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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 12
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XI.

Mein Neujahrs-Gratulant. Die Stadt der Paläste. Die schwarze Stadt. Gottlieb. Der Tausendfuß. Nach dem botanischen Garten. Der indische Elegant und sein Friseur. Der Ganges, das Grab der Gläubigen.

Nach beendeter Ausschiffung war mein erstes Geschäft, in der Stadt umher zu fahren und ein Quartier zu suchen. Es vergingen zwei Stunden, ehe ich ein Unterkommen gefunden hatte. Vor den Thüren der drei anständig und nach europäischem Brauch eingerichteten Hotels wurde ich abgewiesen, sie waren größtentheils mit reichen Bengalen angefüllt, welche, in kleineren Städten ansässig, nach Calcutta gekommen waren, um an den Freuden der Saison theilzunehmen. Ich mußte zuletzt froh sein, von einem englischen Subalternbeamten aufgenommen zu werden, der seine ganze Wohnung in ein Boardinghouse umgewandelt hatte, und sich mit seiner Gattin, einer Portugiesin, wie die Wirthe in unseren Bädern und Sommerfrischen, in einem elenden Kämmerchen neben meinem Zimmer behalf. Ich bin im Erdgeschoß einquartirt, aber als Verschluß der Fenster sind keine Rahmen mit Glasscheiben, sondern nur Jalousien vorhanden, und, wenn ich diese nicht schließe, ist 138 der auf der Straße umherlungernde Pöbel im Stande, alles zu beobachten, was ich im Zimmer vornehme. Meine Feier des Sylvesterabends 1862 bestand in einer genauen Revision meiner Effecten, welche durch die Excursionen auf Ceylon und die Feuchtigkeit des Inselklimas unglaublich gelitten hatten. Die europäischen Lederkoffer befanden sich namentlich in einem trostlosen Zustande. Nach einer unruhigen Nacht, in der ich viel an meine ferne Familie dachte, setzte ich mich am 1. Januar vor die Thür und empfing die Gratulationen einer blauen Dohle. Das arme Geschöpf mochte mit Nahrungssorgen zu kämpfen haben, es schlug hilfeflehend mit den Flügeln und krähte mich jammervoll an; ich besaß nichts, weder zu seiner, noch meiner Erquickung. Erst mußte ein Diener gemiethet werden, der mir den Thee nebst Zubehör aus der Küche auf mein Zimmer brachte, denn von den Hausgenossen hielt sich keiner für verpflichtet, den neuen Miether zu berücksichtigen. Mit Hilfe der schwarzbraunen Frau Wirthin, die trotz ihres Portugiesenthums stark in das Eingeborene hinüberspielte, gelang es mir sehr bald, einen Boy zu engagiren. Die würdige Dame empfahl mir den jungen Mann angelegentlich, rieth indessen gleichzeitig, ihm auf die Finger zu sehen und keinen Koffer unverschlossen stehen zu lassen.

