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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 17
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XVI.

Mr. Julius Schultze aus Akyab. Nothwehr gegen Hunde. Austern an Mangrovenzweigen. Ein Empfehlungsbrief von Lord John Russell. An der Küste von Pegu. Im Garten der Feen. Consul Niebuhr und sein Bär. Sie fängt Tiger.

In Besorgniß, zu spät an Bord zu kommen, wollte ich gleich nach dem Boote eilen, allein Mr. Schultze, der mit den Schiffsgebräuchen vertrauter war, beruhigte und bewog mich, auf dem Rückwege noch einen Abstecher in das nahe Bambusröhricht zu unternehmen. Am Abende vorher hatte mich die Menge der umherschwärmenden riesigen Fledermäuse in Erstaunen versetzt, aber bei dem rasch verglimmenden Tageslichte war es mir unmöglich gewesen, sie genauer zu betrachten. Jetzt führte mich mein Reisegefährte zwischen die Bambusstäbe, wohin sich die Gesellschaft bei Tage zurückgezogen hatte, und machte mich mit ihr bekannt. Die Ungeheuer sind in allen Naturgeschichtsbüchern als Blutsauger (Vampyre) verschrien, in der That aber gehören sie zu den harmlosesten und nützlichsten Geschöpfen und nähren sich lediglich von Insecten, die zwischen den Wendekreisen eine eben so reichliche als nahrhafte Kost bieten. Der Gestalt nach gleichen sie vollkommen unseren Füchsen 207 und messen mit ausgespannten Flügeln ungefähr 5 Fuß. In einer Höhe von zehn bis zwölf Fuß hingen sie, sich mit den Hinterklauen an die schlanken Rohrstämme klammernd, mit den Köpfen nach unten hinab. Viele schliefen, andere kratzten und bissen sich schreiend unter einander. Auf unserer Ueberfahrt nach der India sah ich auch zum ersten Male die nach chinesischem Brauche aus Matten angefertigten Segel der Eingeborenen.

Schon am 5. Februar, um 6 Uhr Morgens, befanden wir uns dicht vor Akyab, nachdem wenige Stunden vorher ein strahlendes Meteor unfern des Backbords der India in das Meer gestürzt war. Zahlreiche Kokospalmen und die vulkanische Formation der 1000 Fuß hohen Felsen geben der Küste ein malerisches Ansehen; in dem Hafen liegen sechs nordamerikanische Indienfahrer, um Reis zu laden. Da Mr. Julius Schultze hier ansässig ist und die India verläßt, begleitete ich ihn und nahm das Frühstück in seiner Wohnung, und zwar in Gesellschaft liebenswürdiger Damen ein, dann machte ich mit meiner Mappe unter dem Arm einen Spaziergang in Akyab und seiner nächsten Umgebung. Die kleine Stadt liegt pittoresk am Ufer des gleichnamigen Flusses, ist aber im Ganzen nur aus Bambusrohr und den Blättern der Kokospalme erbaut. Die Häuser stehen auf Pfählen und zwischen diesen leben Schweine, Hühner, Krähen und herrenlose Hunde in paradiesischer Eintracht untereinander. Letztere äußern jedoch keine ähnliche Duldsamkeit gegen Mitglieder der menschlichen Gesellschaft. Die zu jedem kleinen Straßenviertel gehörige Truppe verfolgt den Spaziergänger bis in das angrenzende Hunderevier, wo er von den vierbeinigen Ansiedlern mit Geheul erwartet und mit Zähnefletschen empfangen wird. Sie schienen es auf mich, der ich mit keinem Kantschu versehen war, besonders gemünzt zu haben. Zum Glück war mir ein englischer Passagier der India gefolgt. Dieser, als er mich durch die wüthenden Köter in die Enge getrieben sah, zog seinen Revolver aus der Tasche und feuerte darunter. Der wohlthätige Zweck war erreicht, die Hunde ließen sogleich von mir ab, fielen über den getödteten Gefährten her und verzehrten ihn mit Haut und Haaren. Ich nahm auf meinem Malerstuhl Platz und entwarf eine Skizze des Städtchens, aber es war unsäglich schwer, bei dem Andrange der Neugierigen zur Arbeit zu kommen. Sie trieben die Vertraulichkeit so weit, sich auf meine Schulter zu lehnen, um mir in das Papier zu blicken, die Bleifedern und sonstige Zeichenmaterialien in die Hand zu nehmen und zu betrachten. Da nun auch die Hunde mit ihrem unerwarteten Frühstück fertig waren und sich mir wieder näherten, packte ich meine Utensilien zusammen und folgte einem Leichenbegängniß, das eben vorüberzog. Der Todte lag in einem fabelhaft verzierten, pyramidenartig geformten Wagen, in dessen Drachengestalten lebendige Menschen steckten und die Glieder bewegten, und wurde unter musikalischer Begleitung eines Tamtams und lebhaftem Gebehrdenspiel der Leidtragenden vor die Stadt hinausgefahren, in eine flache Vertiefung auf den Erdboden gelegt und mit einer leichten Sandschicht bedeckt. Einige tausend Schritte weiter lauerte eine Heerde von Schakals, aus deren aufgerichteten Spürnasen ich schloß, daß ihnen der Hauptact der Bestattung des Verewigten vorbehalten blieb. Die Einwohnerschaft von Akyab bekennt sich zum Buddhaismus. Weiterhin am 209 Seeufer gelang es mir, den im Wasser stehenden Mangrovenbäumen mich so weit zu nähern, um die an den unteren Zweigen hängenden Austern bemerken zu können. Auf dem Tiffin des Mr. Schultze waren sie in dieser Gestalt, noch vom Laube bedeckt, servirt worden, und ich freute mich, sie im Naturzustande aufzufinden. Die Qualität der indischen Austern ist sonst ausgezeichnet, auch giebt es eine tellergroße Species, die von den Eingeborenen in Stücke geschnitten und gekocht wird.

