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Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde

Ernst Kossak: Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde - Kapitel 10
Quellenangabe
typereport
authorErnst Kossak
year1867
firstpub1867
publisherOtto Janke
addressBerlin
titleProf. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde
pages1022
created20110425
sendergerd.bouillon@t-online.de
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IX.

Eine Viertel-Rupie für eine Boa. Das Ende eines Balles. Der Dampfer Bengal. Nach Madras. Nur eine Waschschüssel. Am Weihnachtsabende.

Am Morgen nach dem furchtbaren Handgemenge im Hotel stattete ich meinem Freunde, Consul Sonnenkalb, einen Besuch ab, fand ihn jedoch in sehr übler Laune. Das gräuliche Wetter der letzten Tage hatte die überall grassirenden Ameisen an das Haus gefesselt, und sie waren in ihrer Muße über die Bibliothek des Consuls gerathen, um sie nicht eher wieder zu verlassen, als bis sie etwa fünfhundert Bände bis zur Unlesbarkeit zerstört hatten. Die Verheerungen in den Büchern waren bei der Kleinheit der Insecten ganz unbegreiflich, aber gegen die Thatsache ließ sich nicht streiten; die auserlesene Sammlung, der einzige Hort europäischer Bildung im Orte, war für immer ruinirt. Einmal unterweges machte ich auch auf dem französischen Dampfer eine Visite und stellte mich meinem alten Gönner, dem japanischen Geh. Rathe Simodski vor. Wir tauschten unsere Karten aus, und der freundliche Büreaukrat lud mich ein, in Jeddo bei ihm vorzusprechen. Den übrigen Theil des Tages füllte ich mit Ordnung meiner Maler-Utensilien 111 und sonstigen Habseligkeiten, wie mit Promenaden in Point de Galle aus. Was ich in den letzten zehn Tagen meines Aufenthalts in Ceylon gesehen, wird mir stets unvergeßlich bleiben. Die Vegetation der Insel übertrifft selbst den Pflanzenreichthum und die Ueppigkeit des Baumschlages in Brasilien, die Anmuth der Terrainformation läßt sich mit nichts Anderem vergleichen. Die Gebirge erhalten durch die Farbenpracht der exotischen Gewächse eine ganz eigenthümliche Physiognomie. Einzelne beschränkte Details lassen sich herausgreifen und auf dem Papiere fixiren; die erhabene Totalität der Landschaft, wenn sie in glücklichen Augenblicken im vollen Sonnenlichte strahlt, ist nicht darstellbar. Jetzt sind alle Strapatzen der Reise vergessen, und nur der Vollständigkeit wegen verzeichne ich nachträglich die räthselhaften riesigen Beefsteaks, die auf den Zwischenstationen servirt wurden, aber in ihrem rohen Zustande nirgends genießbar waren. Ich habe mein Leben mit Reis und Schlangensuppe gefristet. Auf meinen Spaziergängen bekomme ich hie und da auch kleinere Buddhatempel zu Gesichte, sie unterscheiden sich jedoch nicht weiter von einander. Dem Format nach haben sie eine frappante Aehnlichkeit mit unseren Käseglocken.

