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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 16
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XV.

Die letzten Tage in Benares und Calcutta. Im goldenen Tempel. Der Hochzeitszug des Fürsten. Die Jugend des Handelsstandes. Des Gouverneurs Maskenball. Auf der India nach Rangoon. Briefstation Tschittagong.

Die Pilgerschwärme hatten sich während meiner Abwesenheit verlaufen, es gelang mir, rasch ein leidliches Unterkommen zu finden und im Eßsaal des Hotels die Bekanntschaft zweier Franzosen von der Insel Mauritius zu machen, in deren Gesellschaft ich den ganzen Tag zubrachte. Wie in Venedig die Fahrt auf dem Canale grande vom Bahnhofe nach der Piazetta und eine Promenade durch die engen Straßen der Stadt nach dem Rialto dem Ankömmling gleich eine richtige Vorstellung des Ortes gewährt, so in Benares eine Wagenfahrt durch die engen Gassen und die Rückkehr zu Wasser in einem offenen Gangesboote. Ich veranlaßte meine neuen Bekannten, mich nach dem goldenen Tempel zu begleiten, dem größten Heiligthum der Stadt, das mir seiner versteckten Lage halber Anfangs entgangen war. Das alte Bauwerk genießt in den Augen des Hindus ein ähnliches Ansehen, wie in denen der Christen und Muhamedaner die Grabeskirche zu Jerusalem und die 193 Moschee mit dem Grabe des Propheten zu Mekka.. Wer mit den Einzelheiten des indischen Cultus nicht näher vertraut ist, vermag keinen Sinn in den Emblemen des Tempels und den Ceremonien der Gläubigen zu finden, Nachdem wir durch ein reichliches Trinkgeld den Eintritt erlangt, schritten wir zwischen zwei Steingestalten heiliger Stiere in das Innere. Durch die unterhalb der Hauptkuppel befindlichen Fenster brach nur ein trübes Licht, und wir bedurften der äußersten Vorsicht, um nicht über die Arme und Beine der Büßer und Betenden zu stolpern, mit denen weithin der Fußboden bedeckt war. Den Rand eines steinernen, mit Wasser und gelben Blumen angefüllten Bassins vermochten wir vor dem Gedränge nicht zu erreichen. Ich sah nur, daß hinter dem ausgemauerten Weiher einige Stufen in die Tiefe führten, wo sich das Allerheiligste, ein Altar, erhob. Die Platten desselben waren mit Gemälden bedeckt, aber die mangelhafte Beleuchtung und die Entfernung verhinderten mich, Näheres zu unterscheiden. Die Scenerie hatte etwas Beklemmendes, das dumpfe Gemurmel der Betenden, ihre dunkle Hautfarbe, der eigenthümliche indische Geruch – Alles verleidete uns den Tempel; die Gläubigen mochten nach ihren lauernden Seitenblicken mit unserer raschen Entfernung einverstanden sein.

Wir holten tief Athem, als wir wieder aus der engen Gasse in die Hauptstraße einbiegen wollten und durch einen Hochzeitszug aufgehalten wurden. Ein reicher indischer Fürst übersandte seiner Erwählten die Brautgeschenke. In Europa wird in solchen Fällen ein Trousseau aufgebaut und bevorzugten Neugierigen der Zutritt gestattet, im Orient sucht der Bräutigam seine Reichthümer, seine Freigiebigkeit, 194 vor der ganzen Stadt zu entfalten. Außer drei reichgeschmückten Elephanten zählte ich hundert und einige, mit Gold- und Silberstoffen behangene prächtige Rosse, begleitet von mehreren hundert festlich gekleideten Eingeborenen, die seidene Stoffe und Shawls, goldene und silberne Geschirre, Süßigkeiten in lackirten Kästchen, Früchte, Gemüse, Schminken und ausgestopfte Figuren, z. B. Engländer mit rothen Haaren, Missionaire mit der Bibel unter dem Arm, hinterdrein trugen. Mehrere Musikbanden begleiteten den Zug mit einem haarsträubenden und herzbrechenden Lärm auf ihren Instrumenten. Die Hochzeitsprocession imponirte mir gewaltig, später erfuhr ich jedoch durch den Wirth des Hotels, daß auch die Schwiegerväter und Schwiegersöhne von Benares dem Schwindel nicht abhold seien, wenn es darauf ankomme, ihren Mitbürgern Sand in die Augen zu streuen. Die Elephanten und drei Viertel der kostspieligen Pferde sollten von Freunden des Hochzeiters nur geborgt sein und nach Einbruch der Dunkelheit aus den Höfen der Eltern der Braut in die Stallungen ihrer Besitzer zurückgeführt werden. Auch die Gefäße aus edlen Metallen gehörten angeblich nicht einem Eigenthümer.

