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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 13
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XII.

Die Bestattung der Todten. Aasgeyer statt Nachtigallen. Tragbare Tempel. Prussia und Persia. Nach Benares. Station Jumalpora. Exercierübungen der Seapoy's. Indische Backhähndl. Durch Patna. Ankunft bei Nacht.

Meine Pilgerfahrt wurde durch das herrlichste Wetter begünstigt, etwa nach einer Stunde war ich am Ziele angelangt; ein Irrthum war nicht möglich. Der unheimliche Geruch sengenden Fleisches, der aufsteigende Rauch, die hohe Mauer, alles stimmte überein; ich befand mich an dem ersten der sogenannten Begräbnißplätze. Niemand verwehrte mir den Eintritt, und ungehindert durfte ich alles in Augenschein nehmen. Wie gesagt, es umgiebt eine ziemlich hohe Mauer jeden dieser Plätze und entzieht die dortigen Vorgänge dem Auge der Vorübergehenden. Sie sind immer hart am Ufer des Hugly gelegen und eine steinerne Treppe führt von der Wasserseite aus in den Strom. Ich war darauf vorbereitet, nichts den Friedhöfen anderer Religionen Aehnliches zu finden, dennoch befremdete mich der unheimliche Anblick über alle Maßen. Auf unseren Gottesäckern erschallen aus blühenden Gebüschen die Stimmen der Singvögel, die, durch die Scheu vor den Todten vor 153 Frevlerhänden geschützt, ein friedliches Leben führen, duftende Linden beschatten wohlgepflegte Grabhügel und überall begegnet der nachdenkliche Wanderer erhebenden Symbolen tiefer Sehnsucht nach einem anderen, den Idealen unseres Geistes entsprechender geordneten Dasein; hier fand ich nichts als eine wüste Brandstätte. Auf der Mauer saßen, statt Nachtigallen und Grasmücken, riesige Aasgeier, die schönsten Exemplare, die mir je zu Gesichte gekommen, und warteten philosophisch gelassen, bis die Reihe an sie käme, sich an der Bestattung der verstorbenen Hindus zu betheiligen.

Eben wurden acht Todte verbrannt. Nach dem Umfange des Scheiterhaufens zu urtheilen, hatte man dazu nicht mehr Holz angehäuft, als eben zur Verkohlung der Leichen hinreichte. Der aus alten Balken und Brettern errichtete Holzstoß mochte drittehalb Fuß hoch und sieben Fuß lang sein; an der Abschätzung der Breite wurde ich durch die Anwesenheit der Leidtragenden verhindert. Die Todten lagen sämmtlich auf dem Bauche, und mehrere Leichencommissarien, wenn man mir diesen Ausdruck nachsehen will, waren beschäftigt, mit langen eisenbeschlagenen Stangen in der Gluth umherzustochern und das Holz, so wie die menschlichen Ueberreste, im regelmäßigen Brande zu erhalten. Mehrere, schwärzlich calcinirte Stücke wurden bei Seite geschoben, um später mit der feineren Asche der verbrannten Körper vereinigt in den Hugly geschüttet zu werden. Die Hinterbliebenen saßen, in einem Kreise zusammengekauert, um den Scheiterhaufen, kauten Betel, oder rauchten aus Wasserpfeifen und plauderten. Im Vergleich mit der gewöhnlichen, überaus ernsthaften Haltung der Hindus, schienen sie sich sämmtlich in einer aufgeweckteren 154 Stimmung zu befinden, und durch die guten Aussichten ihrer verstorbenen Angehörigen, durch das beobachtete Verfahren Brahma für immer assimilirt zu werden, zu lebhafterer Unterhaltung angeregt zu werden. Jenseits des Scheiterhaufens führten zwei Leidtragende eine barbarische Musik auf, doch verhinderte mich der dichte braungelbe Qualm, die Instrumente zu erkennen. Nicht alle vorhandenen Leichen wurden mit gleicher Sorgfalt zur Bestattung vorbereitet. Man begnügte sich, mehrere an lange Stangen zu binden und langsam ins Wasser zu schieben. Die auf der Mauer sitzenden Aasgeier mochten übersättigt sein, sie rührten sich nicht, aber die bis dahin in einiger Entfernung auf Bäumen an der Landstraße lauernden Adler, Falken und Krähen machten sich gleich auf und begleiteten unter gräulichem Lärm den stromab schwimmenden Leichnam, bis die stärksten von ihnen sich seiner bemächtigt hatten. Eine Mittelklasse bestand in den Leichen, deren Gesichter nur bis zur Unkenntlichkeit am Feuer entstellt worden. Mehrere lagen schon, zur Bestattung zugerichtet, mit verunstalteten Gesichtern da, mit der Leiche eines Hinduknäbchens war man eben beschäftigt. Der Tod hatte die Züge des schönen Kindes kaum verändert, sie glichen denen eines Schlafenden. Als der schwarzbraune Kerl das feine Gesichtchen in die Lohe schob, wandte ich mich voll Abscheu zur Seite. Meine Gefühle waren der widerlichen Scene nicht gewachsen; ich verließ den Platz.