Auf den Straßen befremdete mich die Menge der Blinden und an der schrecklichen Elephantiasis, einer abnormen Fußgeschwulst, Leidenden. Um drei Uhr erschallte wieder das Kanonensignal und eine Stunde später stachen wir in See. An Passagieren haben wir Zuwachs erhalten, er besteht in zwei buddhaistischen Bonzen. Die geistlichen Herren tragen citronengelbe Gewänder, und geben sich, um den Deckpassagieren, die der Mehrzahl nach aus Birmanen bestehen, zu imponiren, ein tiefsinnig priesterliches Air. Kaum waren sie an Bord erschienen, so drängten sich die braunen Weiber zu ihnen heran und beteten. Diese Function wurde jedoch nicht unentgeltlich verrichtet, die frommen Männer hatten am Gürtel Geldkästchen befestigt und verstanden die dargereichten baaren Dankesspenden, da ihnen ihre Satzungen verbieten, Geld mit bloßen Händen zu berühren, mit kleinen Bambusstäbchen sehr geschickt in sicheren Gewahrsam zu bringen. Den Rest des Tages enthielten sie sich jeglicher Nahrung, denn nach 12 Uhr Mittags dürfen sie nichts mehr genießen. Am nächsten Tage fand ich jedoch sattsam Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß sie in den Frühstunden die nöthigen Vorsichtsmaßregeln 210 ergriffen, um nicht Hungertodes zu sterben. Beide Bonzen waren wohlbeleibte und gesunde Männer.

