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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 14
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XIII.

Die Stadt der Brahminen. Ein Blick nach dem Himalaya. Die Sternwarte. Privattempel. Die Nachkommen des großen Hanuman. Heilige Stiere. Die Fahrt nach Allahabad. Ein Verstoß gegen die Landesreligion. Glücklich entwischt.

Da die beiden einzigen Hotels fünf englische Meilen weit von dem Bahnhofe entfernt liegen, war es zwei Uhr Nachts, ehe wir unter Dach und Fach kamen. Wir sahen uns genöthigt, bei der Ueberfüllung des Hotels die enge Kammer des Portiers zu theilen. Mein Reisegefährte, ein englischer Indigo-Plantagenbesitzer, der sich auf einer nahe bei Benares gelegenen Station dem Zuge angeschlossen, hatte Bett und Diener weislich mitgebracht; ich mußte auf der Pritsche neben dem Hindu liegen. Die Nacht verging schnell und nach Tagesanbruch machten wir uns auf den Weg, die heilige Stadt in Augenschein zu nehmen. Mr. Smith, wie ich meinen Gefährten der Kürze wegen nennen will, bildete eine Ausnahme von seinen in Indien ansässigen Landsleuten. Trotz eines zwanzigjährigen Aufenthaltes in Bengalen hatte er die angenehmen Umgangsformen, die er auf seinen Jugendreisen durch Europa sich angeeignet, wohl erhalten und seine Kenntnisse in dieser ländlichen Einsamkeit 166 durch Lectüre vermehrt. Jetzt hatte er sein Schäfchen ins Trockne gebracht und beabsichtigte, nach England zurückzukehren, um sich dort anzukaufen und zu verheirathen. Obgleich nur fünfzehn englische Meilen weit von Benares entfernt, hatte er in zwanzig Jahren die Stadt doch noch nicht gesehen und gedachte jetzt gleichzeitig einige in der Nachbarschaft angesiedelte Freunde zu besuchen und von ihnen Abschied zu nehmen. Er sprach hindostanisch so gut wie englisch, und ich fühle mich ihm für seine liebenswürdige Hülfe dankbar verpflichtet.

Wir waren in tiefer Dunkelheit in Benares angekommen, und die Stadtgegend, in der wir uns befanden, war nicht geeignet, uns eine leidliche Vorstellung des weltberühmten Ortes zu gewähren, wir bestiegen daher am Morgen ein in der Nähe gelegenes hohes Minaret, das uns ein vollständiges Panorama von Benares gewährte. Mir fehlen die Worte, den ersten Eindruck zu schildern, den dieses märchenhafte, ungeheuer weit ausgedehnte Gemisch von Plätzen und Gärten, Tempeln und Palästen, Moscheen und Minarets, Marmortreppen und Pavillons, die mit Dorfschaften besäete fruchtbare Umgegend, der mächtige Strom, auf mich hervorbrachte. In Form einer Mondsichel liegt die heilige Stadt am Ufer des Ganges, und so weit das Auge reicht, wird sie von Villen und Gärten umgeben. Schweigend stiegen wir hinab. Unser Standpunkt auf der Spitze des Minarets war bei dem Mangel eines Geländers nicht der angenehmste, zudem war der leichte Thurm baufällig und bebte bei jedem festen Tritt auf die Stufen der Treppe. Ob es möglich ist, wie uns der Wächter des Minarets betheuerte, von seiner Spitze bei klarem Wetter die 167 Himalaya-Kette zu erblicken, lasse ich dahingestellt sein. Der Morgen war schön, doch vermochte ich nicht mehr zu sehen, als einen verschwindenden Nebelstreif. Wir brachten den Tag unserer Ankunft in der Stadt und am Spätnachmittage in einem Boote auf dem Ganges zu.

