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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 19
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XVIII.

Singapore. Zusammentreffen mit einem Tiger. Sir Stamford Raffles. Der Rajah von Johore. Gesundheitsstation. Der Dampfer Chow Phya. Flüchtige Mörder an Bord. Der Teifun.

Unser Capitän hatte den Aufenthalt in Malaka benutzt, den schwindenden Kohlenvorrath durch 2000 Kloben Holz zu verstärken, und wirklich brachte es die flügellahme Baltic in Folge der stärkeren Feuerung Nachts bis auf zehn Knoten in der Stunde, und nach achtzehnstündiger Fahrt langten wir am 23. Februar 7 Uhr Morgens wohlbehalten auf der Rhede von Singapore an. Der Himmel war und blieb den Tag über zart verschleiert, und unbehelligt von dem gewöhnlichen Sonnenbrande durften wir den malerischen Prospect der Rhede und der sanft welligen Ufer genießen. So artig hatte man uns außerdem noch nirgends empfangen. Kaum waren die Anker gefallen, als die Baltic von chinesischen Booten umzingelt wurde, deren Insassen uns ihre Dienste anboten und ihre Waaren anpriesen. Die Mehrzahl der Böte war mit Orangen, Ananas, Cocusnüssen, Mangos, Zuckerrohr, Jackfrüchten und anderen beladen, für die mir keine deutschen Namen zu Gebote stehen; in anderen saßen Vogelhändler und 236 Conchyliensammler. Ein über und über mit rothen, grünen, blauen und weißen Papageien bedecktes, oder mit phantastisch geformten Muscheln vollgepacktes Boot gewährt stets einen fesselnden Anblick. So rasch als möglich suchte ich von dem verräucherten Dampfer ans Land zu kommen.