Der Sonnenuntergang brachte uns wieder ein entzückendes Farbenspiel von Zinnober- und Rubinroth und die Nacht ein Kampfspiel mit Mosquitos und Cockroaches, in dem ich mich nicht zu den Siegern zählte; den Ueberrest von Morgenschlaf verkümmerte mir die hochgehende See und die mehrstündige Abwaschung des Verdecks. Zu Ehren der ostindischen Company oder des Capitäns der India muß ich hier ein Wort zum Lobe unserer Bibliothek sagen. Statt unzüchtiger französischer Unterhaltungsschriften haben wir vierzig Exemplare der Bibel an Bord, doppelt so viel, als wir bedürfen, denn die kleine India vermag nur zwanzig Passagiere erster Klasse zu beherbergen. Die lesekundigen Passagiere machen jedoch davon keinen Gebrauch. Nicht einmal die elende Unterhaltung treibt sie an, ein Buch in die Hand zu nehmen. Jeder sucht sich, so viel als thunlich, zu isoliren. Nur eine 17jährige Engländerin bildet einen Mittelpunkt der Anziehungskraft. Das unvergleichlich schöne Mädchen, das stets am Arm seiner Mutter erscheint, steht im letzten Stadium der Schwindsucht und gleicht mit dem ätherischen Glanz der blauen Augen, den schmalen Füßchen und den kleinen Händen schon jetzt einem verklärten Geiste. Beide Damen hüllen sich gewöhnlich in dichte Schleier und ziehen sich auf die entlegenste Stelle des Quarterdecks zurück. Aus anderweitigen Gründen hüllen sich die an Bord befindlichen beiden englischen Offiziere in tiefes Schweigen. Daß der Major Niemanden eines Blickes und Wortes würdigt, erscheint durch den hohen Rang des Kriegers gerechtfertigt, daß er aber auch an dem sich ihm zuweilen vorsichtig 211 nähernden Lieutenant nur disciplinarisch schroff betonte, kurze Phrasen richtet, scheint mir ein Zeichen von heroischer Resignation, deren nur Häuptlinge der englischen Nation fähig sind. Der arme Lieutenant hat keinen Untergebenen, an dem er auf ähnliche Weise Revanche nehmen könnte, es sei denn, er wollte sich an den auf dem Verdeck kauernden Birmanen reiben. Diese gehen indessen jedem Europäer aus dem Wege und kauen ihren Reis mit Zuckerrohr in stiller Zufriedenheit. Noch ist eine Obristenfrau vorhanden, die das Sprechen ganz aufgegeben zu haben scheint. Nur einmal, als ich, bei Tisch neben ihr sitzend, sie vor den Lebern der angeblich kranken Hühner warnte, um mich gleich darauf derselben zu bemächtigen, glaube ich ein dumpfes Knurren gehört zu haben. Eben so wenig antwortet sie den anderen Damen. Bei dem Mangel an jeglicher Unterhaltung reichen daher die geringsten Ereignisse zur Ausfüllung eines ganzen Vormittags hin. So hatte der birmanische Barbier beim Rasiren dem Major ein wenig in das Kinn geschnitten, und der Heilgehilfe der »India« mußte gerufen werden. »Was haben Sie für Pflaster?« herrschte der Kriegsgebietiger den Jünger Aesculap an. Dieser zog drei Röllchen weißen, rothen und schwarzen Pflasters hervor und fragte zuvorkommend, von welcher Sorte sein Vorgesetzter befehle? Der große Mann durchbohrte erst die Waare, dann den Pflasterkasten mit Blicken und antwortete höchst majestätisch: »Legen Sie mir das kleidsamste auf.« Am Mittagstisch erschien der Major mit einem schwarzen Streifen über der Blessur. Mein Nachbar, ein Rhicinus-Agent, machte eine sehr treffende Bemerkung. Als ich ihm nämlich auf seine Frage: weshalb ich reise, zur Antwort 212 gab: zu meinem Vergnügen, äußerte er ganz naiv, daß er nicht begreifen könne, wie es ein Vergnügen sei, auf einem solchen Schiffe, mit dieser Gesellschaft, bei einer so nichtsnutzigen Verpflegung und so beträchtlichen Kosten zu reisen. Der gute Mann hatte nicht Unrecht, alles Trinkwasser ist lauwarm, nur das Sodawasser, das wir mit Silber aufwiegen müssen, ist auf Eis gekühlt. Wenn wir uns beim Capitän über die langsame Fahrt beklagen, entschuldigt er sich mit – der Kostspieligkeit der Kohlen.

Schon um 12 Uhr Mittags haben wir in der blauen Ferne gezackte Berge, das Vorland von Rangoon gesehen, aber der Tag neigt sich und wir kommen noch immer nicht aus der Stelle. Unter den Passagieren ist heute nicht ein Dutzend Worte gewechselt. Nur der Curiosität wegen hatte ich mich nach Tisch an den unnahbaren Major gemacht und mich bei ihm durch ein Schriftstück von Lord John Russell einzuführen gesucht, es war ein eigenhändiger offener Brief des Lords, in dem er mich allen seinen Landsleuten in fernen Ländern empfahl. Der Major entfaltete den Brief, blickte hinein und lispelte kaum hörbar: »A very nice letter,« dann gab er ihn mir zurück und starrte seelenlos ins Weite. Leichter hätte ich mich mit einem fliegenden Fische oder einem Delphin verständigen können.