Einer unserer ersten Besuche galt dem astronomischen Observatorium, auf welches Mr. Smith besonders neugierig war. Wir wurden von einem ehrwürdigen Brahminen empfangen und auf das platte Dach eines Thurmes geführt. Von den auf europäischen Sternwarten gebräuchlichen Instrumenten, Fernröhren, Chronometern und Kometensuchern, war nichts zu bemerken, doch geberdete sich der hehre Greis, als habe er alle Geheimnisse des Himmels und der Erde ergründet. Das Bemerkenswertheste war die auf einem Statif errichtete Sonnenuhr, welche die Tageszeit, je nach dem Stande der Sonne, auf beiden Seiten ihrer Scheibe anzeigte. Nächstdem machte uns der Weise mit einem Modell des Erdganzen nach indischen Vorstellungen bekannt. Dasselbe bestand aus drei kreisförmigen Mauern von etwa vier Fuß Höhe, zwischen denen man durchgehen konnte. Der innere Ring bedeutete nach Angabe des Brahminen das Centrum der Erde, den Himalaya, die zweite, jenen umgebende Mauer stellte die Erde selber dar, die dritte Einfassung war ein Symbol des Wassers. Wie man sieht, hat die indische Wissenschaft sich noch nicht den Resultaten europäischer Forschungen bequemt. Als Mr. Smith den Alten befragte, was der erste Zwischenraum bedeute, vor dem der amtliche Cicerone eine bemerkenswerthe Ehrfurcht zu haben schien, wollte er Anfangs nicht mit der Sprache heraus und machte die Miene eines Beamten, der in 168 Betreff des Amtsgeheimnisses in Versuchung geführt wird. Wir kannten das Mittel, allen Indern die Zunge zu lösen, und ich ließ die Rupien, die ich lose in der Tasche trug, melodisch klingen. Hierauf erwiderte der Brahmine, sein Amtseid lege ihm zwar Schweigen auf, allein gegen einen baaren Entgelt werde er kein Bedenken tragen, unsere Wißbegierde zu befriedigen. Ich warf also eine Rupie auf den Fußboden, denn die Gesetze ihrer Kaste verbieten den Brahminen, Geld aus unreinen Händen zu nehmen, und nun gestand der Mann der Wissenschaft, der Raum zwischen Himalaya und Erde bestehe ganz aus Gold, aber es sei ein großes Geheimniß, und er setze voraus, wir würden ihn nicht verrathen. Die Heiterkeit, mit der wir sein Geständniß aufnahmen, und die am Boden liegende Rupie, stimmten den Alten redseliger. Er erklärte uns, daß mit Hülfe der Sonnenuhr auch Diebstähle und Mordthaten herausgebracht werden könnten, und schien für diese Auskunft einen abermaligen Entgelt zu erwarten. Wir indessen glaubten ihn ausreichend belohnt zu haben und verabschiedeten uns von der astronomischen Wissenschaft zu Benares.

Ungleich anziehender war die Physiognomie der Straßen, in die wir uns jetzt vertieften. Auf ein schöneres Pflaster habe ich nie meinen Fuß gesetzt, denn die Wege sind mit glatten fliesenartigen Platten bedeckt. Da nach dem Glauben der Inder eine Ansiedelung in Benares und an den Ufern des Ganges ein Gott wohlgefälliges Werk ist, und ein Sterbender von hieraus direct in den Schoß Brahmas gelangt, pflegen die Reichen aus allen Gebieten Indiens in ihren späteren Lebensjahren nach Benares zu ziehen und 169 einen Palast zu bauen. Man wird daher auf die Menge der hier vorhandenen Prachtbauten schließen können. Aber auch minder Begüterte suchen ihre Häuser und Wohnungen dem landesüblichen Geschmack gemäß zu verzieren. Die Fronten sind gemeinhin dunkelroth gefärbt und mit Elephanten, Kameelen, Tigern, Pfauen, Affen, Pelikanen und anderen Vögeln, nicht selten auch mit obscönen Bildern bemalt. Jedes ansehnlichere Haus hat seinen Privattempel, der, ein Mittelding zwischen Pyramide und Obilisk, dicht daneben steht, und nicht nur grün, roth, gelb, schwarz und weiß auf das Bunteste bemalt, sondern auch über und über mit goldenen Verzierungen bedeckt ist. Eben so wenig sind die gediegenen Goldplatten an den Kuppeln der öffentlichen Tempel und Moscheen gespart. Nun denke man sich alle Dächer und Vorsprünge von kreischenden Papageien besetzt, die häufigen Gold- und Silberbazars, die mit schmutzigen Büßern, blinden Bettlern und Kranken bedeckten Straßen, mitten darunter eine hoch auf einem Elephanten sitzende englische Familie, und man wird sich annähernd ein Bild des Innern der Stadt entwerfen können.