Am Vormittag des 26. Januar konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, dem Beispiele der hiesigen Engländer zu folgen und einen Elephantenritt durch die Straßen von Benares zu wagen, doch habe ich schon angenehmere Vergnügungstouren gemacht. Gewöhnlich sind die Straßen nicht breiter als 7 bis 8 Fuß und ich kam öfter, als meinen Knöcheln und Kniescheiben lieb war, mit den ersten Stockwerken der Häuser in Berührung. In den Mittagsstunden wohnte ich einer Gerichtssitzung bei. Die zwölf 195 Geschworenen in dem Erbschwindelei-Prozeß bestanden halb aus Engländern, halb aus Eingeborenen. Die Summe, um welche es sich handeln sollte, war so hoch, daß ich Anstand nehme, sie anzugeben. Dann bestieg ich meinen Elephanten abermals, und ritt, ausgeschimpft von den Grünzeug- und Fruchthändlern, aus deren Körben mein Renner im Vorübergehen naschte, nach der Gangesbrücke.

Hier erfuhr ich, daß auf dem gestrigen Zuge von Jumalpora nach Benares mehrere indische Passagiere der letzten Klasse unterwegs an der Cholera gestorben seien. Auf meine Frage belehrte man mich, daß die Conducteure in solchen Fällen kurzen Prozeß zu machen und die Leichen aus den Fenstern der Waggons zu werfen pflegten; das Weitere stellte man den Geiern und Schakalen anheim. Von der Brücke ließ ich mich, nachdem ich für geringes Geld eine Fülle der köstlichsten Südfrüchte gekauft, nach einer trockenen Sandbank fahren und schlug dort für einige Stunden mein Atelier auf. Mehrere indische Kinder waren mir gefolgt, als ich ihnen aber von den Früchten mittheilen wollte, wiesen sie die Gabe mit Gebehrden des Abscheus zurück und baten durch kaum mißzuverstehende Pantomimen um – Geld. Eine giftige Schlange, die einige Schritte weiter aus dem Ganges in ein benachbartes Boot kroch, vergällte mir das fernere Arbeiten; ich eilte nach Hause, um meine Effecten zu packen, da ich den nächsten Tag zur Rückreise nach Calcutta bestimmt hatte.

