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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 20
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XIX.

Vor der Mündung des Menam. Stadt Packnam. Der Gouverneur mit einigen zwanzig Kindern. Bangkok, Asiens Venedig. Ein weißer Elephant im rothen Felde. Mrs. Leßler. Sir Robert Schomburgk. Sr. königl. Hoheit Prinz Georg Washington. Der preußische Kunstmaler. Kuchen und Rabe. In einem chinesischen Spielhause. Der galante Croupier. Bei Hofe.

In der Nähe des Aequators darf der Reisende um die Stunde des Sonnenunterganges stets auf ein neues malerisches Schauspiel am Horizonte rechnen. Nach dem stürmischen Tage hatten sich Luft und Meer beruhigt, doch lagerten noch ringsum an der Grenze beider förmliche Gebirge von Dünsten. Zu unserer Linken versank die Sonne in einen vielfarbig glühenden Abgrund, zu unserer Rechten hingegen schienen diese Wolkenpyramiden und Obelisken immer höher emporzuwachsen. Als das Alpenglühen auf ihren Gipfeln verblich, und dem letzten Tagesschimmer die tiefe Dunkelheit des Tropenabends folgte, entwickelte sich in ihrem Bereich ein neues Licht. Die ganze Nacht hindurch hielt ein Wetterleuchten an, in dem fortwährend Tageshelle mit undurchdringlicher Finsterniß wechselte; damit war eine wahrhaft niederdrückende Temperatur 250 verbunden. Nach stundenlangen vergeblichen Versuchen, einzuschlummern, setzte ich mich in einem Kostüm, das nur wenig von dem Adams vor dem Sündenfalle abwich, vor die Thür meines Schlafhäuschens und erwartete resignirt den Morgen.

Die Sonne ging am 4. März in unbeschreiblicher Schönheit auf, der Himmel blieb, ungeachtet des ununterbrochenen Krähens unserer Hähne klar, eine gegen 7 Uhr aufspringende Brise treibt uns rasch vorwärts, und die Handelsgenossenschaft, der unser Dampfer gehört, Se. Majestät von Siam und ein chinesischer Rheder, sparen ihre grundschlechten Kohlen. Es ist eine lustige Fahrt durch die muthig schäumenden Wogen. Im Osten taucht das Festland empor und die Chow Phya schwimmt zwischen vielen kleinen, saftig grünen Inseln hindurch, an deren Küsten tausende von Böten mit Fischfang beschäftigt sind. Alle Segel werden ausgesetzt, und wir nähern uns rasch der Mündung des Menam. Die Meerestiefe ist hier bei den massenhaften Anschwemmungen des reißenden Stromes sehr gering, die Chow Phya hat einen Tiefgang von 9½ Fuß, und doch gelingt es uns, durch eine Wassertiefe von nur 8½ Fuß über die Barre wegzukommen. Dampfkraft und Wind drängen uns in einer Viertelstunde durch den halbflüssigen Schlamm der Tiefe. Obgleich unser Capitän sich schon von Singapore an mehr der Feier seiner Flitterwochen – er hatte eine junge Frau von Halbkaste als Ehegemahl mitgenommen – als der Leitung seines Dampfers widmete, zwang ihn die überaus geringe Breite des Fahrwassers in der Mündung des Menam doch zu einiger Aufmerksamkeit. Nach seiner Angabe war hier im letzten Kriege eine Menge 251 von Schiffen versenkt worden. Bald kamen wir ungefährdet über den bedenklichen Engpaß hinaus und freuten uns über den mächtig hinfluthenden breiten Strom und seine grünen Ufer. Die Regenzeit ist eben vorüber, die Blätter der Mangroven und Cocospalmen sind von entzückender Frische, und die Affen, die zu Hunderten am Ufer sitzen und uns mit Schmatzen und Schnattern einen Empfang bereiten, genießen offenbar die junge Jahreszeit. Nach kurzer Zeit halten wir bei der kleinen Stadt Packnam. Der Capitän geht an Land, um dem Herrn Gouverneur einige Briefe und Packete persönlich zu übergeben, und ich schließe mich ihm an. Wir wurden von Sr. Excellenz, einem gemüthlichen Fünfziger, überaus freundlich empfangen. Der sehr fette, nur in ein schmutziges, braunes Taschentuch gehüllte Beamte ließ uns auf Stühlen aus Bambusrohr niedersitzen und bewirthete uns mit Strohcigarren. Nach Erledigung der Geschäftsangelegenheiten war die in siamesischer Sprache geführte Unterhaltung, vermöge des illustrirenden lebhaften Gebehrdenspieles, ziemlich leicht zu verstehen. Der Gouverneur stellte uns seine Sprößlinge vor, deren zwanzig ihn umgeben mochten, und entschuldigte die Abwesenden, die gleich zahlreich wären. Ganz genau sei er über den vorhandenen Kindersegen nicht unterrichtet, da ein fortwährender Abgang und Zuwachs in der letzten Altersklasse stattfinde. Die Kosten der Leibwäsche schienen den glücklichen Vater eben so wenig zu belasten, wie die Reinigung der Kleinen ihre Mütter, denn außer einer Schmutzkruste an Knien und Ellenbogen gewahrte ich nichts, was einem Toilettengegenstande ähnlich sah. Auf meine Erkundigung, was es mit einer Anzahl eiserner und bronzener Geschützröhre 252 auf sich habe, die reihenweise am Stromufer, zum Theil sogar im Wasser lagen, bemerkten Se. Excellenz, daß alle Schiffe, die stromauf nach Bangkok wollten, verpflichtet seien, ihre Kanonen hier auszuschiffen und bis zur Abfahrt unter Obhut des Gouverneurs zu lassen; allerdings ein praktisches Mittel zur Sicherung der Residenz Sr. Majestät.