Auf der angrenzenden Stätte zählte ich zwanzig Todte auf einem Scheiterhaufen, doch waren die Umrisse nur noch nothdürftig zu unterscheiden. Eine geringere Anzahl lag mit verbrannten Gesichtern hart am Wasser. Ein Körper 155 war ausnahmsweise mit einer dicken Matte bedeckt, und eine freche Krähe bemühte sich, ungeachtet der anwesenden Menschenmenge, die Matte hinabzuziehen. Der entsetzliche Geruch, wie die vereinte Hitze der indischen Sonne und der Scheiterhaufen vertrieben mich auch von hier, doch kam ich nicht davon, ohne an einen der Leichenwächter ein Trinkgeld gezahlt zu haben. Ich war froh, mich so billig mit den Herren abzufinden; ihre Gesichter versprachen mir nicht viel Gutes.

Nachdem ich zur Stärkung meiner gefolterten Geruchswerkzeuge eine Cigarre angezündet, begab ich mich auf den Rückweg. Seit drittehalb Stunden war ich keinem europäischen Gesichte mehr begegnet. Die schwarzbraune Bevölkerung that mir zwar nichts zu Leide, aber Alles starrte mir finster und feindlich ins Gesicht. Selbst die herrenlosen Hunde, die auch hier, wie in allen Städten des Orients, in zahlloser Menge auf den Straßen umherlungerten, äußerten unumwunden ihre nationale Antipathie gegen mein weißes Gesicht. Zu feige, um einen Angriff zu wagen, der bei der Nilpferdpeitsche in meiner Rechten bedenkliche Folgen für sie hätte haben können, bildeten sie einen weiten Kreis um mich, der mir allerdings näher hinten auf den Fersen folgte, aber desto weiter vor mir zurückwich und meine Promenade mit einem aus Drohungen und Besorgnissen gemischten Geheul begleitete, zu dem ich bisweilen durch einen Peitschenhieb den Tact angab. Erst in etwas wohlhabenderen Straßen zogen sie sich tactvoll zurück.

Mir begegneten heute unter anderen zwei kleine tragbare Hindutempel, die unter der Obhut ziemlich beleibter Priester durch die Straßen transportirt und immer für 156 einige Zeit an geräumigeren Orten aufgestellt wurden. Die darin sitzenden Götzen hatten, ich weiß nicht, ob zur Bezeichnung ihrer Bereitwilligkeit zu geben, oder – zu empfangen, stets vier Arme und Hände. In Betreff der begleitenden Priester mußte ich das letztere annehmen. Der Vorsteher dieses fliegenden Cultus streckte unaufhörlich die Hände aus und entwickelte zugleich einen ungeheuerlichen Appetit. Die Gläubigen belohnten ihn nach Verrichtung ihres Gebets meistens mit einigen Händen voll gekochtem Reis, den der fromme Mann ohne Verzug zu sich nahm. Vor den kleinen Tempeln standen Näpfchen mit weißer und rother Farbe, auch waren winzige Spiegel an der Vorderwand befestigt. Die Betenden tauchten schließlich die Pinsel in die Farben und erneuten damit die Abzeichen ihrer Kaste, die jeder Indier in das Gesicht zu malen pflegt. Ferner bemerkte ich, daß sie regelmäßig aus Schalen mit Wasser, in denen gelbe Blumenkelche schwammen, ganz kleine grüne Blättchen auffischten und in den Mund steckten. Weiterhin gerieth ich in Versuchung, mir einen Affen zu kaufen. Das zierliche Thierchen, dessen intelligentes Gesicht und feine Händchen etwas Menschenähnliches zeigten, wurde mir für eine Rupie angeboten. Ich wies es mit Bedauern zurück, denn es wäre unzweifelhaft auf meiner ferneren Reise zu Grunde gegangen, oder hätte mich doch in die größte Verlegenheit gesetzt.

