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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 25
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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I.

Hongkong. Wäscher und Schneider. Die Victoriastadt. Als Freßgevatter. 1100 Pfd. Sterling Briefporto. Nach Kanton. Bocca Tigris. Whampoa. Blumenschiffe. Die innere Stadt. Die Pagode der fünf Genien. Kinderleichen.

Die Sehnsucht an's Land zu kommen, trieb mich schon um 5 Uhr Morgens von meinem Lager. Die Maschine des Dampfers war seit einer Stunde geheizt, die Anker wurden gelichtet, und erst einige tausend Schritte näher an der Stadt wieder ausgeworfen. Viele Hunderte von chinesischen Böten, alle mit Weibern »bemannt,« hatten auf diesen Moment gewartet und boten uns in unbeschreiblichen Lauten ihre Dienste an. Die erste an Bord war eine junge kokette Chinesin in eleganter Toilette, die mit der Gewandtheit Blondin's die Schiffswand hinankletterte und uns geschäftliche Offerten machte. Mich begrüßte sie mit den Worten: »Good morning, Sir, me washi you master!« in jenem gräßlichen Kauderwälsch (pidjen English), in dem sich die Landeskinder mit den Fremden zu verständigen suchen. Das chinesische Fräulein war eine Wäscherin, und legitimirte sich durch ein Album englischer Zeugnisse, nach denen ihre Sauberkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Ihr 2 folgte mit gleicher Gewandtheit ein junger Mann, der sich mit den Worten: »me No. 1 Pieci (piecer Flicker) London Taylorman!« einführte. Er war ein Bekleidungsakademiker und stellte sich uns zur Ausbesserung alter und Anfertigung neuer Gewänder zur Verfügung. Wir vermochten uns kaum aller Anerbietungen zu erwehren.

Um 9 Uhr fuhr ich mit dem Capitän an Land und stattete meinem Banquier, Herrn Wiese, dem Compagnon des Hauses Siemssen, eine Visite ab. Der liebenswürdige Millionär lud mich so zuvorkommend ein, in seinem Hause, oder vielmehr Palaste, zu wohnen, daß eine abschlägige Antwort unmöglich war. Der 10. April wurde überwiegend Reinlichkeitsbestrebungen gewidmet und erst am nächsten Morgen unternahm ich die erste malerische Inspectionstour in der Umgegend der Victoriastadt, wie sie von den Engländern officiell genannt wird. Auf den Rath meiner Hausgenossen werde ich aber jedes ähnliche Wagestück für die Zukunft unterlassen. Mit der öffentlichen Sicherheit der Umgegend soll es überaus schlecht bestellt sein. Jeder chinesische Proletarier vermuthet bei allen wohlgekleideten Europäern eine goldene Uhr, und trägt kein Bedenken, wenn es unbemerkt geschehen kann, sich eines solchen Kleinods zu bemächtigen, selbst wenn er darum einen Mord begehen müßte.

Hongkong ist eine Insel angeblich von ungefähr achtzehn bis zwanzig Quadratmeilen Flächeninhalt, und war noch vor fünf und zwanzig Jahren von Fischern und Seeräubern bewohnt. Seit 1841 Besitzthum der Engländer, ist Hongkong die Centralstelle des englischen und europäischen Handels mit China geworden. Die Victoriastadt liegt an 3 dem Abhange des etwa 2000 Fuß hohen Victoriapiks, und die Häuser sind meistentheils in einem gefälligen italienischen Stil gebaut. Zu den ansehnlichsten Bauwerken der Stadt gehören: der Gouvernementspalast, die Post, das Hospital für kranke Seeleute, das Gericht und das Missionshaus, sowie die großen Speicher. Das Klima der Stadt wird leider durch den Gebirgszug in ihrem Rücken verschlechtert, der die Seebrise absperrt und dadurch die Hitze auf eine unleidliche Weise steigert. Von Süden nach Norden streicht durch die Insel Hongkong ein schönes grünes Thal (the happy valley), in dem die englischen Sportsmen Armadille, Schlangen und Landschildkröten erbeuten.