Singapore macht von Weitem den Eindruck einer chinesischen Stadt, da die einzelnen europäischen Häuser und Kirchen nicht wesentlich hervortreten, doch mußte ich meine Ungeduld mäßigen; es war nicht leicht, bei dem lebhaften Verkehr zwischen den auf der Rhede vor Anker liegenden Schiffen, deren Zahl ich etwa auf 100 veranschlage, den Strand zu erreichen. Hier wird auf der See förmlich schwimmender Wochenmarkt gehalten. Die rührigen Chinesen fuhren in ihren Böten von Schiff zu Schiff, von Dschunke zu Dschunke, und stellten tausenderlei Dinge für Küchen- und Wirthschaftsgebrauch zum Verkauf. Endlich hatten wir das Gewirr hinter uns, das Boot landete und acht Kulis trugen, da es für die Fiaker noch zu früh war, im wilden Lauf mein Gepäck in das zwanzig Minuten entfernte Hotel de l'Europe, ein gut eingerichtetes, von einem Franzosen verwaltetes Haus. Die Erfahrung hatte mich gelehrt, daß es rathsam sei, zwischen den Wendekreisen jede erträgliche Temperatur zur Arbeit zu benutzen; nach einem flüchtigen Anstandsbesuche im preußischen Consulat machte ich mich daher gleich ans Werk und fuhr nach dem Telegraphenberg, von dem aus man die Bay, im Vordergrunde die Stadt und nach der Kehrseite das Hinterland des nach der Seeseite sanft abgedachten Terrains überblickt. In den Nachmittagsstunden flanirte ich mit meiner Zeichenmappe unter dem Arm, es blies erfrischend vom Meere aus und 237 die feuchte Seeluft belebte die müden Athmungswerkzeuge und Kopfnerven; es verursachte mir keine Beschwerden, mehrere kleine, architektonisch bemerkenswerthe Skizzen aus dem malayischen und chinesischen Stadtviertel zu Papier zu bringen. Ich war so wenig ermüdet, daß ich nach dem Diner um Sonnenuntergang meine Promenade am Strande etwas weiter ausdehnte und mich etwa vier- bis fünfhundert Schritte über die letzten Hütten der malayischen Fischer hinaus entfernte. Die Sonne war untergegangen und der Mondschein glitzerte traulich auf dem Kamme der leichten Wellen. Wer hätte der Versuchung widerstehen können? ich entledigte mich der Schuhe und Strümpfe, schlenderte in dem kühlen Wasser weiter und sammelte Muscheln, die zu Tausenden von jeder Größe und Form den feuchten Sand bedeckten. Die unheimliche, nervöse Aufregung, die sich bei einer hohen Temperatur schwer überwinden läßt, war von mir gewichen; ich fühlte mich unsäglich beruhigt. Der Himmel mag wissen, wie weit ich noch gewandert wäre, wenn mich nicht ein vom Lande aus bis in die See reichendes Mangrovengebüsch an die Umkehr gemahnt hätte. Ungefähr ein Dutzend Schritte that ich noch, da gebot mir ein unerwarteter Gegenstand plötzlich Einhalt. Halb im Schatten der Mangroven, halb im Mondlicht, stand ein großer Tiger vor mir und machte geschmeidige Bewegungen mit seinem Schwanze. Ungeachtet meines tödtlichen Schreckens bemerkte ich doch, daß das Unthier über und über naß, also eben aus dem Meere gekommen war. Man wird mir nicht zumuthen, meine Empfindungen zu beschreiben, ich weiß nur noch, daß im ersten Augenblicke meine Glieder bleischwer wurden, und mit einem Schlage alle 238 Gräuelgeschichten, die ich jemals von Tigern vernommen, in meiner Erinnerung aufstiegen, daß ich dann aber gleichsam Schwingen erhielt, blitzschnell Kehrt machte, und so schnell mich meine Füße tragen wollten, den menschlichen Wohnungen zueilte. Nur einmal blickte ich scheu zurück; der Tiger war mir nicht gefolgt. Er stand nach wie vor in einer abwartenden Stellung, aber ich sehe noch heute in Gedanken seine weithin leuchtenden Augensterne. Sinn- und athemlos erreichte ich das Hotel und mein Zimmer, und warf mich schwer keuchend auf mein Lager. Nach einer halber Stunde hatte ich mich so weit gesammelt, um in den Eßsaal hinab zu steigen und mein Abenteuer dem Wirthe zu erzählen. Weit entfernt, mich zu bedauern, überhäufte er mich obenein mit wohlgemeinten Vorwürfen. Er hielt mir eine förmliche statistische Vorlesung über die Tiger in Singapore. Kein Individuum, das noch seine fünf Sinne beisammen habe, nehme sich nach Sonnenuntergang eine ähnliche Promenade heraus, ohne Begleitung von Fackelträgern, Tamtamschlägern und einigen Schützen mit geladenen Büchsen. Nur selten vergehe ein Tag, an dem nicht ein Einwohner von Singapore einem Tiger zur Beute falle. Eine so ansehnliche Prämie die Regierung für jedes erlegte Raubthier zahle; es gelinge nicht, ihre Zahl zu vermindern, da sie vom Festlande aus über den schmalen Meerarm schwimmen und sich eben so den angestellten Verfolgungen entziehen. »Wenn Sie noch ein wenig warten wollen, so werden Sie gleich einen Unglücksgefährten kennen lernen!« schloß der redselige Wirth. Es dauerte nicht lange, so traten drei Engländer in das Zimmer, deren Jüngster, ein Knabe von 15 Jahren, auf 239 beiden Wangen durch furchtbare Narben entstellt war. Der Wirth zog mich bei Seite und erzählte mir, daß der junge Mensch am Strande von einem Tiger, der sich an ihm aufgerichtet, angefallen worden sei, aber in der Todesangst ein so entsetzliches Geschrei ausgestoßen habe, daß die erschrockene Bestie ihn losgelassen und wieder in das Dickicht gesprungen sei. Die Spuren der unsanften Berührung werde er, wie ich wohl sähe, in das Grab mitnehmen. Die Krallen des Ungethüms hatten dem armen Knaben das Fleisch von beiden Backen heruntergerissen. Der landesübliche Nachttrunk, dem die Engländer stark zusprachen, machte mich bald mit ihnen bekannt, und unsere Unterhaltung drehte sich bis tief in die Nacht hinein nur um Tiger. Nach den Angaben der Herren zahlt die Regierung für jedes erlegte Thier eine Prämie von 10 Pfd. Sterling, doch finden sich verhältnißmäßig nur wenige Jäger. Gemeinhin sucht man die Tiger in Gruben zu fangen. Eine Tiefe von 20 Fuß ist ausreichend, das Thier vorläufig unschädlich zu machen. Früher wurden unten Spieße aufgerichtet, aber da zuweilen auch Menschen in diese kunstvoll mit Reisig und Schilf bedeckten Gruben stürzten, ging man von dieser Methode ab. Die gefangenen Tiger werden in den Gruben mit Schlingen erwürgt oder durch eine Büchsenkugel erlegt. Meine Leidenschaft für einsame und beschauliche Spaziergänge war durch mein heutiges Abenteuer, die Bekanntschaft mit dem entstellten jungen Engländer und die Erzählungen der Herren sehr vermindert worden; ich gedachte wehmüthig meiner gefahrlosen Herbstpromenaden vor den Thoren 240 Berlins, wo höchstens ein Hase vor dem Fußgänger aufspringt und durch die Stoppeln davonjagt.