Der 19. December schien eine Wetterveränderung zum Besseren bringen zu wollen, lichtes Himmelblau brach zeitweilig durch die schwarzen Regenwolken, und Nachmittags hatte ich das Glück, unbehelligt von Sturm und Unwetter, zwei Stunden auf einem Felsen an der Meeresküste zuzubringen und bei vollem Sonnenschein in die Tiefe hinabblicken zu können, wo in dem unvergleichlich klaren Wasser die Wunderwelt der Korallen, der silbern und golden 112 schimmernden oder vielfarbigen Fische, Quallen und Schalthiere ein seltenes Schauspiel gewährte. Am 20. December hatte sich der Himmel endlich ganz erheitert, eine starke Brise wehte aus Südost; es war möglich, den ganzen Tag hindurch im Freien zu bleiben. Ich zögerte daher nicht, sogleich eine Studien-Expedition zu Wagen in einer Richtung zu unternehmen, in der ich bei dem reinen Dunstkreise den bisher unsichtbaren Adamspick betrachten und aufnehmen konnte. Die liebliche Temperatur des Tages mochte den Schlangen nicht weniger zusagen, als den Singhalesen, denn wenn diese den heitern Vormittag benutzten, in Voraussicht der baldigen Wiederkehr des Landregens, den üblichen Anstrich ihrer Haut mit Cocosöl zu erneuern, sah ich jene aufgerollt an allen leidlich trockenen Stellen am Wege liegen und im warmen Sonnenscheine schwelgen. Mit gleicher Lebhaftigkeit tummelten sich die Eidechsen jedes Formates umher, und es war ein höchst possierlicher Anblick, ein etwa sechs Fuß langes Exemplar vor einem drei Käse hohen schwarzbraunen Bübchen in Todesangst Reißaus nehmen zu sehen. Bei der milden Wärme ging mir die Arbeit leichter denn je von der Hand, es gelang mir, im Laufe des Tages drei Skizzen anzufertigen, trotzdem ich verurtheilt war, mit leerem Magen zu arbeiten. Alles, was sich unterwegs auftreiben ließ, bestand in einer Flasche Porter, für welche ich einen Thaler (anderthalb Rupien) erlegen mußte. Wäre ich der Beauftragte eines Menageriebesitzers oder zoologischen Gartens gewesen, ich hätte auf dem Rückwege ein gutes Geschäft machen können. Wir fuhren an fünf Leuten vorbei, die eine wenigstens zwanzig Schuh lange Boa an einen derben Bambusstab gebunden auf den Schultern trugen 113 und mir zum Kauf anboten. So weit ich mich mit ihnen zu verständigen vermochte, hatten sie das Ungeheuer beim Fischfange überrascht und sich seiner in dem günstigen Momente bemächtigt, als es beschäftigt war, den dicken Fischkopf hinabzuwürgen. Der Schwanz steckte noch aus dem Halse hervor, da dieser aber dicht am Kopfe fest an den Bambusstamm geschnürt war, vermochte die Boa weder den lästigen Fisch zu verschlucken, noch überhaupt Widerstand zu leisten. Die Singhalesen schienen ihre Jagdbeute gern los sein zu wollen und unterboten sich bis zu einer Viertelrupie (5 Sgr.), was sollte ich indessen mit einer lebendigen Boa anfangen? ich reichte ihnen den geforderten Betrag als Geschenk und fuhr mit tiefem Bedauern weiter, den Vorständen der neuen zoologischen Gärten zu Breslau, Dresden und Wien nicht eine Freude machen zu können. Noch einem anderen glücklichen Jäger begegneten wir vor Point de Galle, einem Franzosen. Was würde einer unserer einheimischen Sonntagsjäger sagen, wenn es ihm beschieden wäre, mit zwölf hübschen Vögeln, vier kleinen Schlangen, zwei vier Fuß langen Eidechsen und drei Ratten mit Fettschwänzen zur sehnsüchtig harrenden Gattin nach Hause zurückzukehren. Der wohlige Tag sollte im Hotel unheimlich genug schließen. Die anwesenden Fremden, darunter ein deutscher Missionär, der nach Hongkong geht, hatten nach Sonnenuntergang bei brillanter Beleuchtung und einem aus zwei Geigen, einem Glockenspiel und Tamtam bestehenden Orchester einen Ball veranstaltet. Dergleichen gesellige Festlichkeiten geben überall Veranlassung zu Zwistigkeiten unter heißblütigen Cavalieren. In nördlicheren Himmelsstrichen pflegt man dieselben am nächsten 114 Morgen mit dem Degen oder der Pistole auszugleichen, hier, wo man nicht bestimmt darauf zählen kann, einander zehn oder zwölf Stunden später zu begegnen, hält man die Form der sofortigen Prügelei für zweckentsprechender. Außerdem bietet diese den Vortheil allgemeiner Betheiligung. Schon der erste Kampf hatte mich gelehrt, daß nichts als Beulen und Löcher im Kopfe zu gewinnen seien, ich trat daher beim Knall des ersten Backenstreichs gleich den Rückzug an, zog mich in meine Gemächer zurück und lauschte der Entwickelung des Treffens am offenen Fenster. Ich bin geneigt, es seiner Ausdehnung nach eine »Völkerprügelei« zu nennen. Diesmal kam die Polizei, ein Haufe schäbiger dunkelbrauner Gensd'armen, zwar rascher von der Wache herbei, allein auch heute enthielt sie sich jeder Intervention und beobachtete nur eine abwartende Stellung, trotzdem aus den Fenstern des Erdgeschosses mit den Rufen: »Don Sylvio! Don Pedro! Don Rosario!!« ihre Hilfe flehentlich begehrt wurde. Als ich mich am Morgen nach den Inhabern dieser pathetischen Namen erkundigte, bezeichnete mir der Wirth die betreffenden Kameraden als Nachkommen alter portugiesischer Kaufmanns- und Adelsfamilien, die, durch lokale Verschwägerung schon halb verwildert, an den Titeln und Ehren der Vorfahren doch immer noch festhalten. Sobald die allgemeine Erschöpfung den Kampf endete, wurde die Thür des Hotels mit einem Detachement besetzt und das Schlachtfeld gesäubert. Wer noch mit Redensarten oder Thätlichkeiten Widerstand leistete, wurde nach der Wache geschleppt, doch hatte er weiter keine Unannehmlichkeit davon. Als ich nach Tagesanbruch das Personal des Hotels zu Gesichte bekam, bedauerte ich, mich 115 der Landschafts- und nicht der Schlachtenmalerei gewidmer zu haben. Unser heirathslustiger Wirth, der nur in Ermangelung eines disponiblen weißen Frauenzimmers auf den Ehestand verzichten muß, war heute durchaus unfähig, als Freiwerber aufzutreten, sein Gesicht glich einer formlosen schwärzlichen Teigmasse, aus deren Tiefe zwei kleine Aeuglein hervorblitzten. Der Vicewirth oder Oberkellner kam gar nicht zum Vorschein; er hatte in Folge einer Gehirnerschütterung sein Bewußtsein noch nicht vollständig wiedererlangt. So sehr mich die Herrlichkeit der Natur an Ceylon fesselte; das Betragen der Europäer verleidete mir den Aufenthalt. War ich doch, um nur ein ferneres Beispiel bestialischer Grausamkeit anzuführen, am Tage vorher Augenzeuge gewesen, wie ein Engländer zwei nackte singhalesische Kinderchen, die ihn um seinen ausgerauchten Cigarrenstummel ansprachen, freundlich heranwinkte, und dann mit seiner Nilpferdpeitsche unbarmherzig zusammenhieb!