Als günstiges Omen durfte ich es wohl ansehen, daß am 11. April Nachmittags im Hause meines gütigen Wirthes ein junger Europäer die Weihen der Taufe empfing. Der neue Erdenbürger war in dem benachbarten Macao einem Hamburger Schiffscapitän geboren worden, und Herr Wiese hatte das Lokal zum Tauffeste hergegeben. Obgleich der Täufling erst acht oder neun Tage zählte, war die Wöchnerin, eine kerngesunde Hamburgerin, doch schon bei dem um 6 Uhr stattfindenden Festmahle zugegen und betheiligte sich mit deutscher Ausdauer an den bis Mitternacht währenden Champagnerlibationen. Wenn schon eigends als »Freßgevatter« geladen, hatte ich mich aus Furcht vor einer Indigestion schon um 9 Uhr in meine Gemächer zurückgezogen. Die officiellen Gevattern und Gäste bestanden nur aus Landsleuten. Der Tag wurde außerdem durch die Ankunft eines englischen Schiffes verherrlicht, das, mit Kohlen beladen, die von selbst in Brand gerathen waren, 4 im Hafen von Hongkong durch ein Paar scharfe Kanonenschüsse in den Grund gebohrt werden mußte.

Vorläufig wird mein Aufenthalt in Hongkong nur von kurzer Dauer sein. Wer vermöchte bei der Nähe von Kanton der Versuchung eines Abstechers nach der südlichen Hauptstadt China's zu widerstehen? Ich besorgte am 12. April meine Correspondenz mit den Lieben in der fernen Heimath, machte mit einigen Herren eine Promenade nach dem Rennplatze, welcher in dem glücklichen Thale liegt, und fiel, als wir um 7 Uhr Abends nach Hause kamen, gleich wieder in die Schlingen eines gastfreien Landsmannes, der mich zu einem abermaligen Diner preßte. Sein neues Quartier sollte heute eingeweiht werden. Unser munterer Gastgeber zahlt für ein zweistöckiges Haus von fünf Fenstern Front mit einem kleinen, aber reizenden Garten nicht weniger als 12,000 Dollars Jahresmiethe. Der Schluß von solchen Ausgaben auf die Einnahmen ist leicht. Mein Wirth und seine Firma (Siemssen u. Comp.) zahlen u. a. jährlich elfhundert Pfd. Sterling Briefporto. Die Zahl der Domestiken in unserem Hause beläuft sich auf vierzig Köpfe, unter denen sich eine chinesische Wittwe als »Jungfer« der Frau vom Hause befindet. Das ganze Corps steht unter dem Commando eines »Comprador's« (Kellnerpräsidenten), der für das Betragen seiner Untergebenen alle Verantwortlichkeit übernehmen muß.

Am 13. April Morgens acht Uhr stachen wir auf dem nordamerikanischen Dampfer Hankow mit militärischer Pünktlichkeit in See. Die Verbindung zwischen Hongkong und Kanton wird von einer Yankee-Gesellschaft unterhalten. Die Fahrt kostet in erster Klasse incl. des Frühstücks nur sieben 5 Dollars, und das schnelle Schiff bringt es bis zu sechszehn Knoten in der Stunde. Die Einrichtung ist wahrhaft fürstlich; das Boudoir einer Prinzessin ist nicht sauberer und einladender, als die Kajüte. Mit dem Frühstück hätte sich ein auf englischen Postdampfern heruntergehungerter Passagier wieder für acht Tage verproviantiren können, so reichlich waren die solidesten Nahrungsmittel vorhanden. Als Würze wurde u. a. wieder Syrup herumgereicht, dessen sich zwei nordamerikanische Passagiere als Zuthat zu den Fischen und Beefsteaks bedienten. Nach Monate langer Entbehrung rührten mich die nach dem Dessert präsentirten Wassernäpfe und Zahnstocher fast zu Thränen. Meine Tischnachbaren, drei englische Opiumhändler, unterhielten sich damit, die neue, am Hofe der Königin Victoria übliche Methode: Fische zu essen, einzuüben. Nach ihrer Behauptung bediene man sich nicht mehr ausschließlich der Gabel, sondern auch – des Löffels. Nicht recht im Einklange mit dem sonstigen Comfort der Hankow steht die große Anzahl scharfgeladener Büchsen, Revolver und Korbsäbel, mit welchen die ganze Langseite der Kajüte decorirt ist. In der Bai von Hongkong und auf dem Perlflusse, an dem Kanton liegt, muß man jedoch stets auf einen Angriff der chinesischen Piraten vorbereitet sein. Unser Steuermann steht, um einen besseren Ueberblick zu haben, in einem Glashause vorn auf dem Schiffe, und setzt von hier aus durch einen Mechanismus das Steuer in Bewegung.