Mit Ausnahme zweier Spazierfahrten in die Umgegend von Singapore, die der Besichtigung europäischer Landsitze gewidmet waren, beschränkte ich mich fortan auf das Studium des Innern der Stadt. Singapore hat als einer der wichtigsten Knotenpunkte des Weltverkehrs noch eine große Zukunft. Die englische Regierung verdankt die Wahl und Erwerbung dieses wichtigen Punktes, einer kleinen Insel an der Südspitze der Halbinsel von Malaka, dem Scharfblick des Sir Stamford Raffles. Dieser war während jenes Intermezzos, das die Engländer in den zeitweiligen Besitz der Sundainseln brachte, General-Gouverneur auf Java gewesen. Nachdem der Wiener Frieden England zur Räumung der Insel genöthigt, beschloß Sir Stamford, dem damaligen Hauptpunkte des beginnenden Handels mit China und Japan, der Stadt Batavia, einen Concurrenzhafen zu schaffen. Der Besitzer von Singapore, der Raja von Johore, wurde zum Verkauf der kleinen Insel an die Krone Englands veranlaßt, und die durch ihren Ankergrund und die Sicherheit der Rhede berühmte Bay zum Freihafen erklärt, der gar bald ein Handelsasyl für alle Völker des Orients, wie für gewinnlustige Einwanderer aus Europa werden sollte. Der Schifffahrt ist nur eine kleine Abgabe auferlegt, die zur Unterhaltung der Leuchtthürme dient; von allen anderweitigen Zöllen ist sie durchaus befreit. Die eigenthümliche Lage des Hafens und der Stadt bringt sie mit allen Schiffen in Berührung, die, gleichviel ob aus dem Süden oder Westen kommend, in das chinesische Meer gelangen 241 wollen. Singapore ist so gut eine Hauptstation für die Poststeamer zwischen Europa und China, wie für Kauffahrer von Bombay, Madras, Calcutta, Rangoon und Maulmen. Engländer, Franzosen, Russen und Amerikaner haben hier Kriegsfahrzeuge zum Truppentransport stationirt, und kein Schiff wirft in Singapore Anker, ohne sich zu verproviantiren, mit Kohlen und frischem Wasser zu versehen.

