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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 23
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XXII.

Bienen und wilde Hunde. Eine schlaflose Nacht. Viscount Canning. Capitän Benary. Der nordamerikanische Missionär und der Gottesdienst in seinem Hause. Eine Gesellschaft Schiffbrüchiger. Drontheim: auch eine Sommerfrische. Die Frau des Capitäns.

In dem Kampfe mit der hiesigen Thierwelt giebt es keinen Waffenstillstand. Jetzt müssen auch Maßregeln gegen eine Colonie kleiner Bienen ergriffen werden, die sich in einer Ecke der Veranda eingenistet haben und der Wachsfabrikation obliegen. Ich würde gegen diese gewerbfleißigen Asiaten wahrlich nicht gewaltsam eingeschritten sein, wären ihre Stiche nicht gar so empfindlich und gingen sie mir nicht, unähnlich den civilisirten Bienen in unserer lieben Heimath, angriffsweise zu Leibe. Auf meinen Wunsch wurde ein Topf heißes Wasser in das Nest gegossen; die Niederlage war schrecklich, aber nach einigen Stunden kehrten die überlebenden Flüchtlinge zurück, umkrochen die Mordbucht und trugen zu Zweien die Leichen ihrer Angehörigen von dannen. Das Schauspiel hätte mich rühren können, wäre ich nicht von einem so tiefen Ingrimm gegen alle Insekten erfüllt gewesen. In der Nacht vom 24. zum 25. März ertappte ich mich sogar auf der 292 wahnsinnigen Idee, um den Qualen der erstickenden Hitze und Kriechthiere zu entgehen, aus dem Bette zu springen und mir den Schädel an der Wand einzurennen. Niemand im Leßler'schen Hause kam zur Ruhe, selbst die im Freien lebenden Geschöpfe zeigten eine seltsame Aufregung. Der Lärm der wilden Hunde, welche Nachts über das Terrain unumschränkt verfügen, war wirklich haarsträubend. Was sind die Schrecken der Hölle gegen die einer schlaflosen Nacht in Siam! Hat man sich von zehn Uhr an in fieberhaftem Zustande mit offenen Augen auf dem Lager umhergewälzt und versinkt endlich in eine halbe Ohnmacht, so erheben mit dem Glockenschlage 12 Uhr alle Hähne der Nachbarschaft ihre Cochinchina-Stimmen. Dieses aufreibende Concert dauert wenigstens 30 Minuten, worauf der Chor der wilden Hunde beginnt. Bis dahin war er durch die noch wachenden Eingeborenen genöthigt, sich zu mäßigen. Ihr äußerster Unwillen wird stets durch den Nachtwächter, einen Stockchinesen, erregt, der seine Wachsamkeit durch ein weitschallendes officielles Geräusch, das er durch Zusammenklappen zweier Bambusstäbe erzeugt, ankündigt. Jeder Schlag wird von einem Sforzato des Hundechors begleitet. Aus dem zeitweiligen Wehgeheul einzelner Solisten schließe ich, daß der Beamte sich gelegentlich der vierfüßigen Sänger zu erwehren sucht. Tritt eine kurze Kunstpause ein, so vernehme ich in meinem Bette das wehmüthige Gesumm der Insecten, welche sich an der auf dem Tische stehenden Nachtlampe die Flügel verbrannt haben und hilflos auf der Erde umherflattern. Außen auf der Mosquitogardine wandern die Käfer rudelweise umher; die unseligen kleinen Stechfliegen haben schon 293 längst den Zugang gefunden. Von fünf zu fünf Minuten erhebt eine Eidechse, die sich in meinem Schlafzimmer angesiedelt hat, ohne daß es mir bis jetzt gelungen wäre, ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, die klägliche Stimme. Drei bis vier Mal ruft sie: »Tacke! Tacke!« und verstummt mit einem leisen Seufzer. Es ist ein unheimlicher Laut, der den Menschen, wie die Mahnung des bösen Gewissens einen Mörder, aus dem Schlafe aufschreckt. Ungleich weniger Anstoß nehme ich an den kleinen Eidechsen, wenn sie über Gesicht, Brust und Hals hinschlüpfen; sie sind wenigstens feucht und kalt. Erhebe ich mich bei Tagesanbruch wankend und kraftlos von meiner Folterbank, so ist der Fußboden mit zahllosen Insektenleichen bedeckt, und aus meinem Malkasten fliehen die Ameisen in dichten Geschwadern. Dazu kam am letzten Morgen die trostlose Nachricht, daß die Schraube des Dampfers Viscount Canning, auf dem ich mein Billet für Hongkong gelöst, sich schadhaft gezeigt habe, und die Ladung wieder an Land geschafft werden müsse, um die Reparatur auszuführen. Nach den Angaben der Seeleute können acht bis zehn Tage vergehen, ehe es gelingt, den Schaden auszubessern. Es ist ein Unglückstag, der Zimmermann eines, vor unserm Hause ankernden englischen Schiffes fiel in das Wasser und kam nicht wieder zum Vorschein. Obgleich eine Anzahl Taucher engagirt wurde, gelang es dennoch nicht, die Leiche aufzufischen. Abends stürzte mein junger Landsmann, Capitän Benary, in den Strom. Zum Glück folgte dem von der Strömung rasch Fortgetriebenen ein Freund in einem kleinen Boote, aber es dauerte eine halbe Stunde, ehe dieser ihn eingeholt 294 hatte und ans Land ziehen konnte. Ohne die Nähe eines Europäers wäre Herr Benary, obgleich ein rüstiger Schwimmer, verloren gewesen. Der Siamese oder Chinese rettet Niemanden; beide hüten sich, dem Verhängniß in den Arm zu fallen.