Die Cigarren waren ausgeraucht, wir verabschiedeten uns und dampften weiter stromauf. Die Nähe des asiatischen oder indischen Venedig, wie einige Touristen Bangkok genannt haben, machte sich bald bemerkbar. Wir kamen hin und wieder an schwimmenden Krämerläden vorbei und überholten eine Menge kleiner Böte, die mit Hülfe eines großen Palmenblattes, oder einer Matte, gegen die Strömung segelten; andere Bootsführer ruderten, wie die Gondoliere des Canal grande, stehend. Die Ufer waren mit kleinen Fischerwohnungen bedeckt, die auf Pfählen halb im Wasser standen und einen sehr malerischen Anblick gewährten. Die Einwohner saßen an der Seite des Stromes und strickten Netze oder breiteten sie zum Trocknen aus. Um 3 Uhr Nachmittags erreichten wir die Hauptstadt selber und kamen an mehreren Consulatsgebäuden vorbei, die den Flaggengruß der Chow Phya, den flatternden weißen Elephanten im rothen Felde, durch Aufhissung ihrer Nationalflaggen erwiderten. Während der letzten Stunden unserer Fahrt hatte sich ergeben, daß Mrs. Leßler die Frau des Compagnons eines Großhändlers Markwald und Comp. sei, an den ich ein Empfehlungsschreiben abzugeben hatte. Für mein Unterkommen war also gesorgt. Die liebenswürdige Dame bestand darauf, mich ihrem Manne vorzustellen und mir eine Wohnung in ihrem Hause einzuräumen. Sie werde dafür 253 Sorge tragen, mich aus meinem verkommenen Zustand wieder herauszufüttern, und in der That trägt nicht die Pflege in der Familie der gütigen Leute die Schuld, wenn ich Bangkok eben so elend verlassen, wie betreten habe.