Der Termin meiner Abreise nach Benares rückt heran; doch hat es seine eigenthümlichen Schwierigkeiten, die Zeit des Abganges der Eisenbahnzüge zu erfahren. Irgend ein gedruckter Reiseanzeiger ist nicht aufzutreiben, und unter den Personen, die ich gefragt habe, vermag Niemand mir 157 genügende Auskunft zu ertheilen. Es wird nichts Anderes übrig bleiben, als nach dem Bahnhofe zu fahren und dort Erkundigungen einzuziehen. Bei der weiten Entfernung desselben von der fashionablen Stadtgegend Calcuttas kann die Expedition wenigstens vier Thaler kosten. Inzwischen packte ich meine Habseligkeiten und übergab sie bis zu meiner Rückkehr an Mr. Whitehall, einen der Gentlemen, an die man mich empfohlen. Bei meinem Banquier, wo ich der Vorsicht wegen einen Reservefonds von 50 Pfd. Sterling erhob, traf ich mit einem reichen Nabob zusammen, dessen geographische Schnitzer mich höchlich ergötzten. Er sprach ziemlich fertig Englisch, wir brachten also eine erträgliche Unterhaltung zu Stande. Seine geographischen Kenntnisse gingen indeß nicht über »Persien« hinaus. Als ich ihm auf seine Frage, woher ich stamme, antwortete: aus »Prussia,« antwortete er: »o yes, Y know Persia!« Ich nannte Berlin, dann »Russia« als Grenzland, die Antwort lautete immer nur: »Prussia? Russia? yes Persia, Y know!« eine Verständigung war nicht möglich, was gen Westen über Indien hinaus ging, galt in seinen Augen stets für einen Gebietstheil von Persien. Der arme, von Goldstickereien starrende, in einen unschätzbaren rothgrauen Shawl gehüllte Mann litt in Folge des langjährigen Betelkauens an einer Krankheit des Zahnfleisches, die mir die fernere Unterhaltung mit ihm verleidete. Ohnehin von Kopfschmerzen gemartert, zog ich mich auf die Straße zurück, um noch einmal gründlich von den Mosquitos geplagt zu werden. Das Blut der Weißen muß ihnen vorzugsweise munden. So oft ich allein oder in Gesellschaft von Europäern ausging, bildeten diese 158 Quälgeister nach Art unserer Mücken eine über und mit uns wandelnde Heersäule, die, unter fortwährenden Angriffen uns umschwärmend, erst vor dem Quartier von uns schied. Heute konnte ich mich schlechterdings ihrer nicht erwehren; sie drangen mir in Nase und Ohren. Ich befand mich in der übelsten Laune, und das Gespräch eines englischen Arztes, der mich eine Strecke weit begleitete, war eben nicht geeignet, meinen Humor zu verbessern. Wie wir auf das Gesprächthema kamen, weiß ich heute nicht mehr, doch setzte mir der gute Mediciner des Breiteren auseinander, daß in Calcutta die zweite europäische Generation nicht mehr fortpflanzungsfähig sei, wenn sie die kritischen Jahre der Entwickelung in dem Klima Indiens und nicht in Europa, respective England, verlebt habe. So weit meine Erfahrungen über den nachtheiligen Einfluß des Klimas auf den menschlichen Körper reichen, habe ich mich vorzüglich über seine leidigen Einwirkungen auf die Gehirnthätigkeit zu beklagen. Die Kopfschmerzen, mit denen ich fortwährend zu kämpfen habe, sind mit einer Zerstreutheit verbunden, die mich zuweilen wahre Thorheiten begehen läßt. In den ersten Tagen meines Aufenthalts in Calcutta brachte Gottlieb die frischgeputzten Stiefel in das Zimmer, während ich meine Haare vor einem kleinen Handspiegel ordnete. Er setzte sie neben den Sessel und entfernte sich. In diesem Augenblicke entstand eine unerklärliche Verwirrung meiner Vorstellungen. Ich verwechselte Stiefel und Spiegel, betrachtete Gesicht und Schnurrbart prüfend in Ersteren, und bemühte mich mit allem Ernste, den Spiegel über den Fuß zu ziehen. Alles das that ich in vollem Bewußtsein seiner Ungereimtheit, aber ohne die moralische Fähigkeit: der Tollheit ein Ende zu machen, und unter einem unsäglichen Wehgefühl, das nur mit dem Uebelbefinden während der Seekrankheit verglichen werden kann. Einige Stunden tiefster Ruhe auf meinem steinharten Lager stellten mich wieder her. Der unverbrüchliche Ernst aller Eingeborenen und Einwanderer muß mit den niederdrückenden Einflüssen des Luftkreises zusammenhängen.