Der erste Vormittag wurde mit der Besichtigung des englischen Stadttheils ausgefüllt, der, getrennt von der Stadt der Eingeborenen, unterhalb derselben am linken Ufer des Hugly liegt. Gemeinhin wird das specifisch englische Calcutta »die Stadt der Paläste« genannt, und in der That verdient der reiche Ort diesen prahlerischen Titel. 139 Der sogenannte Gartendistrict besteht aus einer Menge einzeln gelegener Villen, die von Blumen und Parkanlagen umgeben sind, deren einzelne den Raum kleiner Landstädte einnehmen. Oberhalb des Gartendistricts befindet sich die Esplanade mit dem Fort William, dem Palaste des Gouverneurs, der Stadthalle und einem Parke. Hier pflegt die Gentry Calcuttas in den kühleren Stunden des Tages frische Luft zu schöpfen. Cavaliere und schöne Damen tummeln ihre englischen Rennpferde und arabischen Hengste, der Nabob, in kostbare Shawls gehüllt, wiegt sich in einem von Gold strahlenden Londoner Phaeton, alle Touristen erscheinen vor dem Diner auf der Promenade; wir befinden uns auf dem Corso von Calcutta. Von der Esplanade und dem Hauptlandungsplatz aus erstreckt sich eine stattliche Strandstraße mit dem Zollhause und der Münze. Der majestätische Hugly ist mit einem Mastenwald englischer und amerikanischer Indienfahrer bedeckt, jeder Quadratzoll des Terrains verkündet die Capitale einer Nation von Eroberern und Großhändlern. Für die Bewässerung der Stadt ist durch künstliche Bassins gesorgt, deren es mehr als tausend geben soll. Zum Sprengen der Straßen bedient man sich jedoch des Hugly-Wassers, das eine Dampfmaschine aus dem Strome pumpt. Hinsichtlich des architektonischen Styles verdienen der Palast des Gouverneurs und die Stadthalle hervorgehoben zu werden; die Mehrzahl der Paläste oder Villen ist mit mehr Reichthum als Geschmack ausgeführt. Das Ganze gewährt ein grandioses Bild, das sich mit jeder Weltstadt Europas zu messen vermag. Je weiter nach Norden, desto zahlreicher werden die orientalischen Nüancen, bis endlich in »der schwarzen 140 Stadt« der indische Typus vollkommen überwiegt. Es wimmelt in allen Straßen von Kleinwaarenhändlern. Man hausirt mit englischen Kupferstichen und kölnischem Wasser, Rasir- und Federmessern, unechten Gold- und Silberwaaren, Uhrketten von Pferdehaaren, Dintenfässern und Würsten. Kehrt ein englischer Offizier oder Handlungsbeflissener nach Europa zurück, so verkauft er sein ganzes Mobiliar zu jedem Preise, es wird zerstückelt, die Trödler durchziehen nun mit Kommoden, Stühlen, Waschtischen u. dgl. m. auf dem Kopfe die Stadt, und jeder neue Ankömmling sucht auf dem Wege des Einzelkaufes sein Mobiliar zusammenzusetzen.

Dem Zweck der Reise entsprechend sind meine Wanderungen meistens in die schwarze Stadt gerichtet. Sie bildet einen schneidenden Gegensatz zu dem englischen Hauptviertel. Die Paläste der indischen Großen, die einst hier residirten, sind seit der Schlacht bei Passy, in der (am 23. Juni 1757) Lord Clive der Herrschaft des Saubahdars von Bengalen, Suradsch u Dauleh, ein Ende machte und den Grund zum britischen Indien legte, in Trümmer gesunken, und in den Ruinen haben die armen Eingeborenen ihre Bambushütten errichtet. Einige derselben habe ich zu skizziren versucht, aber die Mehrzahl spottet jedes Griffels und Pinsels. Die Schweineställe norddeutscher Dörfer sind, mit ihnen verglichen, comfortable Aufenthalte.

Ein Freund in Europa, dem ich später die flüchtige Skizze einer dieser Hütten schenkte, hielt sie für das Fragment einer zusammengeschossenen Barrikade. Der architektonische Kehricht ist mit Hunderten von kleinen Hindutempeln und Moscheen durchsetzt. Am Nachmittag des 1. Januar 141 machte ich in Gesellschaft eines Amerikaners, meines Hausgenossen, einen Ausflug nach Howrah, in der Nähe von Calcutta. Es fand dort zum Besten der Armen ein Fest statt, an dem sich auch mehrere Nabobs in ihrem prächtigen Nationalcostüm als Zuschauer betheiligten. Die Herren verstehen es, mit ihren Shawls sich malerisch zu drapiren. Die Vergnügungen bestanden in englischen Gesellschaftsspielen, elender Musik und schlechten kleinen Theatern. Der Unternehmer eines derselben machte auf eigenthümliche Weise Reclame für sein Institut. Vor dem Eingange war ein Mann aufgestellt, der durch den Ton einer Schnarre Zuschauer anlocken sollte. Die Größe dieses verführerischen Tonwerkzeuges machte jedoch eine eigenthümliche Maschinerie zu seiner Bewegung nothwendig. Sie bestand in einer Drehorgel, deren Kurbel die Schnarre in fortwährendem Umschwunge erhielt. Wenn der Inhalt des Stückes dem Tone des einladenden Instrumentes entsprach, kann ich die Zuschauer nur beklagen. Halb erstickt von dem dichten Staube, kehrten wir in unseren Palankins nach Calcutta zurück. Der Fremdenandrang scheint noch immer zuzunehmen, denn der Gouverneur beabsichtigt, demnächst einen großen Maskenball zu geben, und dergleichen Vergnügungen sind hier zu selten, um unbeachtet zu bleiben.