Die mit der Hitze verbundene Trockenheit wird von den europäischen Colonisten zur Anlage oder Ausbesserung der Wege benutzt. Es ist gelungen, landeinwärts hinter dem Leßler'schen Grundstück einen kurzen Reitweg aufzuschütten und festzustampfen, auf dem unsere schöne Hausfrau den neuangeschafften Pony reiten kann, ohne im Sumpf zu versinken. Die Aerzte in Singapore haben ihr diese passive Bewegung in ihrem hoffnungsvollen Zustande dringend empfohlen. Hundert Schritte von unserer Kunststraße versinkt man bis über die Knie in die aufgeweichten Reisfelder. Am 26. März unternahm ich einen Ausflug nach einer mit 500 Passagieren stromauf gesegelten chinesischen Dschunke, ließ mich in dem offenen Flur des gegenüber schwimmenden Hauses nieder und begann eine Aquarelle. Ich hätte voraussehen können, daß meine Arbeit nicht lange ungestört bleiben würde. Bald lag eine Flotte kleinerer und größerer Kähne vor dem Hause, und Kopf drängte sich an Kopf, um meine Arbeit zu beobachten. Schon zitterte ich vor einer Landung und Invasion der Schaulustigen, als von der Dschunke einige muthmaßlich distinguirte Chinesen zu mir herüberkamen und dadurch die Zudringlichen verscheuchten. Die Kunstkenner des himmlischen Reiches schüttelten die Köpfe über meine Zeichnung; offenbar gefiel sie ihnen nicht. Der Aelteste von ihnen schien sehr zu bedauern, sich nicht 295 geläufig englisch ausdrücken zu können, doch errieth ich aus seinem Stammeln und Gesticuliren, daß er nur dringend das Studium der chinesischen Malerei anempfehle, wenn ich Fortschritte zu machen beabsichtige. Mein langer Aufenthalt in China wird mir Gelegenheit geben, auf den Nationalgeschmack und die Vorliebe für brennende Farbentöne zurückzukommen, jetzt nur so viel, daß eine ehrwürdige chinesische Matrone, die sich in der Gesellschaft der Honoratioren befand, mehr Zufriedenheit über die begonnene Skizze äußerte. Nur mein Malkasten war ihr nicht bunt genug. Wiewohl ich die kugelrunde Alte im schweren Verdacht hatte, mir als männlichem Individuum nur zum Munde geredet zu haben, thaten mir ihre kritischen Lobsprüche doch unsäglich wohl. Jeder Künstler bedarf von Zeit zu Zeit einer kleinen Ermunterung. Abends wurde die mehrere Meilen abwärts ans Ufer geschwemmte Leiche des Zimmermanns nach Bangkok gebracht.

