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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 24
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XXIII.

Stillleben in den chinesischen Gewässern. Meine Freundin die Katze. Die Kartoffel- und Bananeninsel. Condore. Alte See. Der Tod der Mrs. Abbé. Wallfische in Sicht. Zwei Schwalben. Ueberfluß an Diamanten. Nie ohne Ringe. Hainan, die Ratten- und Pirateninsel. Hongkong und Stadt Victoria. China.

Dank dem gemüthlich humoristischen Ton, den das irische Ehepaar, unter dessen Oberbefehl unser Dampfer steht, aufrecht erhält, wird der Aufenthalt an Bord zu einer Marine-Idylle. Dazu kommt eine unvergleichlich blaue See, neben der selbst die blaue Grotte auf Capri nur als schwächliche Reminiscenz gelten kann, eine Gallerie von Sonnen-Auf- und Untergängen, nebst Mondnächten, die einen kunsteifrigen Landschafter veranlassen könnten, seine Fachutensilien in's Meer zu werfen und hinterdrein zu springen. Wird bei Tage die Hitze zu groß, denn in den Mittagstunden steht die Sonne grade über unserem Scheitel, so sucht uns Mistreß durch irgend eine irische oder Neger-Anekdote zu erquicken. Ihr Vorrath an dergleichen ist unerschöpflich. So sollte einer unserer Matrosen dem anderen die Frage vorgelegt haben, was ihm lieber sei: die Sonne oder der Mond? die Antwort lautete: der Mond, 308 denn er scheine des Nachts, und gebe uns Licht, wann es finster sei, die Sonne dagegen bei Tage, wo es ohnehin schon hell genug sei, und belästige den Menschen nur durch ihre unnöthige Hitze.

Das Glück lächelt mir auch zur Abwechselung in anderen Beziehungen. Eine chinesische Katze hat an meiner Person Wohlgefallen gefunden und sich in meiner kleinen Kajüte häuslich eingerichtet. Ich hätte nicht in den humanen Anschauungen des christlichen Staates aufgewachsen sein müssen, wäre mir nicht unverzüglich gewaltsame Exmission mit verschärften Maßregeln hartnäckigster Verfolgung bis in die Tiefen des Schiffsraums oder zu den schwindelnden Höhen des Hauptmastes eingefallen, allein ich bändigte sofort diese höllischen Anwandlungen des Satans, als ich zu bemerken glaubte, daß die Anwesenheit von Miesmies äußerst vortheilhaft auf das Betragen der Cockroaches einwirkte. Zum ersten Male während meines Aufenthaltes im Orient ließen mich diese Scheusale Tag und Nacht ungeschoren, nur wurden anderweitige Vorsichtsmaßregeln bei der Toilette nothwendig. Von Miesmies unablässig verfolgt, zogen sich die versprengten Cockroaches, wenn ich mich spät Abends zur Ruhe legte, in die Aermel und Taschen des Rocks und die Beinkleider zurück, und beide Kleidungsstücke mußten Morgens in Gegenwart meiner aufmerksam lauernden Kajüten-Gefährtin erst gewandt und tüchtig geschüttelt werden, wenn ich mich der widerwärtigen Einquartierung entledigen wollte. Die in Bangkok gekaufte Seife kann ich Unglücksgefährten gleichfalls als Vertilgungsmittel empfehlen. Ihr Genuß wirkt auf die Cockroaches wie Aqua Toffana; ich finde an jedem Morgen auf dem Seifenstück ein Dutzend 309 entseelt liegen. Nach überstandener Deckwäsche und eingenommenem Thee mache ich gewöhnlich unserer Wasserburgfrau, der Schiffskapitänin, meine Aufwartung. Sie pflegt gemeinhin schon dem Angeln obzuliegen, da sie jedoch fast niemals eine Schuppe erwischt, sucht sie ihr Herz durch Mittheilung irgend eines schätzenswerthen Beitrages aus dem Archiv des höheren Blödsinns zu erleichtern. Die junge Dame ist in den Polargegenden eben so gut zu Hause, wie in den Aequatorialregionen. Nach ihrer Angabe hätten in einem der letzten Winter die Grönländer an die Lappländer geschrieben und sich nach der dortigen Kälte erkundigt. Die Lappländer, als eine höfliche Nation, antworteten umgehend, daß sie bei ihren geringen Mitteln nur über kurze Thermometer verfügten, die höchstens bis 30 Grad unter Null zeigten; hätten sie sich längere Thermometer verschaffen können, so wäre es unfehlbar noch viel kälter gewesen. Darauf erwiderte Grönland, daß es dort gar keine Thermometer gäbe, und fröre, wie es dem Himmel beliebe. Sapienti sat; ich gebe diese nationalen Leckerbissen nur als Probe unserer genügsamen Unterhaltung an Bord. Mit der Erziehung zweier an Bord befindlichen Vögel haben wir viel zu thun. Sie sind von Papageiengröße, dunkelviolett mit rothem Schnabel, gelber Kopfbedeckung und goldgelben Füßen; die Herren Ornithologen werden ihren wissenschaftlichen Namen kennen. Man hat ihre Füße mit silbernen Ringen geschmückt und sucht ihre Sprachkenntnisse zu vermehren, da sie sich bisher nur in siamesischer Mundart auszudrücken vermochten. Husten und Lachen können sie vortrefflich. Mittags tritt gänzliche Windstille ein, dann ziehen wir uns in die schattigsten Winkel zurück. 310 Die Segel hängen schlaff herab, den Bulldoggs und Newfoundländern die Zungen acht bis zehn Zoll lang aus dem Halse; der Capitän läßt Seewasser heraufhissen und die unglücklichen Vierfüßler mehrmals übergießen, um sie einigermaßen zu ermuthigen. Gegen Abend passiren wir die Kartoffelinsel, nachdem wir schon gestern an der Bananeninsel vorbeigekommen waren. Wie beide ihren Namen rechtfertigen, ist nicht recht ersichtlich, da auf beiden weder Bananen noch Kartoffeln wachsen, und nur chinesische Piraten sich ihrer als Absteigequartiere bedienen.