Am 2. Januar unternahm ich einen Ausflug in das chinesische Viertel der schwarzen Stadt und freute mich an der rastlosen Thätigkeit der Bevölkerung. Sie beschäftigt sich überwiegend mit der Anfertigung von Schuhen und zeichnet sich auch durch ihre verhältnißmäßige Reinlichkeit vor den gemeinen Hindus aus. Es ist unmöglich, längere Zeit in Indien zu verweilen und nicht immer wieder auf 142 die Faulheit der Eingeborenen zurückzukommen. Ein europäischer Handwerker thut in einem Tage mehr, als zwölf Hindus in eben so viel Monaten. Glücklich ist der Mensch, der so viel zusammengebracht hat, um sagen zu können: »I do nothing.« Mein Boy dient mir bei meinen täglichen Menschenstudien als Modell. Er sucht mich auf alle mögliche Weise auszubeuten und betrachtet meinen Geldbeutel als die Basis seines künftigen Capitalbesitzes, doch vermisse ich bei seinen Finanzoperationen jene Pfiffigkeit, welche alle Ethnographen den Hindus zuschreiben. Da ich nicht dem verwerflichen Beispiel meines Nachbars, des Amerikaners, folgen kann, der rücksichtslos auf den Balcon und über diesen weg auf die Straße und Köpfe spuckt, hatte ich dem Boy den Auftrag ertheilt, einen Spucknapf zu kaufen und diesen mit drei Rupien (2 Thlr.) bezahlen müssen. Das gelungene Geschäft mochte »Gottlieb« – diesen christlichen Vornamen habe ich meinem Heiden beigelegt – ermuthigt haben; er bat sich heute viertehalb Rupien (2 Thaler 10 Silbergroschen) aus, um – Wichse zu kaufen. Auf die Gefahr hin, für einen Barbaren gehalten zu werden, bekenne ich offen, einen Augenblick hindurch in Versuchung geschwebt zu haben, Gottlieb selber, und zwar unentgeltlich, durchzuwichsen. Die entsetzliche Magerkeit des Menschen, die er mit allen seinen Landsleuten der untersten Kasten theilt, hielt mich zunächst davon ab. Da ich meine Briefschaften zur Post bringen mußte, übernahm ich persönlich den Ankauf der Wichse und ließ einen Fiaker holen. Die Tour nach dem Postgebäude, welches der stupide Kutscher erst nach halbstündigem Umherirren auffand, mußte incl. des Dolmetschers mit drei Rupien 143 honorirt werden, während ich für die Francatur meines Briefes nach Stettin nur 12½ Sgr. zu zahlen hatte! Das öffentliche Fuhrwerk Calcuttas ist im Allgemeinen jämmerlich und die Bespannung nicht viel bereitwilliger, als auf Ceylon. Die klimatischen Verhältnisse des östlichen Asiens scheinen auf die Entwickelung der Moralität bei Menschen und Thieren nachtheilig einzuwirken, eine Frage, die der Untersuchung der Physiologen und Psychologen anempfohlen sein mag. Die Pferde, der Regel nach Schimmel, werden auch hier roth bemalt, außer den Mähnen und Schwänzen färbt man den Leib mit großen runden Flecken und verbirgt dadurch die anderthalb Zoll hoch hervorstehenden Rippen der Klepper. Bei der absoluten Unmöglichkeit, in einem Hotel ersten Ranges unterzukommen, habe ich meine Wohnung für die ganze Zeit meines Aufenthaltes gemiethet, wenngleich ich jeglicher Bequemlichkeit entbehre. Mitten im Zimmer steht ein schmales, aus Holz geschnitztes Bett mit einer aus Kokosfasern gestopften steinharten Matratze und eben solchem Kopfkissen, die Moskitogardine ist zerrissen, das sonstige Mobilar besteht aus einem gebrechlichen Tisch, der nie abgewaschen, sondern nur mit Oel abgerieben wird, und zwei elenden Stühlen. Von