Am 27. März beobachtete ich ein in diesen Landstrichen seltenes Frühlingsphänomen. Einige kahle Bäume vor meinem Fenster hatten sich über Nacht mit weißen Blüthen bedeckt, die in den nächsten Tagen rasch verwelkten und großen grünen Blättern wichen. Um nebenbei auch einiger Handelsartikel zu erwähnen, bemerke ich, daß Schwefelhölzer, wollene Strümpfe, schwarze Tinte, Bindfaden, Zahnpulver, Chocoladenküchelchen und Schuhwichse zu den kostbarsten Luxusgegenständen Bangkoks gehören und oft gar nicht aufzutreiben sind. Die Reparatur des Dampfers schreitet rascher vor, als zu erwarten stand, in drei bis vier Tagen wird er angeblich die Anker lichten. Meine 296 Sehnsucht fortzukommen, ist unbeschreiblich; sie wird noch durch den Trieb der Selbsterhaltung gesteigert.

Bei dem gänzlichen Mangel an Appetit und der fortwährenden Transspiration bin ich bis auf das Gerippe abgemagert und meine Backenknochen starren wie Vorgebirge aus dem Gesichte hervor. Die Beschaffung der Lebens- und Stärkungsmittel muß mit großen Schwierigkeiten verbunden sein. Die letzte wohlschmeckende Tasse Kaffee habe ich in Aegypten getrunken. Wir leben hier in einem Zuckerlande, aber das Fabrikat selber ist ein Gräuel, ein grober Sand, mit kleinen Steinen und todten Käfern vermengt, den wir obenein den Ameisen streitig machen müssen.

Aus Verzweiflung habe ich mich zuletzt auf das Studium der Missionäre geworfen, bin aber sehr bald zu der Ueberzeugung gekommen, die ehrenwerthen christlichen Staaten, welche zur Bekehrung dieser Völker ein wahres Heidengeld zum Fenster hinaus werfen, würden besser thun, diese Capitalien zur Linderung des Elendes der Wittwen und Waisen ihrer eigenen Heimath zu verwenden. Es wurde mir schwer, bei dem letzten Gottesdienst unseres nordamerikanischen Missionärs das Lachen zu verbeißen. Die Gemeinde bestand aus einer Nätherin und vier Kulis von siamesischem Geblüt. Der mit weißer Jacke und dito Inexpressibles bekleidete Geistliche schlug bei dem dritten Worte stets mit geballter Faust auf den Tisch, was am meisten zur Erbauung der neuen Christen beizutragen schien. Ein religiöses Hauptagens ist nächstdem der Liedergesang. Sämmtliche fünf Gemeindemitglieder müssen täglich fünfmal zum Singen kommen, und die aus einer 297 Ziehharmonika von der Frau Missionärin vorgetragenen Choralmelodien mit ihren Stimmen begleiten. Das dadurch entstehende Geheul spottet jeder Beschreibung; die Eingeborenen freuen sich indeß darüber. Sie haben einen dunklen Hang zu musikalischen Lebensäußerungen, und betrachten die Missionsstunden als eine Art Gesangconservatorium. Einen gleich wohlthätigen Eindruck auf ihre Gemüther macht wahrscheinlich auch die für sie neue Anordnung des christlichen Sonntags und der damit verbundenen Arbeitslosigkeit. Der Buddhaismus weiß nichts von einem Sabbath, und wenn seine Bekenner sich gleich niemals übermäßig mit Berufsgeschäften plagen, gewährt es doch eine unbeschreibliche Beruhigung, unter sieben Tagen einen zu erhalten, an dem der Himmel selber dem Menschen die Arbeit untersagt.