Am 4. April sechs Uhr Morgens dampfen wir in der Nähe der Cochinchinaküste an der üppig bewaldeten Insel Condore vorbei. Sie war vor 60 oder 70 Jahren von Engländern bewohnt, bis ihre Ansiedelungen vor etwa 20 Jahren von Seeräubern verheert und die Colonisten getödtet wurden. Nach langer Verödung haben die Franzosen auf ihrer Expedition nach Cochinchina sich in Besitz des verlassenen Terrains gesetzt, doch sollen die Engländer ihnen denselben streitig machen wollen. Durch ihre Lage im Süden der chinesischen See, den Mündungen des Kambodja-Flusses (Maikaung) gegenüber, eignet sich die Insel Condore außerordentlich zu einer Marinestation. Bald darauf überholte unser Viscount Canning ein schwerbeladenes, von London kommendes Vollschiff. Wir wechselten Signale und der englische Capitän ersuchte uns, seine Annäherung vorläufig in Hongkong anzumelden. Zwei Stunden später war der tiefgehende Dreimaster unseren Blicken entschwunden. Nach der in vergangener Nacht erfolgten Umschiffung des Caps Kambodja befinden wir uns endlich in der chinesischen See, und die meilenweit gestreckten, 311 schwerfällig wie Bergketten heranrollenden Wogen verkünden, daß nicht mehr die Küsten einer Bay den Bewegungen des Oceans Fesseln anlegen. Unser Dampfer fliegt mit schaudererregender Geschwindigkeit, wie ein Gummiball über die dunkelblauen Bergrücken. Der Capitän bezeichnet diese riesige Wallung als die Ueberbleibsel eines Teifun und nennt sie »alte See.«