Der für Madras und Calcutta bestimmte Dampfer Bengal war am 21. December auf der Rhede angekommen, meinem Aufenthalt in Point de Galle mithin ein Ziel gesteckt, ich versiegelte die Briefschaften an meine Familie in Europa, löste für sechsundzwanzig Pfd. Sterling das Fahrbillet und frühstückte in einem benachbarten Hotel mit einem jungen feingebildeten Engländer, den ich unlängst kennen gelernt. Um acht Uhr stach der französische Steamer mit den Japanesen nach Singapore in See. Noch blieben mir einige Stunden Zeit, und ich gedachte eine kurze Studienfahrt zu unternehmen, um keine Minute unbenutzt verstreichen zu lassen, doch tausend Schritte von 116 Point de Galle warf der ungeschickte Kutscher, außer Stande, der heimtückischen Pferde Herr zu werden, den Wagen, die Bagage und mich selber in einen kleinen Fluß, und es blieb mir nichts Anderes übrig, als umzukehren und meine gesammte Garderobe auf die Leine in die Sonne zu hängen. Die in Bombay angefertigte Sommertracht hat in wenigen Wochen viel von ihrer ursprünglichen Herrlichkeit verloren. Die Röcke und Beinkleider sind in Folge der ununterbrochenen Trockenprozesse so eingelaufen, daß ich sehr bald darin nicht mehr werde – auslaufen können. Die Farben und Muster sind total verschossen, und ich muß daran denken, mich baldigst neu und wenn möglich dauerhafter zu equipiren. Die indischen Schneider in Bombay stehen an Leichtfertigkeit der Stoffe und Handarbeit nicht hinter den renommirtesten Garderobegeschäften Europas zurück. Der Abschied vom Wirthe und den Dienstboten des Hotels war höchst rührend. Niemals hatte ich sie nach dem Vorbilde der Engländer gehudelt oder gar gemißhandelt, sondern Alles still hingenommen, obgleich ich bei meiner Gutmüthigkeit am nachlässigsten bedient wurde und mit den schlechtesten Bissen fürlieb nehmen mußte.