Zudem gilt der Strand von Singapore auf Grund der frischen Seeluft für eine Gesundheitsstation des östlichen Asiens. Durch diese überaus günstigen Bedingungen hat sich hier ein Völkergemisch gebildet, wie man es schwerlich auf einem anderen Punkte des Erdballs antreffen wird. Die Mehrheit der Ansiedler besteht wieder aus Chinesen, doch gehören sie weniger der handeltreibenden, als der arbeitenden Klasse an. Wenn sie in acht oder zehn Jahren so viel erworben haben, um fernerhin mäßig, aber sorgenfrei leben zu können, kehren sie in ihr Vaterland zurück. Die Liebe zur Heimath ist in dem Chinesen, wie in den Alpenbewohnern unauslöschlich; es wurden mir Fälle erzählt, in denen arme Chinesen an den Folgen des Heimwehs gestorben sind. Einen himmelschreienden Contrast mit diesem fleißigen und intelligenten Menschenstamm, der nach meiner Meinung dereinst noch eine erhabene Mission in der Zukunftspolitik Asiens zu erfüllen haben wird, über welche die Staatsmänner Großbritanniens bei Zeiten nachdenken mögen, bildet die von den Inseln Celebes, Sumatra und Borneo eingewanderte Mannschaft. Die aus Eingeborenen und verwilderten Portugiesen rekrutirte und trefflich dressirte Polizei von Singapore sorgt zwar 242 ausreichend für die Sicherheit der Einheimischen und Fremden, und ich habe persönlich keine Ursache, mich über die erwähnten Herren Insulaner zu beklagen, doch glaubte ich in ihren Augen eine Geschmacksrichtung zu lesen, die mit der europäischen Feinschmeckerei in geradem Widerspruche steht. An einer entlegenen Küste möchte ich mit diesen Gentlemen eben so ungern zusammentreffen, wie mit einem hungrigen Tiger. Ihrem Wuchse nach bilden sie eine wahre Elite der Asiaten. Von den Einwanderern aus Celebes, den Menschenfressern der Frau Ida Pfeiffer, könnte jeder einem Bildhauer als Modell einer Herkules-Statue dienen.

Ungeachtet die Vegetation der Umgegend von Singapore, im Vergleich mit Rangoon und den paradiesischen Reizen der Insel Penang, vermöge des dürftigeren Bodens an Magerkeit leidet und die Architektur nichts Alterthümliches aufweist, suche ich doch unablässig kleinere Veduten zu Papier zu bringen, wobei ich mehr von der Hitze, als von den Menschen zu leiden habe. Der hiesige fortwährende Verkehr mit Europäern hat selbst die rohesten Barbaren ein wenig geglättet. Man läßt mich hier ungeschoren auf der Straße arbeiten und ist zufrieden, mir aus einiger Entfernung zuzuschauen. Ein alter Chinese, dessen Häuschen ich malen wollte, holte sogleich einen Stuhl, bedeckte ihn mit einem seidenen Tuche und nöthigte mich durch Zeichen zum Sitzen. Dann rief er sein Großkind, ein dreijähriges gelbes Männchen mit schiefgeschlitzten Aeuglein, und suchte es mit dem Anblick des weißen Teufels vertraut zu machen. Wir waren bald einverstanden, der Kleine blieb ruhig neben mir stehen, reichte 243 mir, so oft ich es verlangte, gehorsam das Händchen, und schaute so aufmerksam und still, wie ich es nur bei chinesischen Kindern beobachtet habe, der Malerei zu. Bei meiner heiligen Scheu vor den Tigern, beschränke ich meine abendlichen Excursionen auf Promenaden am städtischen Ufer. Man sieht stets etwas Neues und wäre es auch nur die arme Mannschaft eines Hamburger Dreimasters, die nach siebenmonatlicher Reise um das Cap der guten Hoffnung endlich hier angelangt ist, und, den Capitän nicht ausgenommen, so schwer am Scorbut leidet, daß sie eine gründliche Kur durchmachen muß, ehe sie ihre Reise nach China fortsetzen darf, oder vereinzelte menschliche Gestalten, die bei ihrer sprechenden Aehnlichkeit mit Orangoutangs der Darwinschen Theorie von der Abstammung des Menschen das Wort zu reden scheinen.