Gegen 5 Uhr passiren wir die Diamantinsel und lassen links eine andere, über und über mit der herrlichsten Vegetation bewachsene Insel liegen. Ein großes, gegen den Wind kreuzendes Schiff kommt uns entgegen. Es wird bald dunkel, und der von einem Hofe umgebene Vollmond droht mit schlechtem Wetter, am Morgen sind jedoch alle Nebel verschwunden und wir nähern uns mit großer 213 Vorsicht dem Lande. Das Meer sieht in Folge der vielen schmutzigen Flüsse, die hier münden, wie Lehmwasser aus. Die Küste selber vermögen wir bei ihrer Flachheit nicht zu erblicken. Der Steuermann sitzt auf dem Vordermast und späht nach dem Lande; den Berechnungen nach müßten wir schon um 8 Uhr an Ort und Stelle sein. Uns Passagieren wird die Sache verdächtig. Der Capitän und das Schiff machen die Reise zum erstenmale und die Bay von Rangoon steht als Fahrwasser in üblem Ruf. Um 10 Uhr begegnet uns endlich ein in der Bay kreuzender Schooner und sendet einen Lootsen an Bord; der Capitän hatte wirklich zu südlichen Cours genommen. Wir wenden daher und erblicken bald darauf in weiter Ferne einige hohe Rauchsäulen; nach Angabe des Lootsen wird dort aus Muscheln Kalk gebrannt. Fast unvermerkt, so langsam taucht die Küste aus dem Meere auf, fahren wir in die Flußmündung und stromaufwärts. Zwei Dreimaster aus Bremen haben hier geankert und der Kapitän eines derselben kommt an Bord der India, um nach einem Arzte zu fragen. Sein Schiff hat die Reise um das Cap der guten Hoffnung in 96 Tagen, einer unverhältnißmäßig kurzen Zeit zurückgelegt, und er unterdessen fortwährend an der Gicht gelitten. Ich zweifle, daß unser Heilgehilfe dem armen Landsmanne einen annehmbaren Rath ertheilt. Während der Reise hat er nie ein anderes Medicament als das landesübliche Rhicinusöl verordnet. Eine Menge herrlicher Schmetterlinge und weißer Möven mit hellbraunen Flügeln kommt uns entgegen, das erste chinesische Schiff schwimmt vorüber, in der Ferne ragt die Spitze der berühmten goldenen Pagode von Rangoon empor. Wir werfen in der Nachbarschaft mehrerer 214 Hamburger, Bremer und New-Yorker Indienfahrer, sowie dreier chinesischer Dschunken Anker und benachrichtigen die Einwohner von Rangoon durch ein Kanonenschuß von unserer Ankunft. Ich begab mich zu dem hier residirenden preußischen Consul, Herrn Niebuhr, und wurde von ihm freundlich aufgefordert, in seinem Hause zu wohnen; mir ist durch das Anerbieten des liebenswürdigen Mannes ein Stein vom Herzen gewälzt.