Unsere Fahrt ging diesmal nach dem Reglement von Statten. Um 4 Uhr Morgens am 28. Januar verließ der Zug den Bahnhof von Benares, am 29. Januar acht Uhr Morgens kamen wir in Calcutta an. So abgespannt ich 196 war, ich unterzog mich der Mühe, sogleich nach der Post zu gehen, und wurde durch Briefe von Mutter und Bruder aus der Heimath entschädigt. Der Maskenball des Gouverneurs, von dem seit meiner Abwesenheit in Indien die Rede war, hat schon vor acht Tagen stattgefunden; es ist mir daher gelungen, in Mountains Hotel unterzukommen. Mein Gemach, allerdings das letzte freie Zimmer, liegt nach dem dritten schmutzigen Hofe hinaus; der Weg führt durch einen Pferdestall und zwei Wagenremisen. Die Wände bestehen aus Leinwandrahmen und sind genau 5 Fuß 6 Zoll hoch, ein gutgewachsener Musketier könnte mithin aus dem Nebenzimmer all mein Thun und Treiben beobachten. In der Thür steckt ein Schlüssel. Es ist der zweite, der mir in Indien unter die Hände gekommen. Da der Wirth und die Diener mich flehentlich gebeten haben, Thür und Koffer fest zuzuschließen, muß dieses Werkzeug Wichtigkeit besitzen. Ich beschließe daher, für meinen dreitägigen Aufenthalt keinen »Boy« mehr zu miethen, mein Bett selber zu machen und die Stiefel eigenhändig zu putzen. Immerhin habe ich mich insofern verbessert, als ich an der Table d'hote des Hauses Gesellschaft und Unterhaltung finde, doch ist diese nicht eben heiterer Art. Mein Tischnachbar ist ein Schotte, der seit einiger Zeit sich zum zweiten Male in Calcutta befindet. Er hatte zwanzig Jahre als Indigo-Plantagenbesitzer in Indien zugebracht und ein beträchtliches Vermögen erspart, mit dem er in die Heimath zurückkehren und sich dort ankaufen wollte. Alles war geordnet, seine Frau, eine geborene Engländerin, war vor Freuden außer sich, die heimische Insel wiederzusehen und ihren Anverwandten die in Indien geborenen 197 Kinder vorzustellen; da erkrankten letztere, fünf an der Zahl, fast gleichzeitig am Fieber. Die armen Eltern begruben die Hoffnung ihres Alters auf dem Kirchhofe von Calcutta und kehrten kinderlos nach Europa zurück. Das war im vorigen Jahre geschehen. Die Mutter fand im Kreise ihrer Angehörigen wenn nicht Trost, so doch Zerstreuung; der Vater konnte es fern von den Gräbern der geliebten Kinder nicht aushalten. Er hatte die mühselige Reise nicht gescheut, nur um an jedem Morgen und Abend seine Wallfahrt nach dem Denkmale der Verstorbenen zu wiederholen und mit heißen Thränen den Staub des mörderischen Bodens zu benetzen. Ungleich heiterer ist mein vis à vis bei Tische, eine englische Hauptmannsfrau, die, von Benares zurückgekehrt, grundsätzlich keine der dortigen Merkwürdigkeiten besichtigt, sondern nur – einen Offizierball besucht hat, und sich dessen rühmt. Stark vertreten sind bei Tafel die Commis. Die jüngeren Subalternen des Handelsstandes suchen sich durch eine gewählte Tracht, hohes Selbstgefühl und tiefe Verachtung der unter ihnen stehenden Menschheit hervorzuthun; so viel ich bemerkt habe, gehen die Commis von Calcutta noch weiter. Es ist zu einer förmlichen Kastengliederung unter ihnen gekommen. Ein Commis, der ein Monatsgehalt von 500 Rupien (333 Thlr.) bezieht, rechnet sich zu den Brahminen des Comptoirs und würdigt einen Collegen, der nur 400 oder gar 300 Rupien erhält, keines Blickes, keines Wortes. Ebenso verfahren diese, und lassen die im Gehalts-Avancement ihnen nachstehenden Jüngern ihre äußerste Geringschätzung fühlen. Mr. Quindrop, mein Nachbar zur Linken, könnte sich gleich in der nächsten 198 Pagode auf dem Altar als Wischnu niederlassen, so götzenhaft ist sein Anstand. Unerschöpflichen Stoff der Unterhaltung bei Tisch liefert der Maskenball. Die Königin desselben soll eine Lady gewesen sein, die für drei Costüme die Summe von 3000 Pfund Sterling verausgabt hatte. Die erste Sorge jedes Theilnehmers war natürlich gewesen, seine maskirte Individualität nicht für die Nachwelt verloren gehen und sich photographiren zu lassen. Nun hatten aber die Damen von Calcutta den Wunsch, die Portraits ihrer Tänzer auf einer Ausstellung vereinigt zu sehen, es war daher, um etwaige Mängel der ersten Aufnahme zu verbessern, eine zweite Serie angefertigt und wirklich öffentlich ausgestellt worden. Maskeraden tragen unter allen Himmelsstrichen einen verwandten Typus. Die billigsten Masken (für »junge Leute« mit monatlich 200 Rupien und 500 Rupien Schulden) sind hier Hindus und Türken, wer mehr daran zu wenden hatte, war als Van Dyk, Rubens oder Raphael erschienen. Ein junger »Marquis Posa« schien mir höchst verdächtig, noch vor einigen Jahren in den Straßen Warschaus oder Posens Hasenfelle erstanden zu haben. Die Ausstellung erfreute sich eines zahlreichen Besuches. Während der Tischgespräche mache ich eine Beobachtung, die ich nicht länger verschweigen kann und der Untersuchung der Herren Aerzte empfehle. Das zweite oder dritte Individuum, wie auch der Wirth und die bejahrten Domestiken, stottern immer; dasselbe Gebrechen ist mir schon unter den Passagieren der Eisenbahnen aufgefallen. Es verdient wohl untersucht zu werden, inwiefern Klima und örtliche Diätetik auf das grassirende Uebel einwirken.