Nachdem ich mich am Tage vorher, unter dem Aufgebot meiner letzten Kräfte, von allen theuren Landsleuten und Gastfreunden verabschiedet, erhob ich mich am 30. März Morgens, fünf Uhr, packte meine Koffer, drückte dem Leßler'schen Ehepaar die Hand, einen letzten Kuß auf die Stirn der kleinen Lina und bestieg den winzigen Dampfer, der mich stromab an Bord des Viscount Canning schaffen sollte. Drei Kreuze schlug ich hinter Bangkok, als auch der spitze Gipfel der Whatpagode in der Ferne verblaute, und doch that mir das Herz weh, wenn ich an die lieben Menschen dachte, die auf diesem sumpfigen Kirchhofe unter einem glühenden Himmelsgewölbe zurückblieben. Unser Miniaturdampfer bot nun seine siebentehalb Pferdekräfte auf, Palmen und Hütten, Menschen und Affen, Wasserschlangen und Fische flogen an uns vorüber, und 298 viertehalb Stunden später lagen wir, von der wildbewegten See hin- und hergeschleudert, neben dem Hauptdampfer. Ohne einen leisen Vermerk in dem Stammbuche des Capitäns des kleinen Flußdampfers darf ich mich jedoch nicht von Siam trennen. Das Fahrzeug stand im Solde des Viscount Canning und die Transportkosten waren in das Fuhrlohn nach Hongkong mit eingerechnet, der gewissenhafte Capitän enthielt sich daher jeder Forderung, nur hatte ich ein bescheidenes Tiffin, das aus einem Schweine-Cotelett, Bananen, Kartoffeln, einem Bissen Brot und Fingerhut voll Brandy bestand, genossen. Dafür mußte ein Pfd. Sterling 4 Schillinge (8 Thlr.) erlegt werden.

Bei dem starken Wellenschlage war es nicht leicht, trocken an Bord zu kommen. Der Viscount Canning starrte vor Schmutz, nicht allein von dem schwarzen Staube der eben eingenommenen Kohlen, sondern auch von den verschiedenartigsten Abfällen, die sich seit mehreren Fahrten angehäuft haben mochten. Für uns acht Bangkok-Passagiere ist nur eine verbeulte lecke Waschschüssel aus Blech vorhanden, Stühle und Teller sind in ruinenhaftem Zustande, der Dampfer hat schwer geladen, und selbst das Vorderdeck liegt voller Kohlensäcke; der Zustand an Bord ist paradiesisch, wenn auch nicht malerisch. Vor und zwischen den Kohlenbergen liegen sechs große Hunde: Bulldoggs und Newfoundländer, rings umher lärmen Papageien und Affen, welche den Matrosen gehören, bei jedem Schritte stolpert man über Cocosnüsse und Körbe mit Südfrüchten. Der Aufenthalt an Bord ist nicht einladend, und doch fühle ich mich im Genuß der frischen Brise und des belebenden Meergeruchs überaus glücklich. Nach dem 299 langen Aufenthalt am Ufer eines Stromes, auf dem Ebbe und Fluth alle Abfälle der Wirthschaften einer halben Million Menschen stromauf, stromab treiben, nach diesem schwimmenden Wirrwarr von faulen Baumstämmen, zerbrochenen Rohrstengeln, Grünzeug, todten Fischen, Hunden und Schweinen, Haustrümmern und menschlichen Ueberresten, ruht das erhitzte Auge auf dem tiefblauen Ocean mit wahrer Seligkeit aus.