Die Mehrzahl der Häuser dieser wunderlichen, von etwas über 400,000 Seelen bewohnten Stadt schwimmt auf dem Wasser, und zwar auf Flössen von Bambusstäben. Der Sumpfboden der Stromufer mag die Einwohner dazu genöthigt haben, dann aber auch wohl die drückende Hitze des Klimas, welche durch den Luftzug des Wasserlaufes immer ein wenig gemildert wird. Damit hängt die Schwimmfertigkeit der Ansiedler zusammen. Morgens und Abends liegt halb Bangkok im Wasser, Alt und Jung taucht mit der Gewandtheit und Ausdauer von Schwimmvögeln. Die Mütter unterrichten ihre Kleinen und stillen ihre Säuglinge, indem sie Wasser treten, alles Volk sucht sich in dem kühlen Strome zu erholen. Man begreift, daß unsäglich viele Unglücksfälle vorkommen, denn wenn auch die im Menam zahlreich vorhandenen Krokodile die Nähe der Stadt und das Geräusch der Schwimmenden scheuen, verschlingt die reißende Strömung doch desto mehr Opfer. Menschenleben stehen hier nicht hoch im Preise, und um ein Kind, das spurlos in der Tiefe verschwindet, kümmert sich weiter Niemand. Die mit der Weltanschauung des Buddhaismus verbundene Indolenz dämpft Freude und Leid in der Brust dieser Menschen. Der Todte ist an die Küste der ewigen Ruhe und Schmerzlosigkeit gespült. So weit meine Beobachtungen reichen, sind diese schwimmenden Wohnungen mit vielen Vortheilen verbunden, und gäbe es ein Stadtgericht und Rechtsanwälte in Bangkok, durch Prozesse über 254 nachbarliche Streitigkeiten würden beide nicht auf den grünen Zweig kommen. Man kündigt hier nicht, auch zieht man nicht aus; denn Jeder ist Hauseigenthümer. Wer Ursache hat, mit seiner Nachbarschaft unzufrieden zu sein, bindet sein Floß von den Pfählen los und rudert eine englische Meile stromauf oder stromab weiter, befestigt es in einer andern Umgebung und macht vollkommen neue Bekanntschaften. Nur die einheimische und eingewanderte Aristokratie hat sich auf den erhöhteren und trockenen Stellen des Festlandes angesiedelt.

Da ich hier verhältnißmäßig mehr deutsche Landsleute finde, als in den bisherigen Städten, beginnt mein Aufenthalt sehr angenehm. Gleich am ersten Abende lud mich Herr Benary, ein junger Berliner, zu einer Spazierfahrt auf dem Menam ein. Wir ruderten bei dem herrlichsten Mondschein in seiner Schaluppe nach der 300 Fuß hohen What-Pagode, kletterten hinauf und genossen die bei der feenhaften Beleuchtung doppelt merkwürdige Aussicht. Die Umgebung der Pagode war das Staunenswertheste derselben. Eine Menge kleiner Tempel drängte sich an den phantastisch geformten Thurm und schien sich in seinem Schlagschatten überaus wohl zu fühlen. Auch wir Unglücklichen lebten in der linden Abendluft wieder auf und vergaßen die Qualen der heranrückenden Nacht in geschlossenen Räumen.

In den frühen Morgenstunden des 6. März beeilte ich mich, dem preußischen und englischen Consul, Sir Robert Schomburgk, meinen Besuch abzustatten. So herzlich der edle Gelehrte, an den ich schon seit Jahren einen warmen Empfehlungsbrief von Alexander von Humboldt in der Tasche trug, mich empfing, die Züge langer bitterer Leiden 255 waren auf seine Stirn und Wangen geprägt. Ohne diese leidigen Spuren wäre er dem Verfasser des Kosmos zum Verwechseln ähnlich gewesen. Aber Sir Robert kämpfte mit dem klimatischen Uebel: der Dysenterie, das einige Jahre später seinem thätigen Leben in dem Maison de Santé zu Schöneberg bei Berlin ein Ende machen sollte. Vielleicht hätte es durch die sorgliche Pflege in dieser Anstalt noch etwas verlängert werden können, aber Sir Robert war erst im letzten Stadium der Krankheit zu bestimmen gewesen, aus dem Hotel du Nord unter den Linden nach Schöneberg überzusiedeln, und seine Aerzte untersagten mir alle ferneren Besuche, da nichts mehr zu thun war, als den Kranken ruhig sterben zu lassen. In Bangkok hatte ich noch hinlängliche Gelegenheit, den Heroismus zu bewundern, den der seltene Mann dem furchtbaren Leiden entgegensetzte. Es gelang mir, durch mein Geplauder den armen Patienten zu erheitern, und ich erfuhr u. a. von ihm, daß der kleine sogenannte »weiße« Elephant, der im Berliner zoologischen Garten den Kindern so viel Vergnügen macht, noch vor Jahr und Tag sein Hausgenosse gewesen und Trepp auf Trepp ab gewandelt sei. Als sein rasches Wachsthum die Bauart des Hauses gefährdete, habe er ihn nach Europa geschickt.