Um sechs Uhr Morgens am 10. Jan. weckte ich meinen Diener, berichtete die Rechnung und fuhr nach der Eisenbahn, wo ich um halb acht Uhr anlangte und ein Billet bis Jumalpora löste. Am Abend des nächsten Tages sollten wir in Benares eintreffen. Der Zug bestand wesentlich aus einem Militärtransport, ein Umstand, der nicht zu den Reiseannehmlichkeiten gehört und die Passagiere zwang, sich hinsichtlich der Besetzung der Coupés einzuschränken. Ich war in eine Gesellschaft Engländer gerathen, die sich sehr bald als Sonntagsjäger auswiesen und gleich ihren Collegen auf unseren Eisenbahnen keinen Busch vorbei ließen, ohne eine unglaubliche Jagdgeschichte daran zu knüpfen. Sie badeten auf ihren Jagdausflügen die Hände in dem Blute der bengalischen Tiger und Leoparden, den Schakal hielten sie nicht eines Schusses Pulver für würdig. Von der Erlegung eines Alligators, einer Boa, sprachen sie so beiläufig, wie unsere Jagdliebhaber von einer erlegten Krähe. Als wir in Burdwan hielten, entfernten sich zu meinem größten Vergnügen die heillosen Lügner. Sie beabsichtigten die prächtigen Besitzungen des dort ansässigen reichen Rajah, seinen Palast, den von einem herrlichen Park umgebenen See und die großartigen Menagerien, die Liebhaberei des Rajah, zu besuchen.

160 Die Eisenbahn führt anfangs durch einen Wald von Cocos- und Fächerpalmen, Mangos und Banien, auch an Bambusröhricht ist kein Mangel, später zieht sie sich durch Sumpfgegenden. Wir rollen über weite Flächen, dicht bewachsen mit fünfzehn Fuß hohem Schilf und gleich hohem Rohr mit schönen weißen Blüthen, dann wieder Meilen weit zwischen Reisfeldern und Zuckerrohrpflanzungen. Die Gewässer sind durch Pelikane und sechs Fuß hohe Reiher belebt, ungerechnet der Geschwader kleinerer Sumpfvögel. Es ist ein entzückender Anblick, die bunten kleinen Papageien, wie unsere Sperlinge, auf den Telegraphendräthen sitzen zu sehen. Wenn der Zug über die eiserne Brücke eines morastigen kleinen Flusses hindonnert, blickt zuweilen der mürrische Schädel eines aus dem Schlafe aufgeschreckten Alligators hervor. Die gesammte geflügelte Fauna hat sich allem Anschein nach rasch genug an den Lärm der vorüberrasselnden Züge gewöhnt. So geregelt das Bahnwesen sein mag, hie und da kommen doch befremdliche Erscheinungen vor, welche keine europäische Direction dulden würde. Wir fuhren z. B. an einer eingesunkenen, vor zwei Monaten unter einem Frachtzuge zusammengebrochenen Brücke vorüber. Ein Verlust von Menschenleben ist nicht zu beklagen gewesen, und so hatte man nicht einmal der Mühe für werth gehalten, die Trümmer der zerschmetterten Güterwagen aufzulesen. Ich sah ihrer noch acht bis zehn am Wege liegen. Um vier Uhr Nachmittags kamen wir an eine Militärstation und nahmen Kohlen und Wasser ein. Etwa fünfhundert Mann campiren hier unter Zelten in einem befestigten Lager. Eine kleine Abtheilung von rothröckigen Seapoys mochte zu dieser ungewöhnlichen 161 Stunde zum Nachexerciren verurtheilt sein. Sie standen in der Nähe der Eisenbahn aufmarschirt, und die Commandoworte des Offiziers schallten laut herüber.