Wir haben außer den erwähnten acht Passagieren neunzehn Schiffbrüchige an Bord, Nordamerikaner, die zum Behuf einer neuen Ausrüstung nach Hongkong zurückkehren wollen. Sie bestehen aus Passagieren und Mannschaften eines Schiffes, das vor etwa sechs Wochen von Hongkong nach New-York abging, aber schon in der dritten Nacht auf ein Korallenriff stieß und einen so gefährlichen Leck davon trug, daß sogleich die Böte ausgesetzt werden mußten. Es blieb kaum soviel Zeit, sich mit dem Nothdürftigsten zu versehen. Die beiden Damen mit ihren drei Kindern und zwei chinesischen Mägden besaßen nichts, als ihre Nachtgarderobe; der Capitän hatte zum Glück den Compaß und die nöthigen Instrumente gerettet. Jedes Boot ward in der Eile mit einem Faß Wasser, Schiffszwieback, etwas Gelée und Käse versehen, dann verließ man das sinkende Schiff. Weder Betten, noch Decken, nur ein kleines Segel und zwei Regenschirme waren vorhanden, und die drei Böte mehr als sechszig geographische Meilen von der Küste von Cochinchina entfernt. Die meisten Ruder hatte man in der Eile verwechselt, sie paßten nicht zu den Böten oder gingen theilweise gleich in der ersten Nacht verloren, dennoch blieben die Böte drei Tage lang nahe 300 beisammen. Ein Sturm, der eben so lange unter fürchterlichen Regengüssen anhielt, trieb sie später auseinander, zudem war das erste, vom Capitän geführte Boot so schwer beladen, daß es nur sechs Zoll über die Wasserfläche emporragte. Schon gab man alle Hoffnung auf, als eine große chinesische Dschunke in Sicht kam. Ihr Capitän hätte sich um die schiffbrüchigen Weißen nicht weiter gekümmert, wäre er nicht durch den Jammer der chinesischen Kindermägde aufmerksam geworden. Er ließ sich erweichen, nahm die Verunglückten auf und brachte sie nach elftägiger Fahrt nach Bangkok. Ihrer dortigen Ankunft habe ich schon Erwähnung gethan. Das zweite Boot erreichte glücklich Singapore, das dritte war im Sturme zu Grunde gegangen. Die meisten Schiffbrüchigen litten an klimatischen oder organischen Krankheiten und hatten die Reise nach New-York nur aus Gesuudheitsrücksichten angetreten. Frauen und Kinder schienen die entsetzlichen Strapatzen gut genug ertragen zu haben, wenngleich sie an Bord der mit fünfhundert Passagieren beladenen Dschunke von Ratten und Mäusen, Flöhen und Läusen fast aufgefressen worden waren. Unsere Abfahrt verzögerte sich, da der Capitän noch immer auf einen contractlich abgemachten Kohlentransport wartete, und wir benutzten die gebotene Muße, um die unseren Dampfer umkreisenden Schlangen und Hayfische zu beobachten. Einen kleinen weißen Walfisch (Albino) der sich gleichfalls zu uns hielt, bezeichnete mir der Capitän als eine große Seltenheit. Auf dem Hinterdeck des Viscount Canning bildet sich eine förmliche Marine-Ressource. Wir erhalten bei unserer notorischen Liebenswürdigkeit nicht allein Besuche von den Capitänen 301 der in der Nachbarschaft ankernden Schiffe, sondern auch von den Patienten, welche sich aus der Grabesluft Bangkoks auf die Rhede des Golfs geflüchtet haben. Die von Dschunglefieber und Dysenterie hart mitgenommenen Menschen wohnen auf den Schiffen und siedeln von einem zum andern über, um in der Seeluft neue Kräfte zu schöpfen. Das ist indochinesische Sommerfrische. Ueberhaupt beschäftigen mich die sogenannten klimatischen Kurorte unausgesetzt. Als ich mich in Hammerfest am Nordcap aufhielt, schickte der dortige Arzt ein im letzten Stadium der Schwindsucht stehendes Mädchen nicht nach Nizza, Madeira oder Cairo, sondern nach – Drontheim. Hier glaubt man schon viel gethan zu haben, wenn man Leidende aus Siam nach Singapore versetzt, und doch liegt dieses nur zwei, jenes dreizehn Grade vom Aequator entfernt. Im Allgemeinen mag die Medicin schon einen Kurzweck durch den Gegensatz in der chemischen Mischung des Dunstkreises und seiner, wenn auch noch so geringen Temperatur-Unterschiede anstreben.

