56 Wirklich hatte der einladende Geruch meiner Koffer, deren einer durch eine todte Maus in Kanton verpestet worden war, eine ganze Heerde dieser Nagethiere aus den Spalten der Wände herbeigelockt; ich ließ sie gewähren und unbehelligt die Koffer beschnuppern, doch beschloß ich, meine beiden Bedienten auf die Ergiebigkeit der Rattenjagd aufmerksam zu machen. Schon an Bord des »Spark« hatte ich aus einem Gespräch mit dem Steuermann erfahren, daß die Ratte wirklich zu dem beliebtesten Wildprett der niederen Jagd in China gehöre. Der Bestand der Küstenreviere ist so stark, und der Bedarf unter den niederen Klassen so massenhaft, daß die Rattenzufuhr in der zu Hongkong erscheinenden, regelmäßige Correspondenzen aus Makao bringenden Zeitung, eine stehende Rubrik des Marktberichts bildet. Die lokale Gourmandise unterscheidet, wie die Zoologie, zwischen Land- und Wasserratten; erstere sollen sich durch ihren Wohlgeschmack auszeichnen und werden daher theurer bezahlt. Das Hauswild wird mit einer sauersüßen Brühe oder Senfsauce zubereitet. Die Bedienten waren vor Freuden außer sich, als ich ihnen meine Mittheilung machte und absolute Jagdfreiheit im ganzen Hausbezirk gewährleistete. In dem alten Palast konnte ein geschickter Rattenfänger durch Fleischausbeute und Pelzwerk viel verdienen. 57

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