Nachdem wir vier Stunden lang zwischen zahllosen kleineren und größeren, aber immer kahlen Inseln durchgefahren waren, erreichten wir um 12 Uhr die Bocca Tigris, d. h. die Mündung des Perlflusses. Hohe schwarze, 6 spärlich mit Moos bedeckte Felsen bilden die Ufer, doch werden diese weiterhin flacher und nehmen einen prosaischeren Charakter an. Um ein Uhr zeigt sich die erste, auf einem Hügel gelegene, siebenstöckige, chinesische Pagode. Das niedere Land verschwindet wieder und das Terrain wird welliger. In der blauen Ferne zeigen sich Berge von 1000 Fuß Höhe; um 2 Uhr erreichen wir die erste Station Whampoa, eine Art Vorstadt von Kanton, durchweg aus Bambusrohr erbaut. Wir halten hier einige Minuten lang, schiffen Passagiere aus und nehmen andere ein, dann setzt sich der Dampfer langsamer von Neuem in Bewegung; die Menge der Dschunken versperrt fast das Fahrwasser, trotz der majestätischen Breite des Flusses. Nahe am Ufer wird eine zweite Pagode sichtbar und um drei Uhr gehen wir nach einer Fahrt von zwanzig deutschen Meilen in sieben Stunden, zwischen Kanton und der Insel Honam vor Anker. Das Gedränge der stets von Weibern geführten Böte war beängstigend. Viele von ihnen hatten ihre kleinen Kinder bei sich, von denen die Jüngeren mit einer Schnur an das Boot gebunden waren, um im Falle eines Sturzes in das Wasser gleich herausgezogen zu werden. Bei meiner Abneigung, Koffer und Aquarellensammlung in diesem wilden Getümmel auf's Spiel zu setzen, blieb mir Zeit genug, das armselige Volk zu beobachten. Ihre Säuglinge tragen die Bootsweiber in einer Bandage, wie die Frauen der Flissaken, auf dem Rücken, Kindern von drei bis vier Jahren wird ein Tönnchen auf den Nacken gebunden, das sie über dem Wasser erhält. Häufig ist dasselbe aber schlecht befestigt oder durch die Balgereien der Kinder verschoben, und das fallende Kleine geräth dann mit dem Kopfe unter das 7 Wasser. Mehreren Kindern waren auch Schweineblasen auf dem Rücken befestigt. Nachdem die Mehrzahl der Passagiere den Dampfer verlassen hatte, miethete ich ein mit vier Weibern bemanntes etwas größeres Boot und ließ mich in mein Quartier rudern. Die älteste der Grazien sprach einige Worte englisch, und verstand, was ich wollte, die drei Uebrigen verhielten sich schweigend und erschienen durch schwere Arbeit und Noth niedergedrückt. Zwei von ihnen trugen Säuglinge auf dem Rücken. Die armen chinesischen Weiber müssen häufig ihre Männer ernähren, die früh und spät auf der Bärenhaut liegen und Opium rauchen.

Noch an demselben Abende machte ich dem preußischen Consul, Baron von Carlowitz, eine Visite, und besuchte in seiner Gesellschaft eine Anzahl sogenannter Blumenschiffe (Flowerboots). In Paris führt man den Fremden in die Gärten von Mabille oder Chateau des Fleurs: in Kanton sucht man ihm auf den Blumenschiffen eine Vorstellung von den Sitten der Hauptstadt beizubringen. Man erräth, daß die Loretten und Grisetten Kantons auf diesen Blumenschiffen ihr Wesen treiben, doch kann ich nicht umhin, das Betragen dieser Damen zu rühmen. Es unterschied sich sehr zu ihrem Vortheil von der Zudringlichkeit der emancipirten Schönen, welche die modernen Tanzlocale Berlins bevölkern und sich an die Fersen der einzelnen Fremden heften.