Am Tage des Scheidens erntete ich den Lohn meiner himmlischen Geduld; die dankbaren Leute wollten sich von dem »good master« gar nicht trennen. Eben so lieb hatten mich die Vogel- und Affenhändler gewonnen. Sie verfolgten mich mit den zierlichen kleinen Geschöpfen, die ihnen auf den Schultern und Köpfen saßen, bis an den Strand und boten mir die niedlichsten bunten Papageien für einen Sixpence an. Wenige Thaler hätten hingereicht, eine ganze Volière der schönsten gezähmten Vögelchen und 117 einen Schiebkarren voll Affen zu erwerben. Nur ein schottischer Taugenichts, wenn ich mich nicht in seinem Dialekte getäuscht habe, verdüsterte die Abschiedsscene. Er hatte in betrunkenem Zustande schon mehrere Tage in dem Hotel zugebracht, und wollte meinen Abgang benutzen, um sich gleichfalls, jedoch ohne Berichtigung der Zeche, zu entfernen. Man hielt ihn zurück, bei seiner gänzlichen Zahlungsunfähigkeit begnügte man sich indessen, ihn schwungvoll zur Thür hinauszuwerfen und seinem ferneren Schicksale zu überlassen.

Am 22. December, um 10 Uhr Morgens, war ich an Bord des Bengal. Das Schiff ist mit Passagieren nach Madras und Calcutta überfüllt, der Aufenthalt mithin schon jetzt nicht angenehm. Die Rhede von Point de Galle gehört nicht zu den sichersten; es weht gewaltig. Die See geht Berge hoch, und ich wäre froh, hätte der Bengal erst die Meereshöhe erreicht. Auch der Capitän ist nicht ganz ohne Besorgnisse, wenigstens verzögert sich unsere auf zwei Uhr angesetzte Abfahrt. Bei einem derartigen Seegange muß man sich schon glücklich preisen, unbeschädigt an Bord gelangt zu sein. Zudem hatte ich acht Gepäckstücke zu überwachen. Endlich war alles der Ordnung gemäß untergebracht, und ich ließ mich, gelassen auf dem Verdeck sitzend, von den bis zur Abfahrt an Bord verweilenden indischen Gauklern unterhalten. Die Anker werden gelichtet, ein unglücklicher Singhalese, der ein Paar Fässer fast zu spät abliefert, erhält von den englischen Matrosen fürchterliche Hiebe mit einem Tauende, er verschwindet nach schleuniger Empfangnahme der Waare in seinem Boote, der nächste 118 Wellenberg wirft ihn ein paar hundert Fuß weit zurück und der Bengal setzt sich in Bewegung.