Einen unvergleichlichen Anblick gewährt Benares vom Ganges aus. Dieses Ensemble von Minarets, Pagoden, grandiosen Marmortreppen und goldstrahlenden Palästen, belebt durch ein unaufhörliches Getümmel dunkelfarbiger Gestalten, habe ich nie ohne Herzklopfen zu betrachten vermocht. Am ersten Tage glaubte ich zu träumen, und nur Abends bei Tisch überzeugte mich die von Pferderennen, Opium, Indigo und Rhicinus handelnde Unterhaltung, daß ich mich wirklich auf dem handgreiflichen Erdboden befinde. So entzückt ich von dem Prospect des Stadtufers war, das 170 ungefähr 50 Fuß über dem Niveau des Ganges bei gewöhnlichem Wasserstande liegt; ich durfte keine Zeit versäumen und machte mich schon am nächsten Tage, dem 13. Januar, daran, die anderweitigen Merkwürdigkeiten von Benares zu besichtigen. Da Mr. Smith durch kaufmännische Geschäfte verhindert war, erbot sich der neunjährige Sohn des Hotelwirthes, den ich übrigens für fünfzehnjährig gehalten hatte, das Muster eines indischen Straßenjungen, zu meiner Begleitung. Wir fuhren in den kühlen Morgenstunden, nachdem wir vor der Thür längere Zeit durch Hindus aufgehalten worden waren, die uns durch die Fechtübungen kleiner schwarzer Kampfvögelchen unterhalten wollten, nach dem am oberen Ende der Stadt gelegenen Affenhause. Die Nachkommen des großen Hanuman genießen bei den Indern zwar nicht göttliche Ehren, doch werden sie mit außerordentlicher Zuvorkommenheit behandelt, und Wehe demjenigen, der es wagte, einem Sprößlinge Hanumans ein Leid zuzufügen. Oberhalb Benares hat man für sie einen rothen Tempel, wenn dieses äffische Familienhaus einen so ehrwürdigen Namen verdient, errichtet, und ihnen als Wohnung angewiesen. Schon alle Häuser und Bäume der Umgebung wimmeln von Affen, das Innere des Tempels ist eine wahre Affenwelt. Es wird gern gesehen, wenn der Fremde den verehrten Thieren einige Artigkeiten erweist. Diese bestehen in dem Ankauf von Futter, das man den Affen eigenhändig vorwirft. Ich erstand daher ein Maß erbsenähnlicher Früchte und schüttete es auf das Pflaster, worauf das verzogene Volk von allen Seiten heranstürmte und das Futter in wenigen Augenblicken bis auf das letzte Körnchen verzehrte. Neben dem Tempel befand 171 sich ein schön gemauerter Teich, das Badebassin der Enkel Hanumans. Man mochte sie an Bäder zu einer bestimmten Tageszeit gewöhnt haben, denn um zwölf Uhr Mittags stürzte sich ein unübersehbarer Schwarm plötzlich in den Teich, schwamm umher, tauchte unter, und verrieth durch Kunststücke, daß eine Minderzahl von Ihnen die Erziehung gebildeter Affen genossen habe.