Die Geduld unseres Capitäns war am 1. April erschöpft. Er ließ an diesem Tage der Vexirspäße die noch ausstehenden 30 Tonnen Kohlen im Stich, die fremden Capitäne leerten ihre Gläser und wünschten uns glückliche Reise; der Viscount Canning stach in See. Kaum hatten wir einige Knoten in sehr gemäßigtem Tempo zurückgelegt, als die Maschine abermals Spuren von Widersetzlichkeit zeigte. Aus dem Munde des Capitäns entlud sich ein Unwetter von Flüchen und Gotteslästerungen auf das Haupt des Oberingenieurs, das Gebastel im Raum beginnt von Neuem und wir Passagiere unterhalten uns 302 vom Springen der Dampfkessel und Auffliegen der Poststeamer. Mehr und mehr überzeuge ich mich, daß auch der Cours des Lebens im Menschen tief unter Pari sinken kann. Von Tage zu Tage wird die Stimmung in mir flauer; ich fange an, den großen Grundgedanken des Buddhaismus zu verstehen. Der von vielseitiger Tyrannis seiner menschlichen Despoten, des Klimas, der feindlichen Thierwelt, der organischen Leiden mißhandelte Indier beginnt damit, der ethischen Berechtigung der Existenz zu mißtrauen; er endet mit der tiefen Sehnsucht nach dem Ende der »Sansara«, dieser Welt der Qualen, und dem Beginn der »Nirwana«, des Sterbens ohne Wiedergeburt. Ich begreife, wie der Geist des Menschen, der niemals idealere Ziele erkennen und anstreben gelernt, zu dieser absoluten Verneinung des Lebens gelangt.

Das Uebelbefinden der Maschine war zu unserem Heil nur vorübergehend, die lahme Schraube begann ihre Umdrehungen von Neuem, und wir steuern, die flache sumpfige, von Kanälen gefurchte Küste entlang, gen Süden. Kleine, grün bewaldete Inseln erheben sich bis zu einer Höhe von 700 Fuß und beleben den Prospect, ich entzücke mich an den Spiegelbildern der mit Mattensegeln fahrenden Fischerböte in dem ätherisch klaren Seewasser. Meine Hoffnungen beleben sich wieder, als ich erfahre, daß Viscount Canning nicht versichert ist, der Capitän also, mitbetheiligt an der Ladung, sich zu höchster Vorsicht in der Führung des Schiffes verpflichtet fühlt. Sein Rheder ist der reichste Kaufmann in Bangkok, ein alter Chinese, den man zehn Millionen Pfd. Sterling taxirt. Der würdige Greis hat herausgefunden, daß er der 303 Wahrscheinlichkeitsrechnung nach bei der Menge seiner Schiffe immer noch besser fortkommt, wenn er sie aufs Gerathewohl fahren läßt, als wenn er durch Zahlung hoher Policen an Versicherungsgesellschaften seine Fonds systematisch schwächt, doch soll der sparsame alte Herr in der letzten Zeit einige empfindliche Streiche erhalten haben. Unser Viscount Canning wird mit der Ladung ungefähr auf 400,000 Dollars veranschlagt.