Bei dem Angriff auf die entsetzliche Brandung erzittert der riesige Dampfer, wie der furchtsamste der Passagiere, doch ist die Zone des Schreckens rasch durchschnitten und die Gefahr liegt hinter uns. Die Gesellschaft beginnt sich einzurichten, so weit ihr dies bei einem halben Schock der ungezogensten Rangen jedes Formats und der entsprechenden Anzahl schnippischer Kindermädchen und Ammen gelingt. Die besten Plätze unter dem Sonnenzelt waren schon in der ersten Stunde von dieser anmaßenden Völkerschaft mit Beschlag belegt worden. Eben so reichlich sind wir mit ledigen Frauenzimmern in reiferen Jahren versehen, die ihr Heil in Madras oder Calcutta versuchen. Eine kleine Blondine mit schönen Locken, aber scharf zugespitzter Nase, scheint auf mich fahnden zu wollen. Ich trete daher sogleich von meinem Sitze aus einen Rückzug auf die andere Seite des Dampfers an und decke mich mit meinem Sessel. Die Miß schleudert einen Blick äußerster Verachtung hinterdrein. Nichts ist gefährlicher, als eine Liebschaft an Bord, der Zeugen sind zu viele, und in den meisten Fällen wird nur auf eine Geldentschädigung wegen nicht gehaltenen Eheversprechens speculirt, die der trügerische Korydon vor dem nächsten Gerichtshofe am Festlande zu zahlen hat.

Wir steuern nach Südosten um die Südküste von Ceylon. Die Sonne sinkt, der Himmel lichtet sich und in einer goldigen Glorie erscheint noch einmal der Gipfel des 7000 Fuß hohen Adamspick. Unter allen Passagieren bin ich der Einzige, welcher dem seltenen Schauspiele Aufmerksamkeit schenkt. Ich will den praktischen Engländern 119 ihre Gleichgültigkeit gegen Naturreize nicht verargen; an Bord des »Bengal« ist zu Vielerlei vorhanden, ihre Aufmerksamkeit zu zerstreuen. Sehr stark sind die Flitterwöchner und Wöchnerinnen vertreten. Ein junges Ehepaar zog selbst meine bewundernden Blicke von der schwindenden Küste Ceylons ab. Er war kaum sechszig Jahre alt, sie mochte eben ihren achtzehnten Geburtstag gefeiert haben. Der graue Schäfer saß zu ihren Füßen, auf eine Sammtfußbank hingegossen und bereitete Fruchtschnitte auf einer silbernen Schaale. Während sie dieselbe verzehrte, ergriff der Alte einen Fächer und wehte dem Weibe seines Herzens Kühlung zu. Die jugendliche Schöne wurde aber durch die unablässigen Ritterdienste des Seniors nicht verhindert, mit ihren schönen blauen Augen siegreich umherzublicken und die in Schußweite befindliche Mannschaft zu unterjochen. Beachtenswerth ist auch der Geschmack unseres Capitän's für Blase-Instrumente. Die Arbeiten der Mannschaft, z. B. das Aufwinden der Anker, werden mit Begleitung von Hörnern, Trompeten und Querpfeifen verrichtet, zu Tisch wird nicht, wie auf anderen Schiffen, geläutet, sondern geblasen. Der »Bengal« ist offenbar ein musikalisches Schiff.