Schränken, Kommoden, Haken zum Aufhängen der Kleider, Gardinen und Teppichen ist nicht die Rede. In Bezug auf die natürlichen Bedürfnisse bin ich so comfortabel eingerichtet, wie die Gefangenen der Stadtvoigtei und des Moabiter Zellengefängnisses, doch fühle ich mich insofern glücklich, als ich mehrmals am Tage von dem leidigen Inhalt des Gefäßes befreit werde. Da mein Gottlieb sich für entehrt halten würde, wollte ich ihm ein so 144 unheiliges Geschäft zumuthen, ist ein Angehöriger der niedrigsten Kaste damit beauftragt. Er hat bei der Ausübung seines Berufes aber darauf zu achten, vor den Thüren und in den Gängen des Hauses nicht mit dem Mitgliede einer höheren Kaste in Berührung zu kommen und führt daher die Existenz eines wehrlosen Thieres des Waldes, das bei dem geringsten Laute zusammenschreckt. Mir flößt das schattenhafte scheue Gebilde unsägliches Mitleid ein, wo ich seiner habhaft werde, reiche ich ihm ein gutes Trinkgeld. Dafür ist er nun nach seiner Weise erkenntlich. Alle Viertelstunden springt er kaum hörbar durch das stets offene Fenster in das Zimmer und stellt eine flüchtige Untersuchung an, ob er seinen amtlichen Verpflichtungen nachzukommen habe. Als ich mir neulich einen Scherz erlaubte und bei seiner Erscheinung laut in die Hände klatschte, sprang er entsetzt, wie ein angeschossener Hirsch in die Höhe, und zum Fenster hinaus. Ich habe den armen Menschen nie wieder in Schrecken gejagt. Desto frecher ist Gottlieb. Am Nachmittage des 7. Januar hatte er sich bis spät Abends nicht sehen lassen, als ich ihn nach der Ursache seines Ausbleibens fragte, gab er an, sein Vater sei gestorben. Nun war der Alte am Tage vorher frisch und gesund in unserem Hause gewesen und der plötzliche Todesfall schien unwahrscheinlich. Nach eingezogenen Erkundigungen erfuhr ich von der Wirthin, daß jeder ältere Verwandte von den Hindus »Vater« genannt werde, und es selbst häufig vorkomme, daß von bejahrteren Eingeborenen jüngere Geschwister als »Söhne« adoptirt würden. Nur ein »Vetter« Gottlieb's hatte in Folge der Dysenterie, des Landesübels, das Zeitliche gesegnet. Noch darf nicht 145 unerwähnt bleiben, daß Lichter in unserem Boardinghouse nicht geliefert werden. Nur Abends bringt Gottlieb eine qualmende Oellampe ohne Cylinder und Schirm als Nachtlicht in das Zimmer. Sie macht jedoch den wunderschönen Nachtschmetterlingen mehr Vergnügen als mir, da ich Abends aus Furcht vor Feuersgefahr lange nicht einzuschlafen vermag. Erst die Choralgesänge meiner frommen Wirthsleute in der angrenzenden Kammer beschwichtigen meine aufgeregten Lebensgeister. Die Einwohner der Stadt begeben sich in Ermangelung aller Unterhaltungen für die späteren Abendstunden zeitig zur Ruhe, doch geht es auf den Straßen lärmend genug zu. Sobald die Menschen sich entfernt haben, kommen die Schakale in die Stadt und machen den Raubvögeln den Fraß streitig; der Lärm der kämpfenden Bestien war oft haarsträubend. Zur Charakteristik unserer Verpflegung wird genügen, das Alter unseres Koches anzugeben. Der junge Vatel hat das vierzehnte Lebensjahr zurückgelegt und beabsichtigt, sich im nächsten Monate zu vermählen. Es muß eine Heirath aus Liebe sein, denn der Jüngling versalzt alle Gerichte. Nur eines Zebuhöckers, den unsere Wirthin eigenhändig gebraten, erinnere ich mich mit Vergnügen.