In Betreff meiner Reisepläne nach Siam und Bangkok werde ich im Hotel und in den hiesigen europäischen Familien eben nicht ermuntert. Ueberall stellt man mir den Tod durch eine klimatische Krankheit in Aussicht, ich lasse mich indessen nicht entmuthigen. Die trotz der Hitze doch belebende Luft von Singapore hat meine Kräfte gestärkt; ich werde getrost das Wagniß unternehmen. Der Dampfer ist am 26. Februar angelangt und ich habe für die Ueberfahrt nach Bangkok, also für vier bis fünf Reisetage, die unerhörte Summe von 100 spanischen Dollars (600 Francs) bezahlt. Das Schiff selbst verspricht mit Ausnahme seines hochtönenden Namens nicht viel Gutes. Die siamesische Inschrift lautet nämlich »Chow Phya« was dem Worte »Excellenz« gleichkommen möchte, doch sieht der Dampfer wie alles Andere, nur nicht wie das 244 Fahrzeug einer Excellenz aus. Und doch betreibt Se. Maj. der König von Siam selber in Gemeinschaft mit einem chinesischen Rheder das Geschäft! Die letzten Stunden bis zur Abfahrt suche ich noch so gut als möglich zu benutzen. Der Besuch des eine Meile von der Stadt entfernt auf einem Hügel liegenden botanischen Gartens bot bei der Neuheit der Anlage nichts Bemerkenswerthes, das Interessanteste bleibt in diesem Mittelpunkt des östlichen Weltverkehrs immer der Mensch. Auf Sprachkenntnisse läßt sich auch hier ein Fortkommen bauen. Der eingeborene Diener erhält, wenn er einige Worte englisch versteht und spricht, ein monatliches Salair von 15 Dollars (21 Thlr.), den gleichen Ertrag muß man jedoch auch zahlen, wenn man ihn nur für wenige Tage miethet. Singapore wimmelt übrigens von Verbrechern, da England die vorderindischen Uebelthäter hierher zu senden pflegt, doch leidet darunter nicht die Sicherheit der Stadt. Für die Integrität des Inhalt seiner Taschen hat Jeder, wie überall in Asien, selber einzustehen. Noch am letzten Tage begegneten mir zwei chinesische Diebe, die Don Rosario, ein Polizist von portugiesischer Abkunft, nach dem Gefängniß beförderte. Der verständige Beamte hatte die Zöpfe der Langfinger zusammengeknüpft, und führte sie so, wie an einem Zaume, durch die Straßen.

Am 27. Februar bestieg ich den schweißtriefenden Rücken eines Malayen, acht seiner Vettern bemächtigten sich meiner Koffer, und so wurde ich sammt Inventarium in ein Boot geschleppt und an Bord der Chow Phya gerudert, die uns mit dem traurigen Summen eines schlecht geheizten Theekessels empfing.

245 Wir sind unser nur drei Passagiere erster Klasse an Bord, ein französischer Gesandtschafts-Secretär, der fortwährend von Verwünschungen der Engländer übersprudelt, eine englische Dame und meine Wenigkeit, doch wird unser kleiner Zirkel durch unzählige Cockroaches und weiße Ameisen verstärkt. Ungleich mehr Leben herrscht auf dem Vorderdeck unter den einheimischen Passagieren dritter Klasse. Sie theilen den Raum mit einem weißen Pony, mehreren Truthähnen, unseren Sonntagsbraten, einer Schaar Hühner und Enten, einem Dutzend wilder Hunde, Ratten und Mäusen, Affen und Papageien. Unter den Touristen befinden sich auch zwei Mörder. Er, ein geborener Amerikaner, hat einen Kaufmann in Birmah umgebracht, sie, eine Irländerin, hat es als Dame bei dem schwachen Versuch, einem schlafenden Brahminen eine Nadel durch das Ohr in das Gehirn zu bohren, bewenden lassen. Beide haben mehrere Jahre in Singapore gesessen und beabsichtigen, da sie einmal dem Strick entronnen sind, in Bangkok ein neues Leben anzufangen. Als einzige Passagiere zweiter Klasse haben sie in holdem seelischen Einverständniß gleich eine wilde Ehe geschlossen, und erscheinen bei Tage und bei Nacht als Inseparables. Mir ist als Schlafstelle auf dem Quarterdeck vom Capitän ein Häuschen angewiesen, das weder verschlossen noch von Innen verriegelt werden kann, ich habe deshalb, da ich eine namhafte Summe Goldes bei mir führe, meinen Revolver frisch geladen und an einer handlich zugänglichen Stelle über meinem Lager angebracht. Seit meiner Anwesenheit in Cawnpore und Lucknow trennte ich mich nicht mehr von diesem Hausgeräth.