Das sehenswürdigste Schauspiel wurde uns in den Mittagsstunden durch eine aus der Kajüte auf dem Quarterdeck anlangende Trauerbotschaft verkümmert. Eine der schiffbrüchigen Damen, Mistreß Abbé, die schon schwer krank an Bord gebracht wurde, ist an der Dysenterie gestorben. Das Gemüth unseres braven Capitäns äußert sich sogleich auf eine rührende Weise. Keine Macht der Erde könnte ihn verhindern, einige Stunden später die Leiche nach Seemanns Brauch in die Tiefen des Oceans zu versenken, doch beschließt er, der Gefühle des Ehegatten der Verstorbenen, eines Arztes in Hongkong, eingedenk, der mit ihr sehr glücklich gelebt, die Ueberreste der geliebten Frau im Widerspruch mit dem Aberglauben der Mannschaft aufzubewahren und nach Hongkong zu bringen. Der Wittwer soll wenigstens den Trost haben, am Grabe seiner Lebensgefährtin zu trauern. Um vier Uhr war von den chinesischen Zimmerleuten ein wasserdichter Kasten aus Teckholz angefertigt, der, mit Spiritus (Gin) gefüllt, die Leiche aufnahm. Um diese vor Entweihung zu schützen, blieb der Kasten auf dem Quarterdeck, aber ich darf zur Ehre der Reisegesellschaft nicht verschweigen, daß Niemand an dieser melancholischen Nachbarschaft Anstoß nimmt. Mistreß Abbé hinterläßt zwei Kinder von sieben und drei Jahren. Die Kleinen haben 312 keine Ahnung von der Schwere ihres Verlustes, das größere Mädchen stolzirt, mit der goldenen Uhr und Kette der Mutter geschmückt, die ihr eine alberne Reisegefährtin angelegt, auf Deck umher, und weiß sich vor Freude über ihre Erbschaft kaum zu mäßigen. Uns Männern gehen die Augen über. Hier, wo das räthselhafte Walten des irdischen Organismus, das meistens den Regungen unseres Geistes und Herzens furchtbare Striche durch die Rechnung macht, schärfer seine Schneide herauskehrt, wirkt der Tod eines Gefährten auch erschütternder auf das Gemüth.

Nach Einbruch der Dunkelheit wurde dem üblichen Grog stärker als gewöhnlich zugesprochen; das Capitänspaar leistete Außerordentliches. Die junge Frau behauptete zudem das Wort. Durch Erzählung von Schiffbrüchen, mehrmaligen Verlusten ihres sauer ersparten Vermögens, einer Strandung in der Mündung des Hugly, bei der sie mit dem Kopfe nach Unten, mit den Beinen nach Oben, in das Boot gekommen, suchte sie uns zu erheitern, drei Schritte von unserem Tisch stand die eingesargte Leiche, der Gin, welcher zu ihrer Conservirung dienen sollte, stammte möglicher Weise aus demselben Oxhoft, das den Stoff zu unserem Grog hergab, wir tranken und – lachten. Mistreß Shannon schloß mit einer Geschichte, wie sie und ihr Mann einen schiffbrüchigen Capitän Monate lang durchgefüttert und ihm ein kleines Schiff mit Ladung anvertraut hätten, das ihr abermals erspartes Vermögen enthielt. Nach Bombay bestimmt, verkaufte der Schuft Schiff und Ladung schon in Singapore, und machte sich auf Nimmerwiedersehen davon. Das tapfere Weib hatte auch diesen Streich des Schicksals überstanden, sie ballte hinter dem Ausreißer die Faust und 313 mischte sich mit fester Hand ein neues Glas; ich war nicht mehr im Stande, das nächste abzuwarten.

Gleich nach Sonnenaufgang am 5. April fahren wir an dem nach Singapore bestimmten Hongkongdampfer dicht vorbei und machen die pflichtschuldigen Honneurs. Da es zu Wasser nicht besser hergeht, als zu Lande, wundern wir uns nicht weiter, wenn der vornehme englische Dampfer kaum von uns Notiz nimmt und unsern artigen Gruß erst nach 5 Minuten erwidert.