Gewiß zieren künstlerische Neigungen selbst Schraubendampfer von fünfhundert Pferdekraft, es wäre uns Allen jedoch lieber, wenn der Bengal weniger Musiker, sondern mehr Schnellläufer wäre, an seiner Maschine ist wieder etwas faul; schon am ersten Tage mußte dreimal angehalten werden. Dessenungeachtet kommen wir doch langsam vorwärts, und nähern uns, nachdem wir abermals eine furchtbare Brandung durchschnitten, der Nordküste von Ceylon. 120 So viel sich mit bewaffnetem Auge ermitteln läßt, besteht das Terrain aus einem weiten Sumpflande, auf dem sich eine Menge kleiner pyramidenartiger Berge erhebt. Gleich darauf schließt sich die Nebelkappe der Insel, aus dunklem Gewölk sinkt ein dichtes Regengitter hinab; ich schiebe mein Fernrohr zusammen und beschränke mich auf die Beobachtung des Seewassers vor dem Bug des Dampfers, den zahllose hundertarmige gelbe Geschöpfe der Tiefe umgeben. Die steigende Hitze zwingt mich bald, Schutz unter dem Sonnen- oder Regenzelt zu suchen. Die schöne junge Frau ist ganz hinfällig geworden; der greise Gatte muß zu ihrer Unterstützung seine letzten Kräfte aufbieten. In ihrem holden Schwächezustande läßt sie die Eau de Cologne-Flasche aus der Hand fallen, sie zerbricht, aber der Alte verbeißt seinen Aerger über den unersetzlichen Verlust und schwingt mit wahrer Erbitterung den Fächer, um das Leben der Theuren zu fristen. Mehrere jüngere Gentleman scheinen die größte Lust zu haben, dem Eheinvaliden zu Hülfe zu kommen; die leidende Blondine ermuntert sie durch schmachtende Blicke.

Ueber die Verpflegung läßt sich nichts Neues und Gutes sagen, nur mein Amt als Vorschneider erlaubt mir, bisweilen einen genießbaren Bissen zu erwischen. Es ist nämlich Sitte, daß die Tischgesellschaft sich in kleinere Fractionen theilt und einem der Herren die genannte Function überträgt. Da diese mir zugefallen war, und die Vorschneider aller Jahrhunderte stets darauf achteten, das beste Stück für sich bei Seite zu bringen, glaubte auch ich keine Ausnahme von der Regel machen zu dürfen und traf bei jeder Bratensection die zweckmäßigste Wahl für den eigenen 121 Gaumen und Magen. Anatomische Studien, die ich in meinen Jünglingsjahren gemacht, kamen mir dabei ausnehmend zu Statten. Nur zum Thee, nicht zum Kaffee, wird Milch geliefert, und keine Macht der Erde reicht hin, diesen ungereimten Paragraphen des Reglements umzustoßen. Ueber die Butter an Bord beobachte ich grundsätzlich unverbrüchliches Schweigen: die letzte ist in Triest über meine Lippen gekommen. Meine Häuslichkeit, insofern sie durch die Cabine repräsentirt wird, kann ich nicht sonderlich rühmen. Das fünfzehn bis zwanzig Kubikfuß große Loch muß ich mit zwei Schlafburschen, einem Schiffscapitän a. D. und einem Kaffeeplantagenbesitzer aus Ceylon theilen. Nach dem tiefsinnigen Wesen des letzteren und seinen häufigen Fragen nach der Nähe von Madras zu urtheilen, hat er, um einen treffenden Ausdruck der subalternen Criminalpolizei zu gebrauchen, daheim etwas »ausgefressen« und fühlt das sittliche Bedürfniß einer Ortsveränderung; an der Verrücktheit des Capitäns ist nicht zu zweifeln. Mit einer jungen Dame in London verlobt, hatte diese ihm plötzlich, als der Termin der Verheirathung nahte, abgeschrieben, aber zugleich eine Nichte vorgeschlagen, die an ihre Stelle zu treten geneigt sei. Nach Empfang der Photographie erklärte sich der Capitän damit einverstanden und äußerte einen ungewöhnlichen Enthusiasmus für die Vicebraut, die ihn in Calcutta erwarten wollte. Dennoch schien der Wechsel seiner Verlobten nicht ohne nachtheiligen Einfluß auf seine, ohnehin durch Klima und vieljährige innere Anwendung von Spirituosis geschwächten Geisteskräfte vorübergegangen zu sein. Das Portrait der zweiten Geliebten trug er fortwährend bei sich und hielt 122 Selbstgespräche darüber. Wo er mich erblickte, zog er es hervor und nöthigte mich zur Besichtigung, indem er die stattliche Leibesfülle der jungen Schönen nachdrücklich hervorhob. Nebenbei litt der hoffnungsvolle Bräutigam an einer hartnäckigen Dysenterie, die ihn in jeder Nacht zwang, sich acht- bis zehnmal von seinem Lager zu erheben. Ich hatte ihn daher veranlaßt, mir die obere Bettstatt der Cabine einzuräumen, und bin, einiger leidigen Vorkommnisse halber, seiner Bereitwilligkeit, meinen Wunsch zu erfüllen, noch heute dankbar eingedenk. Anderweitige Verlegenheiten entstanden für mich aus dem geringen Hange meiner beiden Cabinengenossen zur Reinlichkeit. Trotz der vielgerühmten englischen Sauberkeit war uns dreien nur eine Waschschüssel angewiesen, der Wunsch lag mithin nahe, dieselbe von Jedem, der sie gerade zuletzt benutzt, gereinigt zu sehen. Die handgreiflichsten Andeutungen scheiterten indessen an der Hartnäckigkeit der beiden Englishmen; zuletzt sah ich mich genöthigt, meine Zuflucht zur Intrigue zu nehmen, entsprach sie auch nicht der Feinheit des französischen Lustspiels, und hätte der jüngere Dumas gerechtes Bedenken getragen, sie in einem seiner Dramen zu benutzen. Ich nahm den Schiffscapitän bei Seite und fragte im Vertrauen, was er von der Erziehung des Kaffeeplantagenbesitzers halte, dem es niemals einfalle, die Waschschüssel auszugießen? Um den Nachdruck zu verstärken, legte ich ihm jenen Ehrentitel bei, der später bei der Einstudirung einer Zukunftsoper auf das Publikum angewandt, viel von sich reden gemacht hat. Nachmittags behandelte ich den Kaffeeplantagenbesitzer in gleicher pädagogischer Weise. Das Mittel schlug an, seitdem wurde von Beiden die 123 Waschschüssel gleich nach dem jedesmaligen Reinigungsprozeß gesäubert. Um aber beide Cabinengenossen daran zu verhindern, sich meiner Seife und des mir gehörigen Handtuches zu bedienen, blieb mir nichts übrig, als Beide zu verschließen.