199 Die Zeit der Abfahrt ist herangerückt, wir schreiben den 30. Januar, und so zufrieden ich mit meiner künstlerischen Ausbeute bin; der Gedanke an eine Nahrungs- und Ortsveränderung thut mir unsäglich wohl. Reis mit Curry, das Hauptnahrungsmittel Indiens, habe ich mir zum Ueberdruß gegessen. Das saucenartige gelbgrüne Gemüse, das zu dem sonst trefflich gekochten, dem italienischen Risotto gleichenden Reis servirt wird, ein Gemenge von beißend würzigen Kräutern, widert mich an, und doch wird es als stärkend für die Verdauung anempfohlen. Ich bin so weit gekommen, mich nach Hammelbraten à la Guttapercha mit Seeluft als Zukost zu sehnen. Zuweilen beneide ich die Kulis, die von einem Silbergroschen (halben Anna) den Tag hindurch ihr Leben fristen und sich über Wohnung und Kleidung nicht Sorge zu machen brauchen, schon weil sie beider nicht bedürfen. Wie viele Bedürfnisse hat das verzogene Kind der Civilisation und wie schwer sind sie zu befriedigen!

Für das Billet nach Rangoon zahlte ich 120 Rupien, erhielt von dem Capitän der »India« die Versicherung, sein Dampfer werde die Ankerstelle im Hugly nicht verlassen und kehrte in das Hotel zurück. Noch die letzten Stunden sollten mir durch englische »Scherze« verbittert werden. Unser Boot, in dem ich über den Hugly gesetzt hatte, fuhr in einiger Entfernung an der Dampffähre vorüber, gleichzeitig ruderte an ihr ein Kahn voll nackter Eingeborenen vorbei. Diesen Moment nahm der Maschinenmeister wahr, das Ventil zu öffnen und die armen Nigger in eine Wolke glühenden Dampfes zu hüllen. Das Wehgeheul der Unglücklichen und die wilde Hast, mit der sie 200 über Bord in den Hugly sprangen und untertauchten, schien dem Barbaren unsägliches Vergnügen zu verursachen. Noch war ich nicht ans Land gestiegen, als eine schwarze Kuh, die Milchspenderin der »India«, eingeschifft wurde, das heilige Hornvieh schien indessen nur geringe Lust zur Seereise zu haben; an das Land springen und im Galopp davon jagen, war das Werk eines Augenblicks. Erst nach einer Stunde gelang es den Verfolgern, ihrer wieder habhaft zu werden.

Am 1. Februar in der Mittagsstunde stieg ich mit dem neuesten, nur sechs Wochen alten Kladderadatsch und der Hiobspost, daß in der letzten Nacht auf der Eisenbahn nach Benares ein Unglück geschehen sei, in ein Boot, um nach der »India« hinüberzufahren, aber der Capitän hatte nicht Wort gehalten. Die »India« war mehrere Meilen weit stromab gegangen und es währte drei Stunden, ehe meine fünf faulen Ruderer mich an Bord brachten und erst gegen Zahlung von fünftehalb Rupien aussteigen ließen. Meine Uhr zeigte auf vier ein halb, und die Mannschaft mochte auf eine so frühe Ankunft von Passagieren nicht vorbereitet sein; ich überraschte zwei ihrer Mitglieder auf dem Verdeck beim Abwaschen der Teller. Nur zwischen den Wendekreisen, bin ich fest überzeugt, wird auf diese nonchalante Weise Tafelgeschirr gereinigt. Einer der beiden Schmutzfinken tauchte jeden Teller in einen Napf, der mit Dinte angefüllt schien, und trocknete ihn mit einem in der Finsterniß der Hölle gefärbten Lappen oberflächlich ab, seinem Gefährten war die feinere Politur anheimgestellt. Er bediente sich zu derselben eines Haufens schmutziger Leibwäsche, unter der ich die Inexpressibles des Capitäns und 201 mehrere Taschentücher zu unterscheiden glaubte. »Nihil humani a me alienum puto«; eben schwamm ein kolossaler Indienfahrer langsam an uns den Hugly hinab. Auf dem Quarterdeck saß eine englische Familie, die reizenden Töchter wehten in der Freude ihres Herzens, nach Hause zu kommen, mit den Taschentüchern, obgleich sie bei der Fahrt um das Cap der guten Hoffnung vielleicht fünf bis sechs Monate unterwegs zubringen mußten; mich beschlich sterbliche Schwäche. In sechs Wochen konnte ich wieder in Berlin, in dreien aber auch in Singapore sein, das Boot mit den Hammeln, dem Proviant für die Reise, stieß an die Schiffstreppe; ich faßte einen heroischen Entschluß und verbannte alle hypochondrischen Gedanken. Auf die Hammel folgte eine Reihe von Passagieren und in einem dichten Nebel, der bei Sonnenaufgang eine feuerrothe Färbung annahm, lichteten wir die Anker und dampften vorsichtig den Hugly stromab.