Die erlittene Demüthigung wird rasch von uns vergessen, als drei Wallfische von mittlerer Größe uns einholen und sichtlich neugierig gleichen Cours halten. Nach einer Viertelstunde gegenseitiger Beobachtung geben sie mehr Dampf, als unserer Kohlenarmuth zur Verfügung steht, und machen sich spornstreichs davon. Ungeachtet der tiefen Windstille geht die See in einem seltsam ruhigen und gleichmäßigen Zeitmaß immer höher; zuweilen scheint der Dampfer sich auf das Bugspriet stellen und darauf balanciren zu wollen. Alle zwei Minuten arbeitete die Schraube in freier Luft; darüber geht viele Kraft, mit ihr auch Zeit verloren. Unser weißer Elephant im rothen Felde weht demüthig vom halben Maste, weil wir eine Leiche an Bord haben. Hoffentlich hat es dabei sein Bewenden und die Flagge wird nicht ganz herabgelassen, wenn noch ein Todter dazu kommt. Ein anderer Schiffbrüchiger, ein Nordamerikaner von 21 Jahren, leidet im höchsten Grade an der Schwindsucht. Er hatte sich in der Unionsarmee gegen die Südstaaten anwerben lassen, mußte jedoch seiner Krankheit wegen schon nach den ersten Märschen wieder ausscheiden. Später hat man ihn nach angeblich klimatischen Kurorten 314 im nördlichen China und Australien geschickt. Nach dem Urtheilsspruch der europäischen Aerzte in China war schon vor mehreren Monaten sein Leben bis auf eine Neige von vierzehn Tagen ausgezehrt und doch hat er den Schiffbruch überstanden und wankt noch jetzt umher. Sein letzter Wunsch ist, im elterlichen Hause zu Boston zu sterben, wo er vor zwei Jahren einen Bruder von 18 und eine Schwester von 16 Jahren verloren hat. Da er beim Schiffbruch um seine kleine Habe gekommen ist, war er bei dem amerikanischen Consul in Siam zu einem Anlehen genöthigt. Der Landsmann hat ihm 50 Dollars gegen ein Aufgeld von 15 geborgt. Wir erfahren von dem armen Kranken Wunderdinge über die Theuerung in Australien. Bei unserer an das Treiben eines Indianerstammes erinnernden Lebensweise, gelingt es mir, näher mit den Sitten der Chinesinnen bekannt zu werden. Die Haarfrisuren der eleganten Damen Europas kosten ihnen nicht geringe Mühe, und mir sind Fälle bekannt, wo Morgens frisirte Schönen den Tag über bis zum Beginn des Balles steif im Lehnstuhl gesessen haben; was will das gegen die Rücksichten sagen, welche die chinesische Coiffüre ihren Trägerinnen auferlegt. Um ihren mühselig aufzubauenden, kunstvoll zusammengekleisterten Kopfputz mindestens eine Woche lang unbeschädigt zu erhalten, bedienen sich die beiden chinesischen Kindermädchen absichtlich keiner Kopfkissen. Die Erste legt ein acht Zoll hohes Blechkästchen, die Zweite eine leere Cigarrenkiste unter den Kopf; von einem Wechsel der Tagesgarderobe ist nicht die Rede. Der Sarg der Mistreß Abbé ist übrigens der Spielplatz ihrer Kinder geworden.

Wir schreiben heute den Ostersonntag, und der Hammel, 315 nach dem uns Mistreß Shannon und ihr Gatte schon seit mehreren Tagen den Mund wässerig gemacht, ist als Braten à la Yorkshire auf den Tisch gekommen. Nach der Ueberfütterung mit siamesischem Schweinefleisch war es ein rührender Moment, als der Rücken und die Keulen auf der Tafel erschienen; der nationalen Schweinebouillon sind wir jedoch auch an diesem hohen Festtage nicht entgangen.

Beim Tiffin des 6. April zeigte sich, daß der Hammelbraten auf unsere Seekranken einen wohlthätigen Einfluß ausgeübt habe. Alle fallen heißhungrig über die Trümmer her; unsere Capitänsfrau läßt wieder ihren frischen Humor spielen. Das Ale hatte die Zungen der Damen gelöst und eine derselben vermochte, als das Gespräch auf den »Great Eastern« kam, gar nicht ihrem Erstaunen über die Länge des Fahrzeugs Luft zu machen. Sie behauptete, sich davon keine Vorstellung bilden zu können. »Nichts leichter als das«, rief Mrß. Shannon mit dem ehrbarsten Gesicht, »denken Sie sich nur, ein Kind werde vorn auf dem Schiffe getauft, so machen seine Eltern auf dem Quarterdeck erst Hochzeit; nun ist nichts leichter, als die Berechnung der Länge des Schiffes«. Die Fragestellerin zog ihr Portefeuille und war ohne das allgemeine Gelächter nahe daran, sich an die Arbeit zu machen.