Die gebotenen Unterhaltungen waren sehr einfacher Art, die roth geschminkten Damen sangen durch die Nase und begleiteten ihre Melodien auf einem nur einsaitigen Instrumente; wir bewirtheten sie mit Thee oder süßen Leckereien und wechselten einige Worte Pidjen-Englisch. Die 8 chinesischen Stammgäste, meistens ältere Herren, bewegten sich mit gleicher Zurückhaltung; auf keinem der von uns besichtigten Blumenschiffe habe ich etwas Ungehöriges bemerkt. Eben so anständig betrugen sich die in einigen öffentlichen Lokalen versammelten Männer. Sobald wir eintraten, näherten sie sich und suchten uns eine Gefälligkeit zu erweisen, hätte diese auch nur in dem Anerbieten eines trockenen Melonenkernes oder einer Prise Opium bestanden.

Der Balkon meines Zimmers im Siemssen'schen Hause, einer Commandite des Hauptgeschäfts, ragt über den Perlfluß hinaus, und das ganze Panorama des Lebens auf dem Wasser, wie der eigentlichen Stadt Kanton mit den White Cloud Bergen, welche den Hintergrund bilden, breitet sich vor meinen Blicken aus. In den Morgenstunden des 14. April beschränkte ich mich, sobald der Nebel sich zertheilt, auf einige Bootdétailstudien, später wurde über den Fluß gesetzt und ein Rundgang durch die Stadt unternommen. Zuerst besichtigte ich die vor mehreren Jahren im Kriege von den Chinesen niedergebrannten Factoreien der Holländer, dann durchkreuzte ich die Südvorstadt und gelangte durch das bei den Seeleuten so beliebte Schweinegäßchen und Südthor in das Weichbild Kantons selber. Mein Begleiter, der Agent des Hauses Siemssen, übersetzte mir die Namen der Straßen; da gab es eine Südstraße, Drachenstraße, Himmelsgasse, geflügelte Drachenstraße, martialische Drachenstraße, goldene Blumenstraße, Apothekerstraße, Schatzstraße, Seidengasse und Goldstraße. Man ließ uns im Ganzen unbehelligt, nur hier und da beehrte man uns, wenn wir den Rücken kehrten, mit dem Schandtitel: »Fanquei« (rothe Teufel). Die Unterschiede zwischen 9 der Physiognomie Kantons und großer europäischer Handelsstädte sind so beträchtlich, und die Eindrücke so eigenthümlich, daß ich fast verzweifle, sie mit der Feder zu fixiren. Die Straßen sind nur schmal und mit Ziegeln oder Fliesen gepflastert; von Kanalisirung habe ich nichts bemerkt. Der besondere Reiz einer Stadt, wie Kanton, in der so viele Reichthümer angehäuft sind, liegt in den Häuserfronten und den Schildern der Läden. Der Chinese liebt bunte Farben in grellster Zusammenstellung und geht bei der Ausschmückung seines Hauses und Geschäftslokales mit Gold und Silber keineswegs sparsam um. Strenge genommen besteht die Außenseite der Häuser nur aus einer Combination von schmalen Schildern, die, etwas abstehend von der grauen Backsteinmauer, in chinesischen Schriftzeichen den Beruf der Bewohner und ihr Waarenverzeichniß ankündigen. Der Anblick ist von unbeschreiblicher Pracht. Alle Läden stehen weit offen, und Niemandem wird es verwehrt, einzutreten, die Waaren zu besichtigen und, ohne etwas zu kaufen, sich wieder zu entfernen. Der höfliche Chinese empfängt und entläßt seinen Gast mit den beiden Worten: »Tschin, Tschin!« Diese sind ein Ausdruck absoluter Höflichkeit und bedeuten alles Gute, das ein Individuum dem andern wünschen kann. »Tschin, Tschin« hat mich durch ganz China begleitet, mich am ersten Tage begrüßt und am letzten verabschiedet. Nicht selten tränkt der gastfreie Kaufmann den Ankömmling mit Thee oder erquickt ihn mit Mandarinen-Orangen, auch erlaubt er, seine Waaren zu berühren. In den größeren und besseren Geschäften sind die Preise fest, den Kleinhändlern mag man getrost den dritten Theil der geforderten Summe bieten und wird ihnen doch nicht 10 Unrecht thun. Viele Schilder tragen die drastische Inschrift: »In meinem Geschäft wird nicht betrogen.« Die betreffenden chinesischen Signaturen prägen sich dem Gedächtniß ein, und ich habe dieselben am häufigsten vor den Läden der Tuchfabrikanten und Seidenwaarenfabrikanten wiedergefunden. Das Gewimmel in den schmalen, aber durchschnittlich überaus reinlich gehaltenen Straßen gleicht dem Treiben der Ameisen. Der betäubende Wirrwarr trieb mich von Zeit zu Zeit immer in einen Laden, wo ich einige Minuten ausruhte. Wo etwas mehr Spielraum ist, z. B. an den Landungsplätzen der Böte, sind meistens Kuchenbuden mit Glücksrädern aufgestellt, in denen die kleinen Leckermäuler ihr Geld verspielen. Fortuna lächelt den jungen Kantonesen nicht freundlicher, als den Pointeurs auf dem Berliner Schützenplatze.