Bei der unmittelbaren Nähe des Ganges kehrten wir zu Wasser zurück. Ich miethete ein Boot und nach wenigen Minuten entfaltete sich von Neuem jenes Panorama, das zu den strahlendsten Lichtblicken meiner Reise gehört. Wieder schwammen wir an Palästen vorbei, an blendend weißen Marmortreppen, auf denen die Gläubigen ihre gebotenen Abwaschungen vollzogen. Nur ein stattlicher, mit drei Kuppeln ausgestatteter Tempel stand nicht im Einklang mit der sonnigen Heiterkeit der Scenerie. Die reißende Strömung des Ganges mochte seine Fundamente unterwaschen haben, und das Bauwerk neigte sich so bedenklich in den Strom, daß man bei dem nächsten Hochwasser seinen Einsturz erwarten konnte. Die beiden Verbrennungsplätze der Stadt ließen sich vom Boot aus, ohne daß man von dem Brandgeruch belästigt wurde, bequem übersehen. Auf dem ersten ward ein mit Blumen geschmückter Leichnam eben auf den Scheiterhaufen gelegt, ein in rothe Seide gewickelter weiblicher Körper lag halb im Wasser auf den untersten Stufen der Marmortreppe, man war beschäftigt, der Leiche die Haare abzurasiren. Weiterhin wusch man Todte und schleppte Wagenladungen von Holz herbei. Auf dem zweiten Platze standen fünf Todte mit ihrem 172 Scheiterhaufen in vollen Flammen, einem derselben fiel der Kopf in die Kohlen.

In den engen Straßen von Benares spielen die feisten, mit Blumen geschmückten, heiligen Stiere eine wichtige Rolle; der Fremde, den sie durch den Geruch von dem Eingeborenen unterscheiden, hat Ursache, sich vor ihren Hörnern zu hüten. Sie streifen in allen Stadtgegenden ungehindert umher und fressen das zum Verkauf ausgestellte Obst und Gemüse auf, wenn die Händler sich nicht durch die Enge ihrer Läden vor ihnen sichern. Mit ungleich größerem Vergnügen betrachte ich die schönen Hindufrauen, wenn sie in den Straßen von Benares lustwandeln. Nur die Malerei und bunte Schminke entstellen nicht selten die zarten Gesichtszüge. In Gemeinschaft mit Mr. Smith habe ich Besuche in einigen Privatwohnungen abgestattet und die mit orientalischen Comfort verbundene Pracht bewundert. In allen Zimmern liegen Decken aus Tigerfell; diese Raubthiere müssen in der Umgegend in kaum glaublicher Menge vorhanden sein. Wir kehren immer mit wahrem Widerwillen aus diesen eleganten Häusern in unser Hotel zurück. Die Ausspannungen letzten Ranges, »das rothe Roß« oder »der grüne Ochse« in Posemuckel sind, mit indischen Gasthäusern verglichen, wahre Musterhotels. An »Schlafgeld« in einem wahren Hundeloche bezahlt man für die Nacht, selbst wenn man sein Bette mitbringt, 3 Rupien (1 Thlr. 10 Sgr.) Ein Tiffin oder Diner kostet jedes eben so viel. Verzichtet man darauf oder ist man ausgebeten, so wird für jedes nur ein Thaler berechnet! Ein gütliches Uebereinkommen ist unmöglich, da hinter Calcutta keiner der Hoteldiener mehr englisch spricht, und ich in hindostanischer 173 Sprache mich mit ihnen nur nothdürftig zu verständigen vermag. Ein Fest, das in den nächsten Tagen in Benares gefeiert werden soll, und zu dem die Gläubigen meilenweit herbeiströmen, beschränkt unsere Häuslichkeit noch mehr.