In den Osterfeiertagen hat sich ein Vogelpärchen an Bord eingefunden, eine Schwalbenspecies. Beide wollen als blinde Passagiere die Reise nach Hongkong mitmachen, und umkreisen den Tag über das Schiff, Abends verstecken sie sich im Takelwerk. Am 6. April gleich nach Sonnenuntergang wurden wir durch drei kohlschwarze Wolken erschreckt, die, von Nordost langsam heranziehend, unser Schiff 316 verschlingen zu wollen schienen. Der Capitän traf alle Vorbereitungen zum Empfange eines Teifun; wir kamen glücklicher Weise mit dem bloßen Schrecken davon. Eine leichte Brise erhob sich und eine Stunde später funkelten die Gestirne wieder in gewohnter Kkarheit. Der liebliche Wind, der uns rasch vorwärts treibt, hält auch am 7. April an und belebt die Geister der Passagiere aus Bangkok. Es wird heute gelogen, daß sich die Balken des Viscount Canning biegen. Den Stoff geben die Brillantringe her, deren jeder der reichen Herren einen oder mehrere am Finger trägt. Ich erkläre mir diese Manie der Männer, sich mit kostbaren Juwelen zu schmücken, nicht blos aus ihrer Eitelkeit, sondern auch aus der Nothwendigkeit, stets etwas unmittelbar am Leibe zu tragen, was im Fall eines plötzlichen Schiffbruches und Verlustes aller Habe, leicht in baare Münze umgesetzt werden kann, sobald der Besitzer wieder zu civilisirten Menschen kommt. Außerdem sind diese Diamanten fortwährende Anregungsmittel der Unterhaltung. Hätte ich mir die Erzählungen ihrer Besitzer notirt, ich wäre im Stande, über jeden einen dicken Octavband von indischen Mordgeschichten zu liefern. Die grausigen Abenteuer, welche sich an den Berg des Lichts (Kohinoor) knüpfen, sind Kindereien gegen die Geschichten unserer Diamanten. Mit diesen wahrheitsliebenden Engländern verglichen ist Münchhausen ein Stümper. Der schiffbrüchige Capitän, der mit den geretteten Passagieren gleichfalls nach Hongkong zurückkehrt, repräsentirt unter uns den Ritter von der traurigen Gestalt. Er geht mit einem literarischen Meuchelmorde um, und bringt heimlich seine letzten Erlebnisse zu Papier, die in Hongkong gedruckt werden sollen. 317 Verleumdet man ihn nicht, so steht der federfertige Seemann im dringenden Verdacht, den Schiffbruch kunstvoll veranlaßt zu haben. Man weicht ihm soviel wie möglich aus.

Die fortwährend hochgehende See hat uns schon mehrere Nächte hindurch verhindert, unser Nachtlager unter freiem Himmel auf Deck aufzuschlagen; es wird uns unsäglich schwer, die dumpfe Luft der Kojen bei geschlossenen Fenstern zu ertragen. Der Gesundheitszustand an Bord verschlechtert sich unverkennbar, keiner ist unter uns, der nicht in höherem oder geringerem Grade an jenem klimatischen Uebel litte, auf das der Tourist in den Tropen immer wieder zurückkommen muß. Mit den Damen unterhalten wir uns so unbefangen über diese entsetzliche Plage, wie über Sommersprossen oder Hitzblattern. Unsere Gemüthsstimmung wird außerdem durch die düstere Physiognomie des Himmels und der Meeresoberfläche noch mehr getrübt. Je mehr wir uns dem Festlande nähern, desto dunstiger wird die Atmosphäre. Konnten wir noch vor Kurzem sowohl den Nordstern, als auch das Kreuz des Südens dicht über dem Horizont in voller Klarheit erblicken, so sind Beide jetzt in dicken Nebeln vergraben. Nachmittags am 7. April fuhren wir zwei Stunden hindurch fortwährend zwischen Schiffstrümmern, Masten, Planken, Segelfetzen, Tonnen und Theekisten, die sämmtlich mit kreischenden und streitenden Seevögeln bedeckt waren; ein niederschlagender, trostloser Anblick. Der Teifun mag in dieser Gegend seine Opfer gefordert haben. Unter diesen trübseligen Umständen lachen wir nicht einmal mehr über Mistreß E., die zweite unserer gescheiterten Damen, und bedauern nur ihren Gemahl, einen 318 Zahnarzt, in dessen Arme sie zurückkehrt. Wie viel Zähne muß der unglückliche Ehekrüppel jährlich den Chinesen plombiren oder ausziehen, um den frevlen Aufwand dieses Weibes zu bestreiten, frage ich mich oft, wenn Mistreß E. in rothseidenen Pantalons, mit einem indischen Shawl drapirt, behangen mit Geschmeiden im Werth für etwa 4000 Dollars (nach der Taxation der Capitänsfrau), in dem Kohlenstaube des Viscount Canning auf Deck lustwandelt. An 10,000 Dollars in Kleidern und goldenen Schmucksachen waren mit dem gescheiterten Schiffe zu Grunde gegangen; sie hat sich deshalb in Bangkok für schweres Geld eine neue Garderobe anfertigen lassen. Mistreß E., eine mittelalterliche Kokette ersten Ranges, benützt den Sarg ihrer verstorbenen Gefährtin mit großer Ostentation als Gebetpult. Immer in einem Augenblick, wenn sämmtliche Herren auf Deck versammelt sind, sinkt sie in die Knie, fletscht ihre falschen Zahnreihen gen Himmel, nimmt ungefähr die pathetische Stellung des Huß in Lessing's Bilde an und ertheilt ihrer kleinen Tochter den Abendsegen. Mistreß Shannon erschöpft sich dagegen in Gefälligkeiten gegen ihre Tischgesellschaft. Der Capitän, ihr Gemahl, hatte unter den Vorräthen noch einige Töpfe voll comprimirter oder, wenn ich Mistreß nicht falsch verstanden habe, »compromittirter« Gemüse, und mehrere hermetisch verschlossene Blechkisten mit Pastetenmasse und einem farcirten Kalbskopf aufgefunden, die das Material zu einem Festmahle liefern sollten. Um den Genuß zu erhöhen, wurden die Behälter dieser vermeintlichen Leckerbissen zwischen dem Tiffin und Diner in Gegenwart alles Volkes eröffnet, ihr Inhalt hatte indessen durch mehrjährige Hitze dergestalt gelitten, daß Pasteten und 319 Kalbskopf den Mumienbestandtheilen glichen, die in unseren ägyptischen Museen aufbewahrt werden.