Noch saß ich am 7. März beim Frühstück, als ich meinem Berufe einen vornehmen Besuch zu verdanken hatte. Se. königl. Hoheit Prinz Georg Washington, der Sohn des zweiten Königs von Siam, erschien ohne weiteres Ceremoniel in meinem Zimmer, in dem mir eben meine kleine Freundin Lina Gesellschaft leistete. Als bürgerlicher Mann durfte ich nicht erwarten, einen Angehörigen des 256 regierenden Hauses in einer so frühen Stunde schon in Gala bei mir erscheinen zu sehen, doch hatte ich mir selbst von der siamesischen Interimsuniform größere Vorstellungen gemacht. Se. königl. Hoheit trugen nur einen rothseidenen Schutz (Saroon) um die Hüften; ein Hemde, eine Jacke, Schuhe und Kopfbedeckung hatte Prinz Georg für überflüssig erachtet. Es handelte sich um eine Kunstangelegenheit. Sr. Majestät war bekannt geworden, daß ein preußischer »Kunstmaler« in Bangkok angelangt sei, und sie erlaubte sich die Anfrage, ob derselbe lebensgroße Königsporträts in dauerhafter Oelfarbe zum Abwaschen male. Der erste König werde gerade jetzt von Mr. Lewes, einem reisenden englischen Künstler, als Kniestück abconterfeit und sein Bruder, der zweite Herrscher Siams, Se. Majestät Somdeth Phra Paramaindr Mahaisvara Mahaisvaraisa Rangsarga – damit hätte ich mich ein für alle Mal des Namens entledigt – könnten der Versuchung nicht widerstehen, gleichfalls ein Portrait seiner, wenn auch nicht allerhöchsten, so doch höchsten Person zu besitzen. Aus den Redensarten des leidlich englisch sprechenden Prinzen erhellte, daß die gekrönten Brüder in keinem sonderlichen Einvernehmen lebten, und daß die Anfertigung dieses Porträts, das den zweiten König vom Wirbel bis auf die Zeh vorstellen sollte, als ein Act tendenziöser Opposition angesehen werde. Es gelang mir leichter, als ich erwarten konnte, den Prinzen von der Unmöglichkeit zu überzeugen, den Wunsch seines hohen Vaters zu erfüllen. Ich zeigte ihm meinen Aquarellenvorrath, Farben, Pinsel und Papiere, und bald begriff er, daß ich als Landschafter und mit solchem Material nicht befähigt sei, ein lebensgroßes 257 Königsporträt dauerhaft und zu Abwaschungen geeignet, anzufertigen. Wir trennten uns, indem Se. königl. Hoheit mir noch den Rath ertheilte, bei der Hitze das Arbeiten im Freien zu unterlassen, und nur – zu photographiren. Der Prinz selber besaß nach seiner Angabe eine gewisse Fertigkeit in diesem Handwerk, und war von der künstlerischen Bedeutung desselben durchaus überzeugt. Nachdem er eine meiner Cigarren geraucht, trennten wir uns zu beiderseitiger Zufriedenheit, Se. königl. Hoheit zogen mit derselben Präcision, welche unsere jungen Militärs bei der Annäherung eines Stabsoffiziers im Zuhaken des steifen Rockkragens entwickeln, den Schurz dienstmäßig bis zum Nabel hinauf und verschwanden. Der bürstenartige Haarschopf, den der Prinz, wie alle Siamesen, auf dem Vorderkopfe trug, während sonst der ganze Schädel glatt rasirt war, hatte ihm ein höchst komisches Ansehen verliehen; ich brauchte mehrere Tage, um mich an diese Haartracht zu gewöhnen, ohne den Leuten ins Gesicht zu lachen. Das Leßler'sche Ehepaar ergötzte sich bei Tisch ungemein über meine Beschreibung, und wir befanden uns in der besten Laune, als die kleine Lina durch laute Wehklagen uns vom Tisch aufschreckte. Dem lieben Kinde war ein großes Herzeleid widerfahren. Mistreß hatte für unser Dessert eigenhändig einen kleinen Kuchen eingerührt und gebacken, denselben aber, da die weißen Ameisen in Geschwadern darüber herfielen, auf das Geländer der Estrade in die Sonne gesetzt; Lina war im Schatten daneben stehen geblieben, theils aus Freude über die fliehenden Ameisen, theils aus Anhänglichkeit an den Kuchen. Nun hatten aber auch die im Garten horstenden blauschwarzen Raben von dem Kuchen Notiz genommen, 258 und der stärkste Chorführer war herbeigeeilt, um sich des Gebäcks zu bemächtigen und dasselbe zu seinen Gefährten zu tragen. Als wir dem schreienden Kinde zu Hülfe eilten, waren nur noch einige Brocken vorhanden. Der kräftige Vogel hatte den Kuchen hundert Schritte weit außer Schußweite unserer Revolver geschleppt. Nach Tisch statteten wir nordamerikanischen Missionären unseren Besuch ab und wohnten der Abendandacht einiger neu bekehrten Chinesen bei, welche sich auch an dem Vortrage der erlernten Choräle betheiligten. Der würdige Geistliche hatte sich an demselben Tage von einem Landsmanne und Freunde getrennt. Dieser litt an den Folgen eines Sonnenstiches, und es war nichts übrig geblieben, als ihn in die Heimath zurückzusenden. Das Gehirn der Eingeborenen zeigt nicht die gleiche Empfindlichkeit; ich habe sie stundenlang aus meinem Fenster ohne Kopfbedeckung und Sonnenschirm arbeiten gesehen.