Es war rathsam, diesem Wirrwarr aus dem Wege zu gehen und die bevorstehende Festzeit zu einer Reise nach Allahabad, Cawnpore, Lucknow und Agra zu benutzen, deren Besuch mir von heimischen Gelehrten zu künstlerischen Zwecken angelegentlich empfohlen war. Mr. Smith schloß sich mir an, wiewohl er sich unterwegs von mir trennen wollte, um die beabsichtigten Visiten abzustatten. Sein starkes Gepäck setzte mich in Verwunderung; er gab mir sogleich die nöthigen Erläuterungen. »Hier zu Lande,« sagte er, »ist man nur willkommen, wenn man die neuesten Zeitungen und die ältesten Weine, Witzblätter des jüngsten Datums und abgelagerte Cigarren in gehöriger Quantität mitbringt. Ein Diener darf nicht fehlen, noch besser für den Gastfreund, wenn der Reisende auch die Frau mit sich führt. Vergessen Sie nicht, daß wir uns in Asien befinden,«

Am 14. Januar, Nachmittags, fuhren wir von Benares ab und kamen in unserer schäbigen Postkutsche an der Arena des Pferderennens vorbei, zu dessen Ruhm ich nichts anzuführen weiß. Um 6 Uhr passirten wir eine große Stadt mit vielen Kuppeln und Pagoden, deren Namen ich in meinem Tagebuche nicht mehr entziffern kann und auf den Karten nicht finde, erst um 8 Uhr Morgens kamen wir in Allahabad an. Statt der versprochenen 10 Stunden waren wir 15 unterwegs gewesen. Wir hatten auf der Reise mancherlei Widerwärtigkeiten erlebt. So mußten 174 wir uns, da die Pferde durchaus nicht den Wagen über die Schiffsbrücke des Ganges ziehen wollten, eines Palankins und mehrerer Kulis bedienen. Der absonderlichen Poststationen erinnere ich mich dagegen mit Vergnügen. Sie befinden sich im Freien unter großen Banianenbäumen, die Klepper und ihre Krippen sind um den Stamm gereiht, die Geschirre hängen an den Zweigen. Mit einbrechender Dunkelheit wird ein großes Feuer angezündet und die ganze Nacht hindurch erhalten, theils die Tiger abzuschrecken, theils die Stationen für die Reisenden zu bezeichnen. Die Wege sind über alles Lob erhaben und von der Gleichmäßigkeit einer Dreschtenne; sie werden von Verbrechern im Stande erhalten. In der trockenen Jahreszeit hat man natürlich vom Staube viel zu leiden. Allahabad ist, wie so viele indische Städte, eine gefallene Größe. Zerstörte Paläste und in Trümmer sinkende Tempel sind die Zeugen alter Herrlichkeit. Das starke Fort zeigt Spuren indischer und englischer Bauart, die Garnison von Allahabad campirt jedoch der Gesundheit wegen unter Zelten. Mr. Smith ist von mir geschieden, und meinen einzigen Umgang bilden, da ich des Wirthes und seiner Frau nicht habhaft werden kann, zwei Affen, die, vor dem Hotel auf den Bäumen wohnend, mich ab und zu durch das Fenster besuchen und Scherze treiben. Wie glücklich wäre ich, dürfte ich mit ihnen das Quartier tauschen und in den Zweigen wohnen. Die eingeborene Bevölkerung Allahabads bietet mir manches Neue an Trachten und Moden. Ich sah einen jungen Mann, der wohl ein Paar Strümpfe, aber keine Hosen trug, einer war mit einem rothen Leibrock, ein anderer nur mit einem alten Hute ohne Boden und Krämpe bekleidet, 175 die kohlschwarzen Bärte der Männer gaben ihnen trotz des lächerlichen Kostüms doch etwas Martialisches. Eine Ausfahrt in die Umgegend mußte ich der unbändigen Pferde halber unterlassen und mich anstatt des Wagens eines Palankins bedienen. Die vier Kulis suchten sich ihre Bürde durch folgenden improvisirten Gesang zu erleichtern:

Wir tragen einen guten Herrn, ah! ah!
Wir tragen einen reichen Herrn, ah! ah!
Er wird uns Trinkgeld geben, ah! ah!
Er wird uns zwei Rupien geben, ah! ah!
Er wird uns eine Rupie geben, ah! ah!
Er wird uns eine halbe Rupie geben ah! ah!