»Telchun!« (Attention Achtung!)

»Furjunt ram!« (Present arms! Präsentirt das Gewehr!)

»Cholda ram!« (Shoulder arms! Gewehr auf Schulter!)

»Khure ruho!« (Halt!)

Ein Nabob in mittleren Jahren, der in Burdwan eingestiegen war, sah zu den Exercirübungen scheel drein, diente mir aber dennoch als Dollmetscher. Die Haltung der Truppe war bei der drückenden Temperatur des Tages straff und elastisch zum Verwundern.

Hinter der Eisenbahnstation fuhren wir auf eisernen, scheinbar für die Ewigkeit gebauten Brücken über mehrere große Nebenflüsse des Ganges, die in dieser Jahreszeit ziemlich wasserarm waren. Neben einer der Brücken beobachtete ich eine eigenthümliche Art des Fischfanges. Zwei Indier, mit ziemlich langen Bambusstäben und einem kleinen, an einem Stiel befestigten Netze versehen, standen bewegungslos bis an die Knie im Wasser. Näherte sich ihnen ein Fisch, so tödteten oder betäubten sie ihn durch einen Schlag mit dem Bambusrohr und fischten ihn rasch mit dem Netze auf. Dem in einem Rohrkober aufbewahrten Fange nach, war die Beute ansehnlich genug. Kurz vor Sonnenuntergang hielten wir in einem kleinen Orte Nulhatee. In der Umgebung der Station hatten achtzehn Elephanten ihr heutiges Tagewerk vollendet. Sie wurden ausgespannt, standen vor ihren bunten Wagen und erhielten ihre Abendration. Noch mit rothem goldumsäumten Decken 162 behangen, blickten sie nicht ohne Stolz auf uns abgespannte Eisenbahnpassagiere, und machten allerlei telegraphische Zeichen mit den Rüsseln. So viele mächtige Thiere dieser Gattung, die noch im Besitz ihrer glänzenden Stoßzähne waren, hatte ich bis dahin nicht beisammen gesehen. Mein Coupégenosse besaß für einen Inder eine ganz ungewöhnliche Bildung. Er gestand mir, daß er von Preußen viel gehört, erwähnte der Berliner Universität, und nannte die Hauptstadt eine »Quelle der Gelehrsamkeit«. Habe ich ihn nicht mißverstanden, so lispelte er sogar etwas von »Sanskrit.«