Unweit des Leßler'schen Hotels liegt ein chinesisches Spielhaus, mit dem unentgeltliche Theatervorstellungen verbunden sind. Die Blancs von Bangkok, Monaco, Baden-Baden und Homburg scheinen aus demselben Holze geschnitzt zu sein. Ich nahm Platz vor der Bühne und suchte dem Gange der Vorstellung zu folgen, die aus einem Ballet bestand. Die Tänzerinnen, fast sämmtlich dürftige Gestalten, bedienen sich sowohl beim Tanze, als auch in der Action, ungleich weniger der Beine, als die europäischen Balletmitglieder. Nur der Oberkörper und die Arme sind unablässig in Bewegung. Die männlichen Tänzer beschränken sich auf komische Rollen. Ein eigenthümlicher Schmuck der Damen besteht in mehrzölligen, glänzend polirten, hinten übergekrümmten Nägeln, die gleich Fingerhüten an allen 259 zehn Fingern befestigt werden und wahrscheinlich dem Gebehrdenspiel gehörigen Nachdruck verschaffen sollen. Die Hauptpersonen des Ballets waren eine Prinzessin und ein Hofnarr. Die Freiheiten, welche sich Letzterer gegen seine Gebieterin herausnahm, waren jedoch der Art, daß die europäische Sittenpolizei die Vorstellung des Ballets noch vor dem Actschluß unterbrochen haben würde. Die Habitués von Bangkok nahmen indessen an den kühnen Griffen des Hanswurstes nicht den geringsten Anstoß, sie schauten dem frivolen Schauspiele mit einer Ehrbarkeit zu, als wären sie bei einer religiösen Feierlichkeit zugegen. Da die Handlung nicht vorrückte und die Acteure über Wiederholungen ihrer Gesten nicht hinauskamen, begab ich mich in das angrenzende Spielhaus, das von einem weit zahlreicheren Publikum gefüllt war. Das Spiel hatte einige Aehnlichkeit mit unserer Roulette, und die Spieler betheiligten sich daran mit derselben Leidenschaft und – demselben Mißgeschick, wie die Pointeurs in unseren Bädern. Um der Bank mein Entree für den Theaterbesuch nicht schuldig zu bleiben, setzte ich eine kleine Silbermünze, die selbstverständlich sogleich verloren ging. Der chinesische Banquier war jedoch nicht Willens, von der Unwissenheit eines Fremden Vortheil zu ziehen, er reichte mir das Geldstück zurück, indem er in leidlichem Englisch hinzufügte: er könne es nicht nehmen, weil ich nach seinem Dafürhalten das Spiel nicht verstehe. Da ich ihn mit gleicher Zuvorkommenheit ersuchte, es als Geschenk von mir anzunehmen, weigerte er sich nicht länger und steckte das runde Silberklümpchen in die Tasche. Am 9. März besuchten wir alle den Gottesdienst, welchen Sir Robert Schomburgk an jedem Sonntage in seinem Hause 260 abhält. Er las außer einigen Gebeten eine kurze Predigt vor, und die anwesenden Europäer folgten seinem Vortrage mit großer Aufmerksamkeit. Ihr leichenhaftes Aussehen fiel mir, nebenbei bemerkt, unangenehm auf. Die Monate März und April werden in Bangkok als die heißesten, und in Betracht der sumpfigen Lage des Ortes, auch als die ungesundesten des Jahres bezeichnet.