Die innere alte Stadt, in die wir durch das erst seit drei Jahren dem Fremden eröffnete Kantonthor gelangten, ist von Festungswerken umgeben. Wir erstiegen ungehindert die Wälle und genossen die herrliche Aussicht auf das Innere Kantons, die große neunstöckige Pagode, die schon 1700 Jahre stehen soll, ihr fünfstöckiges Seitenstück, von wo aus sich eine Totalansicht auf den Fluß, die Stadt und ihr Hinterland eröffnet, und ruhten im obersten Stockwerk der letztgenannten Pagode von unseren mehrstündigen Anstrengungen aus. Hier befand sich fünf Jahre vor meiner Ankunft eine Kaserne der französischen und englischen Truppen. Man erblickt von der Höhe im Hinterlande sieben Hügel, die Todtenäcker der Bewohner von Kanton. Nachdem wir noch einen benachbarten Hügel erklettert, der das bisherige Panorama beträchtlich erweiterte, traten wir den Rückweg 11 an, kamen bei vielen Opferhäusern vorbei, wo Papier und wohlriechende Stäbchen verbrannt wurden, und betraten einige derselben. Ueberall wurden wir höflich aufgenommen. In den gewöhnlich mit einem Gebethause verbundenen Schulen herrschte eine große Ordnung. Die Kinder saßen sittig, ein Jedes vor einem kleinen Pulte, und arbeiteten. Die geräumigen Schulzimmer waren mit vielen Blumen und kleinen Palmen geschmückt. Wenn ich diese sauberen Räume und die elegante Einrichtung mit den Klassen der Bürgerschulen und Gymnasien unseres Vaterlandes verglich, mußte ich der chinesischen Pädagogik den Vorrang einräumen. Wir begaben uns nächstdem zu der schon erwähnten großen Pagode, erhielten indessen nicht die Erlaubniß, sie zu ersteigen. Das alte Bauwerk geht dem gänzlichen Ruin entgegen, der Thurm hat sich auf eine bedenkliche Weise geneigt, aber man scheint gelassen den Einsturz abzuwarten; von Reparaturen war keine Spur zu bemerken.

So müde wir uns fühlten, meine fieberhafte Aufregung ließ mich nicht rasten, wir wanderten weiter zu der Pagode der fünf Genien und besichtigten ihre große Glocke, aus der bei der letzten Belagerung der Stadt eine feindliche Kugel ein tüchtiges Stück gerissen hat. Der Tempel liegt auf einem Hügel und umfaßt mehrere ansehnliche Baulichkeiten. Die Wände sind mit vielen allegorischen Reliefs verziert, mit vergoldeten Götzenstatuen decorirt, und roth, die Lieblingsfarbe der Chinesen, angestrichen. Die Dächer bestehen aus grünen glasirten Ziegeln. Die angrenzenden Straßen schienen immer prächtiger und stattlicher zu werden, wir passirten eine Menge von Triumphbögen und kamen an mehreren großen Mandarinenpalästen vorüber, die mit 12 zehn Fuß hohen geharnischten Kriegern und sechszig Fuß langen Drachen bemalt waren. Auch hier verhinderte uns Niemand am Eintritt und an der Besichtigung innerer Räume, Höfe und Gärten. Die Mandarinen selber kamen nicht zum Vorschein, doch waren uns mehrere unterweges theils in Palakinen, theils zu Pferde begegnet. Zwei von ihnen waren mit der Pfauenfeder geschmückt, eine dienstliche Auszeichnung, der bei uns eine der mittleren Klassen des rothen Adlerordens entsprechen möchte, die anderen trugen einen rothen oder blauen Knopf; ich hoffe im Verlauf der Zeit tiefer in das Verständniß dieser büreaukratischen Nüancen zu dringen. Die komisch geformte Kopfbedeckung der würdigen Beamten scheint gleichfalls eine amtliche Bedeutung zu haben. Die eleganten Damen, denen wir in dieser Stadtgegend häufiger begegneten, bedienen sich bei ihren künstlich verkrüppelten kleinen Füßen der Stöcke; sie würden, da sie auf den Zehen gehen, sonst fortwährend in Gefahr schweben, niederzufallen. Ich habe mehrere sehr hübsche, wenn auch bei den lang geschlitzten Augen etwas seltsame Gesichter bemerkt.