Der Capitän ist ein Irländer und besitzt alle tadelnswerthen und liebenswürdigen Eigenschaften seiner Nation. Passagiere und Matrosen sind ihm gleichmäßig zugethan; seine starke Vorliebe für steifen Grog bleibt ganz unbeachtet. Der riesengroße, in seinen Aeußerungen und Manieren häufig rohe Mann zeigt in der Behandlung der Mannschaft eine seltene Herzensgüte. Einer der chinesischen Matrosen ist krank und vom Dienst befreit, als Patienten hat man ihm sogar Zutritt zum Hinterdeck gestattet. Er stolzirt unter uns umher und hat auf die linke Brust ein, mit rothen oder goldenen Buchstaben und mystischen Zeichen decorirtes Senfpflaster gelegt, das, aus einiger Entfernung gesehen, wohl mit einem Ordensbande verwechselt werden kann. Der Capitän wendet ihm manchen guten Bissen zu, und genießt daher die Verehrung eines Heiligen. Noch mehr trägt die fünfundzwanzigjährige Frau des Capitäns, ein resolutes, munteres Weib, zu unserer Erheiterung bei. Obgleich es auch zu ihren kleinen Schwächen gehört, lieber Brandy ohne Wasser, als Kaffee ohne Milch zu trinken, fesselt sie uns doch Alle durch ihr burschikoses Wesen. »Sie ist hinten und vorne«, sagt die Volkssprache von so rührigen Frauen. Mistreß 304 macht die Chinesen und Malayen in ihrer Muttersprache herunter, stellt Redeübungen mit den Papageien an und lehrt die Hunde auf den Hinterbeinen sitzen, gleich darauf greift sie zur Angel, ihrem Lieblingsvergnügen, oder näht losgerissene Knöpfe unserer Oberhemden fest; hat sie den Kopf eines am Sonnenstich leidenden Schiffsjungen mit Seewasser übergossen, so fertigt sie eben so rasch, wie correct, einen Grog als Besänftigungsmittel für den Kummer der Schiffbrüchigen an; sie ist ein unschätzbares Weib. Nur die Beseitigung des Schmutzes in der Kajüte und in den Kojen läßt sie sich als echte Tochter Irlands nicht angelegen sein. Ihre geläufige Zunge gleicht vollends dem Zauberorgan eines Mährchens. Wir schlafen bei dem unerträglichen Geruche des Schiffsinnern Alle auf Deck, und die redselige, geistvolle Frau unterhält von ihrem Bivouak aus die ganze Gesellschaft oft bis tief in die Nacht hinein durch Erzählung von Erlebnissen auf Seereisen und allerlei Schnurren. Darüber vergessen wir ganz und gar die eintönige Beköstigung, die durchweg auf Schweinefleisch basirt. Die Varianten des Küchenzettels auf den verschiedenen Dampfern darf kein gewissenhafter Reisender mit Stillschweigen übergehen. Unsere Verpflegung wird stofflich durch die siamesischen Landesproducte, die Zubereitung anlangend, durch nordamerikanische Geschmacksrichtungen, die bis hierher über den Ocean reichen, bestimmt. Hinter dem Rücken der europäischen Feinschmecker verzeichne ich unsere Suppen von Schweinefleisch mit »Pompken«, einer Species von Klößen, unsere Schweinebraten, unsere Schweinekotelettes, unser Rippspeer mit Syrup, ein Leibgericht der Nordamerikaner. Wir haben noch keine 305 Ahnung von der Existenz der Trichinen und verzehren unsere fetten Mahlzeiten, denn auch alle Hülsenfrüchte werden mit frischem Schweineschmalz zubereitet, mit der Ahnungslosigkeit des Eumäos und seines königlichen Tischgenossen. Unser Capitän hält als geborener Irländer und siamesischer Seemann das Schwein doppelt werth, ohne doch in Sentimentalität zu verfallen. Mit welchem zärtlichen Schmunzeln zerlegte er z. B. eine junge Sau, die er selbst an Kindesstatt auferzogen und gemästet hatte! In unserem Stall befinden sich acht Schweine, die nebst einem Hammel, der als Braten zum ersten Osterfeiertage bestimmt ist, und fünfzig Hühnern, bis Hongkong vorhalten müssen. Das Fleisch der Letzteren ist zu hart für meine Kauwerkzeuge, doch mag ich den braven Capitän und seine Frau nicht durch mäkelnde Bemerkungen betrüben: ich suche mich durch mein angeblich schlechtes Gebiß zu entschuldigen, wenn ich die Schüssel mit den Gebeinen der Märtyrer unberührt weiter reiche. Ein paar geräucherte Schinken und Fische sind in Betracht ihres Hautgouts – mein Nachbar beschuldigte sie euphemistisch: nach dem Kork zu schmecken – nur als historische Alterthümer zu betrachten; das Dessert wird durch chinesische Kuchen vervollständigt, da das mitgenommene Obst bald nach der Abfahrt der Fäulniß wegen in die See geworfen werden mußte. Unfehlbar hat dieses Gebäck, gleich dem Drymadeira, wenn auch nicht die Linie, so doch den Breitegrad zwischen Bangkok und Hongkong mehrmals passirt und sich das Bouquet des Tischkastens angeeignet, in dem es aufbewahrt wird. Die ganze Tischgesellschaft verhehlt 306 nicht ihre Anthipathie gegen diese Leckerei, und die Tafel wird sogleich aufgehoben, wenn der Kuchenteller an ihrem Horizont erscheint. Unsere Diät ist, wie man sieht, einfach und mäßig; ich beschränke mich seit der Abfahrt aus dem Golf von Siam auf gekochten Reis. 307

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