Die India war, wie bisher alle Schiffe, überfüllt, und die Company hatte sich sogar nicht entblödet, dieselbe Cabinennummer zweimal zu verkaufen. Als ich gestern hinabstieg, um mich auszukleiden, fand ich einen groben Opiumkrämer auf meinem Bette. Er legitimirte sich durch Vorzeigung seiner Nr. 16. Es war auch die meinige, und doch hatte ich sie sechsunddreissig Stunden vor ihm gelöst. Der Capitän entschuldigte die Gaunerei als »Versehen«, aber anderen Passagieren war es nicht besser ergangen. Mehreren Gepäckstücken, die ich außer dem Eindringling in der Cabine vorfand und die sämmtlich »Mr. Julius G. Schulze. Calcutta« signirt waren, verdanke ich meine Nachtruhe. Der Besitzer nahm mich mit deutscher 202 Gemüthlichkeit sogleich als Schlafburschen in seine Cabine und stärkte mich moralisch durch ein Philippika gegen englische Ungebühr. Mr. Schulze war seit sechszehn Jahren in Calcutta ansässig und kannte das orientalisirte England ausreichend. Die Zahl der Passagiere erster Klasse übersteigt nicht zwanzig, die zweite und dritte ist stärker vertreten durch Birmanen, Perser und Türken. Außer einigen Offizieren, deren Rücken durch eiserne Ladestöcke aufgesteift scheint, enthält die erste Klasse fast nur Opium-, Indigo- und Rhicinushändler mit Frauen von »Halbkaste« und halbwilden Kindern. Der gebildetste Mann an Bord ist ein französischer Missionär. Als Pädagoge sucht er auf die ungezogene Jugend bessernd und belehrend einzuwirken, erntet aber dafür keinen Dank. Eine der chocoladenfarbigen Mütter bemerkte höhnisch, da ihr Erstgeborener eine Zurechtweisung erhalten hatte: »Sie lieben wohl keine Kinder?« »Im Gegentheil – nur Ihre nicht!« antwortete der Missionär. Der arme Geistliche machte in seinem Beruf nicht nur mit Minorennen indischen Geblüts üble Erfahrungen. Nach einigen Tagen bekannter mit ihm geworden, erlaubte ich mir die Frage, welche Fortschritte die christliche Kirche mache? Der verständige Geistliche zuckte die Achseln und blickte gen Himmel. »Ich schäme mich beinahe, Ihnen die Wahrheit zu sagen!« lautete die Antwort. »Von Bekehrung und christlicher Ueberzeugung ist nie die Rede gewesen, zur Taufe konnte der gemeine Mann, der Angehörige einer unteren Kaste, immer nur durch Geschenke bewogen werden. Noch im vorigen Jahre kam man mit einem Glase Brandy zum Ziele, jetzt verlangen die Täuflinge eine ganze Flasche.« Zwei Matrosen tragen kleine 203 Messingkreuze an einer Schnur um den Hals und sprechen einige Worte Englisch. Als der Missionär sich an sie wandte und nach ihrem Christenthum erkundigte, gaben sie nur zur Antwort: »Alles essen!« »Da hören Sie selber«, sagte der Priester, »sie haben sich nur taufen lassen, um reichlicher und bequemer zu leben. Sie sind jetzt nicht mehr genöthigt, ihre Speisen selber zuzubereiten und leben von den Abfällen unseres Tisches.«