Den Charakter dieser Damen lehrte mich mein unermüdlich aufmerksamer Begleiter unterscheiden. Man hat nur die Haartracht zu beachten. Unverheirathete Frauen tragen eine Menge kleiner, über die Breite der ganzen Stirn nebeneinander geklebter, zolllanger Zöpfchen; zwei hinten herabhangende lange Zöpfe sollen überdies noch große Heirathslust bedeuten. China ist einmal das Land der Wunderlichkeiten. Was würden z. B. unsere Nachtschwärmer zu den polizeilichen Verfügungen von Kanton sagen? Nach dem Wortlaut des Gesetzes hat ein loyaler 13 Unterthan des himmlischen Reiches Nachts gar nicht das Haus zu verlassen, doch giebt es eine mildere Observanz. Erstens muß er mit gehöriger schriftlicher Legitimation versehen sein, zweitens eine Laterne tragen, auf der sein Name angebracht ist. Es versteht sich von selbst, daß ihn nur die allerdringendste Nothwendigkeit zu einem nächtlichen Ausgange zwingen kann.

Den phantastischen lichten Bildern, die an diesem Tage an mir vorübergezogen waren, fehlte es nicht an Schattenseiten. Schon auf der ersten Ueberfahrt waren mir mehrere im Strome schwimmende Kinderleichen nicht entgangen. Später bemerkte ich in einem düstern Winkel der städtischen Fortification einen kleinen Schädel und ein Häuflein Knochen, zuletzt kamen wir an einem in zerrissene Matten gewickelten Päckchen vorüber, aus dem die herrenlosen Hunde ein Füßchen hervorgezerrt hatten. Schon in Hongkong hatte man mich auf diese schauerlichen Symptome der chinesischen Unsittlichkeit vorbereitet, Angesichts der Wirklichkeit verlor ich jedoch beinahe die männliche Fassung. Bei der Uebervölkerung des Landes und der Schwierigkeit, die nöthigen Subsistenzmittel für die Familie herbeizuschaffen, ist der Kindesmord an der Tagesordnung. Gemeinhin fallen ihm die neugeborenen Mädchen zum Opfer; namentlich wenn sie von schwächlichem Körperbau und von unansehnlicher Gesichtsbildung sind. Die unnatürlichen Eltern werfen die Kinder in den Strom, oder setzen sie lebendig aus, eine Beute der Hunde und Schweine. In größeren Städten, die nicht am Wasser gelegen sind, wirft man die Leichen in einen ausgemauerten Behälter, in den von Zeit zu Zeit ungelöschter Kalk geschüttet wird. Unsere Missionäre geben 14 sich zwar alle erdenkliche Mühe, diesen Gräueln zu steuern, allein ihre Anstrengungen verschwinden in der Menge der täglichen Unthaten. Es bleibt ihnen nichts übrig, als neugeborene Mädchen, wenn der Mord derselben zu befürchten steht, den Eltern für eine Kleinigkeit (einen Shilling) abzukaufen und auf eigene Kosten zu erziehen. Bei den überaus geringen Bedürfnissen des Volksstammes sind sie schon im zwölften Lebensjahre im Stande, für sich selber zu sorgen. Der Lohn der Missionäre ist die schwache Hoffnung, durch die christliche Erziehung der geretteten Kinder allmälig auf Weltanschauung und Sitten der Chinesen veredelnd einzuwirken. 15

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