Fast den ganzen Tag über hatte uns im fernen Süden und Südwest ein blau schimmernder Gebirgszug begleitet, erst in der beginnenden Dunkelheit entschwand er unseren Blicken. Der Zug hatte sich auf Grund des Militärtransportes um drei Stunden verspätet. Seit zehn Uhr Vormittags hatten wir nichts zu essen bekommen, die indischen Touristen waren sogar durch die Vorschriften ihrer Kaste gezwungen gewesen, auf das dargebotene Getränk zu verzichten; jetzt durften wir Alle uns schadlos halten. Ein aus dem Hühnerstall erschallendes gräßliches Gekreisch erinnerte mich an österreichische Gasthäuser und ihre »Backhähndl«; ich hatte mich nicht geirrt. Noch war keine halbe Stunde verflossen, als der Braten auf dem Tische erschien. Aus den derben Bartstoppeln auf seinem runzeligen Fell und dem massiven Knochengebäude erhellte, daß der Koch einen der ältesten Insassen des Hühnerstalles unserem Heißhunger als Opfer dargebracht hatte! es war ein schändlicher Mord gewesen. Wenige Tage später wäre der gewaltsam erwürgte Hahn auf natürlichem Wege an Altersschwäche zu Brahma heimgegangen. Ich legte Messer und 163 Gabel, auf das Mahl verzichtend, bei Seite, und zog mich in das elende Loch zurück, das man mir als Schlafzimmer angewiesen hatte. Es stand noch ein zweites Bett darin, und wirklich erschien um zwei Uhr ein Engländer und warf sich auf dasselbe, nicht um zu schlafen, sondern um in clairvoyantem Zustande mit Armen und Beinen um sich zu schlagen, Flüche und Jammerlaute auszustoßen. Der Unglückliche, dessen Tigergebiß mir schon bei Tisch aufgefallen war, mochte zu viel von den sterblichen Ueberresten des gemeuchelten Hahnengreises zu sich genommen haben. Um fünf Uhr, noch in tiefer Dunkelheit, machte sich der Zug wieder auf den Weg. Nicht weit hinter Jumalpora beginnt ein Tigerdistrict, und ich brauche wohl nicht ausdrücklich anzuführen, daß meine neben mir sitzenden Reisegefährten sich gegenseitig wieder in Lügen überboten, doch machten bei ihren Erzählungen von geraubten Menschen auch mich die zahlreichen großen Wachtfeuer stutzig, die wir nah und fern im nächtlichen Gefilde bemerkten. Auf den europäischen Nachtzügen hört der schlaftrunkene Passagier höchstens den leisen Klang einer fernen Kirchglocke, den Hahnenruf in einem Bauernhofe, an dem die Wagen vorüberbrausen, hier, als der Zug sich in eine Palmenwaldung vertiefte, erschreckte uns plötzlich ein bestialisches Gebrüll; die Locomotive schien das nächtliche Thierleben durchkreuzt zu haben.

Die Hitze des vergangenen Tages und der durch die Erschütterung verursachte Leidenszustand des Nervensystems, der Hunger und die schlaflose Nacht hatten meine Kräfte erschöpft. Alles erschien doppelt vor meinen Augen; ich schloß sie resignirt und lehnte mich schweigend in die Ecke. Um 10 Uhr Vormittags wurde mir etwas wohler, wir 164 kamen durch eine waldige Gebirgsgegend in ein meilenweit mit Reis gepflanztes Flachland ohne einen Baum, aber besäet mit Dörfern, dann fuhren wir über drei gewaltig lange Brücken und breite, aber wasserarme Ströme, endlich gelangten wir in das Rhicinusgebiet. Damit wechselte um vier Uhr Nachmittags ein Opium- und Indigodistrict, in dem die zwei deutsche Meilen lange Stadt Patna am Ganges liegt. Der Ort, in dem sich kein Europäer angesiedelt hat, bewahrt noch den indischen Originaltypus: einige stolze Paläste und Hunderttausende von Lehmhütten, überall Wasser und doch überall Schmutz; die Umgebung besteht aus einem Walde von Fächerpalmen. Die Nacht brach herein; ich verlor vor Ermattung fast die Besinnung. Wir passirten auf einer Brücke einen Nebenfluß des Ganges, der mir dreimal so breit, als der Rhein bei Köln erschien, dann vernahm ich bald in der Nähe, bald in der Ferne Gebrüll und klägliches Geheul – noch eine Stunde – endlich verlangsamte der Zug seine Bewegung und hielt; wir hatten den Ganges und die Station Benares erreicht. Die Stadt lag am andern Ufer und eine mächtige Schiffbrücke führte über den Strom; es war halb ein Uhr Nachts. Wir hatten uns wieder um drei Stunden verspätet. 165

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