Am 24. December, dem Weihnachtsabende, wurde das Wetter so schlecht, wie ich es nicht für möglich gehalten hatte. Die rabenschwarzen Wolkenballen sanken bis auf die Raaen herab, die See glich einer kochenden Braupfanne, alle Fenster mußten geschlossen, die Cajüten künstlich erleuchtet werden; die Luft verschlechterte sich daher in einer Weise, daß ich glaubte, zu Grunde zu gehen. Und dabei haben sich mehr als fünfhundert Menschen in dem engen Raume einzurichten. Endlich war die furchtbare Weihnachtsnacht überstanden. Der erste Schimmer des Festtages blinkte durch die Wolkenconvolute, wie der Schein der ewigen Lampe aus dem Gewölbe eines Grabmales; jetzt läuteten die Glocken in der Heimath den ersten Feiertag ein und der Frühgottesdienst begann! Hier ging das hohe Fest ohne religiösen Act vorüber, nur die Cajüte war mit grünen Reisern aus einer Pflanzensammlung geschmückt, die ein Passagier von Australien über Ceylon nach Madras einführte. Die einzige Unterhaltung bestand in einer Wasserhose, die in der Nähe des Dampfers, ohne uns Schaden zuzufügen, vorüberzog. Wir näherten uns dem Strande von Madras, der Lauf des Bengal wurde verlangsamt und fortwährend das Senkblei ausgeworfen; bei der trüben Luft mußte die äußerste Vorsicht beobachtet werden. 124

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