Am 10. März war ich auf einer frühen Wasserfahrt zufällig Zeuge des hier üblichen Bestattungsverfahrens. Allerdings werden die Gebeine der Verstorbenen auch in Siam verbrannt, allein man schneidet vorher das Fleisch von den Knochen und calcinirt nur letztere im Feuer. Wie in Calcutta und Benares waren die Mauern des Verbrennungsplatzes mit Aasgeiern und allerlei kleineren Raubvögeln bedeckt, die sich der hingeworfenen Fetzen so gierig, wie unsere Hühner der Gerstenkörner, bemächtigten, und den Leichenschlächtern beinahe aus den Händen fraßen. Um drei Uhr Nachmittags begaben wir uns in den Palast des ersten Königs, der in Folge einer Anfrage Sir Roberts uns diese Stunde bestimmt hatte. Schomburgk holte mich in einem eleganten, mit zwölf Ruderern besetzten Boote ab, von dessen Bug eine große englische Flagge wehte. Nach einer halben Stunde hatten wir den oberhalb der schwimmenden Stadt gelegenen Palast erreicht; auf dem Landungsplatze wurden wir von einem höheren alten Diener Sr. Majestät erwartet und unter eine Veranda geführt, wo wir Platz nehmen durften. Zu unserer Erfrischung war eine große Delikatesse der Gegend: kaltes Wasser aufgestellt, doch starrten die Gläser dergestalt von Schmutz, daß Sir Robert seinen Foulard aus der Tasche zog und mich durch 261 eine gelungene große Wäsche bewog, seinem Beispiel zu folgen.

Reinlichkeit erhält den Leib,
Ziert den Knaben, Mann und Weib!

sang ich und hielt das Glas noch einmal gegen den dunkelblauen Himmel, ehe ich das in Eis gekühlte Naß einzuschenken wagte. Wir waren nicht allein. Um uns auf der Veranda, und in dem angrenzenden Saale kauerte auf dem Fußboden eine Menge Neugieriger, die sich nicht von den Knien und Ellenbogen zu erheben wagten. Sir Robert war von der Hitze des Tages erschöpft und litt an einem Uebelbefinden, ich hütete mich daher, ihn mit Fragen zu belästigen, wiewohl ich gern erfahren hätte, ob diese devoten Personen zum Hofgesinde, oder nur zu einer loyalen Fraction gehörten, die sich hier versammelt hatte, um im günstigsten Falle des Anblicks ihres Landesherrn theilhaftig zu werden. Se. Maj. ließen uns nach der Landessitte, die den europäischen Satz: »Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige« nicht kennt, ungebührlich lange warten, ich besichtigte daher inzwischen einen, an die Veranda stoßenden, etwas stallartigen Palast, in dem ein weißer Elephant und ein gleichfarbiger Affe aufbewahrt wurden. Nicht nur das Wappenthier der siamesischen Krone, sondern auch der ältere Vetter unseres Geschlechtes, verdankten ihren lichten Teint nur einer Abreibung mit Kreide, von der ich einen Vorrath in pulverisirtem Zustand in einer Ecke des Stalles entdeckte. Ueber diesen vielleicht unschicklichen Nachforschungen, an denen mich aber Niemand hinderte, entging mir nicht, daß unterdessen viele Große des Reiches und kleine fette Prinzen, die zum Hausstande des Königs gehören mochten, über den 262 weiten Hof in den Palast geeilt waren. Zum Theil wurden sie in Palankinen getragen, zum Theil saßen sie zu Pferde, nur die Inhaber geringerer Grade gingen zu Fuß, über dem Haupte eines Jeden trugen aber buntgekleidete Diener einen enorm großen, oft goldgestickten Sonnenschirm. Endlich erschien ein Ceremonienmeister und lud uns ein, ihm zu Sr. Maj. zu folgen. Meine Uhr zeigte auf vier; der Allergnädigste hatte uns eine volle Stunde warten lassen. Ich reichte Sir Robert den Arm und folgte dem diensteifrigen Hofmann. 263

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