Obgleich in allen Zimmern des Hauses an dem verschiedenartigsten Ungeziefer kein Mangel ist, kommen bösartige Insecten doch nur selten vor. Als der Wirth einen großen Tausendfuß entdeckt und todtgeschlagen hatte, wurde die ganze Hausgenossenschaft zusammengerufen, um das giftige Thier zu betrachten. Meine Hauptbeschäftigung besteht in der Betrachtung der Sehenswürdigkeiten Calcuttas und in Studienpromenaden; die Lage und Unbequemlichkeit 146 meines Zimmers verhindern fast alle häuslichen Arbeiten. An die zeichnenden Künste denkt man hier so wenig, daß ich ein verlorener Mann wäre, hätte ich mich nicht in der Heimath reichlich mit allen Maler-Utensilien versehen. In Calcutta ist nicht eine brauchbare Bleifeder, nicht ein Blatt Zeichenpapier aufzutreiben. Am 4. Januar habe ich einen Besuch im botanischen Garten abgestattet. Der Weg führt durch malerische Dörfer mit kleinen Tempeln, deren einer wie der andere aussieht; die Umgebung Calcuttas bietet sonst landschaftlich nur geringe Reize. Die unermeßliche Fläche gleicht auch hinsichtlich der monotonen Farbe einem Billard. Als wir über den Hugly gesetzt hatten, auf dem uns nicht weniger als vierzehn Leichname begegneten, deren einer mit dem Kopfe gegen das Boot stieß, und in den botanischen Garten gelangten, glaubte ich, auf einen anderen Planeten versetzt zu sein. Ein Banianenbaum (ficus Indica) war wohl das merkwürdigste Product der Vegetation, das ich jemals gesehen zu haben mich erinnere. Der Originalstamm konnte ungefähr 150 Fuß hoch sein, in einer Höhe von 70 bis 80 Fuß hatten sich gewaltige Aeste abgezweigt, von denen sich Ableger zu Boden senkten, die, wieder Wurzel fassend, zu baumartiger Dicke gediehen waren und der ganzen Ast- und Laubwelt als Stützen dienten, da der Hauptstamm, vom Blitze getroffen, ausgehöhlt war, und nicht mehr hinreichende Haltbarkeit besitzen mochte. Ringsum hingen seltsame Schlinggewächse als Drapirung herab; ich glaubte, mich in einem Zaubergarten aus Tausend und eine Nacht zu befinden. Wären die einäugigen Derwische oder die Fee Peribanu aus dem Gewirre der Zweige hervorgetreten, sie hätten mich nicht 147 weiter in Erstaunen versetzt. Noch erinnere ich mich einer seltsamen Palmengruppe mit schwarzen Dornen und einiger gewaltigen Tekbäume, des besten Schiffsbauholzes, das in Ostindien wächst. Dem botanischen Garten gegenüber liegt der Palast des letzten Königs von Oude. Er lebt von der ihm von den Engländern bewilligten Apanage, und hat ihnen nothgedrungen alle seine ehemaligen Hoheitsrechte abgetreten. Eine Wolke von Melancholie lagerte auf der Stirn des jugendlichen Prinzen, der eben einen Spazierritt unternehmen wollte, als ich mich der Pforte seines Palastes näherte. Am Tage darauf besichtigte ich das Museum, und bedauerte die mangelhafte Aufstellung und sonstige Vernachlässigung der ausgezeichneten Exemplare von ausgestopften Säugethieren. Man fühlt schmerzlich heraus, daß die Wissenschaft in dieser Stadt noch nicht Sitz und Stimme erworben hat. Eine Sammlung antiker indischer Götzenbilder, darunter menschliche Figuren mit Elephanten- und Krokodillenköpfen, und wieder Elephanten und Krokodille mit Menschenhäuptern, waren noch am besten aufgestellt und rein gehalten.