Um ein Uhr passiren wir die Tigerinsel, der Hugly-Lootse verläßt die India und wenige Minuten später rollen uns majestätisch die schönen blauen Wogen des indischen Oceans entgegen. Die Unterhaltung der Passagiere auf dem Quarterdeck dreht sich um den indischen Aufstand, und es ist keiner unter ihnen, der nicht vor seiner Erneuerung zitterte. Nur ein entschlossener Anführer sei nothwendig und ganz Indien stehe unter Waffen, doch würde nichts seltener unter diesem, durch vieljährige Tyrannei erschlafften Volke gefunden, als ein Mann von Willenskraft. Zwei Opiumhändler berichteten über eine ungeheure Summe von Silberstücken, die man in einem Garten zu Lucknow ausgegraben und zwischen der Regierung und den Findern getheilt hatte. Die erste Tagestour ist nur kurz, die India muß Briefschaften in Tschittagong abgeben, und wir werden, da die Mündung tief genug ist, mit Hülfe des Lootsen den breiten Strom, an dem die Stadt liegt, hinauf dampfen. Der Distrikt Tschittagong bildet den südöstlichen Theil Bengalens und ist durch die 41 Meilen lange Kette des Jumadong-Gebirges von Birma getrennt. Reis, Zuckerrohr, Betelnüsse, Taback und Senf sind die Hauptartikel des etwa 140 Quadratmeilen großen Landstriches, dessen Sümpfe 204 und Wälder eine Menge von Elephanten und Rhinoceros bevölkert, doch hat der Handel in den letzten Jahren nachgelassen, denn die klimatischen Verhältnisse der kleinen Stadt sind nicht die günstigsten. Die Zahl der Ansiedler besteht vorläufig nur aus zwei Engländern, die uns ihre jungen und schönen Frauen zu Pferde an das Ufer entgegen geschickt hatten, sie selber lagen am Fieber darnieder. Wir erklettern, Freund Schulze und ich, nachdem wir den Engländerinnen, die erwartet haben mochten, daß die India, welche die Verbindung mit Calcutta erst seit sechs Wochen unterhielt, Beiträge für ihre Toilette an Bord habe, eine verneinende Antwort ertheilt, eine von der malerischen Ruine eines alten portugiesischen Klosters gekrönte, reich bewaldete Anhöhe, und fuhren, da der Tag sich neigte, in der Absicht, am anderen Morgen unseren Besuch zu erneuern, an Bord zurück. Die Zahl der Passagiere des ausgehöhlten Baumstammes, in dem wir an Land gefahren waren, hatte sich unterdessen durch eine kleine Heerde von Pelikanen und Gänsen vermehrt, die zwischen unseren Knieen saßen, auf unseren Füßen umhertrampelten und ihre Schnäbel an den Waden Aller versuchten. Wir sollten den Bootsleuten, welche aus Furcht vor dem Sonnenstich ihre gesammte Garderobe um den Kopf gewickelt trugen und nackt vor uns saßen, das bissige Geflügel durchaus abkaufen.

Frühmorgens waren wir noch Zeugen einer originellen wirthschaftlichen Scene. Schon in Brasilien hatte ich gesehen, daß die Wilden aus gekautem Mais, nachdem sie die Masse einer Gährung ausgesetzt, ein berauschendes Getränk bereiten. Zufällig betrafen wir die hiesigen Eingeborenen auf einem ähnlichen Verfahren der Anfertigung 205 des »Chicha« genannten leichten Branntweins. Mehrere Generationen: Greise, Männer, Kinder, Frauen und Mädchen, saßen enge neben einander gekauert, um einen großen Kessel, und kauten mit vielem Vorbedacht und – Speichel Maiskörner, die sie dann mit einer Sicherheit, die von langer Uebung zeugte, über die Köpfe der vornsitzenden Kleinen weg in das Gefäß spuckten. Näheres über das Weitere des Prozesses habe ich nicht ermitteln können. Eine Probe des fertigen Getränkes von den Destillateuren zu erbitten, fühlten wir uns Beide nicht veranlaßt. Mitten unter den Erkundigungen, welche der des Hindostanischen kundige Mr. Schulze einzuziehen suchte, donnerte ein Kanonenschuß über unsere Köpfe. Die India wollte in See stechen. 206

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