Rangoon, der besuchteste Hafen von Pegu, liegt ungemein schön, wie auf einen smaragdgrünen Teppich gebettet, an einem breiten, tief fluthenden Flusse, umgeben von mehreren Landseen und malerisch bewaldeten Hügeln. Mein erster Besuch galt am 8. Februar der sogenannten goldenen Pagode. Das wunderliche Bauwerk gleicht von Weitem gesehen einer ungeheuren Tischglocke und steht auf dem höchsten Punkte der Stadt. Seltsamer Weise bildet es nur einen massiven Steinklumpen, dem von außen Verehrung gezollt wird, die darin besteht, daß die Gläubigen auf den Vorsprüngen des Gesteins emporklettern und die runde Façade mit Blattgold bekleben. Außerdem werden Buddha Lichte, Stäbchen, Blumen und kleine Fahnen zum Opfer dargebracht. Die Pagode ist von einer Mauer umgeben, die zugleich ein ganzes Kirchspiel von Glockenhäusern, Götzen, kleineren Pagoden und Wohnungen von Tempeldienern, Bettelmönchen, Glöcknern und bußfertigen alten Weibern umschließt. Der innere Raum ist eine Welt für sich. Die hier befindlichen Glocken dienen einem andern Zwecke, als die im christlichen Gottesdienste üblichen. Wenn sie dort die Gemeinde zusammenrufen und die Vollziehung eines kirchlichen Aktes, der Taufe, Trauung, des Abendmahls oder 215 der Beisetzung einer Leiche ankündigen, bedienen die Birmanen sich ihrer, wie wir unserer Hausglocken, zur Anmeldung ihrer Ankunft. Die hiesigen Glocken haben keine Klöppel, es liegen nur geschnitzte Keulen daneben, mit denen der erbauungsbedürftige Buddhaist das Metall mit Aufwand aller seiner Kräfte bearbeitet, um die Gottheit auf seine Anwesenheit und den Anfang seiner Gebete aufmerksam zu machen. Ich habe schon mehrfach gesagt, wie leicht hier zu Lande Subsistenzmittel erworben werden; es ist daher begreiflich, daß eine Menge frommer Müssiggänger sich in der Umgebung der Pagode ansiedelt und dem Tempeldienste widmet. Das Bauwerk muß unentgeltlich im Stande erhalten werden, und die dienstfertigen Helfer erwerben nichts weiter als Anwartschaft auf himmlischen Lohn. Am meisten ergötzten mich die Tempeldiener generis feminini, gräuliche alte Weiber mit Tabakspfeifen im Munde, die mir stets, um Trinkgeld bettelnd, auf den Fersen folgten. Alle diese Personen sind weiter nicht durch klösterliche Gesetze gebunden; sie können den Dienst nach Belieben verlassen und wieder antreten. Mit den Bonzenklöstern sind auch Schulen verbunden, in denen Lesen und Schreiben gelehrt wird; Mädchen und Frauen sind jedoch grundsätzlich ausgeschlossen. Im ganzen Orient wird das Weib als ein mangelhaft organisirtes Wesen angesehen, das sich der erworbenen Fähigkeiten nur zum Nachtheil der Vorgesetzten bedienen würde. Man erkennt leicht die unter allen Himmelsstrichen gleiche Theorie des feigen absoluten Regimentes.

Die Bevölkerung Rangoons besteht der Hälfte nach aus chinesischen Einwanderern, die in großer Wohlhabenheit zu leben scheinen. Ich schließe dies aus dem Tempel, der sich 216 seiner Vollendung näherte, und von den Mitteln und der Kunstgeschicklichkeit der Chinesen eine hohe Meinung erweckte. Das Baumaterial bestand aus Teckholz und musterhaft genau behauenen Steinen. Die verständigen und arbeitsamen Menschen mögen sich hier ungleich glücklicher fühlen, als unter der tyrannischen Herrschaft ihrer Heimath. Die anmuthige Umgebung der Stadt mit ihrem Wechsel von Palm- und Mangobäumen, lieblichen Seen, Hügeln und Gärten lockt mich immer wieder ins Freie hinaus. Am 9. Februar stieß ich oberhalb Rangoons am Fluß auf zwei Elephanten, die mit wahrhaft menschlichem Verstande ein Floß Balken zerlegten und die einzelnen Theile am Ufer, wie nach dem Winkelmaß geordnet, aufschichteten. Ihr Kornak hockte am Wasser und sah ihnen selbstzufrieden zu, indem er eine landesübliche, aus Tabak und Palmensyrup geknetete, mit einem Schilfblatt umhüllte Cigarre rauchte. Weiterhin gerieth ich ohne mein Verschulden, nur in dem Bestreben einige, an Bambusröhren hängende fliegende Füchse näher in Augenschein zu nehmen, in ein Privatbesitzthum, wo ich leicht hätte in große Unannehmlichkeiten verwickelt werden können. Während ich, zwischen den Bambusstämmen hervortretend, durch die Anmuth der Anlagen und ihren Reichthum an Blumen entzückt, dahinschlenderte, kam mir plötzlich eine Gruppe von fünfzehn bis zwanzig der zierlichsten jungen Frauen mit freundlichen Gebehrden entgegen. Orpheus, als er den Widerstand der Eumeniden und Larven besiegt, konnte von den Seligen, unter denen Eurydice verweilte, nicht zuvorkommender empfangen werden. Die Führerin, ein Bronzeabbild der Venus von Medici, streckte mir ein Händchen von klassischer Schönheit, aber orientalischer 217 Lebenswärme entgegen, und ich zauderte nicht, mich desselben zu bemächtigen und meine innige Dankbarkeit für das gastliche Entgegenkommen zu bethätigen, als ich durch eine thierisch rauhe Stimme aus allen meinen Himmeln gestürzt wurde. Aus einem nahen Laubgange eilte der unselige Gatte der Grazien, ein alter bärbeißiger Sauertopf, herbei, indem er sich immer nach zehn Schritten umkehrte und mit der Villa durch telegraphische Zeichen correspondirte. Da er mit Dolch und Säbel, ich dagegen nur mit einem Entoutcas bewaffnet war, auch leicht die im Orient üblichen Verschnittenen als Reserve im Anzuge sein konnten, machte ich mich mit blutendem Herzen, von den bedauerlichen Blicken der Schönen begleitet, rasch aus dem Staube und eilte nach Rangoon zurück, verschwieg aber weislich meinem gütigen Wirthe das Abenteuer.