246 Nicht weniger Besorgniß erregend als diese Gesellschaft ist die Vertheilung der Kohlen und Frachtstücke auf der Chow Phya. Der Schwerpunkt der Ladung nähert sich dem Steuer, und während das Bugspriet sich gleich einem bäumenden Pferde hoch in die Luft erhebt, sinkt das Hinterdeck zuweilen so tief, daß die Wellen über Bord rollen; ein Uebelstand, der uns doch immer von den umherlaufenden Cockroaches und Ameisen befreit. Nur der Capitän und zwei Steuermänner sind Weiße, die ganze Mannschaft besteht aus Chinesen und Malayen. Die Fahrt zeigt wenig Bemerkenswerthes.

Bald nach Lichtung der Anker zog zur Rechten eine stattliche Wasserhose vorüber, später dampften wir an einem kegelartig aus dem Meere auftauchenden Felsen vorbei, der fliegenden Fische zeigten sich Legionen. Am ersten März schifften wir bei dicht bedecktem Himmel zwischen einigen Inseln hindurch, deren Bewohner seit Jahren der Menschenfresserei überführt sind. Die See war ruhig, es fing an stark zu regnen und wir schwebten nicht in Gefahr, auf den Strand zu laufen und an den Bratspieß, oder doch nackt ausgeplündert in einen Käficht gesteckt zu werden, wie es an diesen barbarischen Küsten schon manchem Schiffbrüchigen ergangen sein soll.

Die Sonne ging, auf Regen deutend, unter, und auch der Mond durchbrach in der Nacht nur für seltene Momente das dichte Gewölk; um acht Uhr Morgens wurden wir am zweiten März durch den Angstschrei »Feuer an Bord!« aufgeschreckt. Eines der Rettungsboote war durch die aus dem Schornstein fliegenden Kohlen in Brand gesteckt worden. Die malayischen Matrosen stürzten sich 247 sogleich muthig in das hoch auflodernde Feuer, hundert Hände schafften Wasser herbei, und da nach einigen Minuten auch die Dampfspritze ihre Thätigkeit begann, war das Feuer bald gelöscht. Die Gefahr war nicht gering gewesen, denn in der Nähe des brennendes Bootes lag ein ganzer Berg frisch getheerter Taue und Segel, die eben so wenig dorthin gehörten, wie die auf unserem Rauchplatz zum Trocknen aufgehängten Windeln der Vorderdeck-Säuglinge.

Unser Leben fristen wir mit dem zähen Fleisch alter Hühner und Enten, die immer eine Stunde vor dem Diner vor unseren Augen ergriffen, geschlachtet und gerupft werden. Der Schmutz auf der Chow Phya hat mir vom ersten Augenblick an den Appetit verleidet, ich würde mich nicht wundern, wenn man uns alte Schuhsohlen als Rostbeaf servirte. Für Liebhaber von Compots habe ich mir ein Gemisch von Ananas, Zwiebeln, Pfeffer, Essig und Rhicinusöl notirt, das bei keiner Mittagsmahlzeit fehlt und in diesen Regionen die Volksthümlichkeit unserer Lazarethpflaumen und rothen Souper-Birnchen der Vereins-Soiréen zu genießen scheint. Das Compositum ist eine Erfindung der Chinesen.

Am 3. März hatten wir in der Nähe einer ihrer Stürme wegen berichtigten Inselgruppe einen kleinen Teifun (Wirbelwind) zu überstehen, in dem die Chow Phya sich gar wacker hielt. Unsere Reisegefährtin, eine liebenswürdige Engländerin, dauert mich am meisten bei diesen Mißhelligkeiten. Mrs. Leßler hatte einige Monate auf der Gesundheitsstation Singapore zugebracht und kehrte jetzt mit ihrem bildschönen Töchterchen Lina zu ihrem Gatten nach Bangkok 248 zurück. Die arme Frau ließ das Kind nicht aus den Armen, aber mehr als die kurze Feuersbrunst und der Teifun flößte ihr die Maschine der Chow Phya Besorgniß und Schrecken ein. Sie erzählte mir, daß vor zwei Monaten der Kessel gesprungen und das Schiff mit einem neuen versehen sei, der aber auch bereits einen Schaden davongetragen habe. Die anmuthige Frau drückte ihr ahnungslos lachendes Kind an die Brust, trocknete ihre Thränen und betheuerte, daß sie aus Furcht vor einer Explosion noch in keiner der bisherigen Nächte ein Auge geschlossen habe. 249

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