So handelten sich die armen splitternackten Kerle immer weiter herunter. Außer einigen malerischen Banianen fand ich in der Umgebung nichts, was der Aufbewahrung werth gewesen wäre.

Ein Abenteuer, das ich im Laufe des Tages zu bestehen hatte, schärfte mir für die Folge größere Vorsicht ein. Da die Gesellschaftsreisen der Zukunft sich nach Vollendung des indischen Eisenbahnnetzes unzweifelhaft bis in diese Regionen ausdehnen werden, darf ich zum Besten meiner Nachfolger dasselbe nicht verschweigen. Ich decke die Mittheilung durch den klassischen Satz: naturalia non sunt turpia. So groß Indien ist, hatte ich doch zur Genüge die Schwierigkeiten kennen gelernt, in seinen weiten Gauen allein zu sein. Nun giebt es aber im Leben auch eines Mannes mit eiserner Stirn Momente, wo ihm ein Zustand von Schwäche gebietet, sich den Augen nicht nur seiner theuersten Familienangehörigen, sondern überhaupt aller Mitglieder der menschlichen Gesellschaft zu entziehen. Die officiellen 176 Zufluchtsörter, zu denen der Sterbliche in derartigen Augenblicken der Bedrängniß flüchtet, sind nun aber in diesem Wunderlande in einer Weise vernachlässigt, daß ich stets vorgezogen habe, mich selbst, wo Gefahr im Verzuge war, meiner Bürde im Freien zu entledigen. Die Sitte der Italiener erschien mir nachahmungswerth, doch sind andrerseits die Bewohner Hindostans durchaus nicht einverstanden mit der zarten Schonung, welche die Nachkommen der alten Römer dem bedrängten Nebenmenschen angedeihen lassen. Weit entfernt, seine löblichen Bestrebungen scheinbar nicht zu beachten, und die eigene Promenade fortzusetzen, folgen sie ihm, sobald sie seine Absichten errathen, mit seltener Beharrlichkeit, und verlassen ihn nicht eher, als bis sie die Eigenschaft von gerichtlich brauchbaren Zeugen erlangt haben. Kein Tag verging, an dem ich mir nicht auf diese Weise ein glänzendes Gefolge zu bilden vermochte. Es war unmöglich, wenn ich mich nicht bis in das Revier der Tiger entfernen wollte, eine einsame Stelle zu finden, wo ich nicht von einem Kreise neugieriger Zuschauer umgeben war. In der Umgebung von Allahabad ersah ich nach längerem Zögern einen einsam stehenden verkrüppelten Baum zur Vollendung eines Werkes, das, wie es von der Ausführung so mancher Regierungsmaßregel heißt, ohne empfindlichen Schaden für das Gemeinwohl nicht länger aufgeschoben werden durfte. Ich verließ den Palankin und gebot den Kulis, sich in ein Rhicinus-Gebüsch zurückzuziehen. Kaum hatte ich jedoch die nöthigen Vorkehrungen getroffen und in dem beseligenden Gefühl, endlich allein zu sein, unter dem Baume Platz genommen, als aus dem benachbarten Buschwerk ein langer schwarzer Kerl hervorstürzte und mich mit 177 den fürchterlichsten Schmähungen überhäufte. Zugleich eilten auf den Klang seiner Stimme viele Eingeborene aus der Entfernung herbei. Ich war nahe daran gewesen, ein Verbrechen zu begehen, das der Mißhandlung eines Affen oder einer Kuh nahe kam; der Baum war ein heiliger! Um der Gefahr zu entrinnen, stieg ich schnell in den Palankin und unter den mannigfaltigen Schimpfwörtern der in ihren ehrwürdigsten Empfindungen gekränkten Hindus suchte ich eine Stelle im flachen Felde auf, die mich nicht der Gefahr aussetzte, durch einen Act der Natur eine Profanation zu verüben. 178

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