In den Straßen Calcuttas überstürzten sich Handel und Wandel; die Opium-Auctionen hatten für dieses Jahr (5. Januar) begonnen, und Birmanen, Perser und Chinesen waren von allen Seiten zum Ankaufe des narkotischen Giftes herbeigeeilt. Die Ufer des Ganges bis Benares hinauf sind mit Mohn-Pflanzungen bedeckt, aber das Opium ist, gleich dem Taback in Oesterreich und Frankreich, ein Monopol der Regierung, und jeder Landbauer muß ihr seinen Ernteertrag zu einem bestimmten Preise überlassen. Gegen Abend nach dem Abschluß der Geschäfte spielen die 148 Engländer auf der Esplanade ihr beliebtes Cricket und gießen dabei unglaubliche Mengen Brandy hinab. Der Fremde thut wohl, dem Gedränge fern zu bleiben, wenn er sich nicht verschiedenen Unannehmlichkeiten aussetzen will. Meine Neugierde, das Spiel näher kennen zu lernen, wurde durch mehrere mörderische Rippenstöße und einen Ball bestraft, der mir an den Kopf flog. Um Entschuldigung wird nie gebeten. Ungleich höflicher sind die Civil-Subalternbeamten, die niedrigeren Chargen des Militärs und die Seapoys. Sie grüßen und machen die üblichen Honneurs, wo ich Einem von ihnen begegne. Meinem Schnurr- und Backenbarte nach halten sie mich vermuthlich für einen Offizier im Civilrock. Um noch der sonstigen Vergnügungen Calcuttas zu gedenken, habe ich der Wettrennen, so wie der Hunde- und Affenausstellungen Erwähnung zu thun. Besonders geschätzt sind bissige Hunde. Ein in diesem Punkte höchst anrüchiger Köter erhielt den ersten Preis, den er seiner sonstigen Eigenschaften wegen offenbar nicht verdiente. Der Wetteifer in Equipagen und Bespannung, Toilette und Livreen ist das Hauptvergnügen der Geldaristokratie der indischen Hauptstadt. Juweliere, Gold und Silberarbeiter machen daher enorme Geschäfte. Alle Luxusgewerbe steigern demgemäß ihre Preise. Der englische Friseur, bei dem ich meine Haare schneiden ließ, nahm mir dafür drei Rupien ab. Als ich mir eine bescheidene Einwendung erlaubte, erwiderte der maulfertige Haarkräusler sehr treffend: »Glauben Sie etwa, ich sei nach Calcutta gekommen, um die Luft zu genießen?« Ich schwieg und zog die Börse. Wer sich nicht leicht vom Gelde trennt oder nicht reichlich damit versehen ist, thut 149 wohl, Calcutta zu meiden. Um auch mit besseren Kreisen der Eingeborenen in nähere Berührung zu kommen, besuchte ich außerdem täglich irgend einen indischen Friseur und ließ für eine Kleinigkeit meine Haare ordnen. Diese Ateliers wurden mir jedoch verdächtig, als ich entdeckte, daß die indischen Gentleman sich nur einfanden, nicht um frisirt, sondern um von Ansiedlern befreit zu werden, welche in unserer gemäßigten Zone gemeinhin die Köpfe der Erwachsenen nicht behelligen. Der europäische Dandy läßt sein Haar brennen, der indische Elegant läßt sich zur Erfrischung lausen. Auf diesen Spaziergängen zeichne ich, wo ich ein malerisches Object antreffe, doch ist die Ausbeute im Ganzen nur gering. Mir liegt weniger an Architektur, als an landschaftlicher Natur, und mit dieser ist Calcutta im Vergleich mit anderen Städten Asiens stiefmütterlich bedacht. Ungeachtet mehrerer Empfehlungsbriefe, bleibt mir die hiesige Gesellschaft verschlossen, die Chefs mehrerer Häuser, in deren Comptoirs ich die Schreiben abgab, erklärten sich bereit, mir alle möglichen Dienste zu leisten; eine Cigarre, ein Glas Wasser hat keiner von ihnen mir angeboten. So ging es mir mit dem Consul Mr. Kilburn, so mit einem Großhändler in Opium und Indigo.