Die Tage, welche ich in den Häusern deutscher Landsleute zubringe, sind die Feste meiner Reise. Herr Consul Niebuhr erschöpft sich in Aufmerksamkeiten, mir den Aufenthalt in seinem Hause angenehm und mich mit den Merkwürdigkeiten Rangoons bekannt zu machen. Die wilde Bestie steht dem Menschen in dieser Zone näher, als in unserem nordischen Klima, Herr Niebuhr erzieht daher auf seinem Hofe einen schwarzen Bären als Hausthier. Der Kleine ist acht Monate alt und noch von allen Unarten seines Geschlechtes frei. Für gewöhnlich angebunden, wird er doch mehrmals am Tage losgelassen und besucht dann seine Herrschaft in ihren Zimmern. In Begleitung eines auffallend großen Pfauhahns erscheint er täglich an unserem Frühstückstisch und empfängt manchen guten Bissen aus den Händen des Consuls. Gewiß trägt die Kost viel zur 218 Erhaltung seiner Sanftmuth bei, er wird mit einem Gemenge von Reis und Thee gefüttert, denen zuweilen Milch und Zucker hinzugefügt wird. Er gebehrdet sich wie ein zahmer Hund, nur ungleich possierlicher, krabbelt unter dem Tisch an unseren Beinen umher, richtet sich an den Stühlen, an der Tischplatte auf, giebt die Pfote und leckt die Hand, doch macht seine körperliche Stärke diese Zärtlichkeiten zuweilen etwas lästig. Ich schweige, aber ich sehe den Zeitpunkt voraus, wo Herr Niebuhr gegen Petz Repressivmaßregeln ergreifen wird. Nach dem Tiffin fuhren wir vor die Stadt hinaus und hielten an einem einfachen Landhause; mein Wirth lächelte geheimnißvoll. Von einem Eingeborenen geführt, traten wir in den Hof und Herr Niebuhr flüsterte diesem einige Worte zu. »Sie werden eine eigenthümliche Amme mit ihren Säuglingen sehen!« sagte er und bat mich, auf einem Rohrschemel Platz zu nehmen. »Zwillinge? oder gar Drillinge?« fragte ich neugierig. »Nur Zwillinge,« erwiderte der Consul und deutete auf ein kräftiges Weib, das aus dem Hause trat und sich uns näherte. »Was für ein schauerliches Naturspiel!« rief ich entsetzt, »die Mutter muß sich versehen haben, die Kinder sind ja gestreift!« Herr Niebuhr lachte laut auf: »Bedienen Sie sich nur ihrer Augengläser!« Die Frau stand jetzt vor uns, und ich sah, daß die Säuglinge zwei kleine Tiger waren, die eifrig saugend an den Brüsten ihrer Amme hingen. Diese betrachtete sie so zärtlich, als ob sie die hoffnungsvollen Ungeheuer unter ihrem Herzen getragen hätte und machte mir die bekannte »Stimme der Natur« dadurch äußerst verdächtig. Die Tigerin-Mutter war vor einigen Wochen von einem Jäger erlegt worden, der kühne 219 Mann hatte sich der beiden Jungen bemächtigt und für sie eine Amme gemiethet, in der Absicht, einen Versuch anzustellen, wie weit man in der Zähmung eines so furchtbaren Raubthieres gelangen könne, wenn man es bald nach der Geburt allen Bedingungen entfremde, die seine Blutgier wecken können. Wir blickten Beide bedenklich drein und schüttelten die Köpfe; die entgegengesetzte Erziehungsmethode Mr. Battys und seiner Nachahmer war mir damals noch nicht bekannt, aber ich zweifelte von vornherein, daß sich die Theorie des Humanismus in der Heranbildung junger Tiger für die Gesellschaft bewähren werde. Leider habe ich über den Ausfall des Versuches nichts weiter erfahren. 220

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