Am 8. April langten wir auf der Höhe der berüchtigten Ratten- und Pirateninsel Hainan an, und kamen am nächsten Morgen mit den ersten chinesischen Fischerdschunken von größerem Kaliber in Berührung. Sie treiben den Fischfang immer paarweise und schleppen, in einer Entfernung von 300 Fuß nebeneinander hinsegelnd, ein riesiges Netz zwischen sich her. Die in großen Quantitäten gefangenen Fische werden sogleich eingesalzen, um später getrocknet oder geräuchert zu werden. Fast in jeder Stunde des Tages begegneten wir diesen betriebsamen Dschunkenpaaren. Leider verbindet die Mannschaft mit dem Fischfange die Piraterie; alle ihre Dschunken sind bewaffnet, und kleinere Fahrzeuge haben gegründete Ursache, vor ihnen auf der Hut zu sein. Die hochgehende See beginnt jetzt, ihre Wirkungen zu äußern. Alle Kinder, Papageien, Affen, Hühner und Hunde leiden an der Seekrankheit; ich höre daher mit großer Befriedigung vom Capitän Shannon, während wir in einiger Entfernung an einer kleineren der Ladroneninseln vorüberfahren, daß wir wahrscheinlich noch heute Abend den Ort unserer Bestimmung erreichen werden.

Wirklich tauchte nach einigen Stunden Land in nordwestlicher Richtung aus der dampfenden Ferne auf, um 6 Uhr Abends kamen wir an den Ladronen, einer nackten Felsgruppe, um 7 Uhr an der grünen Insel vorbei und näherten uns um 8 Uhr der Rhede von Hongkong. Tausend Lichter der Stadt Victoria blickten durch Nebel und Sprühregen, ein chinesischer Lootse ruderte an den Viscount Canning und machte allerlei Zeichen mit einer 320 brennenden Fackel. Capitän Shannon nahm seine Dienste jedoch nicht in Anspruch; der tüchtige Seemann glaubte sich auf seine Kenntniß der Bay verlassen zu können. Ich bot der feuchten Witterung Trotz und blieb auf dem Verdeck; meine Ausdauer wurde belohnt. Das Meer begann nach 9 Uhr so feurig zu leuchten, als seien die Götter der Tiefe gesonnen, die Ankunft unseres Dampfers durch eine Illumination zu begrüßen; ich konnte mich kaum von dem Anblick des Abgrundes trennen, der dem gestirnten Himmel des Südens mit seinen Nebelflecken und Fixsternen glich. Der Anker war längst gefallen, sämmtliche Reisegefährten schliefen, als ich, in stiller Zufriedenheit: den sehnlichsten Wunsch meines Lebens erfüllt zu sehen, mich Angesichts der chinesischen Küste auf meinem Lager ausstreckte.

 

Ende des ersten Bandes.

 


 

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