Nachdem ich den mit stattlichen Monumenten aus Marmor und Sandstein bedeckten Kirchhöfen der Engländer einen Besuch abgestattet hatte und durch die Jugend der meisten Verstorbenen in Schrecken und Betrübniß versetzt worden war, entschloß ich mich endlich, die Begräbnißstätten der Hindus aufzusuchen. Man verstehe mich nicht falsch. Es handelt sich nicht um Gottesäcker im jüdischen, christlichen 150 und muhamedanischen Sinne; die Bekenner des Brahmanismus kennen nur Vorbereitungsstätten der Bestattung. Der Ganges ist nach ihrer Vorstellung eine unmittelbare Emanation Brahmas, also nebst allen Nebenflüssen des Deltas, ein heiliger Strom. Wer in seinen Fluthen stirbt, ist über alle ferneren Wiedergeburten erhaben und kehrt in den Schoß der Gottheit zurück. Arme Leute tragen ihre unheilbaren Kranken und siechen Alten daher an die Ufer des Hugly und setzen sie so nahe an den Rand des Wassers, daß die nächste lebhafte Welle sie hinabspülen muß. So lange die Sonne hoch steht, verweilen sie bei ihnen und zerstreuen sie durch Gespräche, bricht die Dunkelheit herein, so füllen sie Mund, Nase und Hände der Sterbenden mit dem Schlamme des Ganges, schieben sie sanft in das Wasser und entfernen sich ohne weiteren Abschied. Eine Menge geflügeltes Raubzeug hat schon lange auf die gute Beute gewartet und folgt jetzt krächzend dem stromab schwimmenden Körper, um darauf zu stoßen, sobald er den letzten Athemzug ausgehaucht hat. Die wohlhabenderen und reicheren Inder, zumal die Angehörigen der höheren Kasten, der Brahmanen und Krieger, sollten bei der Bestattung ihrer Familienmitglieder mit mehr Ceremonien zu Werke gehen, wie man mir gesagt hatte, und ich war begierig, Augenzeuge derselben zu sein, doch weigerte sich Jeder, mich dorthin zu begleiten. Gottlieb, als ich ihm diesen Gang zumuthete, kündigte mir förmlich den Gehorsam auf, und wies mit Gebehrden des Abscheus das Goldstück zurück, das ich ihm als Extravergütigung anbot. Es blieb mir nichts übrig, als den mißlichen Weg allein anzutreten. Verirren konnte ich mich nicht, ein alter 151 Portugiese, mein Begleiter auf den meisten abendlichen Spaziergängen, hatte mir den Rath ertheilt, nur der Nase und dem Brandgeruch nachzugehen. In den Nachmittagsstunden des 8. Januar trat ich meine Wanderung gen Norden der schwarzen Stadt an. 152

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